Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau
Chapter 4
Könnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen ausdrücken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt mein höchster Wunsch, Dich glücklich zu wissen, erfüllt und die einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert hätte, mir abgenommen; ich wüßte niemand in der Welt, dem ich so mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben hätte als Brater und mit keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne euch und gebe, daß all die Hoffnungen und Wünsche erfüllt werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht vollkommen überrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht hat, bin ich jetzt um so glücklicher, überhaupt war mir es heute den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren hätte und mein Leben ein herrliches gewesen wäre; ach und im ganzen ist es auch so, ich war so glücklich mit eurem Vater, daß ich auch in schweren Stunden mir nie gewünscht hätte, daß es anders sein möchte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben, alles andere ist Scheingut und muß abgelegt werden wie ein Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewiß noch über dieses Leben hinaus. Grüße Brater herzlich und sage ihm, mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. Könnte ich mit Worten ausdrücken, was mich innerlich bewegt, so hätte ich ihm heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht recht fassen; wäre doch die Zeit schon vorüber, bis ihr kommt.
An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Tränen ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich freue, sie glücklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt.
Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch.
Mit treuer Liebe Eure Mutter.
Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend, wie es so der Brüder Art ist, schreibt er: »Wenn man deinetwegen einen Schwager haben _muß_, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.«
Der Glückwunsch, den die junge Braut von der künftigen Schwiegermutter erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet:
_Meine liebe Pauline!_
Gewiß ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht wundern, daß es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, daß Du und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen möchtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen Freude in Erfüllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes dauerndes Glück an Deiner Seite begründet, und begrüße Dich mit wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! Möge der gnädige Gott den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemühen, Euch das Leben zu versüßen! Schenke auch mir künftig eine kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser Karl Dich uns zuführen wird. Wie schade, daß Dich nicht auch unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil ihres Lebensglückes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit.
Daß Deine gute Mutter mir künftig so nahe befreundet sein wird, sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr schätze, ist kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst, Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben.
So leb denn wohl, liebes Töchterchen, Du hochgeliebte Braut Deines überseligen Bräutigams, und sei auf das herzlichste umarmt von Deiner mütterlichen Freundin
Ch. Brater.
Luischen grüße mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen Brief von mir.
Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein Verhältnis angebahnt, das nie durch einen Mißton getrübt ward. Mag das auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund verrufen sein, manchmal gestaltet das Verhältnis sich doch zu einem besonders zarten, beglückenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas überginge in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es nicht die fest gegründete, kaum zu erschütternde Liebe sein wie zwischen Mutter und Kind, auf die man unter allen Umständen baut, auch einmal rücksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die bräutliche bewahrt und gepflegt werden müssen. Das hat Karl Braters Mutter verstanden, ihre Güte und Nachsicht war für Pauline eine köstliche Dreingabe zum ehelichen Glück.
Rührend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius über die Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was im Herzen der jüngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus Schweinfurt:
_Liebste Pauline!_
Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines Briefs erkannte, erschrak ich so, daß ich am ganzen Leib zitterte, denn ich dachte, er müsse entweder etwas sehr Frohes oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, daß es das erstere war. Nun war ich aber auch ganz außer mir, und seit ich verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so stürmisch umarmt und geküßt. