Fräulein Julie: Naturalistisches Trauerspiel
Chapter 2
Das Ballett,[B] welches ich eingeführt habe, konnte durch keine Volksscene ersetzt werden, da Volksscenen schlecht gespielt werden, und eine Menge Spaßmacher die Gelegenheit benutzen würden, sich bemerkbar zu machen und dadurch die Illusion stören. Da das Volk seine Böswilligkeiten nicht selbst improvisiert, sondern bereits fertiges Material benutzt, das einen doppelten Sinn geben kann, habe ich das »Schmähgedicht« nicht gedichtet, sondern ein weniger bekanntes Tanzspiel benutzt, welches ich selbst in der Umgebung von Stockholm aufgezeichnet habe. Die Worte treffen ungefähr die Sache, und das genügt völlig, denn die Feigheit der Menge gestattet ihr nicht direkte Angriffe.[C] Also keine ausgesprochenen Späße in einer ernsten Handlung, kein rohes Grinsen gegenüber einer Situation, die den Deckel auf den Sarg eines Geschlechtes legt.
[Anmerkung B: Der Verfasser meint hier mit Ballett natürlich einen Tanz, einen Volkstanz, und denkt nicht etwa an die berühmten kurzen Röckchen und die fleischfarbenen Tricots. Der Übers.]
[Anmerkung C: Um dieser Absicht des Dichters möglichst genau gerecht zu werden, wählte ich dafür ein älteres deutsches »Gesellschaftslied«. Der Übers.]
Was die Dekorationen anbetrifft, so habe ich von der impressionistischen Malerei das Unsymmetrische und Abgeschnittene entlehnt und glaube dadurch die Illusion zu erhöhen; denn dadurch, daß man nicht die ganze Scene und das ganze Möblement sieht, ist es einem möglich gemacht den Raum zu ahnen: die Phantasie wird erregt und ersetzt das Fehlende. Auch habe ich es dadurch erreicht, daß ich das ermüdende Gehen und Kommen durch die Thüren los wurde, besonders da die Theaterthüren aus Leinwand sind und bei der geringsten Bewegung flattern. Ebenso habe ich mich an eine einzelne Dekoration gehalten, damit die Personen sich mit der Umgebung verschmelzen können, und um mit dem Dekorationsluxus zu brechen.
Ich habe die Hintergrundsdekoration und den Tisch _schräg_ gestellt, um die Schauspieler zu veranlassen "en face" und in halbem Profil zu spielen, wenn sie am Tisch einander gegenüber sitzen.
Eine andere vielleicht nicht unnötige Verbesserung würde die Entfernung der Rampe sein. Dieses Licht von unten scheint die Aufgabe zu haben die Schauspieler im Gesichte voller erscheinen zu lassen; aber ich muß fragen: Warum sollen alle Schauspieler volle Gesichter haben? Ob das Licht von unten nicht eine Menge feiner Züge in den unteren Partieen des Gesichtes, namentlich der Kiefer, verwischt, ob es nicht die Form der Nase verändert und Schatten über die Augen wirft? Und wenn nicht, so ist doch sicher, daß es den Augen des Schauspielers unangenehm ist, sodaß das wirkungsvolle Spiel des Blicks verloren geht, denn das Licht der Rampe trifft die Netzhaut auf Stellen, die sonst geschützt sind und darum sieht man selten andere Bewegungen der Augen, als ein dummes Starren zur Seite oder hinauf zu den Logenreihen, sodaß das Weiße im Auge zu sehen ist. Möglicherweise kann man derselben Ursache das müde Blinzeln mit dem Augendeckel bei den Schauspielern und namentlich bei den Schauspielerinnen zuschreiben. Und wenn jemand auf der Bühne mit den Augen sprechen will, kann er nur geradeaus ins Publikum sehen, mit dem er (oder sie) außerhalb des Rahmens des Stückes eine direkte Korrespondenz einleitet; eine Unsitte, die mit Recht oder Unrecht »Bekannte begrüßen« genannt wird.
Sollte nicht genügend starkes Seitenlicht (mit Reflektoren oder dergleichen) dem Schauspieler dieses neue Hilfsmittel bieten können: die Mimik durch den ausdrucksvollsten Teil des Gesichtes, die Augen, zu stärken?
