Part 7
»Und ich frage Sie, Herr von Plessow, mit welchem Recht Sie sich in meine Angelegenheiten mischen.«
Rolf war auf das äußerste durch die herausfordernde Art des andern gereizt. Die Adern schwollen dick an auf seiner Stirn. Er biß die Zähne zusammen und ballte die Hände. Der reichlich genossene, schwere Wein machte sich bei beiden geltend, und dazu kam noch die gegenseitige Abneigung.
Plessow lächelte höhnisch. »Erstens mit dem Recht, jeder von einem Aufdringlichen belästigten Dame zu Hilfe zu kommen --«
»Herr --« fuhr da Hagendorf auf. »Sie werden unverschämt.« Er hatte alle Besinnung verloren und machte eine Bewegung, als wolle er sich auf den andern losstürzen.
»Meine Herren, ich bitte -- um Gotteswillen,« rief Malten aufs höchste erschrocken aus, indem er zwischen die beiden trat -- »Mäßigung!«
Aber es war zu spät. Plessow sagte kalt: »Sie werden mir für Ihre Worte Genugtuung geben.« Zustimmend, mit kurzer, knapper Verbeugung verneigte sich Rolf. Ehe er aber etwas sagen konnte, fuhr der andere fort:
-- »Und zweitens habe ich doch wohl das Recht, meine -- Braut gegen Sie zu schützen.« Dabei legte er seinen Arm um das Mädchen.
Wie vom Blitz getroffen stand Rolf da. Er war kreidebleich geworden, und seine Züge hatten sich förmlich verzerrt, zu jäh und niederschmetternd war ihm die Eröffnung gekommen. Er warf einen langen, unbeschreiblichen Blick auf Viola. Ein neugieriges, grausames Lächeln spielte um ihren üppigen Mund, und in ihren Augen glitzerte ein kaltes Licht, während sie sich an ihren Verlobten lehnte und mit den roten Nelken an ihrem Kleide spielte. Sie hatte jetzt ihre Sensation!
»Ich werde meinen Schwager, Herrn Oberleutnant Haßler, beauftragen, das Weitere zu verhandeln. Ich stehe jederzeit und in jeder Weise zu Diensten.«
Er hatte seine Selbstbeherrschung wiedergefunden. Stolz richtete er sich auf, grüßte steif und ging festen Schrittes hinaus, ohne Viola noch eines Blickes zu würdigen.
Mit leichtem Vorwurf in der Stimme wandte sich da Malten zu ihr. »Wir haben dich schon überall gesucht, Viola! Es ist gleich zwölf Uhr. Eure Verlobung soll jetzt bekannt gegeben werden, und zwar will der Kommandeur das selbst tun -- und die Hauptperson fehlt!«
Er war sehr erregt über den vorangegangenen Auftritt, der aber die beiden andern gar nicht weiter zu rühren schien. Wie ein Schmeichelkätzchen schmiegte sich Viola an den Verlobten, um ihn schnell darüber wegzubringen. Sie wollte unnütze Fragen vermeiden, und der lange Plessow war zu verliebt, um von ihrer Zärtlichkeit nicht beglückt zu sein.
Unmutig entgegnete sie ihrem Schwager: »Hat dir denn Ilse nicht gesagt, daß ich mir Frau Bertholds Geburtstagstisch ansehen wollte? Sie war doch mit oben -- und ich war eben im Begriff zu gehen, als Hagendorf kam. Ich kann doch nichts dafür --«, auf keinen Fall durfte es den Anschein haben, als ob ihr Zusammensein mit Hagendorf doch nicht ganz so zufällig war.
»Er soll es mir büßen, daß er dich in solcher Weise belästigt hat,« sagte Plessow ingrimmig. »Längst hat es mich verdrossen, daß er wie dein Schatten war. Ich werde ihm einen gehörigen Denkzettel geben. Nun komm, damit unser Fernbleiben nicht auffällt.« Er zog ihren Arm durch den seinen und sie begaben sich zu der Gesellschaft zurück, ohne daß sie nur ein Wort der Angst und Sorge äußerte, wie das Duell wohl für den Verlobten ausfallen würde.
