Fräulein Doctor im Irrenhause: Eine Begebenheit aus unserer Zeit

Part 2

Chapter 23,426 wordsPublic domain

»Baut nur Eurem Götzen stolze Tempel und übergoldet seine Altäre mit dem Raube, den Ihr mit verruchter Hand an mir, dem Stellvertreter Petri, und auch an den Frommen der gesammten Christenheit begangen habt,« schrie der Zelot mit heftiger Gesticulation. »Führt nur die Bauten eures sündhaften Hochmuthes bis in die Wolken und sucht den Himmel zu stürmen. Thut dies, Ihr ruchlosen Umstürzler, thut dies, bis Ihr die Langmuth Jehovas ermüdet und Ihr den Lohn dafür da findet, wo ewig Heulen und Zähneklappern ist.«

»Der Frosch und die Unken Und andere Halunken, Die können nur zechen Mit rächelndem Rachen, Sie schlürfen aus Bächen, Aus Pfützen und Lachen, Aus Gruben und Klüften, Aus Weihern und Teichen, Aus Gräbern und Grüften Und manchem dergleichen Und plärren im Chor, Auf Moder und Moor Nur Schnickschnack und Schnackschnack Und Unkunk und Quackquack,«

näselte der Trunkenbold, sein Lied mit possierlichen Grimassen begleitend.

Der Zeitungsschreiber hatte sich erhoben und stand in drohender Haltung dem Priester gegenüber. »Elender Fanatiker, mich, dessen einziges Ziel es ist, die Menschheit zu beglücken, den Gründer des echten, reinen Glaubens, zeihest du des Raubes, der schmutzigen Gewinnsucht?« rief er zornig. »Religion ist Gold, im urbaren Zustande dem Menschen in die Hand gegeben. Ich habe die leuchtende Goldfaser entdeckt, und du, Finsterling, betest die Schlacken an. Mein Cultus bedarf nicht der Vergoldung. Der Tempel meiner Religion ist jedes edle Menschenherz, ihr Altar ist die Menschenliebe, ihr Gebet ist Menschlichkeit und ihr Lohn ist das Bewußtsein, seine Pflicht als Mensch zu erfüllen. Wozu bedarf ich des Goldes, wozu der physischen Macht? Mein reiner Glaube will keine käuflichen Glaubensüberläufer und er verschmäht auch jedes Gewaltmittel zu seiner Ausbreitung.«

»Warum hast du mir also mein Reich geraubt, warum hast du mir meine weltliche Macht genommen?« schrie der Zelot in leidenschaftlicher Erregung.

»Dein Reich ist nicht von dieser Welt,« rief eine hagere, fleischlose Gestalt, auf den Priester zuschreitend. »Meine Lehre verbietet dir, nach irdischer Größe, nach sündigem Reichthum zu streben, und nach irdischer Macht und nach irdischem Prunk lechzt deine Seele. Sündiger Verkünder meiner Worte, nur du und deinesgleichen, Ihr kreuzigt meinen Glauben und macht alle meine Wunden auf's Neue bluten.«

»Religiöser Wahnsinn,« belehrte der Graf Zerlinen und setzte ihr dann auseinander, wie der Unglückliche, im Wahne der Heiland zu sein, stundenlang mit ausgespannten Armen dastehe und wie sein kranker Geist ihn alle die fürchterlichen Qualen des Martyriums wirklich empfinden lasse.

»Die Liebe ist der Grundstein meines Glaubens, und Liebe und Nachsicht muß der Kitt sein, der den Bau des Christenthums zusammenhält,« fuhr der eingebildete Erlöser fort. »Der echte Diener Gottes muß des Glaubens Trost in das wehe Menschenherz gießen, er muß den Unglücklichen aus den öden Steppen der Verzweiflung auf die ewig grünende Oase der Hoffnung hinführen, er muß an dem unversiegbaren Born der göttlichen Gnade ihn erlaben, vor dem verderblichen Sturm der Leidenschaften ihn warnen und Stab und Stütze ihm sein auf der irdischen Dornenbahn. Und sein Gebet muß nur Gnade und Verzeihen für die Sünder erflehen, Vertilgung aber soll es nur für die Sünde erbitten! So will ich die Verkünder meiner Lehre!« rief der Irre mit gebieterischer Handbewegung. »Durch Liebe und Duldsamkeit wird mein Glaube verherrlicht, durch Liebe und Duldsamkeit wird seine Macht unerschütterlich, und unbezwingbar steht er seinen Feinden gegenüber, wenn er überhaupt dann noch Feinde zählt.«