Die Illusion, die Schauspieler dahin zu vermögen, für und nicht mit dem Publikum zu spielen, nähre ich nicht, wenn dieses auch in hohem Grade wünschenswert wäre. Ich glaube nicht, daß ich eine ganze Scene hindurch den ganzen Rücken eines Schauspielers werde zu sehen bekommen, aber ich wünsche von ganzem Herzen, daß die Hauptscenen nicht, gleich Duetten, vorn am Souffleurkasten gespielt werden mögen, in der Absicht, Beifall zu ernten, sondern ich will sie auf einen Platz haben, der zu der Situation paßt. Also keine Revolution, sondern nur kleine Modifikationen.
Wenn ich nun beginne vom Schminken zu sprechen, so nähre ich keine Hoffnung, von den Damen gehört zu werden, die lieber hübsch, als wahr sein wollen. Aber der Schauspieler sollte doch genau überlegen, ob es für ihn vorteilhaft ist, durch das Schminken seinem Gesichte einen abstrakten Charakter zu geben, der wie eine Maske auf demselben sitzen bleibt. Denken wir uns einen Herrn, der sich mit Kohle einen scharfen, zornigen Zug zwischen den Augen anbringt, und nehmen wir an, daß dieser ständig zornig aussehende Mensch bei einer Replik lachen soll. Welch' schauderhafte Grimasse wird das nicht werden? Und wie soll eine falsche Stirn, die blank ist, wie eine Billardkugel, gerunzelt werden können, wenn der Alte zornig wird.
Mit einem modernen psychologischen Drama, wo die feinsten seelischen Empfindungen sich mehr in den Gesichtszügen als in den Bewegungen und im Geschrei widerspiegeln sollen, thäte man wohl am besten, es mit starkem Seitenlicht auf einer kleinen Bühne und mit Schauspielern ohne Schminke oder zum mindesten einem Minimum davon zu versuchen.
Könnten wir das sichtbare Orchester mit seinem störenden Lampenlicht und den gegen das Publikum gewandten Gesichtern loswerden; würde das Parkett so erhöht, daß die Augen des Zuschauers höher träfen, als auf die Kniee des Schauspielers; schafften wir die Prosceniumslogen ab und dazu vollständige Dunkelheit im Theater während der Vorstellung, sowie zuerst und vor allem eine _kleine_ Bühne und einen _kleinen_ Zuschauerraum, dann könnte vielleicht eine neue dramatische Kunst erstehen, und das Theater wieder eine Institution zur Freude der Intelligenteren werden.
Indem wir auf dieses Theater warten, müssen wir auf Lager schreiben und das Repertoire der Zukunft vorbereiten.
Ich habe einen Versuch gemacht! Ist er mißglückt, so ist noch Zeit genug, einen neuen zu machen.
_Kopenhagen_ im Sommer 1888.
_Der Verfasser._
Fräulein Julie.
_Personen:_
_Fräulein Julie_, 25 Jahre alt.
_Jean_, Diener, 30 Jahre alt.
_Christine_, Köchin, 35 Jahre alt.
Die Handlung spielt in der Johannisnacht in einer gräflichen Küche.
Schauplatz:
Eine große Küche, deren Decke und Seitenwände von den Draperien und Soffiten verdeckt werden. Die Hinterwand zieht sich von links schräg in die Scene hinein; auf der linken Seite zwei Gestelle mit Kupfer-, Messing-, Eisen- und Zinngeschirr; die Gestelle sind mit zackigem Papier garniert; etwas weiter rechts sieht man dreiviertel des großen gewölbten Ausganges mit zwei Glasthüren, durch welche ein Springbrunnen mit einem Amor, blühende Fliederbüsche und einige Pappelbäume sichtbar sind. Eingänge rechts und links.
Links auf der Bühne eine Ecke eines großen Kachelherdes mit einem Teil des Rauchfanges.
Rechts das eine Ende eines Gesindeeßtisches aus weißem Fichtenholz mit einigen Stühlen; auf dem Tisch eine große japanische Kruke mit Flieder.
Der Herd ist mit Birkenzweigen ausgeputzt, der Boden mit Wachholder bestreut.
Ein Eisschrank, ein Waschtisch und ein Aufwaschtisch. Eine große, altertümliche Schlaguhr über der Thüre und ein Sprachrohr auf der linken Seite derselben.
