Frauen

Part 5

Chapter 53,905 wordsPublic domain

Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder, ich habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen, das macht mich fast bersten vor Vergnügen. »Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage geben«, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne Tochter hat.

Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül vorüberwandern?

Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht, Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da sitzt Rolf, der große Kabarettist, der Sänger des »mit swärmeri . . . i . . .« Siv ist voll Neugier, wir starren den großen Mann an und vertiefen uns in ihn.

Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist wütend, stößt den Teller über den Tisch, sie ist sehr schön in dem Augenblick, und ich kann mich nicht halten vor Vergnügen.

Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen. Ich hebe den Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu mir, ich sehe es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.

Schon unterbrochen.

Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hänge ein. Wir sind bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich zurückgesetzt und betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die Zahnschnur. Almqvist ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.

Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form der Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß, wir werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir werden die Generale drücken, Zusammenhänge beweisen. Ich denke es klar und kühl und fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.

Ich bringe Siv nach Hause.

Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das lautlos Stockholm durchströmt. Weiße Wolken ballen sich höher über Schlössern und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau der Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.

Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die Menschen und habe recht gehabt.

Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen, wie ich ausgesperrt bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die Menschen zusammenbindet. Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt, während Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen und die herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.

In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt »Saisonen« und beschaue die eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen, teils auf dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der Außenminister.

Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.

Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich gehe an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist mir bezeichnet hat.

Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen. Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt, bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr sitzen.

Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. »Gut«, sage ich.

Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im Knopfloch, mit Schildern: »Friede, Klassenkampf, Brot«. Krassin zittert. Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.

Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem Hotel.

Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.

Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab, verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und raucht.

Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus, wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen, die einen Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.

Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die Hüfte mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. »Grüße meines Bruders«, sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören, nahm den Namen auf und nickte, drückte mir noch einmal die Hand.

Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was die Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller, glänzender Haut uns dicht umdrängte; wir fahren mit den Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.

Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen, Wein und Saft.

Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen den Lichtflammen zucken. Ich sehe die dünne Linie des frischen Monds an einer Pappel und ich muß denken, daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann, hier sich sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß denken, daß Floda nahe liegt, daß vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint, aber sehr schlecht ist.

Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig, und doch davon wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer über das Meer hinausschwingen.

Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu tun, ich bin beschäftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie begriffen oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die Bagatelle beigelegt, hinausstieß.

Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir weiter, auch wenn ich nicht nachdenke, ich fühle es genau. Der Boden, den er betrat, das Laub früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng mit seinem Schicksal.

Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in Steinbrüchen der Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu können als Boy vorm genuesischen Hafen immerzu liegt, ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm nicht helfen, ich bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm getan, fällt mir ein.

Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön vollenden. Ich habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause mir auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag keine Unruhe, ich bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue auf den Buchenwald, als sei er mein.

An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich weiß sofort, wohin ich mich zu wenden habe. Ich grüße die Herrin. Sie geht anmutig über den Wiesenpfad, steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die Hand: »Välkommen«.

Ich verneige mich.

Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie sagt ein Wort: »Ebba«.

Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid. Ich sage: »Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen.« Die Herrin winkt, sich entschuldigend, zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schöner Tag. Sie trägt ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht die Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer Toilette. Neben ihr der Gatte: »Välkommen«.

»God dag, Sir Johnson.« Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von dem Duft um mein Hirn, jetzt höre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie wieder im Nebel. Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mühelos kühne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den Kopf. Ich sage: »Als Kind hatten wir denselben Hund.« Ich deute auf das Gras und mache mich lächerlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus Zorn über meine Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es wühlt grausam in mir. Was kann ich machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme süß und weich.

Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir, ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es hören konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich! Eine Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich fühle, als risse sich die Seite wund bei mir, an der sie ging, als wir umdrehten.

Ein Gesicht, ein Männergesicht steht vor mir auf: »Der Lunch.«

Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie hebt die Hand, deutet, ich verneige mich tief: »Mein Verlobter.«

Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt mir die Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.

Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: »Ich bringe den Dank eines, dessen Leben Sie gut getan.« Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.

Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich nicht.

Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht von meinem, ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.

Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.

Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht, als ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe so leicht zu reden, »Dozent Lilljeqvist« sage ich, »Sie tun unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein«, ich wende mich ganz herum, »nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik. Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert die ganze Presse der gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für das Feuer Sverker Ek . . . .«

Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles gesehen, ich rede immerzu: »Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen dürften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und kaufmännisch in den Bart -- daß einmal ein Mann gekommen sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten solche, die _nicht_ frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.

Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. -- -- -- O Malte Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .

»Nein Sir«, ich lächle, »der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson«, sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, »Sir Johnson«, sage ich betont und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß . . . »was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral, Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für Eure romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn, erschoß, die Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?«

Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den Sinnen plötzlich wie den Tag.

Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.

Ich erbleiche plötzlich.

Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab, ich stehe auf.

Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. »Es lebe das Deutschland Ihrer Gesinnung.« Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll, wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich weiß nichts anderes, mich zu retten, daß ich mich noch einmal verbeuge.

Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.

Die anderen Gäste verneigen sich.

»Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.« »Farväl,« sagt sie und nickt mit den Augen.

Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.

Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zähne in den Lippen. Ich verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem Blick, er ist weiß, zuckt einmal.

Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein Gesicht. Welch ein fremdes Gesicht. Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.

* * *

Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch: morgen fahre ich zu Almqvists Schwester. Nach Särö. Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie ich schlief, ich schlief wohl sehr fest.

Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann legte ich mich nieder.

Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. »How do you do?«

»Falsch verbunden.«

Ich hänge ein. Es schellt von neuem.

»C'est le portier qui parle.«

Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.

Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich: »Kan jag få tala med Nr. 417?« Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin Nr. 417.

Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für immer verliere.

Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: »Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die Bücher nicht zu senden, ich küsse die Hände.« Da geht die Leere ins Telefon. Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es. Ich sehe sie dastehn mit dem weißen Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.

Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen lassen, wenn es mich auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich will keine Verwirrung in diesem Haus.

Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet. »Ich küsse die Hände, auf Wiedersehen!« rufe ich steif und hänge ein. Ich kann es nicht hören, wenn sie den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der Badedusche, hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl -- und breche zusammen: welches Glück, diese Stimme.

Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.

Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine Welle, die Häuser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend Obstbäume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.

Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten einen Schritt zurück. Sie lächelte mit einer sich nicht entäußernden Bewegung, ihre Schönheit streng bei sich behaltend. Ich saß auf der Klippenbalustrade vor dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder, sie wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein wenig, ich mußte warten. Ich unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für solche Schönheit schweigend zu bezeugen.

Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte einen Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich wegzog, wenn ich die schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten Dunkel der Nordsee empfand. »Sie haben recht,« sage ich hin, »Ihre Bürger sind Hunde wie alle, gnädige Frau« und ich lächle schief und trotzig, aber ich will es nicht wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich ihren Vornamen gern wüßte.

Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha, meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts wie ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.

Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen »Mur«.

Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze Decke von dem Teetisch, winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den kleinen Spitzenhosen.

Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Engländer Golf. Weiße Männer liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über die Augen und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse, wo ich bin, ich drehe mich um: »Ich sah Ihr Stadthaus, gnädige Frau; darf ich es sagen, die holländische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich wenig ertrüge, nie eine Frau damit umgäbe.« Ihr kristallenes blaues Auge umfährt mich ohne Ironie, sieht über mich weg.

Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne schönste Frau Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß sie noch nicht gelebt hat und ihre Gefühle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.

Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist aufgestanden, an die Mauer getreten, was kümmert mich diese Frau, die Ruhe macht mich glücklich, überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast werde ich mitteilsam, ein Schwätzer, ich schüttle mich und lache in mich hinein.

Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte Felswand und schwingen sich selig über das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten Seitenbucht liegen Völker von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir sitzen und reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, muß lachen, die Teetasse fiel zu Boden.

Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich ist mein Gesicht), ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens über den wiegenden Rahen ihrer drei Segelboote, und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau von den in der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der Spitze des Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft hinschreiten.