Fräulein Doktor: Roman

Part 4

Chapter 43,778 wordsPublic domain

Rolf hatte an jenem Tage zu ihr davon gesprochen, als sie erfahren, daß der Jugendfreund doch nicht verlobt war. Der Erwählte von Marianne Brause war ein Freund von Georg, ein Marinearzt, und durch seine Vermittlung hatten die heimlich Verlobten miteinander korrespondiert. An dem Gerede sei kein wahres Wort, hatte Georgs Mutter erzählt, und hinzugefügt, daß ihr Sohn überhaupt nicht ans Heiraten denke, sondern sein Leben lediglich der Wissenschaft widmen wolle.

Da war es, als ginge ein Stich durch Beates Herz, und ein Gefühl sagte ihr, daß es nur ihretwegen sei.

Da fragte Rolf seine Braut, der er ihre Bewegung wohl ansah, nach Georg. Offen gestand sie ihm zu, daß sie Scharfenberg wohl geliebt, aber doch aus tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten auf ein Leben an seiner Seite verzichtet habe.

»Aber du denkst dennoch noch an ihn, Beate -- und in Liebe?« -- Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort, ehe sie sagte: »Wohl habe ich öfter seiner gedacht, ob aber in Liebe? Er ließ mir damals die Wahl zwischen seiner Liebe und der Wissenschaft -- wie du weißt, wählte ich das letztere.«

»Und jetzt?«

»Jetzt, Rolf, bin ich deine Braut, und da erübrigt sich wohl alles andere,« entgegnete sie ernst. -- Ungestüm umschloß er sie. »Ja, ja Geliebte! Aber doch ist es mir, als stünde er zwischen uns, ich weiß es, du hast noch viel für ihn übrig.«

»Das ist wohl begreiflich, Rolf, da mich so viele Erinnerungen mit ihm verbinden. Wir haben zusammen gespielt; er war mein geduldiger Lehrer, dem ich viel zu verdanken habe, und dennoch habe ich ihm sehr wehe getan. Wir haben uns nie wiedergesehen. Doch lassen wir das, Rolf, wozu alte Erinnerungen heraufbeschwören.«

So ganz zufrieden war er aber doch nicht mit dieser Erklärung, wenngleich er sich hütete, weiter zu forschen. Beate war ein eigenes Geschöpf, das anders als die andern behandelt sein wollte. Er begriff das und richtete sich darnach. Denn er liebte seine Braut leidenschaftlich und sehnte den Tag herbei, der sie ihm ganz zu eigen gab. Auch war etwas wie verletzte Eitelkeit in ihm, daß sie ihm so ruhig zugab, einst den Jugendfreund geliebt zu haben, ohne ihm dann aber zu versichern, daß er, Rolf, jetzt ihr alles sei, das wurmte ihn -- sie sollte nur allein noch an ihn denken!

Zur Kräftigung ihrer Gesundheit brachte Beate den Januar im Süden zu, nachdem sie sich noch von ihren Verbindlichkeiten gelöst. Es war ihr doch sehr schwer geworden, sich von der Stätte der liebgewonnenen Tätigkeit loszusagen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie Abschied von den Kollegen nahm, die ihr in herzlichsten Worten Glück wünschten.

So lag dieser Abschnitt ihres Lebens endgültig hinter ihr.

5.

Mehr als ein halbes Jahr war Dr. Beate Haßler nun schon Frau Oberleutnant v. Hagendorf und wegen ihrer Schönheit und Klugheit sehr gefeiert. Sie hatte es verstanden, sich durch ihr Auftreten eine Stellung zu schaffen, wenngleich anfangs von einigen Seiten sehr gegen sie intrigiert wurde; man hatte es dem »Fräulein Doktor« übel vermerkt, den Liebling der Gesellschaft für sich eingefangen zu haben; wer weiß, ob sie es verstand, ihn glücklich zu machen! -- Eine Studierte als Hausfrau -- undenkbar!