Wie vorauszusehen war, hatte das Bekanntgeben der Verlobung Viola Düsings mit Philipp v. Plessow ungeheures Aufsehen erregt. Lächelnd stand das Brautpaar da und nahm die Glückwünsche der Anwesenden entgegen. Unwillkürlich mußte Beate zu dem Gatten hinübersehen, der mit düster glühenden Augen dastand, und sie bemerkte, daß viele das gleiche taten.
Wie mußte seine Eitelkeit leiden unter dem Gaffen der Menge, die um seine Vorliebe für jenes kokette, kaltherzige Mädchen gewußt, das nun so siegessicher seinen letzten Trumpf ausgespielt, ihn damit wirklich dem spöttischen Mitleid der anderen preisgebend! Und das große Erbarmen ihrer echten, edlen Weibesnatur erwachte. Sie vergaß, was er ihr angetan, sie fühlte nur, daß ein längeres Verweilen für ihn unerhörte Qual bedeuten mußte, wenn es auch klüger war. Aber so wurde geredet und so auch; da blieb es sich schließlich gleich.
Sobald es möglich war, verließen sie unauffällig die Gesellschaft, und Martina hielt sie auch nicht zurück, es war ihr selbst lieber so.
Rolf war seiner Frau von Herzen dankbar, daß sie ihm die Gelegenheit dazu gegeben, ihm in ihrer feinfühligen, verstehenden Art entgegenkam. Ihre Worte über Viola fielen ihm ein. Wie hatte sie recht in ihrem Urteil gehabt, und eine tiefe Scham erfüllte ihn, daß er um ein solches Geschöpf sein hochherziges Weib vernachlässigte, und die Erkenntnis tauchte in ihm auf, spät genug freilich, was er in seinem Leichtsinn aufgegeben.
In plötzlicher Aufwallung küßte er die Hand seiner Frau. »Beate, ich danke dir,« sagte er gepreßt.
»Warum? ein guter Kamerad soll dem andern immer helfen.«
»Auch wenn der ein schlechter war?« fragte er leise.
»Ja, immer!« sagte sie einfach. Aber ihre Stimme klang traurig, und ihre Augen blickten trübe vor sich hin.
8.
Ein trüber Novembertag. Es wollte nicht hell werden; grau und undurchdringlich hing der Himmel über der herbstlichen Erde, und ein feuchter Nebel ging nieder. Es war ein Wetter zum Traurigwerden, das sensible Naturen drückte und ängstigte.
Beate fröstelte. Ein unbestimmtes Gefühl der Angst und Sorge erfüllte sie; eine innere Unrast trieb sie von einem Zimmer ins andere, kaum, daß sie bei ihrem Kinde Ruhe fand. Sie konnte sich diesen Zustand nicht erklären, der ihr sonst fremd war. Vielleicht ließen die Ereignisse der letzten Tage sie so nervös sein.
»Herr Oberleutnant Haßler!« meldete der Diener, sie im Kinderzimmer aufsuchend. Verwundert blickte sie auf und ging ins Wohnzimmer, in dem der Bruder ihrer harrte. Er stand am Fenster und hatte ihr den Rücken zugedreht.
»Guten Morgen, Adolf. Was führt dich so früh schon zu mir?«
Langsam wandte er sich ihr zu, und sie blickte in ein tiefernstes Männerangesicht, aus dem jede Spur fröhlichen Humors hinweggewischt war. »Morgen, Bea!« Und er preßte fast heftig ihre Hand.
»Adolf!« rief sie da erschreckt, »du siehst aus wie jemand, der nichts Gutes bringt.«
»Du hast recht,« sagte er leise.
Ihr Herz begann heftig zu klopfen. Sie drückte beide Hände darauf und holte tief Atem. »Was? Was -- ist's? Etwas mit den Eltern? Nein? Dann mit Rolf? Schnell, schnell!«
Er faßte teilnehmend ihre Hand. »Fasse dich, Bea, sei stark! Man bringt dir deinen Gatten -- verwundet ins Haus.«
»Verwundet? Wie kam das?« Dann in plötzlichem Verstehen: »Im Duell verwundet?«
Adolf nickte.
