Part 11
Was ist geworden in den Jahren, die ich im Süden ein Hund war und Suchender und Wüstling und nicht gedachte an deine große Schönheit -- und zwischen Segelfahrt und hellenischem Frühling nichts die Zeit überbrückte zwischen mir und unseren zartesten Sekunden -- -- und was hat dich in anderen Armen verwandelt und hinter welchen Mannes Gefühl ist dein Gesicht verborgen, daß nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mädchenhaftigkeit mir vertraut und nah ist, mit dem dein Blick mich ans Kreuz schlug, als ich am Ufer dich ansprach mit dem Wort zu scharf und leicht für deine frauenhafte Bedeutung . . . . . und daß nun, wenn du fremd in deinen Kleidern hinausgingst, die Sehnsucht nach deiner Entferntheit und die weite Kühle deines Lächelns mich tot machen, meine Freundin?
* * *
Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der Midussi.
Wenn sie die Locken schüttelt und feig vor der Schußfahrt in die Knie geht, und die prinzessinhaft im Nacken geschnittenen Haare ihr in die Zähne flattern, hören selbst die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu werfen und zu begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber ist nie abgeneigt, mit dem Schrei loszufahren, zu kratzen und die angesammelte Meute sechs- und achtjähriger Knaben, Eiszapfen schwingend, zu sprengen. Zehn Männer, die den Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten lediglich nicht müde zu werden hofften, fiebern nachts nur noch von ihren spielerischen, lesbischen Beinen.
Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen Stirn, und das achtzehnjährige sizilische Gesicht ist krank, bös, schön gespannt in der aufregenden, von ihren Blicken verdorbenen Luft um sie.
Sie quält, lächelt und ist kühn genug, im verruchtesten Loch mit der großen weißen Perlenkette dem Schwarm der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch ihre Holzmasken wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen Zirkus von Tanz um die Gebirgskette schlagen, und aus deren Weiberröcken und wilden Fäusten sie heiser lachend entgleitet, den Saal hinter sich zurücklassend, aufgepeitscht bis ans Geheul.
Ich weiß nicht, ob sie mich haßt, aber es mag sein, daß dies ihre Liebe ist.
Die Syrakusanerin läßt den Schlitten voraus fahren, Schellen klirren sacht, hell. Wir kommen auf den Pfad, wo die Angehörigen eines religiösen Hotels, mondäne Nonnen, an uns vorüberstreichen. Es geschieht, daß die Midussi, die Zähne im verbrauchten Gesicht, sagt, daß Picard zum drittenmal ihr an den Hals gedroht, führe sie nicht nach München -- -- fürchtet sich, schaut schräg auf.
Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfüllt sich unser Gelächter zu einer Schleife, die am Hausberg sich hinaufsingt, oben fast donnert.
* * *
Samstag kam ein Brief von der großen Diva.
Marga Ritterstad.
Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurück. Unsere Augen treffen sich dazwischen.
Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz der Spaniolin könne soviel Blondes liebend anerkennen, denn es sei gut und von gewisser Bedeutung, und, wenn man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste sehr viel.
Ich sage:
»Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf das Strenge zu richten. Man verzeiht. Man lächelt. Niemand klagt an. O, wenn ich die Kinos alle hätt in meiner Hand!
Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafés und Theater und einen unvergeßlich perlmuttenen Frühlingstag geglitten, und aus einer Loge sie durch plötzliches Schneegestöber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie Verzauberung über den Straßen hängen . . . . denn soviel Liebe sie empfängt, strahlt sie zurück.
Man kann ihrer Spur folgen durch die Wüste. Morgens kam ich nach Nürnberg, lag im Bette, telefonierte dazwischen, durchschlief den leeren Tag. Am Abend überwogte mein Auto aber die Brücken und Hügel der Stadt, ich fuhr von Kino zu Kino in der von der Dämmerung entzündeten Sehnsucht, die Blonde zu suchen, und ich erregte am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes, das dort noch nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.
Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und die erlesene Haltung ihrer Augen!
Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn ihre Träume haben nie geglaubt, daß so Herrliches wahrhaft an Restaurationstischen atme und speise.
Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen Königin ihrer Liebe.
Köche, vom Gerücht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren nur ihren Fisch mit hingebender Kunst, Portiers eilen, Chauffeure, von anderen gemietet, unbestechbar, brechen auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen und schmeicheln sich, mit großer Bewegung sie grüßend, keinen Lohn zu empfangen.
