Frauen

Part 16

Chapter 163,681 wordsPublic domain

Wie unter einer abgründischen Melodie trieb es weg wie alles wegtrieb, was an ihm gezogen. Als Zuschauer floß ihm dieser Tag fort wie jeder andere Tag, er vergaß ihn, vergaß die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf, der mit einer leisen Gebärde seine Überlegenheit hißte, erbleichte Shanvady unter dieser unbeweglichen Kälte, die nichts rührte. Die Gebärde zerbrach mitten im Schwung.

Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder um ihn zerfiel.

Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch aus dieser Atmosphäre löste. Sein Hirn war plötzlich nur eingestellt von dem Drang wegzufahren, das erfüllte ihn mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich den Abend von solcher Leichtigkeit getragen vor, daß es ihm schien, er vermöge die Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.

Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, daß sie abgefahren, aus Eifersucht auf Maman. Am Tag zauberte Shanvady noch einige spielerische Dinge, die ihren Kreis um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht verschwunden. Mittags brachten die Weisheitsschüler ihre Kleider, widerstrebend, an den Zipfeln, da die Georgesleute sich geweigert hatten, die Jünglinge Holzers aber unter Weheruf den Ort geflohen seien, wo Weiberkleider lagen.

Da sie am Fluß lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine Zeitlang plauderte Holzer, dann stand er langsam auf, mit seinem gebräunten Schnurrbart wie ein ägyptischer General, griff in den Mund, riß das Gebiß mit den vielen Goldplomben heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao . . . uaiii. Sah um sich, nichts als Jugend und ging an einem Stock hinaus ins Greisenalter, gehässig, demütig, ein röchelndes Skelett.

Mit einer zärtlichen Bewegung öffnete nunmehr Shanvady den Ring dieser Katastrophe, in der er Schicksal gespielt, Anastasia nach Genf beordert, die Maskerade zur Tragödie getürmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem Weib nachschickte, in seinem eigenen Wagen, von Tränen des Glücks überschwemmt und in himbeerroter Livree.

Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend fuhr Harri. Im Wagen des vierzehnten Ludwig, karmoisin und golden, mit sechs Pferden, eine Krone als Abschluß, Fackelträger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte ihn mit nichts mehr. Vorbei.

In Paris lernte er Blériot kennen. Der Meister hatte gerade den Kanal überflogen, die Welt schien von Möglichkeiten um so tiefer ins Herz bedroht, als die neuen Waffen noch phantastische Erweiterungen zuließen und fast noch keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blériot als Passagier, schon figurierte sein Bild neben dem Blériots im »Journal«, »Matin«, »Petit Parisien«. Auf dem Marsfeld stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud Kordelin vor.

Sie sah ihn nicht an.

Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den Hangar fuhr, sah er sie wieder. Sie sah ihn wieder nicht. Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben vorüber, durch angekerbte Drähte, deren Wundstellen unter Flammen standen, an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten, bei welchem Druck sie rissen. Elie verbeugte sich etwas vor dem Passagier Blériots, auf seinen Wunsch brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurück, um die Konkurrenz zu ehren.

Sie lag im Torpedospritzer, führte das Rad über dem Kopf zum Steuern, die Luft schoß wie unter Wasser kräuselnd gegen das dicke Glas der Schutzplatte. Als er ausstieg, schob sie den Wagen in eine Sprungkurve, ohne ihn zu beachten.

Am nächsten Morgen trat Harri bei Rippère ein, acht Wochen vor dem Concours, einen Schal um den Hals.

Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer in einem Messingkessel. Der Hammer tat hundertfünfzig Schläge die Minute. Als die Bänder genietet waren, hörte er nichts mehr, zwei Tage später war er darüber weg, trainiert auf jedes Geräusch. Im Ausprobraum zwischen fünfundzwanzig Motoren von pro Stück zweiundzwanzighundert Schlägen Tourenzahl die Minute, kontrollierte er zwischen farbigen Gasen und feurigen Säulen über den Ventilen die Auspuffung, den gleichmäßigen Herzschlag der Eisenkuben.

Um das Getös, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes, fast greifbar, dastand, rauschten die Thermosiffons der Wasserkühlung an den Wänden herunter, erhitzten sich auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und stiegen in langen Schwaden von selbst wieder auf.

Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.

Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in die Kilometer. Mit Kupons, die im Midi, bei Brest, in Marseille testiert wurden, mit Stechuhren, mit dem Befehl die Maschinen an der Rhone, in Calais, in Tarascon zu zerlegen und zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schußlinie über die Chausseen.

