Part 2
Begütigend faßte er ihre Hand und blieb stehen. »Nicht doch, Bea -- das liegt mir ganz fern! -- ich habe etwas ganz anderes auf dem Herzen.«
Er schwieg einen Augenblick, und erwartungsvoll sah sie ihn an. Sie wußte offenbar nicht, wo er hinaus wollte. Schwer atmend fuhr er da fort, ihre Hände an seine Brust führend: »Bea, du hast mir eigentlich noch gar nicht recht Willkommen gesagt, so wie man es sich nach dem Abschied sagt, den wir damals genommen haben.«
Ein lichtes Rot überflog ihre feinen Züge und sie suchte ihre Hände zu befreien; er ließ sie aber nicht. »Weißt du es nicht mehr, Bea? -- In eurer Laube am Pfingsttag war es! -- Sag', Mädchen, hast du noch daran gedacht?« fragte er weich.
Statt aller Antwort hob sie die dunklen Augen zu ihm empor, und was er darin las, mochte ihn wohl dazu ermutigen, seinen Arm um die holde Gestalt zu legen und einen innigen Kuß auf ihren Mund zu drücken. »Mein Herzlieb,« flüsterte er in tiefer Bewegung, »hast du mich noch ein bißchen lieb?«
Sie schmiegte sich fester an ihn. »Ja, Schorsch, nicht bloß ein bißchen, sondern viel, viel mehr als du alter Schulmeister es eigentlich verdienst,« entgegnete sie innig.
Da beugte er sich nieder, und ihren Lippen wurde süßer Lohn zuteil für diese Antwort. Gern überließ sie sich seinen starken Armen, in denen es sich fest und sicher ruhte. »Du lieber Schorsch,« sagte sie leise und küßte ihn zart und innig wieder.
Sie liebte den treuen Freund ihrer Kindheit mit der tiefen Zuneigung, deren ihre Natur fähig war, und wenn auch bis jetzt noch kein Wort von Liebe gesagt war zwischen ihnen, so war es doch ein stillschweigendes Bewußtsein gewesen, daß sie beide zusammengehörten. Sie schritten langsam weiter durch den Wald, und doppelt reizvoll erschien ihnen jetzt das erste sprossende Grün, der lichtklare, blaue Himmel.
Georg hatte seinen Arm um die Geliebte gelegt und sprach ihr davon, wie er stets nur an sie gedacht, und wie er nun glücklich sei, ihr jetzt eine gesicherte Zukunft bieten zu können. Er hoffe, daß sie nächstes Jahr um diese Zeit schon seine kleine Frau sei.
Da blieb sie stehen. »Aber nein, Schorschchen, so bald nicht, das ist doch unmöglich.«
»Aber warum? Ich hab doch mein schönes Gehalt, dazu die Zinsen von meinem Kapital, freie Wohnung -- da läßt es sich doch bei nicht allzu großen Ansprüchen ganz gut leben.«
»Ach, daran habe ich nicht gedacht! -- Nein, Schorsch, erst muß ich doch meinen »Doktor« machen. Du vergißt wohl ganz, daß ich studieren will?«
»Aber Bea, das kann doch dein Ernst nicht mehr sein, jetzt, wo wir uns gefunden haben,« sagte er, unangenehm von ihrer Äußerung überrascht.
Sie löste sich aus seiner Umschlingung und blickte ihm ruhig und gerade in die Augen. -- »Doch, es ist mein Ernst!«
»Aber Beate, das ist ja Unsinn! Dann liebst du mich nicht, wenn du daran noch denken kannst,« rief er ganz aufgeregt.
