Frau und Kindern auf der Spur

Part 6

Chapter 6 3,929 words Public domain Markdown

Trotz der Wärme des Feuers standen Julia, Lisa und Sara schlotternd da. Ich durfte nicht zu lange warten. Ich hatte keine grossen Sympathiegefühle für Billy und seine Burschen. Trotzdem wollte ich sie nicht einfach niederknallen, ohne dass das Geringste geschehen war. Natürlich hatte Billy schon einiges auf dem Gewissen, möglicherweise auch den Brand des Saloons in Santa Fe.

Jetzt schupste Billy die drei Frauen vorwärts, um zu sehen, wo er das beste Licht vom Feuer bekäme. Jetzt traf ein, was ich befürchtet hatte. Sie kamen gerade zwischen mich und die Burschen zu stehen. Doch glücklicherweise war er noch nicht zufrieden und schupste sie weiter. Er schien, noch immer nicht zufrieden zu sein und spornte seine Burschen an, noch mehr Holz aufs Feuer zu werfen.

Ungeduldig, wie ein Kind das nicht auf seinen Zuckerstengel warten will, war er aber nicht bereit, länger auf das Feuer zu warten und befiel: "Na zieht euch mal aus--seid nur nicht scheu. Oder soll ich euch Beine machen?" Dabei drohte Billy mit seinem scharfen Bowiemesser.

Julia, Sara und Lisa fingen an, sich auszuziehen. Das durfte nicht sein. Das wollte ich ihnen ersparen. Sie waren zwar nicht prudisch, waren nie erzogen worden, ihre Körper zu verabscheuen. Es machte ihnen nichts aus, nackt gesehen zu werden. Doch dies war anders.

Billy war weit genug gegangen. Jetzt war die Zeit gekommen, ihn zu stoppen. Ich würde keine Gewissensbisse haben, wie früher. Das Gesetz war nicht im Stande, Gerechtigkeit auszuüben und Leuten wie Billy das Handwerk zu legen. Das Gesetz aber war hinter Unschuldigen, wie mich, her.

Es gab sicher Leute, die es nicht richtig fänden, dass ich das Gesetz in die eigene Hand nahm, ohne eine Untersuchung, ohne einen Prozess, ohne eine Gerichtsverhandlung. Doch welche Gerichte, Prozesse, Gerichtsverhandlungen suchten die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Ging es nicht vielmehr um Geld und Ansehen. Strebten die Anwälte nicht mehr nach Geld und Ansehen als Gerechtigkeit. Konnten die guten Anwälte nicht den Entscheid zu ihren Gunsten beieinflussen. Und wer konnte die besten Anwälte erhalten, doch der, mit dem meisten Geld. So der mit dem meisten Geld konnte das Gericht beeinflussen. Die Gerichte waren nicht unparteiisch und darum nicht gerecht.

Nahm aber jemand wie ich die Gerechtigkeit in die eigenen Hände, weil das gerichtliche System versagte, dann würde er vom Gesetz gefahndet. Das nur, weil den Gesetzleuten das Gesetz wichtiger war, als die Gerechtigkeit.

Es hatte ein Weilchen gedauert, bis Billy von der Gerechtigkeit eingeholt worden war. Doch die Gerechtigkeit kommt. Früher oder später. Meiner Frau wäre viel Kummer erspart geblieben, hätte die Gerechtigkeit früher eingeschlagen. Doch alles hat seinen Zweck. Meine Frau würde ohne Kummer nicht wachsen. Ich wollte aber, dass sie wuchs, dass sie lernte, mir mehr zu vertrauen. Noch wusste sie nicht, wer ihr Beschützer war, vielleicht ahnte sie es. Doch eines Tages würde sie es wissen und es würde unsere Beziehung noch viel besser machen. So wie ich Gott trauen lernte, der mich beschützte, so würde sie mir trauen lernen, der ich sie beschützte.

