Frauen

Part 3

Chapter 33,946 wordsPublic domain

Am Morgen eines festlichen Tages bat sie ihn, eine Audienz sehen zu dürfen, aber er wich ihr aus, indem er sie vertröstete, es ging gegen sein Gefühl, daß eine Frau so sehr eindringe in all seine männlichen Dinge. Er sagte ihr keine Unwahrheit, aber er belog sie mit jeder Bewegung. Sie sah ihn an und ging an seinem zugeschlossenen Gesicht hinaus aus dem Zimmer, nahm ein Buch in dem anstoßenden und pfiff eine leicht wiegende Melodie.

Er stand in der Rampe des Vorhangs, die Augen grün auf sie gerichtet.

Sie sah nicht auf, empfand Angst, wie jedesmal, wenn das räuberische Tier in seinem Blute aufstand.

Aber sie kannte die Gewalt ihres Körpers. Sie gab nicht nach und spielte mit ihrer Furcht. Er kam langsam herein und machte sich zu schaffen an einer Falte des Teppichs. Zweimal ging er auf und ab am Zimmerrand.

Dann hingekniet neben ihr:

»To . . .«

Sie streichelte ihn über den Kopf. Seine Knabenlippe schaute voll Unschuld zu ihr hinauf. Sie vergab. »Du bist schön,« sagte sie, tief in seine Augen schauend. Er strahlte.

Am Mittag sah sie die Audienz, hinter einem großen Schirm aufgestellt. Die Zeremonie ging rasch vorüber. Als der Saal leer war, ging sie neben ihm durch den Saal.

Sie sah ihn von der Seite an, dann stieg sie auf einen Thron und fuhr mit der Hand über das Polster. Es lag auf einem springenden Jaguar aus Silber, der nach oben brüllte, wo, abschließend, die Flügelbreitung eines Vogels stand, aus dessen Schnabel ein Dolch herabfiel, schaukelnd im Gleichgewicht mit Rubin und Karfunkel.

Er hielt ihre Hand sie zu stützen, sie fühlte, daß er unmerklich zog. Rasch sah sie in sein Gesicht. Es war verschlossen, ohne Ausdruck. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Da kam langsam ein heller Schimmer in sein Auge.

Sie zogen dann im langsamen Trab durch die Gegend den Fluß entlang, dessen Schilf sacht aufrauschte. Ein Reiher hob sich in den Himmel in langen sicheren Zügen, die Luft war sehr klar, sie atmeten mit geweiteten Lungen und sahen sich froh an, wenn sie sprachen.

Gegen Abend bemalte der Horizont sich rot und die Luft bekam Dichte, die Dämmerung fiel mit Schwüle, ihre Haut wurde feucht unter den Kleidern, den Worten benahm die Luft die Sicherheit. Von fern im Bogen anreitend sah Riny die Lichter einer Niederlassung, zwei Meilen von der Stadt, die sie nicht kannte, deren Kerzen sich schön im Flusse spiegelten.

Sie frug darauf deutend, er murmelte einen gleichgültigen Namen. Sie sah die Lichter flimmern und erstaunte sich über das unbekannte Bild. Sie bat ihn hindurchzureiten, er schien es nicht zu hören, so lenkte sie die Pferde von selbst.

Er sah sie an mit einem unbeschreiblichen Blick. Seine Augen waren so voll Sehnsucht und leuchtend in der Schwüle, daß er nicht wagte, sie zu reizen, die ihn mit kühler Miene ansah. Er suchte sie abzubringen vom Wege, er hoffte, daß sie es vergäße, aber sie folgte seinem Pferd nicht, seines vielmehr schloß sich an das ihre dicht an.

Er konnte es nicht sagen.

Er hatte wenige Geheimnisse vor ihr, aber dies widerstand ihm. Er brachte seine Zunge nicht dazu. Doch gab er sich Haltung und folgte in Unabänderliches, führte es durch, schob den Turban ab und band im Reiten ein Tuch um die Stirne, dann stieg er ab und half ihr herunter und band die Tiere an einen Pfahl.

Zu Fuß gingen sie voran, alle Hütten waren erleuchtet, aus dem Stroh und dem Bambus glitzerten die Kerzen still und andächtig. Schatten bewegten sich in der Straße.

