Frau und Kindern auf der Spur

Part 5

Chapter 5 3,976 words Public domain Markdown

"Könnten ja auch fischen gehen da im Fluss." sagte Stuart schnell. Er war mehr für leichtere Arbeiten. Fischen brauchte sehr viel weniger körperlichen Aufwand als die Jagd.

"Oh Stuart, komm jagen. Fischen können wir morgen. Hab sowieso nur ein paar Haken."

"Ich hab genug Haken. Trotzdem, wenn du jagen willst, gehen wir halt. Nur hetzte mich nicht. Immer schön langsam."

Es war mir recht, dass die Männer sich verzogen, denn wir Mädchen brauchten dringend ein Bad. Je mehr wir badeten, desto sparsamer konnten wir mit unserem Perfum umgehen. Wir hätten zwar keine grossen Hemmungen gehabt, so oder so zu baden, aber ich wollte Stuart keine Ideen geben, denn ich war nicht bereit Josh untreu zu werden, obwohl ich nicht wusste ob er lebte oder tot war. Jack und Stuart konnten jederzeit ein Bad nehmen.

"Also wir sind auf der Pirsch! Wir werden ein paar Stunden vor Sonnenuntergang zurück sein. Viel Spass beim Waschen." rief Stuart.

"Oh ihr Männer, warum zieht ihr nicht aus, was ihr nicht unbedingt braucht. Dann kann ich das gerade auch noch erledigen. Eine Schnur brauch ich auch zum Aufhängen!"

Jack spannte eine Schnur von Ast zu Ast mit Sara's Hilfe, zog sein Hemd und Unterhemd aus und stapfte weg. Stuart nahm einen ganzen Bündel schmutziger Wäsche aus seiner Satteltasche.

"Hast du das aufbewahrt?", fragte ich lachend.

"Waschen ist nicht so meine Lieblingsbeschäftigung", knurrte er und stapfte hinter Jack her. Sie gingen zu Fuss.

Sara und Lisa hobbelten die Pferde, die sich auf das grüne Grass hier am Fluss freuten.

"Sollen wir zuerst Waschen oder Baden?" fragte ich.

"Baden, Mammi, du bist wohl verrückt", sagte Lisa. "Ist doch viel zu kalt."

"Du willst doch nicht noch mehr stinken, du Ferkel", sagte Sara.

"Stink ich?", fragte Lisa und hielt dabei die Nase unter ihre Achselhöhle.

Sara hielt die Nase zu und sagte: "Hilft nichts, auch so riech ich dich noch und es ist kein Veilchenduft. Mir wirds schlecht."

"Das sind nur meine Kleider, ich zieh sie gleich alle aus und ziehe frische an. Ich geh mal zum Packpferd."

"Bring mir auch frische Kleider. Baden wirst du aber, du kleines Schweinchen!" sagte ich.

"Also baden wir zuerst, dann können wir frische Kleider anziehen und die alten waschen. Ist ja logisch, nicht?" sagte Sara mit ihrer zarten Stimme.

Das Wasser war frisch aber nicht zu kalt. Es war sowieso ein sehr heisser Tag und das Bad tat gut. Was für ein Genuss das war in dieser herrlichen Bergwelt ein Bad zu nehmen. Umweht vom würzigen Duft der wilden Blumen, umgeben von all den kleinen Lichtern, wiedergespiegelt von den im Wind spielenden Blättern der Silbererlen. Dann die rauschende Macht des glasklaren Wassers, und die heilende Wirkung der Sonne und der würzigen trockenen Luft. Wir konnten kaum Genug bekommen.

In der kleinen Bucht war das Wasser nicht so tief und es gab kaum Platz für alle drei. Sara, die Mutigste, wagte sich ins tiefere Wasser.

"Vorsichtig Sara", sagte ich "Komm zurück!" Ich wusste, die Kinder konnten nicht schwimmen. Sie hatten nie die Gelegenheit gehabt auf der Ranch, den da gabs nur genug Wasser, um die Rinder zu tränken.