Aber selbst die aufmerksamsten Beobachter vermochten nicht, in dem Haushalt Beates die kleinste Unregelmäßigkeit zu entdecken; es ging alles am Schnürchen; sie repräsentierte mit ruhiger Würde, und nach der tadellos verlaufenen ersten Gesellschaft, vor der ihm doch ein wenig gebangt, schloß Rolf Hagendorf sein junges Weib stürmisch in die Arme; es hatte alles vorzüglich geklappt, und in den anerkennendsten Worten hatte ihm die gestrenge und gefürchtete Kommandeuse ihre Befriedigung über den »so genußreichen Abend« und über seine reizende »Frau Doktor« ausgesprochen, der sie, offen gesagt, solch' hausfrauliches Talent gar nicht zugetraut habe. -- -- -- -- --

Hagendorfs bewohnten eine kleine Villa für sich allein, die Beate mit dem ihr eigenen gediegenen Geschmack eingerichtet hatte. Es hatte ihr schließlich doch Freude gemacht und ihr in etwas über die quälenden Zweifel hinweggeholfen, denen sie manchmal zu unterliegen meinte. Aber ein Zurück gab es für sie nicht mehr, sie war gebunden für ihr ganzes Leben, und klar lag ihr Weg nun vor ihr, wenn er auch anders war, als sie einst geträumt!

Sie wußte ja, daß ihr Gatte ihr geistig nicht ebenbürtig war, daß er leicht über Fragen des Lebens hinwegging, die sie so gern mit ihm besprochen hätte. Daß er so oberflächlich war, wie er ihr sich jetzt zeigte, hatte sie aber doch nicht gedacht, und seufzend mußte sie den Gedanken aufgeben, Rolf nach ihrem Sinn zu modeln; Dienst, Sport und tausend Nichtigkeiten des Lebens bildeten sein Hauptinteresse -- sie waren zwei ganz verschiedene Naturen, die sich innerlich niemals näherkommen konnten; Beate war im Grunde eine einsame Frau!

Sonst konnte sie sich aber keineswegs über den Gatten beklagen; denn mit größter Liebe und Aufmerksamkeit umgab er sein junges Weib. Der Sommer war Beate ganz erträglich vergangen; aber vor dem Winter graute ihr, der sie in ein gesellschaftliches Leben hineinziehen würde, das ihrer ganzen Geschmacksrichtung entgegen lag. Sie fürchtete sich vor den ewigen, großen, steifen Abfütterungen, auf denen man immer dieselben Gespräche hörte. Sie konnte sich aber nicht ausschließen, ohne Anstoß zu erregen. Außerdem wünschte es Rolf; er fühlte sich wohl in dem gesellschaftlichen Strudel, und sie gab nach.

Bisher hatte Beate Georg Scharfenberg nicht gesehen, und es war ihr auch recht so. Durch Adolf hörte sie manchmal von ihm, auch daß er letzthin Professor und selbständiger Leiter der Klinik von Professor Brause geworden war, der sich aus Gesundheitsrücksichten zurückgezogen hatte. -- Für heute abend hatten Hagendorfs eine Einladung zu Hauptmann Bertholds. »Schon wieder,« seufzte Beate ein wenig, während sie vor dem großen Spiegel in ihrem Ankleideraum stand und letzte Hand an ihre Toilette legte.

Hellgrüne Seide mit duftigen Spitzeneinsätzen schmiegte sich in weichen Falten um ihre schöne Gestalt und hob die zarten Farben ihres Antlitzes aufs vorteilhafteste; bildschön sah sie aus, und sie konnte gar wohl mit ihrem Spiegelbild zufrieden sein.

Es klopfte an der Tür, und Rolf trat herein im Waffenrock mit blitzenden Epaulettes. »Bist du fertig, Schatz?« fragte er.

»Ja -- nur die Handschuhe noch, gib sie mir bitte. Dort auf dem Toilettentisch liegen sie mit dem Fächer.«

»Weißt du, Bea, es ist eigentlich eine großartige Eigenschaft von dir, daß du stets fertig bist!«

»Und im Grunde auch immer noch schneller als du,« lachte sie fröhlich.

»Und wie du wieder aussiehst, zum Küssen!« Er trat auf sie zu und wollte sie an sich ziehen.

