Part 5
Sie war eine auffallende Erscheinung, Mitte der Zwanzig, mehr pikant als schön mit dem stark rotblonden Haar, den dunkelgrauen Augen und dem üppigen, ein wenig aufgeworfenen Munde in dem frischen, sehr gepuderten Gesicht. Ihre Gestalt war tadellos, aber ein wenig zur Fülle neigend. Der Schick, mit dem sie gekleidet, hatte schon die Grenzen überschritten, die einer Dame in der Wahl ihrer Toilette gezogen sind; Beate war fast befremdet darüber. Viola Düsing kam der fein empfindenden, maßvollen Frau wie eine Soubrette, eine Varietéprinzessin vor; sie konnte sich dieses Gefühls nicht erwehren.
Rolf hatte sich mit dem jungen Mädchen in ein lebhaftes Gespräch vertieft, während die beiden Frauen über den kleinen Karl Friedrich sprachen, wieviel er zunahm und was dergleichen Fragen mehr sind, die Mütter interessieren.
Da wandte sich Viola zu Beate. »Gnädige Frau, Ihr Bub' ist herzig -- ich habe ihn vorhin so bewundert; kaum konnt' ich mich von ihm trennen, er ist einzig süß, und wie gleicht er so ganz seinem Vater, einfach süß,« wiederholte sie und warf einen sprechenden Blick auf Rolf, der fast verlegen über die ihm so offensichtlich dargebrachte Schmeichelei seinen Schnurrbart drehte. Mit tiefem Befremden hörte Beate diese Worte. Vergaß das junge Mädchen so ganz seine gute Erziehung, um in einer solchen Weise einem Herrn entgegenzukommen?
Es war, als ahne Frau Ilse Malten Beates Gedanken, denn sie sagte: »Viola schwärmt ja so sehr für kleine Kinder -- sie sind ihr ganzes Entzücken. Ich habe den ganzen Tag zu schelten, weil sie mir meine beiden Jungen in Grund und Boden verwöhnt und verzogen hat; sie tobt wie ein Kind mit ihnen, und die Buben wissen genau, an wem sie Rückhalt haben! In der Zeit ihrer Anwesenheit hat sie das Haus förmlich auf den Kopf gestellt! Und ebenso wild reitet sie. Ich habe manchmal Angst, daß sie mir nicht mit heilen Gliedern nach Hause kommt, und ich bin froh, wenn sie mir meinen Mann gesund abliefert!«
»Na ja, dein Otto ist 'ne Schlafmütze,« lachte Viola und ihre Zähne blitzten; dann schlug sie sich wie erschrocken auf den Mund -- »o bitte um Verzeihung wegen dieses unparlamentarischen Ausdrucks; er entfuhr mir nur so! Aber der gute Otto! Der Sonntagsreiter! Was ich unter Reiten verstehe, ist etwas ganz anderes: über Sturzäcker reiten, Gräben und Zäune nehmen, das ist nach meinem Sinn -- an mir ist ein Kavallerist verloren,« -- ihre Lippen waren halb geöffnet, und ihre Brust hob sich in tiefen Atemzügen, als genösse sie dieses Vergnügen ihres wilden Reitens.
Entzückt ruhten Rolfs Augen auf dem lebensvollen Geschöpf -- das war etwas nach seinem Sinn! »Ganz meine Ansicht, gnädiges Fräulein«, entgegnete er lebhaft, »auch ich fühle mich als ein anderer, wenn ich auf einem Gaul sitze.«
»Sie haben Ihren Herrn Gemahl gewiß immer begleitet,« wandte sich Viola an Beate, »das muß köstlich gewesen sein!«
»Sie irren, Fräulein Düsing! Ich habe nie ein Pferd bestiegen; auch muß ich gestehen, daß ich diesem Sport sehr gleichgültig gegenüberstehe«, entgegnete Beate etwas steif; ihr mißfiel das Wesen des Mädchens immer mehr.
Rolf ärgerte sich in diesem Augenblick über seine Frau. Sie kam ihm spießbürgerlich und schulmeisterhaft vor, richtig pedantisch, während die andere voll frischen, heiß pulsierenden Lebens war, fröhlich und unbekümmert, so, wie er es liebte!
