Part 3
Der Angeredete nickte zustimmend, während sein Blick beständig Beates Auge suchte: er las in dem stolzen Gesicht etwas, das ihm zu denken gab. War es Schmerz und Kränkung über verschmähte Liebe? Denn Doktor Scharfenbergs Verlobung ging ihr bestimmt näher, als alle anderen ahnen mochten, als sie sich selbst eingestehen wollte! Rolf Hagendorf war ein erfahrener Frauenkenner, der auch in den sprödesten, verschlossensten Herzen lesen konnte.
»Das ist aber unrecht von Georgs Mutter, daß sie mir das verheimlicht hat,« ereiferte sich Frau Haßler.
»Nicht doch, Mutterle, sie weiß vielleicht gar nichts darüber. Erst kurz vor meiner Abreise hörte ich davon sprechen -- allerdings mit großer Bestimmtheit. Und so dumm wäre das gar nicht von Schorschchen -- er käme da in ein gemachtes Bett! Professor Brause ist ein schwerreicher Mann, Marianne das einzige Kind, man bezeichnet ihn jetzt schon als die rechte Hand des Professors, der ihn ungemein schätzt und hochhält, wäre ihm das schließlich so zu verdenken?«
»Nein, durchaus nicht,« sagte Beate mit seltsam tonloser Stimme und trank hastig ihr Glas leer.
Ihre Hand zitterte, als sie es auf den Tisch stellte, und einen Moment schloß sie die Augen. Als sie die Wimpern wieder hob, blickte sie gerade in Rolfs forschende Augen, und sie hatte das Bewußtsein: er ahnt, was in dir vorgeht! O, nur das nicht! Gerade er durfte nicht wissen, wie unglücklich sie sich in diesem Augenblick fühlte -- daß sie verschmäht wurde, da, wo sie doch noch im stillen liebte und hoffte!
Sie zwang sich zur Heiterkeit und ging lachend auf die Scherze des Bruders ein. Aber die Wangen brannten ihr vor innerer Aufregung, und sie sehnte die Stunde herbei, in der sie endlich allein in ihrem Zimmer war.
Dort saß sie dann mit gefalteten Händen auf dem Rande ihres Bettes und starrte vor sich hin. An ihrem Schmerz fühlte sie, wie sehr sie Georg noch liebte, wie tief in ihrem Innersten der Gedanke an ihn gelebt, wie sie gehofft, ihn durch ihre Erfolge doch noch zu überzeugen, daß er ihr unrecht getan mit seiner Forderung, auf das Studium zu verzichten; jetzt wäre sie gerne sein Weib geworden und hätte Hand in Hand mit ihm gearbeitet; welch köstlich Leben wäre das geworden, und nun nahm er eine andere!
Brennende Tränen traten in ihre Augen, und in Grübeln und Sorgen verbrachte sie die Nacht.
4.
Acht Tage waren vergangen, in denen Adolf Haßler und sein Freund das Haus mit frischem, fröhlichem Leben erfüllt hatten. Immer gab es etwas anderes; die beiden hielten alle in Atem, und wider Willen fast wurde Beate mit fortgerissen. Sie machte Ausflüge mit ihnen und lachte und scherzte wie wohl nie zuvor in ihrem Leben. Sie mußte sich ja beherrschen und durfte nicht ahnen lassen, was in ihr vorgegangen war; denn sie fühlte, wie Rolf von Hagendorf sie beständig beobachtete. Er war der ritterlichste, aufmerksamste Gesellschafter, den sie sich denken konnte, und in der zartesten Weise brachte er ihr seine Huldigungen dar.
Beate beherrschte seine Sinne vollständig -- ihre eigenartige Schönheit hatte ihn gefangen genommen. Und wiederum war er sich seiner Macht über die Frauen vollkommen bewußt, und hier in diesem Falle nutzte er sie weidlich aus. Er wollte für sich in Beate ein wärmeres Gefühl erwecken; sie interessierte ihn, wie nie ein Weib zuvor, und es dünkte ihn süß, von diesen spröden, stolzen Lippen Tribut zu nehmen. Mit Freuden sah er, wie Beate manchmal unter seinem Blick und Händedruck errötete. Er deutete das zu seinen Gunsten; wie in einen weichen Schleier hüllte er sie mit seiner Verehrung ein!