Ich schoss mit beiden Colts. Ich schoss sie in die Stelle, die sie bereit waren, an meiner Frau und Kindern zu gebrauchen. Ob ich so genau traf, weiss ich nicht. Doch irgendwo traf ich sie alle, denn alle fielen auf die Knie und stöhnten, doch nicht für lange. Ich wollte nichts riskieren. Sie könnten versuchen, auf meine Frau und Kinder zu schiessen. Ich wollte sie auch nicht quälen. Der erste Schuss war nur zu zeigen, worum es ging. Ich schoss sie alle in den Kopf.

Es war vorbei. Ich stand still. Ganz still. Julia, Sara und Lisa standen auch still. Sie standen da mit ihrem Mund offen und wussten nicht, was sagen. Sara war die Erste, die sich bewegte und ihre Jacke anzog. Keiner schrie in den Wald, in meine Richtung, in die Richtung von der die Schüsse gekommen waren, wie ich erwartet hatte. Nur Julia sagte mit freudiger Stimme : "Kommt." Dann eilten sie alle zu ihrem Camp. Sie rannten an meinem Baum vorbei so nah, ich hätte sie berühren können und wie gern hätte ich sie in meine Arme geschlossen. Ich begab mich in ihre Nähe, und schlief in ihrer Nähe im Wald, bis zum Morgengrauen. Dann schlich ich zu Billys Camp zurück. Ich brauchte ein Packpferd. Das nahm ich mir auch und ritt zurück zu meinem Pferd Flake und kochte Frühstück.

Ich hatte Weizen und eine kleine Handmühle. So hatte ich immer frisches Mehl. Ich kochte mein Flachbrot in der Pfanne und legte mich hin zum Essen.

Ja, ich war schneller geworden. Ich hatte es geschafft gegen Billy Kane. Ich konnte Stolz darauf sein. Doch es liess einen bitteren Geschmack im Munde. Töten war kein schönes Geschäft. Doch ich sollte die gute Seite sehen. Sehr wahrscheinlich hatte ich das Leben von Stuart und Jack gerettet.

* * *

Ich folgte dicht hinter ihnen her. Immer hielt ich eine Distanz, von der ich sie gerade noch sehen konnte, ihnen aber durch meine Anwesenheit nicht auffiel. Sie sollten sich nicht gefolgt fühlen. Sie reisten weiter gegen Denver, schienen es nicht eilig zu haben.

Am nächsten Tag sah ich sie in der Ferne vom Pfad rechts abbiegen. Wohin wollten sie? Es war ja erst Morgen. Es war noch nicht Zeit zum Campieren. Als ich näher kam, sah ich den reissenden, sprudelnden Fluss. Sie wollten wohl ein Bad nehmen. Sie hatten es also gar nicht eilig. Mir war's nicht ums Anhalten. Ich wäre gerne weitergeritten. Immerhin waren die Black Brothers irgendwo hinter mir her. Doch ich wollte sie nicht allein lassen.

So ritt ich auf dem Pfad bis zum Fluss. Erstaunlicherweise gab es da eine Furt. Der Fluss rann hier über eine flache Stelle im Gelände und breitete sich weit aus, war aber nur noch knöcheltief. Grosse Steine lagen inmitten des Flusses. Um einige musste man herumreiten. So kam ich auf die andere Seite des Flusses und suchte einen Weg dem Fluss entlang. So sollte ich meiner Familie gegenüber kommen, mit nur dem Fluss zwischen uns.

Es gab wirklich einen kleinen Pfad dem Fluss entlang, ausgetreten von den Reisenden die hier am Fluss halt machten. Ich führte mein Pferd, denn ich wollte langsam gehen und wenn möglich nicht gesehen werden. Allerdings wäre es nicht so aussergewöhnlich, dass ein anderer Reisender hier am Fluss Halt machte.

Als ich in die Nähe kam, wo Julia und die Kinder waren, bog ich vom kleinen Pfad ab, um einen Platz für meine Pferde zu finden. Es gab grasige Stellen zwischen den Bäumen und ich band Flake und mein Packpferd an, in solcher Weise, dass sie grasen konnte. Dann ging ich wieder zum Fluss zurück und hier aus dem Dickicht konnte ich sie gut sehen, ohne gesehen zu werden. Sie waren ein Bisschen flussabwärts von mir.

