Fräulein Doctor im Irrenhause: Eine Begebenheit aus unserer Zeit

Part 4

Chapter 43,312 wordsPublic domain

»Schon wieder eine Sitzung,« knurrte die Oberwärterin und öffnete die Thüre. In der Mitte des Saales saß vor einem mit Papieren bedeckten Tische eine großgewachsene Frau mit schwarzen, funkelnden Augen und mit einem unzarten Anflug um die rothen, fleischigen Lippen. Ihr zur Seite gewahrte Zerline eine welke Gestalt mit wasserblauen Augen und flachsblonden Schmachtlocken. Laut schwatzend und gesticulirend saßen Frauen in verschiedenen Gruppen. Kraus und bunt schwirrten die Stimmen durcheinand und machten es unmöglich, die Worte, die Margarethe an die Vorsitzende richtete, zu vernehmen. Das Glockenzeichen der Präsidentin machte erst Alle verstummen. Die Oberwärterin erbat nun für einen gestudirten weiblichen Arzt die Erlaubniß, der Sitzung beiwohnen zu dürfen. Dies Ersuchen wurde von der Vorsitzenden erst nach langem Bedenken und mit nicht sehr freundlicher Miene gewährt. Margarethe schob nun für Zerline einen Sessel nahe dem Ausgange zu und begann ihr die Mitglieder der Sitzung zu bezeichnen. Die Gruppe zur Rechten waren die Vereinsnärrinnen, die treuen Anhängerinnen der Präsidentin, die Gruppe zur Linken die Sozinalkroatinnen, die in der Mitte die Emanzipandlerinnen. Die schattenhafte Gestalt neben der Präsidentin bezeichnete Margarethe als Fräulein Rosalinde Zimperling, eine alte, versauerte und vertrauerte Jungfer, voll Falschheit, Bosheit, Tücke, Neid, Schwatzhaftigkeit, Gefallsucht und Putzsucht. Sie häufe allen möglichen Spott und die bitterste Verunglimpfung mit Schrift und Wort auf die Emanzipandlerinnen, versicherte die Oberwärterin und zweifelte auch nicht, daß Zerline bald erstaunen werde, wie solch ein mageres Gefäß so viel Gift enthalten könne.

»Fahren Sie in Ihrem Vortrage fort, Fräulein Nani,« rief jetzt die Vorsitzende mit einer Stimme, die alle Fensterscheiben klirren machte.

Ein junges, schönes Mädchen zur mittleren Gruppe gehörend, erhob sich und begann mit wohlklingender Stimme:

»Meine freundlichen Zuhörer! Ich will Ihnen nun klar darthun, daß alle diese Sophismen nur dazu dienen, um den menschlichen Geist =ad absurdum= zu führen. =Cogito, ergo sum!= Welcher Unsinn! Ich esse, trinke und bewege mich, ist viel richtiger gesagt, denn dieser Beweis ist jedenfalls viel sicherer geliefert durch den Hinweis auf Dinge, die der realen Welt entstammen und unseren Sinneswahrnehmungen zugänglich sind, als durch den auf das Denken, der Mutter der Phantasie, die selbst ein Trugbild uns nur Trugbilder vorgaukelt. Möge der Mensch sich das Ebenbild des Weltgeistes nennen, möge er das Denken als ausschließliches Privilegium reclamiren und seinen Stolz dareinsetzen alleiniger Besitzer desselben zu sein, es ist für die Existenz keine =conditio sine qua non= und bleibt somit nur ein unwesentliches Attribut derselben. Wie traurig ist es überhaupt damit bestellt! Der Gedanke entsteht nicht in uns, wir können ihn nicht nach Willkür hervorzaubern oder bannen, er wird uns von außenher aufoctroyirt, beherrscht uns gegen unseren Willen, wir sind nicht sein Herr, sondern Sclave desselben, und darum bleibt es noch immer zweifelhaft, ob das Denken ein schönes, erhabenes Besitzthum, ob es die Quelle des Glückes und der Zufriedenheit, oder nicht vielmehr die alles Unheils und menschlichen Elends sei.« Hier machte die Sprecherin eine Pause und labte sich mit einem Schluck Wasser. Das Auditorium setzte alsbald die Sprachwerkzeuge in Bewegung, um sich für die bis nun auferlegte Enthaltsamkeit möglichst schadlos zu halten. Das Glockenzeichen und der Befehl, Fräulein Nani möge in ihrem Vortrage fortfahren, durch die gefürchtete Präsidentin gegeben, stellte sofort die Ruhe wieder her. Margarethe versicherte Zerlinen, Nani spreche gottvoll, aber wie sollte sie ihren Verstand nicht verloren haben, wenn solche grausliche heidnische Worte in ihrem armen Schädel spukten.

