Frauen

Part 15

Chapter 153,604 wordsPublic domain

Shanvady in grünem Seidensweater, Apachenmütze, Lackpumps und rotem Halstuch eröffnete, indem er ein Florett durch das Billard stach und, das sechseckige Monokel eingeklemmt einen dicken Herrn in der ersten Reihe verhöhnte. In der Hand hatte er zwei Diskusse, die er dröhnen ließ. In der vierten Nummer sang Germaine, indem sie beinahe nackt auf dem Tisch tanzte: J'offre ces violettes / Ces lis et ces fleurettes / Et ces roses icy / Ces vermeillettes roses / Tout freschement écloses / Et ces oelliets aussi. Die Spanier kamen, warfen ihre spitzen Hüte hoch, schrien ihre Namen: Tomé . . . Elisabat . . . Camacho . . . Curchuelo. Ein zamoranischer Dudelsack pfiff dazwischen, aus den Ecken gingen Grammophone wie Böller los, Überraschungstüren knallten mit aufgebundenen Akteuren um eine wagrechte Achse.

Da sprang über einen Tisch der Holländer Visser, streckte sich eine Sekunde mit dem pockennarbigen Gesicht wie ein Pferd in die Höhe, machte einen Riesensprung und stieß, ihm in die Augen sehend, Hallboog zwei Messer in den Rücken. Die Scheiben des Cafés wurden eingedrückt, Sanitätsleute liefen vom Boulevard herüber, das Polizeirevier sperrte ab.

Sie frugen Visser: warum. Er vermochte nichts mehr zu sagen als den Namen seiner Schwester, die verschwunden war, er sagte ihn bis an sein Lebensende.

Das Komitee ward verhaftet und zurückbehalten. Shanvady rettete sie, indem er plötzlich mit dem grauen Torpedoauto der Botschaft vorfuhr.

Am anderen Morgen traf Harri, aus dem Metro steigend, Mirei. »Wir sind im selben Wagen gefahren und haben uns nicht gesehen.« Er nickte. Ihr Gesicht sprang fast wie dünn gewachsenes Glas unter den verhaltenen Tränen. »Ich fahre am Abend.« Er nickte und schwieg. Sie gaben sich vor ihrem Haus die Hand. Bald darauf kam Harri an die Seine.

Ein Dampfer legte bei an dem Steg, er bemerkte jemand, der ihm winkte. Ein Engländer grüßte von dem Dampfer mit hellen Handschuhen ihm herauf, aber erst, als dieser die große Reisemütze abtat, erkannte er Petrova, der, zwischen Lederkoffern und eine Frau neben sich, dem Glück eines Tricks nachfuhr, der ihn in die Höhe geworfen, und den sofort eine Rauchwolke, die das wendende Schiff machte, verhüllte.

Vom Arc de Triomphe sah Harri die Stadt wie einen Stern geordnet und Züge, die in das gewellte abendblaue Ackerland hinausrollten. In einem der Züge war Mirei.

Gegen Mitternacht sprang er über das Gitter des luxemburgischen Gartens, trat in die Platanenallee und kam in die Nähe des Platzes, wo der Wind auf fünfzig Meter die Fontäne gleich einer Peitsche herumschlägt. Auf der Bank saß ein Mann, er erkannte, als dieser aufsprang, Shanvady.

Harri hatte die Hände vor die Augen geschlagen, um besser zu sehen. Das verkannte Shanvady und machte eine Bewegung, die aufforderte, sich ihm vollständig hinzugeben. Als sähe er in ihm einen Zusammengeschlagenen, sagte er: »Kommen Sie mit mir, schließen Sie sich mir an. Ich führe Sie, zu was Sie wollen.« Harri starrte ihn an.

In diesem Augenblick kam die Fontäne armdick angesaust und Harri fing sie mit der Brust und entgegengeworfenem Gesicht auf. Damit waren sie zu nah in das mondvolle Rondell getreten, die Wache am Schloß trat ins Gewehr, ein Trommelwirbel, die Qui vives kamen durch die Bäume. Die beiden sprangen zurück, machten kehrt, rannten durch die Allee, über die Mauer auf die Straße und verloren sich dabei. Anderen Morgens trafen sie sich, ohne von dem Abend zu sprechen, im Zug nach Straßburg, von wo Shanvady auf eine Besitzung fuhr.

Harri begleitete ihn nicht, versprach ihn später zu besuchen, reiste weiter, im übrigen vergaß er diese ganze Epoche rasch, sie blieb ohne Widerhall in seinem Leben.