Ich machte mich bequem und schaute ihnen zu. Wegen des Getöses des Flusses konnte ich ihre Gespräche nicht hören. Nach einer Weile verschwanden Stuart und Jack. Sie gingen wohl jagen. Ich sah dass sie ihre Revolver bereit hielten. Hasen gab es hier genug, vielleicht könnten sie einen erwischen, oder noch ein besseres Gourmet Essen wäre ein wildes Huhn, oder eine Ente. Wie gerne wäre ich mit Jack jagen gegangen. Ich könnte ihm ein oder zwei Tricke zeigen. Ich wusste viel über Wild. Oh könnte ich es doch an ihn weitergeben. Er schien interessiert zu sein. Hatte das Jagdfieber wohl von mir geerbt. Ich konnte das Leuchten in seinen Augen fast sehen, vorstellen konnte ich es mir auf jeden Fall, denn ich war genau so, wenn es ums Jagen ging. Dabei liess es mich kalt, ob ich etwas erwischte oder nicht, aber ich liebte die Pirsch.

Als die Männer weg waren, nahmen die Mädchen ein Bad. Ich freute mich, Julia zuzusehen. Ich hatte sie schon lange nicht mehr so gesehen, und ich staunte, wie gut sie noch beisammen war. Mit ihr ein Bad zu nehmen war aber nicht mein Traum, den ich hatte Wasser nur zum trinken gern. Ich hatte zwar ein Bad nötig, aber ein paar Tage konnte das noch warten.

Es war gut zu wissen, dass sie gewartet hatten bis Stuart verschwunden war. So vertraulich waren sie also noch nicht. Ich war froh. Es fiel mir ein Stein vom Herzen.

Sara war mir am nächsten, ich konnte sie gut sehen. Sie war so dünn und trotzdem attraktiv. Sie war hochgewachsen und war eine junge Frau geworden. Wie schön sie war und was für einen hässlichen Vater sie jetzt hatte. Wir würden gar nicht mehr zueinander passen, ausser als Schöne und Biest.

Lisa die immer aktiv war, hatte einen Stein gefunden, von dem sie ins Wasser springen konnte. Sie wurde nicht müde es wieder und wieder zu tun. Es war schön sie alle so unbekümmert zu sehen, so wie sie Gott geschaffen hatte, eins mit der Schöpfung, als wären sie noch in Eden. Gesund, schlank und kräftig waren sie alle, sicher gab es auf der ganzen weiten Welt nichts schöneres zu sehen.

Ich lag hier im Gestrüpp so gemütlich und nach einem Weilchen wäre ich fast eingenickt. Doch dann sah ich etwas, dass mich sofort auf die Kniee brachte.

Plötzlich wurde Sara weggeschwemmt. Es sah fast so aus, als ob sie selbst ins tiefe Wasser geplumst wäre, um zu schwimmen. Ich konnte aber schnell sehen, dass sie nicht schwimmen konnte. Sie schwenkte ihre dünnen Arme wie wild in der Luft. Sie schrie nicht, schien aber zu kämpfen, um an der Oberfläche zu bleiben. Das Wasser trug sie mit atemberaubender Geschwindigkeit.

Sie wurde vom tiefen Wasser um die grössten Steine herumgeschwemmt, an die sie sich anzuklammern versuchte. Doch ohne Erfolg, den sie waren schlüpfrig und die Kraft des Wassers viel zu gross. Es war nur ein schwacher und wahrscheinlich instinktiver Aufwand, denn sie bewegte sich so schnell, dass jeder Versuch sich anzuklammern, nutzlos schien. Die kleineren Felsbrocken, über die das Wasser floss, waren viel gefährlicher. Das Wasser schlug ihre Beine gegen diese Steinbrocken. Falls sie unter ging, könnte auch ihr Kopf gegen diese schlagen, sie würde bewusstlos geschlagen und ertrinken.