»Wie manche herbe Stunde, wie manche grausame Marter wäre uns erspart, wenn wir uns dieses geistigen Joches entledigen könnten,« fuhr Nani in ihrem Vortrage fort. »Vergebens suchen wir unsere Gedanken zurechtzusetzen, oder ihnen eine uns beliebige Richtung zu geben. Der Impuls von außen ist gegeben, und keinem andern Gedanken Raum gebend, zuckt es wie Blitz auf Blitz in unserem Hirn und wieder und immer wieder wird der Gegenstand beleuchtet, den wir in Nacht und Dunkel begraben möchten.« Die letzten Worte sprach sie mit bebender Stimme, ihr Blick wurde trüb und umflort, dann preßte sie die Hände an die Brust und brach in krampfhaftes Schluchzen aus.

»Eine schöne Bescherung! Jetzt verfällt sie in ihren Praxismus,« knurrte die Oberwärterin und befahl einer ihrer Untergebenen die aufgeregte Kranke in ihre Wohnstube zu führen. Dann wendete sie sich an Zerline und belehrte sie, daß die arme Nani ihren jammervollen Zustand einem Mosje Ohneherz verdanke. Für die Herren Allesmir sei eine gestudirte Frau Zacherls Schabenpulver, deshalb habe der Mosje, dem sie ihr Herz zugewendet, der Armen eine Mamsel Ohnehirn vorgezogen.

»Die Närrin sollte nie zu einem Vortrage zugelassen werden,« eiferte die schmachtlockige Rosalinde. »Das Denken nennt sie ein geistiges Joch, die Quelle alles Elends. Gibt es ein schöneres, erhabeneres Recht für die Menschheit als das Denken? Der Gedanke ist nur dann verwerflich, wenn gewisse Personen ihn zu thörichten und verwerflichen Zwecken mißbrauchen.« Ein verächtlicher Blick wurde jetzt der mittleren Gruppe zugeschleudert.

Die Glocke der Präsidentin ertönte bald wieder. Es wurde Fräulein Rosalinden das Wort ertheilt.

»Na, da werden wir was Schönes zu hören bekommen,« flüsterte die Oberwärterin Zerlinen zu. »Dieses Reibeisen schindet immer die armen Emanzipandlerinnen bis auf's Blut.«

Rosalinde begann nun mit schriller, kreischender Stimme eine geharnischte Rede gegen die furchtbarste Geißel der Jetztzeit, gegen die streitwüthigen Amazonen loszudonnern. Sie versicherte, nichts sei diesen Zerrbildern, diesen Unnaturen heilig. Das Edelste, Erhabenste werde von ihnen begeifert, verspottet, verlästert und in den Koth gezogen. Alle weiblichen Tugenden würden von ihnen lächerlich gemacht, alles Ehrwürdige mit Füßen getreten. Sie reden der Schamlosigkeit, der Frechheit, der Gottlosigkeit das Wort und wollten das Frauengeschlecht demoralisiren und zur frechsten Verhöhnung der göttlichen und menschlichen Gesetze aufstacheln. Da nun das Gesetzbuch leider keine Strafe für diese Ruchlosigkeiten habe, da man diese Verbrecherinnen nicht, wie sie es verdienen, mit dem Schwerte des Rechtes ausrotte, da man ihnen nicht die verleumderischen Zungen ausreiße, die räuberischen Hände nicht abhaue und sie nicht wie giftige Schlangen zertrete; so erhalte sie, Rosalinde, ihre Behauptung aufrecht, daß man dieses schändliche Treiben nicht länger dulden dürfe. Mit Wort und Schrift müsse man gegen dies vielköpfige Ungeheuer kämpfen. Deshalb stelle sie den Antrag, daß alle ihre Mitschwestern, alle wahren Hüterinnen des Palladiums der Weiblichkeit, sich bei der Gründung ihres proponirten Blattes betheiligen sollten. Dies Blatt sollte »der Feuerbrand« heißen und dadurch, nur dadurch würde die verderbliche Hydra ausgerottet werden. Dies Blatt mit den dazugehörigen Illustrationen werde sie ihren Gesinnungsgenossinnen sofort zur Einsicht unterbreiten. Der hohe Zweck desselben sei, durch sprühenden Witz und niederschmetternde Beweiskraft allen Uebergriffen der weiblichen Demagogie zu steuern und sie mit der Knute der Lächerlichkeit in die angewiesenen Schranken zurückzujagen.