Da hatte Rolf das Unglück, sich eine Hand zu verstauchen; er war in dem spiegelblank gebohnten Treppenhaus ausgeglitten und gefallen. Adolf betrachtete diesen kleinen Unfall von der besseren Seite.
»Du Glücklicher!« meinte er, »nimmst einfach noch einige Tage Urlaub! Den Arzt haben wir ja auch gleich im Hause! Nun zeig mal, Mädel, was du kannst, ob das teuere Lehrgeld nicht vergebens bezahlt ist?!« lachte er die Schwester neckend an, die mit weicher, geschickter Hand die verletzte Rechte des jungen Offiziers verband.
Erleichtert aufseufzend ließ sich Rolf in den bequemen Stuhl fallen, den ihm Adolf gebracht hatte. »Mensch, du hast ein unverschämtes Glück -- na ja, wie immer,« meinte er gemütlich, indem er dem Freunde eine Zigarette in Brand setzte, »ich muß übermorgen abdampfen, und du kannst hier bei den Fleischtöpfen Ägyptens bleiben.«
Rolf widersprach; er könne doch der verehrten Familie nicht noch länger zu Last fallen, aber da kam er bei Mama Haßler schön an. Er solle sofort schweigen, wenn er sie nicht ernstlich erzürnen wolle. Zuerst müsse er gesund werden, dann dürfe er ans Reisen denken. Er fügte sich schließlich, im Herzen wohl zufrieden. Das Verwöhntwerden tat ihm so gut! Den ganzen Tag fast waren die Familienmitglieder um ihn besorgt, und die alte Fränze konnte sich nicht genugtun, ihm die feinsten Leckerbissen zurechtzumachen. Denn in wortreichem Jammer gab sie sich selbst die Schuld an dem Unfall des Herrn Leutnants; sie hätte auch mit dem Bohnern noch einige Tage warten können.
Der letzte Tag von Adolfs Urlaub war da; morgen in aller Frühe hieß es abrücken. Rolf hatte einige Tage Nachurlaub erhalten. Behaglich lag er heute zur Mittagsruhe schon ausgestreckt, als Adolf nach ihm sah. »Na, Rölfchen, bleibst du hier, oder willst du mit 'rauf kommen? Nein? Glaub' ich dir auch! Die alte Dame hat ja schönstens für dich gesorgt. Dann kann ich beruhigt gehen und ebenfalls eine Stunde pennen,« er gähnte und streckte sich, »na, schlaf schön, alter Junge.«
Der junge Offizier war allein. Er lag in der Veranda, die an das Eßzimmer stieß. Die Tür zum Garten stand weit offen; denn es war ein wundervoller Tag, und die Sonne lachte fast sommerlich warm vom blauen Himmel. So still war es um ihn her; auch Adolfs Eltern hatten sich zurückgezogen, und Beate, die Einzige, war ebenfalls nicht zu sehen.
Wie ihn nach dem Mädchen verlangte! Er schloß die Augen und dachte an sie; zum greifen deutlich stand sie in ihrer lebensvollen Schönheit vor ihm. Noch nie hatte ein so interessantes Geschöpf seinen Lebensweg gekreuzt; die Frauen, die er kannte, waren alle anderer Art.
Gerade die Unnahbarkeit, die über Beate lag, reizte ihn. Er wollte ergründen, was ihre schöne Hülle barg, ob nicht auf dem Grunde ihrer Seele etwas Geheimnisvolles schlummerte, wovon ihre Augen ihm so viel verrieten, diese wunderschönen dunklen Augen! Die laue Luft hatte ihn doch müde gemacht und eingeschläfert.
Wie lange er geschlafen, wußte er nicht; er erwachte durch das Geräusch von Schritten auf dem Kies des Gartens. Unwillkürlich richtete er sich etwas auf, und da sah er Beate, wie sie von einem Rosenstock einige Blüten abschnitt. Er beobachtete sie, und mit Entzücken ruhten seine Augen auf dem angebeteten Mädchen. Als sie weitergehen wollte, sprang er hastig auf und rief sie -- »Fräulein Doktor.«
Sie wandte sich um; als sie ihn in der Verandentür stehen sah, ging sie bis zu deren Stufen. »Warum schlafen Sie nicht, Herr von Hagendorf?« Ein leiser Vorwurf klang aus ihrer Stimme.