Ich musste schnell handeln. Es war zu spät hineinzuspringen, denn ich müsste erst eine Stelle finden, wo ich ins Wasser konnte. Hier war alles von undurchdringlichem Gestrüpp überwachsen. Sie war jetzt schon etwa fünfzehn Yard weg von mir, und das Wasser ging schnell. Weiter unten im Fluss verlangsamte sich das Wasser ein Bisschen, wie ich sehen konnte. Dort musste ich hin.

Ich stürzte vorwärts zu meinem Pferd. Ich nahm mein Lasso vom Sattel und sprang auf das Pferd--ohne Sattel. Ich ritt langsam zum Pfad zurück durch die Bäume. Flake schien die Eile zu spüren. Er ging so schnell er konnte, ich brauchte ihn nicht anzuspornen. Ich hatte das Mundstück rausgenommen, so dass er grasen konnte. Ich führte ihn jetzt nur mit den Sporen. Das war nur mit einem guten Pferd, wie Flake, möglich. Flake war Gold wert.

Wir waren zum kleinen Pfad gekommen. Jetzt konnten wir galoppieren. Es war unebenes Gelände und gefährlich. Aber wir mussten uns beeilen. Ich spornte Flake an. Wenn es darauf an käme, würde ich lieber Flake verlieren, als Sara.

Ich sah Sara hin und wieder im Wasser. Wir hatten sie überholt. Sie kämpfte noch im Wasser. Kämpf weiter, dachte ich, kämpf weiter, als ob ich sie mit meinen Gedanken und meinen gespannten Nerven anspornen könnte.

"Weiter, Flake, weiter!" flüsterte ich in seine Ohren. Er reagierte. Er gab sein Äusserstes. Weit genug! "Brrrr!" stoppte ich Flake. Ich hatte eine gute Stelle gefunden. Der Fluss war hier ziemlich schmal. Grosse Felsbrocken, je einer auf dieser und der anderen Seite, dämmten das Wasser ein. Das Wasser ergoss sich wie über eine Schwelle in einen tieferen Teich. Enorme Wassermassen kamen hier durch. Ich sprang vom Pferd und sprang auf den grossen Felsblock auf dieser Seite. Hatte es Sara so weit geschafft? Mein Lasso war bereit.

Da kam sie schon, schneller als ich erwartet hatte. Lasso werfen hatte ich von meiner Jugend auf gelernt. Es war für uns Cowboys nichts Besonderes, das Hinterbein eines flüchtenden Kalbs vom galoppierenden Pferd aus zu erwischen--und zwar genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn das Kalb das Bein vom Boden hob, in seinen eiligen Sprüngen.

Eine Hand war in der Luft. Ich warf das Lasso um ihre Hand zu erwischen. Doch sie zog sie genau im falschen Moment zurück. Ich hatte sie verpasst.

Da gabs nur noch eines. Ich sprang in den Fluss. Sofort wurde ich von der Gewalt des Wassers gepackt. Ich war noch unter Wasser, kämpfte mich aber schnell an die Oberfläche. Ich hatte weniger Glück als Sara. Sie war in der Mitte des Flusses. Das war der säuberste Weg, wo die meisten Steine vom Wasserstrom auf die Seite geschoben worden waren. Doch ich war auf der Seite hineingesprungen und wurde nun vom Wasser gegen einen anderen Stein geschleudert. Er erwischte mich an der Hüfte. Ich glaubte ich würde entzweigeteilt. Ich schmerzte, konnte mein Bein kaum bewegen. Doch ich schwamm weiter. Ich vergass meinen Schmerz, denn ich wollte zu Sara.

Das war ein schlechter Anfang gewesen. Es hatte mich schön gebremst und mir auch gleich jeden Mut genommen. Sara war mir jetzt ein gutes Stück voraus. Ich schwamm so schnell ich konnte. Langsam kam ich ihr näher.

Das Wasser ging langsamer hier. Es war ruhig im Vergleich zu vorher. Ich war angelangt. Ich fasste Saras Arm. Ich hatte sie, oh, ich hatte sie. Sie klammerte sich ganz schwach an mich. Sie war kaum noch am Leben. Ich zog sie zum Ufer, zog wie verrückt. Ich hatte einen Arm um ihre Brust gelegt und schwamm mit dem anderen.