Riny blieb lächelnd, den Finger an der Lippe, an einem Fenster stehen und schlich sich an, spähte hinein und kam wortlos zurück. Er nahm ihren Arm. Aus den Fenstern schlichen stille lockende Rufe in die Nacht. Sie sah Frauen herausgelehnt in verschwommenen Umrissen, ihr Herz klopfte mit einem Male, als sie verstand, wo sie waren. Im Leuchten einer Laterne stand ein Weib mit bloßen Brüsten auf dem Dach eines Hauses und zog an einer Glocke, die zart und flüsternd hinausfloß in die Dunkelheit, die immer weicher sich um sie legte, beladen mit dem Geruch der Körper und der Duftigkeit der Blumen aus den Gärten.

Wortlos ging sie weiter, der Arm Thengos stützte sie, und sie empfand mit Freude seine Haltung. Sie sah zu ihm auf. Sein Mund schwebte geschlossen in der Luft. Er führte sie bis an ein Haus, das im Schatten eines Gartens lag, ihre Hand immer streichend, die wärmer und feuchter wurde unter ihm. Sie drückte seinen Arm.

Er hob den Klopfer und schlug ihn gegen die Tür.

Zweimal gongte er durch die Dunkelheit, bis die Flügeltore aufgingen, zwei weiß gekleidete Frauen sie anstarrten. Er winkte ab. Fett kam ein Chinese, schickte sie weg und schaute schielend von unten nach Thengos ziselierter Kette. Sein Bauch knickte ein und schwabbte über die Knie, sein Gesicht glänzte fett vor Ergebenheit, obwohl er nur den Rang, nicht den Fürsten erkannte.

Thengo gab ihm einen Wink mit dem Finger.

Eilfertig schob er die Gardinen weg und sie traten ein, Riny nahm Thengos Arm. Ein Zimmer sah sie, mit einer Veranda in den Garten hinausgeschoben. Die Tür fiel zu. Eine zarte leise Stimme sang zu einer Harfe ein Lied und von der anderen Seite schwoll gedämpft ein erregtes Flüstern herein.

»Endlich« . . . . . Thengo umarmte sie, mit beiden Händen ihr Gesicht streichend, unfähig noch zu schweigen.

Den Ausschnitt des Fensters säumten Blumen nach dem Garten, ihr Kopf lag auf dem Binsendiwan und seufzte. Ihre Augen waren beide starr. Rot sank zu rotgeschweiftem Hügel. Sein Mund tastete über ihren Leib, ihre Blicke lagen bei den Pflanzen, die golden in dem Nachtausschnitt standen, sie schmolz hin. Sie rief einmal seinen Namen. Er jubelte ihren dagegen. Dann lobte er ihren Körper, sein Mund hatte viele Vergleiche, die wild waren oder dufteten wie Blüten. Er war so angefüllt von verhaltener Sehnsucht, daß er sie nicht mehr sah, wie sie war. Blind hingegeben seiner Trunkenheit machte er sie zur Andacht. Was ihn erfüllte, aufgetrieben noch durch den Reiz des abenteuerlichen Hauses, strömte zu ihr, er heiligte ihre Knie, er weinte über ihr Auge, seiner unbewußt koste er sie.

Nie besaß er sie so sehr.

Sie lag blaß auf dem Lager und gab ihm jedes ihrer Glieder mit einem hinströmenden Gefühl. Sie gab jeder Stelle ihres Körpers die Kraft, daß sie jeden Kuß aufnahm und erwiderte und stärkte.

Erschüttert von ihrem Geben lag er neben ihr und schon wieder verschmolzen seine Augen mit ihren in einem unzerreißbaren Zusammenhang.

Er kämpfte, sie in den Armen haltend, um den letzten Rest ihres Leibes mit allem seinem Gefühl, daß, über ihn gebeugt, sie sagte, was sie noch nie aus Furcht zum Wort gegeben:

»Tiger.«

Sein Auge färbte sich einen Augenblick zarter.

»Du wirst dich töten,« sagte sie.

»Es ist besser als anders zu leben.«

Spät, als der Mond aufging und seine Lippe sich in seinem Licht beruhigte, streichelte sie ihn.