»Ich kann nicht.«
»Und warum nicht? Haben Sie Schmerzen?«
»Ja, die Hand tut mir doch recht weh.« Ein verstecktes Lächeln lag da in seinen Mundwinkeln; aber er hatte erreicht, was er gewünscht: Beate kam herauf und untersuchte den Verband seiner Hand.
»Ich begreife aber nicht, Herr von Hagendorf, es ist doch alles in Ordnung, nun, und die Schmerzen sind doch für einen Soldaten zu ertragen!« Sie schüttelte leicht den Kopf.
Er seufzte. »Ja, wenn man so allein sitzt, Fräulein Doktor, da bildet man sich mancherlei ein -- ich bin ein komischer Kauz -- ich mag nicht gern allein sein.«
»Ah, Adolf schläft wohl? Ich glaubte, er würde Ihnen Gesellschaft leisten.«
»Nein, so weit geht seine Freundschaft doch nicht, die geliebte Mittagsruhe zu opfern, und wie ich ihn kenne, pflegt er sie so lange wie möglich auszudehnen, aber Sie, Fräulein Beate, haben Sie denn nicht geruht?«
»Nein, ich habe etwas gelesen und wollte nun hier im Garten den schönen Tag genießen! Sicher sind uns in diesem Jahre nicht mehr viele so schöne Tage beschieden.«
»Da hab' ich Sie nun in Ihrem Vorhaben gestört -- ah, und die schönen Rosen, köstlich.«
»Mögen Sie sie?« Schnell tat Beate die Blumen in eine Vase, die sie auf das Tischchen neben dem Liegestuhl Rolfs stellte. »So, Herr von Hagendorf, nun sollen Sie auch noch Freude an den Rosen haben! Und jetzt ruhen Sie noch ein wenig; ich verordne es Ihnen! Sie wissen, seinem Arzt muß man stets gehorchen.« Eine reizende Schelmerei klang aus ihren letzten Worten.
»Ja, ich will es tun, wenn Sie mir eine Weile Gesellschaft leisten, Fräulein Beate, ich bitte Sie.«
Sie errötete ein wenig; dann -- mit einem schnellen Entschluß -- zog sie einen Stuhl zu sich heran. »Gern, Herr von Hagendorf. Sie sollten aber eigentlich schlafen.«
Er nahm seinen früheren Platz wieder ein. »Schlafen? Nein, Fräulein Beate! Ich bin glücklich, wenn Sie mir armen Sterblichen die Gunst Ihrer Anwesenheit schenken.«
Lachend nahm sie neben ihm Platz. Bequem lehnte sie sich in den weiten Korbsessel zurück, die Arme auf dessen Lehne legend. »Aber Herr von Hagendorf, wenn Sie unsere Unterhaltung so beginnen, vertreiben Sie mich in der nächsten Minute wieder! Sie dürfen nicht so billige Phrasen machen.«
»Verzeihung, ich vergaß --« er lächelte, was ihm einen hinreißenden Ausdruck verlieh, »ich vergaß, daß Sie, Fräulein Beate, mit einem anderen Maßstab -- nein, nein, Sie brauchen mich nicht so strafend anzusehen; ich schweige schon, aber doch das denkend, was ich nicht sagen darf!«
Er machte eine kleine Pause, während er sie lächelnd ansah. Unbefangen hielt sie seinem Blicke stand, und er fuhr fort: »Nicht wahr, ich bin gehorsam, Fräulein Beate? -- Wie war ich im Anfang um eine Anrede verlegen! »Gnädiges Fräulein« ist für Sie viel zu banal, und »Fräulein Doktor« geht mir bei so viel Schönheit und Anmut doch nicht so recht über die Lippen, und so nenne ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen, ich darf doch? Er ist so schön, so eigenartig, ich spreche ihn gern aus. Beate, meine Seligkeit -- das hab' ich aus dem Lateinischen noch behalten -- oder ist's doch nicht ganz richtig?«
Sie errötete leicht. Er hatte eine Art an sich, die sie manchmal verwirrte.
