Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 9

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»Die schwache Stimme einer Wochenschrift konnte in dem Lärm jener Tage nicht weit dringen. Wir erkannten bald, daß, wenn der überaus rührigen Agitation im Süden, welche soeben um ein Haar Deutschland in einen verderblichen Krieg gestürzt hätte, wirksam entgegen gearbeitet werden sollte, eine tägliche Zeitung nicht entbehrt werden könnte. Nach langen Verhandlungen, vielen Mühen wurde es möglich, die Begründung eines solchen Blattes ernstlich ins Auge zu fassen. Und zwar in München, in dem eigentlichen Hauptquartier der Gegner. An die Ausführung eines so verwegenen Planes ließ sich aber nur denken, wenn ein Mann von hervorragender Fähigkeit, von bedeutender Autorität in dem Lande und von unantastbarem Charakter die Leitung übernahm. Denn daß das Auftreten einer gegen Preußen gerechten, der nationalen Sache aufrichtig ergebenen Zeitung in München mit den größten Schwierigkeiten verknüpft sein werde, deren nur ganz ungewöhnliche Leistungen Herr zu werden hoffen dürften, darüber konnte sich niemand täuschen. Alles hing daran, ob Brater sich entschließen mochte, der Redaktion seine Kraft, vielleicht seine Existenz zu widmen.

Ich erinnere mich genau der eingehenden Gespräche welche wir im Sommer über die Sache hatten. Wie immer erwog er alle Momente der Frage mit der Objektivität eines durch keine Umstände beeinflußten Richters; die hohe politische Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des Unternehmens erkannte er vollkommen an, aber über seine Mißlichkeit, über die fast unübersteiglichen Hindernisse, denen er begegnen werde, täuschte er sich ebensowenig. Namentlich war ihm klar, daß für ihn persönlich ein fast zu großes Opfer damit verbunden sei. Nach langer, mühseliger, entbehrungsvoller Arbeit war er endlich dahin gelangt, sich in Bayern eine bedeutende Stellung zu erringen. Hielt er sich im Kreise der bayerischen Politik, so konnte ihm eine höchst befriedigende, d. h. für das öffentliche Interesse fruchtbare und seinen bescheidenen persönlichen Ansprüchen gerecht werdende Zukunft nicht entgehen. Betrat er dagegen den Boden der deutschen Politik mit einer in Bayern bei Regierung und Volk gleich verhaßten Richtung, so durfte er für die Zukunft noch viel schwereren Kämpfen entgegensehen, als ihm die Vergangenheit gebracht hatte.

Er zählte damals vierzig Jahre; er war ohne Vermögen; nur angestrengte Tätigkeit und eine seltene Einfachheit des Lebens machte ihm möglich, mit der Feder zu erwerben, was die Bedürfnisse seiner Familie erforderten. Unter allen diesen Verhältnissen würden sehr wenige sich entschlossen haben, auf das Wagnis einzugehen. Brater unternahm es dennoch kraft jener Mischung geistiger Eigenschaften, der man in dieser Weise nur sehr selten begegnen wird. Er war ganz klare, scharfe Kritik und zugleich hingebende Begeisterung. Er besaß ganz die Nüchternheit des Verstandes, welche meistens zu klugem Egoismus führt und verband damit einen enthusiastischen Patriotismus, wie er meist nur in unklaren Köpfen wohnt ....

... Brater hatte sich nicht getäuscht. Als er am 1. Oktober 1859 die erste Nummer der »Süddeutschen Zeitung« herausgab, tobte es förmlich von allen Seiten gegen ihn. Man fand es geradezu unerträglich, daß sich in München ein »preußisches Blatt« ans Licht wage. Jede Verdächtigung in der kleinen Schmutzpresse der Stadt, jede persönliche Schikane wurde in Bewegung gesetzt, um Brater die Existenz in München unmöglich zu machen. Wer freilich die Blätter der jungen Zeitung las, der wurde von all diesen jede Stunde des Herausgebers verbitternden Widerwärtigkeiten nichts gewahr. ..... Der Grundgedanke, Deutschlands Führung durch Preußen, wurde den widerwilligen Gemütern der Süddeutschen mit nie aussetzender Konsequenz, aber zugleich mit jener schonenden Milde gepredigt, welche am besten geeignet ist, dauernde Überzeugungen zu begründen. Der deutsche Beruf Preußens hat niemals im Süden einen wirksamern Vorkämpfer gehabt als Braters Süddeutsche Zeitung. Anfangs mit einmütigem Haß empfangen, wurde sie in kurzer Zeit das Lieblingsblatt des gebildeten München.«

