Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 5

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Die Nördlinger ließen es nicht fehlen an Aufmerksamkeiten für ihre Frau Bürgermeisterin und ergänzten durch mannigfaltige Hochzeitsgeschenke, was noch fehlte in Zimmern, Küche und Keller. Trotz all dieser Herrlichkeit hat Frau Brater nie diese Zeit als eine besonders glückliche hervorgehoben, sie gehörte nicht zu denen, die die Flitterwochen preisen; im Gegenteil hat sie später mancher Braut und jungen Frau versichert: Es ist gar nicht wahr, daß die erste Zeit die schönste sei, neben der vertieften Liebe, dem Gefühl innigster Zusammengehörigkeit, das die Jahre bringen, ist die Verliebtheit der ersten Wochen wie Spielerei. Dazu kam, daß sich das junge Paar erst ineinander finden mußte, und das fiel Pauline nicht so leicht. Wie wohl manche junge Frau, so nahm auch sie zunächst als richtige Norm für den Mann die Art an, die sie zu Hause von Vater und Brüdern gewohnt war. An diesem Maßstab gemessen bestand aber der gestrenge Bürgermeister nicht gut. Die beispiellose Anspruchslosigkeit und schrankenlose Gutmütigkeit, die vor allem Bruder Hans im Zusammenleben gezeigt hatte, fand sie nicht bei ihrem Mann. Wie er ein Meister in Selbstbeherrschung und Pflichterfüllung war, so forderte er solche auch von andern, von den Untergebenen im Amt, von den Dienstmädchen, von seiner Frau. Pünktlichkeit auf die Minute, Sorgsamkeit in allem Tun. Das war in seiner Familie Grundsatz gewesen, aber »Pfaffisch« war das nicht, und wiewohl es eigentlich ihrem Ordnungssinn entsprach, gefiel es ihr doch nicht an ihm. Es erschien ihr kleinlich, sie sprach es auch aus und in ihrer lebhaften Art machte sie ihm Vorwürfe über seine unausstehliche Pedanterie und versicherte ihm manchmal, daß sie sich heute noch von ihm scheiden lasse. Aber dieser Mann, dem bei seiner ernsten, strengen Art überall widerspruchsloser Gehorsam entgegengebracht wurde, freute sich, daß seine Frau sich rückhaltslos gegen ihn aussprach, und es kränkte ihn nicht, wenn sie kräftig gegen ihn aufbrauste, wie es sonst niemand wagte. Er gab zwar in der Sache, wenn sie ihm richtig schien, nicht nach, aber er suchte ihr ruhig zu erklären, daß er nicht aus kleinlichem Eigensinn beharre. Nicht _sein_ und nicht _ihr_ Wille solle gelten im Haus, sondern was recht und gut sei, wollten sie als Norm anerkennen, und sich darüber immer miteinander zu verständigen suchen. Sie schämte sich dann manchmal ihres Ungestüms, aber er tröstete sie mit der Versicherung, daß es ihm immer recht sei zu erfahren, wie es ihr zu Mute sei, nur wollten sie nie abends zu Bette gehen, ohne sich vorher wieder geeinigt zu haben.

Auf diese Weise legten sich die Stürme der ersten Zeit, ohne Schaden anzurichten, und die »Schmiegsamkeit«, die der Bräutigam einst unter den acht guten Eigenschaften der Braut aufgezählt hatte, bewährte sich darin, daß die Gattin sich sehr bald dem Wesen des Gatten anbequemte.

Aus den ersten Wochen ihrer Ehe ist ein Brief von Frau Brater an ihre Freundin Lina Rohmer erhalten, mit der sie in rückhaltsloser Offenheit zu verkehren pflegte. Dennoch würden wir vergeblich in diesem Brief Andeutungen über die erwähnten Schwierigkeiten mit ihrem Manne suchen, denn das Verhältnis zu ihm war ihr viel zu heilig, als daß sie irgend jemandem darüber geschrieben hätte; erst in späten Jahren, als das alles längst hinter ihr lag, sprach sie wohl davon zum Nutz und Frommen anderer. Nur zwischen den Zeilen können wir lesen, daß die junge Frau sich noch nicht vollständig in ihrer Lage zurecht gefunden hatte. Sie schreibt:

_Liebe Line!_

Du weißt, daß ich mich bereits über drei Wochen hier in Nördlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz eingewöhnt, auch möchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen, die mich so respektvoll »Frau Bürgermeister« nennen, denn wahrhaftig, wenn’s einem Menschen respekteinflößend zu Mute ist, so bin ichs gewiß nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren Übergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das fühle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin doch die glücklichste Person von der Welt. Ich habe die Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug hat’s gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu können und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl ist den Tag über fast immer auf dem Bureau, von morgens ½9 Uhr bis abends 6 Uhr ist er höchstens eine Stunde oben, dafür bleibt er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr frühstücken, bleibt er auch da bis ½9 Uhr. Mein Hans kommt ziemlich fleißig, denn es gefällt ihm so allein gar nicht auf seiner Bleiche. –

