Part 14
Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet, ob er versagt. Sie hat die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als sie keinen Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt verbinden. Nichts erleidet eine Störung. Sie diktiert ihre Post. Sie empfängt, sie unterhält sich. Der Atem versagt. Sie verlacht mit liebenswürdigem Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus verküßt: »Haben Sie keinen anderen Geliebten?« Der schönen Nonne stürzen die Tränen. So groß ist die Rührung ihres Zaubers.
Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die Rippeninflammation zurückging, die Krise überschwang . . . . . nahm sie Lächeln und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen:
Sie entfernte sich in einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen Prozeß der Lösung schien der Körper immer weiter sich zu verflüchtigen, und ihr Geist allein beherrschte in quecksilberner Reine die Bögen der Stirn. Ihre Hände schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber ich habe nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gespürt.
Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums im Garten zu ihr geführt. Ich habe Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus, Aprikosenzweige in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie hörte das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf ihre Hand gelegt, daß sie das Murmeln der Wellen wieder höre.
Sie war zwar gefolgt.
Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glühenden hier wie immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Föhn und die Wiesen voll Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des blühenden Grases von allen Hängen und Matten.
Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.
Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig Nächte der Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entführt, als daß sie um den Tausch eines zerbrochenen Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte. Denn was geblieben wäre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte es zu dem andern: »Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für meinen Anspruch.«
Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen Körpers hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte: »Es ist spät.«
Die Schwester, geneigt: »Du bist müd Lil.« Sie richtete sich auf: »Man muß sich nicht gehen lassen.« Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.
Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der gelben Seide der Decke. Sie lagen schön und körperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie nicht mehr verbrennen.
Dann machte sie noch eine Bewegung --: sie wandte, unzwingbar, dem Feind, der seit Jahren in ihr zerstörte, mit einer unerschreckbaren Größe, gebend, mild das Gesicht zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie nicht. Sie gab sich hin.
Zum erstenmal ließ sie sich gehen. Ach, es haben viele geweint.
Was ist nun Sterben?
Ich habe mit niemand über diese Tage viel und groß gesprochen. Wie glücklich bin ich. Wie frei.
Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schön gedämpften Musiken gleich rollt aus dem Westen über mich täglich der schmetternden roten Sonne zu die heimliche dunkele über meinen Horizont.
Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlöschen sie beide an den Polen der Fläche. Nachts kreisen sie unter mir. Ich spüre sie beide unauslöschlich, jede in ihrem Kreis.
Ich fahre.
Mit abenteuerlicher Fülle wirft mir der Maingau den aufduftenden Sommer mit allen Prärien und Wassern und Wäldern und Hügeln und Flüssen dazwischen entgegen. Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewölbten Brust des Seglers und Fechters in ihn hinein.
Der Zuschauer
Die Geburt vollzog sich am neunundzwanzigsten Februar auf Schloß Favorit bei Baden-Baden, als schon heller Frühling war. Sein Vater war der Portier, der in gelber Livree, rotbehost, die großherzoglichen Farben zur Führung der Fremden trug, das Kind Cepha Billy nach einem Nick-Carter-Schmöker nannte und Ehrfurcht vor den Dog-Carts und Autos lehrte, die durch die viergegliederte Allee heraufstrichen.
Bald nachher folgte seine Mutter einem feurigen Chauffeur, der sie mit Glasketten behängte, mit der Pistole den Gatten bedrohte und die schmalhüftige Frau in fliegenden Kurven zur Rheinebene hinunterknatterte.
Mit vier Jahren warf Billy einen Stein nach dem Prinzen Schlitz-Glitsch, der auf der Wiese das Strumpfband einer deutschen Aristokratin zu befestigen suchte. Der Prinz fuhr herum, begann zu lachen und schenkte ihm fünf Mark, was den erbleichten Vater so erschreckte, daß er zwei Schritte gradaus machte und in strammer Haltung, die Mütze auf der flachen Hand: »Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten . . .« zu singen begann.
Mit neun Jahren riß Billy aus, indem er sich an ein Auto hängte, was erst in Karlsruhe entdeckt ward. Ein Gendarm brachte ihn zurück. Gestraft wurde er nicht, der Portier ließ eine fast furchtsame Verwunderung spüren.
