Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 38

Chapter 381,230 wordsPublic domain

Das hindert natürlich nicht, daß wir in Freiland -- wie ja unsere Thaten beweisen -- auch das den ehemaligen Unterdrückern zugefügte Unrecht beklagen und so viel an uns liegt, gutzumachen bestrebt sind. Wir halten dafür, daß auch das Volk von Rußland, Ägypten und China, kurzum, daß alle Welt am besten thäte, das von der amerikanischen Union gegebene Beispiel nachzuahmen; wir glauben dies schon aus dem Grunde, weil diese weise Großmut sich nicht bloß für die Besitzenden, sondern auch für die Arbeitenden als vorteilhaft erweisen wird. Es liegt jedoch leider nicht in unserer Macht, dem russischen Muschik, dem ägyptischen Fellah oder dem chinesischen Kuli sofort Anschauungen beizubringen, wie sie den Arbeitern des vorgeschrittenen Westens natürlich sind. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht; in ihr wird schließlich Jedem zugemessen, was er sich selber verdient hat.«

Da kein fernerer Redner vorgemerkt war, schloß der Präsident die Debatte über diesen Punkt der Tagesordnung, und damit zugleich die Beratungen des Kongresses.

Schlußwort.

Die Geschichte von »Freiland« ist zu Ende. Ich könnte zwar, den Faden der Erzählung weiter spinnend, das Befreiungswerk der Menschheit, wie es meinem geistigen Auge sich darstellt, in seinen Einzelheiten ausmalen; aber wozu sollte dies dienen? Wer aus dem Bisherigen nicht die Überzeugung geschöpft hat, daß wir an der Schwelle eines neuen, glücklicheren Zeitalters stehen und daß es nur von unserer Einsicht und unserem Willen abhängt, dieselbe sofort zu überschreiten, den werden auch Dutzende folgender Bände nicht überführen.

Denn nicht die wesenlose Schöpfung einer ausschweifenden Phantasie ist dieses Buch, sondern das Ergebnis ernsten, nüchternen Nachdenkens, gründlicher, wissenschaftlicher Forschung. Alles, was ich als thatsächlich geschehen erzähle, es _könnte_ geschehen, wenn sich Menschen fänden, die erfüllt gleich mir von der Unhaltbarkeit der bestehenden Zustände, sich zu dem Entschlusse aufrafften, zu handeln, statt zu klagen. Gedankenlosigkeit und Trägheit sind in Wahrheit annoch die einzigen Stützen der bestehenden wirtschaftlichen und socialen Ordnung. Was einst notwendig und deshalb unvermeidlich gewesen, es ist schädlich und überflüssig geworden; nichts zwingt uns fürderhin, das Elend einer überlebten Weltordnung zu ertragen, nichts hindert uns, jenes Glück und jenen Überfluß zu genießen, zu deren Bereitung uns die vorhandenen Kulturmittel befähigen würden, nichts, als unsere eigene Thorheit.

»So sprachen und schrieben seit des Thomas Morus Zeiten schon zahllose Weltverbesserer, und stets hat sich als Utopie erwiesen, was sie der Menschheit als Universalmittel gegen alle Leiden empfahlen« -- wird man mir vielleicht entgegenhalten; und gestehen will ich, daß die Furcht, mit der Legion von Verfassern utopischer Staatsromane vermengt zu werden, mir anfangs nicht geringe Bedenken gegen die von mir gewählte Form des Buches einflößte. Aber bei reiflichem Erwägen entschied ich mich doch dafür, statt trockener Abstraktionen ein möglichst lebensvolles Bild zu bieten, das in anschaulichen Vorstellungen deutlich mache, was bloße Begriffe doch nur in schattenhaften Umrissen darstellen können. Der Leser, der den Unterschied zwischen jenen Werken der Phantasie und dem vorliegenden nicht selber herausfindet, ist für mich ohnehin verloren; ihm bliebe ich der »unpraktische Schwärmer«, auch wenn ich mich noch so trockener Systematik befleißigte, denn ihm genügt, daß ich an eine Änderung des Bestehenden glaube, um mich dafür zu halten. In welcher Gestalt ich meine Beweise vorbringe, ist für diese Art Leser schon aus dem Grunde einerlei, weil sie -- gleich den Frommen in Sachen der Religion -- schlechterdings außer stande sind, Beweise zu prüfen, die ihre Spitze gegen das Bestehende kehren.