Aber dies beruhigte ihn nicht. Sein Gehirn empfand sie anders wie jede Frau, die er bisher gekannt, die in seinen Harems, ihn erwartend, ihm hingegeben lagen, ohne Widerstand. Er sah sie, erschöpft, in all ihrer Freiheit, in allem, womit sie, ihm widerstehend aus ihrem Innersten, ihn fesselte und erhob. Nie sah er sie anders, als ihr Gesicht auch allen anderen weisend. Ihn zerschlug der Gedanke, daß sie wie in seinen, in anderen Armen gelegen. Was er bei anderen Frauen natürlich nahm, ohne einen Gedanken, verwuchs sich ihm zu Bildern, die sein Erleben in Tiefen trugen, die ihn in allen Gliedern durchliefen. Sie lag, die Augen frei und sicher auf ihn geheftet.

Sie fand ihn schön.

Allein er empfand die unsägliche Trennung von Geschlecht zu Geschlecht an ihr zum ersten Male und stand an dem Dunkel, das nicht sein Arm durchbrach, das sein Herz nicht bebend überbrückte.

Er küßte ihre Stirn und ihren Mund: »Nie sah ich Frauen wie dich . . . . To.«

Sie streichelte ihn wieder. Aber er ließ ihren Mund nicht.

Noch in der Nacht bog sich sein Auge zur Seite, seine Schläfe wurde braun, der Mund öffnete sich kurz.

Dann war er leblos.

Rinys Liebe brach in Weinen aus. Sie badete sein Gesicht mit dem ihren. »Thengo,« rief sie, »wir gehen in den Garten, die Luft ist schlecht in dem Zimmer. Draußen stehen die Blumen und machen kühl.«

Sie legt das Ohr an seine Brust und rieb die Schläfen.

Ihr Blick sah verwirrt auf seinem Schenkel einen Tiger tätowiert, den sie noch nie sah. Ihr feuchtes Gesicht lag an seiner Brust und schmeichelte. Ihre Wange, gedrückt, hob sich von einem Amulett aus metallischer Substanz in geblümtem Seidenzeug mit magischen Sentenzen. Sie legte es auf sein Herz, ihr Lächeln glaubte, daß es half. Ihr Mund kam wieder an sein Ohr, ihre Finger fuhren langsam zärtlich über seine Schläfe.

Nach Sekunden glomm Farbe wieder in seinen Mund, sie atmete tief auf, ein Schluchzen war ihr nahe.

Sein erwachender Blick traf Riny nicht mehr.

Sie stand auf der Veranda, als käme sie aus dem Garten, sie rief zu ihm durch die Blumen:

»Thengo . . . . . . Schläfer.«

Ihr Arm wischte die Tränen aus den Augen, die in einem Regenbogen über den Kies fielen. Von der Nachtluft erfrischt, Blumengeruch noch im Haar, ganz hingegeben seiner Müdigkeit, schmiegte sie sich an ihn, er glaubte ihren Augen, die gut über ihm standen, er wache aus dem Schlaf.

Sie gingen hinaus später in den Garten und legten sich in Stühle, die auf dem Rasen standen, aus dem Hyazinthen herauswuchsen und sich mit dem Nachtduft vermischten. Es war ganz still geworden in dem Haus, auch die Harfe schwieg.

Sie hielt seine Hand auf ihrem Schenkel, und wie er sie hielt so in der Stille ihres abgeebbten Blutes, überkam sie eine Zärtlichkeit zu ihm, die ihn ihr ganz verband. Kein Wort fiel in dieser Stunde.

Aber die Stunde lag noch in ihnen, als sie vor Morgen zu ihren Pferden gingen und hinausritten in die Dämmerung. Ihnen war alles vertraut, sie streichelten ihre Hengste, ließen sie laufen mit kurzem Steigbügel und losen Zügeln, sahen die purpurn mit goldnen Lasuren bemalten Satteltaschen an mit vertrauten Blicken und empfanden es innig, wenn in den Reifen ihre nackten Füße sich berührten.