»Herr Bruder, nimm dein Gläschen Und trink' es fröhlich aus; Und wirbelt's dir um's Näschen, So führ' ich dich nach Haus. Bedenk', es ist ja morgen Schon Alles wieder gut, Der Wein vertreibt die Sorgen Und gibt uns frohen Muth,«

sang jetzt der rothnasige Zecher, auf den Erlöser zuschreitend. Er faßte ihn am Arm und zog ihn trotz seines Sträubens mit sanfter Gewalt aus dem Saale.

Der streitsüchtige Priester suchte nun wieder einen Gegenstand für seine Disputirwuth. Er packte den Irren, welcher sich einbildete der Zeitgeist zu sein, und setzte ihm so hart zu, daß es ihm zuletzt gelang, diesem seine Gelassenheit zu rauben.

»Die Zeit ist um, in der die Furcht vor unbekannten Schrecken die Menschheit abhielt, Eure drohenden Phantome vor das Forum der Vernunft zu citiren,« schrie nun der Zeitgeist zornig. »Die Menschheit will nicht mehr die von Euch construirte Brille tragen, die ihr nicht erlaubt über den ihr angewiesenen Gesichtskreis zu schauen. Ich, der mächtige Zeitgeist, habe Euren Himmel gestürmt, ich habe Eure morsche Zwingburg in Schutt und Trümmer gelegt. Mich bekämpfst du, Priester, vergebens. Du, jämmerlicher Pygmäe, willst hemmend in mein Schaffen und Wirken eingreifen. Ich werde dich mitleidslos zermalmen, wenn du mich an der glorreichen Vollendung meines Werkes zu hindern suchst.«

»Mit wem sprichst du, Verbreiter der schändlichsten Sacrilegien?« brüllte der Priester. »Du schmähst mich, den unfehlbaren Stellvertreter Petri. Ich will dich in den Pfuhl der ewigen Verdammniß --«

Hier bemächtigte sich der Wärter der geballten Fäuste des Eiferers, die sich in sehr bedrohlicher Weise dem Gesichte des Zeitgeistes genähert hatten, und führte den Erbitterten einige Schritte abseits.

»Ja, es ist eine kritische Zeit, heiliger Vater,« sprach ein bis nun stummer Zuhörer, mit bedenklichem Kopfschütteln zum Priester, der sich grollend in einen Winkel zurückgezogen hatte. »Das Consortium der ewigen Seligkeit ist in einer argen Klemme. Unsere Actien sind durch die Contremine des Zeitgeistes weit unter ihren Nominalwerth herabgedrückt worden. Nicht die Manöver eines erhöhten Zinsfußes und nicht die lockende Aussicht auf eine Superdividende vermögen uns jetzt zu helfen. Der einzige Ausweg wäre,« fügte er im Flüstertone hinzu, »mit der gut accreditirten Aufklärung einen Cartelvertrag abzuschließen.«

Ein Blitz unsäglicher Wuth entsprang dem Auge des Priesters. Einige nicht wiederzugebende Ausdrücke waren der Lohn für den wohlmeinenden Rath des gutherzigen Vermittlers.

