Fräulein Julie: Naturalistisches Trauerspiel
Chapter 3
_Julie._ Ich habe eine bessere Meinung von den Leuten, als Sie! Kommen Sie und versuchen Sie! -- Kommen Sie! (Sie fordert ihn mit den Augen auf.)
_Jean._ Wissen Sie, Sie sind sonderbar!
_Julie._ Vielleicht! Aber das sind Sie auch! Alles ist übrigens sonderbar! Das Leben, die Menschen, alles ist eine Eisscholle, die auf dem Wasser dahingetrieben wird, bis sie sinkt, sinkt. Ich habe einen Traum, der hie und da wiederkommt und an den ich jetzt denken muß. Ich sitze auf einer hohen Säule und sehe keine Möglichkeit herunterzukommen; mir schwindelt, wenn ich hinuntersehe, und doch muß ich hinunter, aber ich habe nicht den Mut mich hinabzustürzen; ich kann mich nicht festhalten und ich sehne mich darnach zu fallen; aber ich falle nicht. Und doch habe ich keine Ruhe, bevor ich unten bin, keinen Frieden, bevor ich auf der Erde angelangt bin. Und komme ich auf die Erde hinunter, so will ich hinunter _in_ die Erde. Haben Sie jemals so etwas empfunden.
_Jean._ Nein! Ich pflege zu träumen, ich läge unter einem hohen Baum in einem düstern Walde. Ich will hinauf, hinauf zum Wipfel, und mich in der lichten Landschaft umsehen, wo die Sonne scheint, und das Vogelnest dort oben plündern, in dem die Goldeier liegen. Und ich klettere und klettere, aber der Stamm ist so dick und so glatt, und es ist so weit bis zum ersten Zweig. Aber ich weiß, wenn ich nur den ersten Zweig erreichte, könnte ich zum Wipfel, wie auf einer Leiter, emporsteigen. Noch habe ich ihn nicht erreicht, aber ich muß ihn erreichen, und wäre es auch nur im Traum!
_Julie._ Hier stehe ich und schwatze mit Ihnen! Kommen Sie nun! Nur hinaus in den Park. (Sie bietet ihm den Arm und sie gehen.)
_Jean._ Wir sollten heute Nacht auf neun Johannisnachtkräutern schlafen, dann gehen unsere Träume in Erfüllung, Fräulein!
_Beide_ (machen in der Thür kehrt).
_Jean_ (hält die Hand vor das eine Auge).
_Julie._ Lassen Sie mich sehen, was Ihnen ins Auge gekommen ist.
_Jean._ O nichts! Nur ein Stäubchen -- das ist gleich wieder gut.
_Julie._ Es war der Ärmel meines Kleides, der Sie kratzte; setzen Sie sich nun, dann werde ich Ihnen helfen. (Sie nimmt ihn am Arm und setzt ihn am Tisch nieder; faßt dann seinen Kopf und legt ihn hintenüber; mit einem Zipfel des Taschentuches sucht sie das Stäubchen herauszubekommen.) Sitzen Sie jetzt still, ganz still. (Sie schlägt ihm auf die Hand.) So! will Er gehorchen! Ich glaube, der große, starke Mensch zittert! (Sie befühlt seinen Oberarm.) Mit solchen Armen!
_Jean_ (warnend). Fräulein Julie!
_Julie._ Ja, Monsieur Jean.
_Jean._ Attention! Je ne suis qu'un homme!
_Julie._ Will Er stillsitzen! -- Sieh da! Nun ist es fort! Küss' Er meine Hand und dank' Er mir.
_Jean_ (steht auf). Fräulein Julie! Hören Sie mich an! Jetzt ist Christine fortgegangen und hat sich zu Bett gelegt! Wollen Sie mich anhören?
_Julie._ Erst die Hand küssen!
_Jean._ Hören Sie mich an.
_Julie._ Erst die Hand küssen!
_Jean._ Ja, aber Sie müssen die Verantwortung übernehmen.
_Julie._ Wofür?
_Jean._ Wofür? Sind Sie mit fünfundzwanzig Jahren noch ein Kind? Wissen Sie nicht, daß es gefährlich ist, mit dem Feuer zu spielen?
_Julie._ Nicht für mich; ich bin assekuriert!
_Jean_ (dreist). Nein, das sind Sie nicht! Und wenn Sie es sind, dann giebt es feuergefährliche Einrichtungen in der Nachbarschaft!
