Fräulein Doctor im Irrenhause: Eine Begebenheit aus unserer Zeit
Part 1
Fräulein Doctor im Irrenhause.
Eine
Begebenheit aus unserer Zeit
von
J. Thenen,
Verfasser des »Wunderrabbi«.
Der Ertrag ist der allgemeinen Poliklinik in Wien gewidmet.
Wien.
Verlag von L. Rosner.
1881.
An einem trüben, regnerischen Herbstmorgen schritt eine Frau die breite, mit feinem Kiessande bestreute Allee entlang, die zur Irrenanstalt führte. Die Frau war groß und schlank und entwickelte in jeder Bewegung eine unnachahmliche Grazie, eine vollendete Symmetrie der Form. Ihr Haar war von einem hellen Braun, auf dem ein Goldglanz lagerte, nicht anders als ruhe der volle Sonnenschein auf den reichen, wogenden Locken; das Auge, lang geformt, dunkel und feurig, war von bogenförmig feingezeichneten Brauen überwölbt und von langen schwarzen Wimpern verschleiert; durch die lilienweiße Haut schimmerte die Rose auf den Wangen; der feingeschnittene Mund, die kleinen Perlenzähne und das anmuthreiche Grübchen am Kinn vervollständigten das harmonische Ganze. Diese Frauengestalt war wunderbar, entzückend schön.
Ja, Zerline war schön wie die Fee eines Zaubermärchens und ebenso mächtig wie diese. Ein Blick ihres Glutauges, ein Wort von ihren duftigen Lippen vermochten es eben so leicht wie der Zauberstab einer Fee Schaaren von dienstbaren Geistern um sie zu versammeln. Ihre Alleinherrschaft in der galanten Welt war anerkannt, unbestritten, unumschränkt. Zu den demüthigen Zugthieren ihres Siegeswagens zählten die stolzesten Löwen des Tages. Zerline war eine gefeierte Schauspielerin, das brillanteste Decorationsstück eines Musentempels in der Provinz. Mißgünstige Rivalinnen behaupteten wohl, Zerline sei nur auf der Bühne des Lebens eine treffliche Komödiantin, im Tempel der Kunst nur eine jämmerliche Stümperin. Böse Zungen erzählten, daß sie durch mächtige Gönner sich ihren Platz auf den Brettern errungen und nur durch ihre körperlichen Reize und durch ihren Toilettenreichthum das Publicum blende. Alles dies vermochte aber die Triumphe Zerlinens nicht zu vermindern. Die Menge huldigt dem Erfolge, ohne sich zu kümmern, auf welche Weise dieser errungen wird.
Zerline war also eine Zugkraft ersten Ranges und wurde als solche vom Leiter des Theaters mit einer bei diesem Herrn nicht gewöhnlichen Liebenswürdigkeit behandelt. Der Director war ein kluger Mann. Er wußte, daß eine blendende Staffage eine viel mächtigere Zugkraft sei als ein echtes Talent, das sich zur reinen Höhe der wahren Kunst emporgeschwungen. »Das Gute wird gedacht, das Schöne aber betrachtet,« philosophirte er. »Mein Publicum ist nicht dem Begriffe, sondern der Anschauung zugänglich, und die Kunst eines praktischen Directors besteht ja nur darin, dem Publicum den gewünschten Genuß zu verschaffen und ausverkaufte Häuser zu erzielen.« Zerline feierte Triumphe, wie die wirklichen Künstlerinnen solche nicht oft und nicht leicht erringen. Milde Kritiker räucherten sie in dicke Weihrauchwolken ein und nannten sie einen leuchtenden Stern am Firmamente der tragischen Kunst. Dies, sollte man meinen, müßte sie doch befriedigt haben. Dem war aber nicht so. Mit dem Erfolge wuchs ihr Ehrgeiz. Bald verlor die Huldigung der gutmüthigen Provinzler für Zerline jeglichen Reiz. Der Wirkungskreis in der Provinz erschien ihr eng und armselig und nur die Bühne in der Residenz ihrer würdig. In