Zerline, ganz im Anblicke des Priesters versunken, hatte, wie schon erwähnt, fast den Zweck ihres Besuches in der Anstalt vergessen. Sie konnte und wollte nicht glauben, daß der schöne Fastenprediger geisteskrank sei. Als sie aber gewahrte, daß er für sie keinen Blick habe, da begann sie allmälig zur Erkenntniß seines Irrsinns zu gelangen. Unglaublich! Bei ihm schien ihr herausforderndes Lächeln, das verführerische Spiel ihrer Augen, kurz die ganze Musik ihrer Reizungen stumpfe Sinne zu finden. Wohl hatte sie von Asketen vernommen, die, mit dem Panzer der Heiligkeit umgürtet, jeglichem Sinnesreiz unzugänglich waren, aber diese sollen welke, lebensmüde Greise gewesen sein, die vielleicht gar von der Verführung verächtlich übersehen worden waren. Nicht so der schöne Priester. Ein junges, pulsirendes Leben. Und er blieb kalt und unempfindlich bei all' den Glutgeschossen aus dem Feuerauge der sinnberückenden Zerline. Bedurfte es da erst eines ärztlichen Attestes, um seine Verrücktheit zu bescheinigen? Ja, er war unheilbar wahnsinnig. Voll Aerger und mit dieser Ueberzeugung verließ sie endlich den Saal, um mit dem Grafen den Rundgang in der Anstalt fortzusetzen.

Als sich die Thüre hinter ihnen geschlossen, meinte der Graf lächelnd, es sei sonderbar, daß die Himmelsinspectoren noch immer den Zins für ein Plätzchen im Himmel bis zur Unmenschlichkeit steigerten. Hierauf begann er wieder eine gelehrte Abhandlung über göttliche und irdische Liebe. Letztere nannte er eine =insania mentis=, und Diejenigen unwissende Thoren, die, ohne nach dem Befund mit dem Secirmesser im Muskelsack, =vulgo= Herz, zu forschen, über diesen Krankheitsproceß polemisirten. Der leitende Faden im Labyrinthe der Diagnostik sei, behaupte er, nicht im Verfolgen des Krankheitsprocesses zu suchen, und auch auf das Wesen des Processes werde durch das Nacheinander von Erscheinungen in acuter regressiver, acuter progressiver, subacut progressiver, chronisch progressiver, aufsteigender, absteigender Verlaufsweise kein Licht geworfen. Dies behaupte er mit bewußter Sicherheit und er hoffe, daß auch Zerline sich seiner Behauptung trotz der widersinnigen Ansichten der modernen Psychiatrie anschließe. Bei den letzten Worten nahm sein Antlitz einen seltsam verzerrten Ausdruck an und seine Augen begannen zu glühen. Zerline, deren Gedanken noch immer beim schönen Priester weilten, bemerkte die Veränderung im Gesichtsausdrucke des Grafen nicht. Sie nickte zum gelehrten Gallimathias, von dem sie kein Wort verstand, beifällig mit dem Kopfe, und dieser stumme Beifall verscheuchte alle Wolken von der Stirn ihres Führers. Bald waren sie bei einem zweiten Corridor angelangt. Auf das Pochen des Grafen wurde eine Thüre wie zuvor von innen durch einen Wärter geöffnet und sofort hinter ihnen wieder geschlossen.

Im Gange spazierten einige Männer mit über dem Rücken oder über der Brust gekreuzten Armen schweigend auf und nieder.

Der Graf bezeichnete sie als Apostel des Scheinwissens, der Vernünftelei, die das rationelle Wissen, das gründliche Forschen durch die rostzerfressene Waffe der Metaphysik zu bekämpfen suchen, als Vernunftgaukler, die auf dem schwanken Seil einer speculativen Philosophie ihre Künste zeigen und sich der Trugschlüsse als Balancirstange bedienen. »Narren, die über Liebe polemisiren,« bezeichnete er wieder zwei Männer, die mit sichtlicher Erregung zu einem Wärter sprachen.