Doch sie wehrte ihm: »Du zerdrückst mir ja meine Robe.«

»Das tut nichts -- dann bekommst du eine andere!«

»Du bist ja riesig freigebig; die Rechnung für diese hab' ich ja noch nicht mal.«

»Einer -- seiner schönen Frau gegenüber muß man stets galant sein!« Dann faßte er ihre Hand. »Sag, mir eigentlich, Schatz, wo du doch so riesig gescheit bist, viel, viel mehr als ich, bist du noch immer mit mir Durchschnittsmenschen zufrieden? Manchmal hab ich eine Heidenangst, wenn man dich so herausstreicht, du könntest mir eines Tages davongehen.«

So scherzhaft er sprach, es klang doch ein leiser Unterton der Sorge heraus, den sie gar wohl verstand. »Bist du mir noch gut, Bea?« Ein lichtes Rot trat in ihr Gesicht; warm ruhten ihre Augen auf dem Gatten, und sie schmiegte sich innig an ihn.

»Ja, Rolf, ich bin dir gut!« sagte sie leise, und dankbar küßte er ihre Hand.

Beate sprach die Wahrheit. Sie liebte ihren Gatten herzlich, wenn es auch nicht jenes Gefühl war, das sie einst für Georg Scharfenberg gehegt. Sein stetes Werben um sie hatte sie gerührt, und jetzt, wo sie seit kurzem die Gewißheit hatte, daß ihr das süßeste Glück erblühen würde, war sie nicht mehr so unglücklich über das böse Verhängnis, das sie in Rolfs Arme getrieben. Sie zwang sich, nicht mehr über vergangene Dinge nachzudenken; unnützes Grübeln hatte keinen Zweck -- fortan lebte sie nur dem Kommenden, und das verlieh ihr eine gewisse Freudigkeit und schöne Sicherheit.

* * * * *

Man war bei Hauptmann Bertholds angekommen. Plaudernd stand man im Salon umher, und mehr als einmal flogen die Blicke der Gastgeber nach der Tür; augenscheinlich wurde noch jemand erwartet. Sonst waren die Geladenen schon vollzählig versammelt. Es war nur ein kleiner aber auserwählter Kreis. Die intimen Abendessen bei Hauptmann Berthold waren berühmt, und man hielt es für einen großen Vorzug, von ihm dazu eingeladen zu werden.

Die Frau des Hauses stammte aus einer bekannten Künstlerfamilie und war schöngeistig veranlagt. So war es sehr begreiflich, daß sie gerade für die schöne und gelehrte Dr. Beate von Hagendorf eine große Vorliebe gefaßt hatte. Endlich meldete der Diener: »Herr Professor Scharfenberg --« und im selben Augenblicke trat der Gemeldete ein.

Einen Herzschlag lang stockte Beate der Atem; das hatte sie doch nicht erwartet! Er entschuldigte sich wegen der unbeabsichtigten Verspätung und begrüßte die Herrschaften.

Als ihn die Hausfrau Beate von Hagendorf vorstellen wollte, sagte die junge Frau verbindlich: »Ich kenne Herrn Professor schon, und sicher länger als Sie, gnädige Frau, -- wir waren ja Nachbarskinder, nicht wahr, Herr Professor? oder erinnern Sie sich nicht mehr?« Und liebenswürdig reichte sie ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.

Es war das Beste und Vernünftigste, ihre Stellung gleich von vornherein klarzulegen -- nach mehr als sieben Jahren standen sie sich jetzt zum ersten Male gegenüber, und wer weiß, wie er über jene Episode seiner Jugendzeit noch dachte! »O doch, gnädige Frau! Die Erinnerung an die froh verlebte Kindheit mit ihren kleinen Freuden und Leiden ist noch stets eine Feierstunde für mich gewesen,« lautete seine Erwiderung.