_Julie._ Sollten Sie das sein?
_Jean._ Ja, nicht weil ich es bin, sondern weil ich ein junger Mann bin --
_Julie._ -- von vorteilhaftem Äußern -- welche unglaubliche Eitelkeit! Ein Don Juan vielleicht! Oder ein Joseph! Ich glaube, meiner Treu, er ist ein Joseph!
_Jean._ Glauben Sie?
_Julie._ Ich fürchte beinahe.
_Jean_ (geht dreist auf sie zu und will sie umarmen, um sie zu küssen).
_Julie_ (giebt ihm eine Ohrfeige). Fort!
_Jean._ Ist das Ernst oder Scherz?
_Julie._ Ernst!
_Jean._ Dann war auch das vorher Ernst! Sie spielen allzu ernst und das ist gefährlich! Nun bin ich aber des Spiels müde und bitte um Entschuldigung, daß ich wieder an meine Arbeit gehe. (Er geht nach hinten zu den Stiefeln.) Der Graf muß beizeiten seine Stiefel haben, und Mitternacht ist längst vorüber. (Er nimmt die Stiefeln auf.)
_Julie._ Stell' Er die Stiefel fort!
_Jean._ Nein! Das ist mein Dienst, den ich schuldig bin zu thun. Ich habe es aber niemals übernommen, Ihr Spielkamerad zu sein, und kann es auch niemals werden, denn ich halte mich dafür zu gut.
_Julie._ Sie sind stolz!
_Jean._ In gewissen Fällen; in andern nicht.
_Julie._ Haben Sie jemals geliebt?
_Jean._ Wir gebrauchen nicht das Wort; aber ich habe viele Mädchen gern gehabt, und einmal bin ich davon krank geworden, daß ich die nicht bekommen konnte, die ich haben wollte; krank, sehen Sie, wie die Prinzen in »Tausend und eine Nacht«, die vor lauter Liebe nicht essen und nicht trinken können. (Er stellt die Stiefel wieder hin.)
_Julie._ Wer war es?
_Jean_ (schweigt).
_Julie._ Wer war es?
_Jean._ Sie können mich nicht zwingen, es zu sagen.
_Julie._ Wenn ich Sie, wie Ihresgleichen bitte, wie -- ein Freund? Wer war es?
_Jean._ Sie!
_Julie_ (setzt sich). Wie komisch!
_Jean._ Ja, wenn Sie es denn hören wollen! Es war lächerlich! Sehen Sie, das ist die Geschichte, die ich vorhin nicht erzählen wollte; aber jetzt werde ich sie erzählen! Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht? Nein, das wissen Sie nicht! Gleich Habichten und Falken, deren Rücken man selten sehen kann, da sie meist droben schweben. Ich wuchs im Insthause mit sieben Schwestern und -- einem Schwein zusammen, draußen auf den nackten, grauen Feldern heran, wo nicht ein Baum wuchs. Aber vom Fenster aus konnte ich die Mauer des gräflichen Parks mit den Äpfelbäumen darüber erblicken. Das war der Garten des Paradieses; und dort standen viele Engel mit flammendem Schwert und bewachten ihn. Aber nichtsdestoweniger fand ich und andere Jungen den Weg zum Baume des Lebens -- nun, verachten Sie mich?
_Julie._ Ach! Äpfel stehlen, das thun alle Jungen!
_Jean._ Das sagen Sie jetzt so, aber Sie verachten mich doch! Na, gleichviel! Einmal kam ich mit meiner Mutter in den Garten hinein, um die Zwiebelbeete von Unkraut zu säubern! Dicht bei der Gartenmauer stand ein türkischer Pavillon im Schatten von Jasminen und umrankt von Kaprifolien. Ich wußte nicht, wozu es diente, aber ich hatte noch niemals ein so schönes Gebäude gesehen. Leute gingen dort aus und ein, und eines Tages stand die Thür offen. Ich schlich dorthin und sah die Wände mit Bildern von Königen und Kaisern bedeckt, und vor den Fenstern waren rote Gardinen mit Franzen daran -- nun wissen Sie, was ich meine. Ich -- (er nimmt einen Fliederzweig und hält ihn dem Fräulein unter die Nase) -- ich war niemals im Schlosse gewesen, hatte niemals etwas anderes, als die Kirche gesehen -- aber dies hier war viel schöner; und wo meine Gedanken auch hineilten, immer kehrten sie dorthin zurück. Und dann allmählich erhob sich in mir die Sehnsucht, einmal die ganze Herrlichkeit kennen zu lernen -- enfin, ich schlich mich hinein, sah und bewunderte. Aber dann kam jemand! Für die Herrschaft gab es zwar nur einen Ausgang, aber ich fand noch einen andern, und ich hatte weiter keine Wahl!