»Die maustolle Trude. Da werden wir etwas Apartes zu hören bekommen,« knurrte die Oberwärterin, den Deckel ihrer Tabaksdose heftig zuklappend. Zerline ihrerseits unterdrückte mühsam ihr Gähngelüst.

Inzwischen hatte Rosalinde ein Papier entrollt und begann den »Feuerbrand« gegen die weiblichen Unnaturen zu schleudern. Das erste Bild, erklärte sie, sei der emancipirte weibliche Arzt am Secirtische. Die ungraziöse Gestalt in halbmännlicher Kleidung, das kurzgeschorene Haar, die Cigarre im Munde, die Aermel aufgestreift, die blutbefleckte Hand mit dem Secirmesser bewaffnet, habe nichts Weibliches mehr an sich. In dem Blicke, den sie starr auf das bloßgelegte Herz eines weiblichen Cadavers gerichtet habe, male sich weder Scheu noch Gemüthsbewegung, der Blick drücke nur ein tiefes Erstaunen über eine entdeckte Abnormität aus, die sie bei allen Cadavern von emancipirten Frauen entdecke, die Abnormität sei, Atrophie des Herzens.

Die Oberwärterin machte ihrer Entrüstung durch einen neuen energischen Klaps auf den Deckel der Tabaksdose Luft und blickte dann erstaunt auf Zerline, die zu ihrer Bonbonnière Zuflucht genommen hatte, um das Gähngelüst zu bewältigen. Der gestudirte weibliche Doctor blieb ruhig bei den boshaften Ausfällen der mageren Giftblase. Margarethe konnte diese Gelassenheit nicht begreifen.

Jetzt erklärte Rosalinde das zweite Bild. Dies veranschaulichte den weiblichen Staatsanwalt, der in der jugendlichen Verbrecherin, die vor den Schranken des Gerichtes erscheint, die eigene Tochter erkennt. Bis auf diese Stufe der moralischen Verkommenheit war das Kind durch den Mangel an Aufsicht von Seite der emancipirten Mutter angelangt. Nun kam Rosalinde zum dritten Bild, welches die moderne Philosophin skizzirte. Diese saß vor einer verschwenderisch besetzten Tafel und hielt einen schäumenden Pocal in Händen. Das rothe, aufgedunsene Gesicht, der stiere Blick und die verschobenen Kleider zeigten von einer emancipirten Ausschreitung und der sinnliche Mund stammelte: »=Ede, bibe, lude, post mortem nulla voluptas.=« Das vierte und letzte Bild zeigte die Zukunftstheologin auf der Kanzel. Der Text ihrer Predigt war die Darwinsche Theorie und die freie Liebe. »Dies ist das trostreiche Zukunftsbild der weiblichen Demagogen, zu solchen Ausschreitungen wird sie ihr unnatürliches Gelüste treiben,« schloß Rosalinde ihren Vortrag.

