Frauen

Part 4

Chapter 43,716 wordsPublic domain

Aber in diesen Gefühlen der inneren Ruhe strömte Thengos Liebe auf sie zu. Sie war ihr ein Sinnbild. Ihr Herz war weit und klar wie nie. Ihr mildes Herz dachte nur an ihn, da es beruhigt war in sich selbst. Sie ging, fast eine Erscheinung, körperlos und doch glühend, hingegeben und verzichtend, großen Schwingungen der Erde im Pulsschlag hemmungslos vereinigt, durch die Dämmerung der Beete, hob die Arme nach den Büschen, seinen Namen sagend, bei jeder Blume, die sie für ihn schnitt.

Särö

Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut stellten in Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin die Frommen Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen mit geschenktem Mehl in den Ställen.

Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.

Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an Bord. Sirola und Vehkamäki rudern von der anderen Fjordseite herüber.

Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.

Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der großen Segel und bin voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rückwärts ist alles klar, nach dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier Wochen Zeit, bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß. Was kann es mir nützen, daß ich es überlege?

Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt und der durch viele Zensurstationen mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe eine Mission in meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem diese riskante Exkursion. Ich weiß also genau, was ich will, wie ich immer es wußte.

In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen der Energie, nur hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases liegendes Gesicht heraufzutauchen.

Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.

Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis, Gefahr erschreckt mich nicht. Ich höre auf zu denken und spüre, wie es irgendwo in mir bebt. Ich laufe auf und ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht müde, ich schlief am Geländer, bis die Möven kamen. Sirola stand schon vorne und fütterte sie und lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit nach oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck flatterten.

Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten, hörten ein Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht ganz erreichten und kamen südlich von Abo auf das finnländische Ufer.

Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.

An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen, ich blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche Battaillone in Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und die Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.

Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.

Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der weißen Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen über Tammerfors bis zum Ladogasee und den Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu im Sack.

Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins Innere und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen in das Lokal stürzen. Wir verbargen uns.

Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte, strammen Schritt südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten viel Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule waren bös, aber wir kamen bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.

Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes. Sirola rührte an den Donnerkeil über dem Eingang und stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige Leute lagen über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch. Ein schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, daß wir den Keil berührten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die Finger auf den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer Bewegung für die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der Hütte war abgesperrt, es stank entsetzlich.

Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen: »langen Hanf, langen Flachs«. Wir sahen durch einen Schlitz der Hütte.

Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus Freude, daß die Roten zurückgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke mehr und Strümpfe über den Schuhen.

Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft. Der Besitzer streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab, ich konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber nackt, die zwei Männer in Hemden.

Wir fuhren im Auto weiter.

Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir Hinrichtung und Brand überall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden irregulären Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten der Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Führern, wir fuhren auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nähe einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.

Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch trat ein Lachshändler, der auch Felle führte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.

»Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen«, schrie Gunnaris, der als Nordländer die feigen und erbärmlichen Tavastaländer des Südens verachtete und schlug ihm den Hut vom Kopf.

Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen Haaren vor uns, und die Heuerinnen und Vogelfänger hatten Gewehre auf uns gerichtet.

Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und schüttelten sie mit einem Singsang des Vergnügens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, früher Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte. Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug, auch die meinen.

Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze. Wir aßen Speck, Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer Wegscheide umringt und verhaftet.

Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen. Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche Namen, falsche Route, den Zweck.

In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn, überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage wiederum störte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen vermochte.

Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte Figur.

Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.

Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.

Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte, schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.

»Warum haben Sie kein Visum?« Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage idiotisch, ich sah mich im Kreis um. »Die Namen der Finnen.« Ich gab die ausgemachten Schlagworte.

Er zögerte.

Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: »Waren Sie nicht mit Eero Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?«

Ich zuckte die Achseln.

»Zweck?«, rief er barsch, verzweifelt.

Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfüllte.

Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle, wo auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine Passage stand. Drei Sekunden blieb es still.

Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll Haß, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: »Der Herr General ersucht.« Ich trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr draußen im Auto ab.

Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.

Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen Schären, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor dem großen Stockholmer Hafen. Die Finnen ließen sich an den Schären aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.

Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal »Te--le--fon« und deutete. Sie winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger Mövenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen, das leuchtende Eingeweide Stockholms.

Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank, nickte immerzu leise herüber. »War die Überfahrt gut?«

Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa färbt plötzlich, wie Finnland sich entfernt über dem Rudel der Schiffe. Selbst wie ich mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend im Silberschaum sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.

Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.

Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich nehme Sivs Arm. Vor der Brücke stehen wir und lassen die Wachtparade passieren, hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und Musik und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen silbernen Stab hält. Wir schauen und kommen höher auf den Skansen, wir riechen die wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See. Ich schenke ihr die weißen Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der Musik noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse, plötzlich schweift unser Blick über die vielen Fjorde bis dahin, wo die schwärmerische Luft des süßesten Frühlings mit der Herbe und dem nackten Granit der Felsen zusammenprallt.