_Christine_ steht links am Herd und bratet etwas in einer Pfanne; sie hat ein helles Kattunkleid an und eine Küchenschürze um. _Jean_ kommt durch die Glasthür hinein, in Livree; er trägt in der Hand ein paar große Reitstiefel mit Sporen, die er auf einer sichtbaren Stelle hinten auf den Boden stellt.
_Jean._ Heute Abend ist das Fräulein Julie wieder verrückt, total verrückt!
_Christine._ So, du bist jetzt hier?
_Jean._ Ich begleitete den Herrn Grafen zur Station, und als ich auf dem Rückweg an der Scheune vorüberkam, ging ich hinein, um zu tanzen. Fräulein Julie tanzte gerade mit dem Förster; als sie mich aber gewahr wurde, fährt sie gerade auf mich los und fordert mich zum Damenwalzer auf. Und seitdem hat sie in einer Weise getanzt, daß ich nie etwas derartiges gesehen habe. Sie ist einfach verrückt.
_Christine._ Das ist sie ja immer gewesen, aber niemals so, wie die letzten vierzehn Tage, seitdem die Verlobung aufgehoben wurde.
_Jean._ Ja, was war das eigentlich für eine Geschichte. Es war doch ein feiner Kerl, wenn er auch nicht reich war. Ach ja! sie haben so viele Launen! (Er setzt sich rechts an den Tisch.) Es ist in jedem Fall sonderbar von dem Fräulein, daß sie lieber bei den Leuten zu Hause bleiben will, als ihren Vater zu ihren Verwandten begleiten? Nicht?
_Christine._ Ja, sie fühlt sich wohl gleichsam ein wenig geniert nach der Geschichte mit ihrem Bräutigam.
_Jean._ Kann schon sein! Aber es war doch in jedem Fall ein tüchtiger Kerl. Weißt du, Christine, wie es kam? Ich sah es mit an, obgleich ich mir nichts merken lassen wollte.
_Christine._ Wie? Du sahst es mit an?
_Jean._ Ja, das that ich. Sie waren eines Abends unten im Stallhof, und das Fräulein »tränierte« ihn, wie sie es nannte -- weißt du, was sie machte? Sie ließ ihn über die Reitpeitsche springen, wie einen Hund, den man »hop« machen lehrt. Zweimal sprang er hinüber und bekam jedesmal einen Schlag; aber das dritte Mal nahm er ihr die Reitpeitsche aus der Hand, zerbrach sie in tausend Stücke und -- ging.
_Christine._ So kam es? Nein, was du sagst!
_Jean._ Ja, so kam es! Aber kannst du mir nun nicht etwas Gutes zu essen geben, Christine?
_Christine_ (legt aus der Pfanne auf und setzt es Jean vor). Ach, nur ein bißchen Nieren, die ich aus dem Kalbsbraten herausgeschnitten habe!
_Jean_ (beriecht das Essen). Ah! Sehr schön, das ist mein größtes Delice! (Er befühlt den Teller.) Aber du hättest den Teller wärmen können!
_Christine._ Du bist noch krittlicher, als selbst der Graf, wenn du erst einmal anfängst. (Sie zieht ihn liebkosend am Haar.)
_Jean_ (böse). Au! Du mußt mich nicht so reißen, du weißt ja, wie empfindlich ich bin.
_Christine._ Na, na, es war ja nur aus Liebe.
_Jean_ (ißt).
_Christine_ (zieht eine Flasche Bier auf).
_Jean._ Bier in der Johannisnacht? Nein, danke bestens! Da habe ich selbst was Besseres. (Er öffnet die Tischschublade und nimmt eine Flasche Rotwein mit gelbem Lack heraus.) Gelber Lack, siehst du! Gieb mir nun ein Glas! Ein Fußglas, versteht sich, wenn man _reinen_ Wein trinkt.
_Christine_ (wendet sich wieder zum Herd und setzt eine kleine Kasserole auf). Gott sei der gnädig, die dich einmal zum Mann bekommt! So ein Kräkler!