»Aber mit wem denn? Um Gottes willen!«
Angstvoll hingen ihre Augen an seinen Lippen.
»Mit Plessow.«
»Und um die Düsing?«
»Um die Düsing!«
Beate stöhnte auf. Daher auch sein verändertes weiches Wesen gestern, das sie an die erste Zeit ihrer jungen Ehe erinnerte!
»Man wird ihn sogleich bringen; ich bin vorausgeeilt. -- Mut, meine starke Schwester!«
»Er ist tot!« schrie sie da auf. »Verhehle mir nichts!«
»Nein, nein, Beate, aber schwer verwundet. So hat es Plessow doch nicht gewollt.«
Sie raffte sich auf, und mit Adolfs Hilfe richtete sie schnell das Nötigste her zum Empfange des Kranken. Der Wagen hielt, der ihn brachte. Ganz behutsam trug man Rolf ins Haus und legte ihn auf sein Bett.
Er hatte die Augen geschlossen und röchelte leise. Mit Jammer im Herzen sah Beate auf den todwunden Gatten und beobachtete den Arzt, der sich um ihn bemühte. »Kann ich Ihnen helfen?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, nichts. Wenn wir nur die Kugel finden könnten.«
Sein Gesicht war tiefernst. Er wußte es, daß keine Hoffnung war, den Verwundeten am Leben zu erhalten, und auch Beate sah mit ihrem geübten Auge, daß er auf den Tod darniederlag. Für sie gab es nicht die tröstende Ungewißheit, es kann doch noch besser werden -- ein Wunder kann kommen, sie mußte der grausamen Gewißheit ins Auge sehen: seine Stunden sind gezählt! Denn dieser Schuß durch die Brust mußte durchaus tödlich sein. Und sie konnte ihm nur noch sein Sterben erleichtern.
Fast übermenschlich bezwang sie sich. Klagen und Weinen hatten keinen Zweck. Die Augen brannten ihr von zurückgehaltenen Tränen, und das Mitleid, den so lebensvollen Mann so vor sich zu sehen, ein Bild des Jammers, drohte ihr das Herz zu brechen. Mit linder Hand schaffte sie ihm die Erleichterungen, die er noch haben konnte. Sie wischte ihm den Schweiß von der Stirn und achtete angstvoll auf jede Bewegung.
Der Stabsarzt sah, daß er hier überflüssig war. Sein Patient war ja in den besten Händen. »Ich gehe, gnädige Frau. Sollten Sie mich nötig haben, dann telephonieren Sie, bitte,« sagte er leise.
»Sie wissen doch genau, Herr Doktor, daß das nicht mehr der Fall sein wird.«
Ihre Stimme klang seltsam heiser und tonlos.
Er konnte nichts darauf erwidern, sondern drückte ihr nur stumm die Hand. Sie wich nicht von dem Lager des todwunden Mannes. Lange, bange Stunden vergingen. Sie sah die Veränderung in seinem Gesicht, wie die Schatten des Todes darüber fielen. Da öffnete er die Augen, und sie las darin wiederkehrendes Bewußtsein.
»Ich bin bei dir, Rolf. Kennst du mich, -- deine Bea?« flüsterte sie mit weicher Stimme, die schon so vielen Kranken Beruhigung gebracht hatte.
Seine Lippen suchten einige Worte zu formen, sie neigte sich über ihn und hauchte einen Kuß auf seine Stirn. »Mein lieber Mann!« Wie der Schein eines Lächelns flog es über sein Gesicht; dankbar und groß blickte er sie noch einmal an, dann fielen die Lider wieder schwer über seine Augen.
Eine Stunde noch -- und dann war alles vorbei. Weinend lag Beate an der Brust des Bruders, der im Nebenzimmer still gewartet.
Die Spannung der letzten Stunden legte sich jetzt in einem heftigen Weinkrampf, ihre Nerven versagten. Adolf ließ sie sich ausweinen, damit sie Erleichterung bekam. Mit sanften Worten suchte er die ihm so teure Schwester zu trösten. Er selbst stand tief erschüttert an dem Sterbelager seines liebsten Freundes und Schwagers, dessen junges Leben einem tückischen Verhängnis zum Opfer gefallen war -- und der Laune eines koketten Weibes.