»Ah«, machte da Viola auf Beates letzte Bemerkung, und sehr erstaunt und ungläubig, fast ein wenig geringschätzig, blickten ihre grauen Augen, und ganz leicht schüttelte sie den Kopf, als sei ihr unbegreiflich, was die andere gesagt.
»Du darfst nicht vergessen, Kind, daß Frau von Hagendorf ganz andere Interessen hat,« meinte Ilse Malten in leicht verweisendem Tone, »du weißt doch, daß sie studiert und den Doktortitel errungen hat; da fehlte die Zeit für derartigen Sport!«
»Ach ja, liebe, gnädige Frau, bitte erzählen Sie doch von Ihrer Studienzeit, das muß doch furchtbar interessant gewesen sein, das flotte, freie Burschenleben -- »'s gibt kein schöner Leben, als Studentenleben, wie es Bacchus und Gambrinus schuf« -- ach, bitte, erzählen Sie --« und wie ein Kind klatschte sie in die Hände, erwartungsvolle Augen machend.
Ein leichtes, ironisches Lächeln zuckte um Beates Mundwinkel. »Ein solches Studentenleben, wie Sie denken, Fräulein Düsing, habe ich nicht genossen. Ich hatte mein Studium ernst und nicht als Sport genommen. Da hieß es arbeiten, um vorwärts zu kommen. Amüsieren und flirten gab es da nicht! Und doch habe ich Stunden reinsten Glücks und vollster Befriedigung gehabt, wie es nur die kennen und mir nachfühlen, die ernste Arbeit zu ihres Lebens Ziel und Inhalt machen. Ich denke sehr gern an jene Zeit zurück.«
»Das alles haben Sie aber aufgegeben, als der Rechte kam! Gestehen Sie, Liebste, die Ehe ist doch das einzig Richtige für uns, nicht wahr? Da vergißt man alles, die ganze Gelehrsamkeit, den Durst nach Ruhm und Erfolg,« meinte Frau Ilse in leicht neckendem Tone, sich vorbiegend und in Beates ernste Augen sehend.
»Ich muß Ihnen recht geben, wenn die Ehe eine ehrliche Kameradschaft für das Leben ist und die Ehegatten sich gegenseitig ergänzen und verstehen -- und man ein lieb Kind sein eigen nennt,« schloß Beate mit leiser weicher Stimme.
Rolf küßte ihre Hand. »Ja, meine Bea, du sprichst mir aus dem Herzen.« Es war ihm, als müsse er etwas gut machen; denn er sah, wie sie sich nur mühsam aufrecht erhielt. Der Besuch der beiden Damen griff sie doch noch zu sehr an. Spöttisch lächelnd beobachtete Viola diese kleine Szene. Rolf bemerkte das und wurde rot.
In plötzlicher Schwäche schloß Beate die Augen. Frau von Malten sah das. Sofort sprang sie auf. »Ist Ihnen nicht gut? O, verzeihen Sie, daß wir so lange verweilt haben! Doch verplaudert sich die Zeit so schnell bei Ihnen, Liebste! Nun wollen wir aber gleich gehen, Viola, und Sie, liebe Frau Beate, legen sich sofort zu Bett! -- Also auf Wiedersehen! Nächste Woche dürfen wir doch wiederkommen?« Sie küßte Beate auf die Wangen, und nach wortreichem Abschied entfernten sich die beiden.
Rolf von Hagendorf geleitete sie hinaus. In gut gespieltem Bedauern meinte da Ilse Malten: »Gott, Hagendorf, unser Besuch hat doch Ihrer lieben Frau nicht etwa geschadet? Sie sah übrigens nicht so gut aus, wie Sie dachten! Ihr Männer habt dafür gar keine Augen, wenn man wirklich krank ist. Ihr seid Barbaren! Hoffentlich wird es nicht zu lange dauern, bis Frau Beate ihre vielbewunderte Schönheit wieder bekommt: sie ist richtig alt geworden! Du mußt nämlich wissen, Viola, daß unseres Freundes Frau die schönste Dame des Regiments war, -- nein, nein, kein Widerspruch aus Galanterie, lieber Hagendorf. Sie wissen es doch ganz genau selbst. Und wie ist ihr Haar dünn geworden! Gegen dessen frühere Pracht, Viola, würde selbst dein schönes Haar nicht aufgekommen sein!«
Rolf warf einen bewundernden Blick auf die rotgoldene Haarfülle des jungen Mädchens -- »das weiß ich doch nicht, Gnädigste, ob Sie da nicht zu viel sagen: dieses Tizianblond ist einzig, köstlich.«
Viola sagte gar nichts darauf, sondern lächelte ihn nur in seltsam berückender Weise an. Ilse schlug scherzend nach ihm.