»Ah, denken Sie auch so, Herr Professor?« meinte Frau Hauptmann Berthold, eine weniger schöne als interessante, sehr schlanke Erscheinung mit lebhaften klugen Augen in dem etwas streng geschnittenen Gesicht -- »ich bin glücklich, Sie so sprechen zu hören! Wie wenige gibt es doch heutzutage, die das fühlen; für die meisten ist es unnützer Ballast! Dann kann ich überzeugt sein, daß Sie gern mit Frau von Hagendorf bei Tische weiter darüber plaudern! Frau Doktor ist ja Ihre Tischdame, ich war überzeugt, daß Ihnen unsere gelehrte Freundin am meisten von uns armen Sterblichen genügen wird.«

»Sie sind wirklich die Güte und Bescheidenheit selbst, meine liebe gnädige Frau --« er verneigte sich vor der Frau des Hauses und bot dann Beate den Arm, da soeben das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde.

Mit eigenen Empfindungen ging er an ihrer Seite. Er hatte ja vorher gewußt, daß er sie heute abend hier treffen würde, und mit Herzklopfen diesem Augenblick entgegen gesehen. Denn er hatte Beate Haßler nie vergessen können -- sie war der Traum seiner Jugend gewesen, und ihretwegen nur blieb er einsam!

Der Abschluß ihrer kurzen Tätigkeit als Ärztin, das so schnelle Aufgeben ihres vorher doch mit so großer Hartnäckigkeit erkämpften Berufes als Braut eines Offiziers hatte ihn befremdet und sein Herz mit schmerzlicher Bitterkeit erfüllt. So war sie auch nicht anders als die anderen, ein echtes Weib, das sich von einem hübschen Gesicht, einer glänzenden Außenseite blenden ließ!

Anscheinend war sie glücklich und vollbefriedigt in ihrer Ehe mit Rolf Hagendorf, den er als gutmütigen, aber sehr leichtsinnigen und leicht zu beeinflussenden Mann kannte, ganz wie Adolf Haßler, Beates Bruder, mit dem er jetzt nur selten noch zusammen kam. Sein Beruf führte ihn andere Wege, in andere Kreise, und so war es ganz von selbst gekommen, daß sich die Bande der Jugendfreundschaft gelockert hatten.

Die Unterhaltung bei Tische war sehr anregend und frei von allem Zwang. Beates anfängliche Befangenheit schwand ihr vollständig, da sie sah, welchen Gleichmut, welche Ruhe Georg Scharfenberg ihr zeigte. Sie beobachtete ihn. Er hatte sich recht verändert. Die Gestalt war breiter geworden, und der dunkle, zugespitzte, sorgfältig gepflegte Bart gab ihm ein fremdes Aussehen -- er stand ihm gut, fand sie.

Seine sonst so warm und gütig blickenden Augen hatten einen kühlen, prüfenden Ausdruck, und in der Unterhaltung vermied er jede persönliche Note. Man hatte ja auch so viele andere Berührungspunkte; außerdem saß Frau Hauptmann Berthold ihnen gegenüber, die sich in ihrer lebhaften Art an dem Gespräch beteiligte. Beate mußte sich gestehen, daß sie sich seit langem nicht so gut unterhalten hatte; von früher her wußte sie ja noch, daß Georg ein geistvoller Plauderer war, wenn er aus sich herausging.

Rolf Hagendorf war von seiner Tischdame, Ilse von Malten, der jungen, lebhaften Frau eines Kameraden, sehr in Anspruch genommen; unaufhörlich lachte und plauderte sie mit ihm, und bereitwillig folgte er ihr. Doch trotzdem beobachtete er seine Frau, und mit Befriedigung stellte er bei sich fest, daß sie die Schönste in diesem Kreise war. Wenn seine Blicke sich mit den ihren trafen, hob er grüßend das Glas gegen sie, und freundlich lächelnd nickte sie ihm zu.

Professor Scharfenberg hatte das beobachtet und daraus den Schluß gezogen, daß sie glücklich sei. Warum auch nicht? War ihr Gatte doch der eleganteste, schneidigste Offizier des Regiments! Ihr stolzer, trotziger Charakter mußte sich aber vollständig geändert haben, denn damals hatte sie trotz des Bekenntnisses ihrer Liebe für den Jugendfreund doch ein herbes »nein« gehabt, als es sich um das Aufgeben ihres Planes, zu studieren, handelte. Doch weg mit diesen Erinnerungen, die nur trübe stimmen konnten.