In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine Familienchronik geführt, in die bald er, bald sie Einträge machten. Am 9. Mai schreibt darin Pauline:

»Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer bloß an mich allein ergehen; denn in Nördlingen sind bloß die großen _Damen_-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging ich mit großer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die Ordnung immer mehr her, wir führen ein ziemlich regelmäßiges Leben. Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht’s schon eher, weil sie weiß, was sie zu tun hat und alles von selbst tut, wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht’s mit Zittern und Beben.«

Am 26. Mai. »Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden Brüder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr vergnügt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns überhaupt die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grün und wir sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus München als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon große Untugenden blicken lassen und macht mir großen Kummer, ich will’s jetzt keiner Frau mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mägden spricht, denn ich werde es nächstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.«

10. Juni. »Es waren wieder allerlei Gäste da, die uns gewöhnlich durch die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen gefürchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, überhaupt werde ich mich nächstens daran gewöhnen, alle Gäste ohne Angst zu erwarten. Wir haben uns jetzt wunderschöne Reisepläne gemacht für nächsten Herbst, Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurück. Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei Hindernisse in den Weg stellen, das wäre ein unendlicher Jammer, besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.«

Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezüglich, deutet auf dessen stilles Liebesverhältnis hin:

»Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Fräulein Agnes v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere hätte sich sehr dafür interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach München gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.«

Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt, so war doch der Besuch ein Beweis, daß das junge Mädchen ihm treu blieb, so gering auch die Hoffnung war, daß der adelige Vater je nachgeben würde.

Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel Beachtung schenken, aber Pauline paßte sich der Art an, die ihrem Manne sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtsträger:

»Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als #pater familias# und recht eigentlich im ›Schoß‹ meiner eigensten Familie gefeiert habe. Pauline hat sich die festlichen Gebräuche angeeignet, die ich vom elterlichen Haus her gewöhnt bin und nicht gern vermissen möchte. Sie hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid beschenkt.«

Auch in einem Briefe nach Erlangen erwähnt er desselben Geburtstags:

»_Liebe Mutter!_

An meinem Geburstag früh, während wir noch beim Kaffee beschäftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter liebenswürdiger Heftigkeit durchwühlt wurde. Sie geriet über jeden Fund in Entzücken und meine soliden Dankbarkeitsgefühle wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser gestellt...«

Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen Gattin gezeigt haben, müssen wir jetzt den Bürgermeister in seiner Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild.

Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfüllt von nationaler Begeisterung, die Bürgermeisterstelle in Nördlingen angenommen hatte, war dies geschehen in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen Sache ersprießliche Dienste leisten zu können. Aber der Anfang der 50er Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen fühlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungspräsident von Augsburg, zu dessen Bezirk Nördlingen gehörte, stand an der Spitze der reaktionären Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Bürgermeister sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde nichts vergeben, sich nicht einem Willkürregiment beugen, das die Selbstverwaltung der Stadt beeinträchtigt hätte. Obgleich er dabei nur das Wohl von Nördlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt selbst eine, wenn auch kleine, reaktionäre Partei, die durch Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich höheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung unbequemen Bürgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete:

»Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionären Partei, die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhörliche politische Denunzationen ganz gefangen hat. Die große Mehrheit ist auf meiner Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.«

Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische Tätigkeit für Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der Riß zwischen ihm und dem Regierungspräsidenten immer größer und man hatte nicht übel Lust, ihn als Hochverräter in Untersuchung zu ziehen. Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen doch die Verhängung einer Disziplinaruntersuchung gegen den Bürgermeister und die Mehrheit der Magistratsräte. Aber es stellte sich heraus, daß die Geschäftsführung des tüchtigen, gewissenhaften Juristen musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzüge der gewissenhaften Art ihres Mannes erkennen.

