Frau und Kindern auf der Spur

Part 3

Chapter 3 3,937 words Public domain Markdown

Ich hatte neue Vorräte und die Brille schon gekauft, hatte sie aber noch nicht angezogen, weil ich noch nicht an sie gewöhnt war. Ich nahm noch ein schnelles Bier im Saloon, dann würde ich mich aus dem Staub machen. Ich lauschte dem Gespräch am andern Tisch, da sassen drei Männer und eine Frau. Sie glichen sich und waren wohl Brüder und Schwester. Sie schienen ihre finanzielle Lage zu besprechen.

"Also Bob, sags mir noch einmal. Was ist jetzt in der Bank geschehen?"

"Nichts, Bradley, wir haben einfach schon alles Geld verbraucht. Ich habs dir ja schon gesagt."

"Das Geld ist nicht unter Black, ich habe es unter Nelson einbezahlt. Das weisst du doch, Bob. Oder?"

"Ja Brett, das weiss ich schon, ich bin doch nicht blöd. Das hab ich dem Banker auch gesagt."

"Wir haben eben ein Bisschen zu gut gelebt, nicht Bob." fügte die Schwester hinzu.

"Blödsinn, Bridget, Bob hatts sicher in seine Tasche gesteckt." "Jetzt hör doch auf, Brad, es ist einfach Zeit einen neuen Steckbrief einzukassieren."

"Und wen hast du da im Sinn, Kleiner?".

"Gehen wir sie uns mal anschauen. Kommt. Zahlen, Wirt. Zahlen!"

Bis der Wirt kam, sassen sie für ein Weilchen still da. Da fing mich einer an anzustarren. Dann ein Geflüster am Tisch. Dann ein paar schräge Blicke in meiner Richtung, so unauffällig wie sie nur konnten. Aber ich wusste sie hatten mich erkannt. Sie waren noch nicht ganz sicher, sonst hätten sie mich vieleicht gerade hier gestellt. Ich zahlte und ritt unauffällig langsam aus der Stadt. Aber kaum hatte ich den Rand erreicht, da gings im Gallopp weiter.

Also die Black Brothers waren mir auf der Spur. Brad, Bob, Brett und Bridget. Ich taufte sie die BB's in meinem Kopf, den sie hatten alle die gleichen Initialen. Alle ihre Vornamen fingen mit einem "B" an, und ihr Nachname auch. Sie waren Kopfjäger, und sehr gute. Sie konnten schiessen, und sie waren schnell.

Ich hörte Pferdehufe hinter mir. Schon war wenigstens einer hinter mir her, der, der mich zuerst angestarrt hatte, nämlich Bradley. Er ritt gleich schnell wie ich. Er konnte mich nicht einholen, aber er fiel auch nicht zurück. Es kam jetzt nur darauf an, wer den ausdauernsten Gaul hatte. Das würde kaum meiner sein. Obwohl ich ein gutes Pferd hatte, musste es von dem leben, was es fand, und in dieser trockenen Umgebung war das sehr rauhe Kost. Bradley's Pferd aber hatte sicher von Hafer gelebt, die übliche Kost in den Saloons.

Trotzdem galoppierte ich weiter. Vieleicht würden wir wenigstens aus der Reichweite der anderen Brüder kommen. Ich bückte mich hinter den Hals meines grauen Apfelschimmels um den Luftwiderstand zu verkleinern. Doch nichts half. Er kam langsam näher. Da zog ich die Zügel zurück und sprang ab. Ich augte ihn genau. Falls er früh schoss, war ich bereit. Doch er stieg ab und kam auf etwa dreissig Yard auf mich zu.

Dann schrie er: "Du bist Josh Custer, nicht wahr. Du weisst das du vom Gesetz gesucht wirst, weil du Mord begangen hast. Versuch also nicht noch einen weiteren Mord zu begehen, sonst wirst du für den auch zur Rechenschaft gezogen." Er versuchte in einem feierlichen Ton zu sprechen. "Nimm also deine Hände hoch und komm her. Ich werde dich entwaffnen und zum Sheriff führen."

