Part 17
Er lehrte sie den Zauber der Imperiale, wo Meister Levage neben ihnen murmelte, wenn sich der Omnibus durch dunkle Straßen bewegte, und seinen Gäulen sein von der Angst der Autobusse, deren Einführung bevorstand, umwölktes Alter erzählte und wie seit vierzig Jahren die empfindlichen Stellen der Pferdehälse mit der Peitsche tuschte.
Schon blieb sie selbst stehen und durchbrach ihre Herkunft, als an den Straßenecken die Roulettetische aufgeschlagen wurden, und Harri trug das Glas mit Goldfischen, das sie gewann, auf einem Karussell und dann auf der Bootfahrt im Bois, wo sie die Tiere befreiten unter den mispelfliegenden Pappeln.
Er führte sie wieder in das Gewühl der Seinedampfer und brachte sie hinaus an die Grenze, wo Wiesen und Wind aus Büschen der Stadt entgegenkam.
Aus Blumen, Bäumen, Wellen formte sich dann etwas in sie hinein von seltsamer Kraft.
Etwas trat plötzlich in ihr Blut, das sie stark machte gegen ihn, ja ihn manchmal dunkel bedrohte. Staunend sah er, wies das, was er an sie heranbrachte, sich irgendwie gegen ihn verstärkt zurückwandte und ihn einem Zustand zuleitete, der ein tiefes Aufmerken und ein Anschlag in seinem inneren Hören war.
Ganz anders war Fontainebleau mit ihr, in neuer nie gesehener Landschaft sproßte St. Germain. Ihre Blicke hatten etwas Unverborgenes selbst für ihre eigenen Geheimnisse. Aber selbst ihre lässige schlanke Müdigkeit lehnte sich mit einer wilden Kraft, die ihr von Margueriten und Rosen und der Abendluft zuströmte, über ihn.
Als sie seine Geliebte ward, blutrot verschämt, mit dem Gedanken an ihre verstorbenen Eltern, wie sie gestand, und voll von einem sanften Entsetzen, war ihre Hingabe dennoch von so hemmungsloser Kraft, daß sie ihn mehr besaß als er sie.
Morgens fuhren sie nach Versailles.
Als er am Ende aller Stufen im Gras am See, der die Terrassen auffing, auf sie wartete, stand sie noch oben unter den hohen Schloßfenstern und wartete auf den Wildentenpfiff.
Dann kam sie.
Da fühlte er eine Veränderung schon, wie die erste Terrasse sie aufnahm und er begriff, wie das in sein Leben hineinfaßte und es bestimmte.
Er sah, wie alles sich plötzlich auf sie hinwandte, wie alle Menschen aus den Taxushecken, den besonnten Bosketts, den geschlungnen Beeten die Augen nach ihr hoben, wie die Natur fast in einer aussetzenden Sekunde sich ihr anschloß, See, Wiese und Guirlanden hineinströmten in diese abendliche Bewegung.
Die Marmorstufen, die rot und weiß unter ihren Schuhen sich streckten, dröhnten leisselig die Minuten, die sie herabkam, von Treppenfall zu Treppenfall gleich von sanft strömenden Kaskaden heruntergegeben. Es schien, als treibe alles ihr nach in dieses Gleiten.
Und ebenso, wie sie den von den quecksilbernen tiefen Schloßfenstern abgeblendeten roten Himmel mit sich herabzog, schloß sich an allen Stationen des Herabgangs das Vorhandene an sie an.
Die Delphine und Tritonen liehen ihr das Ängstliche ihrer kühnen Bewegungen. Diana drängte nach ihr den Busen. Die Königin der Frösche wandte die glühende Achsel herüber. Der Flötenbläser sah zitternd in stummer Betäubung zu ihr hinüber. Der rötliche Marmor Apolls selbst und die bronzenen wilden Tiere erregten sich in einer fiebrigen Minute und beruhigten sich wieder. Die Orangenbäume neigten in dem Vogelschweigen sich in eine flüsternde Brise.
Schmerzlich und verlassen standen die Göttinnen der unteren Terrassen und wandten sich hinter ihr in das Dunkel der Laube.
Und nun begannen in ihrem Rücken die großen Wasserspiele aufzugehen und sich tief in den Himmel zu drehen. Die Sonne hatte sich auf dem Teich niedergelassen und schloß mit den schaumigen Köpfen der tanzenden Fontänen oben zwischen zwei Vorhängen sie ab von der Welt.