So hatte Georg Scharfenberg nie zu ihr gesprochen. Immer hatte er sie schulmeistern, bevormunden wollen, ihre Persönlichkeit unterdrücken, und hier offenbarte sich ihr eine fast schrankenlose Bewunderung. Sie war doch so viel Weib, um das angenehm zu empfinden; es umschmeichelte sie, und vielleicht war es nicht ganz ohne Reiz für sie, ihre Macht zu erproben.
Mehr als einmal hatte sie, besonders jetzt, daran denken müssen, wie Georg Scharfenberg ihr gesagt, ihre Schönheit ginge in ihrem anstrengenden Beruf verloren. Es mußte aber doch wohl nicht so gewesen sein; denn mit dem feinen Instinkt der Frau fühlte sie, daß sie dem jungen Offizier gefiel, ja, daß sie ihm nicht gleichgültig war. Seine Augen führten eine zu beredte Sprache, die sie gar wohl verstand, und sie konnte sich auch nicht ganz dem Reiz entziehen, der von diesem ungewöhnlichen Beisammensein ausging; die Mittagsstunde umspann sie unmerklich mit ihrem Zauber.
»Darf ich Sie etwas fragen, Fräulein Beate?« unterbrach er die Stille mit seiner schmeichelnden weichen Stimme, indem er sich zu ihr neigte, »aber nicht böse sein; wenn ich vielleicht ein wenig neugierig bin; ich habe so viel über Sie nachgedacht: weshalb haben Sie eigentlich nicht geheiratet? Denn bei Ihren Vorzügen müssen Sie doch sicher der Frage näher gestanden haben.«
»Sehr einfach, Herr von Hagendorf, weil ich nicht wollte, weil mein Beruf mir volle Befriedigung gibt«, sagte sie lächelnd, frei seinem forschenden Blick begegnend, wenngleich ihr bei dieser unvermuteten Frage doch das Herz etwas klopfte -- sie mußte an Georg denken!
»Wirklich?« --
»Ja, weshalb zweifeln Sie daran? Es war doch mein freier Wille, Ärztin zu werden; mich hat niemand dazu gezwungen. Im Gegenteil, nach vielen Kämpfen erst habe ich es durchgesetzt. Doch Sie wissen ja alles, und warum Längstgesagtes wiederholen? Ich werde nicht gern an jene Zeit erinnert.«
»Und doch ist es schade,« sagte er leise.
»Wieso? ich verstehe Sie nicht.«
»Nun, -- es ist schade, daß so viel Schönheit und Anmut, wie Sie besitzen, Fräulein Beate, in Ihrem anstrengenden Berufe vergehen sollen, wie sehr würden Sie einen Mann damit beglücken können, der in Ihnen sein Höchstes sieht, sein alles.« Heiß kam das von seinem Mund, und leidenschaftlich ruhten seine Augen auf ihr.
Ihre Brust hob sich in schnellen Atemzügen, und die Farbe kam und ging auf ihrem Antlitz. Er verwirrte sie mit seinen heißen, werbenden Worten, so daß sie nicht wußte, was entgegnen. Sie senkte die Augen vor seinen verzehrenden Blicken. Da griff er nach ihrer Hand: »Beate!«
»Nicht doch, Herr von Hagendorf, nein.« Hastig sprang sie auf, dunkelrot im Gesicht, und er erhob sich ebenfalls.
Er trat dicht hinter sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Beate, süßes, angebetetes Weib, ahnen Sie denn nicht, wie es in mir aussieht, wie Sie meine Gedanken so ausschließlich beherrschen, daß nichts anderes mehr Raum in ihnen hat?« Dabei legte er seinen Arm um ihre schlanke Hüfte, zog sie unwiderstehlich an sich und suchte ihren Mund in heißem Kusse.
Sie war wie betäubt. Halb hingebend, halb widerstrebend duldete sie seine Liebkosung. »Nun bist du mein,« frohlockte er und preßte sie von neuem an sich.