der Residenz als Tragödin gefeiert und umworben zu werden, dies ward fortan der süßeste Traum ihres Lebens. Um dies zu erreichen, war ja nur vonnöthen ein Gastspiel zu eröffnen. Daß sie mit ihrem ersten Auftreten das Publicum im Sturm erobere, dessen war sie sicher, dafür garantirten ihr ja der stürmische Beifall genügsamer Claqueurs und die Verzückung ihrer Gönner. Wollen und Können war für die gefeierte Zerline gleichbedeutend. Ein Zauberwort aus ihrem rosigen Mündchen setzte alsbald die Schaar ihrer Anbeter in Bewegung, und ehe das Tagesgestirn achtmal seinen Lauf vollendet hatte, war das schier Unglaubliche verwirklicht, die mächtige Fee hatte die Gewißheit, als Gast auf der Hofbühne der Residenz ihre Reize und die Munificenz ihrer Gönner bewundern zu lassen. Als Ophelia sollte sie das Gastspiel eröffnen. Um nun die Großstädter vollständig zu ihren Füßen zu sehen, wollte sie diese auch noch durch künstlerische Leistungen in athemlose Bewunderung versetzen. Deshalb sehen wir sie der Irrenanstalt zuschreiten. Sie will sich für den bevorstehenden Triumph künstlerisch vorbereiten, sie will nicht bloß die Empfindungen und Affecte, sondern auch die Begebenheiten, aus denen solche entsprangen, studiren. In der Irrenanstalt, in dieser Behausung des menschlichen Jammers, will sie in das große Geheimniß der tragischen Kunst erst recht eindringen. Hier will sie das Traurige, das Jammervolle, das Schreckliche, das Entsetzliche von Angesicht zu Angesicht schauen, um dann ihre Rolle als Geisteskranke mit solch' entsetzlicher Wahrheit zu spielen, daß dem Publicum darob die Haare zu Berge stehen sollten. Also versicherte sie ihrer Helferin in der Rüstkammer der weiblichen Toilettengeheimnisse, der pfiffigen Mizi.
Man wähne aber ja nicht, daß dies Opfer, welches der Kunst zu bringen Zerline sich entschlossen hatte, ein gar leichtes war. Zuerst hatte sie einen mühsamen Kampf zu bestehen, bis es ihr gelang, die entsetzliche Furcht zu bewältigen, die bei dem Gedanken, in die Behausung des Wahnsinns einzudringen, sich ihrer bemächtigte. Mizi wußte ihr nicht genug des Gräßlichen von diesem Orte des Schreckens zu erzählen und bevölkerte die Phantasie der Kunstjüngerin mit den quälendsten Schreckgebilden. Schon stand zu befürchten, daß die heraufbeschworenen Phantome der zungenfertigen Mizi den Drang, das Spiel des Wahnsinns am Born desselben zu schöpfen, ersticken würden, als zum Glück ein am Siegeswagen Zerlinens ziehender Arzt ihre Angst beschwichtigte. Nun zeigte sich ein neues Hemmniß; der Leiter der Irrenanstalt war jedem Besuche abhold. Er fand es dem Wohle seiner Pflegebefohlenen zuträglich, sie vor profaner Neugier zu wahren. Diesen Psychiater ihrem Wunsche geneigt zu machen war schwerer, als Zerline es je gedacht. Trotz der mächtigen Protection ihrer Gönner gelang es ihr nicht, die Erlaubniß zu erlangen, die Anstalt zu besichtigen. Da verfiel der sie anbetende Arzt auf den sinnreichen Einfall, sie als Fräulein Doctor anzumelden. Einem Doctor, der sein Wissen zum Wohle der leidenden Menschheit bereichern wollte, durfte die Anstalt nicht verschlossen bleiben. Der Director, obwohl kein besonderer Freund weiblicher Doctoren, konnte jetzt seine Genehmigung nicht versagen. So machte sich denn Zerline auf den Weg, um das so sehnlich Gewünschte und doch Gefürchtete von Angesicht zu Angesicht zu schauen.
