Part 2
Ja ich liebte sie. Ich liebte sie sehr. Aber ich musste mich fern halten. Sie durften nicht einmal merken, dass ich hinter ihnen her war.
Darum war ich dem Wirt so dankbar heute abend. Ich hatte nicht selbst eingreifen müssen. Ich wollte nicht dass sie meiner überhaupt bewusst waren. Ich hatte mich also im Hintergrund halten können. Um so besser--aus einem anderen Grund auch--ich war noch nicht schnell genug. Würde ich es je sein? Ich musste, da gab es keine Wahl. "Manchmal muss man tun, was man tun muss!" wie mein Vater zu sagen pflegte als er noch lebte.
* * *
Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf, für einen Spaziergang. Es blieb noch eine Stunde Tageslicht und ein Bisschen der frischen Bergluft, die von den Zuni Bergen her wehte, würde mir gut tun.
Auf dem Weg zurück, es war schon dunkel geworden, stolperte ich fast über ein blinde Indianerfrau, die zwei Häuser vom Saloon entfernt sass. Sie hatte eine leere Konservenbüchse die sie mir entgegenstreckte:
"Ein Almosen, Sir, ich bitte sie." Ihr Geruch und ihre schrille Stimme gingen mir auf die Nerven. Als ich an ihr vorbei gehen wollte, schrie sie noch lauter: "Haben sie ein Herz, Sir, haben sie ein Herz".
Das letzte "haben sie ein Herz" war leiser und langsamer gesprochen, so als resignierte sie sich, nichts zu bekommen. Da packte mich dann doch das Erbarmen und ich warf zehn Silberdollar in ihre Büchse. Schnell ging ihre Hand in die Büchse um zu zählen. Dann schrie sie "Oh gnädiger Herr das ist doch zuviel, viel zuviel, soviel brauche ich ja gar nicht. Vergelt es ihnen Gott, sie gütiger Mann." Sie nahm wohl von meinem Tritt an, dass ich ein Mann war und wohl auch, weil die meisten die hier vorbeigingen, Männer waren--wenn sie wirklich blind war.
"Schreien sie doch nicht so, oder die ganze Stadt wird denken dass ich reich bin. Das fehlt mir noch dass einer versucht mich auszurauben."
"Oh Entschuldigung, Sir, ich will ihnen keine Schwierigkeiten machen."
"Sagen sie, sind sie ganz blind?"
"Von meiner Kindheit, Sir. Würde ich sonst hier sitzen und betteln. Dies ist kein Platz für eine alte Frau--aber was bleibt mir."
Im faden Licht der Karbid Lampen bemerkte ich plötzlich Billy Kane auf der anderen Seite der Strasse fluchend und schimpfend, umgeben von einer Menge arger, bitterer Burschen und Juan. Die führten nichts Gutes im Schilde. Ich konnte ahnen, was kommen würde. Sie bewegten sich langsam auf den Saloon zu und ich hörte Billy angeben: "Die feinen Dämchen entkommen Billy nicht und auch das Wirtlein nicht." Vor dem Saloon teilten sie sich. Die eine Hälfte, sechs Mann, ging in den Saloon, die anderen umgaben den Saloon. Es sah aus als wollten sie sicherstellen dass niemand aus dem Saloon fliehen konnte.
Ich wusste, was sie vor hatten. Sie würden eine Streiterei vortäuschen im Saloon oder anzetteln, bei dem der Wirt dann per Zufall erschossen wurde. Dabei kam es ihnen gar nicht darauf an dass einige Beiständer auch erschossen würden. So rauh waren diese Burschen. Ich hoffte nur dass die meisten von ihnen auch was abkriegten, den in so einer Rauferei, wo die Kugeln fliegen, ist keiner sicher. Wer andern eine Grube gräbt fällt oft selbst hinein.
"Wo wohnt der Sheriff?", ich schrie die blinde Frau fast an.
"Der jagt nach der "Little" Gang".
"Habt ihr einen Deputy?"
"Oh, der ist immer besoffen--vergiss es Mister--es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt".
Um's Philosophieren war es mir im Augenblick nicht.