Eingedrückt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung spielend, lernten sie das Verwachsen mit dem Material, beherrschten den Stahl mit dem Hirn, liebten die Maschinen, wurden wieder geliebt.

Sie rissen beim Überrunden einem Möbelwagen die eine Seite ab, aber sie behielten den Auspuff genau im Ohr. Mit zitternden Flanken ließen sie die Wagen wie Pferde auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehöft, würfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen unter sich. Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen gelbe Schuhe, englische Anzüge unter den Leinenblusen, die Zigarette nie aus dem Mund.

In der tollkühnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung. Nur wenn sie kühl waren, ging der Verstand ihnen in die Lappen.

Drei Tage blieb Harri im Büro, zwei auf der Rennbahn, zwei bei der Konstruktion. Auf der Eisenbahn, Compagnie de l'est, lernte die Verstopfung der Gase, die Qualität der Kohle, der Öle und Benzine.

Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz, bei Pairfax die aus beiden gezogene Essenz. Nun hatte er den Radius abgelaufen, die Intimität zum Gegenstand erreicht, den Querschnitt durch das Technische gelegt.

Er beherrschte und liebte.

Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines Tenders, der Flanke einer stählernen Blitzzuglokomotive, von der Melodie eines angeschirrten Flugzeugs, das aus allen Seilen sang, zu spüren.

In der vierten Woche trat er bei Blériot in den Hangar, der Schatten der ingeniösen Nase und des Vogelkopfs mit der verkehrt gesetzten Mütze lag an der Wand wie mit Dynamomäulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen übte Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine Kühnheit nicht kalkulierbar, kein Tod nicht ausmeßbar und zu überwinden war.

Er liebte an dem Flieger das Unerschütterliche. Dieser gewöhnte sich bei Harri an das Nichtmitreißbare.

Gegenseitig liebten sie ihre Kühle und Distanz, die bei dem einen das unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt, bei dem anderen sein Durchmarsch durch solch unvorstellbare Kurven der Kühnheit des Geistes und der Gefahr, daß er die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen schon wieder verstand. Sie empfanden, daß die nach außen gekehrte Reserve eines jeden von ihnen kein Manko, sondern der gehärtete Widerhall einer feurigen Seele sei.

Harri lernte, daß die Welt als flache Scheibe zurückfiel, wenn er das Steuerrad zurückriß, und wenn er dann nach hinten sich warf, daß blaue Luft die Erde tiefer zurückstieß. Er fühlte das Grausen der Vertikalböen als Musik im Blut. Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des äußersten rechten Flügels lief, knirschte kurz und rollte. Die Klappe des rechten Flügels stieg unter seinem Druck.

Die Schnur lief langsam über den Kreis hinüber nach links, der linke Flügel senkte sich ein wenig. Die Kreuzung der Schnur verschob sich rasch.

Nun fühlte er das wunderbare Gefühl des Kreises, den die Libelle machte, als befreite Bewegung seines Körpers, dann zischte der Renner in kurzen Spiralen hoch in Blériots Hand.

Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der das Flugzeug senkte, beim Seitensteuer die Gleichzeitigkeit der Fußbewegung und des Flügelaufhebens. Er lehrte ihn den Mut der Sicherheit, nicht den der Gefahr.

Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft, das Überschießende der Sicherheit gegen die verderblichen Möglichkeiten. Er führte auf Umwegen ihn jederzeit dahin, über das Ungefähre der technischen Dinge und ihrer begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle Sicherheit der Überlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.

Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinüber zu Abrahamowitsch, der ein neues Modell startete.

Von Blériot erfolgte nichts, er rührte sich nicht.

Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen aus der Liste, zwei seiner Schüler sprangen für ihn ein.

Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und Maud Kordelin auf dem dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten Tag plombierten sie die Libelle, ließen sie durch zwei der besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.

In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten, steif und besessen zum Takt von Motoren, jagten dann um zwölf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.

Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin in den Wagen, reichte Harri die Hand. Mit ihren schräg stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum erstenmal grau an.

Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris Wechsel der zum erfolgreicheren Konkurrenten war, gab Elie eine erhöhte Reklame, aber sein blasses und scharfes, auf dem übergroßen Körper immer umnebeltes Gesicht bemerkte es nicht, nur ausgefüllt von den Kombinationen seiner Modelle.