Ich verweile eine Sekunde.

Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgården schimmert dunkelgrün der Tau. Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen des Mälar fallen langsam die kristallenen Tropfen.

»Willst du zu Blanche?«

Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.

»Nein.«

Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den Matrosen in der Dunkelheit und hören lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.

Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd die federnde Größe ihrer Beine, die Linien, die im Bogen weiß von den Hüftansätzen über die Brüste laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.

Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer. Der Expreß saust durch Småland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär im Skansen träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber kalt. Ich fühle mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben ablöst, unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten Reize. Nun kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.

Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht, die Frühe lehnt sich kaum vom Mälar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale biegsame Körper bebt auf den Gardinen.

»Zwei Tage . . .«

»Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.«

Kopfschüttelnd: »Es wird nichts sein, denn du bist nicht da.«

Ich bleibe zurück.

Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß nicht, warum und wie. Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.

* * *

Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht, leugnete ab. Beim Frühstück las ich, daß die konservativen Blätter aus Liebe zu Deutschland mich deckten, »Sozialdemokraten« griff mich und zugleich auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich dementierte. Um halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich beschwert, ich beruhigte den Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage, die meine Mission umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des Lachsfangs in einer nördlichen Schäre. Mannerheim und die Stockholmer Presse erhielten das Dementi. »Dagens Nyheter« erlaubte sich den Scherz meiner Vielseitigkeit später. Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein Bursche ein tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter, Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt neben mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gäulen in die Politik.

Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.

Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich seinen Ärger: »Wenn wir auch keineswegs die militärischen Narren im Amt in Berlin stützen . . . müssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen?« Ich hatte eine kleine grüne Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie hin und verbeugte mich: »Die Karambolage mit dem mongolischen Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . .« ich erzählte ihm leis einiges, aber nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und meiner weit über seinen hinaus. »Ich habe dem Minister des Innern zwei Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing mit einem Kompliment auf den Reichtum der schwedischen Gewässer.« »Nach dem Dementi?« Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte: »angenommen.« Exzellenz trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir gingen zu anderem über.

Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen übervollen Geist in den entzückendsten Anekdoten und führte die Probleme mit anziehendem Geist in die Form. Es schoß dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag das Gefühl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu stürzen und sah andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte ich den Plan der nächsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden wollte und wie ich es zusammenzuführen gedachte.

Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant gebundenes Buch, das er in französischer Sprache früher über deutsche innere Politik in Paris veröffentlicht hatte, schleuderte die Augen anklagend gegen den Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.

Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof, wechselte die Oere in ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbüchse, nahm den Motor und fuhr durch die Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich konnte ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange nach, grübelte und hatte plötzlich einen kühnen Plan.

Er telefonierte.

Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann Schwedens. Er war sehr zurückhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein, Almqvist schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe und Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit und großer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.

Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wußte nicht, wie es damals schon in ihm aussah), mißtrauisch auf mich sei als auf einen Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht. Er war zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre eigenen Ziele berührte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied zwischen seinem Leben und seiner Tätigkeit leicht verwischen konnte.

Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt, in dem er seine vielseitige Rolle spielte.

Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück. Ich kannte sein nach der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der Frauen, anständig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu durchbrechen, ihn anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede Pore, es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen französischen Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt gegen alle Widerstände zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen Offenheit, in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm blieben, aus Furcht vor der verräterischen Atmosphäre. Unsere Ziele berührten sich, wir wurden, indem wir sie besprachen, ernst und niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schöne Frau mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit.

Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich angestrengt, zog mich in der Dämmerung um und ging zu dem Portefeuilleträger des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war. Seit der Ausbootung der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus Lund heraufgekommen, waren noch ungenügend installiert, aber bereit, mir den Abend so zu beweisen, daß ich kein Stück eines gewählten schwedischen Mahles auch nur vermissen könnte. Man hielt bei den Staatsmännern Elsaß-Lothringen für die Achse der Probleme, mein Plan war anders, ich sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurück und gab vor, sehr müd zu sein.

Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über Stockholm geflogen, er geht über meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue in die Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus ihr verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke nicht daran, spüre es kaum.

Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches Sujet, das irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Türke gilt, kurz darauf der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig gerade, fast entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit gesenkten Kinnen, sicher fast lautlos.

Um dreiviertel zwölf kommt Siv.

Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.

Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück, saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hände, zieht den Mund kraus: »Was tatest du?« Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem gescheitelten Haar.

Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: »Ich will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um zwölf steckten sie Feuer an vor allen Küsten.«

Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . . Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.

Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge Boissonts leuchtete gegen meines.

Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete und abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten im Lokal.

Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.

Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt an Sivs Gesicht hängen und lächelt.