Vom Zauber ihrer sinnberückenden Schönheit umgeben schritt Zerline der Anstalt zu. Ihr Auge blickte sanft und liebkosend und der schneeige Busen wogte ruhig und friedlich. Wer konnte ahnen, welch' bedrohliche Pläne für die Ruhe des starren Leiters der Anstalt sie in ihrem Innern entwarf und auch welch' wunderbare Curen die Phantasie dem Fräulein Doctor vorspiegelte! Wie oft hatte sie schon durch ihren Zauber Vernünftige in die Bande des Wahnsinns geschlagen, warum sollte sie nicht auch Wahnsinnige zur Vernunft zurückzuführen vermögen? Was war ihrem Liebreiz zu schwer? Wer vermochte es sich ihrer Macht zu entziehen? Solche und ähnliche Gedanken beschäftigten sie, bis sie am Eingange der Anstalt Halt machte. Als sie das Haus mit seinen vergitterten Fenstern erblickte, da begann ihr Herz zu pochen und zu hämmern. Alle von Mizi heraufbeschworenen Gespenster standen wieder vor ihrem inneren Auge. Die Kunst lief Gefahr, von der Furcht besiegt zu werden; Zerline war schon im Begriff die Flucht zu ergreifen, da erschien noch zur rechten Zeit der Thürsteher der Anstalt. Die Intervention dieses ungebildeten Volkssohnes ersparte der Muse eine Niederlage.
Der Thürsteher, der einige Zeit stumm vor Entzücken auf die blendende Frauenerscheinung gesehen, riß jetzt dienstbeflissen die Thürflügel auf und lud sie zum Eintritte ein. Mechanisch folgte ihm Zerline in's Wartezimmer. Hier bat er sie, sich zu gedulden, bis er ihre Ankunft gemeldet haben werde, und entfernte sich unter zahllosen Bücklingen.
Vom Schrecken beherrscht fiel Zerline ermattet auf einen Sitz nieder. Dann ließ sie ihr Auge im Raume umherschweifen. Das Zimmer war einfach und prunklos, sah aber ganz wohnlich aus. Auch das vergitterte Fenster erschien von innen nicht so abschreckend, und die Aussicht in den Park war trotz des trüben, regnerischen Wetters nicht ohne Reiz. Zerline begann sich allmälig zu beruhigen. Sie erhob sich dann von ihrem Sitze und näherte sich einem Spiegel, um da eine losgegangene Locke ihrer Frisur zu befestigen. Eben hatte sie sich des widerspänstigen Löckchens bemächtigt, als zwei Männer in die Stube traten.
Die Neueingetretenen blieben beim Anblicke Zerlinens überrascht stehen. Sie wurden gleich dem Thürsteher vom mächtigen Zuge der Bewunderung fortgerissen, blieben aber nicht stumm, sondern stießen ein lautes »Ach!« des Entzückens aus.
Ein Lächeln des Triumphes kräuselte die Lippen Zerlinens. Mit dem ersten Blicke hatte sie den Feind bezwungen, den starren, unzugänglichen Leiter der Anstalt. Dies war er ja doch, der großgewachsene Mann mit wallendem Bart und Haupthaar, und sein Begleiter war sicherlich der Doctor, der dem Director in der Krankenpflege treulich zur Seite stand. Also dachte die Siegesgewisse und wollte auch im Bewußtsein ihrer Macht recht bald ihr Incognito fallen lassen; als Zerline und nicht als Fräulein Doctor sollte er sie durch die Räume der Anstalt führen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch bald als trügerisch, denn der stattliche Mann mit wallendem Bart und Haupthaar stellte sich ihr als Graf Roller vor, sein Begleiter war der Oberwärter der Anstalt.
Der Letztere entschuldigte den Director, der durch Krankheit verhindert sei, Fräulein Doctor zu empfangen. Der Doctor der Herrenabtheilung müsse den Director in der Kanzlei vertreten, berichtete er, und der Doctor der Frauenabtheilung sei zu einer Patientin gefahren. Wenn Fräulein Doctor seine Rückkehr nicht abwarten wolle, so könnte sie sich getrost der Führung des Grafen Roller anvertrauen. Der Herr Graf sei in der ärztlichen Kunst bewandert und werde ihr alles Interessante in der Anstalt vorführen, fügte er zum Schlusse bei.