Nie hätte ich gewagt, zu glauben, daß dies Volk der Sklaven, das vor verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden Hohenzollernfrauen erbleichte, so viel Größe habe, sich eine Fürstin ihrer Liebe zu schaffen.
Sie ist die weiße Göttin der Masse.
Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres Lächelns willen. Nichts weiter. Man neigt sich vor der Wahrheit einer Legende.
Überall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet, flimmern die Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs, stehn auf Schiffen, in Klostern, auf Inseln, in Lazaretten, Bordells, Villegiaturen, Steinbrüchen, Sanatorien, Irrenhäusern, Auswärtigen Ämtern, Polizeibüros, Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen und Völkerkriegen.
Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit liebt und gegen den pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung lächelnd und, moderne Berserker, anrückt und feuert, die ihr den Erdball aus infamen Achseln klappt und nicht vergeßt, dabei die Marseillaise eurer schönen Herzen zu singen, euch, die ihr euch hingebt, duldet und tapfer seid im Blut, schreie ich hinaus: Nehmt die Waffe. Laßt die Theater, die Intellektuellen nur spielen und bourgeoisem Geist, der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz, treibt diesen Kreisel durch alle Niveaus, Kreise und Staffeln.
Schiebt die Erschütterungen auf die Leinwand, von ihr hinein in die Adern, füllt durch sie den Pulsschlag, schafft einen Riesenkreis der Wirkung. Treibt die Besitzer der Sauställe aus, baut Kinohallen. Enteignet diese Gesellschaft.
Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese Frau nichts darstellt als ein Kapital von hundert Millionen, eine Tantieme, und sehr zu pflegendes Tier.
Dann wird die weiße Blonde in der Stille kommen. Der Moment der Erfüllung wird ein Blitz sein.
Auf daß sie nicht mehr der weiße Vampir sei, die goldene Schlange, das helle Marderspiel, sondern daß sie eine gewisse Demut ertrage und, von zehntausend Leinwänden in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von Rosenheim bis Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute Frau von den sieben Schwertern und blutroten Rosen die Armen und Geschlagenen in Wahrheit heraufführe bis zu der sanften Höhe ihres Lächelns aus dem Rausch der romantikverstunkenen Löcher, in denen selbst die Verwüstetsten, um ihren Glanz anzubeten, nie erlahmen werden, ihre kargen Abende und die Dämmerungen des Frühlings hinzugeben.
Und, die heute täglich suhlt à la boche in den Lachen der von Kocherls und Ladnerinnen umjauchzten Geschwätze, wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig, Instrument der Gesinnung, Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone und dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Tränen, guter Handlung -- -- -- .«
Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits spielt, die diesen Augenblick mit vor innerer Spannung erfrorenen Augen empfindet, und sagt: »Silberner Vampir«.
Die Wolke ihrer Augenlider hat einen sehr entfernten Glanz. -- -- --
Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im Garten, treten, stampfen, werfen auf eine Säule Dampf. Ich trete ans Fenster, fasse den Laden fest. Nehme die Skier.
Folge Kerstin in ihr Haus.
Staune nicht.
* * *
Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswürdige Maske von Kraft und Zorn, und die Vollendung ihrer Hände erreiche in der Berührung der Tasten eine Erhöhung der Töne, die sich dichter immer zwischen sie und mein Hören stellte . . . und die langsame Verdunklung ihrer riesigen Diele sammle aus der florentinischen Seide der Wände und den aus Feuer gefärbten Bildern Marées eine Stärke, die sie mir wehmütiger und ferner entzog.
Sie sprang zu Chopin.
Ihr Rücken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene Süßigkeit der Weidengerten war dazugegeben, die den März zum schmiegsamsten und verführerischsten aller Monate macht.
Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich fand, man vermöge wenig Sinn zu finden für dieses, wo die Natur uns täglich säugt und wir verliebt sind in sie mit unsterblichen Gästen.
Ich sage:
»Weißt du, wie Lia von Florenz sprach und jener Sonne Eures Ateliers und Speyer und Lucius und jener Sinfonie, die mit Gold und Musik Ihr morgens über die Hügel stürztet -- und ich schwarz, zerschlagen, gepeinigt vom Bild jener Stadt, in der ich diese Zeit damals verbrachte (Stadt bestürzender Enge, niederen Behagens, wohlgenährt, aber ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal Prüfungen nie gab, feist, faul und bürgerlich und selbst zu feig zur Sünde) -- -- daß ich gepeinigt nicht sagte: Dulden ist mein Los -- -- sondern ins Gewitterblau der Pflaumenbäume hinausging, am Bach Gott bat, mich hochzureißen an den Rändern des Gefühls, mit Zorn mich anzuschwellen, zu tränken und zu stärken, daß ich, unser dichterisches Schicksal erfüllend, blutigen Mundes den Haß der Vaterstädte ausrufe . . . . .