»Johann, gesteht es nur, vermag alle Zweifelsucht die Wunder der Liebe zu läugnen?« rief der Eine, die Hand des Wärters ergreifend. »Gibt es für eine schöne Seele ein süßeres Glück als dieses veredelnde Gefühl, das großmüthig alle Freuden spendet, ohne solche zu verlangen, denn reine Liebe kann nur geben und nicht begehren. Reine Liebe mildert die Ueberlegenheit des Starken, sie hilft der Schwäche aus ihrer Ohnmacht auf, sie ist die heiligste Empfindung, sie strömt aus der reinsten Quelle und ist göttlicher Natur.«

»Johann, laßt Euch nicht betören,« schrie der Zweite und bemächtigte sich der anderen Hand des Wärters. »Die Liebe ist nur ein Sinn, der darnach strebt, sich mit dem Sinnlichen zu vereinbaren, eine Ueberreizung des inneren Sinnes, der seine krankhafte Anschauung dem äußeren Sinne unterschiebt. Darum der Wahn, den Gegenstand der Anbetung in einem Nimbus von Vollkommenheiten zu sehen, die dieser nicht besitzt. Das Grab aller dieser exaltirten Empfindungen ist der Besitz. Mit dem Besitz tritt die Vernunft wieder in ihr Recht und rächt sich, durch die ihr widerfahrene Vernachlässigung gekränkt, durch eine desto unumschränktere Herrschaft. Was geschieht also jetzt? Da sich die Trunkenheit des Geistes an dem Taumel der Sinneslust verflüchtigt hat, erhebt sich nun der so lange daniedergehaltene Geist und betrachtet nüchtern den Gegenstand, dem er eine gottgleiche Anbetung gezollt hat. Was findet er da? Ein mit allen Schwächen und Gebrechen behaftetes Wesen. Welche Wandlung tritt nun bei ihm ein? Aus dem Auge seines Idols, früher für ihn der Spiegel tiefster Empfindungen, gähnt ihn jetzt ein Meer von Inhaltslosigkeit an, das süße, ihm einst unsägliche Wonne spendende Lächeln wird ihm zur widrigen Grimasse und die schmelzend modulirende Stimme, die zuvor alle Fibern seines Herzens erzittern machte, wird ihm zum tremolirenden, unharmonischen Klang. Jetzt hat sich die Liebe in Gleichgiltigkeit oder in Widerwillen oder gar in Haß verwandelt. Nun beginnt die Unterwürfigkeit nach Unterjochung zu streben, und der demüthige, willenlose Sclave wird ein harter, grausamer Gebieter. Dies ist die einzig logische Erklärung vom Ursprung und vom Ende der Liebe, die ideale Gefühlsdusler mit einer überirdischen Strahlenglorie umgeben. Johann, meine Auseinandersetzung ist doch klar und faßlich. Laßt Euch durch den Redeschwulst eines Geisteskranken vom Wege der Vernunft nicht weglocken.« Die letzten Worte wurden mit einer nicht zu mißverstehenden Geberde auf seinen Widersacher begleitet.

»Freilich sehe ich ein, daß Sie vernünftig beweisen, fünf sei eine gerade Zahl,« bestätigte der Kampfrichter.

Bei dieser Versicherung umspielte ein Lächeln stolzer Befriedigung den Mund des Preisgekrönten, während sich auf der Stirne seines Gegners dräuende Wolken des Zornes häuften.

»Du wagst es, die platonische Liebe mit dem thierischen Triebe, die reine Himmelstochter mit der irdischen Venus zu identificiren?« schrie der Platoniker wild gesticulirend. »Es ist keine Kunst, über Gefühle Meister zu werden, die deine schmutzige Seele nicht einmal flüchtig bestreichen. Dem groben Stoff ist das erhabene Gefühl, welches den Geist zwingt, vor dem Gegenstand seiner Anbetung niederzufallen, ein Geheimniß, das er nie ergründen kann. Johann, gebt dem schmutzigen Cyniker keine Macht über Euch, glaubt seinen Worten nicht, sie sind giftiger Mehlthau für die edelsten, erhabensten Blüthen, die eurer Seele entsprießen.« Hier zitterte seine Stimme und sein Auge ruhte flehend auf dem Wärter.

»Ja, ja, Ihre Behauptung ist die richtige. Ein runder Tisch hat vier Ecken,« bestätigte der gutmüthige Wärter.

Jetzt tänzelte eine lange, dürre Gestalt, mit allen Merkmalen eines Löwen der Mode ausstaffirt, auf die Streitenden zu.