Als er Fische wieder fing, war alles aus ihm heraus mit dem Fluß schon abgeströmt und nichts da als das pastellne Rosa-Schaukeln der Wolken und Dächer, das Kuhgebrumm und das Schlafbedürfnis, das von den kräuselnden Ulmenschatten über die abendlichen Matten herüberwehte. Als er Dover sah, nahm er es nackt und ungetrübt, ein Spiegel, der zum erstenmal die Welt in sich spannte. Er sonnte sich wie in sich selbst ruhend, am Strand, auf den Schiffen, als sei nur pausenloses Leben vor ihm und hinter ihm nichts.

Es gab viele Genüsse freilich, die ihn leicht erheiterten, aber es hätten ihn aus seiner entfernten Kühle nicht einmal die Schmerzen getrieben. In Husum knackten die Fischermotore, in Trouville sangen die Austernverkäufer weiter, weiter . . ., in Hamburg krischen die Matrosen: »Glorie, glorie, Hallelujah / Schön sind die Mädchen von Sankt Pauli-Altona.« In dieser Zeit vermochte er sogar viel zu lesen und zu studieren.

Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.

In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen ließ Shanvady ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs Pferden, karmoisin und golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln kamen sie abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten Fenster schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach spielte. Am Portal ließ er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag eine Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der Luft.

Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und ihre Tochter zwanzig Stufen über ihm. Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die Hose des Mädchens über ihre Schuhe. »Mais . . Juju . .«, entsetzte sich die Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe. Sie hatte einen Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa siebenzehnjährig, mit biegsamen Beinen.

Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem Gesicht einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen den Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an den Händen.

Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem Schloß fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und süß, spielte eine Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht hindurch.

Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an einem Band führend, das Haus verlassen.

Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo die Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prägung erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein Gurgeln gerade beendete.

Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort: Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel vergangener gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen Reservedivisionen das läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie mit Handgranaten aufzuschmeißen . . . . . . worauf mit leichter Bewegung, den Schwamm hoch auf dem Nacken ausdrückend, Harri freundlich über die Schulter frug, in wessen fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese Lebensfasson am kräftigsten offenbare. Da geschah das Unvorhergesehene, daß in das tiefe Schweigen beim raschen Niederbücken dem Diener ein bestürzender Knall entfuhr.

Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half Harri in das über den Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys für ganz kurze Weile in der Nacht stattgefundene Abreise.

In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe einziehend, meinte Harri, als der Adept nicht wich, daß man beim Lesen feuchte Knie, im Schlaf hin und wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe wie er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der auf das Frühstück aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen Beafsteak und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener auf der erhobenen Hand im Hintergrund anbot.

Als aber darauf der Hausintendant plötzlich nach dem Garten schielte und mit zitternder Stimme auf eine schöne Junonin neben einem taprigen, elegant arrangierten alten Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum erstenmal seine verklebten Augen aufriß und mit schüttelnden Verneigungen den Gaga als jenen Holzer grüßte, der beim Feldzug der deutschen Seele nach ihrer zeitlichsten Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit seinem Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik und Würdigung mit Schwung, Harri neben seinem Bett ein rundes Gefäß, drehte sich um: »Excusez«, worauf der Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem Donnerschlag verschwand.

Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich zwischen den barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher zu sich, das ihn lockte. Er folgte um Gebüsche und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch Juju.

Er trieb sie über den Fluß, aber als er um eine tiefere Brücke herankam, entwich sie zurück, indem sie einen Zweig erwischte und in einen Kirschbaum sich schwang.

Im gleichen Augenblick mußte Harri zurück, sich am Ufergebüsch verstecken, denn aus dem Rondell trat eine Schar Menschen, die teils sehr elegant, teils aber auch in Ponyfrisuren und offenen Brüsten und Indianerhaaren die Zeichen der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen Weisheitsschule Couleur in Form eines Fürsten bei sich führten, der unablässig an einem violetten Seidenkissen stickte.

Ihr jüngster Nachwuchs blieb mit hochmütigen Hälsen unter dem Baum stehen und versuchte, indem sie ihre Beschwörungsformel »tak . . . tak . . . tak . . . tak . . . ore« riefen, Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die Köpfe spuckte.

Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch in Unordnung geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der den Turnus führte, herum und schlug dem Jüngsten Laotses Sprüche heftig auf die Ohren, worauf der Fürst sich umdrehte und knurrte, weil ihm mißfiel, daß der Aufenthalt der Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel einen Jüngling piekte.

