Frauen

Part 2

Chapter 23,928 wordsPublic domain

Fünf weiße Fahnen kamen angetragen und erstarrten in der Luft. Zwei Neger mit bunten Fahnen, bewimpelt den Schaft bis zum Ende, pflanzten sich davor. Mönche hinter ihnen fielen in zwei Reihen ins Knie, eine Gasse, die Köpfe zueinander.

In einer Scharlachweste und gespitztem Wollhut stand ein Geistlicher hinter ihnen, sein Kopf leckte noch nach dem Licht. Hinter Bedienten schritt ein Gouverneur, auf weißen seidenen Hosen die goldgestickte Weste von blauem Atlas.

Da hoben sich Speerträger, oben die Spitzen voll Gold, blutrote Troddeln rauschten fallend herab, ihre Füße standen im Gegenrhythmus der ganzen Bewegung, noch im Dunkeln halb befangen, eine Woge, die sich überstürzt. Aus ihren Schatten schon formten sich die Elefanten. Sie türmten gewaltige Leiber in die Flammenscheine, die wie eine Meute auf ihre Flanken stürzten.

Es war eine Mauer. Aber ein Schrei durchbrach sie.

Ungeduldig drängte ein anderer Elefant vor. Mit poliertem Haken riß ein schlanker Prinz seinen Hals, über dem ein Diener einen goldenen Schirm hielt.

Noch einmal schrie er, da hielt der Elefant.

Von dunklem Samt sprang der Reiter, warf die Schuhe zur Seite, sprang, allein, vor bis zum Tore und warf sich aufs linke Knie.

Vor ihm standen eingebaut in die Mauer groß und gewachsen aus Stein zwei Bilder: Thasiamis, mit der Feder in der Hand aufschreibend Gutes und die Laster . . . . . neben ihm das kniende Weib Masumdera, deren hohle Hand, die Welt schaukelnd, sie schützt bis zum letzten Tag, wo sie sie aufhaut wie eine Frucht.

Kaum aber berührte des Prinzen Knie den Boden, schon fuhr es zurück.

Er verschwand.

Der Abt kam nicht die Nacht.

Über dem Singen der Weiber auf der Ebene um die brennenden Sandelhölzer rauschten Raketen über den Himmel, zogen tiefe goldene Furchen und zerstoben in großen traurigen Strähnen, die schön wie Haar auf die Dächer des Klosters sich senkten. Riny am Fenster die ganze Nacht, flog auf mit jeder, sank mit jeder zurück. Am Morgen war ihr Herz unruhig, sie öffnete das Fenster und hielt ihre Brust und den Kopf in den leise wehenden Wind.

Durch die Allee ging sie hinunter, unruhiger noch, weil sie den Abt nicht fand, der nie außer der Woche ihrer Schmerzen bei ihr fehlte.

Sie trat um die Ecke der Säulenhalle.

Da kam in dem Gang der Prinz auf sie zu.

Sein Auge berührte sie, es war schöner wie das jenes Fürsten, der sie streifend in einer Stadt anhielt vor Bewunderung. Es war süß und grausam wie eines Panthers. Er ging auf sie zu mit federndem Schritt, aber kurz vor ihr drehte er ab.

Sie lief drei Schritte und sah um den anderen Säulengang. Am Ende stand der Abt, die Arme geöffnet. Der Prinz ging auf ihn zu. Sie waren beide prächtig gekleidet und umarmten sich. Sie stand und sah, als die Säulen sie schon von ihr trennten.

Sie ging hinaus und sah in einen Spiegel, die Hände an den Brüsten.

Sie nickte sich zu.

Sie kam an den kleinen Garten, ein Vogel saß auf dem vorderen Busch. Er hielt den Schwanz aufgerichtet und sang fein und frisch. Sie beugte sich in den Hüften vor.

Ihr Mund spitzte sich.

Sie pfiff ihm zu. Der Vogel pfiff wieder. Die Sonne lag ganz jung auf dem Land. Sie hob den Arm, die Augen abschattend. Sie sah soweit hinaus, wie sie selten sah.