»Denkst du denn so ausschließlich an mich? Hast du denn nicht deinen Beruf, der deine ganzen Kräfte, dein ganzes Interesse in Anspruch nimmt?« fragte sie kühl. --
»Beate, sieh doch ein, daß das etwas anderes ist -- ich bin doch ein Mann!«
Da lachte sie kurz auf. »Ja, natürlich, das ist etwas ganz anderes -- ein Mann! Und ich als Weib muß mich fein demütig bescheiden, muß meine innersten Wünsche und Neigungen verleugnen, wenn es dem Mann nicht paßt. Aber das darfst du niemals verlangen -- du weißt doch ganz genau, daß ich eine selbständige Natur bin.«
»Ja, das weiß ich, und ich will dich auch gar nicht anders haben! Nur lasse ab von der unglückseligen Idee, zu studieren! Ich bitte dich herzlich darum! Was hast du denn davon, du vertrauerst deine schönsten Jahre, die du ganz anders ausnützen könntest.«
»Bitte, Georg, darüber habe ich eine andere Ansicht, und von der lasse ich mich auf keinen Fall abbringen.«
Es war merkwürdig, wie kühl ihre Stimme klang und ihre Augen blickten; die Weichheit und Herzensgüte, die sonst daraus strahlte, war mit einemmale verschwunden. Sie schüttelte ein wenig den Kopf. »Wirklich, Georg, ich hätte dich für großgeistiger gehalten. Aber ihr Männer seid euch darin alle gleich.«
Er faßte ihre Hand. »Beate, hast du mich wirklich lieb?« fragte er eindringlich.
Noch einmal wollte er versuchen, sie umzustimmen. Er kannte gar wohl ihren harten Kopf, glaubte aber durch eine Berufung auf ihre Liebe schließlich doch den Sieg zu gewinnen. Sie mußte ja ein Einsehen haben.
Innig ruhten ihre klaren Augen auf ihm, als sie sagte: »Ja, Georg, ich hab dich lieb, und ich bin glücklich, daß du mich zu deiner Gefährtin erwählt hast. Ich denke es mir herrlich ein Leben an deiner Seite.«
Ein Freudenstrahl huschte über sein kluges Gesicht, und beglückt zog er sie an sich. »Meine geliebte Braut, mein guter Kamerad, du --«
»Ja, eben das will ich auch sein -- im wahrsten Sinne des Worts!« unterbrach sie ihn. »Ich will dir in deinem Berufe ganz zur Seite sein -- ich will dich bis ins kleinste verstehen, und deshalb, Georg, bitte ich dich, hindere mich nicht in meinem Vorhaben, ich bitte dich darum, um unser Glück!« Und süßflehend schaute sie ihn an.
Der Freudenschimmer auf seinen Zügen erlosch jäh, und eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Augenbrauen. »Um unser Glück!« wiederholte er bitter. »Mein Glück verlangt es wirklich nicht, daß du als ausgebildete Ärztin und Kollegin an meiner Seite lebst, nein, ich will dich als meinen guten Kameraden, als mein geliebtes Weib, Bea, bei dem ich mich von den Anstrengungen meines Berufes ausruhen kann.«
Eine heiße Zärtlichkeit klang aus diesen letzten Worten, und heftig drückte er ihre Hand.
»Und als meine Haushälterin, vergißt du hinzuzusetzen, die da nachsieht, ob alle Knöpfe gut angenäht sind,« entgegnete sie ironisch. »Denn das gehört ja mit zu dem Bilde, wie du dir deine Ehe ausmalst. Aber dazu, Georg, habe ich durchaus kein Talent, das sage ich dir vorher!«
»Doch oft sichern angenähte Knöpfe das Glück einer Ehe mehr als die gelehrtesten, geistreichsten Gespräche es vermögen, wenn sonst der Haushalt vernachlässigt wird,« antwortete er mit grimmigem Humor. »Du bist auf einem ganz falschen Wege, Beate, wenn du so denkst! Und du hast wirklich nicht zu befürchten, daß ich dich auf das Niveau einer bloßen Haushälterin herabdrücken will, nein, Bea, gerade so wie du bist, will ich dich haben: mein schönes, kluges Weib, gegen das ich mich aussprechen kann, das mich versteht, auch ohne daß es gerade vom Doktortitel geschmückt wird, den du ja von mir bekommst.«
