Frauen

Part 8

Chapter 83,894 wordsPublic domain

Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber sie kommt, Siv, sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das Auto, das auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der Stockholm überfliegt, das silberne Tuten des Fischerhorns nahe Norrström . . . deine Haut selbst, die atmet -- -- -- alles, besinnungslos dasselbe.

Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.«

Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden, wenn Siv so lange schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.

Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland . . . Småland mit Wäldern . . . Skåne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft war einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder als Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die Parks gefahren, wie ist das eine so gleichgültig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in einen Hauch, kaum Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergründlicher Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen Blässe schon unbedingter dann hinübergewandelt und zum Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis zur letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene unergründlichen Pas tanzend, die unvergeßlich betäuben.

Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen voll betrunkener Studenten. Ich drücke im Hotelzimmer gegen die Seitentür, sechs Koffer fallen um, ich lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett springt, er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei, die kleinen überlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein esthnischer Diener macht Tee, wir trinken ihn mit Himbeer.

Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem gläsernen Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich lange, mich zu entschuldigen um die Störung, um das Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge bedürfen eines Eingehens heute.

Ich ziehe mich langsam zurück.

Fahre in der Frühe nach Barsebäck.

* * *

Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe Stunde vom Hafen Barsebäckham und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne bei Jöns Holgerson.

Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich weiß nicht, warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine größte Sehnsucht gelungen ist. Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der Tiefe und ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und reif ist es. Ich fürchte mich vor mir.

Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut steigt. Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.

Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre Ölhosen an, er hupft auf einem Bein vor Vergnügen und schlägt die Faust auf die flache Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die Ruder.

In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich, ihn zu trösten wegen der Frau, allein er grübelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den Grund. Jöns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die Wurzeln der Ereignisse.

In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld nachts. Er weiß dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen bürdet ihn schwer, er schüttelt den Kopf.

Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns nach rückwärts und winden die Garne auf.

Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen schlagen. Der stille abseitige Strand wird plötzlich in Licht getaucht, ein Horn tutet dreimal leis herüber.

Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknüppelt mit Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen abziehenden Wagen.

Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der Bote herauf mit meiner Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die Zahlen 3 -- 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.

Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschüchtert. Gut. Dies war umsonst.

Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich weiß, auf diese Weise kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie, Überzeugungskünste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen, auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir müssen uns finden, es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind dumm und klein.

Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach Karelen via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr, seit und solang in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale dieses Landes gedrillt wird.

Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem Tag von Marstrand, sein eines Leben löste sich mit einer arithmetischen Präzision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.

Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, daß man mich nicht ausweist, daß man mir aber ein Agrément verweigern wird in Zukunft, Schweden wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.

Das ist der Schluß.

Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles schlägt mich nicht, das macht mich nur fester.

Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund herübergekommen ist. Er fährt dann weiter nach Christiania durch die Schären. Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und zuverlässig, ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.

Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström hinter Bjerred her, wir singen mit den Mücken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth, Kallskol, Punsch.

Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, »fahren Sie wohl«, sage ich und drehe mich in die Bläue, ich drehe mich tief in die Bläue und vergesse zu singen, er stößt mir in die Rippen.

Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den Atem und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.

Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlängelnden Welle nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht stürmisch, ich liebe es nur.

Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf Dunkelblau, Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett schraffiert, gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.

Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie die Muscheln gemacht, oval und handgroß. Nehme ich sie heraus, erlöschen sie. Ich lerne sehr bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch das Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien ist ein fabelhaftes Geglänz.

Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal Abend. Wie liebe ich die Steine, wie beschäftige ich mich lange und heftig mit ihnen.

Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurück, während ich noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fällt die Dämmerung herunter, es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal rufen, so allein ist es.

Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno Adelkranz legt Dämme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen und Brombeer. Ich schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine Hand ist weniger braun wie die meine.

Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer. Ich fange an zu blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es ist der Kuckucksruf.

Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich später langsam an, vom Meer am besten her, da glänzt der Baum wie ein Signal, wenn die Blätter sich drehen von der Brise und die zinnweißen Unterseiten wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie Überreste herunter und schnattert bösartig, sie liebt mich nicht.

Ich fahre langsam wieder hinaus.

Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt vom Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer und Esse arbeiten ließ. Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie hatten einen Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson zu strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es erzählt.

Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe dreimal gemolken hat, wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor Wut.

Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: »Sakramentskade fan«. Sofort sinkt sie wieder zusammen, hört auf zu fluchen, steckt die Hand in den Mund vor Schreck.

Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen Blumenstock herüber: »Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne . . . .«

Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und ich, wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde an.

Wir wechseln kein Wort.

Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt. Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut und das Riedgras.

Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.

Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.

An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt, ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem Verständnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht von den Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.

Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.

Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache sein Leben mir zu eigen, ich erlebe _sein_ Leben:

Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag, ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie nicht immer.

Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus im Mund und schreit: »Hast du ein Streichholz, John?«

Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.

Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer, fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.

Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh, und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: »Y tu compagnero?«

Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an: »Verrückt.« Ich gehe weiter.

Ich liebe es so -- -- --

Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm alles sagen von ihm.

Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.

Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich übersehe.

Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und den Kräutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit Eidechsen und Grillen.

Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen, laure ich stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch Rundung und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn die Zangen einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe ihn ermatten und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und zersäbelt.

Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam, ich gehöre dazu.

Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern umringten Gütern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was kümmert es mich.

Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich öffnen, wie sie sich schließen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen die giftigen Rückenflossen aus der Flut heben.

Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.

Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der Abreise nach Abo mich überfallen. Sie kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.

Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine Pause, kein Halt in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in den Fjorden, wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.

Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit, ich muß zum Balkan, sofort, ich weiß nicht warum.

Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die anderen, er ist aus Blau und Grün und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach Barsebäcksaltsjöbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström, er ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten Morgen.

Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln, eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken draußen mit Adelkranz und Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der weißesten Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit läuten, sind wir schon tief im Gesang.

Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. »Es lebe Mannerheim, es lebe . . . der General Mannerheim,« rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den Namen nicht.

Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht halten vor Lachen. Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fällt Holgerson und zerreißt im Wasser Adelkranz' Netz.

Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter die Küste, indem wir die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen, wir üben uns ein und kommen in einen schönen Takt.

Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol zu trinken und spannen sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebäckby, Cederström liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter uns her.

Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.

Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber ich suche es auszugleichen, Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das wir hereinkamen.

Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am Horn und führt uns an die Hintertreppe des Schlosses.

Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr viel, stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder Cederströms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir sind nicht sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es spüren oder fürchten, es sähe jemand, das ist unmöglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.

Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung, wir treten ans Fenster, da rückt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.

Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen tiefe Verbeugungen, erschöpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.

»God dag,« rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurück, hole ein Schallrohr und rufe, während sie die große Freitreppe heraufsteigen: »Välkommen.« Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie in meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut, daß ich in Borgeby bin, aber wer weiß, vielleicht bin ich doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam, grüße ihn nochmals.

Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt sich vor Lachen im Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf die Schultern, »Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,« sage ich ihm.

Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er beginnt auf der Treppe zu erzählen, wir bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich über einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche Verwechselung und am Schluß der Geschichte saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot, es war nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde darüber auf der Treppe und bückten uns vor Vergnügen, und Cederströms Diener bückten sich mit.

Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich weiß genau, daß ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:

»God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu sein, ich grüße Sie ehrfurchtsvoll.«

»Välkommen i Borgeby.«

Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: »Auf solchem Schloß zu wohnen, welches Glück, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, ließ er Erde erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht Dänen einmal davor, steckten Schwänze der Sperlinge an, setzten zwei Flügel in Brand . . . ,« wir können nicht mehr lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr hungrig geworden.

Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist auf den Tisch in der Ecke.

Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und lächle: der beste Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf Büchsen Fische, verschieden gewürzt, Krabben, gebackene Wurst, Krebsschwänze in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge Krähen als Ragout, gebackene Klops, geräucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate, kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin zu Tisch.

Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms Nichte, wie ein Tautropfen zart, ich grüße sie.

Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederström hält vier Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Märchen von Andersen herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher, warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.

Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und ich ihn unterbrechen, nun redet er von den abgeschnittenen Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.

»Sie müssen,« sage ich, »Baron, Sie müssen Ihren esthnischen Diener, der uns im Hotel den Himbeer in den Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack zu nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt mir ein unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schöne Frau schenkte es mir in Bohuslän.«

Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brüderschaft mit Cederström.

»Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström, denn du liebst das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.«

Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer längere Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem Cederströmschen Silber.

Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden Gläsern, wir sind bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.

Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an ihm ist, aus Schweigen und Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.

Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström träumt. Ich denke an Angermanland, mir fällt ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den glühenden Mond, kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fällt sehr viel ein, ich denke nicht daran, daß ich nicht mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich überschlage es rasch, warum daran denken.

Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.

Chopin schwingt ab.

Eine Pause, ein Diener läuft.

Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flüstert uns zu. Die Saaltüren öffnen sich weit, die Pächter Cederströms erscheinen mit dem Pfarrer, schlanke Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und ihre Frauen sind blond, anständig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu Zwanzig in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.

Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.

Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den Spieler, sagt ihm den Dank, er hält uns für einen deutschen Zirkus und spricht mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um ihn nicht zu kränken.

Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die Blumen dem Generalpächter, der Geburtstag hat.

Wieder Konzert.

Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer träumerischen Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt ihre Tönung.

Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man tut sie in die Seitenflügel, man zeige ihnen später das Schloß.