Daß eine solche Berufsergreifung auch das Familienleben stark beeinflußte, ist selbstverständlich. Sofort ergab sich das Bedürfnis, in den Mittelpunkt der Stadt zu ziehen. Frau Brater schreibt darüber an ihre Freundin Emilie von Breuls, geb. Kopp: »Ich bin eigentlich eine halbe Strohwitwe geworden; Du hast vollkommen Recht, wenn Du meinst, die Zeitung werde meinem Mann viel Arbeit machen, es ist mir fast zu arg, dazu muß er seine Geschäfte in der Nähe der Druckerei und Post vornehmen, so daß er sich mit seinen Redakteuren in der Stadt ein paar Zimmer mieten mußte, wo er nun den ganzen Tag ist und ich ihn nur mittags ganz kurz sehe, im April ziehen wir nun ganz hinein und so sehr ich’s bedauere, unsere schöne, freie sonnige Wohnung mit einer Stadtwohnung vertauschen zu müssen, so kann ich’s nun doch kaum erwarten, bis der unbehagliche Zustand des Hin- und Herrennens auf einem halbstündigen Weg ein Ende nimmt; daß Du die Süddeutsche Zeitung liest, freut mich sehr; Du kennst nun dadurch unser ganzes Leben, denn ihr Inhalt und überhaupt was sich jetzt in der Welt zuträgt beschäftigt meinen Mann ausschließlich und somit auch mich, ich bin ganz und gar eine Politikerin geworden und von meiner Zeitung eingenommen wie von meinen Kindern.«

Im Frühjahr machte sich Frau Brater daran, eine für die veränderten Umstände passende Wohnung zu suchen, und mietete eine solche. Aber nach kurzer Zeit benachrichtigte sie der Vermieter, daß er sein Wort zurücknehmen müsse, – er hatte inzwischen erfahren, um wen es sich handle, und wagte es nicht, sich mit einem so staatsgefährlichen Mietsmann einzulassen. So mußte Frau Brater ihre Wanderung aufs neue antreten und fand endlich eine entsprechende Wohnung in der Dienersgasse Nr. 23. Freilich war es ein altes, dunkles Haus, mitten im Lärm der Straßen und ihre geliebten Sterne waren ihr durch das gegenüberliegende Regierungsgebäude verdeckt. Auch das ganze Hauswesen bekam plötzlich einen anderen Anstrich. Das größte Zimmer wurde für die Redaktion eingeräumt, der eine oder andere Mitarbeiter wohnte auch im Stockwerk, geschäftig ging es den ganzen Tag aus und ein und ein Laufbursche mußte angestellt werden. Dies alles gab einen gehörigen Zuwachs von Arbeit und das Familienleben gewann nicht an Gemütlichkeit durch diese Änderung, auch war es für Frau Brater peinlich mit anzusehen, daß ihr Mann eine allzugroße Arbeitslast übernommen hatte. Sie schreibt darüber an ihre Schwiegermutter:

»... Daß Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht ja daraus immer, was uns beschäftigt; an Neujahr soll sie nun etwas größer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die Maßregel nicht etwa ungünstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren Gehilfen für den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen Referenten für den Landtag; Du wirst gesehen haben, daß der Landtag im Januar zusammentritt, ein großer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese Zeit schon überstanden wäre! Karl hat nun alle seine übrigen Arbeiten abgegeben und wenn derselbige Referent tüchtig ist, so wird es eher leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.«

Daß sich tüchtige Hilfskräfte für solch eine Zeitung schwer fanden, ist selbstverständlich, und manche merkwürdige Figur tauchte im »Redaktionszimmer« auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich auch bedeutende Männer zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Münchener Neuesten Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der spätere Schriftsteller und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schöner, geistig anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In seinen Artikeln für die Süddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde hochgeschätzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr Frau Brater die große Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh büßen mußte, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war, ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis Übersiedelung nach Heidelberg Anlaß zu einer großen Abschiedsgesellschaft, über die sie an Ernst Rohmer berichtet:

»... Auch wir hatten diese Woche eine große Soiree wo es an Humor und sogar an Tränen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen, unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und ich wollte nur, Du hättest die Toaste mit anhören können, es überbot immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefühl einer großen Freundschaft und Innigkeit.«

Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die nun als größere Schulmädchen wohl zu brauchen waren und fremder Bedienung vorzuziehen. Das Münchener Bier spielte keine kleine Rolle bei manchen der Geladenen; es wurde in großen Krügen geholt und die Kinder gingen von einem Gaste zum andern, um leere Gläser aufzufüllen. Am leistungsfähigsten war in diesem Stück der allgemein bekannte und beliebte Abgeordnete Völk, der urwüchsige, kräftige Mann vom Algäu, ein Volksredner von prächtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm immer wieder aufs neue ein, denn er wußte auch schon dieses _kleine_ Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Räumen zu Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfänglichen Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches Talent zu statten, sie kochte vorzüglich und war die Mahlzeit aufgetragen, so kam noch als beste Würze ihr guter Humor in der Unterhaltung.

Das waren inhaltsreiche Jahre für die Frau, die an allem, was den Mann beschäftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem Arbeitszimmer herüber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen, ehe er ihn in die Druckerei schickte. »Du bist mein Publikum,« sagte er, »ich muß sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.« Ihre gesunde Empfindung befähigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu benützen wollte, um die Verleumdungen zu widerlegen, die andere Blätter gegen ihn brachten, dann setzte sie ihm zu, wollte, daß er die Grobheiten gehörig heimgebe, und hätte ihm solche am liebsten in kräftigen Worten in die Feder diktiert. Aber er ließ sich nicht beirren: »Um die Sache handelt es sich, nicht um meine _Person_,« erklärte er ihr immer wieder; »warum von dem kostbaren Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persönlicher Angriffe verwenden, laß sie nur schimpfen, viel besser ist’s, wir bleiben bei der Sache.« Im Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmählich auch ohne Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an Hilfskräften fehlte und sie dem mit Arbeit überladenen Manne Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder mußten, wenn der Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe genoß, oft genug Besorgungen für die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen, die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief über Mittag eine Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam sie eben noch recht für die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff Anna das Telegramm, rannte in der Schürze, ohne Hut, über den glühend heißen Odeonsplatz und die Drucker wußten schon, wenn sie so atemlos hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das _mußte_ noch in die heutige Nummer. Heimwärts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr ohne Hut über den heißen Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall ein, so ging ihr doch wieder die Süddeutsche Zeitung über alle persönlichen Rücksichten.

War nun in diesem geschäftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich, vergaß sie auch alle persönlichen Bedürfnisse über der großen Sache, der sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich plötzlich abrufen ließ aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine Lungenentzündung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verließ sie München und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand, schildert sie selbst ihrem Manne:

»Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir’s doch nicht leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann ich es nicht begreifen, daß dieses das Wiedersehen sein soll, auf das ich mich schon so lang freute, und daß es das letzte sein soll; wenn ich nur recht so wie ich möchte bei ihr bleiben und weinen dürfte, aber um Luisens willen und um meiner Augen willen muß ich so viel als eben möglich an mich halten. Ich will Dir erzählen, wie es ging: Auf meiner Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz schon von weitem und sah auch gleich, daß ich mich getäuscht hatte, er hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher als bis ich wirklich die letzten Atemzüge gehört hatte.... Als ich ankam und sie begrüßte, konnte sie mir’s nur dadurch erwidern, daß sie mich ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gruß von den Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, daß ich’s nie vergessen werde, ich kannte sie kaum, so waren die Züge von Schmerz und Anstrengung entstellt....

Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden Todes, sie lag regungslos und atmete in immer größeren Zwischenräumen, um halb fünf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene weichen mußte, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es auf dieser Welt nur geben kann.

Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir fürchteten, sie ist wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so weit, daß sie sich selber im Bett bewegen kann.... Daß die Mutter auf diese Weise sterben mußte, darüber kann ich mich nicht leicht beruhigen, die Krankheit wurde selbst verschuldet.«

Über diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trösten und schreibt: »Sie ist in der Aufopferung für andere, der ihr ganzes _Leben_ gewidmet war, auch _gestorben_. Darüber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam hätte entziehen lassen.«

Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren Krankheit, ein harter Schlag für den Mann und die fünf Kinder, deren ältestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch für Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten Schwager Sartorius schreibt sie:

»Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fühlt man die Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man möchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der Gedanke an sie das ganze Herz ausfüllt; hier fühle ich mich mit meiner Betrübnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt, allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrübnis zeigen, ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen? Ich kann das nicht.«

In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen Kinder und in späteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, »den kleinen Hansel« zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den eigenen Töchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte Pauline in späteren Jahren die Freude, daß die mutterlose Schar aufs neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewährte Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwägerin und durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde.

