Fräulein Doctor im Irrenhause: Eine Begebenheit aus unserer Zeit

Part 5

Chapter 53,383 wordsPublic domain

»Kommen auch Sie, Aermste, hierher, um eine Zuflucht zu suchen?« frug sie mitleidig. »Für ein hartgetroffenes Gemüth liegt die Heilung einzig und allein nur in der Abgeschiedenheit von der Welt und im Aufgeben jeglichen Kampfes gegen Tücke und Bosheit. Ja, Tücke und Bosheit führen das Scepter auf Erden und treten das Recht mit Füßen,« fuhr sie düster fort. »Was man uns auch vom Lohn der Tugend und von der Strafe des Lasters erzählen mag, dies Alles ist erdichtet. Das Böse triumphirt, das Gute wird mißhandelt. Einst war ich eine überspannte Träumerin,« fuhr sie nach einer Pause mit zuckenden Lippen fort, »einst sah ich Alles vom Glanze seliger Hoffnung umstrahlt. Damals erschien mir die Welt als blühender Zaubergarten, die Menschen sah ich als Engel an, ich lebte noch in den Träumen der Märchenwelt, die unsere Kindheit beglücken. Die drei Himmelslichter Glaube, Liebe und Hoffnung flammten hell und leuchtend in meiner Seele. Der Traum war voll überirdischer Wonne. Da erloschen der Glaube und die Hoffnung miteinander, und finstere Nacht mit all ihren Schrecknissen umgab mich.« Nach diesen Worten hielt sie wie von der Wucht schrecklicher Erinnerungen daniedergedrückt, einige Augenblicke inne.

Zerline athmete kaum. Hier sah sie den Schmerz ungekünstelt und doch mit solch hinreißender Wahrheit ausgedrückt. So und nicht anders mußte sie als Ophelia sprechen, diese Bewegungen mußte sie copiren. Der Wahnsinn sollte von ihr mit unerreichbarer Virtuosität dargestellt werden, keine Rivalin sollte ihr je darin gleichkommen. Solche und ähnliche Gedanken erfüllten den Kopf und das Herz der Bühnen-Heroine. Sie ahnte nicht mit welch furchtbarer Wahrheit sie bald eine Rolle, ohne diese zu studiren, spielen sollte.

»Gibt es einen größeren Schmerz, als vom Manne, den man über Alles liebt, verrathen und betrogen zu werden?« fuhr die Irre wie im Selbstgespräch fort. »Ein Dämon hat meine heiligsten Empfindungen, meine seligsten Hoffnungen mit kalter Berechnung gemeuchelt, eine farbenprächtige Natter hat sein Herz vergiftet und seine Liebe zu mir ertödtet. Die Welt erschien mir nun als Wildniß mit reißenden Thieren bevölkert, das Leben wurde mir eine Bürde. Mein greiser Vater suchte mich nun durch die Versicherung zu trösten, daß allüberall, an den glühenden Sandsteppen der Sahara, wie an den Eisfeldern der Polargegenden, da, wo die Menschheit im primitiven Zustande vegetirt, und dort, wo sie den Zenith der Cultur erreicht zu haben wähnt, allüberall, sagte er, werde oft Liebe und Vertrauen mit Verrath gelohnt. Wie vermochte aber der Schmerz anderer Verrathenen mein Weh zu mildern und die feurige Lohe, die in meinem Innern brennt, zu löschen. Diese Flammen brennen fort und verzehren meine gefolterte Seele.« Hier preßte sie die Hände gegen die Stirn und stöhnte laut und schmerzlich.

Zerline lauschte lautlos mit zurückgehaltenem Athem. Mit Freuden würde sie ihren kostbarsten Schmuck geopfert haben, um dieses Mienenspiel, diese Handbewegung, diese erschütternden Töne ihr eigen zu nennen. Wie mußte solch ein Spiel das Publicum hinreißen, wenn sie, die Tragödin, davon so hingerissen wurde.