»Den aber aus eigener Kraft zu erreichen, der Traum meines Lebens ist! -- Gib dir keine Mühe, Georg, was du auch vorbringen wirst, ich gebe nicht nach, zu tief ist der Plan mit meinem Innersten verwachsen.«
»Du denkst dir alles so ideal, komme aber erst in die Wirklichkeit und sieh, wie schwer es ist, Beate, Mädchen! Du hast ja keine Ahnung, was es zu überwinden gibt, wie die Anstrengungen dich aufreiben werden, dir deine Schönheit, deine köstliche Jugend und Frische nehmen -- und dann all der Ekel und der Jammer!«
»So schlimm, wie du es schilderst, ist es ja doch nicht, Georg, du kannst mich nicht abschrecken, weil ich mir alles selbst schon gesagt habe. Und siehst du, mich jammern gerade die armen kranken Kinder so; denen möchte ich so gerne helfen! Wie oft hast du mir früher gesagt, daß das dein Wunsch ist, gerade Kinderarzt zu sein!«
»Ja, Beate, und an meiner Seite hättest du da die beste Gelegenheit, dich in dieser Vorliebe zu betätigen -- als meine Frau in meiner Klinik.«
Doch eigensinnig schüttelte sie den Kopf. »Ich will, wie ich will, Georg! Bitte laß uns nicht weiter darüber sprechen und uns den schönen Tag verderben! Meine Absicht steht fest. Ich sehe nicht ein, warum sich mein Studium mit meiner Heirat nicht vertragen sollte! Die paar Jahre werden bald vergehen, ich bin jetzt zum Heiraten noch viel zu jung.«
Ein Zug ernster Entschiedenheit trat da in sein Gesicht. »Nun denn, Beate, wenn du meinen Bitten, meinen berechtigten Einwendungen und Gründen durchaus kein Gehör schenken willst, muß ich es dir entschieden verbieten.«
»Du mir verbieten? Und mit welchem Recht?« Sehr erstaunt klang diese Frage, und ebenso erstaunt sah sie ihn an.
»Mit dem Recht als dein Verlobter! Nimmer werde ich zugeben, daß du eine Universität besuchst. Du gehörst jetzt mir! Niemand kann zween Herren dienen!«
»Ah, ist es das, mein Freund?« gab sie kalt zurück. »Dann wisse, daß ich nicht gewillt bin, so über mich verfügen zu lassen. Ich tue, was mir beliebt, und du hast kein Recht, in solcher Weise bestimmend auf mich einzuwirken. Ich lasse mich nicht tyrannisieren! Und kurz: ich gehe nach Zürich.«
Er wurde bleich bis in die Lippen bei ihren mit großer Entschiedenheit gesprochenen Worten. »Beate, ist das dein letztes Wort?«
»Mein letztes!«
»Treibe es nicht bis zum äußersten! Denke an unsere Liebe, an unser Glück! Wollen wir uns das durch eine Laune zerstören lassen? Beate, sei doch vernünftig! Wenn ich nur eine Zweckmäßigkeit, eine Notwendigkeit deines Studiums einsehen könnte! Aber so! Beate! --« Seine Stimme bebte doch, und erwartungsvoll waren seine Augen auf ihr Gesicht gerichtet, eine Sinnesänderung darin zu lesen. Sie konnte doch nicht so starrköpfig sein, wo es sich um beider Lebensglück handelte.
Doch vergebens. Kein Zug in ihrem Antlitz veränderte sich. Es blieb kalt und unbeweglich. »Du kennst meinen Entschluß, er ist unwiderruflich!« sagte sie dann, und wie ein Eiseshauch wehte es ihn an aus ihren Worten.
Er sah, daß sie wirklich ihr letztes Wort gesprochen; fremd und kühl begegnete sie seinem bittenden Blick -- da griff er nach seinem Hut. »Dann lebe wohl, Beate! Mögest du nie bereuen, so auf deinem Eigensinn beharrt zu haben.«
Ohne ihr die Hand zu geben, verneigte er sich und ging davon. In wenigen Augenblicken war er durch eine Wegbiegung ihren Blicken entschwunden.
War er das wirklich, ihr allzeit nachgiebiger Freund, der heute so starr war und nicht einen Schritt zurückwich, trotz ihrer Bitten?
Beate stand noch da, die Hand unwillkürlich auf ihr Herz gepreßt, in dem es einen so wunderlichen Stich gab, als die hohe Gestalt des Jugendfreundes ihren Blicken entschwand. Und stieg es da nicht wie warme Tropfen in ihren Augen auf? Ach Unsinn! Und ärgerlich über sich selbst schüttelte sie den Kopf.
