Frauen

Part 9

Chapter 93,993 wordsPublic domain

Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer Etüde. Wir gehen die Treppe langsam und majestätisch hinunter in den Park.

Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.

Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln bereit?

Fest in Borgeby.

Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwärme schreiender Raben in der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschönem Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf und ab durch den Apfelgarten, wo manches noch blüht.

Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand über dem Rasen: »Du kalter Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.«

Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys jahrhundertalten Apfelgarten, die Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das mich beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.

Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. »Zeigt den Wandervögeln das Schloß«, ruft Cederström von der Mauer. »Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für alle Schlösser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.« Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des Tags glüht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederström bringen sie aus, dann schauen sie in die Höhe.

Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr schön.

Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fühle den Sturm in mir wie Reinigung, »Skål« rufe ich, »Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die ozeanische Luft«.

Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.

Nun fällt der Tanz.

Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer Sanftheit erfüllten Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens mitten durch die Ebene der Nacht.

Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der Päan, der Sturm am Klavier: nun tanzt Ernst Cederström allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer . . . er macht eine große Wendung, er springt durch das Fenster, er grüßt herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster, wir folgen alle, wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm im Sprung heruntergebracht.

Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederström, sie gehen mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewölbe.

Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich mit einem zärtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter Windmühlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die Ostsee.

Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns sagen, ich weiß, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie es hört:

»Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so träumerisch. Ein Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Körper Musik kommt. Meine siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind schon viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.«

Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tüchtig getrunken, vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzückung, ich steige alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian, damit er sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und ziehe ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.

Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:

»Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström. Strandvägen, leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weißnacht, das granitne Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln. Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie ein Hund in deinem Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem Fenster. Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies ist alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.«

Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederström.

Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den Gebäuden des Generalpächters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim Konzert am Mittag um einen Tisch.

Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen geben, sie ist meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer tiefer, man hat ein großes Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.

Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es ist nicht richtig, daß ich ihr zutrinke, ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.

Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schönes, festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer, im Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.

Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte einmal versuchen wollen, eine Bremse in die europäische Politik zu legen, ich hätte sie fest in der Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert wie eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes zurück.

Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: »Baron, Sie fallen von der Stange«, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich hämisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.

Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.

Polonäse.

Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein umgibt uns durch den Park über den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar auf.

Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich höre einmal, es schlägt vier Uhr, aber es schlägt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was gehen mich die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.

In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe kommt mit Gartenduft und Rosa aus den Büschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend danach die flaumenweiche Morgenluft.

Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlägt die Schleifen: Der Diener Cederströms.

Er meldet die Equipage.

Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch einmal die Equipage.

Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.

Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne im Morgen, dunkelgrüne Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gäule scharren. Immer noch Krähenschlacht über den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine Luft.

Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:

»Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne, sie zischen um Borgeby«, sage ich. »Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.«

Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:

»Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben, welches Leben, Baron.«

Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um uns getaut.

Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.

Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.

Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind noch recht betrunken, es legt sich langsam, während das Schiff schon fährt.

* * *

Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das Schiff führt mitten in den Wind hinein, ich glaube, daß das uns kühlt.

Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt immer mehr, ein Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Küsten, der Horizont wölbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein Knauf.

Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger surrt nach ihm, wir gehen frühstücken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir sind aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es hat einen anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann so rasch nicht enden.

Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.

Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht ins Wasser, wo ist unser früher Sommer mit einem Male? Es wird stürmisch und spritzt herauf bis zur Takelung.

In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und der Mondbewegung über Borgeby vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist zu kalt, es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne und beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den Schwänen und dem skånischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in die Schloßen.

Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström bleibt zurück, er schaut wie ein Vieh und will in die Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig schlafen oder speien, er kann tun, was er will.

Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe die Kämme der Wogen an, sehe die Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm. Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die weiße Krone aufbricht, die sich heraufschmeißt.

Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe oben nur manchmal das Auge des Kapitäns, es ist grau und ironisch.

Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu, ich fühle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das Schiff nicht abkippt.

Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen einen Bündel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er sich mächtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.