Ich brauchte diese Rede wirklich nicht. Es war mir recht peinlich, ihm zuzuhören. Er sprach wie ein Vater zu einem Sohn den er gerade beim Schule schwänzen erwischt hatte. Dazu wunderte ich mich warum er so viel redete. War es um Zeit zu gewinnen, bis seine Brüder ihn einholten. Ich sagte : "Ich kenn eure Sorte. Ihr Rechtschaffenen. Sorgt für Gerechtigkeit um dabei eure Taschen zu füllen. Du musst mich schon holen kommen."

"Du weisst, wer ich bin. Du hast keine Chance. Das sag ich dir. Ich bin Bradley Black, Steckbriefjäger. Du bist der Einundzwanzigste den ich zur Rechenschaft ziehe. Noch keiner ist davongekommen."

Es ging viel zu lange. Ich musste etwas tun. Ihn provozieren, oder ihn gleich erschiessen, bevor es zu spät war. Denn gegen ihn und seine Brüder hatte ich keine Chance.

Ich zögerte, ich wollte nicht der Erste sein der zog. Ich wollte niemanden erschiessen. Ich hatte noch nie jemandem etwas angetan, geschweige denn jemand getötet. Doch ich wollte nicht zum Sheriffs Haus. Ich war unschuldig. Diesem Steckbriefjäger ging es nicht um Gerechtigkeit, nur um das Geld. Es kam ihm nicht darauf an, ob jemand unschuldig war.

"Ich bin unschuldig. Bitte glaub es mir, Bradley Black."

"Das sagen sie alle, Mister. Wenn du unschuldig bist, brauchst du keine Angst zu haben, zum Sheriff zu kommen."

Das hatte ich gedacht. Er wollte nur sein Geld. Ich nahm meinen ganzen Willen zusammen und zog so schnell ich konnte. Er war bereit. Er war viel schneller als ich. Doch sein rechter Revolver klemmte. Aber er war mit seinem linken noch schneller als ich. Seine Kugel streifte meine Schläfe. Die zweite die Stirn. Dann traff ihn meine Kugel--ins Herz. Er schoss noch zweimal. Die dritte Kugel streifte meine rechte Wange, die vierte meine linke. Er war tot. Ich lebte, aber mein Gesicht war eine blutige Masse.

Mit seiner Linken war sein Ziel nicht so gut wie mit der Rechten. Ich hatte Glück gehabt, aber ich wusste es nicht. Ich wartete auf meinen Tod. Denn ich konnte nicht sehen, wo er mich genau getroffen hatte. Nur jedesmal wenn ich mein Gesicht berührte, waren meine Hände voll Blut.

Dann kam er auch schon angetritten. Brett Black. Als er sah, dass sein Bruder verloren hatte, stieg er weit entfernt ab. Er glaubte keine Chance zu haben gegen einen, der es mit Brad aufgenommen hatte. Er starrte mich an. Er schien eine Ahnung zu haben, was geschehen war, als er meine Wunden sah. Trotzdem getraute er sich nicht näherzukommen.

Ich musste weg. Ich stieg aufs Pferd und raste weg. Meine Wunden schmerzten. Mein Kopf schmerzte. Meine Seele schmerzte. Blut tropfte in meine Augen, so dass ich bald kaum sehen konnte. Ich ritt in die Berge zurück. Zum kleinen Bach. Zum kleinen Bach, wo ich Gold gefunden hatte. Dort verbarg ich mich. Ich verbarg mich in einer abgelegenen Höhle, samt meinem Pferd.

Ich legte mich hin und ruhte, ruhte lange und dachte nach. Ich fühlte als ob Gott mich verlassen hätte. Er hatte mich vorher beschützt. Warum nicht dieses Mal. Er hätte sicher die Macht gehabt, diese Kugeln ein Bisschen abzulenken, der Allmächtige. Warum hatte er das nicht für mich getan. Oder war er böse, dass ich zuerst gezogen hatte. Hatte ich ihm nicht genug vertraut, und die Dinge in meine eigenen Hände genommen?

Ja, ich hätte ihm mehr vertrauen sollen und ich sollte ihm jetzt mehr vertrauen. Er dachte anders als Menschen. Er wusste viel mehr und er konnte die Zukunft sehen. Wer weiss ob das nicht noch seine gute Seite haben würde.