"Sara, ich hab mal von einer Schulklasse gelesen, die in einem Sturm den Fluss hinuntergeschwemmt wurden und alle...." sagte Lisa und hielt plötzlich mit offenem Mund inne. "Mam, Mama", schrie sie und zeigte mit dem Finger auf den Platz wo Sara gleich noch gewesen war.

Ich sprang auf den nächsten grossen Steinbrocken und sah Saras Arme schwenken. Sie kämpfte, um an der Oberfläche zu bleiben. Der Fluss war gnadenlos. Er riss Sara mit sich in atemberaubendem Tempo.

"Lisa hol mir das Pferd! Schnell!" Sie rannte und ich zog Hose und Bluse an. Da war sie schon mit dem Pferd. "Bleib hier!"

Ich ritt los wie wütend. Ich versuchte an den Fluss heranzukommen, doch da waren zuviele Bäume und Gestrüppe. Ich ging aussen herum. Ich konnte Sara nicht sehen. Ich musste einen Vorsprung erreichen. Ich galoppierte. Ich würde hier aussen reiten, weg von den Bäumen. Später konnte ich dann wieder zum Flussufer einbiegen.

Ich durfte nicht ungeduldig werden. Ich musste weit genug reiten, um sicher zu sein, dass ich Sara eingeholt hatte. Erst dann konnte ich zum Flussufer. Mir war Angst und Bange. Hätte ich Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wäre es mir wohl schlecht geworden.

Jetzt. Ich würde es versuchen. Ich bog zum Flussufer ein, sprang ab und rannte durch die Bäume. Ich strauchelte, sprang wieder auf. Da--ich war am Ufer. Da war sie auch schon. Schon weit an mir vorbei. "Sara--Sara?!" Sie kämpfte immer noch. Sie war noch am Leben. "Gib nicht auf!" Sie verschwand von meiner Sicht. Ich war nicht weit genug geritten.

Ich rannte zum Pferd zurück. Ich musste es noch einmal versuchen. Ich nahm einen Satz aufs Pferd. Reiten konnte ich wie niemand sonst. Ich galoppierte los. Ich musste sie einholen...

Jetzt hatte ich lange genug galoppiert. Ich bog nochmals zum Fluss ab, rannte zum Ufer. Ich war bereit hineinzuspringen, sobald sie kam. Doch sie kam nicht. War sie schon vorbei? Oder schlimmer, war sie ertrunken? Ich wartete. Ich durfte nicht zu lange warten oder ich würde sie nie mehr einholen, falls sie schon vorbei war. Aber ich wusste ja nicht. Was sollte ich tun. Ich shrie: "Sara, Sara, Sara!"

Ich hatte lange genug gewartet. Sie müsste jetzt hier sein. Also war sie schon vorbei. Ich musste sie verpasst haben. Ich musste es noch einmal versuchen. Wie weit mochte sie schon sein.

Ich sprang nochmals aufs Pferd und ritt und ritt. Ich trieb mein Pferd gnadenlos an. Es ging mir durch den Kopf, dass ich mein Pferd besser behandeln sollte. Es war auch gefährlich so schnell zu reiten, denn es gab viele Steine und viele Löcher. Mein Pferd strauchelte ein oder zwei Mal. Fing sich aber auf. Es ging mir nicht schnell genug. Ich war durchdrungen von Panik und Selbstvorwürfen.

Jetzt--nochmals zum Ufer. Ich sprang ab und rannte durch die Bäume, dann die Büsche, die hier dichter waren. Ich kam nur schwer ans Ufer. Hier gab es eine lehmige Böschung, überwachsen und ungeeignet um an das Wasser heranzukommen. Ich musste weiter nach unter, dem Fluss entlang. Da, da gab es einen grossen Stein auf den ich von der Böschung springen konnte. Ich sprang und schürfte mein Bein an der scharfen Steinkante. Doch ich beachtete es nicht. Nur zum Fluss wollte ich. Da, ich glitt auf dem besprühten Stein. Fast wäre ich in den Fluss gerutscht. Ich klingte an den Stein mit meinen Fingernägeln. Ich schaute den Fluss hinauf, den Fluss hinunter. Nichts. Zurück, ich muss ein Bisschen zurück, auf den trockenen Teil des Steinbrockens. Jetzt konnte ich Atmen holen. Ich war auf allen Vieren und keuchte.