_Jean._ Ach red' doch nicht! Du wärst sehr vergnügt, wenn du so'n feinen Kerl, wie mich, bekämst; und ich glaube nicht, daß du davon Schaden hast, daß man mich deinen Liebsten nennt! (Er schmeckt den Wein.) Ah! Sehr fein! Sehr fein! Nur etwas zu wenig temperiert! (Er wärmt das Glas mit der Hand.) Den haben wir in Dijon gekauft. Und er kam vier Francs der Liter ohne Glas; und dann noch der Zoll dazu! Was kochst du denn jetzt? Das stinkt ja infernalisch!
_Christine._ Ach, das ist so ein Teufelsdreck, den Fräulein Julie für die Diana haben will.
_Jean._ Du solltest dich ein wenig zierlicher ausdrücken, Christine! Aber warum mußt du am heiligen Abend dastehen und für das Beest kochen? Ist es krank, was?
_Christine._ Jawohl! Sie hat sich zu dem Hofhund hinausgeschlichen -- und da haben sie Unsinn gemacht -- und siehst du, davon will das Fräulein nichts wissen.
_Jean._ Ja, in einer Beziehung ist das Fräulein zu stolz und in anderer zu wenig stolz, ganz wie die Gräfin bei Lebzeiten. Sie fühlte sich am wohlsten in der Küche und im Stall, aber sie wollte niemals mit _einem_ Pferd fahren; sie ging mit schmutzigen Manschetten, mußte aber die Grafenkrone auf den Knöpfen haben. Das Fräulein, um nun von ihr zu reden, nimmt sich und ihre Person nicht genug in acht. Ich möchte sagen, sie ist nicht fein. Jetzt eben, als sie in der Scheune tanzte, riß sie den Förster von Annas Seite fort und forderte ihn selbst auf. Wir würden uns nicht so benehmen; aber so geht es, wenn die Herrschaften sich gemein machen, dann -- werden sie gemein! Aber stattlich ist sie! Prachtvoll! O! Diese Schultern! Dieser Busen! und -- &c.!
_Christine._ Na, dabei ist auch viel Kunst! Ich weiß, was Klara gesagt hat, die ihr beim Anziehen hilft.
_Jean._ Pah, Klara! Ihr seid immer neidisch aufeinander! Ich bin mit ihr ausgewesen und habe sie reiten sehen -- Und dann, wie sie tanzt!
_Christine._ Höre einmal, Jean! Willst du nicht mit mir tanzen, wenn ich fertig bin?
_Jean._ Ja, natürlich will ich das.
_Christine._ Versprichst du es mir?
_Jean._ Versprechen? Wenn ich sage, ich thue es, dann thue ich es auch! Indessen besten Dank für das Essen. Es war sehr gut. (Er schlägt den Pfropfen in die Flasche hinein.)
_Das Fräulein_ (in der Glasthür, spricht nach außen). Ich bin sogleich wieder da! Geht nur solange voran!
_Jean_ (verbirgt die Weinflasche in der Tischschublade und steht dann ehrerbietig auf).
_Fräulein Julie_ (tritt ein und geht zu Christine an den Herd). Na! Ist es fertig?
_Christine_ (giebt ihr durch Zeichen zu verstehen, daß Jean zugegen ist).
_Jean_ (galant). Haben die Damen Geheimnisse vor?
_Julie_ (schlägt ihm mit dem Taschentuch ins Gesicht). Ist Er neugierig?
_Jean._ Ach, wie schön das nach Veilchen duftete!
_Julie_ (kokett). Unverschämter! Versteht Er sich auch auf Parfüms? Tanzen kann Er -- Nicht hersehen! Geh Er fort! (Sie tritt hinter den Tisch.)
_Jean_ (naseweis, aber artig). Ist es ein Zaubertrank, was die Damen da in der Johannisnacht brauen? Etwas, um dann in den Sternen des Glückes zu lesen, sodaß man seine Zukünftige zu sehen bekommt!
_Julie_ (scharf). Ja, wenn Er die zu sehen bekommt, dann muß Er gute Augen haben! (Zu Christine.) Gieße es in eine halbe Flasche hinein und korke es fest zu. Komm Er nun und tanze einen Schottisch mit mir, Jean -- (Sie läßt ihr Taschentuch auf dem Tisch liegen.)
_Jean_ (zögernd). Ich will gegen niemand unartig sein, aber diesen Tanz hatte ich Christinen versprochen --
_Julie._ Na, sie kann ja einen andern bekommen. (Sie tritt zu Christine.) Oder wie, Christine? willst du mir den Jean nicht leihen?