»Sie sind ja gleich mir eine arme Schiffbrüchige,« wendete sich die Irre wieder an Zerline. »Sie kennen also das gräßliche Gefühl, welches der Unglückliche empfindet, wenn er rings um sich her die Trümmer seines Lebensglückes sieht und wenn ihm in der finsteren Nacht der Verzweiflung kein Hoffnungsschimmer mehr blinkt.« Hier blieb sie wieder einige Augenblicke in düsteres Sinnen verloren stehen. »Im Traume verrieth er sich,« begann sie dann mit gehobener Stimme. »Jene Stunde brachte mir die gräßliche Wahrheit, so furchtbar, so unausbleiblich wie Elend und Tod. Robert liebte mich nicht mehr. Da saß mit einemmale die Natter,« sie schlug mit der Hand auf ihr Herz, »hier sitzt sie und will nicht weichen. Da fühlte ich es am ersten, da schmerzt es am heftigsten, da tönt es schaurig, er liebt dich nicht mehr, er liebt eine Andere. Seit jener Stunde verlor ich mich selbst, seitdem ich seine Stimme nicht höre, seinen Puls, seinen Hauch nicht fühle, war ich den finsteren Mächten verfallen. Mit einemmale vernahm ich Stimmen aus den blauen Fluten, Stimmen, die mir geheimnißvoll zuflüsterten, in die stille, friedliche Tiefe zu steigen, um da meinen glühenden Schmerz zu stillen. Die Wellen flüsterten so süß und lockend, daß ich dem Syrenensang nicht zu widerstehen vermochte. Ich stieg in die Tiefe, um Heilung und Vergessen zu suchen. Ich fand da keine Heilung und kein Vergessen,« fuhr die Irre mit steigender Erregung fort. »Der Wasserspiegel ist ebenso falsch wie Robert. Auch er birgt in seinem Innern gefährliche Abgründe, treulose Klippen und gräßliche Ungeheuer.«

Zerline begann jetzt ängstlich zu werden. Die Irre wurde immer aufgeregter, der Wahnsinn begann sich in furchtbarer Gestalt zu zeigen. Bei all' ihrer Opferwilligkeit für die Kunst konnte sich Zerline doch nicht enthalten der Oberwärterin ihren Wunsch, die unheimliche Kranke zu verlassen, auszudrücken. Margarethe beruhigte sie jedoch durch die Versicherung, die arme Närrin sei harmlos wie ein Kind und ihr Praxismus erlösche wie nasses Holz.

Mit der Irren ging nun eine immer schrecklichere Veränderung vor. Ihr Antlitz bedeckte sich mit brennender Röthe, die Augen glühten in immer unheimlicherem Glanze, das Geberdenspiel wurde immer wilder und die Sätze wurden abgebrochen und mit heiserer Stimme hervorgestoßen.

»Sein Kuß -- seine Liebesschwüre -- hinreißende Lügen -- Im Schlafe -- ruft sein Mund -- das Trugbild!« stieß sie mühsam hervor. »Da seht -- da reckt die Natter -- den Kamm aus dem Grase.« -- Sie bezeichnete eine Vision ihres kranken Geistes. »Ihre Giftzähne beißen sich -- in mein Herz ein!« schrie sie auf und preßte die Hand an die Brust.

Zerline wurde todtenbleich und wich erschrocken bis zur Thür zurück.

»Sie thut keiner Fliege was zu Leid,« versicherte Margarethe.