Am Abend erfuhr sie, daß er den Mittag sie verlassen hatte für eine tagelange Reise. Er war vom Gefühl der Nacht noch so sehr voll Güte, daß er ihr den Abschied ersparte, indem er sich versagte, sie noch einmal zu sehen.

Sie lag aber gerührt von solcher Liebe die Tage, die vorüberschwebten mit langsamen glücklichen Träumen, auf ihren Veranden und sah in die Luft. Sie sah sein Bild in jeder Straße, er schritt überall schön und still und das Funkeln seines Auges erlosch, sowie sie lächelnd seinen Namen sagte.

Sie wandte sich in den Garten, schnitt und goß an den Blumen und spielte stundenlang mit den Tauben, die samtzart in ihrer Hand lagen, sich mit warmen stillen Leibern an ihre Wange schmiegten.

Die letzte Nacht vor seiner Ankunft war die Luft so heiß in den Zimmern, daß sie im Freien schlief. Dünn bekleidet lag sie auf dem Balkon. Immer noch hüllte der Mond die Landschaft in eine Glocke von Silber.

Während sie lag in diesen Stunden, band sich das Land in dem Licht zu einer bernsteinenen Masse, die sich dem Himmel näherte mit jedem Atemzug. In dem harzigen Licht aber, in dem die Gegend immer tiefer sich senkte, umwölkten sich ihre Augen und in den Träumen, die sie überzogen, während sie wachte, erhoben sich Gesichte und verschwanden wie hingeweht. Das Letzte kam, aus ihrem Herzen herausgeholt:

Ihr Vater sah sie an, sie winkte herzlich mit beiden Händen. »Was willst du?« frug sie. Doch er schwieg. Sie erschrak ein wenig, doch seine Farbe war braun und gesund und stolz. Sie zog ihr Gesicht zusammen zu Milde, die sie überströmte: »Du bist sehr fern,« sagte sie, »aber ich kann nicht mich an dich wenden eben. Habe ich recht Pa . . . . .?« Er gab ihr keine Antwort. »Pa . . . . . ich weiß nichts von Euch. Euer Haus ist mir ferner wie etwas. Ich kann nicht zurückdenken an Euch. Aber ich weiß, daß ich Euch liebe.« Da schien es ihr, sein Auge frage sie: . . . . warum . . . . Sie erhob sich ein wenig und nun traten ihr Tränen wieder in das Gesicht: »Ich liebe Thengo,« sagte sie und ihr Lächeln ward so gütig, daß auf seinem Gesicht ein Lächeln spielte, bis eine weiche Wolke ihn wegnahm aus dem harzenen Licht.

Dann kamen andere Träume:

Sie sah zwischen zwei rosa Wolken Saint-Loux, den Stundenzeiger ihres Lebens, aber er kam nicht fordernd, kam mit einem Degen, den er hielt in verschränkten Armen wie eine Bibel. Es schien ihr, er frage traurig in ihr Gesicht. Aber sie sagte kein Wort, nur ihr Gesicht nahm das an, was ihr Gefühl bewegte, und in seinem gütigen Glanze löste sich die Erscheinung sofort zu zartem Dampf. Langsam erst streiften sich die Bilder wieder von ihr und erst in den Stunden der fallenden Nacht wachte ihr Kopf aus dem Halbschlaf heraus.

Da öffneten sich die Lider ganz klar und hell.

Die gelbe Glocke des Mondes zerflatterte, sie sah Fackeln draußen durch graue schon rötlich angelaufene Dämpfe qualmen.

Sie trat rasch hinein.

Sie schlug eine breite Seide um den Bauch und färbte die Augenlider mit einem schmalen Strich einer seidigen Salbe. Sie goß Sandelholzpuder in den Ausschnitt ihrer Brust und, ihn zerreibend, die Handflächen rosig davon, trat sie hinaus.

Die Sonne kam gerade mit frühem schönem Licht. Der See lag in ruhigen quecksilbernen Schatten.

Da aber lag unter den Rudern eine Flotte, vergoldet bis in die Knäufe der Masten. Hunderte Boote schäumten den See auf zu einem leichten Glanz, und die Ruderer sangen, während sie die Schaufeln hoben, ein klares wiegendes Lied.