Was er vom Äußeren der Welt begriff, vermittelte ihm unbewußt sein Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein Erfolg. Das Übrige des Daseins war Arbeit, weiter nichts. Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das Schöpferische begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich nichts von seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern begegnete sich Aufleuchtendes nur, wenn seine Arbeit sie in das Atelier am Montparnasse hinaufriß. Ein Leben daneben gab es ihm nicht.

Bei der Prüfung des Reservemotors warf sich Elie mit einer kühnen Bewegung auf den Apparat und blieb das Ohr an seinem Auspuff liegen. »Sie traitieren die Maschinen wie andere die Frauen«, flüsterte Sauerwein vom »Matin« mit frivol gesträubter Mouche. »Aber wir sehen die Frauen nicht wie Sie die Maschinen«, sagte Elie.

Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat, die Photographen tickten. Harri gab angeschnallt vor Mauds Kopf den Ruck nach der Signalflagge.

»Ich bitte Sie wiederholt, kein Korsett zu tragen«, zischte Elie hinter ihm, als er Maud anband.

Das Gebrüll der anschiebenden Monteure hallte rhythmisch heraus, schon schwebten sie auf Rue St. Honoré, die längste Straße Frankreichs.

Sie befuhren Rue de Courcelles, da fiel Paris ein geöffneter Fächer ihnen entgegen. Elysée, Rue de Courcelles, Rue de Washington, Rue de Berry, die Place Vendôme. Sie fuhren Place Concorde, die Tuilerien, die Mairie des achten Arrondissements, das Ministère de l'intérieur. Sie schwebten auf einer sanften weißen Kaskade, den Champs Elysés.

Sie fuhren Arc de Triomphe, fuhren das kochende Silber der Seine, fuhren dunkelrot gebäumt Trocadéro. Fuhren Quai de Passy, Quai de Grenelles, Rue Mozart, Porte Molitor, Avenue de Versailles.

Sie fuhren zurück: Rue de Vaugirard, Boulevard Raspail, gläsern der Monparnasse. Fuhren Boulevard Port Royal, Boulmich, Bullier, Jardin du Luxembourg. Notre Dame, Boulevard St. Germain, Jardin des Plantes.

Sie fuhren Halles Centrales, Quai du Louvre, Rue du Quatre Septembre, die Börse, Gare de l'est. Fuhren Marcadet, Poissonnières, Porte du canal St. Denis. Solang sie fuhren, spürte er Mauds Knie.

Sie fühlten das Herz plötzlich in den Schläfen: das Meer.

Sie jagten darauf zu. Ein Bienenhelm saß die Sonne auf der Fläche. Der Rauch der Brandung verging in Mövenschwärmen. Wie eine Wolke hing das Meer mit wilder Anmut zwischen den Kreidefelsen.

Harri schaltete aus. In streichelnder Grazie berührten sich die zartesten Wellenkämme mit dem Gleiten des Flugzeugs, dann stießen sie auf den Strand.

Der Brandungsstreifen lief nach der Seezunge St. Valérie, mit vielen Booten davor. Fischerknaben brachten Picknick. Im Anblick der Ruhe und des über das Blau tief heraufsteigenden frühen Sommers bekam Maud Lust, die Tage der Langweile und Ruhe vor dem Concours in die Normandie zu fahren. Elie nickte, während die Fischerjungen anschlichen und ihr bunte Muscheln in den Schoß warfen.

Aber als Harri unter dem Glasdach Abrahamowitschs sie holen wollte, sagte Elie ab. Die Ausbalancierung der Libelle mußte auf ein Fabriktelegramm hin noch einmal durch einen Rechentrick laufen.

Sie fuhren zu zweit allein, Maud nahm das Rad, sie fuhren direkt ans Meer, erreichten es bei Le Tréport. Maud bog von der Landstraße ab und fuhr direkt hinein, bis die Hinterräder in der Luft rotierten. Als sie die Strümpfe auszog, stand sie gegen das Meer in Muskeln und Sehnen geschmeidig, eine junge Athletin. Der Morgen jagte mit hellen dichten Wolken. In Eu strahlte es schon . . . . . . Gamaches . . . . . . Dieppe. In St. Valérie tranken sie Schokolade auf der Straße . . . . . . Fécamp . . . . . . Montvillier . . . . . . Le Havre . . . . . . Harfleur.

