Part 10
Man läßt den Tiefsinn zurück. Tage, Stunden, Wochen, fallen ab gegen den kristallenen Himmel, die in Traurigkeit sich tief erfüllten. Was war es?: Glück.
Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn. Doch man stirbt nicht vor Trauer. Man stirbt auch nicht vor Freude.
Aber Kerstin zu sehen nur, welch schöne und bittere Verführung!
* * *
In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war sie in Schachen. Die schweizerischen Berge kamen am Abend mit Lichtern über den Bodensee geflogen. Sie hatte gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner Verborgenheit auf Männer um sie. Die Barockfiguren des alten Parks begannen lang und zärtlich mir nachzuschreiten, als ich im Wagen nach Kissingen hinüberfuhr. In Bamberg sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem Landhaus bei Bayreuth kreuzte ihr Name sich mit dem eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich voneinander gelöst und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz mitten auf die Brust.
Ich quälte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden Spuren zusammen, ihre Gestalt zog immer tiefer in den Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben teilte. Ich begann zu leiden. Zurück? Wozu in die Traurigkeiten, die verbittern mit Einsamkeit?
Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand, mich zu entzünden mit einer melancholischen unerregten Leidenschaft, die nur sehen will und überschauen kann. Man stirbt auch nicht aus Leidenschaft.
Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends kam ich ins Gebirge, fuhr an das Schloß, sie war verreist für eine Tour. Man erwartete sie. In der Dämmerung ließ ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich ließ den Schlitten angespannt, denn sie war im Begriff in ein Sporting-House zu fahren, die Glocken schellten.
Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier in ihr aufgeschlagen. Die überschöne Schlankheit der Hände und das fiebrige Feuer der großen ruhelosen Augen schienen den Knabenkörper mehr in den Ruf des Erlöschens zu ziehen als in das Muskelgekrach.
Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula oben an den Ring und nickte uns zu. Man massierte ihn darauf, der auf den Seilen lag, und führte ihm Luft zu, während der Saal in Erwartung der Schläge ächzte. Während der Time-Keeper schellte, der Unparteiische pfiff, Bambula sich aufblies, der kleine Ukrainer mit Ballettschritten ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut nahm und niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebäumt. Grey Lad preschte davor mit Kerstin.
Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung. Aber während Frauen auf den Stühlen dem Neger zuschrien, die Männer wüteten, Bauernburschen die Tirolerhüte schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner Clinch nahm, lachend Sawate erhielt und mit grandiosem Bak Spring ihn in die Herzgrube erledigte, war ich schon tief ergriffen von der Kühle der Frau neben mir.
Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp über die Felder zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit kam ihr Wesen aus der schwülen Ekstase des Saales mit einer überlegenen Deutlichkeit und einem gewissen hochmütigen Lächeln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen des Verzichtes früher als alle durchstoßen und von der in ihr reisenden Nähe des Todes eine Ironie um den Mund erhalten, der sie allem entfernte, obwohl sie nichts floh.
Das Verzückte war hinter ihr in schwärmerischen Bögen abgeschnitten. Sie hatte jene Größe, die sich nicht entschied und weder das Gesicht weg von dem Dasein wandte und es verfluchte, noch in Betäubung stürzte. Sondern sie ließ, allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt und unbegehrt, vorüberfließen, während ihr Mund in schmerzhafter Blässe nicht zuckte. Welches Blut lag dahinter abgedämpft, wenn sie gütig nickte! Welcher Sprung, im Haß, federte und ward nicht getan!
Ich neige mich über ihre Hand.
Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte mein Gesicht nach dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften Zug, tief und weit entfernt, über mein Zugewandtsein.
Ihr Leben beginnt über meinen Horizont zu laufen, ruhig und gütig, ohne deutliche Spur, eine Sonne von Westen her immer der gelben und roten Sonne entgegen, dunkler und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.
Damit ist mein Leben eingezeichnet.
Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten, ist anders, diesem Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber nicht dies. Welche Bedeutung es hat in meinem Dasein: ob diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer durchschaut das Schicksal? Vielleicht weiß ich es, wenn mein Blut langsam rinnt und meine blonden Haare so hell geworden sind, daß das Urteil bis an die Grausamkeit vordringt. Wer kennt sein Herz? Man muß sich unterwerfen. Stolz ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man lebt sich schon hinein in sein Schicksal.
Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt nun das Leben zum Anstarrn. Der Kreis öffnet sich. Da sind nun die Tage, Wochen, die Leidenschaften, die hineinreißen in ihren Bann und entzünden und verzehren. Haben sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwärmerisch wie Vögel auf. Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo. Ich lebe in Begeisterung. Welche Woche!
Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten Bergzügen Venus und Jupiter in bengalischer Konstellation gesehen? In die flamingone Abendröte den Hausberg aufgereckt wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die Natur nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt mit meiner Bewegung? Hat eine sizilianische Frau nicht unter den Kronleuchtern ihre Rasse aufgezaubert? Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad auf der Lippe gespürt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen? Haben die seidenen Fahnen, als wir im Bob passierten, sich nicht gegen den Wind alle huldigend auf diese schöne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet? Schossen wir nicht aus dem Nickelglanz des Starts herunter auf dem Bauch im Rodel, durch die Kurven auf den Hüften hinunter uns wiegend wie im Liebesspiel?
Welche Woche, Lil Pax, während Sie lagen! prall, festgefüllt, aufgestäubt. Wie bunt. Doch was ist es am Ende?
Es bewegte sich nur. Aber . . . . alles Getane, alles Erlebte kreiste um Sie, Lil Pax. Das ist nunmehr von allem die Richtung.
Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie nur in der Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit der unentziehbaren Bewegung der Sonnenblumen, die dem Gestirn mit ihren Mähnen folgen. Es gibt keine Frage darüber. Das ist Bestimmung.
Ich sehe Margit. Ihr Hund heißt Lorm. Ihr Lied »O Dolly.« Ihr Herz ist voll von schönen Schauspielern, von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen Pianisten, im Lyon reitenden schwarzgeschnürten Offizieren, von Pré-Catlan, von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren am Abend, von Lido, von Sand und Hitze, von einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem schönen Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel Ugolino, von Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.
Ich fahre mit Margit, während Sie krank liegen, zwei Tage südlich. Ich kaufe ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr Innsbruck. Ich trinke mit ihr den serbischen Slivovicza. Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon südlichen Springbrunnen verzaubert, und die Honigdämmerung unter den Schneebögen der Hügel und die lauen Schatten der Madonnenlauben unter dem Golddach. Ich lasse sie Preise verteilen in der Franziskanerkirche an die Statuen, sie teilt es dem provenzalischen König zu, dessen Erzbrust hundert Amouretten überspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch, der Unerschütterliche, Gott ins milde Zinnoberlicht seines Auges hinaufhebt. Es ist ein rotseidenes Strumpfband, was sie als Preis austeilt, und gibt ihm ein glückliches Aussehn.
Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Müdigkeit. Nun laufen die Berge der Bahn wieder bei unserer Rückfahrt entgegen. Ich sehe sie an gegenüber, wie sie schläft. Mit zerfleischten Rücken sinken die Berge in schwarze Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns noch einmal über die Grate.
Sie träumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem Lackhut als Kind. Ein Röntgenologe versichert, sie habe das kleinste Herz. Bäte ich nur, sie vermachte es mir. Es stünde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des Gordon-Setter. Sie wacht plötzlich auf, hinein in Begeisterung. Ich spüre ihren Atem, sehe sie herübergleiten. Ein schönes Geschenk der Stunde. Ich versage sie mir ohne Bemühung. Warum?
Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet, Lil Pax. Sie ist nur etwas wie eine zärtliche sekundenlange Laune, die Sie verloren. Die Bewegung dieses Mädchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre Hüfte gegen das Maßlose Ihres Todes.
* * *
Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das sind die Leidenschaften, die erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich erhebe mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis. Ich ziehe das Dasein herein aus seinem äußersten Kreis. Ich warte noch immer auf Kerstin.
Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet. Man schließt die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber, Liebe, kein Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich bezieht auf Sie, irgendwie.
Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er dem Präsidenten der Republik, der das Monstrum des großen Apachen beschaute, ein Stück Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: »Mon corps est foutu . . . . hé . . . . non pas mon orgueil.« In der Stille seines Gesichts lag unterdrückt derselbe Claironklang, der hinter Ihrem Leben gellt.
Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm eingezeichnet, und daran weiß ich ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit Ihrer Hände, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.
Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingeführt zu der Harmonie Ihres Geistes mit jener Güte und Milde, . . . . Sie hätten auf der anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:
Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Hätten die pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten und Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische hätte ein Pferd über Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im Reifrock hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf wären Sie vor Ihren Leuten unter die Elephantenbäuche gerannt, makkabäische Königin. Ihr Haß hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.
Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen, einen Dolch im Rücken, wären Sie der liebenden Größe nahgekommen, mit der Sie heut überschauen, was sich heranwälzt auf dem Schicksal.
O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes nachgewandert mit den gepflegten Nägeln:
Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Märtyrin, sich verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als Peitsche, gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut, Verachtung. Ach und schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine, Schmuck, Lächeln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.
Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den Körper, der, verseucht, aus allem vertrieb. Sie haben mit einer übermenschlichen Bewegung der Seele langsam gut gelächelt mit dem Partner Tod.
Dies Lächeln ist die Lebensrichtung geworden für den, der Ihr Dasein streift. Man stürbe gern für Sie. Was an Versagtem in das Gefäß Ihres Körpers zurückfiel, geht in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder von Ihnen aus.
Selbst wie Sie den wilden Regenbögen, die über den Hausberg flattern, nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie den Nächten abgerungen. Süß muß der Tod sein, der im Nahen schon so schön verwandelt.
Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem Ziel, dem feurig Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen, und dem Ausdruck, mit dem Sie nun entsagend lächeln.
In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als Sie der Bonne Ihre Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe, als wenn Sie, ohne dies Schicksal, auf der anderen Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem englischen Geschäftsträger Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs Gesicht geschleudert. Ihr unterdrückter Husten bei dem Besuch des alten russischen Admirals gleicht aus, was Sie an Triumph, Tänzerin, auf die Spitze des bolognesischen Balletts unter Blumenwürfen gehoben. Der Charme der Teestunde, der an Ihren Geist anbindet, wäre nichts andres gewesen, als daß Sie, Dompteuse, das Panthermaul schlössen, mit der Pistole einen etruskischen Dörfler getötet. Entgleiste Lokomotiven, fliehende Ballone, aufbrennende Opern haben den Anlaß, aus Ihrem anderen verhinderten Leben zu springen, wenn Sie mit gleicher Milde, als sähen Sie die sieben Freuden Mariä, in den Schlaf Ihrer Müdigkeit hinübergleiten.
Aber, was an Macht über Menschen in Ihnen ruht, wie wenigen der Epoche, was an Zauber Ihrem Körper, an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an unaussprechlicher Süßigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine Bedeutung erhöht hat, deren Überlegenheit Sie am deutlichsten spüren . . . ich weiß, Sie gäben es mit eisigem Gesicht, stellten es beiseite mit dem Madonnigen, dem Zauber, dem Wissen, Sie würfen als Hundebissen in die Gosse das Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden . . ., wenn Ihnen, schon Jauchzende, dafür getauscht sei: prall, stählern an Leib, vogelhaft atmend mit den Lungen, eine Woche nur noch einmal in Hölle und Seligkeit, mit einem Mann, den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch die Schiffe, den warmen Prater, einen vernarrten Frühling Merans zu toben.
Doch man soll die Wünsche nicht wecken. Man stirbt an den Wünschen.
Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoßensein mit solchem Gleichmut, daß ich manchmal in der Gewißheit nicht zweifle, daß Sie zu gleicher Zeit wohl auf einem anderen Gestirn in einer behenderen muskulösen Figur alle Leidenschaften, die hinter Ihrem hier abgegrenzten Dasein stürmen, mit selbstverständlichem Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Größe des Ausmaßes durchfahren.
Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit Ihres Lebens.
Und ich kann sie nicht vergessen.
Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus allen Betten und Fiebern und Längegraden meiner Erde zu Ihnen gerissen, hat sich unter diesem Schicksal verändert. Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit geworden, die in schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in einer meinem Blut nicht zugänglichen, schön überglühenden Welt, höher als jene dieser Dinge, die mich hier hart verzücken und in Begeisterung fangen. Das ist unser Leben.
Die Lawinen brüllen durch die Woche und grüßen Sie aus der Mondsteppe wie wilde Tiere. Der Himmel hat eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt. Morgens stehen mosaische Signale, Säulen feuriger Wolken auf den Spitzen des Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.