Beate hatte den Abschiedsbrief des Gatten gelesen, in dem er sie um Verzeihung für alles Ungemach gebeten und ihr zugleich für das gedankt, was sie ihm gewesen; jetzt, vielleicht an der Schwelle des Todes stehend, erkenne er alles und sehe, wie er in törichter Verblendung gefehlt. In rührenden Worten hatte er geschrieben, und sie war tief ergriffen davon. Sie kniete an seinem Bette, und ihr blonder Kopf lag auf seinen erkalteten Händen.
Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. Sie wußte jetzt den Zusammenhang, aber vergab ihm alles, ohne Bitterkeit im Herzen. Mit seinem Tod hatte er gesühnt. Sie hätte wer weiß was gegeben, wäre es ihr gelungen, ihn dem Leben zu erhalten, das er so sehr geliebt. Nun hatte er die sonnigen Augen für immer geschlossen, und er hatte sie so früh zur Witwe gemacht, und ihr blieb nichts als ihr Sohn.
* * * * *
Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Beate von Hagendorf hatte in dieser Zeit ganz zurückgezogen gelebt und sich nur ihrem Kinde gewidmet, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Der kleine Karl Friedrich war ein bildhübscher Junge geworden; er sah seinem Vater sehr ähnlich. Martina Berthold verzog ihn auf die erdenklichste Weise, so daß Beate manchmal schelten mußte. Der Verkehr der beiden Frauen miteinander hatte noch an Innigkeit zugenommen, und selten verging ein Tag, an dem sie sich nicht sahen.
Viola Düsing war seit einem Jahr verheiratet. Plessow sowohl als auch Malten waren aber versetzt, nachdem ersterer seine Festungshaft abgebüßt hatte. Die beiden Damen waren wenig im Regiment beliebt; dazu kam noch der unglückselige Zwischenfall mit Hagendorf, dessen tragisches Geschick die allgemeinste, wärmste Teilnahme hervorgerufen -- genug, es war ihnen selbst ungemütlich geworden, so daß sie um Versetzung eingekommen waren.
Martina suchte die junge Witwe langsam dem Leben zurückzugewinnen. Beate hatte den Gatten tief und innig betrauert; aber diese Trauer war jetzt einer stillen Wehmut gewichen; und sie kam den Bestrebungen der Freundin entgegen. Sie lehnte deren Einladung nicht mehr ab, wenn sie wußte, daß Gäste bei Bertholds waren. Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung, die sie in jenem auserwählten Kreise in reichstem Maße fand. Sie gehörte jetzt mit zum Vorstand des Frauenvereins und hatte reichlich Gelegenheit, ihre werktätige Menschenliebe auszuüben. Allmählich war es gekommen, daß sie regelmäßig den Jugendfreund bei Bertholds traf, wenn sie die Mittwoch- und Sonntagabende dort zubrachte. Sie hatte sich daran gewöhnt und war ihm nicht mehr wie im Anfang scheu ausgewichen. Offen gestand sie sich sogar ein, daß sie sich freute. Er war von einer zarten Rücksichtnahme gegen sie, die sie tief rührte, und ihr Gefühl sagte ihr ganz richtig, daß er sie noch mit derselben Zuneigung wie früher liebte -- er war eben beständig und treu!
Längst wußte ja Martina von Georg um seine früheren Beziehungen zu Beate, die aber, sonst nicht verschlossen, sich über diesen Punkt nie zur Freundin geäußert. Und Martina erwähnte auch nicht, daß sie etwas wußte; sie tat vollkommen arglos, um der Freundin nicht die Unbefangenheit zu rauben; sie wollte die zarten Fäden, die sich da unter ihren Augen anspannen, nicht zerstören. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte die kluge Frau.
