Part 6
Martina ging dem Eintretenden entgegen, ihm beide Hände entgegenstreckend. »Herzlich willkommen, lieber Freund.« Nachdem er seine Glückwünsche dargebracht hatte, begrüßte er Beate, die er seit Monaten nicht gesehen. Sie hatte das Kind gerade auf dem Arm und drückte dessen Köpfchen süß beschwichtigend an ihre Brust; denn bei dem Eintritt der fremden Person wollte es anfangen zu weinen. Wehmütig ruhte sein Auge auf der heimlich geliebten Frau, die ihm so hold und weich in ihrer jungen Mutterwürde erschien.
»Nun, was sagen Sie, lieber Professor, zu dem kleinen Hagendorf? Habe ich Ihnen zu viel vorgeschwärmt? Sehen Sie sich ihn getrost in der Nähe an«, scherzte Martina arglos; denn sie ahnte ja nichts von dem, was diese beiden ihr so werten Menschen einst miteinander verbunden hatte. »Nehmen Sie ihn mal einen Moment, und Sie werden sehen, was für ein Prachtkerl er ist -- da« -- --
Ohne weiteres nahm sie ihn der hocherrötenden Beate vom Arm und gab ihn dem Professor. Der neigte sich tief über das Kinderköpfchen, damit man ihm das mächtige Gefühl nicht ansah, das ihn bewegte.
»Allerdings, Sie haben recht, liebe Freundin«, sagte er dann mit leicht bebender Stimme, und zu Beate: »Ich beglückwünsche Sie zu dem Kind, gnädige Frau.«
»Er hat mir bis jetzt auch -- unberufen -- noch keine Sorgen gemacht«, meinte sie, etwas befangen.
»Nun ja, wer eine wirkliche Doktorin als Mutter hat -- Spaß! Die versteht doch alles aufs genaueste,« scherzte Martina.
Mittlerweile hatte er das Kind in den Wagen gelegt. Karl Friedrich war ganz zutraulich geworden. Mit den großen dunklen Augen -- es waren die der Mutter -- sah er zu dem fremden Mann auf und faßte nach dessen Uhrkette, die er nicht loslassen wollte.
Martina lachte. »Nein, liebster Professor, wenn Sie jemand so sähe!«
»Dann wäre es nicht das erstemal -- die Kinder in meiner Klinik, und seien es die kleinsten, sie kennen mich alle.«
Beate wurde blaß. Sie vermied seinen Blick; denn sie wußte, sie fühlte es förmlich -- er dachte jetzt dasselbe wie sie, daß sie ihm einst gesagt, wie es ihr Wunsch sei, ihm in seiner Klinik als getreue Helferin zur Seite zu stehen, und nun war doch alles anders gekommen! Sie war eine glänzende Offiziersdame geworden, die ihr Leben in geschäftigem Müßiggang verbrachte; daß aber ein solches Dasein der einst so tatenfrohen Beate zusagte, konnte er nicht recht begreifen.
Etwas hastig sagte sie da: »Es wird Zeit, daß ich gehe. Mein Mann ist sicher schon daheim und wartet auf seine unpünktliche Frau.«
Georgs Nähe brachte ihr Verwirrung; die alten Erinnerungen waren zu mächtig. Es dünkte sie Unrecht an dem Gatten, deshalb wollte sie fort.
»Bleibe doch noch einen Augenblick, Beate, du nimmst mir ja die Ruhe mit! Hagendorf wird noch nicht zu Hause sein.«
»Das glaube ich auch nicht, denn als ich auf dem Wege nach hier war, sah ich Herrn von Hagendorf mit den Maltenschen Damen gerade ins Promenadencafe gehen«, meinte Georg.
Die junge Frau verfärbte sich etwas. Also hatte Rolf sie belogen, und sie dadurch die Freundin; wie peinlich für sie, ein eisiges Gefühl durchrieselte ihre Adern. »Halte mich nicht mehr, Tina; ich komme heute abend dafür etwas früher. Karl Friedrich muß jetzt auch trinken; es ist seine Zeit.«
Sie reichte Scharfenberg zum Abschied die schlanke, kühle Hand, die leicht bebend in der seinen lag. »Auf Wiedersehen, Herr Professor, heute abend.«
»Sie hätten vielleicht lieber nicht sagen sollen, daß Sie Hagendorf mit den Maltenschen Damen gesehen haben --« bemerkte Martina nach Beates Weggang.