Erschüttert frug er: »Wo ist Léon?«
Sie machte eine verhüllte Bewegung.
»Warum?«
»Weil ich dich liebte.«
»Tatest du es selbst?«
»Gestern abend. Ja.«
Sichere Konturen bekam, was sie besah. Stetigkeit hatte ihr Ausruhn, ihr Spaziergang, ihre Liebkosung. Sie gliederte den Tag, die Leidenschaft, die Ruhe mit einer bewegenden Anmut. Die Gegenstände empfingen von ihr Würde und Haltung. Sie beherrschte einfach, was ihr entgegentrat, ohne es zu wollen und auch das, was sie nicht begriff, mit der Ungebrochenheit ihres Wesens.
Saftigeres schälte sich ihnen nun heraus aus den Museen: Holbein, Ostade, Bosch, Grünewald, Brueghel, Mäleskirchner. Da flossen Speisen überall, knackte das Leben mit Orangkiefern sich auf, ward nach Gott explodiert, und in Lehm und Spelunke, in Fisch, Frucht, Fleisch, Prasserei noch ein Haben gefordert und endlich nackte Sicherheit gelassen vor das Schicksal gestellt.
Airas einfache Einstellung wußte jedes Urteil im Traum. Doch hielt sie auch Oxygénée, was ein Purgier ist, für einen Vornamen. Unfaßbar, aber auch nicht zu umspannen, stand sie an den Fenstern, die auf Paris hinabsahen, das irgendwo in einem apfelgrünen Himmel jäh ertrank.
Sie ging hinaus, als Petrovas Karte hereinkam, elegant der Mann hinterher. »Ah?« frug Harri. Petrova nahm einen Liqueur: »Sie sehen keine Veränderung. Entweder kein Sou oder zwanzigtausend Francs in der Tasche hielt ich stets als Prinzip.« Harri lachte: »Sie waren nicht so bestimmt«. Petrova lächelte mit dem Mundwinkel: »Das ist der Vorteil des Besitzes. Für einen Hungerleider ziemte die unbestimmte, abenteuerlichere Haltung.« Allein seine Sicherheit war nicht so groß wie sein Auftreten. Er deponierte bei Harri fünfzigtausend Francs.
Ihn bangte immer vor dem Schicksal und er legte Reserven, aber sein Glaube an Menschen war unbedingter wie an das Starre der Institutionen, er vermied, abergläubisch, den Tresor der Banken wie Pest.
Mit einer älteren Dame, die im Auto ihn erwartete, entschwand er über den Boulevard Port Royal aus dem Gesichtskreis.
Die Hitze fiel ein in Paris.
Auf den Boulevards kamen nachts Ratten herauf, fraßen die Absynthsäufer an. Manche ohne Ohren, mit halben Nasen wurden in die Spitäler gerollt.
Die Seine fauchte wie ein fauler Fisch schillernde Gase aus. Das Viertel der Großen Hallen stand eine geöffnete Kloake und stürzte Wolken Gestank in den Himmel. Fein, kaum merkbar fror das Arom der zärtlichen Champs Elysés zwischen den auf ihren Bänken geräuschlos Winterspeck ausschwitzenden Rentnern und der erstarrten Verzauberung der sandigen Bäume. Selbst die Militärmusik der öffentlichen Gärten klapperte nur verzweifelt mit gelben Flügeln und schleifte doch nie die Töne bis an die erfrischendere Trommelfülle der Fontänen.
Sie packten.
Harri öffnete die Luken, ließ die Windsegel hinaus. Die Kuppel strahlte von Glas mit feuriger Steigerung. Die Straße unten lag noch voll Schatten.
Vom Auto, das sie rasch den Boulmich hinunter entführte, sahen sie zurück. Mit blauen, gelben, roten Ballonen und Segeln gehißt, vom Morgenwind immer wieder festlich gefüllt, schwamm die Kuppel ihnen weg in die Sonne.
Sie fuhren nach Holland.
Schon führte nicht mehr er, schon war in ihrer Heimat sie von keiner Überlegenheit. Mit gleichen Augen bereits sahen von Nordereiland sie Rotterdams Hafen, spürten die Viehherden über riesige Drehbrücken in dies Loch Europas strömen, fühlten die Vorstädte mit Reis, Tabak und Tee sich füllen wie eine gleichmäßige große Bewegung.