"Madam, gibt es einen Ausweg aus dem Saloon. Sie sind hinter einer Frau und ihren Töchtern her. Sie haben den Saloon umzingelt".
"Immer das gleiche, die Männer wollen immer nur eines von den Frauen."
Ich war froh, sie verstand.
"Durch den Aussenabort, denn der ist mit dem Saloon durch einen gedeckten Gang verbunden! Doch es ist stockdunkel dort hinten niemand braucht den Abort mehr, es gibt jetzt ja einen im Saloon." Gut ist es eine mondlose Nacht, dachte ich, es wird also noch dunkler sein.
"Hier sind noch zehn Dollar. Schleichen sie durch den Abort hinein und holen sie die Frau und ihre Kinder heraus--ich bitte sie."
"Ich tue was ich kann für sie Mister, denn sie sind ein guter Mann. Wenn sie wieder hier vorbeikommen, gedenken sie meiner."
Dabei schlich sie sich wie eine gewandte Katze um die dunklen Ecken. Es war als ob sie sehen konnte in der Dunkelheit und war gewandter in der Nacht als ein Sehender.
Dann strollte ich auf den Saloon zu, ich musste meine Eile verbergen. Was für eine Schmiere, dachte ich, warum musste das immer mir passieren. Ich hatte wohl noch einiges zu lernen. Meine Colts waren die Besten, aber war ich gut genug?
Ich glaubte, dass der Wirt sich schon längst aus dem Staub gemacht hätte, aber nein, er servierte. Er war kein Feigling. Was hätte er auch machen sollen? Jemand anders servieren lassen? Und den in Gefahr bringen? Nein der Wirt war fair. Ich stand auf seiner Seite.
"Juan geh doch mal sehen, ob uns die Dämchen nicht Gesellschaft leisten wollen", sagte Billy mit lauter Stimme und seine Bande stimmte ein "Ja, hol sie mal, die Hübschen."
"Zeit dass sie was lernen...", fügte ein anderer hinzu, "...jung übt sich was ein Meister werden will..." und alle lachten. Doch das gefiel dem Wirt nicht. Er erhob Einspruch: "Niemand ohne Zimmer geht nach oben!" Dann eilte er Juan nach und erwischte den gerade noch beim Ärmel. Er zog ihn die Stiege herunter und schwang ihn auf das Parkett, auf dem Juan noch zwanzig Fuss gleitete und gerade vor Billy zum Stoppen kam.
Dann plötzlich ein Schuss, und der schwere Leuchter kam von der Decke gesaust und stürzte gerade auf Juan's Schulter, der darunter lag.
"Au" schrie Juan.
"Ruuuhe maaal!" kam da eine hohe aber laute und ruhige Stimme von der Bar. Es war der Schütze, ein Mexikaner. Der konnte wohl schiessen. Das war kein leichtes Stück den Leuchter so zu amputieren.
Es war plötzlich totenstill im Saloon. Der Mexikaner kam mir bekannt vor, und dann half er mir ein Bisschen. "Ich bin Peeedro Escobaaar--ihr habt von Peeedro gehööört--und Peeedro möööchte sein Diiinner in Ruhe eeessen. Verstaaanden! Soll einer hier Peeedro ääärgern, weiss sich Peeedro zu weeehren." Dabei wanderte er hinüber bei der Treppe vorbei, so als um sich gut zu platzieren. Er gestierte mit beiden Händen beim Sprechen. Das sah gefährlich aus, den man wusste nie wo sich seine Hände hin bewegten.
"Du verdammtes, gelbhäutiges Hurensöhnchen, was mischt du dich da ein." Billy hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da sauste die Kugel auch schon an seinem Kopf vorbei und nahm ein bisschen Haut und Haare mit. Jetzt verstand ich warum Pedro auf die Treppe zugegangen war. Er hatte sich so plaziert dass seine Kugel nur Billy treffen würde, sonst aber ohne Schaden in die Wand ging wo niemand sass. Den er wollte niemand umbringen, nein nicht einmal Billy. Er wollte ihm nur eine Lektion erteilen. Deswegen der Streifschuss.