»Der Brand in meinem Kopfe wird immer stärker,« stöhnte die Irre. Plötzlich blieb sie in lauschender Stellung mit zurückgehaltenem Athem stehen. »Robert spricht im Schlafe,« flüsterte sie und blieb dann einige Augenblicke regungslos horchend. Mit einemmale zuckte sie zusammen und grub die Nägel in ihre Brust. »Sein Mund ruft Zerline,« schrie sie mit wilder Wuth. »Zerline, Teufelin vom Pesthauch der Hölle erzeugt, sei verflucht!«

Wäre der Blitz zu den Füßen Zerlinens eingeschlagen, dies würde kaum eine schrecklichere Wirkung auf sie hervorgebracht haben, als die Entdeckung, daß sie die Ursache vom Wahnsinn des unglücklichen Weibes sei. Sie war also die Komödiantin, welche das Liebesglück der zärtlichen Gattin zerstört hatte. Die leichtsinnige, eroberungssüchtige Männerbezwingerin vermochte beim Anblick der Jammergestalt, die sie vor Augen hatte, ein Gefühl, das sie nur selten empfand, das der Reue, nicht zu bemeistern. Ja das Schuldbewußtsein übermannte sie dergestalt, daß sie wie gelähmt dastand und mit weitaufgerissenen Augen auf die Geisteskranke starrte, deren Paroxysmus sich immer mehr steigerte. Schmerzensschreie eines gebrochenen Herzens wechselten mit flehentlichen Bitten an den Treulosen, sie nicht in Wahnsinn und Tod zu jagen und mit wilden Flüchen und Schmähungen gegen den Dämon, der ihr Glück gemeuchelt. Dies war die Agonie einer bis auf den Tod getroffenen Seele. In großen Tropfen perlte der Angstschweiß von der Stirn Zerlinens, ihre Füße waren wie am Boden festgenietet und vermochten sie nicht aus dem Bereiche der Schrecklichen zu tragen. Erst als dem Paroxysmus der Irren eine vollständige Erschöpfung folgte und die Unglückliche kraftlos und gebrochen zusammenbrach, erst dann wich die Erstarrung von Zerline.

Jetzt stürzte sie der Thüre zu und wollte entfliehen, da stellte sich ihr aber ein Hemmniß entgegen. Eine bleiche Frau mit einer Harfe in der Hand stand an der offenen Thüre.

»Du hier. Dich soll ich ja kennen,« murmelte die Neueingetretene und starrte Zerlinen mit ihren großen, seltsam glänzenden Augen an.

Kalter Schweiß perlte von Zerlinens Stirn. Sie wich erschrocken von der Thüre zurück. Diese Züge, diese Stimme waren ihr nicht fremd.

»Was willst du, Bänkelsängerin? Hier ist nicht der Ort, um deine unfläthigen Lieder auszukramen. Fort, Komödiantin,« knurrte Margarethe und unterstützte ihre Worte mit einer drohenden Geberde. Die Irre schien aber die Weisung der Oberwärterin nicht zu beachten, sie starrte auf Zerline, wie auf eine Vision und fuhr mit der Hand über die Stirn, als suche sie ihre Gedanken zu sammeln. »Ich weiß es jetzt,« rief sie plötzlich aufjauchzend. »Du bist Zerlinchen. Du kommst auch zu uns. Ha, ha, ha, die schöne Zerline kommt mir Gesellschaft leisten! Wir wollen lustig sein. Nur nicht weinerlich, Zerlinchen. Sollst ein lustig's Lied'l haben.«

»Schauts außi wie's regn't, Und schauts außi wie's gießt, Und schauts außi wie der Reg'n Vom Dach abischießt.«

»Fort, Komödiantin,« schrie die Oberwärterin, nach deren Meinung diese Benennung den herbsten Schimpf enthielt. Die Volkssängerin wich knurrend zurück und forderte Zerline auf, die Verunglimpfung ihres Standes an dem alten Reibeisen zu rächen. Die Oberwärterin war nicht wenig über die ihr beigelegte Benamsung, wie auch über die dem gestudirten weiblichen Arzt angethane Beleidigung empört und lieh ihrer Entrüstung derbe Worte.

»Mein schönes Zerlinchen, welches alle Männer am Narrenseil führt, soll ein Quacksalber sein: Eine Schauspielerin ist sie. Ja das ist sie, du alte Truthenne, und wenn auch deine Kropfkorallen darüber braun und blau werden, bleibt Zerlinchen doch eine Theaterprinzessin,« kicherte die Irre zur nicht geringen Wuth der Oberwärterin.

