Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Part 24

Chapter 242,876 wordsPublic domain

»Aber -- so wendete ich ein -- damit, daß den Arbeitern der Mehrertrag der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht herrenlos; er gehört den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen, die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedürfnisses verwenden wollen; die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals -- so sollte man meinen -- wird es unmöglich sein, daß ein allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage einträte. Nur werden es allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion werfen muß, um das gestörte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige herzustellen. Gehörte der Mehrertrag den Arbeitern, so würde man mehr Getreide, ordinäre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen Arbeitgebern gehört, so wird sich die Nachfrage bloß bei feinen Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind.«

»Vortrefflich!« mengte sich hier David in das Gespräch, »nur daß die Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die Überschüsse, welche ihnen der Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Maße zur Steigerung ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion anlegen wollen. Ja, unter Umständen ist der »Arbeitgeber«, wie wir gestern schon gehört, gar kein Mensch, der menschliche Bedürfnisse besitzt, sondern ein Popanz, der nichts genießt und alles kapitalisiert.«

»Desto besser!« meinte ich, »desto rascher kann der Reichtum zunehmen, denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.«

»Herrlich!« rief David. »Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum nicht steigern können, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so benützt man die überschüssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h. mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide -- folglich bauen wir neue Pflüge; niemand braucht mehr Gewebe -- folglich errichten wir neue Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin führt?«

Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, daß sich gegen dieses ebenso einfache als überzeugende Raisonnement schlechterdings nichts einwenden ließ. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des menschlichen Fleißes und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der sie in letzter Linie alle dienen, nämlich die bessere Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse, abschneidet und sich dann wundert, daß dieselben nicht verwendet werden können, ist thatsächlich an der Grenze des Blödsinns angelangt. Und daß die Dinge bei uns in Europa und Amerika wirklich so liegen, muß schließlich jedermann einleuchten.

»Aber was geschieht -- um des Himmels willen -- mit der solcherart bei uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft?« fragte ich weiter. »Wir sind der Hauptsache nach in Künsten, Wissenschaften und technischen Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich muß also glauben, daß wir, besäßen wir nur Verwendung für alle Erträge unserer Produktion, so reich, oder doch annähernd so reich sein könnten, wie Ihr. Nun besitzen wir aber thatsächlich lange nicht den zehnten Teil Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefähr doppelt so angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles arbeitet, während es bei uns einige Müssiggänger gibt, die lediglich von fremder Arbeit leben, so fällt dies doch angesichts des Umstandes, daß unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darüber ins Joch gespannt sind, während hier durchschnittlich bloß fünf Stunden lang gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird überreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht kennt; wo also -- ich wiederhole es -- liegt der unermeßliche Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkräfte?«

»In der _Ausrüstung_ der Arbeitskräfte«, war die Antwort. »Wir Freiländer arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, während Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermögt. Alle Erfindungen und Entdeckungen der großen Geister der Menschheit sind Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genuß jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene Erfindung einzig dienen -- nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht, oder doch nur entsprechend jenem geringen Maße, in welchem Eure Einrichtungen Euch den Genuß zumessen.«

Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines Systems, das als höchsten Ausfluß ewiger Weisheit zu verehren er von jeher gewöhnt gewesen, aufs tiefste erschüttert. »Unglaublich! Schrecklich!« murmelte er, nur mir verständlich.

Herr Clark aber fuhr fort: »Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog. klassischen Ökonomie, daß ein allgemeines Zuviel an Produkten unmöglich sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich Konsum und Produktivität thatsächlich aufs vollkommenste. Hier könnte es also wirklich bloß geschehen, daß vorübergehend zu viel von _einzelnen_ Dingen erzeugt, d. h. daß das Gleichgewicht der verschiedenen Produktionsarten zeitweilig gestört würde. Doch auch diese, an sich geringfügige Gefahr brauchen wir nicht zu fürchten. Der durch unsere Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller Produktionsinteressen gewährleistet von vornherein das Gleichgewicht aller Produktionserträge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige große Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhängig von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch zusammenhängen, im Ertrage ihrer Arbeit nämlich. Gerade weil jedermann arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem einen Zwecke der Erzielung möglichst hohen Nutzens zusammenläuft, so ist es, von vorübergehenden nebensächlichen Irrungen abgesehen, anders gar nicht möglich, als daß der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen überall der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem _einen_ Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen war, kam es vor, daß ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst nachträglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wußten oft erst nach Abschluß der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient hatten. Das ist ein längst überwundenes Stadium der Kindheit; heute weiß jeder Freiländer bis auf geringfügige, durch unvorhergesehene kleinere Zufälle herbeigeführte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen nicht bloß verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in nächster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er sorgt dafür, daß Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik jederzeit mit untrüglicher Sicherheit angibt, was in jedem Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als dessen Einfluß auf die Preise überall aus sorgfältiger Beobachtung früherer Jahre genau bekannt ist, so läßt sich die Rentabilität nicht bloß jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so verläßlich vorherberechnen, daß namhaftere Irrtümer nur im Falle elementarer Katastrophen möglich sind. Ereignen sich solche, nun dann greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im übrigen giebt es hierzulande nicht bloß keine Krisen, sondern nicht einmal sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen. Unser statistisches Amt veröffentlicht ununterbrochen genaue Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nächster Zukunft Bedarf, wo Überfluß an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das genügt, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge. Daß da oder dort ein neueingerichtetes Etablissement verunglückt, kommt manchmal, insbesondere bei der Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglücken darf man sich nicht etwa als Bankerott vorstellen -- wie sollen Unternehmer bankerottieren, die weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben und denen für alle Fälle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt -- sondern schlimmstenfalls als getäuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe -- was kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein Delcredere einheben, es würde kaum Tausendteile eines Prozents betragen und wäre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.«