Die Seine wuchs ganz groß ins Meer. Über Deauville mit einem Tulpental nach Caen. Sie ließ das Steuerrad nicht aus der Hand. Sie fuhren noch lang in die Dämmerung, hörten den Meerschlag durch das Dunkel dann brechen. In einem Dorf machten sie Halt mit einem übererhitzten Kühler, es ging nicht mehr.

Sie setzten den Apparat in Meerwasser, zogen sich für ein paar Stunden zurück. Harri hörte nach einiger Zeit, aufs Bett ausgestreckt, die Matrosen und Fischer unter dem Fenster. Sie grinsten, klopften sich den Bauch, ein Kupferkopf stopfte einen Tabaksbeutel sich selbst ins Maul, zwischen den Öllampen und Netzen humpelten fluchende Alte, breimäulig liefen sie nach dem Meer.

Als Harri ihnen folgte, sah er Maud aus dem silberüberschütteten Meer auf den Sand kommen, mit einem tierisch hinreißenden, kaum unterbrochnen Weiß der Haut und mit amazonenhafter Bewegtheit ihren Bademantel umwerfen.

Er sicherte, ohne daß sie es sah, ihren Rückweg. Eine Stunde noch lag er in der Hitze auf seinem Bett. Eine Holzwand trennte sie. Jedes Geräusch kam durch die Fugen. Dann stand er auf, ging hinüber und klopfte.

Einen Augenblick zögerte sie an der Tür. Dann öffnete sie.

»Sind Sie sehr müde?«, sagte er ruhig.

Sie lächelte.

»Fahren wir weiter.«

Sie nahm die Mäntel und Decken:

»Gut.«

Mit Pfeifen und Gläsern voll Cidre torkelten die breitbärtigen Fischer im Hof, die roten Boutons ihrer Mützen schwankten. Sie rissen die Mäuler auf, rollten die Augen. Zum Schreien waren sie zu sehr betrunken. Sie hatten einen schwerhörigen Kapitän in der Mitte, der sich bemühte, die Fäuste unterm Kinn, sie zu verstehn und laut lachte, wenn sie nichts sagten. Er hatte nicht begriffen, warum sie so erregt waren, aber er verstand, daß sie besoffen waren und gröhlte am lautesten, als ob er es wüßte, warum.

Das Auto gab ihm bei der Ausfahrt einen Rand, daß er hinschlug, mitten in das Geheul der anderen, die schon selbst beim Anblick der Abfahrenden vergessen hatten vor Schnaps, warum sie verrückt auf die Bäuche sich schlugen.

Mit einer silbernen Fahrspur kam ihnen über der Chaussee der Mond aufgezogen. Sie fuhren zwei Waldwege, fuhren einmal dicht am Meer, fuhren durch Nebelwiesen, bissen mit vier Laternen Gespenstiges in das Gewoge.

Als sie wieder frei sahen, schob Harri ihre Hand mit einer selbstverständlichen Bewegung vom Steuerrad.

_Er_ fuhr.

Sie hinderte ihn nicht. Die Küsten fielen in großen Erkühnungen in den Kanal. Der Vergaserhahn rotierte in seiner Hand. Er fuhr, daß Maud an den Kurven sich hielt, um nicht hinauszufliegen. Fast träumerisch lagen ihre Augen, ihre Glieder entspannten sich in einer weichen Gegebenheit, ihre Blick suchte das Steuer immer, das er führte, suchte den Mond, der lilienweiß im Tag noch stand, ging die Normandieküste nach Süden hinunter und fiel wieder auf seine Hand. Sie ließ Grandville . . . . Abranche vorübergleiten, den elastischen Halbkreis um die Bucht St. Michel. Als Harri hielt, lag in Orangesonne der Hafen St. Malos unter ihnen.

Hier endete ihre vorgeschlagene Tour.

Ihre Lider trugen eine Weichheit, die von der Bai heraufkam und der sie sich hingab, als kennte sie das nicht.

»Sie hätten mich lieben sollen«, sagte Harri.

»Zu spät.«

Sie wandte sich um. Er hörte nicht auf sie zu küssen.

Sie jauchzte in jede Umarmung hinein mit einer Kraft, die eine Verhaltenheit aufriß und in ihr ergoß. Glühend an seiner Seite fuhr sie zurück.

Am Tor des Hangars in Neuilly stand Elie. Sie sprangen beide aus dem Wagen. Die Männer musterten sich einen Augenblick, Elies Pupillen waren sehr weit geworden: »Die Konferenz hat eine andere Balanceberechnung ergeben. Sie scheiden aus. Isaac fährt«

Beide sahen auf Maud.