Mit zehn Jahren leierte Billy eine lebende Katze am Schwanz in den Kastanienbaum und sagte das Vaterunser auf, während er im Kreis der Gehöftkinder Steine nach ihr warf.
Da der Pastor selbst ihn am Ohr herunterschleifte, machte die übermäßige Angst dem Portier Mut, das Ende einer Komödie zu finden, in der nur sein Respekt ihn hinderte brutal zu sein. Er schrieb einen Brief nach Kowno, in dem er alles aufzählte und sich der besten Gnade empfahl.
Einige Wochen später, als Billy im Bett lag und auf die Mondkringel lauerte, die durch die Alleen strömten, fuhr ein Wagen herauf, es wurde angeklopft, geöffnet, eine Stimme rief »mein Sohn«, stieß die Tür auf, kam her, von einem möderischen Lachen umschwungen, und nahm ihn aus dem Bett.
Die Nacht schaukelte Billy auf den Knien des Fürsten Wolkowski, der ohne Unterlaß redete, der Portier sollte Tee machen und von seiner Frau erzählen, aber er kam immer in die Jahreszahlen der Porzellankabinette hinein und kaute wie mit dem Mund einer Rüstung schnarrend und sinnlos. Am Morgen nahm Wolkowski seinen Sohn mit.
Er schob dieses Niveau, das ihm seiner Mutter nach vielleicht gelegen hätte, als durch die Ereignisse überholt und des Kindes Blut offensichtlich nicht entsprechend, rasch von ihm weg, um es einer markierteren Zukunft entgegenzuführen.
»Lebewohl«, schrie er dem Portier zu, doch er war nicht zu finden, erst wie sie rasch das Haus verließen, trat er in den Alleegang, als der Wagen schon lief, vermochte kein Wort zu sagen, sondern blieb stehen, warf die Arme »Präsentiert das Gewehr« und den Kopf »Augen links«. So fuhren sie an ihm vorbei, Billy winkte mit einem Tuch.
Wolkowski lehrte ihn auf der Fahrt noch, daß er unter allen Umständen keine Mutter habe und brachte ihn nach Gerolsheim in ein Pensionat. Er behielt seinen Namen, nur wurde ihm der Vorname Wolkowskis, Harion, hinzugefügt, man nannte ihn Harri. Wolkowski war ein ungewöhnlich schöner Mensch mit kleinem dunklem Bart am Kinn und einer Kante an der Stirn, die sein Interesse am Kleinen mit einem Wachsein für ein langes und weitgespanntes Dasein verband.
Ein Jahr später übersiedelte Harri, der seinen Vater nicht mehr sah, auf seinen Wink in die Odenwaldschule, wo er zwei Jahre lebte mit beiderlei Geschlecht, wilden Mädchen und klugen Jungen und einer Erziehung, die ihm Freiheit des Geistes als oberstes Merkmal pries.
Dann zog der Befehl Wolkowskis ihn nach Ettal. Im Kloster mit der halb bäurischen, halb besten aristokratischen Jugend Bayerns, lernte er strengste, kirchlich geheizte Zucht mit dem vereinen, was an der Bergstraße seine Lehrer ihm als Ziel der Lebensidee an Freiheitsgefühl unausrottbar ins Blut gesetzt.
Wolkowski war tot, als er das Kloster verließ, ein Anwalt verwaltete ein ansehnliches Vermögen, das der Magnat seinem Bastard übermittelt.
Er ging nach Genf, München, Berlin, sah kurz Warschau und Petersburg und verbrachte seine Zeit in der üblichen Form seiner Gesellschaftsklasse. Ausschweifungen bestätigten ihm nur vom Kloster her Bekanntes in größerer Ungebundenheit, in die niemand mehr hineinsprach. Sonst war nichts Neues da, außer dem, was das Auge durch Vergleiche ablas.
Die Zeit begann dagegen, die auf sie Horchenden bereits zwischen ihre schon heftig mahlenden Mühlräder zu nehmen, und, zwischen fernen Gewittern und glatter Gegenwart, war ein Mann nur, wer sich entschied.