Die erschrockene Zerline suchte nur die Thüre zu gewinnen. Sie fühlte sich dem Wahnsinn nahe, sie mußte aus dieser Behausung des Entsetzlichen entfliehen. Schon war sie dem Ausgange nahe, als sich ihr wieder ein Hemmniß in den Weg stellte. Eine Hand legte sich auf ihre Achsel und eine Stimme, die das Blut in ihren Adern erstarren machte, frug sie: »Du bist also Zerline?« Die Tragödin erbebte und blickte entsetzt in das verzerrte Antlitz der unglücklichen Gattin Roberts. »Du bist also Zerline?« wiederholte diese ihre Frage mit wachsender Aufregung. Vor Schreck außer sich, kaum wissend was sie that, beantwortete Zerline die verhängnißvolle Frage mit einer bestätigenden Kopfbewegung. Die Irre stieß nun einen Schrei aus, der dem Wuthgebrüll eines wilden Thieres glich, und umspannte mit rasender Gewalt das zarte Handgelenk der Tragödin. Diese schrie vor Schmerz und Schrecken laut auf und rief um Hilfe. Die Oberwärterin, der es endlich gelungen war die Bänkelsängerin aus dem Zimmer zu entfernen, eilte sofort herbei und suchte Zerlinen aus der Gewalt der Geisteskranken zu befreien. Weder Bitten noch Vorstellungen vermochten die Irre zur Nachgiebigkeit zu bewegen.

»Sie ist mein, die farbenprächtige Natter,« schrie sie in wilder Wuth. »Sie kam, um sich an meinem Todeskampfe zu weiden, um wie ein Vampyr das Blut aus meinem Herzen zu trinken, sie muß dafür mit mir den bösen Geistern verfallen. Ich will ihre Schönheit, mit der sie Handel treibt, vernichten, ich will ihr kaltes Herz, mit dem sie Liebe heuchelt, mit meinen Nägeln zerfleischen, ich will ihr die Giftzähne ausbrechen. Ein Scheusal soll sie äußerlich werden, wie sie es innerlich ist. Robert soll sie in ihrer wahren Gestalt sehen. Dann wird er sie von sich stoßen, wie er es mir gethan, und die feurige Lohe, die mich verzehrt, wird auch in ihrem Innern lodern.«

Vergeblich suchte Margarethe die Wuth der Irren durch Versicherungen und Schwüre, daß die Bänkelsängerin schamlos gelogen habe, zu beschwichtigen. Fräulein Doctor sehe doch nicht einem frechen Komödiantenweibsbild ähnlich. Diesen Ungeheuern sei ja ihr schamloser Beruf deutlich genug auf der Larve gepinselt, behauptete die Oberwärterin. Alle diese Beweise erwiesen sich aber fruchtlos. Die Geisteskranke wollte ihre Gefangene nicht freigeben. Als zuletzt Margarethe die Hand Zerlinens aus der Umklammerung mit sanfter Gewalt befreien wollte, da stieß die Irre einen schrillen Schrei aus und schleuderte die Zudringliche mit Riesenkraft von sich.

»Heilige Mutter Gottes, stehe uns bei! Sie wird tobsüchtig,« stöhnte die Oberwärterin. »Reizen Sie das tolle Lamm nicht, verhalten Sie sich ruhig. Ich will Hilfe herbeirufen,« flüsterte sie Zerlinen zu und eilte aus dem Zimmer.

Zerline hörte sie nicht, sie stand regungslos wie ein Steinbild und starrte angstvoll auf die Geisteskranke. Diese schien jetzt, da man sie durch die Versuche ihre Gefangene zu befreien nicht mehr reizte, ruhiger zu werden.

