Frauen

Part 7

Chapter 73,677 wordsPublic domain

»Ich diniere voll Vergnügen«, sagt Almqvist. »Ich ziehe es vor, Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern, feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen, sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom. Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, während bei den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren, auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen, die, statt groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet, sie kaprizierten sich weniger auf »Werben«, »Sicherringenlassen«, auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden. In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös, nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie dabei die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert, Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch, Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen durchs Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie Zigaretten an und gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika, Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles, Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und immer Getös, man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch reinlicher erhält das Gemüt.«

»Dinieren Sie,« sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!

»Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh, ovale Köpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von dünnem Stahl. Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe Ereignisse mit ihnen erreicht, daß man bis an die Mondhügel und die Milchstraße schwebt, verzückt. Doch das ist Züchtung, man erreicht es nur im auserwählten Fall, meine Herren, das Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck zwischen Sentimentalität und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte. Ein fatales Souper an der Spree, ein nur durch südlichen Himmel gemildertes in München. Nur Düsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner, französischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen die Soßen nicht zu präparieren, es klebt aus Wasser und Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht aufzuduften herrlich zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche, Roquefort, Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, daß die pikanten Entremets fehlen. Das Souper ist ohne Würze. International leider als Kapitalanlage verwandt. Da von Genuß nicht die Rede mehr ist, geht bei der Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphäre auch jedem, selbst übelsten Ansinnen offen. Dies Essen allein verläßt jeder ohne Dank, ohne Erinnerungshauch, der köstlich noch nachschwebt aus der Morgenröte, dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst den Japanerinnen, die quälen, nicht passiert. Auf dem Düngerhaufen der Welt modert dies Überbleibsel, getreten in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh, heiser, in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder steigert das Mütterliche hingegen sich zu Güte und Brille. Man steht erschrocken vor Sympathien, die einem unerträglich sind. Auch gibt's spielerische Abarten, Blutmischung von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht flüsternd um die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein Kampf immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen, Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus Luft. Besonders aus dem Österreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt, riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht, aber sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu langweilen, Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht Straußeneier, weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie selten und dazu sehr gut«.

»Dinieren Sie,« sagte der Engländer.

»Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur Tafel«, er zog die Engländerin herüber, spielte mit ihrem Haar und übersah den Rufer. »Heißt das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist jüdisch, wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das bürgerliche Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale. Heißt's aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien über Saloniki, ist schmal, hat kein Ghetto gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das Höchste, was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten Grazie serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als unsere Vorfahren in Pelz und Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige Gelehrte und Künstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird immer wieder zu den Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen, den Intellektuellen der Freude. Erotische der Ideen, Glühende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfältig, fast primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich für einen töten zu lassen, Adel und Ausschweifung, Königin und Dirnengeschwätz, dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte -- -- das fließt fabelhaft ineinander, man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig entdeckt, man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer sie aber erfahren hat, läßt nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr Trieb ist, Freiheit geben überallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man schlägt das Auto, etwas betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren ruft sie »Säufer, du Protz«, man steht eine halbe Stunde auf der Straße, beschließt, irgendwie anders nun von dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr, sagt ihr's, und findet keinen Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr anzeigt. Es soll sogar, so vielfältig ist der Typ geschichtet, chinesische und negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde, ovale, Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische Formung, überweiße Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen Ragouts bis zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien wird uns als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des Jericho und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstraße und Silberhimmel sind in ihrer Neigung zusammen, es betäubt und man ist immer wieder da zu Hause. Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich nicht mit den Suppen, man will endlich einmal über die Hors d'oevres hinaus, zu Forelle und Fleisch. Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika, portugiesische Sardellen, Anchovis als Würze, persische Pflaumen, Pfirsich und Brüsseler Trauben als Früchte dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie auf Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines Potpourri von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer nach Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber die palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.«

»Dinieren Sie. Dinieren Sie,« schrie der Engländer.

Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: »Ich vergaß die Gemüse Ihrer Insel, ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke nicht außer acht zu lassen.«

Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden ausgewichen.

In der Dämmerung lief er drei Sätze.

Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich leewärts an das Geländer, sie sprangen beide hinein.

Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am Geländer fiel der Engländer stumm um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac . . tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der Verwirrung der anderen zurück.

Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke fielen dauernd über die Granitfelsen der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich saß stundenlang am Fenster, wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz hingehen, die Düfte immer stärker auf der schweigenden Insel nach oben sich wölben, die Uhren fielen schwer und flaumig in die dichte Stille.

Um zwei Uhr kam Krassin.

Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant nach seiner Unterredung mit den türkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen, betäubt, in einen hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt. Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ die Kopie zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt, unterschrieben, wie das Original.

Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinüber, las es, ging zu Bett, schlief ein.

Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen der Küste und der Insel, er hatte sogar die Möglichkeit, sich mit der Engländerin zu unterhalten, »Englishman?« frug sie mißtrauisch, die Hand in Almqvists Genick.

»Allright.«

Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah ihm ins Gesicht. »By Jove,« sie erschrak zu Tode über das Affengesicht.

»Hallo cap, hallo cap,« murmelte der Franzose und stierte ins Wasser. Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzählte ihm, als es ganz hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um Entschuldigung, indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden am Land noch durch eine Ruderwelle bespritzten.

Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Fälschung stark schon in Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natürlich auf Almqvist.

Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen, von der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tür war verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging zurück.

Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit über meine Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und gejagt.

Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur Gelächter. Das Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Außenposten seiner Politik im Wind lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren nach London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate das wichtigste Papier, hielt es in der Hand.

Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein. Schicksale, Menschen, Entscheidungen wölbten sich aus ihm heraus, das Papier ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden Wochen. Meine Handlung!

Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl, entschlossen bin ich. Ich schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des Momentes schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen Menschen.

Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg. Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schluß.

Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von mir aus empfand und beschloß. Die Einstellung war zu klein. Ich schämte mich trotz dem Stolz, der mich füllte. Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den Schweinen der Spionagezentrale.

Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.

Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht hinfällig, klein und dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der Zweifel fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht um.

Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine Klugheit und Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine andere tragische Macht als die helle Sicherheit meiner kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen und ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.

Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.

Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.

Er war nicht mehr da.

Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.

Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: »Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.« Die Gläser stoßen an. Er macht mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln. Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat den Brief.

Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.

Ich habe es dreimal.

Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.

Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich über alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig in ihr bin.

Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein bewundert, während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. »Willst du Rolf sehen im Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik.« Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was auf sie paßt.

Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt, nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt, einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.

Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie Siv?

Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.

Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die Unwahrheit: »Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen, Siv . . . inte . . . inte . . . .«

Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen plissierten Hosen und dünnem Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der Straße hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende Wasser.

Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal: »Mittags sprach Per Geyer vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner Expedition. In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv, die Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest lachen. Im Schlafwagen fuhr ein Engländer mit mir, ein alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren beide aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö. Ich weiß ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare riechen, Siv.«

Ich schließe die Jalousie.

Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in mir spüre, irgendwie über diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinüberhebe in die weißen, dämmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe alles vorüberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.

Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre großen Beine glänzen. Sterne überall über Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre Kungsträdgården brausen.

Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel nicht erschüttert von noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare das Läuten vom Turm des Södermalm? Ihre Haare sind weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie trägt mein Körper noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt im Blut. Auch dies verliert man nicht.

Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, daß ich ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz sehe, wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön gestaltet der Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege mich lange vor ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.

Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an Werktagen Schuhe verkauft in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die ich betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh mit schwarzen Schnüren. Ich weiß es genau noch, ich belüge mich sicher nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer von deinem Anblick.

»Ich liebe Ebba, Siv,« sage ich plötzlich, »ich sage es nur, wenn du schläfst. Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im Gedanken an dich. Du beglückst mich.

Jene ist Pein.

Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin, auch in der tiefsten Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei denen das Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das Dasein, es gibt mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr, Hauch der Obstbäume, die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die unteilbare Wucht des erschütterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin voll Sorge und Liebe für dich, Siv . . . lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd bleibt, du lebst dann gut . . .

Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das ruft in der Nacht. Das preßt die Hände vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt lautlos die Hände. Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal dies Geringe.