Jetzt galt es eine Stelle zu finden, wo wir aus dem Fluss kriechen konnten. Ich kam an die Böschung, packte eine Wurzel, doch konnte mich mit einer Hand kaum halten. Doch jetzt hatten meine Beine Halt gefunden. Doch ich glitt aus und fiel ins Wasser zurück. Die Wurzel brach und wir waren wieder im Wasser. Ich versuchte es noch einmal, doch kam ich nicht die Böschung hinauf. Ich liess mich wieder ins Wasser gleiten.

Ich musste mir etwas Anderes einfallen lassen. Ich hielt Sara über Wasser in meinem linken Arm. Mit dem rechten Arm zog ich meinen Gürtel von der Hose. Dann band ich den Gürtel um Saras Brust und hielt das eine Ende in den Zähnen. Jetzt hatte ich beide Arme frei. Ich fand eine Wurzel und kletterte die lehmige Böschung hinauf, das Ende des Gürtels noch in den Zähnen. Es wurde jetzt aber zu kurz. Ich hob ein Bein über einen kleinen Baumstamm und hielt mich mit dem Bein. Ich zog Sara mit beiden Händen hinauf und fasste sie unter den Armen. Dann hob ich sie auf meine Schultern und kletterte den Rest der Böschung hoch.

Wir hatten es geschafft, wenigstens soweit. Ich nahm ihr den Gürtel schnell ab und hob sie bei der Hüfte auf und liess ihren Oberkörper baumeln. Dabei kam dass Wasser aus ihren Lungen. Sie hatte viel geschluckt. Sofort setzte ich meinen Mund an den ihren und blies. Langsam--einen Atemzug nach dem andern. Ich lauschte. Nichts. Ich blies wieder und wieder. War es zu spät?

Ich arbeitete mechanisch. Keine Gedanken gingen durch meinen Kopf, weder hoffnungsvolle noch deprimierte. Ich tat einfach, was ich tun musste.

Dann fing sie an leicht zu atmen. Erst ganz sanft. Ein Weilchen atmete sie leicht und dann nahm sie plötzlich einen tiefen Atemzug. Ihre Augen waren immer noch geschlossen. Die Atemzüge waren kurz, zuckend. Doch langsam wurden sie tiefer und ausgeglichen.

Jetzt entspannte ich mich ein Bisschen. Ich merkte erst jetzt, wie sehr meine Hüfte schmerzte. Sara sah nicht einmal so schlecht aus. Sie hatte keine Schrammen. War hier und dort zerkratzt und rot, doch schien nichts gebrochen zu sein. Sie blutete ein Bisschen von ihren Händen, die aufgeschürft waren. Jetzt bemerkte ich auch ein paar kleine Wunden an den Füssen, die bluteten. Es war aber nicht schlimm.

Ich hatte mich auf einen Stein gesetzt und hielt Sara in meinen Armen. Ich hielt sie sehr nahe, meine Lippen auf ihren Schultern. Ich küsste ihre Schultern wieder und wieder. Sie fing an zu schlottern. Und da plötzlich, sie öffnete ihre Augen und starrte mich an. Sie starrte mich lange an. Ich hoffte sie hatte keinen Gehirnschaden erlitten. Konnte sie nicht sprechen? Ich wartete.

Ich legte sie auf den Boden und zog meine nassen Hosen und meine Jacke aus. Dann legte ich die Jacke um Sara und knöpfte sie zu. Vielleicht würde sie das ein Bisschen aufwärmen. Dann versuchte ich ihr die Hosen anzuziehen. Doch ich brauchte ihre Hilfe und sie schien noch immer nicht ganz wach zu sein.

Da hob ich sie wieder auf, nahm sie in meine Arme und zog ihr die Hosen an. Da hielt ich sie, meine kleine Sara. Wie glücklich ich war, dass sie am Leben war. Wie glücklich! Sie schien bequem zu sein in meinen Armen und schloss die Augen. Sie schlief ein. Ihr Herz klopfte immer noch hart. Sie atmete schön regelmässig jetzt. Ich musste nur Geduld haben. Das war nicht allzu schwer, denn es war schön, sie zu halten.

