Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau
Chapter 8
Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte, hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie schreibt an Lina Rohmer: »Ich kann nur sagen, daß sich meine Geduld schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... Überhaupt ist dies München ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatswörterbuch ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe eine große Wut, da ich ohnedies diesem Staatswörterbuch nie hold gewesen bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder hänge ich dann mit der Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut für sie, dies ist die einzige Möglichkeit, ein anständiges Leben zu führen; ich warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande wäre und wenn ich 6000 fl. Besoldung hätte.«
Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzündung am Knie war endlich gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline erzählte später manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den Rücken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: »Nun holen Sie sich aber einen anderen Arzt!« Wieder mußte sie liegen und viele Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Gedächtnis geblieben, wie die Mutter trotz dieser Hemmnisse fleißig war. Sie hatte sich ein schmales Brett zuschneiden lassen, das quer über dem Kanapee ruhen konnte, auf dem sie lag; sie benützte das als Bügelbrett und hat alle Stärkwäsche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebügelt.
Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten konnte: »Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit mäßiger Benützung des Stockes ohne allzu große Ermüdung und üble Nachwirkungen zurück.« Das waren schlimme Jahre, auch in pekuniärer Beziehung, denn Ärzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und die Einnahmen waren nicht im richtigen Verhältnis zu solchen Ausgaben. Unter diesen Umständen beschloß Brater, sich noch ein letztes Mal um eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer gewesen wäre, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht hätte. Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner Schwester Julie mit: »Nachdem Seine Majestät mein Gesuch gelesen hatte, befahl er es #ad acta# zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so unabhängige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon setzte mich der Kabinettsekretär in Kenntnis und meinte, eine _abhängige_ Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei der _Staats_anwaltschaft mein Glück versuchen wolle ....« Unter den gegebenen Verhältnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem Staat als Anwalt dienen, so lange die Männer an der Spitze standen, deren reaktionäre und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bekämpfte? Er mußte auf das Angebot verzichten, um seiner Grundsätze willen.
Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue Enttäuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen. Nachdem er den Hergang erklärt hat, schreibt er: »Du mußt außerdem bedenken, daß ich aus diesen Händeln mit _erhöhtem Selbstgefühl_ hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft außerhalb des Zeitcharakters steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür büßen müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen Tugend und meiner Unfähigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.« Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlösse mit pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zustände und die Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater läßt sich nicht erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: »Die heutige Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem öffentlichen Leben vorwärts.« Und an seine Schwester: »Einstweilen muß man an dem Gedanken festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die politische Entwicklung geht vorwärts.«
Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie lebten in der bisherigen fleißigen und sparsamen Weise weiter und trugen gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen Freude und ein wackeres Dienstmädchen unterstützte die Frau, während diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mädchen bewährte sich als ein treues, verständiges Glied der Familie. Sie wurde einst, während Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin gereist sei und mit welchen Männern er verkehre. Denn je mehr seine nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die Bemühungen, ihn zu verdächtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener preußenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mädchen ließ sich keine andere Antwort herauslocken als die: man möchte doch ihren Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid mußte man sie schließlich ziehen lassen. Man war damals noch mancher Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das Zigarrenrauchen auf der Straße als Zeichen einer verpönten Gesinnung nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging täglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: »Entschuldigen Sie, ich bin hier fremd« die Zigarre wegwarf. So trieb er’s, bis einst ein Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: »Ja, entschuldigen Sie, wie lang sind denn Sie noch fremd?« Von da an hielt es Colomann doch für geraten, das Rauchen auf der Straße aufzugeben.
Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmählich eine bessere Wendung für die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war, anläßlich der Präsidentenwahl sofort wieder aufgelöst. Infolge dieses Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb Brater eine Flugschrift: »Regierung und Volksvertretung in Bayern.« Sie wurde zwar in Nördlingen gedruckt, doch erschien es rätlich, sie außerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck, war augenblicklich vergriffen und mußte in zweiter Auflage erscheinen. Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen darauf hin, daß der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die Abgeordnetenkammer gehöre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persönlich aufzutreten. An fortgesetzte Enttäuschungen gewöhnt, ging Brater ungern, weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr, falls er wirklich gewählt würde, sofort zu telegraphieren.
Mit dem heißen Wunsche, daß ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein möchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die Mutter wandten, stets die Antwort: »Seid still, ich muß mich auf etwas besinnen.« An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie mußte sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen Mißerfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen könne, daß er alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewählt. Die Verspätung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So konnte es noch lange währen und Brater wußte seine Bundesgenossin zu Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben abgehenden Zug nach dem nächsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort aus und reiste mit dem nächsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr Mann sie auch im ärgsten Getriebe nie vergaß und alles andere lieber als sie zurückstehen ließ; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes, beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die höchste Stufe der ehelichen Treue.
Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die erste öffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen hätte, aber die Freundschaft der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, muß doch zuletzt alles gut werden.
Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjähriger stiller, treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: »Ihr Vater ist durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne äußeren Anlaß seine Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich muß sagen, Hans hat sich treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.«
Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen, ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie tätig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populären Vorträge verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche Fragen, die sich ihr aufdrängten und um deren Beantwortung sie ihn bat. In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: »Mehr als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.«
Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wäre nun vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel köstlich nennt: Mühe und Arbeit.
Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen tun; aber je länger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an dieselbe aus.
»Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen, aber jetzt hoffe ich doch, daß Du Dich auch einmal ein wenig mit mir erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es ist wahr, Du hast allmählich Deine Kinder so weit gebracht, daß ihnen die Löcher geflickt werden, auch ohne daß Du Deine Nadel einfädelst, aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch stets, daß die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes ersetzt werden könnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und nach zu Müttern und Vätern geworden sind, je mehr lernen sie schätzen, was Du ihnen bist, trotzdem daß ihnen die Suppe sogar von einer Magd gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten, sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben verwöhnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall zustatten. Sie sind über Deine schöne Handschrift immer höchst erfreut: ›Der Großmutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben hat sie ein bißle verlernt‹.«
Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule. Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so groß, daß sie zwar im Dämmerstündchen sich noch der Mutter auf den Schoß setze, aber selbst ein ganz verschämtes Gesichtchen dazu mache wegen der langen Beine, die da herabhingen. Solch zärtliches auf dem Schoß sitzen und dergleichen erlangte zwar »das kleine Schmeichelkätzchen« hie und da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich auch nicht mit ihren Grundsätzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit Liebkosung und Zärtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für »Unkräuter« halten und dankbar sein, daß man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, können, leisten noch nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen.
Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab, sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus pädagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lästige Pflicht, sondern als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab vielleicht nicht viele Häuser, in denen so gewissenhaft jede unnötige Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder hörten kaum davon reden; sie waren schon große Schulmädchen, als sie zufällig und zu ihrem Staunen entdeckten, daß das Dienstmädchen um Lohn und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat. Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mädchen gegenüber zur Folge hatte.
Als die Kinder mehrmals zu dem nächsten Droschkenplatz geschickt wurden, um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus zu diesem System und erreichten damit, daß die Kleinen dankbar waren, wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden, glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zufloß und vor allem tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe verriet, die ihnen um so köstlicher war, je seltener sie in zärtlichen Worten zum Ausdruck kam.
In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, daß damit der beste Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorität der Eltern hinaufgewiesen zu der höchsten Autorität und geleitet auf dem Wege zum höchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.
Äußerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religiösem Leben in der Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und mit großer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich zu dir in’ Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die Kinder anzuregen, ihre äußeren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre Kinder. Oft sprach sie es aus, daß sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe der Religion nicht zu erziehen wüßte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer beeinflußt, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament schätzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die Mutter erwähnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die Kinder machte, es heißt da von Anna: »Alle Morgen wird ein Abschnitt aus der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt sich häufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklärte die erstenmale immer: »Das hab ich mir auch gemerkt«, fand es dann aber einfacher, ein für alle Male zu sagen: »Jetzt Mama, ich merk’ mir eben immer das, was sich die Anna merkt.«
So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig ließen sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort »Lüge« zu brandmarken, was kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Großen erwähnt: »Anna ist von großer Wahrhaftigkeit«, berichtet sie von der Kleinen: »Sie hat eine so lebhafte Phantasie, daß sie beständig im Reden und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von Wahrheit zu haben.« Sie hatte die ruhige Zuversicht, daß in ihrem Haus die Unwahrhaftigkeit nicht groß wachsen würde.
Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau Brater oft bedauert hat, denn eine größere Geschwisterschar war nach ihrer eigenen Erfahrung ein köstlicher Schatz und überdies eine Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn jedes einzelne unter einer großen Kinderzahl wird sich entbehrlicher vorkommen als so ein einziges Pärchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt sie gelegentlich: »Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind hätte, überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht«; ein andermal: »vier Kinder wären mein Ideal« und die Sehnsucht nach einem Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.
Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch seine schlechten Wasserverhältnisse und häufige Typhuserkrankungen verrufen war, mußten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an einem typhösen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Schwägerin Julie: »Der arme Tropf hatte eine schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen ließ, so klopft das Herzchen mit einer Gewalt, daß man glaubte, es könne es unmöglich überdauern.... Wunderbar war die Veränderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze unverändert, dagegen waren die glutroten Backen schneeweiß geworden, sie lag in fast immerwährendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten Woche ebenso. Unerhört war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten, es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der dritten Woche, das kommt gewiß auch nur bei Kindern vor, war die Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne _allmähliche_ Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht gehabt und hatte morgens unverändert hundertundzwanzig Pulsschläge. Abends _saß_ sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an waren wir außer Sorge, es ging gottlob alles so gut, daß sie jetzt zwar lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden Strapazen in immerwährendem Kopfweh spüre.«
VII.
1858-1862
Die ersten Münchner Jahre in der stillen Augustenstraße waren verhältnismäßig ruhig vorüber gegangen, aber es kam allmählich anders.
Als Abgeordneter stand Brater nicht mehr, wie früher, allein. Eine kleine Gruppe national gesinnter Männer fand sich in der Kammer zusammen und bald bildete sich zwischen diesen ein Freundschaftsverhältnis, das auch häuslichen Verkehr mit sich brachte. Oft war das Haus Brater der Mittelpunkt, in dem sich die kleine Truppe zusammen fand, die es unternahm, gegen den altbayrischen Fanatismus anzukämpfen und für den deutschen Bundesstaat unter Preußens Führung einzutreten.
Die erste praktische Folge der Beratungen dieser kleinen Partei war die Gründung einer Wochenschrift, deren Redaktion Brater übernahm. Einer der vorzüglichsten Mitarbeiter derselben war Professor Baumgarten, ein Braunschweiger, der damals mit seiner Familie in München lebte und mit dessen Frau sich auch Pauline bald herzlich befreundete, standen doch ihre Männer im gleichen Kampf, an dem beide Frauen mit ganzem Herzen Anteil nahmen. Bald zeigte sich’s, daß eine Wochenschrift nicht genüge, und es trat an Brater die Lebensfrage heran, ob er die Redaktion einer großen politischen Tageszeitung übernehmen wolle. Professor Baumgarten hat diese Überlegungen in einem Aufsatz der Preußischen Jahrbücher[5] geschildert und wir teilen sie in seinen Worten mit:
[Fußnote 5: Band #XXIV#.]