Sie hörte wie im Traum noch Elefanten von dem See herauf den Boden stampfen, ihre Gläser in den Räumen tanzten. An den Rahmen des Balkons gelehnt, schwach in den Knien, hörte sie ganz von ferne:

»To.«

Sie machte eine kleine Bewegung, aber schon stand er vor ihr. Auch sein Gesicht war von Liebe so gut, daß es still vor ihr hing. Sie sprachen nicht. Die Sehnsucht glänzte nur von ihrem Mund, während sie still sich zu der Landschaft wandten, die sich morgendlich auftat. Sie saßen lange noch zusammen, überwältigt voneinander zu solcher Stille des Erlebens, und schauten hinaus, ohne sich zu sehen, bis ihre Augen lächelnd einander trafen und ihre Körper sich berührten.

Sie waren sanft in ihren Liebkosungen, ihre Körper vertauschten sich miteinander, ein jedes wollte das andere beglücken und für es leiden.

»Hattest du große Sehnsucht?«

»Ich habe hier alle Tage gesessen und gewartet.« -- --

»Und du . . . . hast du dich gesehnt?«

»Ich habe einen Feind nicht töten lassen, weil ich dich so sehr liebte, To . . . . .«

Als sie allein dann blieb, brach der Abend mählich an und eine angstvolle Ruhe überkam ihr Herz. Aber wie ein Trost kam die Landschaft über sie, die mit Hügeln sich nach dem Norden hin wellte.

Jede Erhebung trug eine Pagode, die sich rund erhob und dastand.

Immer unirdischer stieg das Licht, das Geringste verklärend. Überall schritten groß und still die Büffel über die aufgelegten Felder, die in schwarzer Seide glänzten, gegriffen von hellen Pflügen. Indigofelder wogten schwach aus der Ferne heran, als kämen sie zu ihr wie eine schöne Herde. Der Fluß bog sich schlicht, in eine Falte der Gegend eingeknittert, vorbei. In einem nahen Garten mit rotschäumenden Hecken saßen auf Palmen grüne Papageien und regten sich nicht. Über allem lag das Glänzen wie ein Atem.

Sie bog die Brust nach vorne und lauschte mit dem Ohr an ihrem Leib.

Der Segen der Gegend reifte auf sie herein mit einer Güte, daß sie still das Wunder in sich glaubte. Sie war von Liebe so sanft und klar, daß dies Gefühl, das ihr wie ein Traum in das Bewußtsein schwebte, sie ruhig machte und sicher vor Glauben. Noch nie war ihr der Gedanke, daß sie Kinder trüge, nah gewesen ihrem Herzen. Sie empfing es, das ihr früher Schmerz und unlieber Einfall nur gewesen und ängstend ihr weibliches Gefühl und ihre Freiheit, nun mit der Aufnahme der selbstverständlichen Güte, mit der die Welt um sie voll stand. Ihr Körper verfeinerte sich unter dem Glauben ihrer Segnung.

Denn aus der unerklärlichen Stille der auf dem See schon dunkelnden Fischerboote hörte sie das kleinste Geräusch. Sie unterschied jeden einzelnen Fischzug. Ja, sie war bei jedem einzelnen Tier, das die Angel dem See entriß. Bald konnte sie unterscheiden, welche Welle, von welchem Ufer kommend, den Strand unter ihr traf, und die Schatten einer fernen Abendwolke fielen wie ein Stoff auf ihr Gemüt.

Um sie wuchs die Welt aber unerklärlich in Schönheit.

Sie wurde größer, an der Stadt der gelben Boote wurde der Strom wie durchsichtige Haut. Viele Städte wuchsen aus der Ebene und glänzten.

Durch die Steinölquellen erhielt die Dämmerung vom See her einen Schein von Regenbogen, die sie ohne Pause überzitterten. Unter ihnen überall lagen die Klöster ganz in mattem Golde badend und in stillen Kreisen umschritten die Priester sie sacht.

Sie faltete die Hände: ihr Mund dankte hingegeben an die Klarheit, ihre Seele aber sog wie einen Atem die Güte ein, die ihre Liebe über dem Land empfand.

Wie eine Verkündigung nahm sie den Tag mit in die folgenden.