Auch die Abschiedspolonäse auf Skiern für Marga Ritterstad und Margit, Ihren Liebling, hat sich als Huldigung gerade Ihrem Haus gegenüber hoch im Gebirge geeint. Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komödie mit einem roten Turban geschmückt. Alle schauen auf das Zeichen. Der Riemen Margits löst die Schleife: »Azt a kutja faját.« Die Schnäbel der Skier haben sich auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weißer Wolkenschaum um die Gipfel des Kessels, die Sonne, aufrauschend dunkel schmeißt ihn zurück. Schmetternd wie eine Posaune kreuzt sie über dem Tal.
Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die Fahne zur Abfahrt und gibt den Start. Nach Ihrem Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebüsch. Die Ritterstad fährt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht tadeln, weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust eins nach dem anderen ab nach Ihrer Villa auf dem bläulichen Schnee. Mit Hagebutten in der Hand macht Margit noch Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter zu Ihnen durch die Latschen. Alle schreien Ihren Namen, die Sie, auf dem Südbalkon Ihres Hauses, das Glas über den Augen, diesen Herabflug aus den Hängen auf sich zukommen lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen unaufhaltsam nicht mehr zugehörige Bewegung.
Ich stürzte, über Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch die Luft, eine Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurück, der Bergkreis glühte, blau, dann schwarz. Als ich aus der Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil Pax.
Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert, die Knochen aber sind heil. Ich habe den Fahrtrausch noch im Blut, das Risiko der Stürze noch im Hirn, der Tod hat mich nicht gedämpft. Ich bin voll Kühnheit und Begeisterung. Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir laufen und Beglückung aufquellen satt und voll. Das brüllende Tier des Gestirns braust gierig durch das Blau. Ich fühle mich umschwungen von den Menschen und der Fülle ihres Atems und der Farbe der starken Empfindung, mit der diese alle ihre Leben hier gelebt.
In dieser Sekunde der Höhe aber reißen die Menschen ab aus der Melodie. Die Woche, die sie füllten, gleitet zurück zu Ihnen, wie zum Mundstück eines Instrumentes.
Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die Hand, führen es an die Lippen: da stürzt sich alles in Sie hinein, begierig, daß Ihr Atem ihm erst Gesicht gibt und es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das Getümmel? Ein Teil von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre Einsamkeit aus aller meiner Fülle.
Ich spüre Sie in meinem Leben als die Bringerin. Im Seedorf der Vogesen, in der Entferntheit der Blumengärten Immenstads, in Norrbrö, im fensterlosen Gemach meiner Heimatjahre spüre ich Sie als die größere Vielfalt. Denn wenn Sie wollen, werden Figuren und Reihen der Menschen auf der Ebene der Wand mit der Musik ihres Blutes erscheinen, beherrschter und glänzender als die meines Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem goldenem Instrument zart herüber aus der Einsamkeit der Überwindung in meine Einsamkeit der Fülle.
Ist dies der Abschied?
Ich kann, beglückt von dem wilden bronzenen Schild, das die Sonne über die Steppen schüttelt, sportiv, kräftig, Strapazen überlegen, ich kann meine barbarische Stärke nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus Verhängnis und Versagtem gebildet, Ihr Lächeln ist. Es ist zu schwer, wenn man so Großes durchschaut, an sich zu glauben.
Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben. Sie glauben an den Reichtum selbst meiner Melancholien und sind erfüllt von dem Aufgerichteten meiner Phantasie. Sie haben Leidenschaft für meine Welt. Sie sind neidlos entzückt, wenn ich diese Welt in die Hände nehme, mit Fingern und Zähnen den Saft auspresse, Sie lieben das Bunte, verehren die Stärke, Sie glauben an die Schönheit des wilden Bildes und die Größe des erregten Blutes.
Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich nicht finden. Welche Tragik, daß, was Ihr Elend ist, ich liebe, daß, was mir ein Nichts ist, Ihnen erhaben scheint. Man soll sich nicht belügen. Wie kann man genießen, was den anderen quält? Es ist bitter genug, mit Verantwortung zu leben. Bebauen wir unseren Acker und entfernen wir uns von den Qualen, die wir nicht mindern können.
Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der Ohnmacht noch auf dem Schnee.
Als mich die Bretter in weitgeöffneten Schwüngen ins Tal hinunterziehen, sehe ich keine andere Bewegung als die aus diesem Zustand in den der Entfernung.