»Ja, mein Gott, warum nicht?« lautete seine erstaunte Frage.
»Wissen Sie nicht, ach nein, wir haben ja nie davon gesprochen, und der Klatsch ist Ihnen so fremd. Also -- Hagendorf macht der Schwester Frau von Maltens in auffallender Weise den Hof und reitet täglich mit ihr aus. Frau Beate scheint davon nichts zu wissen, auch kein Wunder, denn sie geht kaum aus und lebt nur für ihr Kind. Kurz vorher, ehe Sie kamen, hatte sie den Gatten aus anderen Gründen entschuldigt.«
Er sprang auf. »Das ist mir aber peinlich, ganz außerordentlich peinlich,« rief er erregt aus.
»Nun, nun,« begütigte Martina, »so schlimm ist es ja nicht, was Sie verbrochen haben. Übrigens will mein Mann morgen oder übermorgen dem Hagendorf mal die Leviten lesen, daß er nicht zu sehr vergißt, was er seiner Frau schuldig ist. Ich möchte ihr jede Unannehmlichkeit ersparen; denn ich habe sie sehr lieb, sie ist eine prächtige Frau, diese Beate mit ihrem klugen, hochstrebenden, vornehmen Sinn. Doch zu wem sage ich das? Sie kennen sie ja von früher her, wissen das ebenso gut wie ich.«
Er bejahte durch ein Kopfnicken. Da sagte Martina Berthold in ihrer impulsiven Art: »Wissen Sie, lieber Freund, woran ich oftmals gedacht? Weshalb Sie und Frau Beate eigentlich kein Paar geworden sind!«
Er fuhr auf. Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. »Aber, lieber Professor, ist einem Freunde nicht ein offenes Wort gestattet? Wäre das denn so unnatürlich gewesen? Nachbarskinder, täglich beisammen, da kommt so etwas von selbst, und, offen gestanden, Sie hätten doch viel besser zu der geistvollen Frau gepaßt, als der im Grunde herzlich unbedeutende Hagendorf, der wohl ein schöner Mann ist, aber auch nichts weiter als das! Ich glaube, lieber Professor, da haben Sie über Ihren Büchern und Ihrem Wissensdrange ganz übersehen, daß aus dem Kinde, das Sie unterrichtet und belehrt haben, ein liebenswürdiges Weib geworden war. Vielleicht hätten Sie jetzt das trauliche Heim, das Ihr Wunsch ist, wie Sie immer sagen, wenn Sie sich eher dazugehalten hätten!«
Während ihrer halb neckenden, halb vorwurfsvollen Rede hatte er am Geburtstagstisch gestanden, die Photographie Beates mit ihrem Kinde in die Hand genommen und sie sinnend betrachtet. Bei Martinas letzten Worten wandte er sich hastig um. »Wissen Sie denn so genau, daß ich das nicht getan habe? Daß ich wirklich so blind war?« kam es halb erstickt aus seinem Munde, und er strich mit der Hand über die Stirn, wie um eine schmerzliche Erinnerung hinwegzuscheuchen.
»Um Gottes willen,« erschreckt heftete die Frau ihre klugen Augen auf sein tief erregtes Gesicht, »um Gott, verzeihen Sie, liebster Professor, wenn ich da in so wenig zarter, allein mir selbst unbewußter Weise an eine wunde Stelle in Ihrem Inneren gerührt habe.«
Er schüttelte trübe den Kopf. »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen, Frau Martina, warum Ihr Freund ein einsamer Mann geblieben ist. Jetzt lassen Sie mich gehen!«
Die schlanke Frau legte ihre blassen, durchsichtigen Hände auf seine Schultern und sagte leise: »Jetzt begreife ich alles. Wer eine Beate geliebt hat, kann nach ihr so leicht keine andere finden.«
Er nickte; dann drückte er einen Kuß auf Martinas Hand und ging.