In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rügens stehen vor uns, sie stehen so dicht und weiß, daß sie zuerst blenden; als ich die Augen wieder öffne, schreit jemand:

»Die Grenze.«

Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter Mittag taucht mit Rügen auf, ich zünde eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.

Plötzlich reißt es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich will die Hände irgendwohin pressen, ich weiß nicht wohin.

Da macht sich der Mund auf, weit.

Ich schreie.

Ich sehe in dem Schrei.

Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze kommt näher, die Grenze lockt und schlingt. Ich suche Cederström, wo bist du, mein Bruder? Ich kann nichts mehr sehen, verhängnisvoller Irrtum mein Bruder Cederström, ich habe umsonst gelebt.

Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Geländer, meine Lippe hängt herunter, ich starre auf das Meer.

Aus dem Meer wächst immer das eine, ich kann es nicht ansehen, es tötet mich, ich reiße die Augen gierig trotzdem danach, ich kann ja nicht anders, o wie ich verblute.

Aus dem Meer wächst Särö, die Obstbäume schmettern das Blühen gegen den Basalt, zur Terrasse des Schlosses schreien von der Klippe Kinder: »Mur«. Die Frau erhebt sich, sie winkt, ich spüre jede Linie, ich rieche ihren Geruch, ich empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich weiß ihren Vornamen nicht, immer noch nicht.

Meine Hände gleiten herunter, ich habe keine Macht mehr über den Körper. Ich laufe weg, ich suche Cederström. Ich finde die Kabine nicht, ich weiß gar nicht, wohin er sich zurückzog, ich gehe auf Verdeck hin und her, immer allein, niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede immerzu. Ich sehe das Meer nicht, was soll ich das Meer beschauen?

Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Engländer, die Golf spielen, es gibt keine andere Welt, in der ich lebe. In Segelyachten liegen weißgekleidete Männer, das Blau der Nordsee wiegt die weiße stählerne Melodie der Blüten.

»Ich will nicht wissen, daß Ihre Bürger Elende sind wie alle, schöne Frau,« sage ich lächelnd, jetzt verstehe ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit einem großen Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich mächtig und wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht mir, was habe ich von dem allem, die Grenze liegt vor mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn gebeugt.

Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.

Wie liebte ich diese Frau und wußte es nicht.

Die Grenze rückt näher, ich kann mich nicht bewegen, am Reeling steht ganz unten am Heck Cederström. Ich bin ganz schwach, ich kann mich nicht bewegen, ich schaue nur immer hin, ob er mich höre, ich stammele: keine Hilfe von dir, mein Bruder?, nimm meinen Paß, Cederström, laß mir den deinen, laß mir die Rückkehr.

Ich muß nach Bohuslän, ich kann dir nicht sagen, warum dies so plötzlich, es geht um mein Leben.

Du kommst mit meinem Paß auch nach Deutschland, du bekommst einen anderen auf Eurer Gesandtschaft, aber ich, aber ich komme so zurück nach Schweden, hör mich, mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.

Ich hatte Siv, Cederström, ich sagte es dir heute nacht, ich liebte Ebba, welche Masken machte mein Herz, um sich zu verbergen, wie durchschaue ich alles, es ist zu spät. Ich hatte noch eine Frau, ich hätte es nie gesagt, ich sage es in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederström, ich bin heute ehrlich wie nie, ich will sie nicht nennen, dies alles ist nichts, ist ohne Bedeutung, aber dies alles hat mich zugedeckt, ich kannte mich nicht.

Ich kam lächelnd nach Särö, mein Bruder, ich saß einen Tag vor dem marmornen Lächeln, ich sah nicht die Tragik, und jetzt kommt sie aus mir gebrochen, nun kommt sie wie ein Tiger, nun schlägt sie mich entzwei.

O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst, Ernst Cederström, die tödlichen Grüße beim Abschied in Särö, ich sah sie nicht, es ist zu spät jetzt.

Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht gewußt . . . . . .

Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederström nicht mehr, vielleicht hat er nie am Geländer gestanden, wie kann ich das jetzt unterscheiden, es schiebt sich zuviel ineinander.