Mit gleich empfundener Melodie wie auf einer Spieluhr spulte vor ihnen in s'Gravenhaage im Hotel des Indes das Speisen und Sichbewegen der bevorzugten Sippen bei Flöten- und Geigenorchester sich ab, fiel abends die Gegengebärde der saftigen derben Leiber a Spuistraat dröhnend in dieselbe Kadenz.
Fiel allabendlich in Amsterdam ein andres Weib in die ölgefleckte Gracht, zog die Bluse kreischend aus und schüttelte den mächtigen Busen, so trugen sie mit dem gleichen Lächeln den Vorgang sich zu, ebenso wie wenn vor ihrem Blick hinter Zorgvliets Parks die Welt in Scheweningen mit Badeeifer den Strand erhellte.
Sie fiel auf durch die schlanke Lässigkeit ihrer selbst im geringsten rassigen Bewegung, er hatte selbst unter Amerikanern noch die beste Figur.
Der Abend ging vor ihnen von der Seeterrasse zurück und die Lichter der Seebrücke begleiteten ihn noch eine Weile, bis Gesang aus den Pinken aufscholl und mit glitzernden Fischnetzen der Lärm in den Hafen zurückkam. Sie sahen es abebbend mit der Ruhe, vollsaugend sich mit Leben, immer im gleichen Puls. Sie gewöhnten sich so aneinander, daß sie das gleiche schon empfanden, eh es in ihren Gesichtskreis trat.
Erotische Landschaft spürten sie, wenn sie die Dampfer und Fregatten meilenweit Spalier stehn sahen. Lust auf Kanälen zu fahren machte es ihnen bereits, übernachteten sie auf Mühlen, duschte der Gastherr sich nackt morgens im Garten. Wie unter Stichworten tröstete über dem Gestank des Judenviertels sie der goldene Staub.
Hinter dem Prinsenhof an der Oute Delft gingen sie sogleich wortlos rasch in die Wiesen, wo aus den Lindenkanälen und fetten Gräsern bis unter den letzten erzitternden Horizont die Glocken schlugen. Da stand Aira wieder mitten in der Frische, von jedem Erdstück, jedem Glockenschwung, die sie berührten, neu und anders gerichtet. Nichts gab es an Wolke, Blau und Büschen, das sich nicht auf sie richtete und seinen Reiz neidlos für sie hingab.
Aber so nah war sie dem Geheimnis ihrer Natur, die sie nicht kannte, daß sie gewissermaßen zurück in Herz und Kern der Dinge einfiel und wieder schlank und sehnig sich aus ihnen spannte. Stand sie zwischen Kühen, die von weither zu ihr liefen, war etwas von ihrer wilden Anmut in den Weichen der Tiere, aber die Sanftmut der ruhenden Tiere hatte in ihren Blicken ebenfalls Sitz.
Am Abend verließ sie ihn für wenige Tage. Sie kam zurück damit, daß sie, ihr Vermögen zu regulieren, nach Java fuhr. Er lachte, als sie die Absicht aussprach, daß sie, deren ganze Verwandtschaft dort unten wohnte, allein führe. Er plänkelte eine Weile, aber wie ihr verschleierter Blick ihn warnte, mit Zwingen dahin vorzustoßen, wo in ihren Hintergründen der Entschluß sich festgesetzt, ließ er die Sache fallen, wie alles, was sich ihm entzog.
Obwohl ihn alles an ihr reizte, so lange ihre Herzen auf einem Akkord hinliefen, überfiel ihn Müdigkeit in dem Augenblick, wo er verfolgen sollte, was ihn floh, und selbst für diese Frau schien Kampf im Augenblick ihm noch zuviel.
Sie setzten einen Termin, sprachen nicht mehr darüber, gaben sich Stunde und Tag und sich selbst aufatmend einander wieder wie vorher.
Eine Woche lebten sie in zwei Dörfern, die eine Düne trennte. Auf dem Kamm trafen sie sich morgens. Der Dünenfuß war mit Makrelen besät, Vogelgezwitscher und Kuhgebrumm stand dahinter.
In einem Ewer fuhren sie dann in die schwerrollende See der Morgendünung. Mittags booteten sie aus, bestiegen eine Eisenbahn, fuhren in einem kleinen Wagen, bis sie sich zwischen den Dünen kaum mehr auskannten. Dann schlossen sie eine Lagerhütte auf, rollten ein Boot ins Wasser, ruderten mit langen Schlägen auf eine kleine Insel und zogen in das einzige Haus.