Ich sah nichts, ich wartete und wartete. Sie kam nicht. Ich schrie "Sara, Sara, Sara!" aus lauter Verzweiflung. Das Getöse des Flusses übertönte meine Stimme. Ich sprang auf die Böschung zurück setzte mich und heulte. Ich war fertig. Ich fühlte mich so machtlos, so klein, so ungenügend. Oh hätte ich sie doch nicht ins Tiefe gehen lassen. Oh hätten wir doch nicht bei diesem reissenden Fluss gehalten. Stuart hätte besser wissen sollen. Oh hätte ich doch... oh hätte ich doch... Kaum war sie von Billy Kane beschützt worden, musste dies geschehen. Es war alles so sinnlos. Warum hatte sie niemand vor diesem Unglück beschützen können. Ich konnte nur weinen.

Kapitel 5

Ich, Griz Custer, fand sie wieder in der Nähe des Raton Passes. Sie waren nicht zu übersehen. Etwa eine viertel Meile vom Pfad entfernt, da sah ich sie auch sitzen. Ich konnte das blonde Haar der beiden Mädchen klar erkennen. Und da war Julia. Obwohl sie Männerkleider trug, war ihre weibliche Form doch deutlich erkennbar. Sie hatten ein schönes Camp gewählt. Steine natürlicherweise in einem Kreis angeordnet, bildeten wie ein Sofa und Höcker und ein grosser Stein in der Mitte konnte als Tisch benutzt werden.

Überhaupt war dies eine prächtige Gegend. Im Nordosten, die Prärie, im Westen die Berge. Gut bewässert, grün bis in den Herbst hinein, verziert mit den zarten Silbererlen, die hier überall an den Berghängen wuchsen. Es war zauberhaft hier. Die Natur war noch unberührt. Aber, kaum zu glauben, nur dreizehn Jahre später würde hier schon das eiserne Pferd, wie es die Indianer nannten, durchpusten. Die Eisenbahnlinie über den Raton Pass wurde 1878 vollendet. Auch dann blieb die Gegend noch eine Weile unzivilisiert, doch die Dinge änderten sich schnell, hier im Westen.

Der Mann, der mit ihnen ritt, wie ich in Taos erfahren hatte, sass bei den Mädchen. Es schien ein friedliches Bild. Der Mann war also ein guter Begleiter. Diese Sorge konnte ich aus dem Kopf lassen. Er schien keine Gefahr für meine Familie zu sein.

Doch da packte mich ein anderer Kummer. Was wäre, wenn Julia sich in ihn verliebt hätte. Ich würde es ihr nicht übelnehmen. Eine Frau so ganz allein und ein gut aussehender, netter Mann, da könnte es eben passieren. Ich hätte auch nichts dagegen, falls sie sich ein Bisschen verliebt hätte. Aber ich hoffte, es würde bei Liebe bleiben. Die beiden küssen zu sehen, könnte ich nicht ertragen. Dann würde ich vielleicht davon reiten, um sie nie wieder zu sehen. Aber das waren ja allzu negative Gedanken. Ich war froh, dass sie alle da waren. Jack zwar hatte ich noch nicht gesehen.

Der Pfad verlief erhöht gegenüber ihrem Camp und ich konnte meilenweit über ihr Camp hinaussehen. Trotz dieser guten Sicht über meine Geliebten wollte ich mich weiter nähern. Dann konnte ich sie genauer sehen und ihnen auch zuhören. Ich wollte aber nicht dass sie mich sahen.

Es gab da einen langen, niedrigen Hügel der sich vom Pfad bis nördlich von ihrem Camp streckte. Dieser Hügel war zwischen den Felsen und Steinen mit Gras bewachsen, doch Bäume gab es keine. Das war gut. Es würde das Reiten einfacher machen. Der Hügel endete an einem kleinen Fluss. Die Ufer dieses Flusses waren dicht mit Silbererlen bewaldet. Der Fluss und dieser Wald zog sich bis ganz in die Nähe ihres Camps. Ich würde mein Pferd beim Hügel lassen und mich dann durch den Wald in ihre Nähe schleichen. Wenigstens ein Weilchen würde ich dort verbringen und mich dann zum Pferd zurückbegeben um selber eine geeignete Campstelle am Flüsschen zu finden. Doch es kam anders, als ich mir vorstellte.

Ich ritt sehr langsam weiter, um alles genau beobachten zu können. Ich musste mir die Landschaft genau einprägen. Von hier aus hatte ich einen guten Überblick. Es gab da noch ein Stück Wald das vom Fluss abwich und ein Wald-Halbinsel bildete. Vielleicht wäre ich dort noch näher zu ihnen.

Jetzt ging der Pfad den kleinen Hägel hinauf um ihn zu überqueren. Ich warf noch einen letzten Blick auf sie und sah nun auch Jack. Jetzt gings die Hügelseite hinunter, die fünf verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich verliess den Pfad.

Jetzt konnte ich, ohne dass sie mich sehen würden, auf der Schattenseite des Hügels entlangreiten bis zum kleinen Fluss. Es war schwieriges Gelände mit viel Steinen und Löchern zwischen den Steinen. Ich wollte nicht, dass Flake ein Bein bräche und so stieg ich ab und führte ihn.

Beim Fluss angelangt, tränkte ich ihn erst einmal ausgiebig. Er war sehr durstig und ich auch. Wir ergötzten uns an dem klaren Bergwasser und ich füllte meine Wasserflasche. Dann nahm ich ihm den Sattel ab. Ich band Flake am Stamm einer Silbererle fest. Ich tat das mit meinem Lasso und machte es so lang wie möglich, so dass er in diesem sommerlichen, noch grünen Gras, weiden konnte. Solch gutes Futter hatte er schon lange nicht mehr gehabt.

Ich liess meinen Hut und andere unnötige Dinge beim Sattel, nahm nur meine zwei Colts und machte mich auf. Ich konnte kaum warten um sie von nah zu sehen.

Ich schlich durch den Wald aber nicht besonders sorgfältig. Hier konnten sie mich sowieso noch nicht sehen. Um so überraschter war ich als ich plötzlich vor mir eine laute Männerstimme hörte : "Komm wir brauchen noch mehr, das soll ein rechtes Feuerlein werden."

Ich zuckte zusammen. Ich sah vier Männer beim Holzsuchen. Das hatte ich nicht erwartet und hatte sie auch erst zu meiner Linken gesehen, als ich sie gleichzeitig hörte. Sie waren etwa achtzig Yard entfernt, nur der eine war näher. Wie konnte ich nur so tollpatschig sein. Das sollte mir eine Lehre sein.

Hatte ich diese Stimme nicht schon gehört. Ich duckte instinktiv. Sie hatten mich nicht gesehen. Ich blickte durch die Wurzeln eines vom Blitz gefällten Baumes. Ich traute meinen Augen nicht. Das war doch--ja das war doch Billy Kane. Was suchte der denn hier. War er etwa meiner Frau wieder auf der Spur. Oder wusste er überhaupt, dass sie sich in der Nähe befand. Meine Frage sollte gleich beantwortet werden.

"Wir wollen doch ein kleines Festfeuerchen für die feinen Damen machen. Die sollen doch bei uns auf Besuch kommen."

"Die kommen doch nicht auf Besuch, Billy, auf jeden Fall nicht freiwillig", sagte ein anderer.

"Da hast du recht mein Junge. Dann zwingen wir sie halt. Was sagst du, wir gehen in der Mitte der Nacht mal rüber, sobald die zwei Männer dort eingeschlafen sind?" fragte Billy.

"Willst du sie im Schlaf erschiessen, Billy?".

"Nein, das könnte jemand hören. Ich sag, wir sollten sie fesseln. Aus dem Wegchen schaffen können wir sie immer noch", erwiderte Billy. Dann kicherte er: "Kommt, mehr Holz, mehr Holz, ich will was von den feinen Dämchen sehen."