Ganz am Rand des Horizonts zogen sich zarte schwingende Linien Wolken, die nun von Gold anfingen zu glänzen, darüber stand kühl das Blau des Morgens. Das Land begann zu leben. Die Büsche hoben sich ein wenig in die Höhe. Der Sand erhob ein Gleißen. Der erstarrte Wald zog ein Flüstern durch die Blätter, die sich bewegten. Dörfer brannten Rauch in die belebende Luft.

Nun kam von den schwingenden Pflanzen aufgetragen der Duft des Landes langsam herauf gezogen.

Sie unterschied alle Blüten.

Der scharfe Geruch der Palmen, das Ölige der Schlingpflanzen und die befreiende Zartheit der weißen Dolden.

Sie hielt an, die Nüstern gespannt.

Wieder erhob sie den Mund und pfiff. Es wurde immer klarer. Helligkeit überschwemmte fürstlich den Raum. Die Sonne kam in den Garten.

Sie machte einen Schritt, dann folgte der andere Fuß. Sie ging hinauf zum Turm.

Dann kam sie zurück, ihre Fesseln sicher setzend.

Im Garten sah sie vorübergehend den Prinz und den Abt. Andächtig sich beugend sagte der Prinz:

»Dennoch hast du dich vertieft.«

Der Abt saß, nicht aufstehend, lächelnd sagte er zurück: »Du bist jünger. Wie ich dein Alter hatte, da träumte ich, von Wachen und Hungern sehr vorbereitet, von einem Hügel aus. Ich sah Götter wie Bäume aus der Erde wachsen, unsichtbar dem wachenden Auge. Sie waren bald grün wie Laub, bald vom rotesten Gold. Ich habe nun das Unendliche wiedergesehen. Ich vergebe dir, aber du siehst es, wie ich mich erhöht.«

Sie schritt vorüber, rasch, keine Silbe drang mehr an ihr Ohr.

Sie sah nicht viel um sich. Blumen lockten sie wieder, gelbe überall ausgesät. Es war die Wiese, auf der sie zum erstenmal das Kloster sah.

Sie ließ sich nieder, träumend.

Dann nahm sie das gelbe Kleid der Mönche und schob es in eine Grabenrinne, in einem seidenen Kleid stand sie da wie früher, flocht Perlen in ihr Haar, das nur zu den Schultern reichte. Eine Strähne fiel zwischen den Brauen ihr in die Stirn.

Sie ließ sich nieder, dem Augenblick verwebt in wundersamem Verschmelzen. Kein Gedanke durchbrach ihr Hirn. Ihr Herz saugte sich voll der Landschaft. Sie hörte das Ticken des Geländes, den Jubel einer Amsel. Sie sah den Himmel über sich wogen, daß es kein Ende nahm.

Dann begann der Boden unter ihr zu schwingen wie eine Welle. Ein dunkler Fels warf Schatten über die Landschaft, türmte sich und nahm das Licht von ihr. Ein Elefant in großen Sprüngen durchschoß die Gegend und hielt bei ihr.

Sie sah nicht auf.

Sie sah das Ganze des Tages um sich fluten und schwang mit ihm in einem gleichen Strom. Die Ebene drang in sie ein, als ob sie sie besäße, und durchhallte ihr Blut mit einem warmen Geborgensein. Ihre Seele ging auf. Sie wußte ihren Namen nicht mehr, nicht ihre Heimat, schon vergaß sie den letzten Tag. Ihre Augen, die größer wurden, erschauten zum ersten Male wieder die Welt.

Jede Blume um sie wuchs ein ungeheures Wunder in ihren Sinn. Eine Eidechse ließ sie die Hände schlagen vor Entzücken. Der große Himmel über ihr aber sog sie auf in sein Wogen wie einen kleinen Klang in sein unsterbliches Rauschen.

Als die Schatten über sie fielen, zogen ihre Brauen sich zusammen.

Der Prinz wartete eine Weile.

Dann kniete der Elefant, daß das Land unter ihm sich bewegte vom Andrang seines warmen Bauches.

Dann hob sich ihr Kopf, ihr Blick kam und riß ihn herunter.

Mit beiden Armen trug er sie in seinen Sattel, bewegt vor Zittern, die heißen Augen wie Samt, schreiend.

Der Elefant stürmte gegen den Norden, das Kloster verlassend. Wind wühlte durch ihr Haar. Sie öffnete die Augen. Wie lag der Horizont mächtig vor ihr!