Einen Augenblick schwankte sie, ob sie sich hinüberwerfen solle zu dem, der sie in ein kaum geöffnetes Leben riß, aber als nichts von diesem her erfolgte, der kühl und aufmerksam beobachtend dastand, wandte sie sich zu Elie, dem ihr Fanatismus und die Arbeit sich entgegenwandte, und das Mitleid, daß seine große Kraft einen Augenblick lang zur Entscheidung voll in ihren Händen lag.

Beim Start am andern Morgen weigerte sich Elie zu fahren, reagierte auf keinen Aufruf und blieb nachlässig bei seiner Libelle. Das Publikum bedrohte die Startrichter aus Angst, daß Intriguen gegen seinen Favorit dahinter seien. Es war schon gereizt, weil Blériot am Morgen die weiße Fahne über sein Zelt hatte hissen lassen.

Die Tribünen schimpften auf Blériot, der, wenn er fuhr, Gott war jederzeit. Sie warfen mit Tomaten und Äpfeln nach seinem Zelt, nannten ihn Ölsardine, Lapin, Birnensteiß.

Als Elie nicht kam, sondern stehn blieb, drückten sie über die Barrieren und winkten ihm mit Tüchern zu. Beim zweiten Aufruf, als Elie stehn blieb, als höre er nicht, tobten sie bereits, riefen seinen Namen. Ein Kurier lief zu Elie hinüber, der sagen ließ, er fliege nur, wenn der Akzent seines Namens beim Aufruf richtig eine Silbe nach hinten gelegt werde. Es gab eine Riesenovation, Harri sah dahinter, daß Elie nervös war.

Kurz darauf stürzten zwei Flugzeuge ab, eines durch eine Vertikalbö, die es umwendete, das andere, indem es in luftleere Trichter absackte wie ein Stein. Die Stafette kam von dem kleinen Wald.

Nichts sei tot, schrie es noch, als Elie aufstieg.

Zweihundert Meter nahm der Flugrenner gurgelnd vor Wonne in unverständlich schmalen Kreisen, dann schoß eine Querflamme durch den Apparat, fraß die Flügel weg, sausend kam die Libelle vor dem seidigen Himmel herunter. Als sie aufschlug, schrien die Monteure, die Frauen hielten die Augen zu.

Die Stadtsergeanten sperrten den Hügel ab.

Isaac brachten sie tot. Elie schlug unter der Schläfenmassage die Augen auf. Nach kurzem Besinnen frug er:

»Mein Bruder?«

Alle schwiegen.

Er senkte den Kopf. Strecken konnte er sich nicht mehr, der Oberschenkel, der zerbrochen war, spießte ihm durch die Kleider, die eine Wange fehlte.

Er wurde ganz bleich:

»Die Fürstin?«, frug er seltsamerweise.

Er wagte es kaum, als man ihn nicht verstand, zu sagen:

»Maud.«

Man sagte ihm, der Sturz hatte ihr nichts getan, aber die Korsettstäbe hatten die Lunge durchbohrt. »Frauen bleiben Frauen«, sagte Elie noch, eh er sich umlegte und zu atmen aufhörte.

Als Harri aufsah, trat Blériot auf ihn zu. »Sie haben mich umsonst verlassen. Immerhin haben Sie sich den Tod am Schluß geschenkt.«

Harri sah ihn an: »Hätte ich ihn bei Ihnen vermieden?«

»Sie hätten ihn vermieden«, sagte Blériot unerschütterlich, »aber Sie waren nicht konsequent.« Er zürnte ihm nicht, begriff ihn, sprach sein klares schneidendes Urteil über die Dinge, womit er sie überwand.

Da kam ein Auto angefahren, am Kühler stand Shanvady, das Gesicht bedeckt.

Seine Zähne zuckten in der Lippe. Der Wagen fuhr an den Sprunghügel heran. Im selben Augenblick wurden die Leichen angetragen.

Shanvady sprang vom Wagen herunter, an die Bahre Mauds, zog das Tuch zurück, neigte sich ein wenig, warf es wieder darauf. Ihr Kopf war nicht entstellt, die Augen geschlossen, schräg und energisch über den Leib gelegt. Er machte einen Schritt: »In meinen Wagen.« Sie ward hineingebettet.

Ein Kommissär erbat seine Legitimierung. Da sagte Shanvady plötzlich mit einer furchtbaren Blässe: »Meine Frau« und zog den Hut.