Sie konnte doch froh sein, daß sich die Sache noch so gewendet, nachdem sie gesehen, daß Georg ebenso egoistisch und kleinlich denkend wie andere Männer war. Und wie hatte sie es sich schön gedacht, als sein Weib tatkräftig und verstehend an seiner Seite zu schaffen!
Da hieß es denn auf diesen Traum verzichten und von jetzt an für sich allein bleiben -- in angestrengter Arbeit Ersatz für das Aufgegebene zu suchen!
Vielleicht war es auch besser so; denn er hatte ja selbst gesagt: »niemand kann zween Herren dienen«, -- entweder also die Wissenschaft oder die Liebe, und da es nur eins sein konnte, wählte sie eben die Wissenschaft, die ihr nun alles geben mußte!
Aber ein häßlicher Schatten war doch über ihre Osterfreude gefallen, und traurig und gedankenvoll schritt sie dem Heimweg zu.
3.
Es war erreicht!
»Fräulein Dr. med. Beate Haßler«, hieß es seit mehr als einem Jahr!
Die Studienzeit war vorüber. Die Examina hatte Beate glänzend bestanden, und mit Stolz konnte sie auf ihre Erfolge blicken. Ein Jahr hatte sie schon praktisch in einem großen Krankenhause gearbeitet, und man rühmte ihr große Sicherheit und Tüchtigkeit nach. Mit vieler Liebe hingen die kranken Kleinen auf der Kinderstation an ihr, und großer Jubel herrschte unter ihnen, wenn die »gute Tante« kam -- jedes wollte von ihr genommen und gepflegt sein.
Und es war wirklich wunderbar, wie das ernste Gesicht der jungen Ärztin sich aufhellte, wenn sie mit den Kleinen scherzte und ihnen gut zuredete. Welch weiche, linde Töne da ihre klare Stimme fand, welch' Leuchten in ihre Augen trat -- sie hatte dann wirklich etwas Unwiderstehliches an sich.
»Wissen Sie, Fräulein Doktor, was ich Ihnen wünschte?« sagte eines Tages Schwester Therese zu ihr, als beide damit beschäftigt waren, bei einem reizenden zweijährigen Kinde, das sich arg verbrüht hatte, den Verband zu erneuern.
»Nun, da bin ich wirklich neugierig,« lächelte Beate in ihrer gewinnenden Weise, um dann gleich darnach das Kind zu beruhigen, das anfing zu weinen.
»Ich wünschte Ihnen, daß Sie selbst solch herziges Wesen Ihr Eigen nennten! Sie hätten heiraten müssen, Fräulein Doktor,« meinte die Schwester warm, indem sie einen bewundernden Blick auf das schöne Mädchen richtete, das bei diesen Worten tief errötete. »Wer so mit Kindern umzugehen versteht ...«
»Sie können das wohl nicht, Schwester?« entgegnete Beate. »Schließlich liegt doch in jedem weiblichen Wesen das Muttergefühl, und mein Beruf gibt mir genug Gelegenheit, ihm nachzugeben! Das ist doch nichts besonderes an mir!«
»Ja, wenn auch, Fräulein Doktor, aber gerade Sie -- --«
Schwester Therese hielt es jetzt doch für geratener, nicht weiter zu sprechen; denn sie sah, wie Beates Gesicht einen abweisenden Zug angenommen hatte; vielleicht rührte man da unbewußt an eine wunde Stelle. Und sie hatte mit dieser Annahme wohl nicht ganz unrecht. Beate hatte den teueren Jugendfreund nicht vergessen können. Noch immer glaubte sie seine mit so schmerzlichem Ausdruck auf sie gerichteten Augen zu sehen, wie er damals von ihr ging, als sie das nachgebende Wort, das er so sehnlich erwartete, nicht gesprochen!
Dann hatte er dennoch noch einmal geschrieben, warm und eindringlich, aber sie hatte auf ihrem Willen beharrt, und von der Zeit an hatte er vermieden, je wieder mit ihr zusammenzutreffen; sie sahen sich nicht mehr.