Der Sommer rückte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gästen und mitten unter diesen wird der Regierungspräsident v. Welden genannt. »Er kam,« schreibt Brater, »mit der Idee, mich durch gemütliches Räsonnement und große Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm manchmal unbequem wird, heraus zu manöverieren. Wir sprachen lang und sehr unumwunden über die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Güte, mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkürliche Regierungsmaßregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat – eine sehr charakteristische und für _einen_ von uns beiden gewiß ehrenvolle Bemerkung.«

Die Gegenpartei hatte vom Erscheinen des Präsidenten sich allerlei fatale Folgen für den national gesinnten Bürgermeister versprochen, diese blieben aus, aber freilich auch die Annäherung, zu der die Hand geboten war, kam nicht zustande, konnte nicht zustande kommen, wenn Brater nicht seine Grundsätze opfern wollte, und dazu war er nicht der Mann. Der jungen Gattin mochte es oft wunderlich zumute sein bei derartigen Besuchen; von ihr schreibt Brater bei solchem Anlaß an seine Schwester Julie:

»Bei solchem Kriegszustand ginge mir der Humor vielleicht doch aus, wenn nicht Pauline wäre, an die ich mich halten kann, so oft mir der Ekel zu stark wird.« Und an anderer Stelle: »Ihre Liebe ist mir, wie es sein soll, eine gesunde, milde Lebensluft, die mich umgibt, wo ich bin und was ich tue, wenn es auch das Fremdartigste ist.« Die für den September geplante Gebirgsreise mußte aufgegeben werden, der jungen Frau wegen, die nicht in der richtigen Verfassung dazu war, aber ein gemeinsamer Besuch in Erlangen bei den Verwandten wurde ausgeführt, und es war höchste Zeit, wenn sie sich dort in ihrer Bürgermeistersherrlichkeit zeigen wollten, denn mit dieser ging es nun rasch zu Ende.

Erneute gehässige Angriffe der reaktionären Partei reiften bei Brater den Entschluß, sein Amt niederzulegen.

Mit welchen Empfindungen mag wohl die junge Frau Bürgermeisterin das Schriftstück abgeschrieben haben, das von ihrer Hand geschrieben vor uns liegt und folgenden Wortlaut hat:

»Am heutigen Tage lege ich das Amt nieder, zu dem ich im Jahr 1848 durch die Wahl des Gemeindekollegiums berufen worden bin. Das Vertrauen einer großen Mehrheit der städtischen Vertreter und, wenn ich nicht irre, der Bürgerschaft selbst hat mir bis jetzt möglich gemacht, in einer von Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Stellung auszuharren. Aber Verhältnisse, die ich nicht näher bezeichnen darf, weil dies nur mit den Ausdrücken der tiefsten Indignation geschehen könnte, haben mir allmählich eine Empfindung des Widerwillens und des Überdrusses eingeflößt, wie man sie auf längere Zeit nicht verträgt, wenn man nicht _muß_. Indem ich einen seit Monaten gefaßten Entschluß unter den erneuten und verstärkten Eindrücken dieser Empfindung ausführe, sage ich den Herren Magistratsräten, die meine Amtsführung unterstützt haben, weil sie den Grundsatz rücksichtsloser Pflichterfüllung in ihr erkannten, meinen herzlichen Dank. Früher oder später werden sich die Verhältnisse unserer Stadt so gestalten, daß ein künftiger Magistratsvorstand es über sich gewinnen kann, dem Beruf, von dem ich zurücktrete, sich _dauernd_ zu widmen. Wenn diese Umgestaltung erreicht und ein einträchtiges, gedeihliches Wirken der städtischen Vertreter wieder möglich geworden ist, wird keiner von Ihren Mitbürgern sich aufrichtiger als ich dessen freuen. Ich füge hinzu, daß ich bereit bin, die Amtsgeschäfte bis zum Schluß dieses Jahres fortzuführen und daß ich im Begriff bin, der königlichen Kreisregierung die geeignete Anzeige zu erstatten.«

Im Nördlinger Wochenblatt lesen wir einige Zeit nach dieser Mitteilung den folgenden Beschluß der Gemeindebevollmächtigten:

»Es wurde in der heutigen Sitzung mit 17 gegen 3 Stimmen folgender Beschluß gefaßt: Es wird von seiten des Kollegiums der ausgesprochene Rücktritt des Herrn Magistratsratsvorstandes aufrichtig beklagt. Wir drücken demselben hiermit unsere vollste Anerkennung seiner Verdienste und Geschäftsführung aus und bitten, es möge dem Herrn Magistratsratsvorstand gefallen, die eingegebene Erklärung zurückzunehmen, eventuell aber die Geschäfte bis Neujahr zu leiten.«

Eine Aufforderung im gleichen Sinne erging auch mündlich an den Bürgermeister, der aber seinen wohl überlegten Entschluß nicht zurücknahm.

Was nun? Die Frage war nicht so leicht zu beantworten, denn der ehemalige Bürgermeister mußte sich sagen, daß an eine Staatsanstellung nach solchen Vorgängen nicht zu denken war; er, der ausgesprochene Feind des oben herrschenden reaktionären Systems konnte darauf so wenig rechnen wie auf Bestätigung seiner Wahl, wenn er sich in einer andern Stadt um eine Bürgermeisterstelle beworben hätte. Wohl wußte er, daß manche sich im stillen freuten über seine mannhafte Opposition gegen willkürliche Beschränkung der Gemeinderechte, aber nur wenige waren es, die sich offen zu ihm bekannten, die meisten fügten sich der Majorität und hätten es für klüger gehalten, wenn auch er sich gebeugt hätte.