Teilnahmsvoll sah sie ihm nach. Jetzt war ihr so vieles klar, daß er keinen Besuch in Villa Hagendorf gemacht, sein sichtliches Fernhalten von der Familie mit der Begründung, daß ihm der junge Offizier nicht so viel Sympathie einflöße, um in ihm den Wunsch zu erwecken, mit ihm zu verkehren. Armer Mann! Er wollte sich nur nicht die unnütze Qual auferlegen, die Geliebte als die Frau des anderen zu sehen.
Aber daß Beate -- sie schüttelte verwundert den Kopf. Welch seltsam Ding ist doch das Frauenherz!
Kurze Zeit danach kam Hauptmann Berthold nach Hause. Zärtlich umfing er seine Gattin. »Nun, mein liebes Geburtstagskind, du siehst so erregt aus, hast doch wohl Besuch gehabt?«
»O, nur Beate. Und dann kam auch noch Scharfenberg.«
»Das sind dir ja liebe Leute! Doch jetzt schnell mit meiner Neuigkeit vom Herzen, die dich sehr verwundern wird. Du mußt die Tischordnung umstoßen. Plessow hat mich soeben gebeten, ihm auf jeden Fall Fräulein Düsing als Tischdame zu geben. Er hat sich gestern mit ihr verlobt.«
»Gottlob, nun wird doch Hagendorf endlich zur Besinnung kommen,« sagte Martina mit wahrhaft erleichtertem Aufatmen, »ob er es schon weiß? Scharfenberg hat ihn vorhin erst mit ihr und der Malten im Promenadencafe gesehen.«
»Auf keinen Fall werden sie schon davon gesprochen haben, denn es soll eine große Überraschung für die Gesellschaft sein. Man hat geplant, daß bei uns die Verlobung bekannt gegeben werden soll, und zwar erst nach zwölf, also morgen; denn da feiern Maltens ihren siebenjährigen Hochzeitstag -- aus diesem Grunde wollten sie warten, wie Plessow sagte.«
»Und auch besonders darum, weil Viola Düsing die Sensation liebt. Sie will selbst Zeuge von der Überraschung sein, die ihre Verlobung hervorrufen wird; sie will die erstaunten Gesichter aller sehen, besonders Hagendorfs, mit dem sie in unverantwortlicher, wirklich frivoler Weise kokettiert hat. Ich bewundere nur Plessow, wie er das so ruhig mit hat ansehen können.«
»Der gute Philipp! Übrigens ist er ganz unheimlich glücklich; er kann die Zeit kaum erwarten, bis die Düsing vor aller Welt seine Braut wird; er strahlte förmlich vor Seligkeit, als er mir die Mitteilung machte.«
»Möge es ihm nur gut bekommen! Von Herzen wünsche ich es ihm. Ich allerdings bin von diesem Zuwachs des Regiments nicht sonderlich erbaut. An einer Düsing haben wir gerade genug! Doch wollen wir nun sehen, wie wir die Plätze verteilen. Haffner sollte ursprünglich die Düsing führen. Er wird sehr enttäuscht sein! Und dann möchte ich dir auch etwas von unserem Professor sagen -- nein, jetzt nicht, nach Tische -- komm, Schatz.«
Sie nahm seinen Arm, und beide schritten nach dem schon festlich hergerichteten Speisesaal, um dort die gewünschte Änderung vorzunehmen.
7.
Mit den widerstreitendsten Empfindungen war Beate Hagendorf nach Hause gekommen. Nichts war ihr peinlicher als das Bewußtsein, eine Lüge ausgesprochen zu haben, wenn sie auch selbst im guten Glauben geredet; was mußte Martina denken! Wie konnte Rolf ihr das antun! Alles wegen dieser Malten!
Einem Blitzstrahl gleich flammte da in ihr die Erkenntnis auf, daß Rolf sie schon mehrmals belogen, und ein Argwohn erfüllte sie, der ihrer vornehmen Seele bisher fremd gewesen war. Ihr Gatte hatte Heimlichkeiten hinter ihrem Rücken -- er spielte falsches Spiel mit ihr. Dies und jenes fiel ihr ein, worüber sie sonst gar nicht nachgedacht, was sich aber zu einer Kette von Beweisen verdichtete; wie Schuppen fiel es jetzt von ihren Augen. Seine täglichen Spazierritte, sein häufiges Ausgehen, seine Launenhaftigkeit und Verdrossenheit gegen sie, alles das hatte einen tieferen Grund -- und der war Viola Düsing! Jetzt war ihr alles klar.