Es war Mittwoch abend -- der Abend, an dem Beate und Georg Scharfenberg stets Gäste bei Bertholds waren. Der Professor war etwas enttäuscht, und man sah ihm das auch an, daß er Beate heute nicht traf. »Ja, lieber Freund,« sagte Martina lächelnd, die seinen suchenden Blick aufgefangen hatte, »ja, Sie müssen heute abend mit unserer Gesellschaft fürlieb nehmen; Frau Beate hat abgesagt.«
»Aber warum?« --
»Der Junge ist nicht wohl, und Sie wissen, sie ist sehr ängstlich. Er habe etwas Fieber, ließ sie sagen. Ich will morgen früh gleich nach ihm sehen.«
»Hoffentlich ist's nichts Ernstliches. Frau von Hagendorf versteht ja als Dr. med. die Sache zu beurteilen,« lächelte er.
Nachdem man gegessen, begab man sich in das Wohnzimmer der Hausfrau, wie es sonst auch immer der Fall war. Es war aber, als fehle den dreien etwas, und schließlich sprach der Hauptmann das auch aus. »Weiß Gott, wie man sich an einen Menschen gewöhnen kann; ich vermisse wirklich Frau Beate, wir vier gehören einmal zusammen,« und seine Gattin stimmte ihm zu.
Der Professor saß stumm da und blickte gedankenvoll in die Glut des Kaminfeuers. Langsam strich er den sorgfältig gepflegten Bart, und unwillkürlich seufzte er ein wenig auf. »O, lieber Freund, das kam aber weit her -- und ich wette, daß ich auch weiß, wohin es ging,« scherzte Berthold.
Georg errötete etwas.
»Nun? Doch sicher zu einer gewissen blonden Frau, die --«
»O nicht doch, Berthold.«
»Na, na, warum denn streiten, was wir längst wissen«, meinte er begütigend, »und warum sollen wir nicht davon sprechen, woran wir doch denken! Wäre es denn nicht das Gescheiteste, Sie heirateten, und zwar jene Frau, die uns allen heute so fehlt? Und für Sie ist es höchste Zeit, daß Sie heiraten; denn immer können Sie sich schließlich doch nicht an fremder Leute Kamine wärmen, womit ich aber durchaus nicht gesagt haben will, daß Sie uns etwa nicht mehr willkommen wären. Ich spreche nur in Ihrem Interesse; Sie müssen mich richtig verstehen, eigener Herd ist Goldes wert.«
Der Professor war aufgesprungen, und ging erregt im Zimmer auf und ab. Unablässig glitt seine Hand durch den Bart. Endlich blieb er vor den beiden stehen. »Berthold, lieber Freund, das alles habe ich mir schon hundertmal überlegt, aber wenn es nun wieder nichts ist -- was dann?«
»Ach was, wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Und diesmal -- ich wette -- wird Frau Beate nicht wieder auf ihrem Trotzkopf beharren.«
»Mein Mann hat vollkommen recht, lieber Professor; nicht verzagt und kleinmütig sein! Zögern Sie nicht zu lange, sich Ihr Glück zu sichern. Keine andere paßt so gut zu Ihnen, wie Beate. Und sie sieht Sie gern und hört gern von Ihnen sprechen, das will ich Ihnen verraten. Sie hat in ihrer Ehe eine große Enttäuschung erlebt; es war nicht alles, wie es sein sollte. Wenn sie auch nie zu mir davon gesprochen hat, so weiß ich es dennoch,« so sagte die warmherzige Frau, ihm Mut und Vertrauen zusprechend.
Längst hatte er sich ja mit dem Gedanken getragen, um Beate zu werben, aber eine gewisse Scheu hatte ihn noch zurückgehalten; sie war ihm gegenüber stets von einer zu gleichmäßigen Freundlichkeit! Er hatte ihr auch einen Besuch gemacht und war sehr liebenswürdig aufgenommen worden; aber er glaubte die Wärme zu vermissen, die auf mehr als nur freundschaftliche Gefühle schließen läßt. Georg konnte ja nicht ahnen, daß sie seiner in Liebe und Sehnsucht gedachte, daß sie auf das erlösende Wort von ihm wartete, und so war er in einem Zwiespalt der Gedanken, der ihm manche schlaflose Nacht verursachte.