Sie schlief ein Weilchen und öffnete die Augen wieder und schaute mich lange aus ihren grossen blauen Augen an. Von ihrem Gesichtspunkt starrte sie einen Fremden an. Sie wusste ja nicht, wer ich war. Sie schien erstaunt und etwas misstrauisch. Ja sie schaute mich geradezu vorwurfsvoll an. Sie schien auch nicht zu wissen, was passiert war. Sie nahm die Augen nicht von mir, sie starrte wie eine Puppe. Ich zog sie an mich und verbarg ihr Gesicht in meinen Armen. So hielt ich sie ein Weilchen. Dann schien sie die Liebe zu spüren. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und klammerte sich an mich, als wäre ich ein Felsen im tobenden Meer. Ich hätte gerne gesagt: "Sara, meine kleine Sara". Doch ich durfte nicht. Ich durfte nicht verraten, dass ich ihren Namen wusste.

Dann liess sie los und ich auch. Sie starrte mich wieder an und sagte langsam: "Ich fiel in den Fluss." "Ja", sagte ich. Um vorzubeugen, dass ich ihren Namen aus Ungeschick gebrauchte, fragte ich sie: "Wie heisst du?" Sie dachte lange nach und wendete ihren Kopf. Ich dachte schon, dass sie nicht antworten würde, doch dann sagte sie mit leiser Stimme, fast flüsternd: "Sara."

Oh sie konnte wieder sprechen. Ein gutes Zeichen. Trotzdem war sie noch nicht die alte Sara. Es würde ein Weilchen dauern. Hoffentlich hatte sie keinen dauernden Schaden erlitten.

"Haben sie mich gerettet?" fragte sie dann. Manchmal schienen ihren Gedanken sich nach innen zu kehren. Es schien ihr Mühe zu machen, zu denken.

"Ja, Sara", antwortete ich. "Gehts dir gut?" Doch sie überschaute meine Frage und erwiderte: "Wer sind sie?".

"Ich bin Griz Caldwell", sagte ich. "Nenn mich Griz."

"Und wer sind sie?" fragte sie wieder. "Ein Durchreisender, der dich in den Fluss fallen sah."

"Danke", sagte sie dann still. Sie schien wieder müde zu werden. Dann schlief sie nochmals ein. Ich legte sie auf den Boden und liess sie schlafen.

Meine Hüfte sah böse aus. Ich hatte zwar keine Schramme aber der Knochen schien arg zerquetscht. Jeder Schritt schmerzte. Ob ich wohl reiten konnte. Hier stand ich nun in Hemd und Unterhosen, wie ein Narr mit einer zerschmetterten Hüfte und war doch überglücklich dass ich meine Sara hatte retten dürfen. So ist die Liebe. Ein Geheimnis.

Ich wusste wie besorgt Julia sein müsste, doch ich musste Sara ruhen lassen. Sie konnte noch nicht zu ihrem Camp zurück. Julia müsste mir vertrauen lernen. Ich konnte Sara auch nicht allein lassen. Sie hatte noch nicht alle Tassen im Schrank. Könnte vielleicht sogar noch einmal in den Fluss fallen. So wartete ich. Es durfte den ganzen Tag dauern. Ich war froh bei Sara zu sein und dankbar dass sie gerettet war. Ich legte mich neben Sara und hielt sie warm, sie schlief sehr tief. Auch ich schlief ein. Ich weiss nicht wie lange wir so hindosten. Ich wachte zuerst auf.

Dann wachte Sara auf. Sie erschrak ganz schön als sie mich sah. "Wer sind sie?". Sie schien sich nicht mehr an vorher zu erinnern, doch schien sie jetzt wieder ganz beieinander zu sein. Sie war die alte Sara. Der Schlaf hatte ihr gut getan. Sie starrte mich an mit einem gewissen Bedauern in ihrem Gesicht. Sie hatte die Narben bemerkt.

"Du bist in den Fluss gefallen, ich habe dich herausgeholt", sagte ich, wie entschuldigend.