Ein verkrüppeltes Wesen mit wirrem, struppigem Haar wackelte jetzt auf Rosalinde zu und declamirte aus einem Volksliede:

»Wann d' Papageien Concerte geb'n Und d' Affen a Soirée, Die Schwalben man füttert mit Ziweb'n, Und die Wanzen mit Kaffee Und der Bandlwurm a Seiden spinnt, Der Esel Eisschuh schleift Und die Leut' auf'n Kopf gar stehen, Wird dös a g'schehen.«

Rosalinde stieß sie unsanft von sich und wendete sich zu ihren Anhängerinnen, deren Gratulationen und Beifall ihr im vollsten Maße zu theil wurde. Die Wuth ihrer Widersacherinnen machte sich durch Zischen und Schmähungen Luft. Zu diesen gehörte selbstverständlich auch die Oberwärterin.

»Erhebt sich denn gar keine Hand, um diesem Krokodil die Zähne auszubrechen,« knurrte sie, eine Faust im Sack machend. »Die Giftblase spielt jetzt die erste Geige. Wenn ich gestudirter Doctor wäre, sollte sie einen Denkzettel kriegen, den sie sicherlich nicht hinter den Spiegel stecken würde. Das boshafte Weibsbild scherwenzelt um die Herren Allesmir und gönnt den armen Emanzipandlerinnen nicht das bischen Freiheit, weil sie mannstoll ist und durch ihre Kriecherei die Männer erobern möchte. Ihre Krankheit ist ja die Manonymphie, die Mannsucht.«

Die linke und mittlere Gruppe waren in zorniger Aufregung. Sie schrien und kreischten und gesticulirten, während Rosalinde, um die sich ihre Anhängerinnen geschaart hatten, höhnisch auf ihre Widersacherinnen herabsah.

»Frau Pelten will reden. Na, die wird der Viper kein Kleingeld auf ihre Münze zurückgeben,« murmelte Margarethe, sich vergnügt die Hände reibend.

Eine stattliche Frau nahm jetzt das Wort. Sie versicherte, daß die Geistesschärfe und Logik, mit denen die drastischen Bilder entworfen wären, der Spenderin dieser kostbaren Geistesperlen einen unvergänglichen Ruhm sicherten. Solch edle Selbstlosigkeit im Kampfe für Weiblichkeit und Frauenwürde könne wahrlich nur das gefühlvolle Herz einer nicht emancipirten Frau beseelen. Das Für und Wider der Frauenemancipation wolle sie hier nicht erörtern, dies sei eine Frage der Zeit. Die Zukunft werde lehren, ob dies wirklich ein göttliches und natürliches Recht wäre, daß das Weib allein unverrückbar an einem Standpunkte geschmiedet bleiben solle. Nur dies bleibe ihr dunkel, warum die Hüterin des Palladiums der Weiblichkeit behaupte, daß die Aufklärung, und das Streben nach Freiheit, alle zarten Blüthen der Gefühlswelt entwurzelten. Diese hätten ja erst die köstlichsten Blüthen zur Entwicklung gebracht. Die Aufklärung, das Denken über Menschenrechte und Menschenwürde könnten der Weiblichkeit nicht Abbruch thun und seien nicht gottlos. Die Menschenvernunft sei ja ein Ausfluß der Gottesvernunft und daher ihr ähnlich, sie sei das Organ des Verständnisses mit Gott, der Impuls zur wahren Erkenntniß und der Wegweiser zur reinen Religion. Die Erweiterung des geistigen Horizontes, der Fortschritt und die immerwährende Weiterentwicklung der Menschheit, bis sie die Vollendungsstufe erreiche, dies sei ja der wahre Gottesgedanke. Warum sollte also das urewige Wesen dem Weibe den göttlichen Funken, den Verstand, gegeben haben, wenn man von ihm nur stumpfe, sterile Gläubigkeit fordert? Sollte das große, gütige Wesen verlangen, daß die Frau nicht denke, nicht nach Freiheit, nach Selbstständigkeit strebe, daß sie nur an die höhere Befähigung und Einsicht, an die Erhabenheit und Oberhoheit des Mannes blindlings glaube? Dies sei das ungerechteste Verlangen, das je einem Menschenhirn entsprang, denn göttlich sei sein Ursprung nicht. Der mächtige Weltgeist verbiete keinem vernunftbegabten Wesen das Joch der Vorurtheile abzuschütteln, die Bande, welche den Geist umwinden und ihn stumpf und unfähig machen, zu sprengen. Er gebiete den Aufschwung zum Menschenrecht und das Emporstreben zur Freiheit.