Ich wusste nicht dass Pedro Escobar so genau schiessen konnte. Ich wusste nur dass er schnell war. Billy schien ihn nicht zu kennen, sonst hätte er es wohl gelassen. Er hätte aber wirklich sehen sollen, dass er Pedro nicht gewachsen war.
Die anderen vier Burschen die mit Billy in den Saloon gekommen waren, und anfangs ihres Sieges sicher gewesen waren, schienen jetzt nicht mehr so sicher zu sein. Wie sie sich zu Beginn um Billy herumgeballt hatten, so entfernten sie sich nun ganz allmählich. Aber Billy war noch nicht fertig. Er war ein Narr. Er zog. Pedro schoss ihm den Colt geradewegs aus der Hand. Dabei hatte Billy Glück. Seine Hand wurde nicht getroffen. Jetzt versuchte er es auch noch links. Diesmal war er nicht so glücklich. Die Kugel traf den Colt und seine Hand. Dann verschwanden die beiden. Billys hielt seine Hand und seinen Kopf und Juan seine Schulter. Also nicht mehr so stolz, ein bisschen demütiger sahen sie jetzt aus. Das war der einzige Vorteil für Billy und Juan an dieser Angelegenheit. Denn Demut ist immer besser als Stolz.
Die Ruhe war wieder hergestellt. Es hatte nur einen Mann wie Pedro Escobar gebraucht. Der kleine, dünne, jetzt etwa fünfundfünzig Jahre alte Mexikaner war nicht zu unterschätzen. Ich aber rannte hinaus. Ich fühlte mich wie ein Narr. Ich hatte meine Familie möglicherweise gerade in die Hände der draussen wartenden Halunken geschickt. Ja, ich konnte nicht wissen dass Pedro Escobar die Gefahr abwenden würde. Ob es die blinde Indianerin wohl geschafft hätte.
Ich rannte hinaus. Und wieder stolperte ich fast über sie, denn jetzt sass sie ausserhalb des Saloons.
"Habt ihr es geschafft" flüsterte ich.
"Oh ja Mister, keine Bange."
"Wo sind sie hin?"
"Ich nahm sie um zwei Häuser herum. Soweit weiss ich den Weg, Sir. Dann sind sie weiter durch die Stadt gegangen."
"Hat sie jemand gesehen?"
"Das weiss ich nicht, Mister. Sowas kann ich doch nicht sehen." Ich verstand.
Ich rannte in den Saloon zurück und holte meine Sachen, zahlte und machte mich auf den Weg. Keiner der Schurken die den Saloon umzingelt hatten war mehr zu sehen. Ich sattelte meinen Apfelschimmel, stieg auf und ritt den Corrals entlang. Ich sah ihre Pferde. Ihre Pferde waren noch da. Ich wollte wissen wo sie waren. Es gab noch einen heruntergekommenen Saloon am Ende der kleinen Stadt, gegen Norden. Dort ging ich hin und erkundigte mich, aber sie waren nicht da.
Kapitel 2
Ich ritt zurück in die Stadt. Es hatte keinen Sinn, einfach loszureiten. Zudem würden sie die Pferde brauchen. Sie mussten also irgendwann zum "Whiskey Barrel" Saloon zurückkehren. Auf dem Weg zurück zum Stadtzentrum dachte ich darüber nach wie alles so gekommen war.
Ich dachte zurück an die Zeit wo wir noch alle zusammenwohnten auf der Ranch die mir mein Vater hinterlassen hatte. Wir hatten es schön zusammen. Ja das Ranchen war harte Arbeit, aber es hatte auch seine guten Seiten. Man war an der frischen Luft, gesund und sein eigener Herr und Meister. Wir waren arm, aber wir hatten alles was wir brauchten.
Unser Land war umgeben vom Land der Kings. Drei Brüder und ihre Familien. Sie besassen das ganze Land auf der West Seite des Dorfs ausser unserer kleinen Ranch, die wie ein Herz in der Mitte ihrer Ranch steckte. Das hätte sie nicht stören müssen, denn wir waren gute Nachbarn. Liessen unser Vieh nie auf ihrem Grund weiden oder ihr Wasser trinken. Wir hatten unsere eigenen Brunnenschächte gegraben und wir stahlen auch keine Rinder. Kurz, wir waren friedlich, sie aber nicht. Sie wollten unser Land, denn es war gut und hatte genug Wasser.