Da kam sie zur Besinnung. Sie suchte sich aus seiner Umschlingung zu befreien; er ließ sie nicht; und da sah sie zu ihrem größten Schrecken den Bruder in der Tür stehen. Der hatte die Arme in die Seiten gestemmt und blickte aufs höchste überrascht von einem zum andern. Da überkam sie eine große Trostlosigkeit, und matt ließ sie die zum Widerstand erhobenen Hände wieder sinken.
»Na, Kinder, hört mal!« rief Adolf, nachdem er sich von der ersten Überraschung erholt. »Na, das ist -- mir fehlen einfach die Worte, ich bin baff!«
»Du hast doch längst gewußt, alter Junge, wie sehr ich deine Schwester verehre,« sagte Rolf warm.
»Natürlich! Aber daß Beate -- im Ernst, das hätte ich nicht geglaubt! Wieder mal ein Beweis, daß du wirklich Hans im Glück bist!«
»Deshalb, lieber Adi, wirst du uns hoffentlich deinen Glückwunsch nicht versagen?«
»Nee, Kinder, meinen Segen habt ihr.« Halb gerührt, halb lachend umarmte er die beiden. »Wenn du aber jetzt denkst, daß ich um die Verlobungsbowle kommen soll, bist du sehr im Irrtum, ich telegraphiere. Einen Tag gebe ich zu, den darf mir der Alte nicht vorenthalten, umsomehr, da es meine Familie ist, aus der ihm der Zuwachs ins Regiment kommt. Und was für einer! Fast könnte ich dich beneiden, wenn es nicht meine Schwester wäre! Nun aber schnell ein paar Flaschen Sekt aufs Eis, das frohe Ereignis zu begießen! Was werden die alten Herrschaften sagen! Entschuldigt, wenn ich euch noch einige Minuten allein lassen muß.« Er zwinkerte mit den Augen, ehe er davon eilte, die beiden in drückendem Schweigen zurücklassend.
Beate stand da, leichenblaß im Gesicht, und zwei große Tränen tropften langsam aus ihren Augen. Ihr Anblick rührte ihn; er trat auf sie zu und faßte ihre Hand. »Beate, können Sie mir verzeihen?« fragte er leise. Sie zuckte unter seiner Berührung zusammen und wandte sich ab.
Er wußte wohl, daß er sie mit seiner stürmischen Werbung überrumpelt hatte, und daß sie bei ruhiger Überlegung nicht so schnell oder vielleicht gar nicht die Seine geworden wäre.
Dieses Bewußtsein gab ihm etwas Niederdrückendes, Unfreies und verdarb ihm die Freude, daß Beate jetzt ihm gehörte. »Beate, ich kann ja selbst nichts dafür; eigentlich bin ich ja furchtbar glücklich. Aber wenn ich Sie so traurig dastehen sehe, weil Adolf uns so schnell miteinander verlobt hat, wird mir das Herz schwer. Wollen Sie nicht versuchen, mir nur ein wenig gut zu sein?«
Er brachte das Du nicht über die Lippen, obwohl sie nun seine Braut war. Die Situation war ihm äußerst ungemütlich; er hatte sich auch zu schnell hinreißen lassen. Sie schwieg noch immer; nur ein unterdrücktes Schluchzen verriet, was in ihr vorging.
Da fühlte er sich gekränkt. »Ja, wenn ich Ihnen so widerwärtig bin, Beate, dann machen Sie doch ein Ende. Aufdrängen will ich mich Ihnen nicht, und die Schuld liegt lediglich an mir.« Er nagte an seinem hübschen, dunklen Bärtchen und blickte verdrießlich vor sich hin.
Sie schüttelte heftig den Kopf und in halberstickten Tränen rang es sich von ihrem Munde: »Es war nur alles so schnell, so plötzlich, und nun muß ich doch meinen Beruf aufgeben.«
Um Gottes willen, Rolf durfte ja nie ahnen, daß es nur die große Scham war, die sie so unglücklich sein ließ, die Scham darüber, daß sie vielleicht durch ihr halbes Entgegenkommen einem Manne den Mut gemacht, sie zu küssen. Und Beate Haßler küßt nur den Mann, dem sie sich fürs Leben zu eigen geben will! Um diesen Punkt drehten sich alle ihre Gedanken.