Der Graf ermangelte nicht, sich mit der Artigkeit eines feinen Weltmannes der schönen Besucherin zur Verfügung zu stellen, und Zerline nahm mit einem verführerischen Lächeln sein Anerbieten an. Vom Grafen geleitet schritt sie durch eine helle, geräumige Vorflur einer steinernen Treppe zu.
»Meiner Ansicht nach vermögen solch' äußerliche Anschauungen nur wenig die functionellen Störungen zu beleuchten,« begann der Graf seine Ansprache zu dem vermeintlichen Fräulein Doctor. »Ich halte ähnliche Beobachtungen für einen angehenden Arzt nicht für hinlänglich. Das vornehmste Lehrbuch ist der Cadaver. Nur anatomische Befunde und zumeist nach frischen Fällen gewonnene Befunde können dem Arzt Einblick in den Proceß gewähren. Dies ist meine Ansicht. Wohl meint die moderne Psychiatrie, daß wir im Vorderhirn die diagnosticirbaren, auffallenden Formen anatomischer Veränderungen noch im Leben vorfinden, sie behauptet sogar, daß der äußere Verlaufsproceß nur eine Spiegelung des inneren Processes sei, ich aber verfechte unerschrocken meine Ansicht, daß ohne den Befund im Cadaver die Wissenschaft im Finstern tappen muß.« Hier unterbrach er seinen gelehrten Discurs. Sie waren bei einer Thüre angelangt, welche ein Wärter von innen geräuschlos öffnete und wieder schloß. Sie traten in einen hohen, hallenden Corridor.
Zerlinen war es seltsam zu Muthe. Schon der Anblick dieser Räume, die so viel menschliches Elend bergen sollten, machte ihr das Herz schwer. Ringsum herrschte eine tiefe, grabähnliche Stille, die nur von ihren und ihres Begleiters Schritten, welche im steingepflasterten Corridor laut wiederhallten, unterbrochen wurde. Um ihre Bangigkeit noch zu steigern, sprach der Graf ein gelehrtes Kauderwelsch, von dem sie kein Wort verstand. Nur das Eine meinte sie zu verstehen, daß er sie aufforderte, fleißig in Leichen herumzuwühlen.
Hu, der Gedanke an dies Schreckliche machte ihre Füßchen schwach bis zum Umfallen. Jetzt kroch wieder die Furcht wie ein Alp an sie heran und rief ihr alle die schrecklichen Geschichten, die ihr Mizi von der Gefährlichkeit, von der Tobsucht und der Raserei der Wahnsinnigen erzählt hatte, in's Gedächtniß zurück. Bald brachte jedoch die Sucht zu glänzen, welche Zerline als den Drang, sich auf die wahre Höhe der tragischen Kunst emporzuschwingen ansah, die Einflüsterungen der Furcht zum Schweigen. Ja sie wollte unerschrocken das Entsetzliche von Angesicht zu Angesicht schauen, sie wollte allen Gefahren trotzen, um dann durch ihren meisterhaft gespielten Wahnsinn alle Rivalinnen vor Neid wahnsinnig zu machen. Mit dem Panzer dieses menschenfreundlichen Wollens umgürtet betrat sie den Conversationssaal der Herrenabtheilung.
Sie sah neugierig und mit nicht geringem Herzklopfen umher. Dies war kein mit Eisengitter umgebener Käfig, wie die Schauermärchen Mizis die Räume einer Irrenanstalt schilderten, und auch die Personen, die sie da gewahrte, hatten keine Aehnlichkeit mit den gefürchteten Schreckbildern aufzuweisen. Etwa ein Dutzend Männer saßen auf Stühlen und studirten eifrig die Journale, Andere hatten sich um einen mit Nachdruck sprechenden Priester gruppirt und lauschten aufmerksam seinen Worten.