Durch ein Mädchen, das er mitnahm, kam ihm das niedere Schicksal in seinen Gesichtskreis, was man mit einer Handbewegung sonst abtat, was man nicht wissen und erlebt haben durfte, wenn man heiter weiter leben wollte und ihn begann das Dasein der anderen tieferen Schichten anzuziehen, jedoch nicht mehr als mit teilnehmender Neugier.
Mit glänzenden Beziehungen, reich, schlank und mit blonden Haaren über dunklen Augen, einen sportlich gewaltigen Rücken zwischen der slavischen Eleganz tierisch anmutiger Bewegungen auf schmalen Hüften schaukelnd, angesehen und nicht ohne ererbte Haltung, zog ihn alles eigentlich zu Erfolgen und Siegen seiner Schicht.
Aber eine dumpfe Erbschaft, die von der Mutter her sein Blut bewohnte, zwang ihn immer wieder, eifrig den Ausgleich abzutasten von seiner Klasse zu der, wo man fern demonstrierte, schuftete und stank.
Nach jedem Versuch aber, sich dort festzuklammern, flüchtete er zu neuen Geliebten. Es lockte ihn dunkel aber sofort wieder hinunter.
In Mons fuhr er in Manchesterhosen in die Braungruben, aß Speck, Brot, gröhlte und schnapste. Kräftig, braun, erfrischt, aber innerlich erschöpft kam er nach Köln ins Hotel.
In München arbeitete er im Wohlfahrtssekretariat, Fürsorge, Antituberkulose. Sein Lehrer Brentano zeichnete ihn im Seminar aus, wo er durch kühne Einfälle die besten volkswirtschaftlichen Florette führte.
Als es anfing ihn zu verwirren, daß bei allem Drang und aller Lust er in den Tatsachen der Masse fernblieb, ohne Kontakt und selbstverständliche Gemeinschaft, während das, was er von Natur leicht besaß, ihn in seinen Möglichkeiten nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann, der neun Jahre sein Vater zu sein schien.
Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier über den Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten und umschlossenen Weltgefühls sich ihm zärtlich nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten Autorität zu suchen und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der badischen Dynastie herunter.
Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.
Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation des Appendix ihn um ein Haar erledigte. Auch als er genas, geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.
An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit der irdischen Dinge respektvoll beizubehalten.
In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die Oberfläche seines Wesens trat, erlebte er nur noch den spielerischen Reiz im Ungefähr dieses Existierens und blieb schon durch den Gedanken, daß er bei Unkenntnis dieser Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver und eigentlich nur geschenkt und leihweis dem Leben überlassen sei, lächelnd plötzlich jenseits der Probleme und Fragen der Zeit aufgestellt.
Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedächtnis unter, er begann neu die Eindrücke zu spiegeln, ohne sie aufzunehmen.
Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen Größe seiner Nähe und nur noch imstande mit diesem furchtbarsten aller Wertmesser noch einzuschätzen, ein fast uninteressierter Beurlaubter des Sterbens, so fühlte er sich, obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein entgegenschreitend, das er einerseits nicht besonders einzuschätzen vermochte, das auf der anderen Seite aber mit verzehrenden Lockungen und dauerndem Wechsel ihm gegenübertrat.
Noch müd fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone, der Himmel war voll Gewölk und lichter erst über den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den Riffen und Blumen und Bächen, Hornissen und Sturmschwalben gingen Wochen, die nichts gaben, nichts nahmen.
Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rückenliegen, im Anblick eines Hauses, des hellen New-Romney, im Anblick von Wight, der Cousine Lyne eines Freundes, die morgens viel lachte, im Anblick der Grasschur für Hockey, im Anblick von Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel, im Anblick eines Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen schien, im Anblick von Weihen und Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von einem Kerzenbegräbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken . . . . . . im Anblick von Fischschuppen, die ganz neu ihm erschienen, vom Zinnober des Abends über Kühen, im Anblick von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro, Gorran Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins Gewirr des Meerarms strömte unter Blattwerk und rudernden schwarzen Enten, im Anblick von Cape Cornwall, St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos, das in die Luft sprang und ins Meer stürzte, im Anblick einer dauernden besonnten, reichen und wundervollen Reise empfand er nur ein gewisses Interesse, das sich abendlich verdunkelte, in der Frühe immerhin nicht ohne Sympathie war.
