Frauen

Part 6

Chapter 63,083 wordsPublic domain

Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schön ich mit Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie fühle ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich auf der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwärm und Verlieben und Spielerei schrecklich zurückverirrt? Wie weit lag das hinter mir.

Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die süße Gewalt, die mich von allem reißt, mich hier einen Fremden und Kranken und Unbeteiligten sein läßt, o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses Schmerzes, den ich hasse.

Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie den Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll drinnen bleiben, wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.

Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.

Almqvist.

Ich gebe ihm die Hand.

Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von Plänen und Absichten und Zielen bewußt und klar.

Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts irrt ab.

Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den Russen auf, steigen in den Dampfer.

Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert. Als wir den äußersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle mit Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer zurück.

Ich lache: »Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man in zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschießen.«

Da werde ich verhaftet.

In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu dumm, die Vorzüglichkeit meiner Papiere zu kapieren. Ich kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe wütend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten liegt das Nebelhafte von mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die Muskeln um den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.

Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden kommt Almqvist. Der Kapitän erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem Kapitänsverdeck aufgetragen.

Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten Ursteine vorbei, manche haben Häuser blau und rot, andere fahren vorbei mit singenden trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine verblaßt in gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen den von Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten Horizont. Die Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich öffnet, schießt schräg zwischen den moosgrünen glatten Felsen ein dicker, geschwängerter Segler mit viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.

Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.

Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, überall See. Zwei Tage studieren wir mit den Gläsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die Lagermulden, die Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht mit vielerlei Menschen, läuft in den Garten, macht lange Gänge, schreit zum Fenster hinaus: »Halo . . . så ni säger,« schickt den Hausburschen in die kegelhaft gestellte Spielzeugstadt unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt den Panama auf, geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein, einmal in einem Rudel Männer. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushängend, wie Damen ihm zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser hineinblickt, kleine Gärten durchquert.

Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er erzählt nichts, bringt Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.

Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am Meer, der seltsame Formen annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte, verzogen wie Rosagummi.

Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas sähe. Es ist die Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich dabei erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.

Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An der grünen Wildheit der Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, könnte ein Herz wohl aufschrein. Ich glaube es bestimmt.

Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rührte mich nicht sonderlich bei den Vorbereitungen, prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze zu überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer in den drängenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein Ruhm ungekannter Größe und Bedeutung auf dem Spiel.

Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose Lüge der Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte Taktiker als Helden ewig exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse dies Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Märtyrern und Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.

»Es ist Zeit, es ist Zeit,« sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom Hausdach richtete, »mit einem Stierstoß das Epaulettengenie aus der Historie zu stürzen und die Heiligenscheine steigen zu lassen.« Er lachte höhnisch, wir hatten am Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern. Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer Gesandtschaft und amüsierten uns über das Schachspiel, das sie miteinander aufführten.

Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers vorüber. In Badekostüm und Tenniskleidern begann die Börse. Alle heben die Nasen nach seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den ganzen Tag geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer Grand-Hotel, die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die Atmosphäre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere staatenlos, der andere Neutraler, refraktär, krank, desertiert. Sie fluchen auf den Außenminister, daß er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den Bars Stockholms, nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten, Telefonen.

Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt sich schlechter vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug, alle Vergangenheit, sie lügen sich täglich an und glauben sich täglich neu, sie sterben vor Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind keine Mondänen da.

Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen, wenn das Spiel im Sand, von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen, mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.

Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.

Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:

Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das Herz anschreit: »Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.« Beider Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick . . . wieweit die Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust heraus, blamiert . . . oben sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fängt.

Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.

Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen. Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un . . . die Karten fluschen.

Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre des Eßdrucks gehn als Tip.

Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch. Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am Abend als Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.

Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker, Minenexplodeure.

Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück. Die Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien, Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. -- -- --

Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre, wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und Notizen. »Siebentausend Moslemin,« knirscht Ek ironisch. »Viva el Peru« rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: »Happy day, ha--a--a--ppy day -- --. When Jesus washed my sins away.«

Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind in bester Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der westlichen Klippe gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schießt der Halbbogen der Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern gewölbte Schatten liegen vor einer Schäre, der Wind hat nachgelassen, traumhaft abgebogen stehen Segel vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.

Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende und Schöne ist aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab, die Frauen schauen herüber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die atemblaue Seligkeit der Luft:

»Ha,« sagt Almqvist, »was Jaurès, was Pétain, was das ganze Schachspiel . . . Bagatellen für Affen. Die Erde ist in den Äquator der Abrechnung eingelaufen, was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in das Chaos. Ha . . . wie hängen die Dummen noch ungelöst an ihren Bettwärmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht verflucht durchs Ganze. Schöner Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!

Aus für uns.

Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in verlogenen Räuschen von heute schon den Schluß. Unerbittlichkeit, i . . . i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinübergerettet. Die Weiber mit kostbaren Dessous, die lachend vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände, Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der reizvoll die zarte Erdoberfläche malt . . . betrügt Euch nicht. Der Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hörner ein, auch die Gazellen werden damit verrecken müssen. Putzt die Lampen auf für andere Jagd. Ob die Zeithörner blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für diesmal die Frage für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in den wir einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.

Ha . . . süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der Luft, man wird den Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich ihn genossen. Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen. Nichts ist das aber vorderhand für uns.

Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden entflammen. Städte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhügel geknallt. Schwelgerische Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Röte nur im Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben wird dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden, innen verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen Äffin Europa. Die Erde hat . . . hat ein elefantisches Toben angenommen.

»Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.«

Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen sich immer wieder auf die Knie, der Oberkörper schüttelt sich, er kann sich nicht fassen. Er bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom Kinn zu den Augen.

Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben und solchen Fasern lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe, spüre mich feig und kneifend, aber hell und voll Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja nicht tauschen, ich höre nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit den Herzschlag des Meeres herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.

Alles erfüllt es, alles beglückt.

Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht nennen beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu viel. Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.

Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu erreichen, ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen, aber, ach Gott, warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?

Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.

Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schären in die Luft. Die Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die Möven rennen tief nach dem Wasser zu.

Almqvist legt den Finger an den Mund.

Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten sie noch einmal nach verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen, entfernen sich, Steine nach Vögeln werfend.

Ich liege auf dem Hausdach.

Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rücken einer alten Badekabine, deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt an. Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.

Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die Schultern lässig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.

Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig stehen, die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet. Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . . geht in unsere Falle.

Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt »ja schaugts«, schon heben sich die Beine, manche springen auf.

Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit, es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine Hüfte:

»Frauen«, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: »Sie haben wenig Frauen, meine Herren«, sagt er spielerisch und zieht sie in seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes Gesicht immer erblicke. »Sie haben die kleinen Hasen mit Recht vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt. Welch allersüßestes Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.«

»Dinieren Sie«, ruft mit steifem Blick der Engländer.

»Frauen«, sagt Almqvist. »Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede. Dann können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher, die oft mit unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie man führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen, göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme Straßenmädchen Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen . . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors d'oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist's Demut, ist's Glückliche Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle, was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.«

Er hat den Blick fest in dem des Engländers.

»Dinieren Sie,« sagte der Engländer mit steifem Blick.