Nach zwei Stunden kamen sie zum Fluß.

Das Wasser war tief gefallen, sie sah die Ebene nicht mehr, zwei große Schlangen wälzten sich neben ihnen die Ufer, entgegenströmend mit gelben Wellen kam der Strom. Sie sah auf.

Vor der Kajüte verteilt lagen dreißig Ruderer, angestemmt die Muskeln im Fahren. Über ihnen standen an den Flanken Pfauenfedern, glänzend rund, und tibetanische Kuhschweife. Sie kam mit dem Auge an die Stange des Vorderteils, sie strich hinauf: ein großer goldener Knopf wie die Sonne. Dann glitt sie, ohne einzuhalten, in den Himmel, der über dem Flußbett hing, grenzenlos.

Ihr Gesicht färbte sich dunkler:

»Wie heißt du?«

»Thengo-Tikien.«

Zu einer großen Katze die Glieder zusammengezogen lag er vor ihr:

»Du?«

Ihr Nacken senkte sich nach rückwärts, ihr Auge nahm die Decke der Kajüte auf, geölt und voll Maserung:

»Germaine . . . . . . Renée . . . . . . Duse . . . . . .« riet er, der das Französische wundervoll beherrschte.

Sie schüttelte den Kopf:

»Nenne mich!«

»To,« sagte er.

Sie lachte leis.

Er, der jede ihrer Bewegungen gierig einsog, berauschte sich langsam an ihrem Gesicht. Er badete darin, sie ließ es seinem bewundernden Blick, ohne Verwirrung. Seine Verehrung war zu deutlich, zu unbefangen, als daß sie ihr nicht gefiel als Frau.

Während er sie genoß mit den Blicken, sprach er ihr von Europa, von Gärten mit Musik und Sälen, sein Auge war nicht ganz sicher diese Zeit. Ein Boy servierte ihnen auf Porzellan und Silber gebackene Teeblätter. Unmerklich abschwenkend, kam er aufs Nahe, hob die Hand und zeigte die Landschaft, er redete von Büchern und Elfenbein, seine Finger prahlten, damit ihr Auge sich bestürze.

Sie gähnte und sah ihn an.

Einen Augenblick wurde seine Pupille hart. Dann wurde er weich, sein Tonfall kam zu ihr fragend, verehrend, aus großer Entfernung. Er sagte verwunderliche Dinge, damit sie ihn belehre. Spielend mit seiner Unkenntnis, gab er sich als Kind, den Mund umzogen von unbefangenen Gefühlen.

Indem er sich so preisgab, hielt er dem Rätselhaften stand, das ihn an ihrem Gesicht verstörte.

Allein sie gab nicht nach.

Er sprach von seinen jesuitischen Erziehern, deren frappierende Wirkung er kannte. Ihre Seltsamkeiten ernst nehmend, wurde seine Lippe ganz kindlich. Seine Sprache schmollte, derart spielend.

Sie folgte ihm mit einem Lächeln, das er eintrank.

Sie folgte ihm bis auf die Höhe dieser Kindlichkeit.

»To,« sagte er schmeichelnd wie eine Katze und lehnte den Kopf an ihr Knie und rieb leicht die Wange daran.

Rasch zog sie das Bein zurück.

Er schnellte auf, getäuscht. Aber ihr unbefangenes Gesicht, das sie mit einem Ruck damenhaft unberührbar vor Sicherheit verwandelte, gab ihm die Erinnerung seiner europäischen Tage, seine Hand fiel zurück. Er lächelte ebenfalls unbefangen zu ihr.

Seine Haut aber spannte sich vor Erregung, er war von göttlicher Schönheit und hielt nur noch schwer.

Sie reizte ihn, daß er seine Haltung änderte, sie ließ die Augen nicht von ihm.

Am Mittag erreichten sie einen Platz, wo Stufen, in die Felswand gehauen, zeigten, daß Städte hier seien. Anhaltend, entstanden ihnen Bambushäuser in fliegender Eile. Ein Landschaftsgouverneur erschien, die Gegend bevölkerte sich. Über ihnen wölbte sich eine Ebene, auf deren Scheitel unbeweglich ein Schwarm Tauben hing.