Margarethe schüttelte unzufrieden den Kopf. Dies war, wie sie Zerlinen zuflüsterte, die Antwort nicht, die sie dem Giftpilz gegeben wissen wollte. Wie Taubeneier groß sollten Hagelkörner dicht über das schuldige Haupt daniederschmettern, und da kam ein leichter Regenschauer mit Rosenwasser parfümirt. Zu Rosalinde müßte ein scharfzüngiges Höckerweib reden und nicht Frau Pelten, eine berühmte Bücherschreiberin. Zerline erhob sich nun von ihrem Sitze. Die Abhandlungen =pro= und =contra= Emancipation waren ihr herzlich gleichgiltig. Ein gescheites Weib, dachte sie, benöthigt keine officielle Anerkennung seiner Rechte. Es weiß die eingebildeten Obergötter in demüthige Sclaven umzuwandeln. Sie fand selbstverständlich kein Interesse an diesem Wahnsinn, der sich so vernünftig geberdete, und bat Margarethe sie zu Geisteskranken zu geleiten, die ihre Verrücktheit nicht mit dem Gewande der Vernunft bekleideten. Schon wollte die Oberwärterin ihren Wunsch erfüllen, als eine ältliche Frau mit markirten Zügen das Wort verlangte.

»Die Sozinalkroatin will reden,« rief Margarethe aufjubelnd. »Na, da kommt es gesalzen und gepfeffert. Ich habe gegen die Sozinalkroatin eine Wuth, wenn sie aber dem Kratzeisen da die Zähne stumpf macht, will ich es ihr nicht vergessen.« Sie bat nun Zerlinen noch eine Weile sich zu gedulden, um die Genugthuung zu haben, die Schmerzensschreie Rosalinde's zu vernehmen, wenn die scharfen Krallen der Sozinalkroatin sich in ihr Gerippe einbohren würden. Während die Präsidentin die Ruhe bei dem wildaufgeregten Auditorium herzustellen suchte, berichtete Margarethe Zerlinen, daß Frau Pelten, die berühmte Bücherschreiberin, bald die Anstalt verlassen würde. Sie sei vor Gram tiefsinnig gewesen, weil ihr Gatte, ein gewissenloser, dummer Ohnehirn, die gebildete Frau schrecklich mißhandelt und ihr sogar unter dem Vorwande, sie habe durch das Bücherschreiben den Verstand verloren, die Erziehung ihres Töchterchens entzogen habe. Nun sei sie von ihm los und ledig, sie sei von ihm gesetzlich geschieden und könne nach Herzenslust berühmte Bücher schreiben. Die Sozinalkroatin bilde sich ein, fuhr sie dann fort, sie sei dazu berufen, die Ordnung auf der lieben Gotteswelt herzustellen und deshalb wolle sie Alles zu gemeinem Gut machen. Sie habe Margarethen erklärt, Alles müsse Allen gehören. Ihr Mund sei ein feuriges Schwert, versicherte die Oberwärterin, und die mustergiltigste Feuerwehr würde sich vergeblich anstrengen diesen Höllenbrand zu ersticken.

Inzwischen hatte das Wortgefecht wieder begonnen. Die Glocke der Präsidentin und ihre eindringliche Stimme hatten sich endlich Gehör verschafft.

»Auch ich will ein Bild entwerfen,« rief die Sprecherin, »ein wahrheitgetreues Bild von den Hüterinnen des Palladiums der Weiblichkeit und auch von ihrer Anführerin, der giftgeschwollenen Natter, die feig in die Ferse sticht und die an Bosheit, Heuchelei, Arglist und tückischen Ränken alle ihre Anhängerinnen überflügelt.«

»Man muß ihr das Wort entziehen,« schrie Rosalinde zornglühend.