Nicht dass sie es brauchten, denn sie erworben immer mehr Land gegen Westen, Norden und Süden, so dass sie ein wahres Reich geschaffen hatten. Sie waren nicht faul, das musste man ihnen lassen. Stark und geschäftig, das wohl, aber auch stolz und eingebildet.
Zuerst waren sie freundlich, fast zu freundlich. Machten Offerten für mein Land. Aber ich wollte nicht verkaufen. Zu keinem Preis. Land zu haben war mir wichtiger als alles Geld auf der Welt. Das Land war in unserem Besitz seit mein Grossvater, Fritz Köster, von Deutschland ins neue Land gekommen war. Der Name hatte sich geändert aber die Liebe zum Land nicht.
Dann wurden sie kalt und gehässig uns Custers gegenüber. Dann kamen die ersten Drohungen. Frau King flüsterte zu Julia meiner Frau im Store: "Hast du gelesen wie Don Browns Brunnen vergiftet worden war. All sein Vieh starb. Sie sagen, jemand hätte Arsenik ins Wasser gemischt. Könnte jedem passieren, heh. Auch euch. Seid nur nicht so selbstsicher." Und da die Sheriffs Frau gerade in den Laden gekommen war, fügte sie schnell hinzu: "Man muss Gott dankbar sein für seinen Schutz jeden Tag." Diese Heuchlerin--wie konnte sie nur Gottes Namen auf die Zunge nehmen. Sie hätte gar nichts sagen müssen, Vom Sheriff bis zum Barbier war das ganze Dorf sowieso auf ihrer Seite--mehr aus Angst als aus Liebe. Die Kings waren Unterdrücker.
Für eine Weile schickte ich Jack, meinen Sohn, den Hauptbrunnen zu bewachen, aber es war nur eine Drohung gewesen. Sie wollten ja meine Ranch nicht zerstören, nur in ihren Besitz bringen. Die Drohungen waren also nur um unser Leben sauer zu machen. Doch dann schritten sie von den Drohungen zur Tat.
Der Bäcker wurde tot gefunden, von Hinten erschossen. Ich hatte eine Ahnung wieso. Er war der einzige gewesen der gegen die Kings aufgetreten war. Er scheute sich nicht ihnen seine Meinung zu sagen. Ich sage nicht, die Kings hätten ihn erschossen, aber sie trauerten ihm sicher nicht nach.
Doch dann kam das Unerwartete. Sie beschuldigten mich, dass ich den Bäcker erschossen hätte. Sie brachten falsche Zeugen, die sie teilweise bestachen und teilweise zwangen. Auch Chuck und Butch King, die Söhne einer der Kings Brüder, sagten aus, dass sie mich in der Nähe des Tatorts gesehen hätten. Ich wurde zum Hängen verurteilt. Da sass ich nun in der Zelle im Sheriffs Haus und wartete auf meinen Todestag.
Es war schlimm für mich. Den Tod fürchtete ich nicht, aber das Eingesperrt sein konnte ich nicht ertragen. War ich doch ein freier Mann gewesen, gewöhnt an die Weiten der Prärie. Ich betete, denn ich glaubte an Gott. Ich glaubte dass er mir helfen würde.
Zwei Tage vor meinem Hinrichtungs Tag war der Sheriff wieder einmal recht besoffen. Ich glaube er tat das um seine Misere in diesem Dorf zu vergessen. Wahrscheinlich hatte er einen ausgeprägten Gerechtigkeits Sinn, wie die Meisten Gesetzausführer. Zwar gab es mit ihm nur schwarz und weiss, entweder war ein Mann gut, oder er war böse. Dabei ist es ja klar, dass Gutes und Böses in uns allen steckt. Aber Gerechtigkeit wurde in diesem Dorf von den Kings bestimmt. Das sah der Sheriff nicht gern, war aber zu ängstlich etwas dagegen zu tun. So soff er.