»Glaube ihm nicht, Kind -- hüte dich vor ihm -- er ist ein gefährlicher Mann! Nun komm, Herz, sonst wird schließlich Diavolo ungeduldig -- er muß heute noch geritten werden!«
»Wenn ich Sie einmal begleiten dürfte, gnädiges Fräulein, würde ich sehr glücklich sein,« bat Rolf.
»Ich habe nichts dagegen! -- ob aber Ihre Frau Gemahlin es Ihnen erlauben wird --?« Etwas herausfordernd blickten ihre hübschen, kecken Augen ihn an.
Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. »Pardon, meine Gnädigste, sehe ich aus, wie ein Pantoffelheld?«
Sie schwieg einen Augenblick, wobei sie ihn ungeniert musterte; dann sagte sie achselzuckend: »Je nun, Sie kennen doch die Antipathie Ihrer Frau Gemahlin gegen das Reiten -- meinetwegen sollen Sie sich nicht in Gefahr begeben!«
Ihre Art hatte etwas Aufreizendes für ihn. »Ich will Ihnen beweisen, daß ich keine Gefahr scheue,« rief er stürmisch, »es ist überhaupt ganz widersinnig, von Gefahr zu reden. Bitte, bestimmen Sie einen Tag, an dem Ihnen meine Begleitung angenehm ist.« Erwartungsvoll sah er sie an.
»Gut, sagen wir, morgen in acht Tagen«, entgegnete sie überlegend.
»Dann erst? Warum nicht schon früher? Ich bin wirklich begierig, Ihr Kavalier zu sein, da Ihnen Malten so wenig genügt,« und dringlich blitzten seine hübschen Augen sie an, »bitte, seien Sie barmherzig.«
»Ich kann es wirklich noch nicht bestimmen! Sie werden durch Otto Bescheid bekommen, Herr von Hagendorf,« meinte sie leichthin, dann blickte sie sich suchend um. »Ach, Ihr Bubi ist nicht mehr hier -- schade, ich hätte das goldene Kerlchen gern noch mal gesehen -- nun, komm, Ilse, sonst wird es zu spät!«
Sie reichte ihm die Hand, die er mit feurigem Druck an seinen Mund führte. »Auf Wiedersehen, Herr Oberleutnant!«
»Das war also die berühmte, schöne Doktor Beate Hagendorf,« meinte Viola zu ihrer Schwester, als sie heimgingen, »so ein Bildungsprotz, einfach gräßlich! Sie ist genau so langweilig und feierlich wie ihr Name. Beate, da muß ich an meine Großmutter denken! Sie paßt nicht im geringsten zu dem Mann.«
»Nein, da hast du recht. Siehst du, liebe Viola, den hatte ich für dich im Sinn,« entgegnete Ilse, »wenn du vor zwei Jahren auf meine dringliche Einladung gekommen wärst, könntest du Frau von Hagendorf sein. Ich hatte mir schon alles so schön gedacht und ihm von dir vorgeschwärmt. Aber die Reise nach Budapest war dir damals wichtiger, und doch hast du nicht erreicht, daß du die Gräfin Hohenfels geworden bist!«
Ein böses Licht glimmte in Violas Augen auf, und ein Zug trat in ihr Gesicht, der es recht gewöhnlich aussehen ließ.