Und wahrhaftig, es hatte seine gute Seite. Denn als meine Wunden heilten, mit riesigen Narben, wurde mein Gesicht entstellt. Ich war nicht mehr zu erkennen. Ich brauchte keinen Steckbriefjäger mehr zu fürchten, ausser Brett Black natürlich, der wohl ahnen konnte wie mein Gesicht heilen würde. Aber auch er konnte nicht genau wissen wie ich jetzt aussah. Er hatte mich nur für einen Moment gesehen, und das mit meinen Wunden, nicht meinen Narben.

Ich sah nicht mehr wie der alte Josh aus. Ich war hässlicher geworden. Aber auch zäher, und meine Zähheit hatte ihre Schönheit.

Zuerst war es hart zu ertragen, hässlicher auszusehen. Ich war deprimiert. Aber ich wurde auch demütiger. Ich war Stolz gewesen auf mein gutes Aussehen. Dieser Stolz war weg. Wie ein Balast, weg. Und das war gut. Ich sah, dass Schönheit vergänglich ist, und dass ein Mann auch wenn er hart versucht, eben sein Leben doch nicht ganz in der Hand hat. Es ist gut demütig zu werden. Denn wer zu sehr auf sich selbst vertraut, wird am Ende von sich selbst entäuscht.

* * *

So langsam zog es mich auf unsere Ranch zurück. Ich wollte meine Familie sehen, mich erkunden, wie es ihnen ging. Ich musste vorsichtig sein, so geheim gehen wie möglich. Niemand würde mich jetzt erkennen, das war klar, aber man kann nie vorsichtig genug sein. Ein falsches Wort und man könnte sich verraten. Wenn mich jetzt jemand erkannte, dann war ich nachher leicht zu finden, mit meinen Narben. Ich trug sogar meine Brille.

Ich wusste dass meine Mutter die Frau des verstorbenen Bäckers besuchte und zwar jeden Sonntag Nachmittag. Am Anfang war es gewesen, um ihr Trost zu spenden, dann waren sie gute Freunde geworden. Es war klar, dass die Bäckers Frau nicht glaubte, dass ich den Bäcker umgebracht hatte, sonst hätte sie meine Mutter nie akzeptiert. Jeden Sonntag also, nach dem Mittagessen, fuhr meine Mutter mit ihrer eigenen Kutsche in das Dorf. Ich lauerte an einer abgelegenen Stelle.

Ich sah sie von weitem kommen. Dann ritt ich ihr langsam entgegen. Sie hielt den Wagen an und sagte : "Sie haben sich wohl verirrt, Fremder?"

"Nein, hab ich nicht--ich bin's, Josh Custer, Mutter!"

"Bist du das Josh. Oh, du siehst aber anders aus. Komm mal her." Sie nahm mich in ihre Arme und küsste mich. Ich hatte das Gefühl als musterte sie mich dabei genau um sich zu vergewissern, dass ich es wirklich war. Nach einigem Zögern, schaute sie dann doch mein Hemd hinunter, um das Muttermal zu sehen. Als sie es fand, wurde ihre Stimme weicher: "Wer hat dich den so zugerichtet." "Mutter ich hab nicht viel Zeit. Es ist viel zu gefährlich. Ich will wissen wie es euch geht und was ihr plant. Dann hau ich ab. Du must mir versprechen, dass du weder mit jemand über meinen Besuch redest, noch jemandem verrätst wie ich jetzt aussehe."

"Gut Sohn, werd ich. Aber Julia wird sich freuen. Sie liebt dich immer noch."