Den unbefangenen Leser dagegen wird die erzählende Form nicht hindern, nüchternen Sinnes zu untersuchen, ob meine Ausführungen innerlich wahr oder falsch sind. Sollte auch er finden, daß ich -- und sei es nur in _einem_ wesentlichen Punkte -- von irrigen Voraussetzungen ausgegangen, daß die von mir dargestellte Ordnung der Freiheit und Gerechtigkeit irgendwie den natürlichen und allgemein anerkannten Triebfedern menschlicher Handlungsweise widerspreche, ja sollte er, nachdem er mein Buch gelesen, nicht zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt sein, daß die Durchführung dieser neuen Ordnung -- von nebensächlichen Details natürlich abgesehen -- ganz und gar unvermeidlich sei -- dann allerdings müßte ich mich damit bescheiden, mit Morus, Fourier, Cabet und wie sie alle heißen mögen, die auf socialem Gebiete ihre Wünsche der nüchternen Wirklichkeit unterschoben, in _einen_ Topf geworfen zu werden.

Ausdrücklich hervorheben will ich zum Schluß, daß sich die innere Wahrhaftigkeit meines Buches nicht bloß auf die der Handlung zugrunde gelegten wirtschaftlichen und ethischen Prinzipien und Motive, sondern auch auf den äußeren Schauplatz derselben erstreckt. Die Hochlande im äquatorialen Afrika entsprechen durchaus dem im Vorstehenden entworfenen Bilde. Wer dies bezweifelt, der kontrolliere meine Erzählung durch die Reiseberichte Speekes, Grants, Livingstones, Bakers, Stanleys, Emin Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers, kurz all Derer, welche jene paradiesischen Gegenden besucht haben. Um »Freiland«, so wie ich es darstelle, zur Thatsache werden zu lassen, bedarf es also in jeder Hinsicht bloß einer genügenden Anzahl thatkräftiger Menschen. Werden sich solche finden? Wird diesen Blättern die Kraft innewohnen, mir die Genossen und Helfer zuzuführen, die zur Durchführung des großen Werkes erforderlich sind?

_Wien_ 1890.

Theodor Hertzka.

Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher):

[S. 32]: ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstgarten aus. ... ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse und Obstarten aus. ...

[S. 38]: ... uns von dem Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter ... ... uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter ...

[S. 51]: ... teils den Anhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. ... ... teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. ...

[S. 56]: ... unter Benutzung von Wasserkraft zu bearbeiten begann und teils ... ... unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils ...

[S. 72]: ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Glashütten ... ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihre Grashütten ...

[S. 86]: ... solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre, die ihr jedoch verantwortlich ... ... solche, oder durch ihre gewählten Funktionäre aus, die ihr jedoch verantwortlich ...

[S. 91]: ... Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzen. ... ... Erträge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten. ...

[S. 92]: ... der Edenthal-Association dagegen erhielt bloß 2 Schilling pro ... ... der Edenthal-Association dagegen erhielten bloß 2 Schilling pro ...

[S. 95]: ... Nicht möglich viel und gut zu erzeugen, sondern für einen möglichst ... ... Nicht möglichst viel und gut zu erzeugen, sondern für einen möglichst ...

[S. 209]: ... dazu antreibt und es ist daher die Natur der Sache nach ausgeschlossen, ... ... dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach ausgeschlossen, ...

[S. 211]: ... »Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen ihr ... ... »Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen ihren ...

[S. 221]: ... Schädigung abziehender Konkurrenzkampf ist.« ... ... Schädigung abzielender Konkurrenzkampf ist.« ...

[S. 223]: ... sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Betragen ... ... sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen ...

[S. 227]: ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnte, sie ... ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie ...

[S. 231]: ... wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können. Werden hinsichtlich ... ... wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich ...

[S. 244]: ... seit Wochen resultatlos hin und wieder. Sichtlich nahmen die Kabinette ... ... seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette ...

[S. 285]: ... nur zur Fristung des nackten tierischen Leben ausreichte, und der Knechtschaft ... ... nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft ...

[S. 287]: ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien ... ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der ...

[S. 293]: ... Frei >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil ... ... >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil ...

[S. 306]: ... Preigebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand ... ... Preisgebung der höheren Produktivität und dem entsprechenden Fortbestand ...

[S. 331]: ... die Nachfrage nach einem einzelnem Gute ziemlich stationär bleiben, ja ... ... die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär bleiben, ja ...