»Und wer trägt daran die Schuld? Du! Ihr! weil Papa notwendig die großen Zahlungen für euch leisten mußte,« sagte sie heftig. »Du hast stets das meiste Geld bekommen, und ich habe das Nachsehen gehabt! Was ist für mich denn aus dem Gutsverkauf übrig geblieben?« Sie schnippte mit den Fingern. »So gut wie nichts, alles ihr, und was wird aus mir?«
»Ereifere dich doch nicht, Viola«, begütigte die andere, »es war doch nichts anderes zu machen. Papa hat ebenfalls viel Schuld mit an allem! Doch laß uns nicht mehr darüber reden; es hat keinen Zweck mehr! Übrigens brauchst du dich nicht um deine Zukunft zu sorgen; du hast hier die besten Chancen, unterzukommen -- da ist z. B. der lange Plessow, der ist toll verliebt in dich, sagt Otto, fabelhaft reich dabei -- eine bessere Partie könntest du gar nicht machen!«
»Ach, geh' mir mit dem«, meinte die Schwester geringschätzig, »der ist ja wie Milchsuppe! Da ist mir Hagendorf doch lieber, in dem steckt Rasse, Temperament.«
»Aber Viola, was redest du da! Er ist doch verheiratet, und ein Flirten mit ihm hat gar keinen Zweck.«
»Und warum nicht? Schon um seine famose Frau zu ärgern, die mir mit ihrem Vortrag über ihr Studentenleben verschiedene Stiche versetzt hat; na, ich hätt's anders gemacht! Himmel, der Mann muß doch bei so viel Gelehrsamkeit Angst bekommen! Sie hatte wohl viel Geld?«
»Ja, das wohl! Doch hat er nicht nötig gehabt, darauf zu sehen, da er selbst reich ist! Ich gebe dir nochmals den guten Rat, Viola, sei vorsichtig.«
»Ja, ja, du kannst überzeugt sein, daß ich trotz allem meinen Vorteil nicht aus dem Auge lasse; den langen Plessow kann ich jetzt schon um den Finger wickeln, der ist mir sicher, deshalb will ich mich noch amüsieren! -- Übrigens, die Hagendorf hatte einen schicken Schlafrock an, wo kauft sie? Hier doch nicht.«
»Nein, sie bezieht durch Vermittlung der Berthold, ihrer Busenfreundin, sämtliche Garderobe aus Wien.«
»Ach, die lange Bohnenstange mit ihren ewigen Reformkleidern? Na, die beiden passen ja zusammen!« Sie schüttelte den Kopf. »Wie kann nur ein Mann wie Hagendorf an der Frau Gefallen finden, die ihn sicher den ganzen Tag mit ihrer Gelehrsamkeit langweilt. »Fräulein Doktor«, sie konnte nur bei ihrem Berufe bleiben.«
»Das sage ich auch! Immer sucht sie zu imponieren -- sie will alles besser wissen.«
»Nur das eine weiß sie nicht, wie man einen Mann fesselt.« Bei diesen Worten lächelte Viola vor sich hin. Ihre Schwester sah sie von der Seite an; welche Gedanken mochten da in diesem kapriziösen Köpfchen spuken? Ilse konnte aus ihr nie klug werden.
6.
Als Rolf Hagendorf ins Zimmer zu seiner Frau zurückkehrte, fand er sie mit geschlossenen Augen auf der Chaiselongue liegen, bleich und abgespannt aussehend. Mit forschendem Blick betrachtete er sie. Weiß Gott, die Malten hatte recht, ihm war das nur nicht so aufgefallen; Beate war sichtlich alt geworden; von der Nase zum Mund zogen sich zwei scharfe Falten, die ihr einen alten, leidenden Zug gaben, und die Hände, die schönen, schlanken, weißen Hände, die er früher so oft in seiner Verliebtheit geküßt, wie waren sie mager und gelb geworden; doppelt hob sich das von der dunkelseidenen Decke ab, auf der sie nervös hin und her glitten. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Wie hatte er die Schönheit seiner Frau geliebt, wie war er stolz darauf gewesen! Er dachte nicht daran, daß sie noch zu leidend war, um schon wieder so gut wie früher auszusehen, und unwillkürlich drängte sich Violas lebensvolles Bild in seine Vorstellung.
Beate hob die Wimpern und sah ihn an; es war, als hätte sie den Blick seiner Augen gefühlt. Kosend strich er über ihr Gesicht. »Na, Maus, nun ist das auch überstanden! Recht, daß du dich ein wenig gelegt hast«, meinte er leichthin.