"Ich meine du darfst es ihr auch nicht sagen, auch den Kindern nicht! Niemandem! Das würde sie und mich in Gefahr bringen. Wenn sie nicht weiss dass ich hier war, kann es niemand aus ihr herausbringen. Und wenn sie mich nicht kennt, dann wird sie auch nicht wissen, wenn ich nächstes Mal hierherkomme um zu spähen. Ihre Augen werden mich nicht verraten können. Niemand glaubt das ich noch lebe, weil mich schon solange keiner mehr gesehen hat. Wenn jemand erfährt das ich noch lebe, könnte er meine Frau kidnappen, um mich zu zwingen, sie rauszuholen. Aber wenn nicht einmal meine Frau glaubt, dass ich noch im Land bin, dann wird jeder annehmen, dass ich tot bin. Und dann auch: Wenn meine Frau weiss dass ich hier bin, wird sie mich suchen kommen. Es ist besser, wenn sie mich in Kanada suchen geht. Du auch, du darfst dich nicht glücklich zeigen, dass du mich gesehen hast. Du musst schweigen, wie das Grab. Würde ich dich nicht kennen, wäre ich nie gekommen. Aber ich weiss ich kann mich auf dich verlassen."

"Kannst du. Ich werde tun wie du sagst. Aber ich muss einwenden, dass du Julia genau so trauen kannst wie mir."

"Ich weiss, aber sie steckt tiefer drin als du. Es wird ihre Entscheidungen beeinflussen, ohne dass sie es merkt. Es muss so bleiben, wie es ist, Ma."

"Wir könnten noch lange darüber diskutieren, aber ich weiss du musst dich beeilen. Ich vertraue dir. Niemand wird auch nur das Geringste erfahren."

"Danke Ma. Also wie gehts?"

"Wir konnten nicht weg, denn wir hatten kein Geld. Nach einem Jahr wurdest du als vemisst betrachtet, die Ranch ging an Julia. Jetzt fingen die Kings an, Julia zu bearbeiten. Und zwar waren es Chuck und Butch und ihr Vater Tom. Zuerst machten sie sehr schlechte Offerten. Doch dann, komischerweise, verliebte sich Chuck, der Ältere in deine Frau. Sie sind etwa gleichen Alters. Butch, der jüngere, verliebte sich in die zehn Jahre jüngere Sara.

"Mehr Begierde als Liebe, heh?"

"Wohl eine Mischung, Josh, wie bei allen. Ich hätte gedacht dass Julia und Sara sich zumindest etwas geehrt gefühlt hätten, aber es war nicht so. Da kam gar nichts zurück. Julia und Sara erwiderten Chucks und Butchs Liebe überhaupt nicht. Am Anfang machte sie das nur noch wilder. Die Offerten waren jetzt nicht mehr so schlecht. Und dann hat Julia akzeptiert. So die Ranch ist vor einem Monat verkauft worden. Sie gehört jetzt den Kings, doch Julia ist erlaubt zu bleiben, für eine kleine Pacht. Ist eigentlich gar nicht so schlecht für sie, im Moment, solange die Gefühle von Butch und Chuck noch da sind. Aber sie weiss dass niemand ewig liebt, wenn nichts zurück kommt, und so machen wir Vorbereitungen im Geheimen um nach Kanada zu fliehen."

Ich fühlte einen Stich in meinem Herzen über die Ranch. Sie war verloren. Doch das konnte man jetzt nicht ändern.

"Ich bleibe hier Sohn. Die Bäckers Frau hat ein schönes Zimmer für mich, und Julia wird mir die Hälfte vom Geld von der Ranch geben, so dass ich leben kann bis zu meinem Tod. Sie werden durch die Berge reisen, du weisst wie Julia ist. Man kann ihr nichts ausreden. Sie hat schon immer die Berge sehen wollen. Ich sagte, du kannst ja an den Bergen vorbeireiten, aber bleib doch auf der Prärie und geh den leichten Weg. Aber nein, sie will durch die Berge. Auf jeden Fall bis Colorado. Sie werden in zwei Monaten reisen."

"Danke, Mam--ich muss weg. Ich liebe dich, ich liebe dich. Good Bye."

"Bye, Sohn, Bye". Sie küsste mich und küsste mich und wollte mich nicht gehen lassen. Die Tränen rollten nur so von ihren Wangen. Es brach mir das Herz. Ich riss mich los. Da fasste sie sich. Ich mich auch. Ich ritt weg.

Wie ich später erfahren sollte, war dies das letzte Mal, dass ich sie sehen würde. Sie starb eine Woche später.