Ich war ja gerade zur rechten Zeit gekommen. Dieser Billy führte nichts Gutes im Schilde. Ich fragte mich, ob er je etwas Gutes getan hatte. Ich möchte es nicht mit meinem Leben bezeugen, aber ich denke nicht. Sie schienen nicht den geringsten Respekt vor diesem Mann, der Julia begleitete, zu haben. Sie schienen dem Gelingen ihrer Absichten gewiss. Oh hätten die gewusst, dass ich mich hier versteckt hielt. Die würden mich gleich zu einem Brei geschossen haben.

Zwei hatten sich an einem grossen Ast zu schaffen gemacht, Billy hatte mir den Rücken zugekehrt und ging mit einem Bündel in Richtung Camp, wie ich vermutete, denn ich hatte ihr Camp noch nicht gesehen. Der vierte aber kamm genau in meine Richtung.

Sollte ich mich zurückziehen, jetzt wo er noch etwa vierzig Yard entfernt war. Vielleicht konnte ich es noch unbemerkt schaffen. Oder sollte ich warten. Vielleicht würde er gar nicht so weit kommen. Nein ich musste weg. Er hatte wohl diesen gefällten Baum im Auge. Ich schlich mich weg wie eine Schlange, auf Ellbogen und Bauch. Sehr langsam nur, denn er durfte mich nicht hören. Jeden trockenen Zweig schob ich leise beiseite. Er kam sehr schnell näher. Ich konnte ihn hören. Ich schaffte es gerade noch hinter einen grossen Stein zu kommen. Er war schon beim toten Baum angelangt. Würde er weiter gehen? Ich hielt meinen Atem an. Nein, ich hatte Glück gehabt. Er fing an, Äste abzuhacken und nach einem Weilchen, nahm er das Bündel und verschwand. Ich atmete erleichtert auf.

Auch ich verschwand. Ich war hier viel zu nahe. Ich ging zurück zum Pferd und ritt eine Meile weiter dem Fluss entlang. Dort liess ich das Pferd, und zurück ging es zu Fuss, diesmal vorsichtiger. Die Sonne stand gerade noch über dem Gipfel des nähesten Berges. Bald würde sie hinter den Berg sinken. Es würde noch etwa eine gute Stunde hell bleiben.

Ich kam beim gleichen Ort verbei. Hörte nichts. Doch jetzt! Ich konnte ich sie in ihrem Camp vernehmen. Sie waren nicht gerade die leisesten Burschen. Ich schlich an den Waldrand. Da war es, ihr Camp. Sie waren gerade beim Kochen.

In der Ferne, etwa hundert Yard hinter ihnen sah ich Julia, die andern waren verdeckt von den Bäumen, die hinter Billys Camp in die kleine Ebene hinauswuchsen. Ich ging in den Wald zurück und schlich mich vom Fluss her in die kleine Wald-Halbinsel hinein, die zwischen Billys Camp und Julias Camp lag. Jetzt war ich nur etwa fünfzig Yard von Billys Camp entfernt. Ich musste vorsichtig sein.

Ich war auch etwa fünfzig Yard von Julia. Ich wollte näher sein. So kroch ich näher. Bis etwa zehn Yard. Jetzt sah ich ihre Gesichter und konnte ihnen zuhören. Wie schön das war. Es wäre noch schöner gewesen, wäre ich nicht so nahe einem Ameisenhaufen zu liegen gekommen. Die kleinen Biester krochen über mich und verzehrten mich lebendig. Sie stachen mich am ganzen Körper. Ich musste meine Position ändern. Das brauchte eine schöne Weile und jetzt war es schon fast dunkel.

Falls ich einen Zweig knacken sollte war es hier nicht so gefährlich, da Billy denken würde es käme von Julias Camp und Julia denken würde, der Lärm käme von Billys Camp. Doch es war besser, Acht zu geben. So brauchte jede Bewegung seine Zeit.

Jetzt konnte ich mich entspannen und zuhören. Es war schon dunkel. Ich würde die Nacht hier verbringen müssen. Ja, Liebe verlangt ihre Opfer. Gegessen hatte ich auch nichts, und die Düfte von Reis und Bohnen die von Julias Camp wehten, waren verführerisch.

"Ich hab keinen grossen Hunger, Mam", klagte Lisa. Ich schon, dachte ich. Ihr könnt ja das Essen in meine Richtung senden.