»Du bist also seine vergötterte Zerline mit der junonischen Gestalt, mit dem unergründlichen Feuerauge und mit dem goldenen Lockengeringel,« rief sie dann, die Tragödin mit den Augen verschlingend. »Ja du bist schön wie der Geist des Bösen, dessen verhängnißvolle Schönheit der Menschheit Jammer und Elend bereitet. Auch ich war einst schön, und Robert liebte mich, bis du Teufelin mich zu dem gemacht hast, was ich nun bin. Deine Schönheit soll wie die meine verderben. Auch du sollst trockene Thränen weinen, Thränen, die wie Gluttropfen auf die Seele fallen und sie in Brand setzen.«

»Gnade, Erbarmen!« stammelte Zerline angstvoll.

»Das Erbarmen, das du mit mir gehabt, will ich mit dir haben,« erwiederte die Geisteskranke.

»Du willst mich tödten,« murmelte Zerline auf die Knie sinkend und das todtenbleiche Antlitz mit den Händen bedeckend.

»Dich tödten? Nein. Du sollst leben und leiden und die Schale der Wiedervergeltung bis auf den letzten Tropfen leeren. Deine Schönheit will ich zerstören, und Robert soll dich von sich stoßen!« rief die Irre mit flammenden Blicken.

Zerline bebte wie Espenlaub. Sie fühlte sich schwach und hinfällig und war allein mit der Wahnsinnigen, hilflos ihrer Macht preisgegeben. Ihre Sinne schwanden, der Boden wich unter ihren Füßen, mit einem Schreckensschrei sank sie zusammen.

»Du darfst nicht sterben, du mußt leben und leiden, wenn Robert dich von sich stößt,« kreischte die Irre. Mit einemmale unterbrach sie sich und blieb lauschend stehen. Im Corridor ließ sich ein Geräusch von eilig nahenden Schritten vernehmen. Die Irre zuckte zusammen und wendete ihren Blick der Thüre zu. Sie sah Margarethe von zwei Wärterinnen begleitet in die Stube treten. Mit wilder Heftigkeit umschlang sie die bewußtlose Zerline und stellte sich in drohender Haltung der Oberwärterin entgegen.

»Jesus, das tolle Lamm wird das Fräulein Doctor erdrosseln!« kreischte Margarethe. Sie suchte die Irre zu begütigen. Als aber dies fehlschlug, da entschloß sie sich Gewalt zu gebrauchen. Sie befahl den Wärterinnen der Irrsinnigen eine Decke über den Kopf zu werfen und sich dann mit Gewalt ihrer zu bemächtigen. Die Wuth der Geisteskranken erreichte nun den Höhepunkt. Ihr Auge schoß wilde Flammen; mit einem Arm hielt sie Zerline umschlungen, der andere war drohend gegen die Wärterinnen erhoben.