»Dies sind Patienten, mit Melancholie, mit Manie und mit Stupor behaftet,« erklärte der Graf dem vermeintlichen Arzt. »Wenn Sie den Reden der Patienten Aufmerksamkeit schenken wollen, dann werden Sie einsehen, wie wenig die äußerliche Anschauung die functionellen Störungen im Innern zu veranschaulichen vermag.«
Zerline nickte bestätigend mit dem Kopfe. Auf andere Weise wußte sie ihrem gelehrten Führer keine Antwort zu geben. Was begriff sie von functionellen Störungen und von Stupor und Manie? Bei ihren Anbetern hatte sie wohl stark ausgesprochene Symptome von Verwirrtheit und Imbecillität gesehen, aber es genügte ihr zu wissen, daß sie die Ursache und Veranlassung dieser Erscheinungen war, mit der Lehre von den Krankheiten und ihren verschiedenen Gattungen und Arten hatte sie sich nicht befaßt. Von dem gelehrten Unsinn des Grafen verstand sie eben nicht mehr als ihr Schooßhündchen Zara, wenn sie ihm eine ihrer Rollen vordeclamirte, sie athmete erleichtert auf, als der Graf sie zu einem Sitze führte und sich dann zu der Gruppe gesellte, die den Priester umgab.
»Die moderne Philosophie umnebelt den Kopf der rohen Masse,« sprach der Priester gerade, als der Graf herzutrat. »Sie demoralisirt das Volk durch die Zerstörung aller alten Einrichtungen, sie entwurzelt den Glauben an eine ewige, rächende und richtende Gottheit, an ein Jenseits, an eine Unsterblichkeit, sie führt die Herrschaft der rohen Materie ein, sie schmäht und verspottet die Zeit, in welcher die heilige Kirche die Teufel aus der Menschenbrust vertrieb. Wohin, frage ich, kann und soll dies führen, wenn nicht zur Herrschaft des Verbrechens und zur totalen Auflösung aller menschlichen und gesetzlichen Bande? Vermögen all' die subtilen Verstandestheorien der Apostel des Unglaubens, vermag all' ihr sophistischer Wortprunk den Glauben, dieses Himmelslicht, zu ersetzen? Wodurch wollt Ihr die Menschheit für das ihr geraubte Kleinod schadlos halten, für das göttliche Geschenk, das den Erdensohn im Glücke vor Uebermuth bewahrt und im Unglücke vor Verzweiflung schützt?«
Diese Worte waren an einen ältlichen Mann gerichtet, der dem Priester gegenüberstand und der leidenschaftlichen Rede desselben mit kalter Ruhe zuhörte.
»Durch das Bewußtsein, daß Moral und Sittlichkeit nicht erst der Ausfluß einer geoffenbarten Religion sein müssen, denken wir das Verlorene zu ersetzen,« erwiederte der Gefragte. »Wir wollen beweisen, daß nicht in den rohen, materiellen Gefühlen des Fürchtens und Hoffens auf Vergeltung der wahre, edle Kern der Moral liege, sondern daß er in der geistigen Veredlung, in der Entwicklung des Rechtsgefühls, in der Unabhängigkeit und in der Scheu vor jedem unredlichen Beginnen zu suchen und zu finden sei. Die Menschheit lebt, wie Euer Heiligkeit richtig bemerkten, in einem materiellen Zeitalter, in welchem Hypothesen nicht mehr genügen, die nüchterne Menschheit verlangt jetzt Axiome. Gebt ihr solche, und sie wird wieder ihre Knie vor der Kirche beugen und auch ihr Geist wird anbetend vor Euch niederfallen.«
Der Priester maß ihn mit finsteren Blicken und erwiederte dann mit grollender Stimme:
»Wo die Ueberzeugung, da ist kein Glaube mehr. Wie die Vernunft so vermessen wird, mit dem Secirmesser der kalten Berechnung den Glauben zergliedern zu wollen, da kehrt dieser zum göttlichen Spender zurück, und der ruchlose Anatom sucht ihn vergebens im zerfleischten Cadaver.«
»Der Befund im Cadaver muß der einzig richtige Leitfaden für den Forscher sein,« mischte sich nun Graf Roller in den Disput.