Julia's und der Kinder Spur fand ich in Laredo wieder. Wie ich auch später erfuhr, waren sie in der Nacht weggezogen, in Männer Kleidung, jeder auf seinem Pferd, und Jack und Julia je mit einem Packpferd. Die Kings waren ihnen nicht gefolgt. Die Liebesgefühle hatten sich abgekühlt.

Ich fragte mich warum wohl alles so gekommen war. Warum musste ich meine Ranch verlieren. Warum war ich verleumdet worden. Warum musste ich ein Narbengesicht haben? Doch das Leben ist ein Geheimnis. Ein Schöpfer ist da am Werk, der weiss, was er in uns kreiert. Er beschützte mich im Allgemeinen, doch er ersparte mir nicht jeden Kummer. Er verwöhnte mich nicht, verweichlichte mich nicht. Wir hätten gerne Komfort, doch Charakter kommt nicht durch Komfort. Er arbeitete an mir, so wie ich an meinen Kindern gearbeitet hatte um etwas aus ihnen zu machen. Er demütigte mich, denn er wollte keinen Besserwisser.

Er beschützte mich, doch er war mir verborgen, so wie ich nun meine Familie beschützte, doch ihr verborgen blieb. Von seiner Sicht sahen die Dinge anders aus, so wie die Dinge für meine Familie aus meiner Sicht anders aussahen.

Kapitel 3

Ja so war alles gekommen, dachte ich, und war am "Whiskey Barrel" Saloon angelangt. Und wie würde es weitergehen. War meine Familie in Sicherheit, oder war einer der draussen wartenden Halunken ihnen nachgeschlichen. Man konnte nie wissen.

Doch jetzt war ich von all den Geschehnissen dieses Tages todmüde. Ich wollte mich hinlegen, nur schlafen. Es war um Mitternacht. Ich würde früh aufstehen müssen, meine Familie zu suchen.

Ich ging leise in den Saloon hinein, ich wollte niemanden aufwecken. Doch welche Überraschung. Das Licht war noch an. Auf einer Leiter standen Pedro und der Wirt und hingen den Leuchter wieder an die Decke.

"Dieser Teil kommt da rauf, dann sieht man nicht wie ausgefranst das Stahlkabel ist. Muss ja echt aussehen, wenn er am Boden liegt, so wie wenn eine Kugel ihn zerrissen hätte. Aber hier oben muss er aussehen wie ein normaler Leuchter", sagte der Wirt und setzte fort: "Der Koch wollte die Mechanik gar nicht auslösen, weil Juan gerade unter dem Leuchter lag. Das alles nur, weil Billy den Tisch, der normalerweise hier unten steht, mit seinem grossen Arsch verschoben hatte."

"Nicht sooo groooss wie sein Maul!", fügte Pedro hinzu. "Alsooo, wieviel zaaahlst du Peeedro heute? Du weisst Peeedro ist nicht auf Rooosen gebettet!"

"Na komm mir nicht so, du mexikanischer Geizkragen... so schlecht hast du es auch nicht. Hundert kann ich dir geben, Pedro. Wäre mir zwar lieber, dieser Billy Schuft wäre tot."

"Zweihuuundert muss Peeedro miiindestens haben, sonst kann Peeedro es sich das nächste Maaal nicht leisten zu deiner Hilfe zu kooommen! Kaaann ja jedem mal passiiieren, dass er nicht triiifft! Wenigstens hat Peeedro das zweite und driiitte Maaal getroffen. Konnte ja diesen Huuund nicht abknallen nachdem er nicht mehr schiiiessen konnte. Beim zweiten und beim dritten Schuss konnte Peeedro ihn auch nicht erschiessen. Musste erstmals seine Waaaffen aus dem Spiel seeetzen."

Jetzt wurde mir alles klar. Was so ausgesehen hatte, wie wenn Pedro ein ausgezeichneter Schütze gewesen wäre, war zum Teil Bluff gewesen und zum Teil Zufall. Wie anders die Dinge manchmal aussehen, als sie wirklich sind. Pedro war nicht schlecht, aber er war nicht so gut, wie es ausgesehen hatte. Das ganze war nur ein Trick gewesen. So entstanden Legenden.

Der Leuchter hatte einen Mechanismus, der von hinter der Bar ausgelöst werden konnte und den Leuchter Mitte Kabels losliess. Falls das genau mit einem Schuss übereinstimmte, sah es aus als ob der Leuchter von der Decke geschossen worden war.