und daß ich, weißt du noch, am gleichen Abend, als der Berg rot flammte, Vollmond aufsprang zwischen den Ufern, Hügel violett und bebend sich malten auf die sie kaum ertragende himmlisch-japanische Seide, daß ich in Eurem Boot dennoch nichts anderes tat, als dein Gesicht zu preisen. Es war mir nah wie mein Herz, und wie es heraufstieg aus der illustren Kette der großen Revolutionäre und Helden Deiner Familie und das Unvereinbare trug der Hingebung _und_ des grenzenlosen Hochmuts (über den schwarzen Brauen und unter dem rauhen Helm der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen Erlösung:
nie habe gemischtes Blut von Franzosen, Juden, Aristokraten, Dichtern und Deutschen soviel wilde Schlankheit der Hüften und schmerzliche Verhaltenheit der schönen Nase in eine lückenlosere Harmonie des guten Weltbildes getragen . . . . . und der See hielt deinen Leib wie ein Schild mit inbrünstiger Entsagung gegen den von Schwärmen übersternten Himmel.
Weißt du . . . . . als an dem Tage, wo draußen an der Notbucht einer umschlug, und die Kreuzbö uns überfiel, zu dritt wir uns über Backbord warfen, es drückten, den Gesandten Teherans von zwei Meter Länge im Lee durch das schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben ging, das Focktau in die letzte Messingpumpe sog . . . . . wie dein Gesicht allein mir lohte.
. . . . . wie von dem Turm, wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier, einer zum Land wie ein Rabe malte, jener Reiter, von Entzückung Illuminierter, dir die ganze Nacht Feuer über die Seezunge brannte.
. . . . . wie wir durch die Sturmnacht auf den Rädern um die Seebögen heimwärts rannten, und das Aleppogeträum des Prinzen und Bagdad und Pera unsere Herzen verband, als lägen wir Gesicht an Gesicht in deinem Haus zu Fiesole.
. . . . wie der große Geländeläufer, in Davos und Edinburgh gefeiert, dich schlafend morgens im Boot entführte und abends abreiste mit eingesunkener Schläfe
. . . . . wie der Ritter von Harty, dem die hohen kriegerischen Medaillen die Brust überschwammen, die Regatta unter deinen Augen verlor, am Strand saß und heulte
. . . . . und wie der Arm der Diseuse, die nach dem Gewitter gedeutet, magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte und auf ihn noch wies nach zwei Stunden auf deinem Balkon und dich ein wenig verwirrte.
. . . . . weißt du, wie ich die flachen Hechtsprünge machte, um dir zu gefallen, obwohl die Narbe mich feurig schmerzte, und deine Hände, die gemacht sind, daß, wenn man dich liebt, man sie spüren muß oder krepieren, sie sänftigte und meine Eitelkeit linder tadelten als dein Wort.
. . . . . weißt du, wie, als wir am Bach lagen, und die Idylle des Himmels und der Häuser uns verzauberte im gläsernen Mittagssturz, jene fremde augenmalayische Frau mit dem schönen Mund und den vielen Steinen, die wir als große Freundin von der Freundschaft später so sehr noch lieben sollten, das Auto anhalten ließ und ausstieg und zu dir einfach sagte: »Wie schön sind Sie«, als seiest du eine Wiese.
Aber eins, weißt du, kann ich nicht ertragen:
Du hast zwischen Tau, Flieder und Vögeln mit deinem Körper getanzt in unserem Park am Morgen, und nichts blieb uns fremd von deinem Bein und deinem Hals und den Brüsten -- -- und ich habe jeden Teil durch die Luft genossen und geliebkost wie ein Irrer . . . . .
und kein Teil deines Körpers, Kerstin, vergaß mich (wenn ich anders sprach, log ich) und jeder hielt an sich, blieb bei mir und besaß mich toll in den Jahren, die sich, während ich uneingedenk deines Schicksals durch viele Leben dahintrieb, geheimnisvoll zwischen dein Leben damals und dein heut verhülltes Leben spannen, meine Freundin.«
Sie stand auf.
Die zwei dänischen Doggen gehen vor ihr her.
* * *
Ich folge. Ihrem Rücken nach. Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit weißen Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals, mit der andern die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht. Flog mit Störchen, blies Frösche auf, vergaß nie, daß der schlagende Horizont einziger Freund.
Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Körper mir noch Erlebnis schien, wert nachzuspüren dem göttlichen Zusammenhang Eileiter, Sonne, Hoden, Niere und Leidenschaft, mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen, Spiritusblasen, Zeichnungen, Wassermann, Abnormitäten, nach Sumatra. Ätiopinnen liebten mich, wenn wir auf den Schilfbarken fuhren. Tja--ka . . i lärmten die Papageitaucher hinter Trontje.
Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im September vor ihrer großen Heirat um ihre Zehen. Habe an Häfen gelungert, war Photomodell, Araber im Sketsch des Odéon, verkaufte Zeitungen vor der Opéra und quer über die Boulevards. Wie groß war der Sandwind selbst der Passy-Kloaken!
Wie stählern flog der Himmel auffeuernd hinter dem Rußschwanz der Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in den Knochen. Wohne in einem Bauernhaus, Kerstin, das in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit dem Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie einen Hund.
Was soll mir hier um dich der Plunder?
Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger Puma, zahmer Südleopard . . . . . was soll mein Blut mit dem Angehäuften, Verfaulten, hinfälligen Zauber, der dich verkapselt, und den, eh die fremden Hände in diesem Haus ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgürtel um deine Schenkel und Augen, Jahrhunderte nur blutlos häuften, verehrten, bewunderten, um allein dich abzuschnüren von mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser Feierlichkeit hier. Doggen erfrieren und gähnen. Mir ist im Hals, als äße ich Waldkirschen, Galläpfel, Holzbirnen.
Der Römer aus Bronze glänzt ab auf deinem Rücken. Die sieben Knaben Donatellos werfen den Marmor auf dich und verkühlen dich zu Ferne. Die frechen, schmalen Stiele der Orchideen überwuchern dich mit solcher Geilheit, daß sie der Köstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien hinzufügen.
Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen Figuren des marmornen Klassizisten Hildebrandt . . . . saugen dich auf in ein Maß der Entzogenheit, daß selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir zurückfüllt.
Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, daß selbst die sechs Sekunden, die ich dir über die Veranda langsam folge, dich, um die unsere Statuetten gierig glühten am See, Schmetterlinge und Tücher brannten, Sträuche wie Wind wehten, daß selbst die sechs Sekunden dich verhüllen und vermoosen und hineintauchen in dies deinem Wesen Un-Nahe, Verhaßte, langsam Entfremdende? -- -- --
Sie bleibt stehen.
Ich schaue auf.
Die Brust des Schlosses stürzt vor meinem Blick mit einer Glaswelle über den Abgrund.
Da steigt und bäumt das Gebirge draußen auf hinter dem Glassturz, flammt im Saublut des Mittag, steigt und brüllt und saust und sinkt hinter die glitzernde Scheibe wie eine geblasene Spiegelung.
Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.
Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende, aufschwingende: draußen das? Hier? Ist draußen das ein Phantom, was ich liebe zum Verrücktsein, die Brust der Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden, das Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschälte wie eine Orange, Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrüste der Schneehimmel, an denen wir hingen, an ihrem fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen Mäulern? Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt es hinter dem Glas? Hält nicht stand dem Leben hier drinnen, dem wilden Geruch aus dem Jahrhundert, der Gebärde schrankenlos aufsteigenden Daseins, verwirrenden Gobelinsprüchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos Tritonen? Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt, blaß, ein Nichts? Blähung, die mir ins Gesicht fährt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein Leben umsonst?
Da dreht Kerstin ihre Hüfte in die bebende Sekunde mit einer Bewegung der Achsel, wie, mit Kristianiaschwung brausend, sie gestern bremste, als neben mir, in Hosen die schönste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom Gletscher schoß. Die Wagzunge bebt.
Die Wage schwankt, geht hoch.
Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.
Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsüßen die Bogen der Schneefelder, wie herübergeschienen, ihre Haare, die Brauen. Sie spiegeln sich ineinander in tiefem Hingegebensein, bis sie, sich vertauschend, vergehen.
Es war, als mische in einer unlösbaren Sekunde die Landschaft und das Weib sich, die wir beide nur durcheinander ganz zusammen und vereinigt unendlich lieben und erfassen können bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken keiner Umarmung, nicht die Ausschweifung der Mondnacht, keine Gefahr, Demut und Riskieren, und die blutige Wut keines Eistages fehlte.
Wie strudeln die Weidenbäume märzlich herein! Suchen Schneeflammen sich an dir zu zerstören. Tost der Kessel vom Signal des Bobs und erschüttert der Himmel sich mit Süße!