Im Sommer 1861 gönnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein köstliches Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschüssen, nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch für Pauline eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfällen, und eine Wonne für die Schulkinder. In einem Fischerhäuschen wohnten sie, bei freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See zu, sich der schönen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestörten Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere Freude als die _eine_, allerdings tief beglückende, das Tagewerk gut vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenuß, die freie Muße mit wohligem Behagen empfunden. Für drei Tage machten die Eltern allein einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glück, sich wieder einmal ganz anzugehören. Mit großem Vertrauen und beneidenswerter Sorglosigkeit ließen sie das zehn- und elfjährige Schwesternpaar im Fischerhäuschen zurück, wo die Kinder sich mit großem Stolze Frühstück und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aßen.

Ein längerer Landaufenthalt war freilich nicht möglich, denn die Arbeit drängte. Als Mitbegründer des deutschen Nationalvereins hatte Brater überdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach, Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien solche Tätigkeit fürs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rücksicht auf die eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft.

Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die nötigen Hilfskräfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt Pauline: »Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer Mitredakteur ist sehr kränklich und es fragt sich, wie lange er aushalten wird, er hat schon selbst seine Befürchtungen ausgesprochen und hätte sich gar nicht auf dieses Geschäft einlassen sollen« und eine Nachschrift dieses Briefes teilt mit: »Unser Redakteur liegt heute bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es nicht gefährlich. – Ich bin in Verzweiflung.«

Selbstverständlich mußte bei solch plötzlichem Versagen der Hilfskräfte immer Brater seine eigene schon aufs äußerste angespannte Kraft einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tägliche Nahrung und wenn Frau Brater mit »Grausen« das neue Jahr angetreten hatte, wenn sie, so wenig ängstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da.

Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: »Meinem Mann hat der fatale Winter schließlich doch auch noch einen recht hartnäckigen Husten angehängt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen bekam er nun ganz plötzlich einen ziemlich starken Anfall von Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz vorüber sind, doch erklärte Lindwurm nach genauer Untersuchung, daß es nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Daß er ihn nach Berlin reisen läßt, wundert mich trotzdem und ich würde es gewiß nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in der Unterbrechung seiner gewöhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil sähe; wenn es nur ein mäßiges Wetter wird, ich bin eben doch in großer Sorge.«

Sechs Wochen später – und die beiden Ärzte Professor Lindwurm und der befreundete Professor #Dr.# Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch, Brater müsse das überanstrengende Geschäft der Redaktion abgeben, müsse das rauhe Münchner Klima verlassen und müsse noch, ehe dies alles geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie möglich fort in mildere Gegend.

Schwer trafen diese drei harten »Muß« den Mann, der wohl wußte, daß die Süddeutsche Zeitung von seiner Persönlichkeit abhing, und seiner Frau war es zumute, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. In der Tat, war nicht alles erschüttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung, das Leben ihres Mannes und somit ihr Glück?

Noch ehe Brater einen Entschluß wegen der Zeitung fassen konnte, mußte er München verlassen, um den rauhen Frühlingsstürmen zu entgehen. Das war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber freundlich bot sich dem Erkrankten eine Stätte zur Erholung. Der Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn herzlich zu sich ein und so bald die nötigste Vertretung gefunden war, reiste er dorthin. Die Sorge für die Zeitung begleitete ihn. In Versammlungen national Gesinnter wurde beraten über die Fortführung der Zeitung. »Wir sahen«, schreibt Baumgarten, »wie die Zeitung jeden Tag mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie hätte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche für Brater hätte eintreten können. Ohne ihn war das Blatt noch immer in München unmöglich.«

So blieb denn keine andere Möglichkeit als entweder die Süddeutsche Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an dem ihre Redaktion nicht mit so ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden war wie in München und sich demnach leichter ein Redakteur finden ließe. Von Deidesheim aus schreibt darüber Brater an seine Frau: »Gestern sind Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ... verhandelt haben. Das Resultat wäre, daß vom 1. Juli an die Süddeutsche Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in _Frankfurt_ erscheint. Die Redaktion würde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits (unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhältnisse) nur um Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch noch öffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich glaube, daß wir mit diesem Schritt das Zweckmäßigste tun, was unter den obwaltenden Umständen geschehen kann und daß auch Du damit einverstanden sein wirst. Bis auf weiteres darf davon _durchaus nichts verlauten_, die Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen geschehen wird.«