Nur eines konnte ich nicht verstehen: "Hast du ihn wirklich töten wollen, Pedro?". Die beiden fielen fast von der Leiter als sie mich sprechen hörten. Sie hatten mich nicht gehört.

"Und wer bist du, Mister? Was schleichst du dich den hier herum? Hätte fast einen Herzschlag bekommen! Einen so zu erschrecken!"

"Ich bin Griz Caldwell (das war der ledige Name meiner Mutter gewesen). Entschuldigung. Wollte niemand aufwecken. Es sah so aus, als wäre der Streifschuss absichtlich gewesen. Ich traute meinen Augen nicht, was für einen guten Schützen ich da sah."

"Gut ist Peeedro schon. Sicher, Peeedro ist seeehr guuut. Aber wir leeeben hier ja nicht im Määärchenland. Nein, Peeedro wollte den Hund erleeedigen."

"Aber wäre das nicht Mord?", fragte ich.

"Neeennen sie es, was sie wollen, Mister Caldwell! War nicht gerade ein Eeengel, was ich da erschooossen hääätte."

"Gibt es hier den keinen Sheriff, kein Gesetz?"

"Uuuh, sind sie aber neugiiierig, Mister. Weiss gar nicht ob Peeedro ihnen trauen soll?"

"Wundert mich ja nur, falls ich mal in diese Situation komme."

"Naaa, Mister. Der Sheriff ist nicht hier, der Deputy ist besoffen, und Peeedro hat genügend Freunde hier die ausgesagt hääätten, dass Biiilly zuerst gezogen hätte. Waaas wooollen sie, Mister, Geseeetz oder Gereeechtigkeit."

"Schon gut, schon gut. Ich bin sowieso todmüde. Geh jetzt ins Bett. Wünsche euch eine gute Nacht."

Sie verabschiedeten sich auch und ich ging auf mein Zimmer und legte mich ins Bett ohne mich auszuziehen. Ich schlief gleich ein.

Ich wachte einmal auf. Dachte wiehern zu hören. Schlief aber gleich wieder ein. Doch dann gegen morgen, wurde ich wieder geweckt, diesmal von einem tosenden Brausen. Es kam von der Zimmertüre her. Ich begab mich schläfrig zur Türe. Ich wollte sehen was denn so einen Krach machte. Ich öffnete sie. Flammen schlugen gegen mich. Ich schlug sie wieder zu. Jetzt war ich hellwach. Der Saloon brannte!!!

Da gab es kein Entweichen durch die Tür mehr. Wahrscheinlich loderte schon der ganze Saloon. Jetzt war die Zimmertür schon fast durchgebrannt. Plötzlich wurde es unerträglich heiss. Ich musste raus. Ich packte meinen Sattel, der all meinen Besitz enthielt und sprang aus dem Fenster, das aufs Dach hinausführte. Dort liess ich den Sattel fallen. Vom Dach kletterte ich auf das Dach des Ganges zum Aussenabort und von dort auf den Boden. Ich holte meinen Sattel.

Die Hinterwand stand noch und schützte vor der Hitze des Brandes. Mich im Schatten der Wand vorwärtstastend, fühlte ich plötzlich warme Haut. "Laaassen sie ihre Stiiinkhände von meinem Gesicht. Hab shon genug Kuuummer, wie es ist."

Es war Pedro. Er war also auch entkommen. "Pedro, wo sind die andern? Der Wirt? Wo ist der Wirt und der Koch?"

"Pedro haaat noch niemanden gefuuunden. Ist schon zweimal um den Saloooon gerannt. Hat noch niemand gefunden. Vorne ist der Saloooon total abgebrannt. Da hat keine Ratte überleeebt."

Wir gingen zur Vorderseite. Die war nur noch eine glühende Masse. Hie und da, wie geisterhaft, loderten die Flammen erneut aus der Glut.

Es war kein schönes Bild. Alles war abgebrannt. Obwohl mein Zimmer auf der Hinterseite war konnte ich jetzt von vorne hineinsehen. Nur die Hälfte des Zimmers stand noch. Wie ich herausfand, war Pedros Zimmer gerade neben meinem gewesen. Wir waren die einzigen Überlebenden.