Er stieg vom Dampfer, nahm die Bahn und ging quer durch Cornwall zurück. Am Waldrand bei Liskeard bettelte ein Vagabund ihn an, Harri bettelte zurück. Da lief der Störzer wie ein Eber schreiend davon. »Simpelst thing in the world«, sagte Harri, sah ihm nach, fischte ein paar Tage Forellen mit Edinburgher Studenten, fuhr durch blühende Grassteppen ans Meer, durch Sussex, und kam nachts nach Paris.
Im Hotel neben dem Panthéon schrillte dieselbe Nacht unter einem Dietrich das Türschloß, sein Schlüssel flog heraus, das Licht ging an, ein Herr im gelben Pyjama stand vor seinem Bett, verbeugte sich, hielt den Finger auf die Lippen, deutete auf eine Dame, die hinter ihm stand und glitt lautlos hinaus.
»Wie heißt der Mann?« »Gallow.«
Sie flüsterte zitternd, während draußen der Lift hochschoß, Männer liefen, ein Zimmer erbrachen, die Stimmen aufkrischen und langsam zurückfliehen und verschwanden. Harri bot der Dame sein Bett an und verpflichtete sich, im Lehnstuhl zu schlafen, die hatte einen Kimono über dem Hemd, die nackten Beine bebten. Nach zwei Stunden entführte sie Gallow mit einer Verbeugung, eine Limousine nahm sie auf vor dem Hotel, die Vögel sangen bereits in das Lila einer Dämmerung.
Mit dem Grafen Shanvady, mit dem er eine Zeitlang in Ettal zusammen war, fuhr er die ersten Tage nach St. Germain, nach Enghin, nach Calais. Mit Shanvadys Cousine Mirei fuhr er zum Sonnenaufgang nach Trouville. Im Motor begleitete er sie durch das Abendrot der Seine am Trokadero.
Ihre Schläfen waren leicht eingebogen, die lebhaften Nüstern zitterten scharf und anmutig, das Auge war bedeckt mit einem perlmuttenen Schleier, unter dem das leidenschaftliche Herz sich kühl verbarg.
Vor Bildern, im Musée Moreau, vor den Räuschen übergroßer Empfindung, fiel ihr Gesicht wie eingestürzt noch nach innen. Sie war so unerlöst, daß der Hauch einer seelischen Bestürzung sie erstarrte, eine Zärtlichkeit der Stimme sie fiebrig den Blick verschwimmen ließ.
Auf den Rennen in Auteuil traf er dagegen am Totalisator Gallow wieder, der eine Bande kommandierte, die zwischen den Buchmachern, Jockeys und Startrichtern hin- und herschoß und signalisierte. Er setzte auf ihre Tips, gewann, verlor, gewann. Angezogen durch die Organisation blieb er dabei, nachts endete er mit einem Umzug durch die Brasserien des lateinischen Viertels. Da Gallow am nächsten Tag in die Provence verschwand, kam von dem Räderwerk einiges an Harri heran.
Er schaffte den holländischen Photographen Visser, der die dunklen Höfe für drei Sous aufknipste in ein illustriertes Journal, wo Visser die Klischees an Althändler zu verkaufen vermochte mit siebenfachem Gewinn gegen seine Gage. Er schob Germaine als Tänzerin in das Ballett, wo beim achtundzwanzigsten Mal erst ihrer Schenkel Kraft einem Kritiker auffiel und Germaine auf den Punkt gelangte, ihr gewisses Renommee und diesen Ruhm zu abenteuerlichen Räubereien an der Gesellschaft zu benutzen.
Er bugsierte den Juden Blumenthal in den Marstall des Präsidenten, der dann, von der Opposition bestochen, das Pferdezeug durchgehn, den Wagen auf der Straße von Neuilly umschmeißen und den wackelnden fetten Mann als Oberhaupt der Republik von Maulaffen und Verbrechern mit Birnen beschmeißen und in aller Taghelle besudeln ließ, bis seine glänzende küraßte Kompagnie herbeikam, aber den Skandal nicht mehr aufspießte, der aus einem Film und hundert Karikaturen über Europa flitzte.
Er bewegte sich in dem Milieu politischer Flüchtlinge, bankerotter Literaten, sozialer Bohèmes und Glücksrittern, in diesem nihilistischen und auf Karriere bockgeilen Milieu mit der Sicherheit seiner Beziehungen und seiner Uninteressiertheit.