Desto mehr hörte aber Beate von ihm, er war die rechte Hand von Professor Brause in S., der ihm das Zeugnis eines äußerst geschickten, tüchtigen Chirurgen ausstellte. Alles das erzählten ihr die Eltern, und mit Herzklopfen lauschte sie darauf. Aber was hätte es für Zweck gehabt, sich in unnütze Träumereien zu verlieren?
Mit um so größerem Eifer stürzte sie sich in ihre Arbeit, und mit der ihr eigenen Energie und Geschicklichkeit überwand sie alle Schwierigkeiten. Wie oft mußte sie an Georgs Worte denken, als er ihr das Studium so schwer geschildert -- wie manchmal drohte der Ekel sie zu überwältigen -- aber sie biß die Zähne zusammen -- und es ging!
Mit stolzer Freude stand sie dann am Ziel ihrer Wünsche, und ein Hochgefühl erfüllte ihre Brust; sie hatte ihm beweisen können, ihm und den anderen, daß es für sie nichts Unerreichbares gab.
Nun war sie schon sechsundzwanzig Jahre und eine Erscheinung, die nicht zu übersehen war. Wohl war die erste Jugendblüte entschwunden; aber die intensive Geistesarbeit und ihr reiches Innenleben hatten ihrem Antlitz seine Spuren aufgedrückt; hohe Intelligenz und Klugheit, gepaart mit echt weiblicher Herzensgüte, leuchteten nur so daraus hervor, daß man dem Zauber ihrer Persönlichkeit sich nicht zu entziehen vermochte. Ihre Gestalt war sehr elegant, von schlanker Fülle, und Beate verstand auch, sich anzuziehen. Stets war ihre Kleidung geschmackvoll, wenn auch einfach und unauffällig.
Gegen ihre männlichen Kollegen war sie von einer liebenswürdigen Zurückhaltung. Manch einer hätte die schöne Beate gern sein Weib genannt -- doch ein gewisses Etwas in ihrem Wesen hielt jeden davon ab, ihr auch privatim näher zu treten, sie war und blieb unnahbar.
In ihrem Beruf war sie unermüdlich fleißig und tätig, schließlich aber doch ihre Kräfte überschätzend, bis die versagten. Sie hatte sich keine Ruhe gegönnt; stets auf ihre eiserne Natur pochend, hatte sie sie zu ihrem Willen gezwungen, bis es eben nicht mehr ging. Ohnmächtig brach sie an einem Krankenbett zusammen. Ein heftiges typhöses Fieber warf sie darnieder.
Nachdem sie viele Wochen gelegen und auf das sorgsamste gepflegt worden war, ging sie zur gänzlichen Erholung auf einige Zeit nach Hause, zu den Eltern, die ihren Liebling mit großer Freude begrüßten und im stillen hofften, daß Beate endgültig bei ihnen bleiben würde.
Aber daran schien sie doch nicht zu denken, denn mit großer Liebe und vielem Interesse sprach sie von ihrem Beruf, die Zeit herbeisehnend, ihn wieder ausüben zu können. --
Es traf sich gut, daß sie noch zu Hause war, als nach dem Manöver ihr Bruder Adolf in Begleitung eines Freundes für zehn Tage auf Urlaub kam. Mehr als zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Beate war zu Hause geblieben, nach dem Rechten zu sehen, auf diese Weise der Mutter die Freude ermöglichend, den Sohn mit von der Bahn abzuholen. Sie hatte den Tisch hergerichtet, ihm mit frischen Blumen ein festliches Aussehen gegeben und war nun mit allen Vorbereitungen fertig.
Wunderbarerweise hatte sie der Aufenthalt im Elternhause gelehrt, an kleinen wirtschaftlichen Anordnungen und Handreichungen Freude zu empfinden. -- Die Hausklingel ertönte, ein Zeichen, daß man von der Bahn zurückkehrte. -- Schnell begab sich Beate hinaus, den Ankommenden entgegenzugehen.