Vor der Nacht nahm er mich immer auf das Klo. Dazu legte er mir durch das Gitter die Handschellen an, öffnete dann die Zelltür, liess mich hinaus und sperrte mich dann ins Klo hinein. Durch das kleine Fenster in der Klo Türe nahm er mir die Handschellen ab. Dann konnte ich mein Geschäft erledigen.
Dann ging das ganze wieder im Rückwärtsgang, bis ich wieder in der Zelle war.
"Na, beeil dich schon, J-J-Josh, hab ja n-n-nicht die ganze Nacht. Man will sich ja auch m-m-mal hinlegen. Kannst dich ja wirklich ein Bisschen schneller b-b-bewegen". Doch diesmal schloss er zwar die Zelltüre, vergass aber sie abzuschliessen. Er nahm den Schlüssel aus dem Schlüsselloch, hatte aber vergessen ihn erst zu drehen.
Ich wartete bis etwa drei Uhr morgens, dann schlich ich mich hinaus. Ich rannte zu meiner Ranch. Es war acht Meilen. Ich schuf es in einer Stunde.
"Julia, ich bin's, wach auf, beeil dich", weckte ich sie. "Ich werde nach Kanada fliehen. Such mich in Edmonton, wenn ich wegkomme."
"Ich liebe dich, Josh--ich lieb dich--geh, geh schon--ich will dich nicht verlieren!" Sie stopfte meine Taschen voll mit Geld. Sie hatte alles verkauft, was sie verkaufen konnte in der Zwischenzeit, um gerade für so einen Fall zu sorgen. Man konnte sich auf sie verlassen.
"Dad, vergiss die nicht". Jack war inzwischen aufgewacht und aus seinem Zimmer gekommen. Er reichte mir meine Smiths Colts und Patronen. Ich fiel ihm um den Hals und küsste ihn : "Sorge für die Familie, gehorche deiner Mutter, denn sie ist weise. Verlier nicht die Nerven, mach nichts Dummes." Ich wusste was für eine Zielstrebigkeit und was für starke Gefühle Jack besass und das konnte ihn manchmal zum Hitzkopf machen, obwohl er normalerweise sehr ruhig war.
Lisa, meine jüngere Tochter kam keuchend ins Haus gerannt : "Dad, Sara und ich haben dein Pferd gesattelt. Das nötigste ist in den Satteltaschen. --au! jetzt hab ich noch was zu Essen vergessen. Wart ich geh gleich."
"Wenn sie hierher kommen, sag dass du mich nicht gesehen hättest. Dass ich meine Sachen wahrscheinlich leise gehohlt hätte. Sonst wirst du mitschuldig." Ich packte die Munition und rannte hinaus. Alle folgten mir ebenso rasch.
"Beeil dich, Dad" sagte Sara mit besorgter und gedämpfter Stimme.
"Beeil dich!--wir werden dich nie vergessen". Ich küsste sie über das ganze Gesicht, dann Lisa, dann Julia und zuletzt auch noch Jack.
"Mach dir keine Sorgen um uns, Josh--kümmere dich nur um dich selbst.--ich will dich nicht verlieren!" sagte Julia mit zitternder Stimme.
Nur meine Mutter, die mit uns wohnte, war nicht aufgewacht. Sie war siebzig Jahre alt, doch schlief sie sehr gut.
Dann galopierte ich weg. Nach Süden. Denn ich würde nicht geradewegs nach Kanada reiten. Zuerst musste ich über den Rio Grande, nach Mexiko. Und das so schnell wie möglich.
Als ich dahinritt ging mir die Abschiedsszene nochmals durch den Kopf. Sogar in einer solch kurzen Szene zeigten sich doch der Charakter meiner Frau und Kinder. Alle waren sehr zuverlässig. Das verlangte ich von meinen Kindern von sehr früh an. Wie froh war ich jetzt, dass ich hart mit ihnen gewesen war.