»Möchtest du, bitte, klingeln? Ich will doch lieber gleich zu Bett gehen, der Besuch hat mich sehr angegriffen.«
»Nun, so lange haben sich die Damen doch nicht aufgehalten. Frau von Malten wollte dir gern ihre Schwester vorstellen.«
»Sie hätte ruhig damit warten können. So bald möchte ich beide nicht wiedersehen.«
»Aber Beate, ich begreife dich einfach nicht, zwei so liebenswürdige Damen,« ein leiser Unmut klang aus seiner Stimme.
»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Ich habe gesehen, daß Martina Berthold wirklich recht hat. Viola Düsing ist keine Dame, sie hat etwas vom Varieté an sich.«
Mit Mühe bezwang Rolf seine Ungeduld, seinen Unwillen über diese Äußerung Beates. Er sagte gar nichts, sondern war ihr behilflich, ins Schlafzimmer zu gehen. Dann zog er sich um und ging fort, einen Bummel nach der Stadt zu machen, um dort vielleicht Bekannte zu treffen.
Durch Beates lange Krankheit war manches anders geworden. Rolf hatte allmählich seine Junggesellengewohnheiten wieder angenommen und fühlte sich sehr wohl dabei. Er ging alle Tage aus. Was sollte er auch zu Haus? Die verheirateten Kameraden bekümmerten sich um ihn; sie luden ihn in ihre Häuslichkeit ein, und die Damen nahmen herzlich teil an Beates Leiden. Frau von Malten tat sich besonders hervor; sie hatte eine Schwäche für den liebenswürdigen Offizier und sah ihn gern bei sich. Sie fühlte wohl die geringe Sympathie, die Beate für sie hegte; jedoch kümmerte sie sich weiter nicht darum, im Gegenteil, sie befleißigte sich der größten Aufmerksamkeit gegen die gefeierte, kluge Frau, da sie durchaus mit ihr verkehren wollte, aus Berechnung! Im Grunde nämlich erwiderte sie Beates Antipathie aus vollem Herzen.
Sie hatte es gut verstanden, Rolf nach sich zu ziehen, und der beste Magnet war ihre Schwester. Viola, ein rassiges, temperamentvolles Geschöpf, die ihm ein starkes Interesse einflößte. Doch daraus war jetzt mehr geworden! Rolf schmachtete in ihren Banden. Mit raffinierter Koketterie hatte sie es dahin gebracht. Er durfte sie auf ihren täglichen Spazierritten begleiten; und nicht lange dauerte es, so war das Paar ein Gegenstand lebhaften Gesprächs geworden, und man bedauerte sogar schon die arme junge Frau Hagendorfs. Viola, in ihrer stark ausgeprägten Eigenart, kümmerte sich wenig um ein Gerede, das sich mit ihrer Person beschäftigte, und auch Rolf war es gleich; sein einziger Gedanke war jetzt nur noch das üppige, rotblonde Mädchen, und glühende Eifersucht erfüllte ihn auf den Oberleutnant Plessow, von dem sich Viola ebenfalls stark den Hof machen ließ. Sie war unberechenbar: heute war sie von abstoßender Kälte, morgen von unvergleichlicher Liebenswürdigkeit, und das machte ihn fast toll.
Beate litt sehr unter seinen jetzt so wechselnden Stimmungen; sie wußte ja nicht, mit welch widerstreitenden Empfindungen er kämpfte. Ihre Genesung hatte, da ihre kräftige Natur endgültig die Oberhand gewonnen, sehr schnelle Fortschritte gemacht. Die Gestalt rundete sich wieder; ihr Gang und ihre Haltung bekamen die frühere Elastizität und Frische; sie war ganz die alte geworden, wie Martina Berthold mit Freude feststellte. Diese war ein fast täglicher, gern gesehener Gast bei Beate; die beiden so gleichgestimmten Frauen wurden durch eine treue Freundschaft miteinander verbunden.
Professor Scharfenberg verkehrte viel bei Bertholds; zu jeder Tageszeit war er willkommen in dem gastfreien Hause. Mit einem leisen Gefühl des Neides hörte Beate die Freundin oft von den anregenden Stunden erzählen, die ihr durch den Verkehr mit dem geistvollen Professor zu teil wurden. Wie anders war es jetzt dagegen bei ihr! Sie war fast jeden Abend allein, da Rolf stets etwas vor hatte. Und blieb er mal zu Haus, war er zerstreut, unruhig, sprach von dem ewigen Ärger im Dienst, daß er es »satt bis oben 'ran« hätte, von Rennen und ähnlichen Dingen.