Dazwischen sah er Mirei.
Bald mischte sich sein Leben.
Er saß mit der Ungarin in der Opernloge, aß mit ihr und Shanvady im Café de Paris und fuhr im spiegelglatten Auto in den Klub der Rue de Grenelles.
In derselben Nacht in schiefer Sportmütze und Sweater decouvrierte er den Rennfahrer Müller, der im Absynthrausch in der Rue Champollion gestürzt war, als Besitzer eines zerborstenen Holzbeins, Spitzel, und Besitzer von fünfhundert Francs, die er verschwiegen und sich von den kleinen Kokotten hatte aushalten lassen.
Er tastete mit Mirei die Knoten der ältesten Spitzen ab im Musée Cluny und ging dem Filigran nach in seine jahrhundertalten Verästelungen.
Er holte Hallboog hingegen aus seiner fensterlosen Baracke, wo er zwischen dem Bild einer Frau, die ihn betrogen, und dem Glas darüber, eine Brut Wanzen züchtete, und brachte den gertenschlanken, haarumbauschten Burschen zum Führer des Chors in eine dramatische Revue des Odéon.
Er ging im Promenoir der Folies Bergères, den Zylinder im Genick, die Hand in der Fracktasche neben Mirei, und machte in dem Café der kleinsten Huren den Kroaten Mitro Petrova aufmerksam auf eine Notiz im Figaro, die einen phantastisch reichen und abenteuerlichen Sportsmann und Aristokraten seiner Rasse bei Geschick in seine Hand gab.
Er fuhr zum Golf auf den graziösen Avenüen zwischen den Idyllen und Zartheiten der Gebüsche mit Mirei im Bois de Boulogne auf dem Mail.-Phaeton, und brachte Petrova hingegen unter als Spitzel gleichzeitig bei dem serbischen und österreichischen Konsulat.
Er glitt mit dem Räderwerk, das er stellte und spielte, tief in das Milieu, war im arabischen Viertel heimisch wie ein Zuhälter, kannte und lernte die Tricks der Polizei, der Gesellschaft, lernte die Finten dagegen, die Fallstricke, die Betäubungen der Gegnerschaft. Wußte, wie Mädchen verkauft, Männer ausgetrieben werden, kannte die Führer der Milchdiebe und der panslawischen Komitees, lebte in dem Rauch der europäisch gemischten unruhsamen Retorte, wurde von Mirei nicht erkannt, als er ihr als Camelot ein Abendblatt vor der Oper verkaufte, nicht, als er statt Hallboog dem Chor im Odéon die Stichworte gab, aber er brachte genug unausgesprochener fremder Welt an sie heran, daß sie ohne Begreifen aber gefüllt bis zum Rand mit Instinkten mit ganz weit geöffneter Iris und dem fiebrigen Pochen, gleich einem dahinter schlagenden Vogelherz, ihm gegenübersaß.
Als Mitro Petrova, durch das Pech verfolgt, nicht beim Grafen Castiglione, jenem großen ungarischen Sportsmann, vorgelassen wurde, nahm er selbst, in Petrovas Maske und ausgefransten Hosen und ohne Kragen die kompromittierenden Briefe, erreichte, von Petrova gefolgt, in dem Hotel am Vendômeplatz drei Appartements, ging in das vierte, von der erblaßten Dienerschaft bestaunt, sah eine Frau im Peignoir halbnackt, aber mit deutlicher wunderbarer Schulter durch einen Vorhang verschwinden und hielt mit ruhiger Überlegenheit dem Grafen, einem breiten, nackenschweren Burschen mit rötlichem Bürstenschnurrbart die Papiere und die Situation vor und ließ ihn wählen.
Verwirrt griff der nach dem Schlüssel seines Schranks, um auszuzahlen, da stürzte Petrova auf die Papiere, warf sie dem Grafen vor die Füße, warf sich in den Teppich auf die Knie, verzichtete auf die Rente und erbat als Gegenleistung für die Papiere seine Geliebte für eine Nacht.