_Christine._ Das hängt nicht von mir ab. Wenn das gnädige Fräulein so herablassend ist, so paßt es sich nicht, daß er nein sagt. Geh nur! und bedanke dich für die Ehre.
_Jean._ Aufrichtig gesprochen, aber ohne Sie verletzen zu wollen, ist es klug von Ihnen, Fräulein Julie, zweimal hintereinander mit demselben Herrn zu tanzen, besonders da die Leute hier sehr geneigt sind, allerhand Schlüsse zu ziehen --
_Julie_ (braust auf). Was soll das heißen? Was für Schlüsse? Was meint Er damit?
_Jean_ (ausweichend). Da das Fräulein mich nicht verstehen wollen, muß ich deutlicher reden. Es sieht nicht gut aus, wenn Sie einen Ihrer Untergebenen den andern, die dieselbe ungewöhnliche Ehre erwarten, vorziehen --
_Julie._ Vorziehen! Was bildet Er sich ein! Ich bin ganz erstaunt! Ich, die Herrin des Hauses, beehre den Tanz der Leute mit meiner Gegenwart, und wenn ich nun wirklich tanzen will, so will ich es mit einem, der führen kann, sodaß ich dem entgehe, ausgelacht zu werden.
_Jean._ Wie das Fräulein befehlen! Ich stehe zu Diensten!
_Julie_ (sanft). Sprechen Sie jetzt nicht von befehlen. Heute Abend sind wir ja als frohe Menschen auf dem Fest und legen allen Rang ab! So, geben Sie mir denn Ihren Arm! Sei ganz ruhig, Christine! Ich werde dir deinen Schatz nicht entführen!
_Jean_ (bietet ihr seinen Arm und führt sie durch die Glasthür hinaus).
_Christine_ allein.[D]
Schwache Violinenmusik in einiger Entfernung im Takt eines Schottisch.
_Christine_ (summt die Musik mit, räumt den Tisch ab, wo Jean gegessen hat, wäscht den Teller am Aufwaschtisch ab, trocknet ihn ab und setzt ihn in einen Schrank. Dann legt sie die Küchenschürze ab, nimmt einen kleinen Spiegel aus der Tischschublade, stellt ihn gegen die Krucke mit Flieder auf dem Tisch, zündet ein Talglicht an und macht eine Haarnadel heiß, mit der sie ihre Stirnhaare kräuselt. Darauf geht sie an die Glasthüre und lauscht, kommt wieder an den Tisch zurück, findet das Taschentuch des Fräuleins, das dieselbe vergessen, nimmt es und riecht daran; dann breitet sie es in Gedanken aus, reckt es, streicht es glatt und legt es viermal zusammen).
[Anmerkung D: Diese stumme Scene muß gespielt werden, als wenn die Schauspielerin wirklich allein wäre: also sie muß nach Bedürfnis dem Publikum den Rücken zuwenden und nicht in den Zuschauerraum hineinsehen; auch sich nicht übereilen, als wenn sie fürchtete, das Publikum könnte ungeduldig werden. Der Verfasser.]
_Jean_ (kommt allein durch die Glasthür zurück). Ja, sie ist verrückt. So zu tanzen! Und die Leute stehen an den Thüren und grinsen über sie. Was sagst du dazu, Christine?
_Christine._ Ach, es ist ja jetzt ihre Zeit, und da ist sie immer so sonderbar. Aber willst du jetzt kommen und mit mir tanzen?
_Jean._ Du bist doch wohl nicht böse, daß ich dir echappierte?
_Christine._ Nein! Nicht im geringsten, das weißt du ja; und ich kenne auch meine Stellung --
_Jean_ (legt die Hand um ihre Taille). Du bist ein verständiges Mädchen, Christine, und würdest eine tüchtige Hausfrau werden --
_Julie_ (kommt durch die Glasthüre herein; sie ist unangenehm überrascht; mit erzwungener Munterkeit). Sie sind ja ein scharmanter Kavalier -- der seiner Dame davonspringt.
_Jean._ Im Gegenteil, Fräulein Julie, wie Sie sehen, habe ich mich beeilt, die Verlassene aufzusuchen!