Die Sonne fängt an zu scheinen. Ich gehe immer, auf ab, auf ab. Die Sonne brennt, da ist wieder Sommer und Silber, das Meer beginnt zu riechen.

Ich ringe die Hände.

Es kommen Passagiere. Die Grenze rückt näher, ich bin am Zerspringen, im Hals ist eine Starre, hätte ich nur wenigstens Atem.

Die Adern der Augen tun mir so weh, daß ich zu weinen beginne, ohne daß ich es will.

Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was mich so klar macht, ich schaue mich um, ich sehe nur neugierige Gesichter, ich schere mich gar nicht darum, ich schwebe, ich bin so selig, ich weiß nicht, warum.

Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.

Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe, es beängstigt mich nicht mehr, es hat sich frei gemacht, ich habe keinen Spiegel, ich kann es nicht sehen, aber ich weiß es, ich fühle es, es ist da.

Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das mich zu Ehrgeiz trieb, zu Erfolg gepeitscht hat, es wird verschwinden, es wird das neue nicht mehr besiegen, eine Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich, mein Himmel, aber ich bin kaput.

Doch bin ich fröhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt, ich bin nun eins seit Wochen zum ersten Male, ich bin eins (aber schaut nicht auf das, was blieb).

Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen heiß griff, immer war mir, ich möchte lieber rücklings in Wiesen liegen gleichzeitig und Wolken wandern sehen mit ihren schönen fliegenden Schatten. Ich spüre das genau, ich habe das immer empfunden, in jedem Tag der Geschäfte, im Traum, im Schlaf.

Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht mehr mit mir im Streit sein, aber mußte ich es so bezahlen, ist es zuviel nicht, was mich das kostet?

Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe ich geopfert? Ich habe mich selbst zur Strecke gebracht. Ich sehe mich um.

Wie bitter ist mir unter den Menschen.

Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich recke die Schultern zurecht, ich streiche die locker gewordenen Haare nach hinten zurecht, ich setze das Bein, daß die Hose gut gekantet darum schwingt.

Ich lächle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt, ich verlor nur ein wenig die Balance, es sollte auch das nicht sein.

Ich lächle vor mich hin, ich werde in keine Wüste gehen, ich habe mich nicht verändert, ich fahre mit Aufträgen zum Balkan, ich führe sie aus. Ich werde mich keinen Folgerungen entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele verständig, nur meine Einstellung, nur mein Herz war falsch gerichtet, das konnte ich nicht wissen, ich konnte es nicht ändern, das änderte sich gar sehr von selbst.

Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein Leben vorüber, wie leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum ich mich so sehr bemüht, ich liebte Gefahren, war anständig, auch ohne mich innerlich darum zu mühen.

Wie sehr bin ich gedemütigt. Wie eitel und gering stürzt das meiste von früher.

Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts verdüstert, der alles wundervoll erhellt. Wie weniges hat heute mehr Macht über mich.

Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen sind zum Greifen, da werde ich noch einmal schwach.

Ich sehe Cederström nun deutlich, er ist es wahrhaftig, ich gehe zuerst langsam, dann stürze ich auf ihn zu, ich falle auf die Knie am Verdeck vor allen Passagieren:

»Dein Paß, Cederström, Dein Paß, mein Bruder.«

Ich sehe auf, mein Bruder Cederström wankt, ich sehe sein Auge, er ist betrunken, er erkennt mich kaum. Ich lächle wieder. So soll es sein.

Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann man denken, ein Mißfall war es. Ich werde nicht mehr schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der Orangenschale ausgeglitscht.

Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es auf mich, wer sieht es mir an?

Ich zahle alles damit ab.

Ich büße jeden Tau, der mich in Barsebäck erfreute. Ich büße die Vögel, die mir eine Lust sind zu hören. Ich büße meine graden Glieder. Und daß, wenn Menschen in meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll war. Ich büße alle Tage mit Frauen und meine schönen Jugendjahre. Auch daß ich gläubig bin im Grunde und ungern unrecht tat. Ich büße mich selbst, wer kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich gutes Honorar.

Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn ich mich besinne, die ich zahle, es gibt so vieles, was ich alles büßen kann.