»Und stören auswärtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen Gleichgang Ihrer freiländischen Produktion? Werden Ihre Märkte nicht durch ausländische Überproduktion mit Waren überflutet, für die entsprechende Verwendung fehlt?« fragte ich.

»Daß die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen Produktionsverhältnisse so häufig eintretenden heftigen Preisschwankungen der Welthandelsgüter nicht auch für uns mit empfindlichen Unannehmlichkeiten verknüpft wären, kann allerdings nicht behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft genötigt, einzelne Produktionen einzuschränken und die damit frei werdenden Arbeitskräfte anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne daß ein wirklicher Wechsel in den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhältnissen dies begründen würde. Thatsächlich sind diese fremden, plötzlichen und unberechenbaren Einflüsse bisweilen Schuld daran, daß zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge wirkliche Auswanderung von Arbeitskräften aus einer Produktion in die andere notwendig wird, während zu Ausgleichung der aus natürlichen Gründen eintretenden Verschiebungen des Angebots und der Nachfrage fast immer die planmäßige Zu- oder Ableitung des Arbeiternachwuchses genügt. Eine tiefergehende Erschütterung unserer Erwerbsverhältnisse aber vermögen auch diese sprunghaften ausländischen Ereignisse nicht herbeizuführen. Gleichwie es unmöglich ist, eine Flüssigkeit, die jedem Drucke oder Stoße nachgibt und ausweicht, aus dem Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren. In unnütze, störende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die natürliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichmaß aller Verhältnisse wieder her.«

Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu begleiten, wo heute das Fachparlament für öffentliche Arbeiten eine Nachtsitzung halten werde, um über ein von ihm vorgelegtes großes Kanalprojekt sich schlüssig zu machen. Er glaube, daß der Gegenstand auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an.

Das Fachparlament für öffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern; die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war, erklärte, Direktoren großer Associationen, insbesondere der das Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer Hochschulen und andere Fachmänner in demselben. Laien, die von öffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Körperschaft nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, daß dieselbe die Blüte und Quintessenz des technischen Wissens und Könnens von ganz Freiland in sich schließt.

Das Projekt, welches gegenwärtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal, Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer für Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstraße vom Tanganika über den Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das Mittelländische Meer einerseits und von der Kongomündung den Kongo aufwärts über den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Benützung einiger kleinerer Ströme über den Baringosee an den Unterlauf des Dana und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege, deren einer die großen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere, der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete -- dem des Kongostaates und Ägyptens -- durchgeführt werden mußte, so waren Verträge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle notwendigen Rechte einräumten. Die Bereitwilligkeit der fremden Regierungen, auf die Wünsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird man begreiflich finden, wenn man erwägt, daß Freiland keinerlei Gebühr für die Benutzung seiner Kanäle einzuheben, den Nachbarn also ein freies Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung übergeben werden sollte. Die englische Regierung, welcher der größte Teil der Kanalaktien gehörte, war den Freiländern mit weitgehender Liberalität entgegengekommen; sie überließ ihnen ihre Aktien zu einem sehr mäßigen Preise, so daß diese es nur mit den kleineren Aktionären zu thun hatten, welche allerdings die Situation weidlich auszunützen verstanden. Die britische Regierung verlangte Sicherheit für die unantastbare Neutralität des Kanals und förderte im übrigen das Unternehmen nach Kräften.

Die präliminierten Kosten waren die folgenden:

Süd-Nordkanal (Gesamtlänge 6250 Kilometer) 385 Mill. Pfund, Ost-Westkanal (Gesamtlänge 5460 Kilometer) 412 Mill. Pfund, Suez-Kanal (für Ankauf und Erweiterung) 280 Mill. Pfund. Zusammen 1077 Mill. Pfund.

Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so daß im Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den bisherigen Erfahrungen glaubte die freiländische Verwaltung darauf rechnen zu dürfen, daß die jährlichen Gesamteinkünfte des Landes sich im Laufe der nächsten sechs Jahre von 7 Milliarden -- ihrem vorjährigen Stande -- successive auf mindestens 10½ Milliarden steigern und 8½ Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen würden; der Bauaufwand beanspruchte also bloß 2-1/8 Prozent des zu erwartenden Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne daß eine Erhöhung der auf dieses Einkommen gelegten öffentlichen Abgaben über ihr normales Maß erforderlich gewesen wäre. Dem Kostenvoranschlage waren die detaillierten Baupläne beigelegt, desgleichen eine Rentabilitätsberechnung, nach welcher die Kanäle schon im ersten Jahre ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefähr 30 Jahren sich bezahlt machen würden; außerdem aber sollten diese künstlichen Wasserstraßen teilweise auch als Be- und Entwässerungskanäle dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund im Jahresdurchschnitte berechnet, so daß die Kosten der sämtlichen Anlagen binnen längstens 14 Jahren getilgt sein mußten, wobei überall bloß der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit eingeräumte Nutzen in Rechnung gestellt war.

Da die sämtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Händen des Fachparlamentes und von diesem sorgfältig studiert worden waren, so ging dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich der Hauptsache nach bloß um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht möglich wäre, die Bauzeit zu verkürzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls tracierte und mit allen Detailplänen vorgelegte Alternativlinie der von der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wäre. In ersterer Beziehung stellte sich heraus, daß durch ein von gewiegten Fachmännern vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatsächlich ein halbes Jahr Bauzeit erspart werden könnte; es wurde also beschlossen, dem entsprechend vorzugehen; bezüglich der zu wählenden Trace dagegen entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend gemachten Gründe einstimmig für den Plan der Centralverwaltung. Die ganze Debatte währte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte die Verwaltung die Ermächtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas mehr als die Anlagekosten sämtlicher Kanäle der übrigen civilisierten Welt betragen, binnen 5½ Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren, aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade südlich vom Äquator eindringen und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebührenfrei und ohne jeden Aufenthalt zurücklegen könnten.

Ich war von all dem geradezu konsterniert. »Wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, das Wort >unmöglich< hier aus meinem Wörtervorrate zu streichen, so würde ich es jetzt anwenden«, meinte ich auf dem Heimwege Herrn Ney gegenüber. Bemerken will ich noch, daß in den freiländischen Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt werden, so daß ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur Annahme gelangten Projektes oberflächlich einzusehen. Du weißt, daß ich von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den Plänen zu entnehmen, daß die beiden Binnenschiffahrtkanäle mehrere Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun zufällig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei unseren Ausflügen erst kürzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner Schätzung nach mindestens 500 Meter über die Kanalsohle; ich fragte nun Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege für Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwärts klimmen wolle; das sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausführbar.

»Natürlich!« gab dieser lächelnd zu. »Wenn Sie jedoch die Detailpläne genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, daß wir solche Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleußen _übersteigen_, sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnels _unterfahren_.«

Jetzt blickte ich ihn aber erst recht ungläubig an und auch mein Vater machte ein nicht minder erstauntes Gesicht.

»Was finden Sie daran gar so merkwürdiges, meine werten Gäste? Warum soll bei Kanälen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer noch viel leichter _über_ Berg und Thal zu führen wären, schon so lange und in so ausgedehntem Maße geübt wird?« fragte Herr Ney. »Unsere Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit, ersparen, so sind sie für unsere Verhältnisse überaus praktisch. Zudem hatten wir ja in zahlreichen Fällen keine andere Wahl, als die Kanäle fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser größter Durchbruch -- er verknüpft das Flußgebiet des Ukerewe mit dem des Indischen Oceans -- geht in einer Länge von 17 Kilometern 1200 Meter unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind übrigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es -- wie Sie wissen -- einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur können sie sich allerdings weder an Längenentwicklung noch an Mächtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen große Oceanfahrer -- mit zurückgelegten Masten natürlich -- durch die Eingeweide ganzer Gebirgszüge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber bedenken Sie doch, daß jede Stunde Zeitgewinn eines freiländischen Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an Wert gewinnt.«

»Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich möchte fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert wurde, als handle es sich um die nächstbeste Kleinigkeit«, meinte mein Vater. »Ich will der Ehrenhaftigkeit sämtlicher Mitglieder Ihres Fachparlamentes für öffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber verschweigen kann ich nicht, daß mir die ganze Versammlung den Eindruck machte, als verspräche sie sich den größten persönlichen Vorteil aus der möglichst raschen und großartigen Durchführung des Werkes.«