"Ich glaube uns ist allen der Appetit vergangen, ausser natürlich Jack, der kann immer essen", sagte Julia mit trauriger Stimme.

"Mom, was Gutes würde es tun, nicht zu essen?" fragte Jack, der sich verletzt fühlte, so als ob er sich nicht um das Wohl der Familie sorgte.

"Schon gut Jack. Trotzdem hätte ich gedacht, dass dir das Wohl der Familie vielleicht ein Bisschen Sorge machen würde."

"Ich muss mich stärken, falls etwas mit diesem Billy passieren sollte.", entschuldigte sich Jack. Die Stimmung schien gespannt. Sie schienen alle etwas genervt. Kein Wunder auch, dieser Billy Kane war nicht zu unterschätzen, auf jeden Fall nicht, wo es Böses und Lasterhaftes auszudenken gab.

"Mom, glaubst du, wir haben diesen Billy zu fürchten, mit Stuart hier?", fragte Sara. Das war eine geladene Frage. Julia könnte mit der Antwort verraten, ob sie Stuart vertraute. Nun wusste ich endlich auch den Namen dieses Mannes. So Stuart also--der Name gefiel mir.

"Es sind vier gegen einen", erwiderte Julia klug. "Glaubst du den vier gewachsen zu sein?" wendete sie sich dann an Stuart.

"Mich zählt wohl niemand", brummte Jack.

"Jack, du bist noch jung. Du kannst zwar schiessen, aber du hast nie gelernt zu Ziehen. Verstehst du", sagte Julia in freundlichem Ton.

"Mam, ich muss lernen, ich muss lernen. Wie kann ich dich sonst beschützen. Von wem kann ich es nur lernen?"

"Jack du hast noch Zeit. Die Gelegenheit wird sich schon bieten. Vielleicht kann Stuart dich lehren."

"Ja, Jack beeil dich nur, sonst gehts dir wie mir. Ich hab's immer für unwichtig gehalten, schiessen zu lernen. Bin lieber Fischen gegangen. Von mir kannst du wenig lernen, Jack. Ich vertrau mehr auf mein Glück. Bis jetzt hab ich ja immer überlebt. Ist auch wichtig die richtigen Leute zu kennen. Mit genug Geld kann man sich immer den nötigen Schutz kaufen."

"Was nützt jetzt Geld", sagte Julia verzweifelt. Ich hatte meine Antwort, sie traute also Stuart nicht. Dann konnte sie ihn auch nicht lieben. Ich war jedoch zu früh selbstsicher, denn sie fügte hinzu: "Entschuldigung, Stuart, ich weiss dass nicht jeder ein Coltswinger sein kann. Wäre auch nicht so wichtig, wären wir nicht gerade in dieser Situation."

Wären wir nicht in dieser Situation? Was meinte sie mit dem "wir". War da schon eine Familiarität zwischen den beiden. Ich sorgte mich ein Bisschen. Oh, Julia, werde mir nicht untreu, dachte ich, ich bin ja hier! Liebst du mich noch? Du bist ja immer noch so hübsch. Meine Knie werden immer noch weich, wenn ich dich sehe. Ich hab so ein komisches Gefühl in meiner Magengegend. Oder waren das die Ameisenstiche?

Nein, sie war wirklich noch wunderschön, so furchteinflössend. Sie hatte solche Macht über mich. So ist es mit der Liebe. Was für eine Macht eine Person, die man liebt, über einen hat. Was man nicht alles für sie tut. Sich mitten in der Nacht in einen Ameisenhaufen legen, nur so dass man ihre Stimme hören kann. Oh wie demütig ein Liebender doch wird, wie dienend, wie weich. Ja welche Macht die Liebe. Was ist ein Königreich, was ist die ganze Welt. Würd ich Julia dafür tauschen? Doch nie!

"Mom, ich wünschte Dad wäre hier. Glaubst du, er könnte uns verteidigen.", sagte Lisa. Oh danke, Lisa, dachte ich, das bringt ja alles gleich auf den Tisch.