Ein bitteres Lächeln zuckte um ihren Mund; sie empfand aber gar keinen Schmerz darüber, und daran fühlte sie, daß ihr Gatte ihr vollkommen gleichgültig war. War sie aber besser als er? Fast scheu sah sie sich um, als habe jemand ihr diese Worte laut zugerufen. Nein, sie war nicht besser, gab sie sich in grausamer Selbsterkenntnis zur Antwort; denn auch sie liebte einen andern! Aber sie kämpfte wenigstens ehrlich gegen diese Liebe, die kein Sinnenrausch war, sondern nur die Erkenntnis, daß sie von Anbeginn zu dem andern gehörte, denn sie war Geist von seinem Geist: gleiche Gedanken wie er hegte auch sie -- ihre Seelen waren wahlverwandt und wunderbar auf einen Akkord gestimmt. Und sie selbst hatte in törichter Verblendung diese Harmonie zerrissen -- und nun war es zu spät zum Glück für sie.
Diese Selbsterkenntnis ließ sie Rolfs Verhalten milder beurteilen; sie war ja auch schuldig, aber die Unwahrheit durfte er nicht sprechen; denn nichts haßte und verachtete sie mehr als die Lüge, die sie als Verteidigungsmittel feiger, kleinlicher Seelen verdammte.
Rolf war natürlich noch nicht zu Hause. Lange hatte sie mit dem Essen warten müssen, bis er mit vom Wein geröteten Gesicht endlich erschien. »'n bißchen lange geworden, Beate. Du weißt, Plessow ist ein Sumpfhuhn, ebenso wie Bünau und Malten; man kann kein Ende finden, will auch nicht gleich aufstehen, um nicht in den Verdacht zu kommen, daß man unter dem Pantoffel steht,« suchte er sein spätes Heimkommen zu entschuldigen.
Beate war über diese offenbare Lüge empört. »Warum sagst du mir eigentlich nicht die Wahrheit, Rolf?« Groß und ruhig blickte sie ihn dabei an.
»Was fällt dir ein, an meinen Worten zu zweifeln?« rief er heftig, »wenn ich dir sage, daß ich bis jetzt mit den Kameraden im Kasino war, so muß dir das genügen! Im übrigen habe ich nicht nötig, dir über mein Tun und Treiben Rechenschaft abzulegen. Fange nur so an, dann ist es recht.«
»Das verlange ich gar nicht. Sage dann aber lieber nichts, als daß du mich belügst. Denn ich weiß, daß du nicht im Kasino warst, sondern im Promenadencafe mit Frau von Malten und ihrer Schwester.«
Er biß sich auf die Lippen und zerrte nervös an seinem Schnurrbart. »Ah, du hast mir nachspioniert?« lachte er gezwungen auf, »weshalb fragst du erst, wenn du es doch schon weißt? Das ist ja niedlich, daß man wie ein Schuljunge auf Schritt und Tritt bewacht wird. Du bist wohl gar eifersüchtig, meine Teure?«
Da richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und ein stolzer Blick flammte über ihn hin. -- »Nein! Und auf eine Viola Düsing am allerwenigsten,« sagte sie kalt.
»Du scheinst sehr hoch von dir zu denken, daß du einen Vergleich mit ihr wagen willst,« entgegnete er hohnvoll.