Als sie im nächsten Boskett verschwanden, rannte Harri um die Brücke und kletterte in den Baum, wobei ein Regen von Kirschen auf ein niederging.

Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schönen Beine baumelten, ging ein Lärm los, als rausche ein Adler in das Gezweig herunter, aber nach einigem Lauschen sah er, daß es nur ein Dutzend Jünglinge waren mit wallenden Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit der Ziege herschritten, mit einer gewissen wallenden und stolzen Bewegung der nach innen gesetzten Füße.

Harri bemühte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht vonnöten, denn diese Männer sahen nicht herauf, sie murmelten nur, indem sie zum Takt ihrer Füße den unteren Rücken schwangen.

Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen Frauen zu lieben, ihnen genügte es immer nur einen Namen zu lispeln, der wie »Georges« ausklang und, wenn er kein jüdisches Symbol bedeutete, ihn schließen ließ, daß hier ein balkanischer Stamm sich in Riten übte, worauf auch die Ziege den Akzent gab und ähnlich versunken mit dem Steiß flog.

Im Augenblick, wo sie einbogen, ließ sich Juju an den glatten Ästen heruntersausen, er konnte aber wieder nicht folgen, weil um die Ecke in großer Erregung Menschen sprangen.

Die schöne Frau des Vormittags zuerst, die Röcke geschürzt, den Busen fliegend. Hinter ihr der Greis mit falschen Hüften und Schminke im Gesicht, der sofort an einer Ritze der Badezelle Posto faßte und der Entkleidung zusah, die Harri vom Baum der anderen Seite durch das offene Dach noch freier sah. Hinter einem Baum aber, noch weiter hinter dem spekulierenden Holzer aber stand, das Gesicht von Tränen überlaufen, der Hausintendant, trostlos und ohne Hoffnung gegenüber so alter und konkurrenzloser Leidenschaft.

Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm, war des Alten Erregung so gestiegen, daß er »Anastasia« zu rufen anfing und auf den Zehen hüpfte. In diesem Augenblick zog ein Boot vorüber, am Steuer der Adept des Vormittags, aber selbst das Gestöhn ihres Meisters, der sich die Haare raufte und aus der Nase blutete, weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot wechselte, vermochte sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen und »Heil« zu rufen.

Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen Posten zu verlassen, von zwei Zwergen verfolgt kam er zum Lunch.

Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Geräusch, das den Horizont umspannte und dabei dünn und weich vor dem Schloß erstarb, wieder ausklang und verging und jeder Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.

Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.

Hinter der Herme hörte er einen Pfiff.

Mit kleinen ängstlichen Schritten hüpfte Juju vor ihm. Sie ergab sich am Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt, weil im selben Augenblick ihre entzückende, breit plissierte Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm, die Hose als Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.

Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder, in der sie hoch über eine Wiese schwang. An den Füßen zog er sie herunter. Sie schluchzte, als er sie ins Boot hob. Er mußte zurück, ihr zitterndes Hundevieh Rouge mit an Bord nehmend.

Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf hinausstrichen. Plötzlich glitzerten ihre Augen, sie riß ihr Kleid ab und warf sich mit einer rollenden Bewegung ins Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter trug. Er zog sie wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf und kam mit dem Badeanzug zurück, während die Vögel aus dem Schlaf schrien. Ihre Beine wippten auf dem Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im Wind, sie paddelten weiter.

Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen das Geräusch entgegen, weicher und getragener in der Nacht, und um so lockender zog es das Boot an.

Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, riß die vom Licht Bezauberten heraus, drückte sie auf den Bauch, daß sie die Mäuler aufsperrten und warf sie in das Wasser zurück.

Nun war es kein Zweifel mehr, daß das Geräusch, das immer dunkler die Nacht erfüllte, Frauengesang sei und sie fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit auf die Entdeckungsreise, als er landete. Sie biß ihm vor Vergnügen in die Lippe:

»Chéri . . . mon ami.«

Sie hörte den Gesang zum erstenmal.

»Wie lange bist du da?«

Sie wußte es nicht mehr.

»Wie lange bleibst du?«

Sie lachte: »Fragen Sie Maman«.

An einem Teich vorbei, Hügel mit Statuen, die man nicht erkannte. Jujus Arm an seinen angeklemmt. Immer auf den Gesang zu, der flackernd manchmal hochstach und dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen in der Ferne. Plötzlich kam ein Haus.