_Julie_ (in anderm Ton). Wissen Sie, daß Sie wie kein anderer tanzen! Aber warum gehen Sie am Festabend in Livree? Legen Sie sie gleich ab!
_Jean._ Dann muß ich das Fräulein bitten, sich einen Augenblick zu entfernen, denn mein schwarzer Rock hängt hier -- (Er geht mit entsprechender Gebärde nach rechts.)
_Julie._ Geniert Er sich vor mir! Um einen Rock zu wechseln! Geh' Er denn in sein Zimmer und komme wieder zurück! Übrigens kann Er auch hierbleiben, ich drehe mich um!
_Jean._ Mit Ihrer Erlaubnis, mein Fräulein. (Er geht nach links, man sieht seinen Arm, wenn er den Rock wechselt.)
_Julie_ (zu Christine). Höre, Christine; ist Jean dein Schatz, da er so vertraut mit dir ist?
_Christine_ (nach dem Herd gehend). Schatz? Ja, wenn man so will! Wir nennen es so.
_Julie._ Nennen?
_Christine._ Na, das Fräulein haben ja selbst einen Schatz gehabt, und --
_Julie._ Ja, wir waren richtig verlobt --
_Christine._ Aber es wurde ja doch nichts daraus -- (Sie setzt sich und schläft nach und nach ein.)
_Jean_ (in schwarzem Rock und mit schwarzem Hut).
_Julie._ Très gentil, monsieur Jean! Très gentil!
_Jean._ Vous voulez plaisanter, madame!
_Julie._ Et vouz voulez parlez français! Wo haben Sie das gelernt?
_Jean._ In der Schweiz, als ich in einem der ersten Hotels in Luzern Zimmerkellner war!
_Julie._ Aber Sie sehen in dem Rock ja wie ein Gentleman aus! Charmant! (Sie setzt sich an den Tisch rechts.)
_Jean._ Ach, Sie schmeicheln!
_Julie_ (verletzt). Schmeicheln? Ihm?
_Jean._ Meine angeborene Bescheidenheit erlaubt mir nicht zu glauben, daß Sie einem Menschen, wie mir, veritable Artigkeiten sagen, und darum erlaubte ich mir, anzunehmen, daß Sie übertrieben, oder wie man zu sagen pflegt, schmeichelten!
_Julie._ Wo haben Sie es gelernt, so Ihre Worte zu setzen? Sie müssen das Theater viel besucht haben?
_Jean._ Gewiß! Ich habe viele Orte besucht!
_Julie._ Aber Sie sind doch hier in der Gegend geboren?
_Jean._ Mein Vater war Instmann bei dem Staatsanwalt dieses Bezirks, und ich habe auch das Fräulein als Kind gesehen, obgleich das Fräulein mich nicht bemerkt haben!
_Julie._ Wirklich?
_Jean._ Ja, und auf einmal besinne ich mich namentlich -- ja, aber davon kann ich nicht reden!
_Julie._ O ja -- thun Sie es doch! Wie? Mir zum Gefallen!
_Jean._ Nein, ich kann jetzt wirklich nicht! Ein andermal vielleicht.
_Julie._ Ein andermal ist gar keinmal. Ist es denn jetzt so gefährlich?
_Jean._ Gefährlich ist es nicht, aber es ist doch am besten, es zu unterlassen! Sehen Sie nur, die da! (Er zeigt auf Christine, die auf einem Stuhl am Herde eingeschlafen ist.)
_Julie._ Das wird eine muntere Frau. Vielleicht schnarcht sie auch?
_Jean._ Das thut sie nicht; aber sie spricht im Schlaf.
_Julie._ Woher wissen Sie, daß sie im Schlaf spricht?
_Jean._ Ich habe es gehört!
(Pause, in der sie einander betrachten.)
_Julie._ Warum setzen Sie sich nicht?
_Jean._ Das darf ich mir in Ihrer Gegenwart nicht erlauben!
_Julie._ Und wenn ich es befehle?
_Jean._ Dann gehorche ich.
_Julie._ Setzen Sie sich! -- Aber warten Sie! Können Sie mir nicht etwas zu trinken geben?
_Jean._ Ich weiß nicht, was sich hier im Eisschrank vorfindet. Ich glaube, es ist nur Bier.
_Julie._ Das ist nicht zu verachten! und ich meinesteils habe einen so einfachen Geschmack, daß ich es dem Wein vorziehe.