"Lisa, wir wissen ja nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Eins weiss ich zwar, er würde alles tun um uns zu verteidigen", sagte Julia mit warmer Stimme. Oh vielleicht war da doch noch ein Bisschen Gefühl für mich übrig, dachte ich. Aber es gefiel mir nicht, dass sie nicht daran glaubte, dass ich noch am Leben war.

"Ich glaube, dass er noch am Leben ist", sagte Sara herausfordernd. Oh es war schön Saras helle Stimme zu hören. Ihre Stimme war so süss.

"Ich hoffe es, ich hoffe es auch", sagte Julia. "Ich geh zu Bett. Gute Nacht ihr alle."

Oh wie gern hätte ich ihnen ein Zeichen gegeben, dass ich noch am Leben war. Doch das wäre nicht gut. Gerade jetzt war ich froh, dass ich es nie getan hatte. Denn jetzt konnte ich sie besser beschützen, als ich es sonst je hätte können. Sie gingen alle langsam in die Federn und ich kroch langsam gegen Billys Camp um zwischen den beiden Camps zu sein, so dass ich sehen konnte was in beiden vorging. Da ich im Wald nicht gut schiessen konnte--die Kugeln würden sicher von einem Ast oder Aestlein abgelenkt, es brauchte nicht viel--kroch ich an den Waldrand zwischen den beiden Camps. Von dieser Position müsste ich nur noch ein Bisschen in die Ebene hinausgehen und konnte auf beide Camps schiessen.

Ich schlief ein und wurde erst mitten in der Nacht geweckt, als Billy und seine Burschen haarnahe an mir vorbeitrampten. Sie gingen so leise, wie sie konnten und hätten doch eine Büffelherde aufgeweckt. Dazu wachte ich beim kleinsten Geräusch, was seine Vorteile und Nachteile hatte. Im Saloon zum Beispiel, schlief ich nie besonders gut.

Ich ging langsam und sehr leise hinter ihnen her. Als sie Jack und Stuart fesselten, liess ich sie gewähren. Julia sollte wissen, dass Stuart kein Beschützer war, und Jack sollte lernen, vorsichtiger zu sein. Ich brauchte die beiden nicht. Ich konnte mich dieser Burschen erwehren. Ich war schneller geworden. Sollten sie jedoch Jack und Stuart erschiessen wollen, war ich bereit.

Jetzt kamen sie schon mit Julia, Lisa und Sara. Ich konnte mitfühlen, wie es ihnen zumute sein musste. Sie fühlten sich ausgeliefert, hilflos und innerlich wütend und zornig über ihre Hilflosigkeit. Die Burschen waren jetzt alles andere als leise. Es war leicht für mich, mich wieder in den Wald hinein zu stehlen, bis sie an mir vorbei waren. Dann trat ich wieder auf die Ebene hinaus und folgte hinterher.

Als einer Sara einen Klaps gab, konnte ich mich kaum beherrschen. Ich hätte ihn am liebsten gleich erschossen. Sie eilten zu ihrem Camp und waren mir zwanzig Yard voraus.

Ich war jetzt fast bis zehn Yard an ihr Camp herangekommen. Ich musste mich nur aus dem Schein des Feuers halten, dass sie sicher bald anzünden würden. Ich trat hinter einen Baumstamm, der mich ganz deckte. Es war ein Baum am Rand und da waren keine anderen Bäume mehr zwischen mir und dem Camp. Ich konnte jetzt gut schiessen. Im Schein des Feuers würden sie wie sitzende Enten für mich sein. Sie konnten nicht zurückschiessen, denn geblendet vom Feuer, würden sie mich nicht sehen. Nur eines hoffte ich, dass meine Frau und Kinder nicht zwischen uns zu stehen kamen.

Jetzt ging das ganze Theater los. Die Burschen beschäftigten sich mit dem Feuer, um es so gross wie möglich zu machen. Sie packten Bündel von dünnen Zweigen, drückten sie zusammen und warfen sie aufs Feuer. Das Feuer loderte hoch und warf einen hellen Schein auf das Camp. Das Feuer würde nicht lange so hell sein. Sie mussten sich beeilen und sie wollten sich ja die Damen ansehen, wie sie gesagt hatten.