Eine Woche bremste weißköpfig das Meer die Welt ab. In der letzten Nacht brach der gewittergeäderte Himmel unter einem pausenlosen Schlag. Harri erwachte. Aira war nicht da. Das Haus war leer. Atemlos stürzte er in den Garten. Da kam sie, umwölkt von dem Bodenduft, geschmeidig in der Haut, das Hemd voll Blattzeug, auf den schlanken Hüften aus der mattschimmernden Nacht, wie ein Stück dampfende Erde in seinen Arm.
Mittags kam ein Motor langsam um die Ecke und holte die Koffer. Abends sahen sie durch die Rosenhänge der Veranda die Lichter des wartenden Autos an der Küste. Sie schwammen hinüber, damit sie das Meer noch einmal koste, das ihnen solange gemeinsam war. Im Schuppen zog sie sich um, küßte ihn. Auf dem Strand der Insel drüben hörte er noch das Verrauschen des Autos am Horizont.
Er gab sich der Ruhe hin, den Fischen, dem Mond, den Wellen, aber er hatte zu geringes Maß Vertrauens auf sich gesetzt, als er seinen Elan nicht stählte, um sie zu kämpfen.
Denn als sie fehlte, verdreifachte sich ihre Kraft, und aus jeder Schnecke, jeder Muschel, jeder Welle, jedem Segel nahm sie Form an.
Ja selbst aus Dingen, zu denen er sich rettete, die ihn zerstreuten, aus Fischen, aus Mond, aus Wellen trat sie heraus. Sie kam aus dem Weiß des aufgeschlagenen Bettes, sie trat in den Schlaf, in den Traum, sie bezwang ihn mit jedem Gegenstand, den er berührte.
In alles, was in Zusammenhang stand mit ihrem Wesen, war sie unverlierbar gekettet, im Läuten des unsichtbaren Viehs hinter den Dünen klang ihre Stimme, an den Lämmerwolken des Abends ruhte ihr Auge, im Flüstern des Schilfs war ihre Stimme.
Aber sie hatten sich so sehr vertauscht, daß nicht die Dinge nur, die sie berührt, sie ihm zurückbrachten jede Sekunde, sie war so eingegangen in seine eigene Figur, daß der Klang seiner Stimme, das Schaukeln seines Schattens, daß selbst das Zittern seiner Hände nichts war als ihr Ausdruck, ihre Stimme, ihre Anmut, und daß er, wenn es ihn überfiel vor Sehnsucht, sich fühlte, als sei in ihn ihr Wesen eingezogen, und als sei sie wiederum auch er.
Am Strand, die Augen geschlossen, ertrug er den Schmerz nicht länger: seine Heimat war von ihm gegangen. Dies Gefühl blieb. Alles andere hatte sich ganz aus ihm gelöst.
Das spannte ihn wie ein Fell, auf dem es dröhnte, als er sich zerstreute, zwischen Städten, Menschen, Schiffen nichts sah als sie.
Da fühlte er, daß er es nicht ertrüge ohne sie, er beschloß ihr zu folgen, aber er war so sanft geworden, daß er schon anfing ihre Gedanken nicht nur zu denken sondern zu leben, und damit er sie nicht störe, von niemand gesehen werde und ihr nicht schade und sei es nur in ihrer ängstlichen Einbildung, nahm er, nur im Drang ihr nah zu sein, Zwischendeck.
Sigfrid Brown, Makler, geboren Odessa, überschiffte er das Meer. Zum ersten September legten sie in Samarang an. In der Dämmerung kam Aira Belmont mit ihren Brüdern in einer Barkasse herüber und ging über das Deck in die Kajüte. Er sprach sie nicht an.
Als sie zurückkam, stand er am Reeling in der Dunkelheit, die Barkasse legte wieder an. Aber während sie die Treppe hinabstieg, stiegen ihm die Tränen in die Augen vor besinnungslosem Schmerz.
_Im selben Augenblick aber brach der Ring, mit dem der Tod sein Leben eingekreist_ und ihm sein irrsinniges Erlebnisgrauen neben die nun spielerischen Dinge stellte.