So sah sich Brater als angehender Familienvater ganz auf sich selbst gestellt und mußte ohne Vermögen, ohne Rückhalt an den Verwandten den Unterhalt für die Familie aufzubringen suchen.

In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn früher fleißig aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht mißliebig zu machen, ist ihm seine junge Frau zur verständnisvollen Bundesgenossin herangewachsen. Nun erst erfaßte sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff sie eine hohe Begeisterung für seine edeln Grundsätze, sein unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefühl, sich selbst, ihr materielles Wohl vergaß sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten.

Meinten da und dort ängstliche Leute: »Ja, wenn er noch allein wäre – aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden« – so empfanden die beiden ganz anders und wußten es besser. Nur im festen Zusammenschluß, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kämpfen und Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wäre er durch diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mürbe geworden, mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so recht die Verhältnisse, in denen eine wahre Ehe ihren höchsten Wert zeigen kann.

Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Bürgermeisteramt. Das Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war die Haushaltung in der Auflösung begriffen; am 26. Dezember verließ unser Paar die staatlichen Räume und zog hinaus auf die Bleiche.

Zielbewußt und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der politischen und volkswirtschaftlichen Tätigkeit für sein Vaterland zu. Er beriet sich zunächst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhändler Karl Beck und gründete mit ihm die »Blätter für administrative Praxis«, eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war und welche noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, wenn auch in veränderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleiße saß er in dem bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb.

Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden begrüßt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgänger Teil am Haushalt der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der Ödigkeit des Wirtshauslebens befreiend.

Die »Prinzessin«, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen Haushalts paßte, ward entlassen, bescheidene Bedienung genügte für die kleinen Räume.

Im Februar traf, um Großmutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein. Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher geborgen glaubte, einreihen müssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche aus:

»Ich kann wohl sagen, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten, und daß Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinübergegangen sind. Daß Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon hat er Proben, auch fürchtet er, daß sie es lange werden anstehen lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhält und bis durch solche (schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine Haushaltung erfordert, da gehört doch große Anstrengung dazu. Aber man hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen können und so wird zuletzt auch alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brüderlich, er wohnt jetzt oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stübchen eine Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer. Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl denken, wie wir uns behelfen müssen und wie groß der Unterschied ist mit ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht heiter und ich habe sie nie klagen hören.«

Daß in dieser Zeit notwendiger Einschränkung und Sparsamkeit keinerlei kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende Kindlein zu empfangen, läßt sich denken, doch trat hier Frau Senning, die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer freundlichen Gesinnung hat Frau Brater später manchmal gedacht und sich erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zögernd ihr Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie möchte diese, wenn es die junge Frau nicht übel nähme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach lag in der geborgten Wiege ein niedliches Töchterlein.

V.

1851-1855

Das erste Kind! Mit Stolz trägt der Vater am 27. Februar 1851 die Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses Geschöpfchen – anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatsächlich verleiht es gleich die höchsten Würden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer wollte es bestreiten, daß es eine Würde ist? Wird doch nichts auf Erden so hoch eingeschätzt wie eben das Menschenleben. Im Gefühl des Volkes, in der Gerichtsbarkeit, überall steht es oben an. Gilt es eines aus der Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverständlich, die größten Opfer gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollständig diesen jungen Eltern überlassen und anvertraut. Würde und Bürde sind hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen Ankömmling, der ihm gehört und den er doch nicht zu behandeln versteht; weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von der Natur sofort angewiesen ist.

Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater an seine Schwester Julie:

»Das Fräulein ist nach Angabe der Sachverständigen überaus schön, ungewöhnlich stark und bereits liebenswürdig.« Und später: »Ich hätte Dir noch einiges Anziehende über das Thema: Pauline als Mutter vorzutragen, aber da sie eben erklärt, daß sie diesen Brief lesen werde, um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches über ihr Kind eingeflossen ist, so muß ich mir natürlich solche Dinge versagen.« Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: »Ich könnte Dir noch erzählen, was für eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bündel habe, wenn ich nicht dächte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut es eben möglich ist. Übrigens glaube ich nicht, daß andere Leute auch eine so große Freude haben, es könnte sonst nicht auffallend sein, wenn man auf der Straße hie und da ein paar Luftsprünge machte, juhe! schrie oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als Liebenswürdigkeit entdecke, so müßtest Du ja denken, daß ich bereits mit dicker, mütterlicher Blindheit geschlagen sei.«