Jetzt sauste die Decke durch die Luft. Die Irre, die Gefahr bemerkend, wich aber dem Wurfe aus. Die Lage Zerlinens wurde immer gefährlicher. Sie hing wie leblos in den Armen der Wahnsinnigen und gab auf alle Zurufe der Oberwärterin keine Antwort. Kalter Angstschweiß bedeckte die Stirne Margarethens. Sie befahl nun den Wärterinnen die Aufmerksamkeit der Irren zu beschäftigen, damit sie sich ihr unvermerkt nähern könne. Das gutherzige Weib flehte alle Heiligen um Hilfe in dieser Noth an. Sie wollte schon ihr Leben wagen, um die Wüthende zu bewältigen, wenn nur das Fräulein Doctor der Gefahr entrissen wurde. Ja es war mit nicht geringer Gefahr verbunden, der Irren ihr Opfer zu entreißen. Die Oberwärterin wußte aus Erfahrung, welche Riesenkraft der Wahnsinn dem schwächsten Körper verleiht. Gebete murmelnd spähte Margarethe auf den günstigen Moment, um ihr Vorhaben auszuführen, als Stimmen und eilige Schritte auf dem Corridor vernehmbar wurden. »Der Doctor! Wir sind gerettet!« schluchzte die Oberwärterin, die Hände dankend zum Himmel erhoben. Bald erschien auch der Arzt der Frauenabtheilung athemlos an der Thüre. Ein Blick genügte dem Psychiater, um das Schreckliche zu übersehen. Rasches Handeln war dringend nöthig, um die bewußtlose Zerline aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien, aber die Irre mußte besänftigt und nicht gereizt werden. Der erfahrene Psychiater befahl den Anwesenden das Zimmer zu räumen und begann dann langsam sich der Irren zu nähern. Er sprach sanfte, beruhigende Worte, die ihr versicherten, daß die Verfolgerinnen die Flucht ergriffen hätten. Die Wahnsinnige, die in einem Winkel zusammengekauert, Zerline fest an sich drückend dasaß, erhob beim Klange seiner Stimme das Haupt. Als sie den Arzt erblickte, verstummten ihre Schreie, die wilde Wuth begann zu schwinden. Je näher der Psychiater kam und je sanfter seine Worte erklangen, desto mehr legte sich die Aufregung der Unglücklichen. Als er nun endlich ihr gegenüberstand und sein durchdringendes Auge fest auf das ihre heftete, da wurde sie sanft und ruhig. Der Ring, den ihre Hände um Zerline geschlossen hatten, wurde jetzt immer loser, er löste sich bald ganz, und ihre Arme sanken schlaff hinab. Jetzt fing der Arzt die regungslose Zerline in seinen Armen auf und begann, das Antlitz der Irren zugewendet, langsam der Thüre zuzuschreiten. Immer noch erklangen die sanften, beschwichtigenden Worte und immer haftete sein fascinirender Blick auf der Irren, welche ihr Auge von dem des Psychiaters nicht loszureißen vermochte. Nun war er der Thüre nahe, die sich geräuschlos von außen öffnete. Noch ein Moment namenloser Angst, unsäglicher Bangigkeit für Margarethe und sie sah das Fräulein Doctor außer dem Bereiche der Wahnsinnigen.

Als Zerline zum Bewußtsein zurückkehrte, mußte sie eine niederschmetternde Anklage vom Arzte anhören. Das arme Weib, dessen Lebensglück sie zerstört hatte, war nun auch durch ihre Schuld in unheilbare Tobsucht verfallen. Scharf und verächtlich waren die Worte, welche der Psychiater zum Fräulein Doctor, das sich als die berüchtigte Zerline entpuppt hatte, sprach. Die empörte Oberwärterin rief ihr ihrerseits zu, die gemeine Katze, welche sich frech in eine Löwenhaut gesteckt, werde ihr noch einst in die Hände fallen, denn der Lohn für die Schlechtigkeiten der schamlosen Komödiantenweibsbilder sei das Spital oder das Irrenhaus. Zerline vermochte bei dieser trostreichen Verheißung einen Schauer nicht zu unterdrücken.

Seitdem besucht die Tragödin kein Irrenhaus mehr, um da den Genius der tragischen Kunst zu suchen.

_Ende._

Druck von Johann N. Vernay, Wien, =IX.=, Mariannengasse 17.

Verlag von L. Rosner in Wien.

Der Wunderrabbi.

Roman von #J. Thenen#.

8. 293 Seiten. Preis fl. 2.-- oder M. 4.