Brachte Beate das Gespräch auf etwas anderes, Tieferes, dann wurde er ungeduldig: »Ach, laß mich mit dem Quatsch in Ruhe; du weißt doch, daß ich nun mal nichts davon verstehe, hab' auch gar kein Interesse dafür; habe meinen Kopf so voll!« Dann las er flüchtig seine Sportzeitung, gähnte einigemal recht vernehmlich und ging dann schlafen.
Die feingebildete, ruhige Beate langweilte ihn; er mußte Abwechslung haben, und dazu hatte ihn Viola gebracht, sie war so ganz anders als seine Frau -- sie hätte viel besser zu ihm gepaßt! Wenn er ahnte, daß Beate gar nicht so ruhig war, wie es ihm schien, daß hinter ihrer weißen Stirn rebellische Gedanken wohnten! Mehr als ihr lieb war, mußte sie an Georg Scharfenberg denken, mehr und mehr sah sie ein, daß ihre Ehe ein grenzenloser Irrtum war. Das bißchen Scheingefühl, das sie im Anfang gehabt, war verflogen; sie fühlte sich tief unglücklich an Rolfs Seite. Aber niemand bekam Einblick in diese stolze Frauenseele; still trug sie ihr Geschick für sich.
Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung oder wenigstens Verständnis und Entgegenkommen, wenn sie geistig nicht verkümmern sollte, und das gesellschaftliche Leben, in dem Rolf sich so wohl fühlte, genügte ihr gar nicht. Sie mußte ihre geistigen Fähigkeiten rühren, und mit ihrer zunehmenden Kräftigung war auch der alte Tatendrang in ihr erwacht. Sie kehrte zu ihrer Wissenschaft zurück. Sie hatte ja so viel Zeit. Aufmerksam verfolgte sie alle Neuerscheinungen darin, worüber Rolf sie manchmal auslachte oder, in schlechter Stimmung, sich diese Emanzipationsgelüste verbat, die sich gar nicht für eine Offiziersdame schickten; er wolle sich außerdem bei seinen Kameraden nicht lächerlich machen lassen.
Auf solche Ausfälle erwiderte sie gar nichts, sondern suchte Halt bei ihrem Kinde, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Wenn sie das nicht gehabt hätte! Und doch vermochte der kleine Karl Friedrich die grenzenlose Öde und Leere in ihr nicht auszufüllen. Aber nachdenken durfte sie nicht!
»Komm, Bubi, mein Liebling, mein Einziges, wir wollen uns fein machen, und Tante Martina zum Geburtstag gratulieren!« Beate kleidete das Kind um; sie wurde kaum damit fertig; denn immer von neuem freute sie sich über sein rundes, festes Körperchen, herzte und küßte es, ihm tausend Liebkosungen gebend. Endlich war er fertig und lag in dem eleganten, hellen Kinderwagen. Sie legte die Blumen und eine Photographie, die Bubi bringen sollte, auf dessen seidengestickte Decke. »Fahren Sie immer zu,« sagte sie dann zu der Amme. »Bleiben Sie aber in der Sonne, ich komme gleich.«
Ihre Toilette nahm nicht so lange Zeit in Anspruch, und bald war sie in ihr resedafarbenes Promenadenkostüm umgekleidet, das ihr vorzüglich stand. Sie sah sehr gut aus; jede Spur der Krankheit war verschwunden. Ihre mädchenhafte schlanke Figur ließ sie jünger erscheinen als sie war, und die frische, klare Herbstluft, man schrieb den 10. November, färbte ihr zartes, durchgeistigtes Antlitz mit lichter Röte und vertiefte den Glanz der ernsten, schönen Augen. Nur ihr Gatte schien das nicht zu sehen; sein Blick war zerstreut, und unruhig glitt er über sie hin, als sie sich begegneten; er kam gerade vom Dienst, und in der Haustüre trafen sie zusammen.