_Julie_ (welche den Fliederzweig genommen hatte, läßt ihn auf den Tisch fallen).
_Jean._ So sprang ich denn und stürzte durch eine Himbeerhecke, rutschte über ein Gartenbeet hinweg und kam auf die Rosenterrasse. Dort erblickte ich ein helles Kleid und ein paar weiße Strümpfe -- das waren Sie. Ich legte mich unter einen Haufen Unkraut, -- _darunter_, können Sie sich das denken? -- unter Disteln, die mich stachen, und nasse Erde, welche stank. Und ich schaute nach Ihnen, während Sie zwischen den Rosen dahinschritten, und ich dachte: wenn es wahr ist, daß ein Mörder ins Himmelreich kommen kann und bei den Engeln bleiben, so ist es sonderbar, daß ein Kätnersjunge hier auf Gottes Erde nicht soll in einen Schloßpark kommen und mit des Grafen Tochter spielen können.
_Julie_ (elegisch). Glauben Sie, daß alle armen Kinder in diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.
_Jean_ (erst zögernd, dann in überzeugtem Ton). Ob alle armen -- ja -- natürlich! Ganz gewiß!
_Julie._ Es muß ein grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.
_Jean_ (mit tiefem Schmerz, stark auftragend). Ach, Fräulein Julie! Ach! Ein Hund kann auf dem gräflichen Sofa liegen, ein Pferd kann von einer Damenhand auf die Schnauze geklopft werden, aber ein Junge -- (in verändertem Ton.) Ja, ja, bei einem Einzelnen ist wohl genug Stoff vorhanden, um in der Welt emporzukommen, aber wie oft ist das der Fall! Indessen wissen Sie, was ich that? Ich sprang in Kleidern in den Mühlbach hinunter; wurde aber herausgezogen und bekam Prügel. Am nächsten Sonntag aber, als Vater und Alle im Hause zu Großmutter fuhren, wußte ich es so einzurichten, daß ich zu Hause blieb. Und dann wusch ich mich mit Seife und warmem Wasser, legte meine besten Kleider an und ging zur Kirche, wo ich Sie zu sehen bekommen konnte! Ich sah Sie und ging nach Hause, entschlossen zu sterben; aber ich wollte schön und angenehm sterben, ohne Schmerzen. Und da besann ich mich, daß es gefährlich wäre, unter einem Fliederbusch zu schlafen. Wir hatten einen solchen, welcher gerade in Blüte stand. Ich pflückte alle Blüten ab, die er besaß, und bettete mich dann im Haferkasten. Haben Sie bemerkt, wie glatt der Hafer ist? weich für die Hand, wie Menschenhaut. Dann schloß ich den Deckel, druselte ein, schlief schließlich ganz fest und erwachte wirklich sehr krank. Aber ich starb doch nicht, wie Sie sehen. Was ich wollte -- ich weiß es nicht! Sie zu gewinnen, war ja keine Möglichkeit vorhanden -- aber Sie waren für mich ein Beweis dafür, wie hoffnungslos es für mich sei, aus dem Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.
_Julie._ Sie erzählen scharmant, wissen Sie! Sind Sie in die Schule gegangen?
_Jean._ Ein wenig; aber ich habe viel Romane gelesen und bin viel im Theater gewesen. Außerdem habe ich feine Leute reden hören, und von ihnen habe ich am meisten gelernt.
_Julie._ Horchen Sie denn auf das, was wir sagen?
_Jean._ Ja, gewiß! Und ich habe vieles gehört, wenn ich auf dem Kutscherbock gesessen oder das Boot gerudert habe. Einmal hörte ich Fräulein Julie und eine Freundin --
_Julie._ So? Was hörten Sie denn?
_Jean._ Ja, das kann ich nun nicht so sagen; aber ich war wahrlich ein wenig erstaunt und verstand nicht, woher Sie all' die Worte gelernt haben. Vielleicht ist im Grunde genommen kein so großer Unterschied zwischen Menschen und Menschen, wie man glaubt!