"Oh ja", sie schien sich zu erinnern. "Danke, vielen Dank. Ich wäre ertrunken. Danke, dass sie mich gerettet haben."

"Wie fühlst du dich?" fragte ich. "Oh, gut", sagte sie. "Ich möchte zu meiner Mutter."

Oh Sara, dachte ich, jetzt ist's wohl aus mit dem Halten und Umarmen. Sie wollte ihre Mutter. Sie traute mir nicht so ganz. Doch ich war ein Fremder für sie, sie konnte mich ja nicht erkennen. Ich sollte ihr nicht böse sein. Ich machte noch einen letzten Versuch.

Ich ging zu ihr hin, legte meinen Arm um ihre Schultern und sagte: "Komm, gehen wir zu deiner Mutter." Dabei hielt ich sie nah an mich und half ihr entlang. Doch es schien ihr nicht wohl zu sein in meinen Armen und ihre Muskeln waren gespannt. Nein, es hatte keinen Sinn, ich musste sie loslassen. Ich nahm sie bei der Hand und führte sie. Das liess sie sich gefallen. Doch in der Nähe des Camps war ihr dann auch das peinlich und sie löste sich von mir.

Wir waren auf der Seite des Flusses wo Julias Camp war. Es ging eine Weile, bevor wir ihr Camp erreichten. Sara ging sehr langsam. Sie war immer noch etwas angeschlagen.

Lisa sah uns kommen. Als sie uns bemerkte schrie sie auf: "Sara, Sara du bists. Wo ist den Mama?" Dann starrte sie mich an und ich sah ihre Augen an mir heruntergehen. Besonders meine Unterhosen schienen ihr nicht besonders zu gefallen. Oder waren es meine Beine? "Wer sind denn Sie?", frage sie misstrauisch. "Gibt es in Ihrem Land keine Hosen?" Sobald sie das gesagt hatte, sah sie die Männerkleider an Sara und entschuldigte sich sofort.

"Oh Entschuldigung--sie haben sie ausgeliehen. Das ist aber nett von Ihnen. Sie können sie gleich zurückhaben." Dabei eilte sie zu den Packpferden, um Sarah frische Kleider zu holen.

Sara kleidete sich vor mir ohne Hemmungen. Ich bekam meine Hose und Jacke zurück. Sie waren noch immer nass. Ich zog sie trotzdem an. "Kleines Mädchen, hättest du mir nicht eine Decke?" fragte ich Lisa.

"Eine Decke habe ich schon, Mister, aber klein bin ich nicht. Vielleicht sollt ich warten bis Sie das zurücknehmen, bevor ich Ihnen eine Decke hole." Dabei lachte sie und machte sich auf den Weg. Sie brachte mir eine Decke und legte sie sogar liebevoll um meine Schultern. Was für zwei süsse Kinder ich hatte. Sogar mit dreizehn war Lisa reif genug, um über sich selber lachen zu können. Viele lernen das nicht einmal mit vierzig.

Ich hätte mich davon machen sollen, doch war ich nicht bereit die Mädchen allein zu lassen. "Wie heissen Sie denn, meine kleine grosse Dame?", fragte ich Lisa. "Lisa Carter ist mein Name.", sagte sie höflich. Julia hatte sie gut gelehrt. Ich war froh sie gebrauchten nicht den richtigen Namen, denn zum Beispiel die Black Brothers hätten sie erkennen können. Es war zwar nicht wahrscheinlich, dass die Black Brothers meine Familie treffen würden, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Neuigkeiten reisten schnell in diesen Gegenden, und ein unbedachtes Wort konnte einen in Schwierigkeiten bringen.

"Sehr erfreut, Miss Carter. Ich bin Griz Caldwell."

"Caldwell, oh so hat meine Grossmutter geheissen.", sagte sie schnell, biss sich dann aber auf die Lippen. Solche Information gibt man nicht an einen Fremden weiter. Je weniger persönliche Daten man aussähte, desto besser. Ich sah das Lisa das verstand. Es war aber besser, dass sie diesen Fehler mit mir gemacht hatte, als mit einem wirklich Fremden.