»Warum nicht gar,« rief die Oberwärterin, die Hände in die Seiten stemmend. »Was Einem recht, muß dem Anderen billig sein. In unserer Anstalt darf jeder frei von der Leber weg reden. Wer nicht hören will, kann gehen.«

Die dünne, lange Gestalt Rosalinde's zitterte vor Wuth. Ihr grimmig funkelndes Auge starrte bald die Oberwärterin, bald die Socialdemokratin mit unsäglichem Haß an.

Die Rednerin begann nun eine drastische Schilderung dieser Kämpferinnen für die das Gemüth verfeinernde, verschönernde, veredelnde Weiblichkeit zu entwerfen. Als Mädchen, versicherte sie, blieben diese zarten Naturen Jahre hindurch bei der Zahl »zwanzig« stehen und erst wenn sie plötzlich unter den Augen gewisse ominöse Linien entdeckten, wenn der Teint gelb wie eine langgebrauchte Messerscheide würde, wenn das Haar sich zu lichten beginne und indiscrete Silberfäden auftauchten, erst dann entschließen sich die zarten Lianen den ersten besten Stock als Stütze zu nehmen und die Stufen der »Fünfundzwanzig« zu erklimmen. Als verheiratete Frauen klammern sie sich mit verzweifelter Anstrengung an die Zahl »dreißig«, drücken einen unüberwindlichen Abscheu gegen das barbarische Mittelalter aus und wollen, o seltsamer Widerspruch! doch nicht fortschreiten, ja sie bestreben sich sogar Rückschritte zu machen. Sie leben so lange im Wahne, daß sie glauben machen, was sie glauben machen wollen, bis die Nemesis in Gestalt mannbarer Töchter sie zur grausamen Wirklichkeit zurückführe. Solch sprechende Beweise vermögen sie nicht mehr hinwegzudisputiren. Nun höre wohl der Kampf gegen den schonungslosen Saturn auf und sie singen endlich ihrer längst dahingeschiedenen Jugend das =requiescat in pace=. Dafür aber nehmen sie bei der ersten Condolenzvisite des Alters sofort von all' dessen Privilegien Besitz und werden augenverdrehende Frömmlerinnen und Jüngerinnen der Medisance. Als Lady Tartuffe, die vom Scandal zum Sacrament gegriffen, verstehen sie es meisterhaft ihre Antecedentien mit dem Deckmantel der Heiligkeit zu drapiren und mit gegen Himmel gerichteten Blicken über die Verderbtheit der Menschheit zu jammern. Als Jüngerinnen der Medisance wären sie ein furchtbares Tribunal. Wehe den Unglücklichen, die der Macht dieser Cannibalinnen anheimfielen. Jugend, Schönheit, Talent, Edelsinn, Hochherzigkeit wären da verdammenswerthe Verbrechen, die mitleidlos geahndet würden. Um vor der Verfolgungswuth dieser Harpien gesichert zu sein, müsse man die höchste oder niederste Stufe auf der socialen Leiter einnehmen. Wer nicht gefürchtet oder übersehen werde, der fühle, wie diese Ungeheuer mit vereinten Kräften an dem Piedestal seines Glückes rüttelten, um dies gewaltsam zu zertrümmern. »Diese Weiber nun nennen sich die Kämpferinnen für die Weiblichkeit,« schloß die Sprecherin ihre Rede. »Sie verfolgen alle ihre Schwestern, die nicht ihrem Bunde angehören, die den Muth haben nach Freiheit, nach Menschenrecht, nach Selbstständigkeit zu ringen, sie begeifern Alle, welche die Schwächen der zarten Naturen abgestreift, das heißt, welche keine rührenden Sprüche, keine schönen Redensarten, keine frommen Tractätchen und keine gleißnerischen Thränen mögen; sie verfolgen die Zerrbilder, welche die Eitelkeit, die Gefallsucht, den Eigensinn, die Unbeständigkeit, die Klatschsucht, all' diese reizenden Attribute der zarten Naturen abgestreift haben, um ohne Scheu zu behaupten, daß Freiheit und Menschenrecht nicht das Monopol Einzelner, sondern Gemeingut sein müsse.«