Der Wirt war tot, der Koch auch. Schade um sie. Sie waren gute Leute gewesen. Glücklicherweise war es ein schneller Tod gewesen. Man fand kaum Überreste. Mehrere Gäste waren auch gestorben, doch man fand kaum Leichen. Alles war total verbrannt. Wie schnell doch das Leben enden kann. Wir Menschen sind so zerbrechlich.

Die Stimmung war bedrückt. Pedro schien besonders traurig, hatte er nicht nur seine Freunde verloren, sondern auch ein Quelle von Verdienst.

Wie froh war ich, dass ich meine Familie aus dem Haus gehohlt hatte. Sie hätten es nicht überlebt. So ein Holzschuppen, wie der "Whiskey Barrel" Saloon gewesen war, brannte zu schnell.

Ich vermutete, das es Brandstiftung war. Der Wirt war zu vorsichtig, als dass es aus Nachlässigkeit geschehen wäre. War es Billy Kane gewesen?

Ich schaute nach, wie es meinem Pferd "Flake" ging. Ich nannte ihn so, da er wie graue Flocken auf dem Fell hatte. Er war ja ein Apfelschimmel, hatte aber kein weiss, nur grau.

Er war unbeschert. Ich sah aber auch, dass die Pferde meiner Familie nicht mehr da waren. Ich schaute nochmal, und nochmal. Ging dem ganzen Corrals entlang. Sie waren weg.

Jetzt erinnerte ich mich an das Wiehern, das ich in der Nacht gehört hatte. Sie oder jemand anders hatten die Pferde geholt. Ich musste herausfinden, wo sie waren. Es war schon fast hell. Sobald es hell war, würde ich reiten.

Ich ging zur Vorderseite des Saloons zurück, wo Pedro immer noch stand und starrte. "Pedro, falls es die Zeit erlaubt, würde ich gern ein paar Stunden von ihnen nehmen, Senor. Ich bin nicht schnell genug."

"Kaaanst du schooon, Mister. Peeedro ist froh für jeden Pfeeeenig."

"Wo wohnen sie denn?"

"Am Eeende der Stadt. Im letzten Haus. Gegen Norden. Frag die Leute. Peeedro Escobaar ist bekaaannt", sagte er traurig.

"Gut. Adios Amigo." Ich ritt davon.

Ich fragte jede Person die ich finden konnte über Julia, Jack, Sara und Lisa, aber niemand hatte sie gesehen. Ich fragte unter dem Vorwand, dass ich ihnen etwas zurückgeben musste, was auch wahr war, denn ich hatte Lisas Halstuch immer noch. Ich roch hie und da daran. Es enthielt ein leichtes Perfum, das mich an sie erinnerte. Ich liebte sie, meine kleine Lisa. Oh wie gerne hätte ich sie in meinen Armen gehalten, mein Kleinstes. Oh wie gerne.

Dann am Ende der Stadt, im anderen Saloon, da war ein alter Mann, der sie gesehen hatte. Sie waren nordwärts geritten.

"Waren sie allein?", fragte ich.

"Nein die waren alle zusammen." bekam ich als dumme Antwort.

"Ich meine, war da noch jemand?"

"Hab nicht so genau geschaut, aber so viel ich mich erinnern kann--nein, ich glaube nicht."

"Vielen Dank, Mister".

Das war gute Nachricht. Sie hatten es also geschafft. So schien es auf jeden Fall. Ich musste ihnen nicht gleich nach. Ich würde sie leicht einholen.

So ging ich zu Pedro und nahm Stunden. Ich lernte viel. Ich wusste nicht, wie wenig ich wusste. Pedro war ein guter Lehrer, sehr geduldig. Er lehrte mich eines nach dem andern. Gab mir nie zuviel auf einmal. Sagte kein entmutigendes Wort. Sah nur immer meine guten Seiten. Wenn ich müde war, hörte er auf zu lehren. In ein paar Tagen machte ich Riesenfortschritte. Ich wohnte in Pedros Haus. Das war billiger als der Saloon.