Der Abend war noch weit. Sie nahmen, faul vom Liegen, junge Pferde und ritten. Je länger sie ritten, um so größer wurde die Geschwindigkeit der Tiere. Die Pferde warfen Mais und Gras auf mit dem Huf, eine kleine Wolke von Sand stand an jeden Fuß geheftet. Der Prinz wies ihr seinen Besitz, sein Finger stieß in die Gegend. Seine Stimme war deutend, erklärend, mit einfacher Würde.

Er kam ihr mit Gleichmut, und sie lächelte darüber.

Der Nagel seiner Hand glänzte. Dahinter standen Berge, die Rubin trugen und Kupfer. Die Fläche seiner Hand formte eine Quelle, die heiß lief, mit Nymphen, blond die Haare. Sie gab ihm freundlich das Ohr.

Die Luft, in die sie tauchten, löste alles um sie auf, so dicht ward ihre Strahlung.

In das Rot der unsichtbaren Sonne stieg ein blauer Dampf. Die Reiter hoben sich mit scharfen Rändern unwirklich aus der Landschaft.

Vor ihnen ballten sich Umrisse, der Luft seltsam verwoben, wie ein Kreis.

Die Hufe der Pferde waren in der weichen Wiese kaum hörbar. Kein Ton lag in der Luft.

Ein Tor schlug sich ihnen auf, dumpfer Schein von Metall darum, das zerrissen daran hing. Hinter dem Bogen lag weich im dunklen und goldfarbenen Raum eine Straße. Sie sahen keinen Menschen in der Einsamkeit der Gebäude. Es wogte eine samtene Luft, die sie fast faßten mit den Händen. Sie sprangen ab und banden die Gäule an Penaigobäume.

Ihr helles Wiehern scholl blendend wie etwas Helles in der weichen Verlassenheit hinter ihnen.

Die Fenster der Häuser glänzten wie Milch. Die glanzlose Sonne war lang verschwunden, aber die Dunkelheit war fast weiß von Licht durchflimmert, und Silber band sich in jeden Winkel.

Riny bog in einen Garten, dessen Mauer eingestürzt lag, schon verwachsen, gegen die Straße. Thengo glitt hinter ihr. In der Ruhe sprang ihr Herz. Sie fühlte ihn im Rücken, ihr Puls erstickte sie in der Kehle, die Brust schnürte sich zusammen. Sie sah um.

Sein Kopf war in dem Licht sehr schmal, mit zarter Haut und gerafften wilden Brauen . . . . . erregend die Tönung der Lippen.

Sie nahm ihr Auge aus seinem und trat rasch in das Haus, ohne den Schritt zu beschleunigen. Zu einem Fenster des verfallenen Hauses sah sie heraus.

Er stand unten, geduckt. Sein Kopf sah heraus, seine Kehle gab etwas frei, einen Ton, dann sprang er nach.

Treppen vor sich aufgetürmt, schon überwunden, Säle, Keller, ein plattes Dach voll weißer Disteln . . . . . überall spürte sie seinen Atem, pochender Schläfe, nie fehlte ihr seine Gegenwart.

In einem Schatten duckend, sah sie seinen gespannten Schenkel, der ihn vorbeitrug.

Sie stieß einen leichten Ruf aus, der ihn anhielt, weich und dunkel sich verirrte weiter in den Gängen.

Durch das Fenster, den Kopf noch nach seinem Ansprung gewandt, ergriff sie einen Ast und schwang sich auf den Balkon.

Schon um die Biegung der Galerie, gerötet, das Herz haltend, sah sie den Schwung, der den bronzenen Körper hinter ihr herüberwarf auf die Brüstung.

Von einer Schar Pilaster aufgehalten, verwirrte sich ihr alles. Verlassen, allein suchte sie den Ausweg.

Je länger sie den Weg suchte, um so deutlicher suchte, rufend, sie nun ihn selber. Von Marmor zu Marmor sich windend, kam ihr aus dem Schatten sein Mund überall entgegen. Unter einem Bogen sah sie Sterne. Sie wand sich hindurch und trat durch ein zerfallenes Fenster auf eine Terrasse, darüber den Himmel.

Sofort spürte sie ihn in der vibrierenden Luft.

Sie wandte sich die Länge des Baus hinunter. Ohne daß ein Laut ging, fühlte sie ihn hinter sich.