Julia und Jack waren beide sehr starke Persönlichkeiten. Man konnte sie nicht leicht in etwas hineinreden. Sie machten nichts was sie nicht wollten. Sie mussten ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben. Das war manchmal schwierig für mich. Meine Frau zum Beispiel trug nie Frauenstiefel, weil sie unbequem waren. Man konnte ihr sagen was man wollte, sie trug ihre Mokasins, von Indianern gefertigt. Und obwohl sie hervorstach, und die argwöhnischen Blicke der Frauen im Dorf auf sich zog, bevorzugte sie das. Das machte mir manchmal zu schaffen. Sie wollte einfach nicht "normal" sein, so wie jeder, und sich einfügen.
Jack, der wollte keine Brandzeichen auf unsern Rindern, weil er glaubte dass es ihnen weh täte. Wenn ich es tun wollte, fing er an gegen mich zu kämpfen. Wir sprachen darüber, und ich konnte ihn nicht davon abbringen. Alle Vernunft half nichts. So einigten wir uns dass wir ein kleines rundes Loch aus ihren Ohren schneiden würden, um sie zu identifizieren. Jack sah das etwa so, wie die Löcher für Lisas und Saras Ohrringe. Es war ok.
Lisa, die jüngere war sehr sprudlig aber immer etwas zerstreut. Sie sprach am Meisten in der ganzen Familie. Sie liebte das Schauspiel und die Musik. Sie liebte Humor. Brachte uns immer zum Lachen. Es machte ihr gar nichts aus wenn Leute über sie lachten. Während es jemand anders scheniert hätte, empfand sie es als Spass.
Sarah war mir am Ähnlichsten. Sie war sehr organisiert. Ein tiefer Denker. Sehr intelligent. Scheu zwar und zurückgehalten, aber kein Feigling. Eine tiefe innere Glücklichkeit und Zufriedenheit schien durch ihr Gesicht. Das machte sie sehr attraktiv.
* * *
Ich war zum Rio Grande gekommen und schwamm hinüber, mein Pferd am Halfter führend. Das Wasser war trüb wie immer und warm. Ich hatte es bis Mexiko geschafft, aber sicher war ich noch nicht. Sie konnten mich hier zwar nicht verhaften. Aber sie konnten mich holen und illegal wieder über den Rio Grande zurückbefördern und dort verhaften. Oder schlimmer, sie erschossen mich und nahmen mich tot zurück. Das wäre den Kings sicher am Liebsten gewesen, dann hätten sie einen Sündenbcok, der nicht mehr sprechen konnte. Trotzdem fühlte ich mich besser jetzt, und sprach ein Dankgebet. Gott hatte mir geholfen, wie erwartet.
Ich machte keine Rast, sondern ritt tagelang bis Santa Cruz, wo ich mich dann wieder über die Grenze zurück wagte. Lisas Essen reichte für fünf Tage. Sie hatte mir Brot und geräuchtes Rindfleisch, Mandeln und dedörrte Aprikosen gepackt. Dann ging ich zweiundzwanzig Tage ohne Essen. Ich wollte nirgends gesehen werden.
Sara und Lisa hatten alles mögliche in meine Satteltaschen gepackt: eine Decke, frische UnterWäsche, Taschentücher, Feuerzeug, eine kleine Ax, einen Kamm, Zahnbürste und ein paar Frauen Sachen: Faden und Nadeln, einen Waschlappen, ein Handtuch, Seife und sogar eine kleine Flasche Perfum mit einem kleinen Zettel darumherumgewickelt. Darauf stand: "Wenn du dieses Perfum riechst, dann wird es dich an mich erinnern, lieber Dad. Geh sparsam damit um. Deine Lisa." Wie süss! Sie mussten mich erwartet und alles vorbereitet haben.
Zwei Jahre schlug ich mich dann in New Mexiko und Arizona herum, Suchte Gold hier und dort, fand am Anfang aber nicht viel. Mein Geld reichte aus für einfache Kost, die ich selbst kochte. Die Jagd fügte einige Leckerbissen hinzu. Ich schlief immer draussen.