Gleich am anderen Morgen erkundigte sich Martina Berthold nach dem Befinden des kleinen Karl Friedrich. »Er gefällt mir gar nicht, Tina«, entgegnete Beate gedrückt, »die ganze Nacht habe ich bei ihm gewacht. Er fieberte stark und war sehr unruhig. Ich fürchte sehr -- Diphtheritis.«
Martina tröstete, so gut es ihr möglich war; aber sie konnte die eigene Besorgnis nicht verbergen, als sie das Kind sah, das sie mit den großen, fieberglänzenden Augen so verständnislos anblickte. Als sie gegen Abend wiederkam, teilte ihr Beate mit, ihre Befürchtung sei eingetroffen -- Karl Friedrich habe Diphtheritis.
Nun folgte eine schwere Zeit für Beate. Sie rieb sich fast auf in der Sorge um den Knaben, in dem Kampfe mit der tückischen Krankheit. Treu hielt Martina zu ihr; sie litt mit der Freundin und konnte es nicht mehr mit ansehen, wie sie sich aufopferte. »Du mußt noch einen Arzt nehmen -- es geht so nicht weiter.«
»Er kann auch nichts anderes tun, als was ich tue! Es ist ja nur ein leichter Fall, aber doch sorge ich mich! Wieviel schlimm diphtheriekranke Kinder habe ich schon behandelt.«
»Aber nicht ein eigenes! Man ist doch ein schlechter Arzt, wenn die Muttergefühle in Betracht kommen! Und ich sage dir, der Professor kommt her«, bestimmte Tina kategorisch, »es ist nicht Mangel an Vertrauen zu deinen Kenntnissen, sondern Mitleid mit dir. Mein Mann will es auch. Wenn du uns nicht böse machen willst, bist du gehorsam.«
Und Beate war es auch. Sie war so müde von der Sorge und dem Herzeleid, wie sie ihr blühendes Kind so leiden sehen mußte.
Der Professor kam. Nach der Untersuchung des Knaben sagte er: »Ich kann Ihre Anordnungen nur gutheißen; mir bleibt nichts zu tun, gnädige Frau.«
»Ich darf Sie aber dennoch bitten, wiederzukommen; ich bin um vieles ruhiger, Herr Professor,« fügte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen, hinzu. In tiefem Mitleid ruhten seine Blicke auf dem schmalen, blassen Frauengesicht, das so deutlich die Spuren durchwachter Nächte und banger Sorge trug. »Sie machen mich glücklich mit dieser Bitte -- selbstverständlich werde ich Ihrem Wunsche nachkommen.«
Die leichte Besserung in Karl Friedrichs Befinden, die eingetreten war, hielt nicht lange an. Nach wenigen Tagen mußte Beate eine Verschlimmerung feststellen; das Kind kämpfte mit den heftigsten Erstickungsanfällen. Angstvoll telephonierte sie dem Professor, der sofort kam. Mit ernstem Gesicht hatte er die Untersuchung beendet. »Es bleibt uns nichts anderes übrig, als den Luftröhrenschnitt zu machen,« sagte er leise.
Sie erbleichte tief bei seinen Worten, und heiße Tränen drängten sich in ihre Augen. Aber sie bezwang sich; sie mußte ja tapfer sein, sein getreuer Assistent, wie er es verlangte. -- -- -- --
Die Operation war glücklich verlaufen und Karl Friedrich gerettet; aber an seinem Bette saß jetzt eine Pflegeschwester. Beate hatte auf dringendes Anraten des Professors auch an sich denken müssen; ihre Kräfte waren vollständig erschöpft; sie war am Zusammenbrechen, so daß sie die Pflege des Kindes nicht mehr allein tragen konnte. Außerdem war nach menschlicher Voraussicht die Gefahr für den Knaben vorüber; so konnte sie sich wenigstens die langentbehrte Nachtruhe gönnen.
Gewissenhaft befolgte sie die Anordnungen, die Professor Scharfenberg ihr gab. Er kam noch fast täglich in ihr Haus, um nach seinen beiden Patienten zu sehen, und er konnte sehr energisch und bestimmt sein, wenn man nicht ganz gehorsam gewesen war. Das Kind hatte ihn schnell lieb gewonnen und freute sich, wenn der »Onkel Doktor« kam. Mit wehmütigen Gefühlen betrachtete Beate den Professor, wenn er so liebevolle Töne für Karl Friedrich fand und so kindlich mit ihm zu reden wußte. Ja, das war ganz der alte, treuherzige Georg, ihr geduldiger, stets hilfsbereiter Jugendfreund -- und mehr als je erstand die vergangene Zeit vor ihr.