Harri trat an den Wagen und legte die Füße Mauds, die heraussahen, unter die Decke. »Ich wünsche Ihre Spur nicht wieder zu sehen«, sagte er in großer Erregung zu Shanvady. Alle hatten die Hüte gezogen. Shanvady stieß einen rauhen Ruf aus, sah nicht um, als er im Wagen mit der Leiche davonjagte.

Mittags mietete Harri das Atelier der Abrahamowitsch, Montparnasse, Ecke des Boulevard, im sechsten Stock. Die Glaskuppe des Hauses füllte sich morgens mit Sonne wie mit einem freundlichen Gas. Abends schwamm sie in die heitere Dämmerung.

Doch auch der Tod vermochte ihn, der ihn so abgründig erlebt hatte, nicht hineinzuzwingen in seinen Kreis. Er war nicht gebunden nachträglich an ein Ding, das er begehrt, aber um das er nicht einmal gekämpft hatte. Er überwand mit der gleichen Sicherheit. Die Erinnerung trieb immer tiefer und verblassender in den Hintergrund des Todes hinein, der sie aufnahm in jene majestätische und entfernte Haltung, an der Harri ablas Wert und Gültigkeit der Dinge. Es entfernte, verallgemeinerte sich, kam nicht auf ihn zu, sondern trieb mit den dunklen Melodien unter ihm weg, die ihm jene Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit gaben, die ihn zu fast erschreckendem Hochmut erhoben.

Er hielt diesen Vorgang in sich nicht aus. Am ersten Tag ließ er die bunten Vorhänge durch die Luken über seinem Kopf hinaus, flaggte das Atelier mit gelben, roten, blauen Segeln. Am zweiten Tag fuhr er nach Meudon. Als ihn am dritten vorm Bankschalter ein Hund in die Hand biß, daß er vor Zähnezusammenbeißen ohnmächtig wurde, sah er aufatmend in Mädchenaugen, hörte eine Stimme begütigend: »Léon.«

Das Gebiß des völlig erstarrten Hundes aber war eingeschraubt um die Hand. Er hielt den Schmerz nur durch, gelähmt und bezaubert durch die Stimme, während man telephonierte. Mit einer tobenden Schelle vorn gings über den Boulevard ins Spital St. Lusac.

Ein seidenschnurrbärtiger Arzt beugte sich über ihn mit einer Phiole: »Wollen Sie, daß der Hund lebt?«

»Hätte ich ihn sonst nicht getötet?«

»Es dauert fünf Minuten länger.«

»Wie heißen Sie?«, frug er das Mädchen.

»Aira Belmont«.

Er wurde ohnmächtig. Aus dem Institut Pasteur erfuhr er direkt, daß keine Tollwutgefahr sei. Aira Belmont kam ihn zu sehen, vor Trotz und Scham wortlos. Sie überging seine Verwundung. Sie dankte, daß der Hund lebe.

Sein Lachen verwirrte sie nicht, sie sah geradeaus und fiel nicht aus der Haltung der holländischen Dame, die mutig und in aller Jungfräulichkeit von Java aus Europa bereiste und ihre Gesellschafterin davongejagt hatte, um unnahbar zu sein. Als, von der schreienden Concièrge verfolgt, der Hund bellend hereinstürzte, verlor sie diese Geste, machte eine hülflose Bewegung und jagte ihn mit einer entsetzlichen Ohrfeige hinaus. Lachend drehte sie sich um. Entgeistert sah sie das Glasdach geflaggt.

Die Wärme ihres dunkel zitternden Organs zog ihn an. Die weltunwissende Sicherheit des schlanken Körpers, dessen sachliche Eleganz nach Wiesen und Klarheit duftete, und dessen junger Spannung gegenüber die Welt unerprobt und voll phantastischer Neuheit lag, machte ihn zu ihrem Führer.

Er leitete sie den Rand der harmlosen Entzückungen vorsichtig entlang. Durch ihn sah sie Paris in idyllischem Format. Er brachte sie zu Rufen der Freude über die siebenundfünfzig Fruchtläden um Notre Dame de la Lorette.

An seinem Arm besuchte sie Kirmisse außerhalb der Stadtwälle und bog zwischen Lampions und dem Schwung illuminierter Schiffschaukeln den Buden nicht aus, wo sie nach Pfeifen aus Ton und fliegenden Bällen schossen.