»Ah, Rolf, das ist gut, daß du schon kommst. Da kannst du mich ja begleiten, Martina zu gratulieren.« Er blickte an sich nieder auf die schmutzigen Stiefel, den bestaubten Rock. »In diesem Aufzug? Unmöglich, Kind!«
»Nun, du bist doch schnell umgezogen, und ich warte gern.« Er hatte aber keine Neigung dazu.
»Bertholds haben sich doch für den Vormittag Besuch verbeten, da heute abend so wie so großer Zauber ist.«
»Mit uns ist das doch etwas anderes: Martina wird sich sicher sehr freuen, wenn du mitkommst.«
»Es geht nicht, Beate! Hab' es überdies Bünau und Malten versprochen, nachher schnell zu einer Besprechung ins Kasino zu kommen. Wir hatten heute morgen manchen Ärger: der Alte war mal wieder eklig geladen. Sag' also deiner Freundin vorläufig meine herzlichsten Glückwünsche. Heute abend werde ich sie wiederholen.« Sein Blick vermied den ihren, und sichtlich strebte er fort.
»Ich will dich dann nicht weiter aufhalten. Du bist doch pünktlich zum Mittagessen wieder da? Hast du Bubi gesehen? Nein? Schade, er sah so lieb aus. Adieu, Rolf.« Flüchtig küßte er ihre Hand.
»Adieu, Beate.«
Sie streifte die zartfarbigen Handschuhe über, als sie durch den Garten nach der Pforte ging.
Immer Malten! Als ob es niemand anders mehr gäbe! Doch sie sagte gar nichts mehr darüber; denn Rolf nahm trotz ihrer Abneigung gegen diese Familie keine Rücksicht darauf; darum ließ sie ihn willfahren, wenngleich sie sich sehr wunderte.
Martina Berthold stand zufällig am Fenster, als sie die Freundin mit dem Kinde kommen sah. Sie eilte ihr entgegen; herzlich gratulierte Beate und nahm dann den kleinen Karl Friedrich aus dem Wagen. »Da, Tina, Bubi will dir auch Glück wünschen.«
»Du lieber, kleiner Kerl.« Frau Martina nahm ihn auf den Arm, und mit ihm tändelnd und scherzend schritt sie die Treppe hinauf nach dem Wohnzimmer. »Du kommst doch gleich mit hier in mein Reich, du mußt doch meinen Geburtstagstisch sehen; nun schnell deine Blumen ins Wasser tun, die köstlichen Rosen, und, was sehe ich? Bea, du mit dem Jungen? Das erste Bild von euch beiden! Du Böse, hast mir nichts gesagt, daß du beim Photographen warst.«
»Es sollte doch eine Überraschung sein.«
»Die dir glänzend gelungen ist! Und wie gut du getroffen bist! Vielen, vielen Dank! Eine größere Freude konntest du mir gar nicht machen! Denke, wenn mir auch solch Kleinod beschert wäre,« eine leise Wehmut klang aus ihrer Stimme, und verstohlen wischte sie sich eine Träne aus dem Auge.
Herzlich drückte ihr Beate die Hand; sie kannte den Schmerz der kinderlosen Frau; wie reich kam sie sich in diesem Augenblick vor gegen Martina, der sonst nichts zu wünschen übrig blieb vom Leben!
Fröhlich plauderten sie miteinander. Beate entschuldigte Rolf wegen seines Fernbleibens, da er im Kasino erwartet würde. Martina warf da einen eigentümlichen Blick auf die junge Frau; die sah ganz unbefangen aus, schien also nicht zu ahnen, in welcher Weise über Rolfs Verkehr bei Maltens gesprochen wurde. Es war jetzt hohe Zeit, daß Hauptmann Berthold einige ernste Worte als Kamerad zu dem jüngeren Kameraden sprechen und ihn auf das Unbedachte seiner Handlungsweise aufmerksam machen mußte, ehe Beate von anderer Seite erfuhr, daß er Viola Düsing in einer Weise huldigte, die für einen verheirateten Mann nicht passend war.
Mitten in ihr Plaudern hinein meldete das Mädchen: »Herr Professor Scharfenberg.«
»Bitten Sie Herrn Professor, sich sogleich nach oben zu bemühen.«