Sie konnte es sich nicht mehr verhehlen, daß sie auf sein Kommen wartete und glücklich darüber war, wenn sie ihn sah und seine beruhigende Stimme hörte! Und für ihn war es eine Feierstunde, wenn er bei Beate sein durfte. Er sah sie in ihrem hausfraulichen Walten, lernte sie in ihrer ganzen reichen Gemütstiefe kennen, und immer heißer wurde der Wunsch in ihm, sie die Seine zu nennen -- die alte Jugendliebe schlug in hellen Flammen empor, nun kein Hindernis mehr war. -- --
Manche Stunde verplauderte er bei ihr. Und jetzt konnte sie auch unbefangen von der früheren Zeit mit ihm reden, sie hatten ja so viele gemeinsame Berührungspunkte. Sie erzählte ihm von ihren Studienjahren, von ihrer Tätigkeit, ihrem Fleiß und gab ihm auch ihre Doktordissertation zu lesen, deren klare, lichtvolle Durcharbeitung er aus ehrlichem Herzen loben konnte, worüber sie sehr erfreut war. Und zuletzt sprach sie von ihrer Stellung als Assistenzärztin am Krankenhause in D., die sie mit vollster Befriedigung erfüllt habe. -- --
»Und haben sie dennoch so leicht aufgegeben, um zu heiraten! Verzeihung, Beate, doch ich muß es Ihnen sagen, wie sehr ich damals über Ihre Verlobung verwundert war. Sie hatten mir damit sehr, sehr wehe getan,« fügte er leise hinzu. Sie errötete tief und neigte den Kopf auf die feine Stickerei, die sie in den Händen hielt. Wußte er denn, daß es ihr so leicht geworden, dem geliebten Beruf zu entsagen? Er konnte nicht wissen, wieviele Tränen es sie gekostet, mit welchem schweren Herzen sie in die Ehe getreten war! Konnte sie ihm denn sagen, daß es nur war, weil sie ihn gebunden glaubte? Daß da dem Ärger und dem Trotz über das Vergessensein ein flüchtiger Zufall zu Hilfe gekommen und sie einem anderen in die Arme getrieben hatte? -- Er wartete auf Antwort.
Glücklicherweise wurde sie dem überhoben, denn Karl Friedrich klopfte sehr vernehmlich an die Tür, die ihm Georg öffnete. »Na, du kleiner Mann,« scherzte er, »bist du dem Fräulein wieder davongelaufen? Du siehst mir ganz so aus.« Liebevoll hatte er sich zu ihm geneigt. Da schlang Karl Friedrich seine Ärmchen um Georgs Hals. »Ja, Bubi will beim guten Onkel Doktor bleiben.«
Der hob ihn hoch empor und setzte ihn dann auf seine Knie. Beate sah lächelnd auf die beiden. Nach bescheidenem Anklopfen trat da das Kinderfräulein ein. »Gnädige Frau, ist Karl Friedrich hier? Er ist mir davongelaufen.«
»Das höre ich nicht gern, Bubi! Aber dennoch wollen wir ihm heute mal verzeihen.«
»Aber er hat seine Milch nicht trinken wollen!« warf das Fräulein ein.
Beates lächelnde Miene wurde ernsthaft. »Das ist allerdings schlimm! Wenn du nicht gehorsam bist und deine Milch sofort trinkst, darfst du nicht bei Onkel Doktor bleiben, Bubi! Geh sofort mit Fräulein. Onkel Doktor und Mutti mögen nur artige Kinder leiden.«
An der Mutter Gesicht sah der kleine Kerl, daß es nicht ratsam war, zu widersprechen. Betrübt, aber gehorsam trabte er mit dem Fräulein ab, doch nicht, ohne vorher wichtig zu versichern: »Bubi kommt aber gleich wieder.«
Lächelnd blickten ihm beide nach, und Beates Gesicht war förmlich vom Mutterglück verklärt. »Ein prächtiger Knabe,« sagte er, »und so gehorsam.«