Der Graf riß die Papiere an sich, bekam durch diese Wendung Mut, spannte eine Pistole, und nur mit schrecklichen Sätzen gelangten die beiden ins Freie. Der Figaro brachte Castigliones Bericht durch seinen Interviewer, das Journal sein Bild, der Polizeipräsident setzte eine Belohnung auf die Erfassung der Attentäter.
Am folgenden Morgen machte Petrova Harri klar, daß er nichts, Harri alles zu verlieren habe, und daß er Geld brauche. Harri lachte und schlug ihm zweimal seine Handschuhe ums Gesicht. Nun tauchte aber Gallow wieder auf, eifersüchtig und gewandt versuchte er ebenfalls die Erpressung. Harri gab ihm eine Banknote. »Einmalig . . . . wie der Tod«, sagte er.
»Yes« -- Gallow.
Nach drei Tagen begann Gallow die Erpressung von einer anderen Seite. Harri suchte ihn durch einen Dritten, der zuhörte, zu fassen. Es gelang nicht. Als er ihm entgegnete, daß er, wie seinerzeit den Störzer am Waldrand bei Liskeard, ihm auf gleiche Weise Erpressung vor die Brust schießen werde, fragte Gallow kalt: »Wieso?«. In der Tat gab es gegen diesen eleganten und gefährlichen Halunken kein sicheres Material.
Das sagte Harri zu dem Grafen Shanvady, als er mit ihm vor dem Café d'Harcourt saß, und damit trat Shanvady in sein Leben, in das er tief wie niemand einschnitt.
Shanvady frug, ob er ihm das Arrangement überlasse, Harri nickte; Gallow verschwand.
Am gleichen Tag fuhr Harri ohne Shanvady mit Mirei nach Fontainebleau. Das Wasser hatte eine zauberhafte Durchdringung der Luft, die Parke standen hauchklar und leicht.
Sie erregten sich aus der Beschwingtheit des federhaften blauen Tags hinein in die Schönheit des, was sie umgab. Er zeigte ihr den Hof, wo Napoleon Abschied nahm vor Elba, und Sergeant Dubois durch einen Schrei die ganze Kompagnie zum Heulen brachte.
Vom Wagen links und rechts sich neigend, verständigten sie sich, daß hier der Rousseau gemalt, dort der bauernhafte Millet, da der Daubigny, und am Ende überall der aus Silber und Flöte die Welt geschaffen: Corot.
Schon im Schloß lächelten sie sich zu und begannen die Säle zu durchrennen, immer süßer wie von ihrer eigenen gleichströmenden Harmonie weitergetragen, bis Mirei neben einer schlanken elfenbeinernen Vase der Marie Antoinette stehen blieb, errötend, ihn erwartend und die Hand auf der Brust, atemlos: »Fühlen Sie mein Herz«.
Alles war nunmehr aus ihr herausgetreten und hatte sich in ihrem Gesicht aufgestellt, bereit wie mit einer großen und feierlichen Zeremonie ihn zu empfangen und ihm entgegenzutreten.
Allein in diesem Augenblick entfernte sie sich unter seinem Blick, er fühlte keinen Anlaß und keine Begeisterung hineinzutreten in diese Welt, als sie sich ihm öffnete, er vermochte sich nicht darauf zu spannen, daß dies ihm etwas sei. Der Tod hatte ihn zu sehr entrückt, er bestand die erste Probe nicht, mit der das Dasein ihn lockte.
Flaumenweich, dünn und zwecklos floß es ihm weg, er neigte sich nur lächelnd und zurückhaltend, als höre er. Abends nahm er im Luxembourg-Garten eine tschechische Studentin mit, küßte ihre Knie und lachte über die Nationalbänder, die sie durch ihre Wäsche geflochten.
Am anderen Abend eröffnete er mit Hallboog das Kabarett in der Rue Champollion. Er suchte Hallboog damit durch die Varietésensation in die Literatur hineinzubringen, aus der dieser abgebogen war durch ein Weiberunglück, und in die dieser ungebrochene und nur zum erstenmal zusammengeklappte Jüngling mit penetranter Begabung gehörte.
Den Tag über hatte er alles, was irgendwie ihre Kreise streifte, als Sandwichmänner mit Plakaten herumgeschickt. Germaine, die er gestartet, war im Auto mit Herren im hohen Hut angefahren, um als Favorite nun wiederum diesen Start zu machen.