Bei ihren Worten atmete Rolf erleichtert auf. Wenn es nur das war, was sie so bekümmert sein ließ, dann war es ja nicht schlimm. »Ja, das allerdings, Beate,« entgegnete er ernst. »Aber ich denke, daß es Ihnen nicht gar zu schwer sein wird. Meine Liebe soll Ihnen alles ersetzen, was Sie aufgeben. Ich will Sie glücklich machen, Beate, soviel in meinen Kräften steht, nur wissen muß ich, ob Sie mich lieb haben.« Er war ganz nahe zu ihr getreten; sie fühlte seine Nähe, die sie beängstigte, verwirrte, und tief senkte sie den blonden Kopf.
»Beate«, er faßte sie mit der gesunden Hand an der Schulter und zwang sie, ihn anzusehen, »warum sprechen Sie denn nicht?« Ärgerlich klemmte er die Unterlippe zwischen die Zähne, und seine Stirn furchte sich.
»Haben Sie doch Nachsicht mit mir!« flehte sie.
»Alles, Beate -- nur sagen sollst du mir, ob du mich lieb hast!« rief er ungestüm.
»Ja!«
So leise sie es gesagt, sie mußte es ja tun, er hatte es doch verstanden. Mit einem Male war der Bann von ihm gelöst. Keinen Augenblick zweifelte er an ihrem Wort, und mit einem Jubelruf schloß er sie in seinen Arm. Ihren stillen Widerstand hielt er für mädchenhafte Scheu, für Stolz und Trotz, daß sie wider Willen so schnell die Seine werden mußte, und wie ein Rausch überkam es ihn, dieses seltene Geschöpf an seinem Herzen zu halten. Er preßte seine Lippen auf ihr schimmerndes Haar, auf ihre Augen, auf den blühenden Mund und flüsterte ihr zwischen seinen Küssen die zärtlichsten Liebkosungen zu, und sie ließ sich von der Gewalt seiner Leidenschaften mit forttragen, denn denken durfte sie ja nicht!
Natürlich war bei Papa und Mama Haßler die Überraschung groß, als Adolf ihnen mitgeteilt, daß er soeben Zeuge von Beates Verlobung mit Rolf von Hagendorf gewesen war. Als Beate die Eltern kommen hörte, riß sie sich aus den Armen des Verlobten und flüchtete auf ihr Zimmer -- o, nur eine kurze Zeit der Sammlung!
Halb verlegen trat Hagendorf ihnen entgegen; er suchte nach Worten, eine offizielle Werbung vorzubringen. Doch zu seiner Erleichterung wurde flüchtig darüber hingegangen; man begnügte sich mit der vollzogenen Tatsache und hieß ihn herzlich in der Familie willkommen. Er war doch kein Fremder mehr. Durch Adolf wußte man, daß er in glänzenden Verhältnissen lebte; er war eine sogenannte »gute Partie«, um die man Beate sicher beneiden würde.
Am meisten freuten sich die Eltern darüber, daß die Tochter nun endgültig daran denken mußte, ihren Beruf aufzugeben, der ja nie nach ihrem Sinn gewesen war.
Beate lag in ihrem Zimmer vor ihrem Bett, das Gesicht tief in die Kissen gewühlt, um das Schluchzen zu unterdrücken, das ihren Körper schüttelte. Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. So streng ging sie mit sich ins Gericht und klagte sich an, durch ihr Verhalten Rolf Hagendorf zu seinem kecken Vorgehen ermutigt zu haben; er war nicht der Mann, der eine Blume an seinem Wege ungebrochen ließ, und nun mußte sie jene einzige Minute so bitter büßen!
Ihr ganzes, schönes, arbeitsfreudiges Leben lang! Denn eher wäre sie gestorben, als zuzugeben, daß sie sich in einer verliebten Laune hatte küssen lassen.