Die Tür ging in den Garten. Es wurde vollständig still. Jujus Zittern ging durch seinen Rock. Im gleichen Augenblick erhellte sich eine Partie des Gartens wie ein langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte zurück, sie stießen an elektrische Drähte. Die Tür zurück war geschlossen. Im gleichen Moment begann das Singen wieder.

Der lichte Teil des Gartens _bewegte sich zu einem Zug, der wie auf einer Leinwand bebte,_ zu verhüllt, um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu sein.

Er sah den Zug vorüberlaufen, und vergaß Juju, die vor ihm stand:

Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten Lederstiefeln bis zur Scham. Im Blusenhemd warme Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit Olivensträußen am Gürtel. Jütische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen Armen. Die Diana von Aleppo. Eine weißblonde Finnin von den Stromschnellen, eine kleine von den Hochzeitsgütern. Neuseeländerinnen kamen, Kinodiven mit kurzen Rücken, hochbeschuht. Jüdinnen mit roten Haaren. Kleinasierinnen in Kleidern Poirets, den Bauch herausgepreßt. Kunstreiterinnen sausten vorbei, Russinnen mit Madonnenscheiteln, Armenierinnen mit den Hüften der Wolfshunde. Negerinnen, die schöne Melonenbrüste über der Schulter trugen. Arabische Frauen auf Pferden, kleine Irinnen, fliegende Frauen aus Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris, Provinzmädchen aus Krain mit anmutigen scheuen Knien. Dahinter Winzerinnen vom Elsaß, Sehnsüchtige aus Madrid, Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen rot bemalt, Australinnen, glatt wie Zebufell.

. . . . . . Augen, Hüften, Beine kamen. Füße schritten, die auf Kies nicht treten konnten, Zehen, denen Blumen zu schwer waren, Knöchel so hochgespannte, daß sie die Sandalenschnur verschmähten, Waden, geschwungener als Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser als Vögel schwangen, Hälse kühner als Fliegerkurven gezogen, Achseln, die wie Schwanennester schwebten, Brüste wie Hügel der Bretagne aus der blausten Abendferne, Leiber, die mit der Bewegung der kühnen Gestirne aufzogen, Schenkel, die leichter als die erlesensten Tiere auftraten, Knie, deren Leichtigkeit Reh und Panther und Flamingo verjagte, Hüften, die der Eleganz der Rennmaschinen den Zauber der Erntefelder und Flüsse hinzufügten.

. . . . . Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen in Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen, Verbrecherinnen mit Quarzaugen, Damen, die wußten, alles sei duftig, reizvoll, sie angemessen erwartend in ihrer Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen gespannt, Reiterinnen mit bleichen, herrschsüchtigen Gesichtern, Mädchen mit Gliedern, als trüge jeder Muskel ein Service, Schauspielerinnen mit roher Träumerei vor dem Auge. Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und Gibsons Wald, burgundische Täler, der Po, die Rheinflüsse, Verona, der Ammersee. Frauen, hinter deren Kniebeuge das winterliche Gebirge aufschoß, unter die der Schwarzwald vom Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt legte, Frauen, um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische Städte sich formten, Abhänge glitten. Frauen, um die der sommerliche Horizont flog, die über Birkenrinks bei großen Concours wegsetzten, Frauen auf dänischen Gütern, dalmatinischen Schlössern, Frauen, um die das Meer aufscholl, die in Jachten bräunten, die durch den Herbstwald hetzten, Frauen, deren Füße die Liebkosung der Maimatten kannten, Frauen, die durch die afrikanische Nacht auf Tiere schossen.

. . . . . . Polinnen aus Krakau, Rumäninnen mit lasterhaften Händen. Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen aus der Krim. Karthagerinnen. Die kriegerischen Weiber des Helesponts, Amazonen mit weißen Hengsten, Negerinnen, gleitend mit Bogen. Frauen mit üppigen Brüsten unter Ketten und Bronze, rote Haarbüschel über der Stirn. Die säbelschmalen Weiber aus Damaskus. Frauen mit Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie Trompeten geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend wie Pfeile, mit Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen mit großstädtischen langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte berührten. Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf dem Rücken. Mit Niggermusik in dem Bauchmuskel. Kühle Schottinnen. Amerikanerinnen mit Diamanten in den Zähnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen im Blick. Frauen, die Stirn verschleiert. Frauen, Unzüchtiges im weichen Blick, Frauen mit aufgesprengten Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den Starnbergschlössern. Frauen aus den Pyrenäen. Ruteninnen, deren Väter Franzosen waren.