O Gott, wie vieles muß ich heute über mich denken, ich bin es nicht gewohnt, ein Stein ist in mich gefallen, ich kann es kaum ertragen, was sich anschwemmt an den Ufern. Ich fasse an die Schläfe, ich ertrage es kaum.

Ich schüttle Cederström, führe ihn bis ans Heck, setze ihn neben mich auf die Bank und halte ihn gerade. Ich schreie ihm ins Ohr:

»Habe ich keine Zähne mehr, Hochstapler, haarlos, kein Geld, keine Frauen, verrecke irgendwo, o wie denke ich, glaub mir, verdammt, wie denke ich: waren diese Tage blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel im Mittag drin, Sivs Schultern, welch hinreißend schöner Gedanke in solcher Aufmachung gedacht, lache nicht, Cederström: die Pomade ihres Haares.

Wenn ich sterbe aber, Cederström, gibt es nur einen Gedanken von heut ab: wie habe ich diese Frau geliebt und wußte es nicht.«

Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm. Ich kann Cederström nicht halten, er hat verglaste Augen, er ist betrunken wie ein Norweger, er stammelt: »Pomade«; er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.

Ich lasse ihn fallen, er fällt auf die Rolle, er schlägt sich den Kopf auf, ich kann es nicht ändern, ich schaue immer nach dem Meer.

Ich fange aber plötzlich an, atemlos zu laufen.

Der Kapitän kommandiert laut auf seinem Steg, Matrosen huschen barfuß mit Seilen und Tauen. Die Pfähle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben Gegendampf und drehen uns.

Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst den österreichischen Offizier erkenne ich mit dem schiefen Cäppi. Ich höre die Fahne über mir knattern im Gegenwind. Nun tuten alle Hörner, die Ventile öffnen sich, das Schiff knirscht und stöhnt.

Ich komme über Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere beiseite. Ich sehe Cederström fest wie einen Schlafwandler auf den Ausgang zugehen, renne vorbei.

Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich schließe den gelben Koffer auf, reiße die Sachen auseinander, erwische einen Schuhsack, Baron Uxkulls Diener hat ihn gut gepackt, der Schuh fällt heraus, ich achte es nicht. Ich schließe zu, ich hebe mich schwerfällig am Geländer.

Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand, ich reiße die Nähte auf, ich hebe mich breit in der Höhe, ich winke zweimal mit frischen Rufen, immer in die Luft.

Dann führe ich das Tuch über mein Gesicht, mein Gesicht formt sich hinein. Mein Herz klopft mir aus dem Tuch in mein Gesicht.

Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Küste.

Frauen

Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Küste verödet. Man hat die Nebel zwischen sich und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.

Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das Meer gegen den Himmel spannt, mit unaufhörlicher glücklicher Monotonie. Die Dunkelheit des Herbstes hat sich gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und in den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt. Die Sicherheit, jenseits der Eitelkeit, der Siege, Wunden, Triumphe, all des Geschichteten, Reibenden, all der Unrast der Menschen, verfallen zu sein einer Traurigkeit, die man grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen unbeschreiblichen Glanz der Melancholie entfacht.

Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf vor den Mond wie eine Armee. Das Meer blinkt ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dünen haben den Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit dem Reichtum einer dunklen Melodie davon. Das ist, wie man lebt, den Kopf in den Händen.

Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem weißen Grey Lad. Man birgt die Augen in der Einsamkeit. Man kapituliert nicht in der schmerzlich dampfenden Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen des Windes hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont getrieben. Die Nacht hat sich mit einem verhaltenen Ton dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an das Fenster geschmiegt. Das herbstliche Klirren der Brandung dämpft das erlöschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die leer machen und verzehren.

Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild steigt über die schrägen Gläser der Türen und, hinaustretend, überfällt ihr Wesen einem, wie ein Nebel durchdringt sie das Blut, unerschöpflich. Es saugt einem voll, grenzenlos, wie einen Schwamm voll ihrer Gegenwart. Das Meer ist blaß geworden. Die Dünen zittern flötenhaft erregt: man geht von neuem aus der Einsamkeit hinaus.