Beate war die Frau eines anderen, und ihm war sein Lebensweg klar vorgezeichnet. Er hatte auf das Glück durch ein Weib verzichtet, seit sie sich von ihm losgesagt. Sein Beruf mußte ihm dafür alles geben; er fand volle Befriedigung darin, und sein Name wurde bereits rühmend genannt -- alles konnte man eben nicht haben!

Die Tafel war zu Ende und im Salon wurde der Kaffee gereicht. In anregendem Gespräch wußte die Hausfrau Professor Scharfenberg an ihre Seite zu fesseln, ebenso auch Beate Hagendorf, die sie in ihr Herz geschlossen hatte. Sie fühlte eine starke Sympathie für die liebenswürdige kluge Frau und zeigte sie ihr auch ganz offen. Im Fluge verging die Zeit, und mit Bedauern, daß der genußreiche Abend so schnell seinen Abschluß gefunden, trennte man sich.

Auf dem Heimweg war Beate ziemlich schweigsam; in Gedanken durchlebte sie noch einmal die verflossenen Stunden, und wider ihren Willen trat Georg Scharfenberg in deren Vordergrund. Fortan würde sie ihm öfter begegnen; denn wie sie heute abend erfahren, war er ein guter Freund von Hauptmann Berthold. Ob das aber für ihren inneren Frieden gut war? Sie hatte sich nach vielen Kämpfen dazu hindurchgerungen und wollte ihn nicht gern wieder einbüßen -- aber die Erinnerung an ihre erste Liebe war doch zu lebendig.

»Du bist so still, Beate«, unterbrach Rolf ihren Gedankengang, indem er seinen Arm unter den ihren schob. Fast wurde sie durch seine Anrede erschreckt.

»Ich bin müde, Rolf, und ein wenig abgespannt.«

»Wir sind ja gleich daheim! Hast du dich diesmal gut amüsiert?« Er betonte das Wort diesmal etwas auffällig und sah sie forschend an.

»Ja,« entgegnete sie unbefangen, »ich bin gern mit Frau Berthold zusammen, bei ihr ist alles so harmonisch, und mit ihr kann man sich wenigstens auch mal über etwas anderes unterhalten als mit den meisten anderen Damen.«

»Nun ja, Schatz, du schraubst deine Ansprüche gar zu hoch -- die kleine Malten beklagte sich fast bei mir, daß du ihr gegenüber zu zurückhaltend bist.«

»Ich mag sie nicht, Rolf, und kann mich auch nicht verstellen.«

»Ja, aber warum nicht? Sie ist doch sehr liebenswürdig.«

»Das bestreite ich gar nicht; ihre Liebenswürdigkeit ist aber nicht echt; außerdem ist sie mir wirklich zu oberflächlich.«

»So gründlich gebildet wie du kann allerdings nicht jede sein und den Doktortitel haben, Gott sei Dank, möchte man da beinahe sagen! Und da sich die anderen dir unmöglich anpassen können, dürftest du ihnen wohl gern ein wenig entgegenkommen.«

»Das tue ich genügend, Rolf, wie du ganz gut weißt! Aber gerade Frau von Malten ist mir direkt unsympathisch. Sie ist auch nicht aufrichtig, und wenn ich dieses Gefühl von jemand habe, kann ich nicht herzlich sein. Übrigens ist mir ihr Horizont zu beschränkt; über Toiletten und Flirt geht er nicht.«

»Freilich, einen so guten Lehrer wie du in Doktor Scharfenberg hat sie nicht gehabt,« entgegnete er mit leisem Spott.

Verletzt zog sie ihren Arm aus dem seinen. »Ah, willst du da hinaus? Dann konntest du dir die Vorrede sparen.«

»Du warst ja so sehr in die Unterhaltung mit ihm vertieft, daß es allgemein auffiel.«

»Mit »allgemein« kannst du sicher nur Frau von Malten meinen, deren boshafte Zunge ich längst kenne; ich wundere mich aber nur, daß du dich so von ihr beeinflussen läßt.«

»Und du warst sicher glücklich, endlich deinen Jugendfreund wiedergesehen zu haben.«

Beate blieb stehen. »Willst du mich durchaus kränken, Rolf? -- ich habe dir keine Veranlassung dazu gegeben! Du weißt um meine Jugendfreundschaft mit ihm, weißt auch, was ihr ein Ende gemacht hat. Frau Berthold hätte uns nicht als Tischnachbarn bestimmt, wäre ihr das bekannt gewesen -- für diesen Zufall bin ich nicht verantwortlich.«

»Anscheinend war er dir aber nicht unangenehm?« Rolf war in eine etwas gereizte Stimmung geraten, deren Grund er sich selbst kaum erklären konnte.