Mit aller Lebhaftigkeit, die ihm eigen war, begrüßte Adolf die Schwester. Er schloß sie in die Arme und küßte sie herzlich auf beide Wangen. »Mädel, Bea, ich freue mich kolossal, dich wiederzusehen, und in deiner Würde als »Fräulein Doktor!«« --
»Ja, ja, Rolf,« wandte er sich an seinen Freund, »nun komm' erst mal her und lasse dich bekannt machen mit meiner gelehrten Schwester.«
Der schlanke, schöne Offizier verneigte sich tief. »Adolf hat mir so viel von Ihnen erzählt, daß ich schon längst begierig darnach war, Sie kennen zu lernen, gnädiges Fräulein.«
Ein helles Auflachen Adolfs unterbrach ihn. »Gnädiges Fräulein,« parodierte er, »mein Freund, das ist wohl nicht die rechte Anrede für so ein gelehrtes Haus.«
»Aber, so lasse doch, Adolf,« mahnte Beate, »ich bitte dich.«
Rolf von Hagendorf war rot geworden. »Pardon, Fräulein Doktor, ich war -- ich hatte --,« stotterte er.
Freundlich gab sie ihm die Hand.
»Hören Sie nicht auf Adolf! Wie ich sehe, ist er noch immer der alte geblieben, dem es Spaß macht, seine Mitmenschen zu necken.«
»Na, Mutting, nun dürfen wir uns wohl erst den Reisestaub abschütteln, und dann gibts sicher etwas zu essen, ich muß gestehen, ich habe einen Mordshunger. Rolf übrigens auch! Und bei dir duftet es schon so verführerisch, so nach Rebhühnern mit Sektkraut; Fränze, das alte Faktotum, wird schon ihr möglichstes getan haben, wenn so hoher Besuch kommt!«
»Jawohl, Herr Oberleutnant.«
Die alte Köchin war soeben aus der Küche gekommen, den Sohn des Hauses zu begrüßen, und sie hatte die letzten Worte gehört. Sie wischte sich die Hände erst noch einmal an der Schürze ab, ehe sie ihre Rechte etwas zaghaft in die Hand Adolfs legte, der sie dann freundschaftlich auf die Schulter klopfte.
»Nicht wahr, Fränze, wir zwei beide, wir verstehen uns, was?«
»Na, und ob, Herr Ad..., Herr Oberleutnant« -- sie strahlte über das ganze gute Gesicht! Er war doch immer noch derselbe geblieben, stets lustig und guter Dinge. Wie oft hatte sie ihn vor dem elterlichen Zorn und vor Strafe in Schutz genommen, wenn er als Junge Zuflucht bei ihr gesucht, und wie eine Henne ihre Küken schützt, so hatte sie ihn gegen den väterlichen Rohrstock verteidigt. Beate war ihr fremder geblieben; sie konnte es ihr nicht verzeihen, daß sie nicht heiraten wollte, besonders wo sie, Fränze, es doch für eine ausgemachte Sache gehalten, daß Beate und Scharfenbergs Georg mal ein Paar würden!
Kaum eine Viertelstunde später befand man sich bei Tisch. Die Herren ließen es sich gut schmecken; sie taten dem wirklich vorzüglichen Essen alle Ehre an. Mit einigen sehr warmen Worten dankte Rolf von Hagendorf den Eltern seines Freundes nochmals herzlich, daß sie ihm Gastfreundschaft gewähren wollten; es tue ihm so unendlich wohl, einmal wieder in Familie zu sein und wahres Familienleben zu genießen, was er eigentlich gar nicht kenne, da er als kleiner Junge schon ins Kadettenhaus gekommen sei und dort auch meistens die Ferien verbringen mußte!
Behaglich fühlte sich Rolf gleich in der ersten Stunde bei Rechtsanwalt Haßlers; ein Gefühl des Fremdseins war gar nicht in ihm aufgekommen. Das wäre auch wunderbar gewesen; denn niemand konnte es seinen Gästen traulicher machen, als Frau Haßler durch ihre liebe, gütige, mütterliche Art.
Noch lange saß man in anregendem Gespräch bei Tisch, und im stillen bewunderte Rolf von Hagendorf die Schwester seines Freundes. Nach dessen Erzählungen hatte er sich unter Beate eine emanzipierte, auf ihr Wissen eingebildete Person vorgestellt und war nun aufs höchste überrascht, eine junge Dame von auffallender, ja rassiger Schönheit vor sich zu haben. Es gewährte ihm einen eigenen Reiz, sie zu beobachten. Sie schien das zu fühlen; mehr als einmal hob sie wie magnetisch angezogen den Blick, und jedesmal begegnete sie Rolfs kecken, grauen Augen, die in so deutlicher Bewunderung auf ihr ruhten.