_Julie._ Ach, schämen Sie sich! Wir leben doch nicht, wie ihr, wenn wir einen Liebsten haben.
_Jean_ (fixiert sie). Ist das so sicher? Ja, meinetwegen brauchen sich das Fräulein nicht so unschuldig anzustellen --
_Julie._ Es war ein Schuft, dem ich meine Liebe schenkte.
_Jean._ Das sagen die Mädchen immer -- hinterher.
_Julie._ Immer?
_Jean._ Ich glaube immer, da ich den Ausdruck schon mehrmals früher in solchen Fällen gehört habe.
_Julie._ Was für Fälle?
_Jean._ Wie der eben erwähnte. Das letzte Mal --
_Julie._ Still, ich will nichts mehr hören --
_Jean._ Das wollte _sie_ auch nicht -- es ist merkwürdig. Na, dann bitte ich zu Bett gehen zu dürfen.
_Julie_ (scharf). In der Johannisnacht schlafen gehen.
_Jean._ Ja! mit dem Pack da draußen zu tanzen, das amüsiert mich wirklich nicht.
_Julie._ Nehmen Sie den Schlüssel zum Boot und rudern Sie mich auf den See hinaus; ich will den Sonnenaufgang sehen.
_Jean._ Ist das vernünftig?
_Julie._ Es hat den Anschein, als wären Sie um Ihren Ruf besorgt!
_Jean._ Warum nicht? Ich möchte nicht gern lächerlich werden, ich möchte nicht gern ohne Empfehlung fortgejagt sein, wenn ich mich etablieren will. Und mir scheint, ich habe gewisse Verpflichtungen gegen Christine.
_Julie._ Ja so, nun ist es wieder Christine --
_Jean._ Ja, aber auch Ihretwegen. Hören Sie meinen Rat und gehen Sie hinauf und legen Sie sich zu Bett.
_Julie._ Soll ich Ihnen etwa gehorchen?
_Jean._ Dieses eine Mal, um Ihrer selbst willen! Ich bitte Sie! Es ist spät in der Nacht, der Schlaf macht trunken, und der Kopf wird heiß! Gehen Sie zur Ruhe! Übrigens -- wenn ich recht höre -- kommen die Leute hierher, um mich zu suchen! Und findet man uns hier, so sind Sie verloren!
_Chor_ (der von fern hörbar ist und sich nähert).
Sie gefällt mir aus der Maßen, Das schöne Fräuelein, Ich kann's nicht unterlassen, Ich muß ihr Diener sein, Denn sie erfreut mein Herz! Tiritidi--ralla, Tiritidi--ra!
Und nun ist mir gelungen, Wonach ich hab' getracht. All' Freier sind verdrungen, Hab' sie in Lieb gebracht, Das schöne Fräuelein Tiritidi--ralla--la--la!
_Julie._ Ich kenne unsere Leute und ich liebe sie, gleich wie sie mich gern haben. Laß sie nur kommen, dann werden Sie sehen!
_Jean._ Nein, Fräulein Julie, die Leute lieben Sie nicht. Sie essen Ihr Brot, aber sie verspotten Sie hinterher. Glauben Sie mir! Hören Sie, hören Sie nur, was sie singen! -- Oder nein, hören Sie lieber nicht hin!
_Julie_ (lauscht). Was singen sie?
_Jean._ Es ist ein Spottgedicht! Von Ihnen und von mir!
_Julie._ Abscheulich! O pfui! Und so hinterlistig --
_Jean._ Das Pack ist immer feig! Und in _dem_ Kampfe kann man nichts thun, als fliehen!
_Julie._ Fliehen? Aber wohin? Hinaus können wir nicht. Und zu Christine hineingehen können wir auch nicht!
_Jean._ Also denn in mein Zimmer hinein! Not hat kein Gebot; und mir können Sie trauen, denn ich bin Ihr wirklicher, aufrichtiger und ehrfurchtsvoller Freund!
_Julie._ Aber bedenken Sie! -- Wenn man Sie nun dort sucht?
_Jean._ Ich verriegle die Thür, und will man hineinbrechen, so schieße ich! -- Kommen Sie! (Knieend.) Kommen Sie!
_Julie_ (bedeutungsvoll). Geloben Sie mir --
_Jean._ Ich schwöre!
_Julie_ (eilig links ab).
_Jean_ (folgt ihr erregt).
Stumme Scene.