Der Reiz dieses Buches liegt in der vortrefflichen Ausführung. In Scenen voll dramatischen Lebens erkennen wir die Macht des Rabbi über die verblendeten Geister -- eine Macht, der selbst der christliche Edelmann im Falle der Bedrängniß huldigt; aber wir erkennen auch die ganze -- Tiefe dieses Aberglaubens, indem wir Einblick in den Charakter des Rabbi erhalten, der ein wunderliches Gemisch von Selbstsucht, Aberglauben und Zelotismus ist. Dann führt uns die Dichterin mit gleicher Kunst in das elende, vom Unglücke erfüllte Haus seiner tragischen Gegner, und so reiht sich Bild an Bild, Scene an Scene, die uns -- die Handlung immer weiter leitend -- in den Charakter und Geist jener eigenthümlichen Menschen hineinblicken lassen. In einzelnen Capiteln erreicht die Dichterin eine tragische Größe; in anderen entfaltet sie herrlichen Humor. Ueberall aber verräth sie eine ganz intime Kenntniß nicht blos der Sitten und Gebräuche jener Menschen, sondern auch ihres eigenthümlichen Geistes, jener spiritualistischen Denkweise, die aus der völligen Durchdringung des Lebens durch den Glauben entstammt. Sind doch alle die Geschichten und Schicksale, die sie erzählt, mehr oder weniger thatsächliche Geschehnisse. Und selbst aus der Darstellung athmet der Geist des Volkes, der so einseitig sich nur dem Menschengeiste und dem Glauben zuwendete, der Natur jedoch, ihrer Schönheit, ihrem Genusse sich so fernhielt. In diesem Sinne ist es charakteristisch, daß im ganzen Buche nur zwei kleine landschaftliche Schilderungen vorkommen, die aber freilich recht hübsch sind. Kurz, es ist ein Buch, das ein männlicher Geist in einem dichterischen Frauenkopfe ersonnen.

»Neue Freie Presse.«

Verlag von L. Rosner in Wien.

Der Wunderrabbi.

Roman von #J. Thenen#.

8. 293 Seiten. Preis fl. 2.-- oder M. 4.

Die Verfasserin hat das Leben und Treiben dieses Chassiden studirt und hat »halb Wahrheit, halb Dichtung« wirkliche Vorkommenheiten zu einer spannenden Erzählung vereint, die, ohne als Culturstudie gewollt zu sein, den Zweck einer solchen in reichstem Maße erfüllt. Der crasse Betrug, die wilde Habgier, die niedrige Genußsucht, welche dem ganzen Dichten und Trachten dieser Chassidengemeinden Bewegung geben, sind ohne Scheu mit der vollsten und behaglichsten Naturwahrheit gezeichnet. Die talentvolle Beobachterin hat in ihrem Buche jedes Mäntelchen verschmäht und gibt ungeschminkt und unverhüllt die Wirklichkeit. Dieser Reiz der Unmittelbarkeit und des kaustischen Humors aber ist es, der unvermindert in den ersten Seiten fesselt und anhält bis zu jenem Punkte, wo die Handlung den Boden verläßt, auf dem die Wunderrabbis gedeihen, und, Jahre überspringend, harmonisch ausklingt. Das Buch wird von Laien um seiner reichbewegten Handlung und seiner farbenkräftigen Schilderungen, von dem Culturforscher aber deshalb mit Vergnügen gelesen werden, weil das Erzählte und Geschilderte wahr ist.

»Presse.«

[ Hinweise zur Transkription

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 27: "Ihr" geändert in "ihr" (Brille tragen, die ihr nicht erlaubt)

Seite 35: "Mähren" geändert in "Mären" (wunderbare Mären von seinen Eroberungen zu erzählen)

Seite 36: "«" entfernt hinter "acceptiren." (ihn als Prinz-Gemal zu acceptiren.)

Seite 37: "Wamms" geändert in "Wams" (Orden von seinem Wams los)

Seite 50: "staarnackiger" geändert in "starrnackiger" (Director des Hoftheaters ein starrnackiger Pedant)

Seite 72: "Rosalinda's" geändert in "Rosalinde's" (die Schmerzensschreie Rosalinde's zu vernehmen)

Seite 73: "Rosalinda" geändert in "Rosalinde" (»Man muß ihr das Wort entziehen,« schrie Rosalinde)

Seite 85: "«" eingefügt (Vom Dach abischießt.«)

Seite 89: "." eingefügt (und sie in Brand setzen.«) ]

End of Project Gutenberg's Fräulein Doctor im Irrenhause, by Julie Thenen