Gold gab es in diesem Land schon, man musste es nur finden. Man konnte an vielen Orten Goldstaub finden, solange man am richtigen Ort schaufelte. Etwa auf der Innenseite einer Flussbiegung, oder hinter grossen Steinen im Fluss. Es war aber harte Arbeit und viel fand man meistens nicht.
Doch dann, eines Tages, es war Oktober oder November, ich erinnere mich nicht mehr genau, ritt ich in ein Bergtal hinein und folgte dem Fluss, der das Tal geschaffen hatte. Für die Grösse des Tals hätte er mehr Wasser haben sollen. Doch es war eine trockene Gegend. Ich folgte dem Fluss und brauchte meine Goldpfanne hie und da, nur so zum Sehen ob ich etwas fände. Aber es gab nicht viel. Wahrscheinlich war ich nicht der Erste hier.
Dann hörte ich hoch oben in den Felsen plötzlich einen Puma fauchen. Und dann sah ich ihn auch. Er war gut getarnt. Ich hätte ihn nie gesehen, wäre er still gewesen. Neben ihm lag seine Beute, eine Maulhirschkuh. Und jetzt sah ich, warum er gefaucht hatte. Da war noch ein Puma, den ich zuerst gar nicht gesehen hatte. Sie stritten sich also um die Beute. Sie musste auf der Grenze ihrer Reviere liegen.
Ich liebte die Natur und wollte mir das Schauspiel näher ansehen. So ritt ich im Schatten eines vertikalen Grats die Felsen hinauf. Bald kam ich näher. Beide waren Prachtsexemplare. Sie stritten sich noch immer. Dann kam es zu einem Kampf. Noch nie hatte ich solche Schnelligkeit gesehen. Sie balgten sich, sie drehten sich. Es dauerte nur zwei Sekunden. Dann wars vorbei. Der Verlierer schlich sich weg, mit einer blutenden Schramme am Genick. Der Sieger fing an zu fressen. Ich würde ihn nicht stören.
Mittleweile war ich an einen kleinen Bergbach gekommen und ich dachte, da ich schon hier oben bin, versuch ich mein Glück. Tatsächlich fand ich ein kleines Nugget, etwa erbsengross. Ich folgte dem kleinen, kurzen Bach in die Höhe and fand noch eins, haselnussgross. Dann keine mehr. Ich nahm Notiz, wo ich das letzte gefunden hatte, und suchte nun diese Gegend sorgfältig ab. Dann fand ich sie, eine kleine Goldader in einer kleinen Höhlung. Da gabs noch mehrere Nuggets, die am Boden lagen. Ein starkes Gewitter könnte leicht einige in den Bach tragen, wo ich sie erst gefunden hatte. Ich sammelte alle Nuggets und kratzte die Goldader mit dem Messer aus dem Felsen, bis nichts mehr übrig blieb.
Dies würde ein schönes Stück Geld bringen. Genug bis Kanada, falls ich sparsam damit umging. Aber vieleicht konnte ich es mir jetzt leisten, mal im Saloon zu schlafen, und ein heisses Bad zu geniessen. Im Fluss baden--was ich bis jetzt getan hatte--war alles andere als heiss.
* * *
Bis jetzt hatte ich Glück gehabt. Es gab überall Steckbriefe von mir, doch hatte mich noch keiner erkannt. Ich sah nicht mehr so aus wie auf dem Steckbrief, der von einer Photo kam, die sie auf der Ranch geholt hatten. Nein, ich hatte jetzt graues Haar, wohl von den vielen Sorgen. Das Haar war lang, da ich keinen Barbier besuchen wollte. Zusammen mit meinem grauern Vollbart deckten sie fast das ganze Gesicht und auch die Ohren zu. Trotzdem dünkte es mich weise, mich noch mehr zu verändern. Ich wollte mir eine Brille kaufen, natürlich mit Fensterglas. Das würde auch noch meine grünen Augen decken.
Ein Merkmal, das der Steckbrief enthielt, hatte sich allerdings nicht verändert und das war das herzförmige Muttermal auf meinem Rücken.
Und so machte ich mich auf nach Silver City, um meine Brille zu bekommen. Doch das war mein Verhängnis.