Aus dem Schmerz kommt eine wundervolle Klarheit in ihn gezogen, und während das Liebste seines Lebens verschwindet, erglüht seine Seele zum erstenmal voll Rausch. Und wie die geheimnisvolle Verbundenheit sich öffnet, mit der sein Dasein dem Tod verschuldet war, tritt er heraus aus der Rolle des Zuschauers in den heißen Kreis des Daseins, der schmerzt.
Sie fuhren nach Ceylon weiter. In dieser Zeit wandte er sich mit Aufmerksamkeit an die Umgebung. Zwischen Matratzen und Läusen entging ihm nichts. Bei einem Boxkampf zerschlug einer einem Steward die Nase. Die Nigger walkten ihn, bis er schwoll.
Die Stickluft machte ihm eine Entzündung. Nachts brachen sie, wuschen die Windeln, die Kinder schrien. Ein Ire, stiernackig und groß, fiel auf die Knie und betete. Es entging ihm nichts.
Am letzten Tag starb einer an Tuberkulose. »Ausgespien«, schrie sein Nachfolger in der Matte. Sie schmissen ihn, in einem Sack, mit einer Kanonenkugel ins Wasser. Oben schossen sie. Unten sang man:
»Uns rettet nie ein höhres Wesen, Kein Gott, kein König, kein Tribun, Uns von dem Elend zu erlösen Vermag nur unser eignes Tun.«
In der letzten Nacht ohrfeigte der Kapitän einen galizischen Rabbi, weil er öffentlich die Gebetszeremonie machte.
Als Harri frug, warum er sich nicht empöre, gab er keine Antwort. Vor der Landung riß er, nachdem er ihn in eine Ecke lockte, Bart und Haar herunter, er sah Shanvady. Er suchte ihn zu überreden, mit ihm auszuschiffen, seine Rolle in Europa hatte er hinter sich geworfen. Harri weigerte sich.
»Sie waren in Ihrer Unbeweglichkeit mein reizvollstes Experiment da drüben«, sagte giftig Shanvady am Schluß, »was habe ich Ihnen nicht entgegengeführt? Dies Land ist pleite drüben, denn selbst Sie vermochte ich nicht zu fesseln, obgleich gerade Ihre Kühle mich reizte, Ihnen alle Raffinements entgegenzustellen.« Er ging allein von Bord. In der Nacht starb ein junger Mann über Harri. Harri entschloß sich, zurückzufahren, die gleiche Tour.
Nichts trennte ihn mehr von den Kameraden, mit denen er fuhr. Der Strick war durchgehauen, der ihn hin und her schwanken ließ zwischen den Schichten mit dem Augenblick, in dem er Aira Belmont gehen ließ und sich darüber so verändert fand.
Aus der Entsagung kam ihm eine wilde stete Kraft, die ihn weit über sich selbst hinaus brachte an die Dinge und Menschen heran, die er früher nur sah wie Gespenster, und an die er jetzt mit einer zähen Teilnahme sich geworfen fand.
Er entschied sich gar nicht, die Sache war völlig klar. Mit Shanvady schied der Vertreter, glänzend und repräsentativ einer Klasse, die nicht mehr baute, nicht voran kam, nicht mehr stieg, sondern mit genialen Späßen das Angesammelte der Jahrhunderte noch einmal mischte und mit Stöcken umdrehte, bis sie, der Witze müde, floh.
Ihn aber gelüstete es ganz und neu, arbeitsam, gesichert, in das Verlassene zurück.
Noch einmal legten sie in Samarang an. Die Barkasse fuhr herüber mit Aira Belmont. Sie stieg an Deck mit ihren Brüdern. Die Mütze über das Gesicht gezogen mußte er es am Reeling noch einmal sehen und ertrug es.
Währenddem trugen sie eine Frau an ihm vorbei ins Lazarett. Als sie ihn sah, schrie sie »Harion«.
Er folgte der durch und durch Verfaulten und erfuhr noch, ehe sie in der Nacht starb, aus den Papieren, daß es seine Mutter war.
Die Matrosen bliesen ein Hornsignal, das Schiff wendete. Harri sah zurück, wo die Barkasse landete, sah Tage, Jahre vor sich voll Bitterkeit und ohne diese Heimat, aber senkte nicht den Kopf. Durch die Strahlenbrechung des Lichts, die die Küste weit über den Horizont hob, stob ihm durch das Segel in der Dämmerung das Rot Schatten wie eine unsterbliche Bestimmung um seine Schläfen.