War es die Anwesenheit Scharfenbergs bei Bertholds, oder eine boshafte Bemerkung Frau von Maltens über Beates Gelehrsamkeit -- genug, er wußte es nicht, und die ruhigen Entgegnungen seiner Gattin reizten ihn fast, daß er sich zu seinen mißtrauischen Fragen hinreißen ließ. »Wenn du mich fragst, Rolf, nein« -- entgegnete sie gelassen, »seine Unterhaltung im Verein mit der Frau Bertholds war mir in der Tat eine angenehme Abwechslung -- ich hörte einmal etwas anderes reden, als daß die Glockenröcke so ungeheuer schick seien, aber doch sicher bald wieder unmodern würden.«

Ein leiser Sarkasmus klang aus ihrer Stimme -- sie wollte durchaus keine Szene und ging ruhig weiter, nahm aber den angebotenen Arm des Gatten nicht an.

Rolf sah an ihrem Gesicht, daß es nicht ratsam war, weiter zu sprechen. Durch seine Worte, die ihm vielleicht von einer gewissen Eifersucht diktiert waren, hatte er ihr die Stimmung verdorben, und in etwas ungemütlichem Schweigen legten sie den Rest des Weges zurück. -- -- --

Beate von Hagendorf lebte jetzt sehr zurückgezogen, und sie war froh, einen Grund dazu zu haben. Nur mit der ihr so lieben Frau Hauptmann Berthold verkehrte sie, und durch sie hörte Beate auch noch manchmal von Professor Scharfenberg. Sie hatte ihn einmal kurz nach dem Abend ihres Wiedersehens auf der Straße getroffen. Er hatte grüßend den Hut gezogen und war stehen geblieben, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Es waren gleichgültige Worte gewesen, die man gewechselt, und doch war Beate in einen Zustand der Unruhe versetzt worden.

Nein, es war nicht gut, daß sie mit ihm zusammenkam; es schaffte ihr nur unnütze Aufregung und brachte sie aus dem schönen Gleichmaß ihrer Seele, zu dem sie sich hindurchgerungen. Sie durfte auch Rolf das nicht antun, sich so viel in Gedanken mit dem Jugendfreund zu beschäftigen -- denn ihr Gatte trug sie jetzt förmlich auf Händen; er konnte sich in Aufmerksamkeiten nicht erschöpfen. -- -- --

Und als die Rosen blühten und die Erde in herrlicher Blütenpracht prangte, hatte Beate dem Gatten einen Sohn geschenkt. Seine Freude war unbeschreiblich. Bebend vor innerer Bewegung kniete er an ihrem Bette und küßte ihre Hände voll heißer Dankbarkeit. Beate hatte schwer gelitten; sie konnte sich trotz ihrer kräftigen Natur lange nicht erholen. Wochenlang war sie bettlägerig, und die Sorge wich nicht von ihrem Lager.

Als sie zum ersten Male wieder aufstehen durfte, zeigte die Natur schon herbstliche Färbung, und mit etwas wehmütigem Lächeln schaute die junge Frau in den Garten, auf dessen wohlgepflegten Wegen die Amme den Kinderwagen schob und mit dem Kleinen tändelte. Tränen feuchteten ihre Augen. Ihr Kind! Was hatte sie bis jetzt davon gehabt, und wie innig sehnte sie sich nach ihm! Wenn sie nur nicht gar so schwach noch und elend wäre!

Prüfend flog ihr Blick nach dem Spiegel. Sie war bloß noch ein Schatten ihres früheren strahlenden Selbst -- um Jahre gealtert kam sie sich vor. Das Gesicht war so bleich und abgezehrt, um den Mund lag ein müder Zug, und die Fülle der Gestalt war geschwunden. Schmerzlich seufzte sie. Sie war doch genug Weib, um das nicht bitter zu empfinden.