»Der Platoniker und der Cyniker bauen schon wieder ihre Luftgebäude von Sophismen,« rief er verächtlich. »Ich bin Raoul von Biber, der alle Frauenherzen mit eben solchem Gleichmuth wie die Austern verspeist. Wer wagt es über Liebe zu sprechen, ohne zuvor mein Gutachten hierüber einzuholen? Ich will eure Lügengebäude Kartenhäusern gleich zusammenschmeißen.« Und nun begann der Weiberherzenfresser wunderbare Mären von seinen Eroberungen zu erzählen. In seinem Siegesregister wimmelte es von Fürstinnen und Herzoginnen, die sich um ihn die Augen ausgeweint. Primadonnen und dramatische Größen hatten nur für ihn gesungen und gespielt und zahllose Unglückliche hatten sich aus Verzweiflung über seine Kaltherzigkeit die Pulsadern aufgeschnitten oder das kalte Wassergrab aufgesucht. Raoul behandelte, seiner Versicherung nach, die Unglücklichen, die nach der glänzenden Schmach, seine Sclavinnen zu sein, lechzten, mit kalter Grausamkeit. Er warf einfach der Bevorzugten das Schnupftuch zu und nahm es wieder zurück, wenn er eine Andere vor Selbstmord bewahren wollte.

»Der alberne Nickvogel hat sich einen phantastischen Harem mit glutäugigen und antilopenäugigen Odalisken geschaffen,« flüsterte Graf Roller Zerlinen zu, und als sie ihren Rundgang fortsetzen, erzählte er, wie eines Tages die Schattengestalten, mit denen Raoul seinen selbstgeschaffenen Harem bevölkerte, sich plötzlich für ihn zu verkörpern begannen. In jedem Weibe erblickte er nur eine erlauchte Persönlichkeit und zuletzt warf er sich einer überreifen Tochter Libussas zu Füßen, deren vornehmste Eigenschaften in der geschickten Handhabung von Scheuerbesen und Aufwaschlappen gipfelten, und bat sie flehentlich, ihn als Prinz-Gemal zu acceptiren.

Zerline hörte dem Grafen gelangweilt und mit Mühe das Gähnen unterdrückend zu. Der Weiberherzenfresser war für sie nicht neu und nicht interessant. Wie viele solche eingebildeter Frauenbezwinger zählen zu ihren Bekannten! Ein gutes Stück von Raouls Narrheit steckte ja sogar in ihren mächtigen Gönnern. Wie ganz verschieden war dies, was sie hier sah und vernahm, von dem, was sie erwartet hatte. Was konnte sie eigentlich aus diesem Wahnsinn für ihre Rolle Ersprießliches schöpfen? Sie suchte ja nur den Wahnsinn, der der Verzweiflung entspringt und Schrecken verbreitet. Was hatte sie bis jetzt im Irrenhause gefunden? Narren, die sich vernünftiger geberdeten als alle Anbeter, die zu ihren Füßen lagen. In diesen nicht sehr erquicklichen Gedanken unterbrach sie der Graf. Er machte sie auf einige Individuen aufmerksam, deren Antlitz einen stark ausgeprägten Zug speculativer Schlauheit aufzuweisen hatte. Er bezeichnete sie als Opfer der Börsenkatastrophe. Einen ältlichen Mann, dessen Brust eine Unzahl Orden aus Goldpapier schmückte, bezeichnete er als einen gewesenen Börsenmatador, der unermüdlich immer neue Pläne schmiede, um seine verlorenen Schätze wieder zu erobern. Pläne, die natürlich an Widersinn und Verrücktheit kaum ihres Gleichen fänden, die aber ein glänzender Beleg für seine Raffinirtheit in Gewinnerspähung waren. Er wendete sich nun an den Irren und frug ihn, ob er schon einen neuen Plan ersonnen habe, um Papier zu säen und Gold zu ernten. Die Antwort war bejahend. Der Geisteskranke versicherte, er habe den Schlüssel zur Pforte, die in das Goldland der Glücksgöttin führe, nach angestrengtem Suchen endlich doch gefunden. Dieser kostbare Fund habe ihm wieder einen Orden von einem überseeischen Serenissimus eingetragen. Dabei nestelte er feierlich einen papierenen Orden von seinem Wams los, drückte diesen ehrfurchtsvoll an seine Lippen und sein Rücken nahm nun eine solch' unterthänige Krümmung an, daß man schier vermeinte, er wolle dem überseeischen Serenissimus seine überschwängliche Kriecherei veranschaulichen.