Sie wurde ärgerlich darüber; seine Art verletzte sie fast, sie war doch nicht gewöhnt, so lediglich als Weib angesehen zu werden. Aber sie konnte sich nicht verhehlen, daß der junge Offizier durch seine persönlichen Vorzüge wohl imstande war, auf junge unbehütete Herzen eine große Macht auszuüben. Er hatte etwas Hinreißendes, Zwingendes an sich; lag es im Lächeln seines Mundes, im Blick seiner heißen Augen, der ihr sagte: du entgehst mir nicht, wenn ich nur will; sie wußte es nicht! --
»-- Ihr habt doch gewiß auch gehört,« bemerkte da Adolf, »daß Georg Scharfenberg so gut wie verlobt ist --«
»Nein, keine Ahnung davon, du mußt dich irren, Adi,« entgegnete Frau Haßler aufs höchste erstaunt -- »nein -- sonst müßten wir es doch wissen.«
»Ja, eben --«
Beate war um einen Schein blasser geworden, und sie preßte die Lippen fester zusammen, daß ihr kein unbedachter Ausruf entfuhr.
»Doch, Mutterle, ich hörte es für ganz bestimmt sagen. Ich wollte ihn immer schon selbst fragen, traf ihn aber nicht -- hab ihn überhaupt lange nicht gesehen!«
»Ihr kommt wohl nicht mehr zusammen?« fragte Beate.
»Selten nur noch! Denn es sind doch so ganz andere Interessen und Kreise, die jeder von uns hat -- er ist ein kolossaler Streber geworden.«
»Was du nicht sagst! -- Das glaube ich aber doch nicht,« meinte Papa Haßler, »er war stets fleißig, woran sich andere ein leuchtend Beispiel nehmen könnten.«
»Ja, ei ja -- das weiß ich längst.« Lachend hielt Adolf sich die Ohren zu. »Ich wundere mich überhaupt selbst, daß ich es noch so weit gebracht habe! Da hätte mir Beate von ihrem unheimlichen Wissen gern abgeben können. Ihr hätte es nicht geschadet und mir ungeheuer genützt. Weißt du, Mädel,« und lustig zwinkerte er mit den Augen, »weißt du, ich hatte immer gedacht, daß aus dir und Schorsch mal ein Paar werden würde. Ihr waret ja unzertrennlich, ihr beide -- die reinen Inseparables.«
Interessiert blickte da Rolf Hagendorf auf Beate; er sah das Zucken in ihrem Gesicht und das gezwungene Lächeln, mit dem sie antwortete: »Adi, deine Kombinationsgabe war immer sehr schwach! Denke daran, daß sie dir einmal zwei Stunden Karzer eingebracht hatte! Und die »vier« in Mathematik vergißt du wohl ganz? Sehr kühn und großartig waren deine Voraussetzungen stets, beruhten aber auf falscher Grundlage, wie in diesem Falle! Was sollte Schorsch wohl mit einer gelehrten Frau anfangen?«
»Wer ist denn seine Auserwählte?« unterbrach Frau Haßler das Wortgeplänkel der Kinder -- »das wirst du doch sicher wissen?«
»Ich hörte die Tochter von Professor Brause, in dessen Familie er ja so ganz heimisch ist.«
»Ist sie hübsch?« fuhr es Beate heraus, die aber sofort über diese echt weibliche Frage errötete, besonders, als der Bruder sie lächelnd fixierte und dann sagte: »Hm, so hübsch wie du, Bea, freilich nicht, dir kann überhaupt keiner ...«
»Ach, laß doch die dummen Scherze,« wehrte sie ärgerlich ab, »ich bin doch kein Backfisch mehr, auf den so etwas Eindruck macht, hauptsächlich, wenn es ein Leutnant sagt.«
»Danke, Schwesterlein! Also, Marianne Brause ist ein sehr hübsches und gescheites Mädel, das muß ihr der Neid lassen, nicht wahr, Rolf?«