»Der denkende Mensch will keinen blinden Glauben, er will Wahrheit, und zur Wahrheit kann man nur durch Forschen und Wissen, nur durch Aufklärung gelangen,« behauptete ein Mann mit blassen, melancholischen Zügen. »Mag die Wahrheit noch so grauenvoll sein, der denkende Mensch wird sie immer der lieblichsten Selbsttäuschung vorziehen.«
»Die Corruption und all' das scheußliche Heer der Sünden hat Eure gepriesene Aufklärung der Menschheit gebracht,« schrie der Priester, dessen Augen jetzt wie zwei sprühende Feuerräder rollten. »Ihr bläht Euch mit der Vernunft, mit dem Wissen und bleibt doch bei jedem Schritt und Tritt vor unauflöslichen Problemen stehen. Mit frecher Stirn nennt Ihr sogar das Gehirn Erzeugungsorgan der Seele, trotzdem Euch nicht mehr als die äußere Anatomie der Form davon bekannt ist. Gesteht doch einer Eurer mächtigsten Herrscher auf dem Gebiete des Wissens, daß die Anatomie des inneren Baues des Gehirnes für immerdar ein mit sieben Siegeln geschlossenes und noch dazu in Hieroglyphen geschriebenes Buch ist.«
»Meine Herren, ruhig mögt Ihr nach Herzenslust plaudern, nur nicht das Blut erhitzen,« ermahnte ein Wärter.
Zerline war dem Disput mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Sie vermochte es kaum zu glauben, daß sie Pensionäre der Irrenanstalt reden hörte. Was ihr Interesse noch steigerte, war, daß sie in dem jungen, schönen Priester den Fastenprediger erkannte, dessen Reden sie stundenlang in lautloser Verzückung zu lauschen pflegte. Nach den rauschenden Freuden des Carnevals war es für sie eine gruselnde Wollust gewesen, von dem schönen Prediger die Pein, die der Sünder im Reiche Satans harrte, mit glühender Beredsamkeit schildern zu hören. Sie konnte das Auge von ihm nicht abwenden. Wenn er sprach, belebte sich das starre, bleiche Antlitz und sein dunkles Auge glühte und der Körper bebte und jede Muskel zuckte. Er war schön, der bleiche Priester, so schön, daß Zerline in seinem Anblick versunken den eigentlichen Zweck ihres Besuches in der Anstalt vergaß und den Grafen, der sie zum Weitergehen aufforderte, ersuchte, bis zur Beendigung des Disputes zu bleiben.
»Der Priester laborirt an jener chronischen Seelenstörung, die wir partielle Verrücktheit nennen,« flüsterte ihr der Graf zu. »Er ist im Wahne, der heilige Vater zu sein und schleudert als kirchliches Oberhaupt alle seine Blitze gegen die Pionniere der Aufklärung. Im steten Kampfe ist er mit diesem Patienten.« Er bezeichnete den ältlichen Mann, der dem Priester kampfbereit gegenüberstand. »Dieser, im Wahne der Zeitgeist zu sein, sucht seinerseits jedes Bollwerk gegen Forschung und Wissen darniederzureißen und steht dem Fanatiker feindlich gegenüber.«
Die Irren hatten ihren Wortkampf wieder aufgenommen.
»Die Wissenschaft gesteht mit ehrlicher Offenheit ihre Ohnmacht, manches Problem zu lösen, und fordert dadurch die Menschheit zu noch angestrengterem Forschen auf,« sprach der Widersacher des Priesters mit leidenschaftsloser Ruhe.
»Die Forschung ist die Pforte zur Wahrheit und das Wissen ist ihr Tempel,« ließ sich der Irre mit den bleichen, melancholischen Zügen wieder vernehmen. »Das leuchtende Antlitz dieser Gottheit verschmäht den Schleier der Mystik, ihre majestätische Gestalt umwallen keine Prunkgewänder; sie lockt nicht mit Lohn und droht nicht mit Strafe. Ernst und leidenschaftslos thront sie auf ihrem erhabenen Sitz und ist jedem Menschenkinde zugänglich. Wer ihr Antlitz schauen will, darf nicht blind glauben, der muß nur forschen, denn Zweifel sind die Stufen, die zur Wahrheit führen.«
»Bairisch Bier und Leberwurst Juchheidi, juchheida, Und ein Kind mit runder Brust, Juchheidi, heida, Und ein Glas Krambambuli, Donnerwetter Parapluie, Juchheidi, heidi, juchheidi, juchheida, Juchheidi, heidi, heida, juchheidi, heida!«
krächzte ein Irrer, dessen rubinrothe Nase ihn als Verehrer des Bacchus kennzeichnete. »Schweig', Ritter von der breiten Krämpe, oder lasse Bacchus leben!« rief er dem Priester zu.