. . . . . . Frauen kamen mit harten, glatten Beinen. Frauen, die sich umarmten und dem Mann noch unergründliches versprachen. Frauen mit Unterwerfungsgebärden. Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von Sieg. Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen durch die Steppe gejagt. Frauen mit schimmernder Haut. Frauen, die ihr Gesicht sekündlich wechselten. Frauen mit grausamen Beinen, mit Madonnenhänden. Frauen mit tätowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom Sudan. Ätiopinnen, die auf Vogelschreie horchten. Frauen aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die mit ihrem Körper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos rochen, wie Klee, wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo, wie die Nordseebäder, wie Borkum, Abwinkel, wie Teer, und Sonne und Sand, wie die Haut der Vierzehnjährigen im Juli im Inselhotel des Bodensee.

. . . . . . Es kamen Frauen, die Australien plötzlich auf den Handtellern trugen. Frauen, in deren Augen tödliche Geschichten eingeschrieben standen. Frauen, die zwei Meter über dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten. Bobfahrerinnen, Träumerische vom Engadin, aus der Eifel. Frauen als Tänzerinnen. Mit Flöten. Frauen, blumenhafte, Frauen, die ein Wort knickt, Frauen wie Hyänen. Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe Katzen aus Chile. Pumas, nackte Räuberinnen, Frauen, die einen Fjord überschwammen. Frauen, die Timbuktu plötzlich entfachten, die Fidschiinseln, Honolulu malerisch zwischen den Brüsten wiegten. Frauen wie Luchse, wie Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jüdinnen, Katalonierinnen, Frauen vom Roten Meer, von der indischen Bay, heiße Weiber aus Syrien, antilopenschmale Berberfrauen. Frauen, die den Sternaufgang über den Schären beschworen. Frauen, die Tod hießen oder Pensée. Erregte mit verschlossenem Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio. Jungfrauen, von Löwen antik gejagt. Blonde Maurinnen aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an der Hand. Mimi Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akté, die Hasselquist, die Durieux. -- Isis und Huschnaia. Göttinnen in einem wundervoll vollendeten griechischen Flug, mit überirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. -- --

Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch aus, der Zug war aus. In das Dunkel stachen suchend zwei Laternen.

Der Garten war leer.

Sie umgingen torkelnd die Drähte, die mit einem Mal sie nicht mehr hemmten.

Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der Chauffeur stand mit dem Hut in der Hand am Schlag. Sie stiegen fluchend hinein. In einer großen Schleife fuhren sie nach dem Schloß. Einmal hielt der Wagen. Da lag ihr Boot am Fluß.

Noch zweimal hielt er.

Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog. »Chéri . . . mon ami.« »Wie lange bist du da?« Pause. »Wie lange bleibst du da?« »Fragen Sie Maman.«

Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals: »Mon ource . . . mon rigolot . . . mon grand bébé.« Aber sie zitterte nur wegen dem Wort »Maman«.

Harri lag im Wagen. Er überlegte nicht, was an Geheimnissen die Nacht füllte: Welche Frau Shanvady verstecke, welche Technik er zu solchem Bluff ersonnen, wie er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und düpiert. Er ahnte nicht, wie weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er sich verwirrt. Er spielte nur mit Jujus Hand, es war ihm gleich.

Das Schloß war erleuchtet. Auf der Diele erwartete er Juju, die sich umzog, auf der Treppe küßte er ihrer Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fächer mit ihm kokettierte, was Juju errötete. Im Billardsaal stand winkend Shanvady. Er sah ihn zum erstenmal jetzt lächelnd.

Sein Lächeln deutete, daß das Geheimnis, dem sie nachgepirscht nicht entwirrt werden könne, und daß der Versuch es zu lösen, nur noch stärker an es verstricke.

Aber Harri stand kühl beiseite. Er fühlte, nicht beteiligt genug auch hierbei, daß Shanvady den Reiz, der ihn unbewußt zu ihm geleitet seit jener Nacht im luxemburgischen Garten, selbst zerreiße, indem er ihn darin zu fangen suchte, und daß das Messen und Ringen, das Shanvady aufgestellt, darum für diesen verloren war, nicht für ihn. Ein Sieger wider Willen hob er die Augen.

In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfänger, ihn unterjocht dachte, weil er endlich seine Apathie in die Maschen eines unlösbaren Reizes in der Falle glaubte, riß er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausübte.

Es gelüstete ihn nicht, das Geheimnis zu lösen. Er ließ es fahren ungeöffnet. Es reizte ihn nicht mehr.