Wenn sie auch Rolf ganz gern hatte, so genügte dieses Gefühl doch nicht, ein Leben an seiner Seite ihr wünschenswert erscheinen zu lassen. Dazu hatten sie viel zu wenig Berührungspunkte und gemeinsame Interessen. Sie war eine zu ernst und tief angelegte Natur, um das nicht schmerzlich zu empfinden. Rolf war ein glänzender Schmetterling, der über die schwierigen Fragen des Lebens gaukelte, sie mit einem Lächeln abtuend.
Wie anders war dagegen Georg Scharfenberg! »Streber« hatte ihn Adolf genannt -- nein, das war er sicher nicht -- aber ein Mann, dessen Lebenszweck ein immer weiteres Forschen nach Erkenntnis war. So gut begriff sie ihn; keine wohl verstand ihn wie sie, und doch hatte er jetzt sein Herz einer anderen zugewandt! Die war wohl fügsamer, nachgiebiger, als die Jugendgeliebte, die aus gleichem Holz wie er geschnitzt war. Bei dem Gedanken an ihn kam es wie ein stiller Trotz über sie; er hatte sie verschmäht, sich nie wieder um sie gekümmert; nun war es ganz gut, wenn er sah, daß sie trotzdem noch begehrenswert war, sogar für einen Mann, der zu den Begünstigten seines Geschlechtes gehörte!
Endlich raffte sie sich auf, damit ihr Fernbleiben nicht unliebsam auffiel. Sie kühlte die brennenden Augen und ordnete ihr zerzaustes Haar; auch legte sie ein anderes, festlicheres Kleid an.
Mit Ungeduld wurde sie schon unten erwartet.
»Meine liebe Beate, Kind, wie hast du uns überrascht und erfreut.« Mit Tränen umarmte Frau Haßler ihre Tochter, die sich wie ein müdes, verflattertes Vögelchen an sie schmiegte.
»Na, Mädel, endlich mal was Gescheites, was du getan, freue mich unbändig, daß du noch rechtzeitig hinter das alte Wort gekommen bist: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.«
Etwas lauter noch als sonst und etwas geräuschvoller sprach Herr Haßler, wohl um die Rührung, die ihn überkam, zu unterdrücken. Er faßte ihre Hände und preßte sie heftig, mit feuchten Augen in ihr schönes Gesicht sehend. Dann führte er sie zu Rolf: »Hier mein Junge, haben Sie sie, und machen Sie mir mein Mädel, meine Einzige, recht glücklich, sie verdient's.«
Blaß vor innerer Erregung sah Rolf auf die Geliebte, und mit seiner unverletzten Hand zog er sie an sich. Er drückte einen Kuß auf ihre klare Stirn: »Meine Bea,« flüsterte er innig.
Währenddessen hatte Adolf, dem die allgemeine Rührung ungemütlich wurde, mit geübter Hand eine Flasche Sekt geöffnet und goß das schäumende Naß in die Kelche. »Auf euer Glück, Freund und Schwesterchen,« und in einem Zuge trank er das Glas leer.
Still beglückt saß Rolf neben der Braut, die er immer von neuem entzückt betrachtete. Nun war sie sein, die stolze, kluge Beate! Und wie schön war sie mit ihren großen, leuchtenden Augen in dem zarten, durchgeistigten Gesicht und der schweren Haarkrone darüber. Er konnte sich mit ihr sehen lassen!
Seine Verlobung würde wie eine Bombe in die Gesellschaft von S. schlagen, das wußte er, und ebenso, daß seine Erwählte die schärfste Kritik über sich ergehen lassen mußte -- aber »Doktor Beate« stand über allen, und dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit Hochgefühl. -- --
Rolfs erbetener Nachurlaub war zu Ende. Noch vor seiner Abreise wurde die Hochzeit festgesetzt, die im März stattfinden sollte. Beim Abschied drückte er seine Braut heftig ans Herz. »Lerne mich lieben, Beate, ich bin eifersüchtig, wenn deine Gedanken nicht ausschließlich mir gehören,« bedeutungsvoll sah er sie an; sie verstand die stumme Mahnung und senkte den Kopf.
War ihr Inneres denn so durchsichtig für ihn, hatte sie sich so wenig in der Gewalt, daß er doch gemerkt, welches Interesse sie noch immer für Georg Scharfenberg hegte?