_Jean_ (nimmt eine Bierflasche aus dem Eisschrank, welche er aufzieht; er sucht im Schrank nach einem Glas und einem Teller, auf dem er serviert). Darf ich bitten!
_Julie._ Danke! Wollen Sie nicht auch trinken?
_Jean._ Ich bin gerade kein Bierfreund, aber wenn das Fräulein befehlen!
_Julie._ Befehlen? Mir scheint, als höflicher Kavalier könnten Sie Ihrer Dame Gesellschaft leisten.
_Jean._ Das ist sehr richtig bemerkt! (Er zieht noch eine Flasche auf und nimmt ein Glas.)
_Julie._ Trinken Sie nun auf mein Wohl!
_Jean_ (zögert).
_Julie._ Ich glaube, der alte Kerl ist schüchtern!
_Jean_ (auf den Knieen scherzhaft parodierend, erhebt sein Glas). Das Wohl meiner Herrin!
_Julie._ Bravo! -- Nun müssen Sie auch meinen Schuh küssen, dann ist es vollständig.
_Jean_ (zögert, faßt dann aber dreist ihren Fuß und küßt ihn flüchtig).
_Julie._ Ausgezeichnet! Sie hätten Schauspieler werden sollen.
_Jean_ (erhebt sich). Das geht nicht so weiter, Fräulein! Es könnte jemand kommen und uns sehen.
_Julie._ Was thäte das?
_Jean._ Die Leute würden ganz einfach darüber sprechen. Und wenn das Fräulein wüßten, wie die Mäuler schon vorhin gingen, dann --
_Julie._ Was sagten sie denn? Erzählen Sie es mir! Aber setzen Sie sich!
_Jean_ (setzt sich). Ich möchte Sie nicht kränken, aber sie gebrauchten Ausdrücke -- die Vermutungen der Art andeuteten, daß -- ja, Sie werden das ja wohl selbst verstehen! Sie sind ja kein Kind mehr, und wenn man eine Dame allein mit einem Mann zusammen trinken sieht -- sei es auch nur ein Bedienter -- zumal noch in der Nacht -- dann --
_Julie._ Was dann? Und übrigens sind wir nicht allein. Christine ist ja hier.
_Jean._ Ja, sie schläft.
_Julie._ Dann werde ich sie wecken. (Sie steht auf.) Christine! Schläfst du?
_Christine_ (im Schlaf). Bla--bla--bla--bla!
_Julie._ Christine! -- Die kann schlafen!
_Christine_ (im Schlaf). Die Stiefeln des Grafen sind geputzt -- Kaffee aufsetzen -- sofort, sofort, sofort. -- O, o! -- Puh!
_Julie_ (faßt sie bei der Nase). Willst du aufwachen!
_Jean_ (streng). Stören Sie einen Schlafenden nicht!
_Julie_ (scharf). Wie?
_Jean._ Wer den ganzen Tag am Herd gestanden hat, kann müde sein, wenn die Nacht kommt. Und den Schlaf soll man respektieren.
_Julie_ (in anderm Ton). Das ist hübsch gedacht, und das ehrt Ihn -- Danke! (Sie reicht Jean die Hand.) Kommen Sie nun hinaus und pflücken Sie mir etwas Flieder!
_Christine_ (erwacht während des Folgenden und geht schlaftrunken nach rechts ab, um sich zu Bett zu begeben).
_Jean._ Mit dem Fräulein?
_Julie._ Mit mir!
_Jean._ Das geht nicht! Absolut nicht!
_Julie._ Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Sollte es möglich sein, daß Sie sich etwas einbilden?
_Jean._ Ich nicht, aber die Leute!
_Julie._ Was? Daß ich in einen Bedienten verliebt wäre?
_Jean._ Ich bin kein eingebildeter Mensch, aber man hat Beispiele gesehen -- und den Leuten ist nichts heilig.
_Julie._ Er ist, glaube ich, Aristokrat!
_Jean._ Ja, das bin ich.
_Julie._ Und ich steige herab --
_Jean._ Steigen Sie nicht herab, Fräulein, hören Sie meinen Rat! Niemand glaubt, daß Sie gutwillig herabsteigen; die Leute werden immer sagen, Sie sind gefallen!