Sie fieberte über die ganze Haut.

Sie lief die halbe Terrasse hinunter.

Dann faßten seine Hände ihre Schultern.

Mit gleitenden unentreißbaren Bewegungen riß er sie an sich, ihr Mund heiß und quellend bog sich an seinen, unter feinen Liebkosungen kam sie wieder zu sich. Sie waren sanft wie die der wilden Tiere.

Der Sand der Terrasse war warm von der Sonne noch wie am Meer.

Sie lehnte den Rücken gegen die Wand des Palastes, an der sich ihr Schatten groß und gelockert um sie formte. Er lag bäuchlings vor ihr, sein Gesicht zu ihrem erhoben, die Zähne frei, die Lippen befeuchtet. Seine Muskeln lebten alle, auch in der Ruhe war er gespannt. Sie sah auf ihn, hingegeben dem Bezwinger. Seine Gewalt und Wildheit, das Knirschen seiner Zähne, die Glätte seines Körpers machten sie wanken mit den Lippen nach ihm. Ihr Kopf war müde, er blieb an die Mauer gelehnt, unsichtbar bebten nur die Lippen.

Wieder in einer Pause ihres Bewußtseins lag er vor ihr. Sein Blick badete immer noch in ihrem Gesicht und sog einen Rausch daraus, der langsam seine Züge überzog. Um seine Pupillen gingen im Wechsel die Gefühle, die Augen erstarrten in glasigem Email. Seine Lippen bewegten sich einige Male.

»To.«

Er wiederholte ihren Namen.

»To . . . . . . ich liebe dein Gesicht.«

Seine Stimme ward leis und singend:

»Es ist nackt,« sagte er.

Sie legte die Hände unter den Nacken.

»Du hast es unverhüllt getragen. Nie sah ich Frauen, die so stolz waren in ihrer Schamlosigleit.« Die Stimme versagte ihm heiser.

»To . . . wenn andere Frauen ihr Gesicht preisgäben . . . To . . . deines ist schön und hart. Hast du es durch viele Länder getragen? Viele haben es gesehen wohl an deinen Seen, in den Städten, wo du fuhrst -- -- Tausende Männer haben ihre Augen darauf gehabt . . . haben es beschmutzt. Haben Hunde es gesehen? Frauen haben wohl heiße Blicke darauf gehabt? Aber -- ich liebe es.«

Sein Blick flehte an ihr, er zog an jeder Falte ihres Gesichtes, und ihre Augen stahl seine Glut in die seinen hinein.

Ihr Kopf stieß gegen die Wand hinter ihr. Sie empfand die Macht ihres Körpers ausgehen von sich eine Wolke voll Geruch. Noch war ihr Herz tief in der Gewalt seiner Umarmung, da stieg sie schon, ohne daß sie es wußte, weit über ihn, der sich wand vor ihr in Wollust.

Er hob sich auf, schnellend mit allen Sehnen. Lächelnd bog sie den Mund zur Seite. Sie sah das Fremde aufblitzen in seinen Augen, die grünlich aus dem Ring um die schwarze Pupille heraustraten. Sie roch seinen Körper, der duftete nach stürzendem Blut. Süß geschaukelt in der Gefahr seiner wilden Entfesselung reizte ihr Mund ihn, bis er als Kind an ihren Knien vergehend lag und sie, es schwer nur ertragend, den Mund hinüberbog an seinen und klein und schwach unter seinem von Leidenschaften überschwungenen Kopfe hing.

Ihr Lächeln, bald hingegeben im Vergehen, lenkte seinen Blick, der sie zerriß. Ihr erwachender Blick aus dem Taumel zog ihn zu sanften Worten, hinter denen, die Fesseln gespannt, das Raubtier stand.

Noch halb in der hellen, aber von Morgenscheinen dunkel versilberten Nacht trug er sie, mit der Kehle jauchzend, zu den Pferden.

Ihre Schatten fielen langsam auf die Erde, die fast rot war. Sie erreichten die Schiffe, die Gäule ritten Kopf an Kopf, kein Zoll fehlte.

Der Morgen legte die weitaufgebrochene Landschaft vor sie. Mit Licht ausgefüllt leuchtete sie still von allen Seiten in sich selbst. Wind packte keiner ihr Haar und Gesicht. Sie lächelte blaß und verzückt, die Ringe sanft unter die Augen gezogen.