Beate erhob sich vom Diwan, auf den man sie gebettet, und machte mit Anstrengung einige Schritte nach der Balkontüre, um nach dem Kinde zu rufen. Da sah sie auf dem Wege zwei sommerlich gekleidete Gestalten daherkommen, die jetzt am Kinderwagen Halt machten und sich darüber neigten, seinen Inhalt in Augenschein zu nehmen. »Du kleiner Kerl, kennst du mich denn nicht? Ich habe dich doch schon öfter begrüßt! Nicht weinen, du, du, ich bin doch die gute Tante,« hörte Beate ganz deutlich die etwas scharfe, helle Stimme der Frau von Malten zu sich heraufschallen, »sieh nur, Viola, er ist doch gar zu goldig -- und wie klug er schon guckt.«

Da trat Rolf ziemlich hastig ins Zimmer. »Ausgeschlafen, Bea? Fühlst du dich noch so wohl wie am Mittag? Das ist ja herrlich« -- er küßte sie flüchtig auf die Stirn -- »du siehst auch brillant aus, ganz brillant. Da bist du sicher imstande, Frau von Malten mit ihrer Schwester zu empfangen.«

»Rolf!« weiter sagte sie nichts.

Er verstand den stummen Vorwurf in dem Blick der großen Augen. Etwas verlegen fuhr er sich durch das Haar. »Ich bin selbst untröstlich, Schatz, aber es geht nicht anders. Abweisen kannst du sie nicht. Heute morgen begegnete sie mir, fragte mich natürlich nach deinem Befinden, und als ich ihr erzählte, daß du zu meiner großen Freude aufstehen wolltest, stellte sie mir ihren Besuch in Aussicht.«

»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« fragte sie vorwurfsvoll.

»Weil ich es selbst noch nicht recht geglaubt, nachdem ich schon früher einigemale abgewinkt! Sie war in jeder Hinsicht so aufmerksam, daß es direkt ungezogen gewesen wäre; sieh, jetzt kommen sie schon die Treppe herauf, eine Abweisung ist unmöglich,« sagte er dringend, schon im Hinausgehen begriffen.

Draußen hörte sie lautes Lachen, lebhaftes Begrüßen, und wenige Augenblicke später betraten die beiden Damen das Zimmer. Als Beate sich aus dem bequemen Stuhl, in dem sie jetzt ruhte, erheben wollte, um ihnen entgegen zu gehen, eilte Frau von Malten auf sie zu, sie daran zu hindern.

»Nein, nein, Liebste, Beste, das geht nicht! Sie bleiben hübsch sitzen, wenn Sie nicht wollen, daß wir gleich wieder gehen!«

Sie küßte Beate auf beide Wangen -- »wie bin ich glücklich, Sie so wohl zu sehen. Gott, wie hab' ich mich um Sie gesorgt -- wir alle, nicht wahr, Viola? Nun bringe ich Ihnen so ohne weiteres mein Schwesterlein, das darauf brennt, die berühmte »Doktorin« kennen zu lernen. -- Sie sind mir doch nicht böse, Liebste, daß ich so bei Ihnen eindringe? Aber Ihr Gatte meinte, es sei durchaus keine Störung; im Gegenteil, Sie müßten etwas Zerstreuung haben, und mir ließ es keine Ruhe, seitdem ich wußte, daß Sie auf sind, und diese Rosen hier, die letzten Kinder des Sommers, sollen meinen Wunsch begleiten, Sie recht bald in unserer Mitte, gesund und vergnügt zu sehen!« Dabei legte sie den Strauß köstlicher Rosen, den sie bisher in der Hand gehalten, in Beates Schoß und setzte sich neben sie.

Die junge leidende Frau war von dem Redeschwall der andern förmlich betäubt, und fast mechanisch hieß sie Viola Düsing willkommen, die schon seit längerer Zeit bei Maltens zu Besuch war. Sämtliche Herren schwärmten von ihr, auch Rolf nicht ausgenommen.