In Stille lebend war sie voll Erwartung. Nachts lauschte sie oft auf ihren Leib. Auch, als das Blut ihren Körper verließ, ließ sie nicht nach im Glauben, denn die Verheißung nahm sie nicht auf einen einzigen Tag.

Sie lebte wartend, sanft und schmelzend in der Erwartung. Ihr Gesicht glättete sich zu mondhafter Weiche. Ihre Glieder formten sich zu harmonischer Milde der Bewegung. Die Augenbrauen lagen fremd in ihrer wilden Biegung auf solch den Dingen ergeben hingewandtem Gesicht.

Sie neigte sich in allen Dingen vor Thengo. Sie sah keine Fehler an ihm jetzt mehr, lächelnd verzieh sie und war nie voll Widerstand.

Aber unter dem aufnehmenden Erfüllen ihrer Liebe einte sich nicht mehr das Bündel widerstrebender Gefühle, das sein Wesen ausmachte und das sie sonst im Gleichgewicht hielt.

Einmal, endlich, gereizt, hob sie drohend das Gesicht gegen ihn.

Er lächelte. Aber ihr Glaube, den sie unverbrüchlich gehalten, löste sich langsam und schmerzlich seit diesem Augenblick. Wie ihre Hoffnung langsam nachließ, wichen die sanften mütterlichen Gefühle einer schmerzlichen Ruhe.

Sie entsagte. Aber sie war jeden Augenblick auf das Wunder bereit. Sie sah Monat um Monat ihr Erwarten eitel, aber die Sicherheit des Glaubens verließ sie auch in dem sichtbaren Versagen nicht.

Thengos Leben hielt sie in ihrer Hand, ihn reizend und gütig beruhigend. Sein wildes zersprühendes Leben bedurfte ihres Gleichgewichts. Aber ein Teil ihrer Seele war leer geworden im Warten und mit Hingeben an das Äußere trat sie, es zu füllen, aus ihrer Stille heraus zu Reiten und Fahrten. Sie spielte mit Hunden und befragte ihn um die Führung seiner Geschäfte.

Am Tage des zweiten Geburtstages Thengos fuhren sie in die Dämmerung auf den See mit wenigen Ruderern. Das Wasser war gefallen, Tausende Inseln streckten sich mit langen Armen aus der Flut, die, mit Steinöl überzogen, gleich schillernden großen Tieren sich über sie bäumten.

Der Mond hob sich langsam und groß.

Sie lagen still in der einhüllenden Kühle und rauchten wortlos in die Dämmerung.

Plötzlich ganz langsam begann Rinys Gesicht sich in Tränen zu lösen. Kleine Tropfen hingen wie eine Schnur an ihren langen Adern, das Gesicht badete in einer Feuchtigkeit, die es erfüllte wie ein Mondschein.

Er sah sie nicht an, klopfenden Herzens. Seine Hand schlich nur herauf und preßte ihr Knie: ich bin da.

»Thengo . . . .«

Er hörte. Die blaue Dunkelheit um sie machte sie freier, die ihren Atem aufnahm ganz weit und ihre Worte schlürfte. Moskitos senkten sich auf sie nieder. Sie sogen heftig an den Zigaretten und scheuchten sie mit Rauch. Aber es war, als lägen sie in einer Säule, so dicht umwanden sie die Tiere. Die Ruderer hatten die Netze vergessen, Thengo sagte kein Wort zu ihnen, er schien ihr aufgelöst und gut.

Aber die süße Schwüle der Luft, die sein Druck zärtlich verstärkte, ließ ihr Gefühl ganz hinrinnen. Zum erstenmal sprach sie Thengo von ihrer Sehnsucht. Sie sah ihn erbleichen. Nun begriff sie, daß sie ihn tief damit kränke, denn seine männliche Eitelkeit trug daran im Glauben, sie mäße ihm vielleicht die Schuld.

»Ich bin elend,« sagte sie leise. »Ich kann nicht gebären.«

Sein Gesicht arbeitete.

»Nein, To,« sagte er: »Ich trage die Schuld.«

Sie erschrak. Dann lächelte sie:

»Thengo . . . . du Tor . . . . mein Narr.«

Er schüttelte den Kopf.