»Oder vielleicht auch von meinem Gatten, daß er sich nicht zum Gegenstand ihrer berechnenden Koketterie machen läßt.«
Klar und groß ruhten ihre Augen auf ihm; er konnte deren Blick nicht erwidern, sondern starrte ingrimmig vor sich hin. Sie legte die Hand auf seine Schulter. »Rolf, ich bitte dich um deinetwillen, ziehe dich von Maltens zurück, ehe du dich zum Gespött machst.«
Beate hatte sich aber doch in ihren Worten vergriffen. Er schleuderte ihre Hand zurück. -- »Was fällt dir ein?« rief er heftig in tief verletzter Eitelkeit. »Willst du mich schulmeistern? Ich sage dir, damit hast du kein Glück! Wissen möchte ich aber doch, wer dich auf einmal so gut unterrichtet hat!«
»Dein auffallend intimer Verkehr mit Maltens, trotz meiner Abneigung, hat mir stets zu denken gegeben. Und daß du dich hinter Unwahrheiten verschanzest, gibt mir die Gewißheit, daß dein Gewissen nicht rein ist! -- Weshalb gestandest du mir nicht zu, daß du im Promenadencafe warst, überhaupt Absicht hattest, dahin zu gehen? Dann wäre mir das peinliche Bewußtsein erspart geblieben, bei Martina dein Fernbleiben mit einer Unwahrheit zu entschuldigen.«
»Ah, und dort hast du auch erfahren --«
»Ja, allerdings.«
»Und von wem, wenn ich fragen darf?«
Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort; dann sagte sie ruhig: »Professor Scharfenberg hat dich gesehen; er kam ebenfalls zum Gratulieren.«
Da lachte er auf, ein böses, höhnisches Lachen. »Ah, der famose Professor! Der allerdings wird eine besondere Freude gehabt haben, dir das mitzuteilen!«
»Inwiefern?« erstaunt sah sie ihn an.
»Na, tue nur nicht so, Beate! Der »geistvolle, kluge Mann« versteht dich ja viel besser als dein simpler Gatte. Ihr seid beide sehr schlau, daß ihr euch bei deiner gefälligen Freundin so ungestörte Stelldicheins gebt -- hahaha -- in der Tat, sehr bequem.«
Sie wurde leichenblaß. »Pfui, Rolf! Komme doch zu dir! Ein weiteres Wort habe ich nicht -- denn mir scheint, daß du -- betrunken bist, und mit solchen Leuten rechtet man nicht.«
Damit stand sie vom Tisch auf und ging hinaus, ohne ihren Gatten eines Blickes zu würdigen.
Sie sah ihn erst wieder, als sie zu Bertholds fuhren. Am liebsten wäre sie zu Haus geblieben; aber Martinas wegen, deren Geburtstagsfeier sie nicht fernbleiben konnte, mußte sie sich bezwingen, wenngleich sie sich sehr elend fühlte. Rolfs Worte hatten das Heiligste in ihr besudelt, in den Staub gezogen, und ihr war, als könne sie niemals wieder freundlich zu ihm sein. Und ihm war sehr unbehaglich zu Mute, während er neben seiner Frau im Wagen Platz nahm. Ihr blasses, kühles Gesicht veränderte sich nicht, als er eine Unterhaltung anfangen wollte; es blieb genau so steinern und unbeweglich wie heut Mittag, als sie das Zimmer verlassen hatte.
Teufel, er hatte sich doch wohl zu sehr hinreißen lassen mit seinen Worten, die ihm im Grunde gar nicht ernst gewesen waren. Aber ihre Art hatte ihn gereizt, daß er nicht überlegte, was er sagte, und außerdem hatte Viola ihn mit ihrem Übermut gequält, gepeinigt und auf seine gelehrte »Frau Dr. med.« gestichelt, daß er ganz aus dem Gleichgewicht gebracht war. Er meinte, das rotblonde Mädchen zu hassen und fieberte doch darnach, sie wieder zu sehen. Ihre Gegenwart schien ihm Lebensbedürfnis, und freudig strahlten seine Augen auf, als er sie in Bertholds Salon erblickte -- Maltens waren schon da.
Wie raffiniert sie wieder angezogen war, eine schwarze, tief ausgeschnittene Chiffontoilette, die einen wirkungsvollen Gegensatz zu der leuchtenden Haarfarbe und dem blendenden Nacken bildete -- berückend sah sie aus! In ihrer temperamentvollen Art hatte sie einen Kreis von Herren um sich geschart, von denen sie sich auf Tod und Leben den Hof machen ließ, und als man bei Tische saß, klang mehr als einmal ihr lautes, vergnügtes Lachen durch den festlichen Raum. Sie trug überhaupt ein sehr siegesbewußtes, übermütiges Wesen zur Schau.
Zu Rolfs Verwunderung war ihr Tischherr der lange Philipp Plessow, mit dem sie sehr vertraut tat; beide sahen sich tief in die Augen, wenn sie miteinander anstießen, und lächelten sich in auffallender Weise an.