_Brautleute_ in Feiertagskleidung, mit Blumen an den Hüten, ein _Violinspieler_ an der Spitze, kommen durch die Glasthüre. Ein Faß Dünnbier und ein Fäßchen Branntwein, mit Laub umwunden, werden auf den Tisch rechts gelegt; man nimmt Gläser hervor. Alsdann wird getrunken. Dann wird ein Ring gebildet und das Tanzspiel gesungen und getanzt. Hiernach ziehen sie wieder singend durch die Glasthür ab.
_Julie_ (kommt von links allein zurück, sieht die Unordnung in der Küche und schlägt die Hände zusammen; dann nimmt sie eine Puderquaste vor und pudert ihr Gesicht).
_Jean_ (kommt dem Fräulein von links nach, exaltiert). Da sehen Sie! Sie haben nun selbst gehört! Halten Sie es für möglich, hier zu bleiben?
_Julie._ Nein! Das thue ich nicht mehr! Aber was sollen wir denn machen?
_Jean._ Fliehen, reisen, weit von hier fort!
_Julie._ Reisen? Ja, aber wohin?
_Jean._ Nach der Schweiz, nach den italienischen Seen; dort sind Sie noch niemals gewesen?
_Julie._ Nein! Ist es schön dort?
_Jean._ O ein ewiger Sommer, Orangen, Lorbeeren! Ach!
_Julie._ Aber was sollen wir dort denn nachher anfangen?
_Jean._ Dort errichten wir ein Hotel ersten Ranges mit Gästen ersten Ranges.
_Julie._ Ein Hotel?
_Jean._ Das ist ein Leben, können Sie mir glauben; unaufhörlich neue Ansichten, neue Sprachen; nicht eine Minute Zeit zum Grübeln oder Träumen; kein Suchen nach Beschäftigung, denn die Arbeit kommt von selbst: Tag und Nacht schellt die Glocke, pfeift der Zug, kommt und geht der Omnibus, während die Goldstücke im Kontor rollen! Das ist ein Leben!
_Julie._ Ja, das heißt leben! Und ich?
_Jean._ Die Herrin des Hauses; die Zierde der Firma. Mit Ihrem Aussehen -- und Ihrem Benehmen -- o -- der Erfolg ist sicher! Kolossal! Sie sitzen wie eine Königin im Kontor und setzen die Sklaven in Bewegung mit einem Druck auf die elektrische Glocke; die Gäste defilieren an Ihrem Thron vorbei und legen demütig ihre Schätze auf Ihren Tisch. Sie können sich gar nicht denken, wie die Menschen zittern, wenn sie eine Rechnung in die Hand bekommen -- ich werde die Noten pfeffern, und Sie müssen sie mit Ihrem süßesten Lächeln bezuckern. Ach! Lassen Sie uns von hier fort reisen! (Er nimmt einen Fahrplan aus der Tasche.) Gleich mit dem nächsten Zug! wir sind um sechs Uhr dreißig in Malmö, in Hamburg um acht Uhr vierzig morgen früh; Frankfurt -- Basel ein Tag, und in Como, mit der Gotthardtbahn in -- sehen wir -- drei Tagen. Nur drei Tage!
_Julie._ Das ist alles sehr schön! Aber Jean -- du mußt mir Mut geben! Sage mir, daß du mich liebst! Komm und umarme mich!
_Jean_ (zögernd). Ich möchte -- aber ich wage es nicht. Nicht hier im Hause. Ich liebe Sie -- zweifellos -- können Sie überhaupt daran zweifeln?
_Julie_ (mit echt weiblicher Scham). Sie! Sage du! Zwischen uns giebt es keine Schranken mehr! Sage du!