»Tiger,« sagte sie. Sein Blick strömte über durch die Luft auf sie mit einem wilden Jauchzen, das sich aus Liebe dämpfte zu einem berückenden schwärmerischen Band.

Sie blies den Rauch heftiger aus. Der Mond war noch groß und lag genau auf dem Spiegel des Wassers.

In den Schwärmen der Moskitos tauchten große grüne Fliegen auf, deren saugende Stiche kleine Hügel an ihren Armen aufschwellen ließen, daß sie den Arm zum Munde führte, um es zu lindern. Thengo rief, daß man rasch rudere.

Sie steckten Zweige an, indem sie zurückfuhren.

Er aber kam herüber und legte sich auf sie, daß er sie deckte mit seinem ganzen Körper, mit seinem die Stiche empfangend, sein Nacken war ganz gerötet.

Er küßte sie nicht. Sie lagen in einer stillen Vereinigung, wie geboren in dieser Lage, sie tauschten die Sehnsucht und den Schmerz ihrer Leben aus in einem Gefühl der großen Harmonie, die sie trug.

»To . . . . es ist meine Schuld,« flüsterte er.

Sie lächelte ihm in das Gesicht hinauf: »Thengo . . . . . du Tor.«

Sie landeten und gingen hinauf auf die Balkone. Ein Feuerwerk entzündete sich feierlich und getragen über dem See. In langen goldenen Schnüren hingen die Strähnen zersprühter Kugeln hinab in das Wasser, über dem der Mond noch rot sich brach.

Sie speisten auf Rinys Balkon.

Die Gardinen der Front bewegten sich alle in dem lauen Wind, der den Abend köstlich trug. Es lag eine Ruhe des Gleichgewichtes in der Luft, daß es weiter nichts bedurfte wie da zu sein und sich zu sehen, den Atem zu spüren, nichts zu reden -- -- um glücklich zu sein.

Während sie speisten, hob Thengo mit einem raschen Schwung eine Kette schönster orientalischer Perlen um ihren gerade geneigten Hals. Müde und erregt küßte sie ihn zärtlich über den Tisch.

Dann stand sie auf, ihm Blumen im Garten zu schneiden. Er hob, als sie aufstand, sein Gesicht fragend, gestört, daß sie die wortlose Ruhe breche. Aber sie empfand so tiefe Zärtlichkeit, daß sie den Gegenstand suchte, sie ihm darin darzugeben.

Sie hob geheimnisvoll die Hand.

Ihr Finger fuhr zum Mund, die Lippen zogen sich zusammen rätselvoll und lächelnd. Sie sah sein Gesicht heiß werden, er nahm ihr die Hand herab und drückte seinen Mund auf den Ballen.

Sie lachte winkend schon und entlief.

Sie wollte allein sein. Wie vieles und welche Höhe sie mit ihm durchlebt, kam ihr, als sie in den Garten trat und beruhigter stand. Die weiche Luft umhüllte sie, sie gab sich dankbar hin. Sie schnitt einen Strauß barbarisch wilder Blumen. Ihr ganzer Arm lag voll davon und währenddem ging ihr Blut in einer Klarheit, die allen Dingen sich verband, mit jeder Zelle faßte sie jedes Ding der Welt.

Sie spürte die Güte, die von Thengos Wildheit ausging und in wunderbarer Wage die Leidenschaft seines Atems mit ihrer Seele verband.

Das gab ihr Glück.

Aber in tiefster Liebe stehend, empfand sie die innere Sicherheit weit über den Zustand des Glückes hinaus. Die tiefe innere Ruhe war aus der Kraft der Entsagung in sie eingedrungen. Der Schmerz in der Liebe und die Trauer hatten sich eingesogen in ihr Blut. Sie trug einen Besitz, der sie abschloß und vereinte. Sie war gewappnet gegen jedes Schicksal.

Und damit brach sie zum ersten Male den Ring von Saint-Loux und die mystische Kraft, mit der er ihr Leben umlagerte, mit dem sie zum ersten Male schlief, und die seither ihren Weg bestimmte, dessen Lauf sie zurückriß in das Abenteuer seiner Umarmung jedesmal. Sie lächelte. Sein Bild schwand und verblaßte.