Die Wagschale saust in die Höhe. Dein wahrer Kopf kommt herauf. Ich sprenge die Zeit von deinem Mund, deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut. Dein Gesicht kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines Körpers, wie an dem Tag, da du tanztest.
* * *
Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes Gesicht sehen wie den segelnden Mond. Ich will dir den Abgesang bereiten, meine Freundin.
Du wirst die schönste sein auf dem Wege von der Geliebten zu der Kameradin, und das Geheimnis wird sich in dir bestätigen von der späten Freundschaft mit den Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an der Mondflamme uns golden ausgeruht.
Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend stehen. Aus jedem Spiegel wird unserem eigenen dein tragischer Stolz entgegenschnellen und verschwimmen. In großer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.
Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender und gleich einer Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die Geräusche des Bodens in der Ahnung nur steigert, aufglänzt, hebt.
Jedermann weiß, was das Summen einer Goldfliege an Ungeheurem ist in einer Sommerkuppel. So warst du.
Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Träumen. Die Sarabande der Sturzbäche machte eine silberne Wolke hinter dir, und dein jungfräuliches Herz verlangte nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem Eindringen entgegenzutreiben.
Und siehe:
Dennoch . . . . . bringst du Unheil über mich und alles, was ich tue.
Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die Wette, kenterten wir beim Halsen, mißlang eine Arbeit von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr, raste ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben die wenigen Stunden herauf, seit ich deinen Geruch wieder spüre. Wird morgen der Sprung vom Skihügel meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen, erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil sie noch bleibt, der Locke inmitten ihrer Stirne halber, am Bahnhof mit dem Revolver mir auflauern, mich erschießen?
Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus den Federn.
Aber ich lache.
Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine Minute. Gerne hielte ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner, die Hand in deinem schönen Fleisch, entzückte Parade, und mein trommelndes Herz wäre jede Sekunde bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die Marne des Schicksals hindurch sich zu schlagen. Denn siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht mein Ehrgeiz Flamme speit gegen Widerstände, Schicksale abdonnert, sich riskiert -- und der Condottieri meiner Adern aufbricht, steigt, strömt vor Stolz.
Aber du.
Du hast deine Schönheit in wechselndem Spiele ausgeliehen an die Dinge, die um dich sind. Es liebt dich jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu festes Halten ist Tod aber für die großen Liebenden. Deine blumenhafte Zartheit abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen glückhaften Bewegung in die anderen Zustände deines Verweilens, zerstörte nur deine kostbare Form. Es heißt zurückgeben dich an das Viele, dem du gehörst, Entzogene den Leberblumen, dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des Forellentals und Weidentroddeln der Bäche, den Dörfern, Gehöften. Sie lieben dich alle, warten in Sehnsucht. Ich kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein, dich nicht mit tausend Vertauschungen sehnsüchtig halten.
Wie sollte ich leben?
Nur auf der Höhe der weit und wie Pfauenräder verwirrend geschwungenen Gefühle uns begegnen, durchdringen und kulminierend besitzen -- -- wie schön unser Schicksal.
Du wirst nicht weinen.
Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen des Mondes spielen darauf. Die Schweife der Pferde sirren dir nach: Geliebtes.
Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit beten, daß du sanft durch den Abschied entgleitest und gut es hast, bis idiotische Schaffner den Morgen aufgellen: Fiume . . . Buccari . . . Czirqueniza . . . und milde See dein florentinisches Lächeln spiegelnd tragen.
* * *
Die Leidenschaften haben sich erfüllt. Selbst die Trennung ist da eine heitere Bewegung. Man muß zu leben wissen und sich einrichten. Man trägt den Kopf nicht zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem seufzen? Die Sentimentalen haben nie eine Frucht aus der Leidenschaft gezogen. Daß etwas so war, ist eine Herrlichkeit. Schied es in Harmonie, welch ein Besitz!
Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr, hatte Uga, die Bronzenymphe des Grundes, ihre Lage verlassen und es schien, daß sie sich mit Bauch und Gesicht ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen Oberfläche bewege.
Das Grün kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer Stille herauf, daß dieser wundervollen Bewegung nur der Mond noch jene gewisse Starre hinzuzufügen vermochte, mit der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder entrollte.
Der Mund neben mir lächelte voll Zurückhaltung.
Es gab nichts mehr in der Dämmerung als die selbstverständliche Bewegung der Nymphe. Um Baum und Eis und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem Lauf der mondmagischen Berge gab sie das Maß ihrer Gegenwart. Wir fuhren durch die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut, wenn sie sich in dem Reif bewegten.