Ein anhaltender Beifall ihrer Parteigängerinnen begleitete die Schlußworte der Sprecherin. Dann aber folgte ein solch lautes, verwirrtes Gebrause von Stimmen, daß man nichts Deutliches mehr vernehmen konnte. Die Wuth der rechten Gruppe war in hellen Flammen ausgebrochen. Mit wildem Geschrei, mit drohend geballten Fäusten begannen sie alsbald auf ihre Widersacherinnen einzudringen. An ihrer Spitze gewahrte Zerline die Präsidentin die Glocke schwingend, um sich derselben als Wurfgeschoß zu bedienen. Ihr zur Seite befand sich Rosalinde mit funkelnden Augen wie eine wilde Katze, die mageren Hände mit den krallenartig zugespitzten Nägeln drohend erhoben. Ehe jedoch die zarten Naturen mit den starken Naturen handgemein werden konnten, hatten einige handfeste Wärterinnen sie auseinandergebracht und in ihren Wohnstuben internirt.

Die Oberwärterin erzählte nun Zerlinen, während sie sich in eine andere Abtheilung begaben, der Schluß jeder Sitzung gleiche dem der nun stattgefundenen. Die schattenhafte Jungfer Rührmichnichtan könne keine Wahrheit verdauen und erwiedere diese durch Prügelargumente. Der Herr Doctor nenne diese Kämpfe den Frosch- und Mäusekrieg. Nun begann Margarethe wieder die Krankengeschichten ihrer Pfleglinge zu berichten. Auf Nr. 89 wohne eine gefährliche Irre, ein altes Mütterchen, das durch die Schlechtigkeit eines herzlosen Kindes den Verstand verloren habe. Die entartete Tochter habe der braven Mutter einen Schimpf zugefügt, den ein ehrliches Mutterherz nicht verwinden könne. Das tolle Lamm bilde sich nun ein, böse Geister wollten ihr Kind verleumden und kämpfe gegen diese Teufel. In Nr. 90, belehrte die Oberwärterin weiter, wohne eine arme Närrin, welche die Treulosigkeit ihres Gatten in die Anstalt gebracht habe. Er habe das schöne liebe Weib um einer Komödiantin willen verlassen und dadurch dem Wahnsinne überliefert. Jetzt weine sich die arme Närrin um das liederliche Tuch die Augen aus. Nach diesen Worten öffnete sie die Thüre von Nr. 90.

Auf einem Lehnstuhle saß eine weibliche Gestalt bleich und mit eingesunkenen Wangen, um die das reiche dunkle Haar in aufgelösten Strähnen herabfiel. Die großen, düster glühenden Augen starrten in die Ferne, die Brust hob und senkte sich rasch und die weißen, durchsichtigen Hände zuckten krampfhaft, bald sich öffnend bald sich wieder zusammenziehend.

»Sie denkt immer an den Gewissenlosen, der ihr um einer liederlichen Komödiantin willen das bitterste Herzleid zufügte,« flüsterte Margarethe Zerlinen zu. »Um seinetwillen hat sie sich in's Wasser gestürzt. Als man die Arme mit knapper Noth den Wellen entriß, mußte man sie zu uns in die Anstalt bringen. Diese freche Komödiantin soll der leibhafte böse Geist sein, schöner als alle Weiber und schlechter als alle Mannsbilder. Na, wenn die meinen Ferdi mit ihren schamlosen Teufelskünsten verlockt hätte, würde ich etwas Anderes thun, als mich in's Wasser stürzen und den Verstand verlieren. Meine Nägel würden ihre Larve in eine wahre Teufelsfratze verwandeln.«

Die Irre hatte jetzt die Eintretenden bemerkt. Sie erhob sich von ihrem Sitze, näherte sich langsam Zerlinen und richtete ihr großes Auge mit unsäglicher Schwermuth auf die Besucherin.