Martina Berthold hatte für Leutnant Hagendorf den Platz so gewählt, daß er Viola Düsing gar nicht oder nur sehr schlecht sehen konnte, womit sie ihm eine Qual auferlegt hatte. Er vernachlässigte seine Tischdame fast bis zur Unhöflichkeit, was aber Professor Scharfenberg, der zu ihrer Rechten saß, in etwas gut zu machen suchte -- um Beates willen! Denn er sah ihr an, daß sie sich mit etwas quälte; ihm entging so leicht keine Veränderung in dem geliebten Antlitz. Heimlich bewunderte er sie. Sie sah so anmutig, fast mädchenhaft in dem weißen Kleid aus, und im stillen verglich er ihre keusche Schönheit mit der so aufdringlich wirkenden der andern.
Beate beobachtete den Gatten, der ihr schräg gegenüber saß; sie sah, wie ihn die innerliche Ungeduld fast verzehrte, sah, wie er vergebens einen Blick mit Viola auszutauschen versuchte und bemerkte auch das erleichterte Aufatmen Rolfs, als endlich die Tafel aufgehoben wurde. Während er Viola »Mahlzeit« wünschte, sah er ihr bei seinem feurigen Handkuß in die Augen.
»Mein gnädiges Fräulein, ich beklage mich sehr über die Grausamkeit, daß Ihr entzückender Anblick mir bis jetzt entzogen wurde.«
»Warum beklagen Sie sich da bei mir? Ich kann nichts dafür -- das lag doch an der Tischordnung,« entgegnete sie etwas schnippisch. Er wollte darauf erwidern; aber in diesem Augenblick trat der lange Plessow zu ihnen. Mit verliebtem Blick sah der auf Viola und schob seinen Arm unter den ihrigen. »Will meine holde Tischdame mir etwa untreu werden? Das gibts nicht!«
Rolf war wütend. Was fiel dem Kerl ein -- diese Dreistigkeit gegen Viola! Er hatte wohl gar schon zu viel getrunken? Unmutig schlenderte er umher. Dabei sah er, wie der Kommandeur lange mit Beate sprach und wie dessen wetterharte scharfe Gesichtszüge sich zu einem wohlwollenden Lächeln verzogen.
Nachher sagte der zu ihm, ihn wohlwollend auf die Schulter klopfend: »Wissen Sie, Hagendorf, um Ihre gelehrte Frau sind Sie wirklich zu beneiden -- Sie sind ein wahrer Glückspilz! Kann's sonst nicht leiden, wenn die Weiber gar so gescheit sind -- 's ist nicht mein Fall -- sind sie aber nebenbei so hübsch und interessant wie Ihre kleine liebe Frau, dann drückt man gerne beide Augen zu bei so vieler Gelehrsamkeit.«
Rolf klappte die Hacken zusammen und verneigte sich, einige dankende Worte murmelnd.
Da sah er Viola Düsing in der Tür stehen. Sie blickte gerade zu ihm hin -- er vermeinte, darin eine direkte Aufforderung zu lesen, ihr zu folgen. Man hatte sich in den eleganten, künstlerisch ausgestatteten, lichtdurchfluteten Räumen zerstreut. Die Damen saßen plaudernd im Salon, die Herren bei dem jetzt gereichten Bier im Rauch- und Spielzimmer, und so konnte Hagendorf dem jungen Mädchen folgen, ohne daß es auffiel. Ihr Tischherr, Plessow, war jetzt vom Kommandeur in Beschlag genommen, der anscheinend sehr gute Laune hatte -- gemütlich unterhielt er sich mit dem langen Oberleutnant und lachte wiederholt. Für eine Weile war also Viola von der lästigen Gegenwart ihres Tischherrn befreit, und diese Spanne Zeit wollte Rolf nützen.