Der Graf bezeichnete ihn mit verächtlicher Geberde als den obligaten Speichellecker der Mächtigen. Dieser Schlag Menschen, behauptete er, sei nach Darwin ein schlagender Beweis der Accommodationsfähigkeit lebender Organismen. Dann wendete er sich wieder an den Irren mit der Aufforderung, ihnen seinen genialen Plan, um die rollende Kugel der launischen Glücksgöttin festzuhalten, mitzutheilen. Der Patient war gleich bereit diesen Wunsch zu erfüllen und begann in der weitschweifigsten Weise seinen Finanzplan zu entrollen.

Er habe den genialen Gedanken, durch eine Drahtseilbahn in den Mond zu gelangen, um hier die Goldbergwerke und die Diamantenfelder auszubeuten, theilte er dem Grafen mit. Um nun dieses großartige Project durchzuführen, müsse er zuvor einige glänzende Namen an die Spitze seines Unternehmens stellen, und durch einige gefällige Zeitungsschreiber sein Programm als überaus günstig anpreisen lassen. Schon beim Beginn wolle er trachten, aus der Rechnung der Einrichtungsspesen den möglichst hohen Nutzen zu ziehen, und bei jeder Wahl werde er durch bezahlte Strohmänner sich die Stimmenmehrheit zu sichern wissen. Für Geld und gute Worte werde er auch eine freundliche Bank finden, welche bei seinen Papierembryos Pathenstelle vertreten und diese noch vor der Geburt im Thronsaale Fortunas einführen und cursfähig machen würde. Wenn diese also lancirt wären, könnte er sie mit einem fabelhaft hohen Agio in die Welt schicken. Natürlich würde er dann den Gewinn einstecken und für sich die Präsidentenstelle reserviren, seine Freunde jedoch zu Verwaltungsräthen machen, um das Institut, das er geschaffen, nach Belieben zu Grunde richten zu können. Dabei kicherte der Irre und rieb sich vergnügt die Hände und machte seltsame Bockssprünge, um seine Freude zu bezeigen, und fuhr immer fort seinen Plan zu entwickeln. Wenn er die Cassen mit Hilfe seiner Freunde geleert habe, sprach er weiter, wolle er den Köder einer Superdividende auswerfen und dann durch einen Cartelvertrag mit einem unter anderem Namen ebenfalls von ihm gegründeten Institute die dummen Actionäre wieder vertrauensselig machen. Unter der Vorspiegelung, das junge Unternehmen werde an dem maßlosen Gewinnste der Mutteranstalt participiren, könnte man sich auch leicht das Bezugsrecht des jungen bezahlen lassen. Sodann beginne er die Effecten seiner Schöpfung durch Scheinverkäufe zu contreminiren und schraube sie nach erfolgter Baisse durch lebhafte Nachfrage in die Höhe.

Es ist selbstverständlich, daß Zerline kein Sterbenswörtlein von diesen genialen Finanzoperationen begriff, ebenso wenig verstand sie die Behauptung des Grafen, daß dieses erhaltene Maß von Intelligenz bei Verrückten erstaunlich sei. Dies, meinte er dann, sollte nur unter der Annahme verständlich sein, daß wahrscheinlich ein geregelter Ablauf im logischen Apparate des Vorderhirns eine minder intensive Arbeitskraft erfordere, als die Ausübung der Hemmungsacte. Dies wäre die Erklärung eines mächtigen Fürsten auf dem Gebiete der modernen Psychiatrie.