_Jean_ (in gequältem Ton). Ich kann nicht! Noch giebt es Schranken zwischen uns, solange wir in diesem Hause weilen -- da ist die Vergangenheit -- da ist der Herr Graf; ich bin niemals mit einem Menschen zusammengetroffen, vor dem ich soviel Respekt hatte -- ich brauche nur seine Handschuhe auf einem Stuhl liegen zu sehen, dann komme ich mir gleich ganz klein vor -- ich brauche nur die Glocke da oben zu hören, dann fahre ich zusammen, wie ein scheues Pferd -- und wenn ich nun seine Stiefel da stehen sehe, so stolz und gerade, dann packt es mich im Rücken! (Er stößt die Stiefel mit dem Fuß weiter.) Aberglaube, Vorurteil, das man uns von Kindheit an eingepfropft hat, das man aber niemals loswerden kann. Kommen Sie nur in ein anderes Land, in eine Republik, und man soll auf den Knieen liegen vor der Livree meines Portiers -- auf den Knieen _soll_ man liegen, Sie werden sehen! aber nicht ich! Ich bin nicht dazu geboren, auf den Knieen zu liegen, denn es ist Stoff in mir, Charakter, und habe ich nur erst den ersten Zweig erreicht, dann sollen Sie mich klettern sehen! Ich bin heute Bedienter, aber nächstes Jahr bin ich Proprietär, in zehn Jahren Rentier, und dann reise ich nach Rumänien und lasse mich dekorieren, und kann -- merken Sie wohl, ich sage kann -- als Graf enden.
_Julie._ Gut, gut.
_Jean._ Ah, in Rumänien kauft man sich den Grafentitel, und dann werden Sie doch eine Gräfin! Meine Gräfin!
_Julie._ Was mache ich mir aus all' dem, was ich nun von mir werfe! Sage, daß du mich liebst, sonst -- ja, was bin ich sonst?
_Jean._ Ich werde es sagen, tausendmal -- später! Nur nicht hier! Und vor allem keine Empfindsamkeit, wenn nicht alles verloren sein soll! Wir müssen die Sache ruhig auffassen, als kluge Menschen. (Er nimmt eine Cigarre vor, schneidet die Spitze ab und zündet sie an.) Setzen Sie sich nun da hin. Dann setze ich mich hierher, und dann plaudern wir, als wenn nichts geschehen wäre.
_Julie._ O mein Gott! Haben Sie denn kein Gefühl?
_Jean._ Ich! Es giebt keinen gefühlvolleren Menschen, wie mich; aber ich kann mich beherrschen.
_Julie._ Vor kurzem konnten Sie meinen Schuh küssen -- und nun?
_Jean_ (hart). Ja, vorher! Nun haben wir an anderes zu denken.
_Julie._ Sprechen Sie nicht hart zu mir!
_Jean._ Nein, aber klug! Eine Thorheit ist begangen, begehen wir nicht mehrere! Der Graf kann jeden Augenblick hier sein, und unser Schicksal muß vorher entschieden sein. Was halten Sie von meinen Plänen für die Zukunft? Sagen sie Ihnen zu?
_Julie._ Sie scheinen mir ganz annehmbar, aber eine Frage: zu einem so großen Unternehmen gehört ein großes Kapital; haben Sie das?
_Jean_ (raucht). Ich! Ja gewiß! Ich habe meine Fachkenntnisse, meine seltene Erfahrung, meine Sprachkenntnisse! Das ist ein Kapital, welches etwas wert ist, scheint mir!
_Julie._ Aber dafür können wir nicht einmal ein Eisenbahnbillet kaufen.
_Jean._ Das ist wohl wahr; aber deshalb suche ich einen Menschen, der die Fonds vorstrecken kann.
_Julie._ Wo finden Sie den in der Eile?
_Jean._ Den werden _Sie_ finden, wenn Sie mein Compagnon werden.
_Julie._ Das kann ich nicht, und ich selbst besitze nichts.
(Pause.)
_Jean._ Dann fällt die ganze Sache in sich zusammen --
_Julie._ Und --?
_Jean._ Es bleibt, wie es ist!
_Julie._ Glauben Sie, ich weile unter diesem Dache noch länger als Ihre Maitresse? Glauben Sie, ich will die Leute mit Fingern auf mich zeigen lassen; denken Sie, ich kann hiernach meinem Vater ins Gesicht sehen? Nein! Führen Sie mich fort von hier, von Erniedrigung und Entehrung! O mein Gott, was habe ich gethan! O mein Gott, mein Gott! (Sie weint.)
_Jean._ Aha, nun fängt es auf die Art an! -- Was Sie gethan haben? Dasselbe, wie tausend andere vor Ihnen!
_Julie_ (schreit wie in einem Krampfanfall). Und nun verachten Sie mich! Ich falle, ich falle!
_Jean._ Fallen Sie nieder zu mir, dann werde ich Sie später emporheben.
_Julie._ Welche entsetzliche Macht zog mich zu Ihnen herab? Die, welche den Schwachen zum Starken hinzieht? Den Fallenden zum Steigenden? Oder war es Liebe? Liebe -- dieses? Wissen Sie, was Liebe ist?