»Vivat Bacchus, Bacchus lebe, Bacchus war ein braver Mann.«
»=Delirium tremens=,« flüsterte jetzt der Graf dem Fräulein Doctor zu, welches nur Auge und Ohr für den schönen Fastenprediger hatte.
Der Eiferer ließ sich durch die triviale Unterbrechung des Säufers in seinem Dispute nicht stören und erwiederte dem Wahrheitssucher mit schneidendem Hohngelächter: »Sprecht nur den göttlichen Gesetzen Hohn, entsagt schamlos der Menschenwürde und pflanzt nur die Vernunft als Glaubensfahne auf. Die gepriesene Vernunft wird Euch zur Wahrheit führen, die Vernunft, welche der aufgeklärten Menschheit zur ehrenvollen Verwandtschaft mit dem Kletterthier verholfen hat. Und du, ihr Apostel, wohin hat dich deine Forschung geführt? Die Wahrheit hast du gesucht und das Irrenhaus hast du gefunden.«
Ein Blick unsäglicher Verachtung aus dem Auge des Wahrheitssuchers fiel auf den Zeloten. Er wollte antworten, als ein Mann von finsterem Aussehen das Wort ergriff.
»Ich behaupte, daß, wenn die Herren Affen nur die Macht des Wortes besäßen, sie gegen die noble Verwandtschaft mit dem Menschen energisch protestiren würden,« versicherte der Sprecher mit großer Bestimmtheit. »Die Herren Affen leben ruhig und friedlich in ihrem primitiven Zustande nur der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse, die Herren Affen sind von allen Krebsschäden, die an der menschlichen Gesellschaft fressen, unberührt. Hochmuth, Eigendünkel, Herrschsucht, Selbstsucht, Scheinheiligkeit, Verleumdung, Verlogenheit, Heuchelei, Falschheit, Treulosigkeit und wie sonst noch das Heer menschlicher Leidenschaften heißen mag, nisten vorzüglich in der Menschenbrust. Jetzt frägt es sich --«
»Ja, alle diese Leidenschaften nisten im Herzen des Weibes,« unterbrach ihn Graf Roller in sichtlicher Aufregung. »Fand ich doch alle diese geflügelten Ungeheuer im Herzen der Falschen.« Hier brach er ab und zuckte schmerzhaft zusammen.
Zerline hatte nur Augen für den schönen Priester, dessen Geist trotz des logischen Zusammenhanges seiner Rede in der Macht des Wahnsinns sein sollte. Wenn dies Wahnsinn war, frug sie sich, was war gesunder Sinn zu nennen? Alle, die ihr zu Füßen lagen, besaßen nicht das Wissen und nicht die Beredsamkeit dieser Unglücklichen, die von der Außenwelt abgeschlossen hier ihr trauriges Dasein verbrachten.
»Die wahre Pest unserer unseligen Zeit seid Ihr, die Häupter der tückischen Bande, die sich die Organe der öffentlichen Meinung nennen,« wendete sich der Eiferer wieder an einen Mann, der in ein Journal vertieft zu sein schien. »Ihr reißt die Welt aus den Fugen und verläugnet und kreuzigt mit Eurer ruchlosen Aufklärung die heilige Religion.«
»Die Aufklärung verläugnet nicht die Religion,« entgegnete der Angeredete die Achsel zuckend. »Die Aufklärung will nur nicht diese Religion, wie manche Priester sie geben. Wahre Religion begehrt weder Demuth noch knechtische Furcht, sie verlangt Selbstständigkeit und inneres Durchdrungensein von ihrer Wahrheit, sie will nicht mit Zittern und Zagen, sie will nur mit Liebe umfaßt sein.«