Die Welt stand eine Kuppel über sie dünn und zart wie aus Glas.

Der Rhythmus des Fahrens wiegte sie gut. Die Sonne kam bis zu ihr herab und senkte sich zwischen ihre Brüste, mit mildem Licht von hier aus das Licht ergießend über die Welt, die sie sah und die sich um sie bewegte, in der sie tausendfältig in der großen Ruhe war.

Am Ufer parierte ein Pferd gegen Mittag, die Vorderbeine stiegen in die Luft, ein Zaum bog das Maul in die Höhe. Sein roter Bauch strahlte auf. Thengos Augen zogen sich zur Seite. Ein Schwimmer holte die Nachricht und hob sie in das Boot. Sie mußten sich trennen, es war nur auf Stunden. Dennoch erbleichte er. Rinys Blick sah ihn tief bewegt, doch sie blieb kühl. Sie gab ihm die Hand, der er tausendfach sein baldiges Wiederkommen versicherte. Sie sagte nichts, auf was er lauerte.

Ruhig, unbefangen nahm sie Abschied von ihm, dessen Gesicht sich grausam zusammenzog. Seine Augen bewegten sich nicht von ihr, solang als ihn sein kleines Boot zum Ufer fuhr.

Weiterfahrend verglitten die Dämme der Küsten in die Landschaft. Vom Ufer aus sah sie auf das Gelände, das im halben Bogen des Horizonts mit Mais gefüllt war, und auf der Tiere still dahingingen bis an den Rand.

Gegen Abend tauchten sie in eine Bucht, Scho--Li--Rua, die Bai der gelben Boote. Das Wasser stand wie Glas. In einem hohen Bogen hoben sich Häuser mit kleinen Fahnen und senkten sich wieder über einem Hügel, die Fronten gegen den Fluß gelehnt. Hier nachteten sie.

Sie bewohnte das äußerste Bambushaus des Kreises, halb schon an der Bai. Keinen Augenblick empfand sie Ruhe. Schatten wogten draußen. Durch die Ritzen spürte sie, unsichtbar, den Glanz spähender Augen. Lautlos trug die Luft ein erregendes Geschehen, das ihr den Schlaf nahm.

Sie trat, aufstehend, zur Tür. Davor saßen zwei Wachen, hinter ihnen glitten Schatten weg in die Nacht. Sie ging hinein und legte sich von neuem. Lange konnte sie nicht schlafen, von der Hitze der Gegend und der Bewegung um sie gestört. Auch ihr Hirn versagte. Sie konnte nichts denken. Langsam fiel sie so in den Halbschlummer hinein.

Halbnackt, auf seinem Schweiß noch den eines Pferdes wie Schnee, stand Thengo vor ihr. Sie fuhr auf, noch konnte er nicht reden, als er sie küßte. Noch versagte sein Mund, als seine Lippen schon ihr Gesicht überwanderten.

»Du . . . ,« flüsterte er keuchend. Seine Augen wurden lächelnd und klein vor ihr, als ob sie bäten . . . . . . »ich habe mich sehr geeilt.«

Tagelang noch fahrend, hielten sie eine Nacht dann nicht an. Mit Windlichtern ruderten sie durch das Dunkel des immer mehr verengten Flusses hinauf. Mit dem Morgen hob sich Dunst von der Gegend und in dem noch wirren Ineinanderschieben des Nebels sah sie goldene Spitzen im schon manchmal erscheinenden Blau.

Ein Palankin hielt, wo sie landeten.

Er, den Schwanenhälse zierten, von zwei Löwen an der Spitze und am Ende gleich einem Flügel breitenden Vogel überbogen, die fürstliche Türmung gelb darüber gereckt, empfing sie aus dem Atlas des Inneren mit Moschusgeruch.

Rasch getragen sah sie durch die flatternden Falten des vorgeschlagenen Vorhangs, sanft gewiegt im Rhythmus der Laufenden, eine Stadt eine Hügelkette hinan gelegt und an ihrem Fuß anspülend einen See.

Dann hielt sie in einem Garten und sah das Schloß mit Galerien, achtstöckig unter dem chinesischen goldenen Dach, das den obersten Erker überspielte.