_Jean._ Ich? Ja, das sollte ich meinen? Glauben Sie, ich hätte sie nicht schon früher empfunden?
_Julie._ Welche Sprache Sie reden! Und welche Gedanken Sie denken!
_Jean._ So habe ich es gelernt; und so bin ich! Seien Sie nun nicht nervös und spielen Sie nicht die feine Dame, wir haben uns eine Suppe eingebrockt, die wir ausessen müssen! -- Na sieh, mein Mädel, komm, ich will dir ein Glas extra geben. (Er öffnet die Tischschublade, nimmt die Weinflasche heraus und füllt zwei der gebrauchten Gläser.)
_Julie._ Von wo haben Sie den Wein her?
_Jean._ Aus dem Keller!
_Julie._ Meines Vaters Burgunder!
_Jean._ Ist er vielleicht zu gut für den Schwiegersohn?
_Julie._ Und ich trinke Bier!
_Jean._ Das beweist nur, daß Sie einen schlechteren Geschmack haben, als ich.
_Julie._ Dieb!
_Jean._ Wollen Sie etwa ausplaudern?
_Julie._ O, o! Die Mitschuldige eines Hausdiebes! Bin ich heute Nacht betrunken gewesen und habe im Traum gehandelt? Johannisnacht? Das Fest unschuldiger Freuden --
_Jean._ Unschuldiger -- hm!
_Julie_ (geht auf und ab). Giebt es in diesem Augenblick einen Menschen auf Erden, der so unglücklich ist, wie ich?
_Jean._ Warum sind Sie es? Nach einer solchen Eroberung! Denken Sie an Christine dort drinnen! Glauben Sie, daß sie nicht auch Gefühl hat?
_Julie._ Ich glaubte es früher, aber jetzt glaube ich es nicht mehr. Nein, Knecht ist Knecht --
_Jean._ Und Dirne ist Dirne!
_Julie_ (auf den Knieen, mit gefalteten Händen). O Gott im Himmel, nimm mein erbärmliches Leben von mir! Nimm mich von diesem Schmutz, in dem ich versinke! Rette mich! Rette mich!
_Jean._ Ich kann nicht leugnen, daß Sie mir leid thun! Damals, als ich im Zwiebelbeet lag und Sie im Rosengarten sah, da -- nun werde ich es Ihnen sagen -- da hatte ich dieselben schmutzigen Gedanken, wie alle Jungen.
_Julie._ Und doch wollten Sie für mich sterben!
_Jean._ Im Haferkasten? Das war nur leeres Geschwätz.
_Julie._ Also Lüge?
_Jean_ (beginnt schläfrig zu werden). Nahezu! Die Geschichte habe ich einmal in einer Zeitung gelesen, von einem Schornsteinfeger, der sich in einen Kasten mit Flieder legte, weil er zum Alimentationsbeitrag verurteilt wurde.
_Julie._ Ja, also so sind Sie --
_Jean._ Was sollte ich sonst erfinden; man muß die Frauenzimmer ja immer mit Schmeicheleien fangen!
_Julie._ Schuft!
_Jean._ Dirne!
_Julie._ Und ich sollte der erste Zweig werden --
_Jean._ Aber der Zweig war morsch.
_Julie._ Ich sollte das Aushängeschild des Hotels werden --
_Jean._ Und ich das Hotel.
_Julie._ In Ihrem Kontor sitzen, Ihre Kunden anlocken, Ihre Rechnungen fälschen --
_Jean._ Das würde ich selbst besorgen --
_Julie._ Daß eine Menschenseele so durch und durch schmutzig sein kann!
_Jean._ Waschen Sie sie doch rein!
_Julie._ Lakai! Domestik! Steh auf, wenn ich rede!
_Jean._ Domestikendirne halte den Mund und geh von hier fort. Willst du herkommen und mir vorwerfen, ich sei roh? So gemein, wie du dich heute Abend aufgeführt hast, hat sich niemals einer meinesgleichen benommen. Glaubst du, ein einfaches Mädchen berührt Männer so, wie du? Hast du je ein Mädchen meines Standes sich so anbieten gesehen?
_Julie_ (zerknirscht). So ist's recht; schlage mich; trete mich nieder; ich habe es nicht besser verdient! Ich bin eine Elende; aber hilf mir! Hilf mir weiter, wenn eine Möglichkeit vorhanden ist!