Ich bin ein törichter Mensch und züchte mir Qualen, statt sie leicht zu nehmen und mit Selbstverständlichkeit zu bezwingen. Ich mache sie groß, weil ich sorglos bin. Man könnte leichter leben.
Wie ich die Skier unten löse, hindert mich nichts mehr am Abschied.
Am Abend kam Kerstin.
* * *
Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging vor ihr her, und die Berge schimmerten näher von ihrer Blässe. Die Sarabande des Sturzbachs formte über ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.
Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.
Ich dachte:
Man solle vor wilde Tiere sie führen und in Versammlungen, wo der alte Fanatismus der Menschheit ins Böse bricht, damit das Gleichmaß vom Ineinanderfließen der Beine und des Bauches und die rührende Schönheit des erschütternd schlanken Gesichts die Stille auslöse. Brüllende würden lächeln, Tobende demütig werden an diesem Körper.
Keine der Frauen, deren Hüfte mein Frühling, deren Brust mein Weglager waren, die ich Jahre hindurch schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht als dies ledigliche Dastehn.
Sie hatte, wenn sie lächelte, etwas, was schon zerfloß, und das orchideenhafte Rosa der Bluse schien aufgelöst über der alabasternen Höhe der Brust.
Sie nickte, als sie aufstand.
Sie ging.
Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken und Koffern, die den Abschied erdrängten, und mit einer märchenhaften Hebung der Achseln beweist sie, daß ich ihr Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft behält diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.
O Sommer, den wir glücklich waren, die Hindin und jener, der mit ihr über den Rasen lief:
Als jener See damals nichts war als ein Spiegel für ihre Schlankheit, der manchmal selbst in seiner blausten Verjüngung zu schwer schien, soviel Anmut zu tragen, aber mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem faßte in einer Demut und Geduld, die uns überraschte . . . .
Als Lella neben ihr ging, die ägyptische Königstochter, und von der braunen Vierzehnjährigkeit ihrer Knie und der Hängelocken über den Ohren die Reiter hingezogen hielten, und deren Beine so hoch und überlegen standen wie das schwarzseidene Trikot um ihre engen Hüften -- -- und als ein Rascheln deines Kleides uns mehr schien als Lellas ganzer Leib, um den zu sehen selbst die fünfzigjährigen Landräte und Rennstallbesitzer Löcher in das Damenbad bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit ihrer Jugend erhöhte . . . .
Als sie im Stern von Gudrun saß, und wie eine Weiberbrust unser Segel im Mondschein flauschte und sie plötzlich das Wasser küßte mit einer jähen Bewegung über Lee und ich tagelang dachte: sie hat den See geküßt, meine Freundin, was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir ertragen die Dämmerung nicht mehr . . . .
Als durch die Dorfstraße auf dem geschmückten Narzissenmotor die Hochzeit kam mit vielen Offizieren und Orden, und in der Dorfkirche der Sänger im Requiem stecken blieb, wie er sie an der Säule sah . . . und plötzlich alle von dem Priester sich umwandten, sie anzustarren, als sei sie aus der Säule gehauen und flöge mit ihr auf abgesenkten Flügeln in die Höhe, nachdem eine Sekunde ihnen unwiederbringlich die Hüften des Paradieses gezeigt.
. . . und als nach einer Woche alle Skiläufer, Dirigenten, Spieler, Arbeiter, Segler, Fischer, Bauern, Bankiers nichts wollten, als daß ihr Blick auf kurze Zeit auf ihnen ruhe -- -- und wir den Berg in der Frühe erstiegen, die Alpen ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der Engel . . . und sie gegen die siebenfache blaue Staffel des Horizonts vorging, die Hand hob und nun kein Blut, kein Fleck der Haut es anders wußte, als daß ihr Lächeln nur, ihre Hand allein sie weich und schwebend erst formte, Amaranth hingab und seidige Härte -- -- und als sie bei mir war unter dem Park und aufschrie, und am Morgen im Pyjama durch den Taugarten ging, und die vier Nachtigallen wie ein Gewitter rasten zu einer Stunde, wo bedingungslos sie sonst schwiegen . . . . .
aber das Trommeln und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr nahe der Höhe der Lust, daß ich den Scheitel des Sommers erbebend unter mir fühlte und wußte, nach so ungeheurem Erfüllen käme nur ein hinab . . . . . . -- -- --