Thengo-Tikien empfing sie im dritten Stock, er nahm gleich ihre Hand und führte sie durch die Zimmer. Als er neben ihr ging nun, war nichts mehr von der Würde des Armwinks an ihm, mit dem er vor einem Herzschlag noch die Diener hinausgeschickt. Stets Neues aufkramend, wies er ihr das Alte wieder. Er brachte ihr eifrig eine Tasse, an der sie vorbeiging. Kissen hob er ins Licht, daß die Lamaseide bleicher scheine. Vasen rückte er ihr zurecht. Seine Hände boten ihr, wühlend in kleinen gehäuften Dingen, von Tischen Silber und Dosen.

Sein Auge stahl jeden Ausdruck aus ihrem Gesicht. Mit ihr wurde er gleichgültig, sein Gesicht ward ausgelassen mit ihrem, verzückte sich wie sie.

Die Wände schienen blau herunter, mit in Seide gewebten Figuren durchzogen. Vor den Fenstern lag der Westen und der große See.

Sie wandte den Kopf zurück von den schönen geschwungenen Ufern, nahm seinen Kopf in die Hände, küßte mit langem Kuß seinen guten Mund.

Seinen Zahn spürend, gab sie sofort ihn aus dem Kuß.

Er zitterte vor ihrem gleichmütigen Lächeln. Sein Fuß trat auf, doch sofort wurde er sanft. Da warf sie sich in die Kissen, und nun fuhr die Flamme wieder ungehemmt über ihn.

Oft sah sie ihn nun, ohne daß er bei ihr war. Durch das Fenster auf den Hof schauend, erblickte sie ihn, der Soldaten vorbeiziehen ließ. Das Laubgewinde des Fensters schnitt seine Figur in viele zarte Teile, in einem runden Loch schwebte der Kopf. Durch das Gitter einer Galerie sah sie ihn mit Gesandten verbindlich reden, Europäer verbeugten sich ihm, er verbeugte sich ihnen, das flüssige kalte Feuer seines Französisch schwirrte zu ihr herauf.

Sie verlor sein Gesicht nie aus den Augen über seine Haltung, die alles ausdrückte.

Sein Gesicht war gleichmütig, ihr war, sie hätte es nicht gekannt. Es war ohne Stolz und als hätte es nie gewußt um Demut. Haß und Freude wies es nie auf, nach innen gekehrt unter halb geschlossenen Lidern.

So beinahe noch kam er des Morgens zu ihr. Erwacht oben, wo er schlief, der Sonne am nächsten, empfing er die Masseure, nahm das Bad, währenddem er las eine halbe Stunde, dann stieg er hinunter.

Er frühstückte mit Riny, die ihn in heller Matinee, die Arme nackt aus Tulpenärmeln fallend, empfing. Er griff nach Nüssen und Mandeln, schenkte Riny Milch ein und reichte ihr die Früchte. Immer stand sie täglich vor dem ihr unbekannten neuen Gesicht. Nur aus dem Eckschlitz des Auges kam manchmal ein Blick der Unbeherrschtheit. Aber mit einigem Lächeln legte sie sein Gesicht frei. Es schmolz hin unter ihrem Gesicht, das sich ihm zuneigte. Kindlich ihren Augen vertieft lag er, wunschlos, verehrend vor ihr in den Fellen. Sein Blick legte Andacht und gütige Stille auf sie. Ein großer Schmetterling summte in das noch sommerkühle Morgenzimmer, vor dem die Stille des weiten Sees sich breitete. Hin und wieder flüsterte er ein leises Wort, das ihr gut tat, hinauf, während ihre Augen ineinanderhingen in einer klaren Vereinigung.

Widerwillig ging er von ihr den Morgen, noch aus der geöffneten Tür ihr traurig winkend, zurückkehrend und sie noch einmal zärtlich küssend, sein Mund dann verzog sich schmollend. »Chéri,« lächelte sie und zog ihn zärtlich an sich zurück, »bleib hier«.

Aber dann ging er trotz ihrem Lächeln, diktierte, ließ sich umkleiden, empfing. Erst am Abend holte er sie, in die beruhigtere Landschaft mit den Pferden hinauszureiten.