Plötzlich wurde der Graf von einem Manne am Arm gefaßt und freundlich begrüßt. Als Professor und als ein leuchtender Stern am Firmamente des Wissens stellte der Graf diesen Zerlinen vor und frug sodann den Patienten, ob es ihm schon gelungen sei das Problem zu lösen.

»Mein Werk ist vollendet, das Problem ist gelöst und vor dem unerbittlichen Feinde der Zoobionten ist fortan eine unübersteigliche Schranke errichtet,« versicherte der Professor mit wichtiger Miene. »Die Zerstörungswuth der grausamen Natur wird endlich lahmgelegt werden und ihre widersinnigen Anstrengungen, ihre herrlichsten Werke zu vernichten, werden sich an meiner Combination machtlos brechen. Der Mensch wird nicht mehr der Sclave seines Blutes sein, er wird mit starker Hand das Steuer seines Lebensschiffes regieren, er wird ebenso der Windstille wie der sturmgepeitschten rothen Wogen spotten. Der Puls darf nicht mehr der Zeiger der Lebensuhr sein, der Schädel nicht die Gedankenhilfe, die Nase nicht der Lungenschornstein, das Herz nicht das Blutreservoir und der Magen nicht der Heizungsapparat. Auch alle vegetativen und animalen Apparate werden durch meine Combinationen ihrer Functionen enthoben. Hier in dieser wundersam combinirten und aus reinem Protoplasma construirten Form, hier ruht das Geheimniß des Aufhörens der Endlichkeit der Bionten,« und bei diesen Worten zog er eine kleine Thonfigur hervor und zeigte sie dem Grafen und Zerlinen.

»Weshalb nennen Sie die Natur grausam?« rief jetzt ein Irrer, der dem Vortrage des Professors aufmerksam zugehört hatte. »Warum der Natur Vorwürfe machen? Wenn sie ihre mit Sorgfalt herangebildeten Werke zerstört, so muß sie dies thun, denn dies geschieht ja nach einem ewigen Gesetze und sie thut es nur mit zerrissenem Herzen.«

Der Professor maß den Vertheidiger der zerstörungssüchtigen Natur mit zornigen Blicken und erwiederte in sichtlicher Aufregung, die Natur sei grausam und lieblos, die Natur setze das Wesen in die Welt, ohne sich um sein Fortkommen zu kümmern, sie sei eine Rabenmutter, liebe ihre Kinder nicht mit gleicher Liebe, denn sie lasse diejenigen Wesen, die ihrer Auswahl nicht zusagten, erbarmungslos verkommen und verkümmern. Er allein liebe die Menschheit wahrhaft und deshalb werde er diese vor Tod und Verwesung bewahren.

»Du willst also der Menschheit die Unsterblichkeit sichern und dadurch mein Reich entvölkern,« schrie der zweite Irre mit zornblitzenden Augen. »Meinst du, daß ich, der Tod, dies gutwillig dulden werde?«

»Nein, nein, das darf er nicht thun, das wird der Herr Director nicht erlauben,« beschwichtigte ein Wärter den Aufgeregten.

»Dies werde ich zum Heil der Menschheit thun, trotz des Widerstandes ihres erbitterten Feindes,« versicherte der Professor würdevoll und kehrte seinem Gegner den Rücken.

Der Graf führte nun Zerline weiter und bemerkte lächelnd, der Mensch sei doch ein eigenthümliches Wesen mit seiner barocken Einbildung, daß er der bevorzugte aller Bionten und als vollendetes Meisterwerk aus der Künstlerhand der Natur hervorgegangen sei. Der kleinste Wurm wäre ja in seiner Art ein ähnliches Wunderwerk wie die menschliche Maschine. Ohne den complicirten Bau desselben verrichte sein Organismus alle Functionen, welche zu seiner Erhaltung und Fortpflanzung bedingt sind. Der einzig unbestreitbare Vorzug des Menschen wäre der göttliche Funke, die Geisteskraft. Wie oft aber entsage der Mensch diesem Erstgeburtsrechte um ein Geringeres noch als ein Linsengericht.