Er fand das junge Mädchen im Wohnzimmer der Hausfrau. Viola stand an dem Tisch, auf dem die Geburtstagsgeschenke Martinas aufgebaut waren, und hielt eine Photographie in ihren Händen. Sie hörte ihn eintreten. Bei dem Geräusch wandte sie sich um. -- »Ah, Sie, Herr von Hagendorf, mein Gott, wie haben Sie mich erschreckt.«
Sie waren allein. Das Zimmer war nur schwach erhellt und durchflutet von süßem Blumenduft. Es lag im ersten Stockwerk und gehörte nicht mit zu den Gesellschaftsräumen, die sich im Erdgeschoß befanden. Er trat auf sie zu, und sie empfand einen prickelnden Reiz, mit ihm hier zusammen zu sein.
»Wie haben Sie sich hierher verirrt?«
»Ich wollte Sie sprechen, Viola.«
»Das können Sie doch unten ebenso gut! Ich wollte mir Frau Bertholds Geburtstagstisch ansehen und entdeckte darauf -- raten Sie -- das Bild Ihres Jungen, ich finde es wunderhübsch! Ihre Frau »Doktor« ist ebenfalls gut getroffen -- und Karl Friedrich ist einzig, wie sind Sie aber nur auf den feierlichen Namen gekommen? -- Rolf wäre doch viel hübscher gewesen! Ich bin dem Kinde wirklich gut,« plauderte sie unbefangen mit ihm.
Da faßte er ihre Hand mit seinen heißen, bebenden Fingern. »Viola, viel glücklicher würde es mich machen, wenn Sie seinem Vater auch gut wären -- ein klein wenig.«
Sie bog den blonden Kopf zurück und sah ihn mit einem seltsamen Blick aus den halbgeschlossenen Augen an.
»Was hätte das wohl für Zweck, Herr von Hagendorf?«
»Fragen Sie doch nicht, Viola, ich denke nicht, ich weiß nur, daß ich Sie liebe, Sie anbete«, flüsterte er leidenschaftlich. »Sie haben mich ganz toll gemacht.«
Sie lächelte -- jetzt hatte sie das Bekenntnis seiner Liebe, nach dem sie verlangt -- sie hatte den elegantesten Offizier des ganzen Regiments zu ihren Füßen gezwungen, und ein triumphierendes Gefühl erfüllte sie. Wenn seine hochmütige Frau das ahnte! Sie würde nicht mehr so herablassend auf das junge Mädchen blicken, das keine große Gelehrsamkeit, aber was mehr ist, Schönheit aufweisen konnte!
Alle diese Gedanken flogen durch ihren Kopf, als sie abwehrend sagte: »Herr von Hagendorf, ich darf Sie nicht hören, nein --« und doch lauschte sie seinem heißen Werben; sie duldete, daß er seinen Arm um ihre Taille legte und blickte ihn an, süß und verheißend, ihm dadurch das letzte Restchen Besinnung raubend. Wild preßte er sie an sich.
»Viola, holdes, berauschendes Mädchen --« und seine Lippen suchten ihren Mund in heißem Kusse, den sie ihm ebenso zurückgab. Da überschüttete er sie mit seinen Liebkosungen.
»Nein, nein, lassen Sie mich --« es war, als erwache sie aus ihrer Selbstvergessenheit -- sie suchte sich jetzt aus seinen Armen zu befreien, doch er umschlang sie fester. Sie stemmte ihre Hände gegen seine Brust.
»Noch einmal sage ich, lassen Sie mich, oder ich rufe.«
Die Situation würde sonst noch gefährlich für sie, -- nun war es genug -- ihr Triumphgefühl war gesättigt, ihre Macht genügend erprobt! Da hörte sie jetzt auch Schritte und sah, wie die Tür sich öffnete.
»Ist denn niemand, der mich von dem Wahnwitzigen befreit?« rief sie halblaut, daß die soeben Eintretenden es hören mußten.
In diesem Augenblick erkannte sie in ihnen Malten und Plessow. Mit einem letzten Kraftaufwand stieß sie Rolf zurück und flog auf die beiden zu, die wie erstarrt dastanden.
Violas Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Atem ging heftig. »Was ist das?« fragte Plessow herrisch.
Malten schwieg; er sah seine Schwägerin nur mit einem eigentümlichen Blick an. Da er sie sehr genau kannte, wußte er sich die Sachlage recht gut zusammenzureimen.
»Nun, Herr von Hagendorf, weshalb bleiben Sie mir die Antwort schuldig?«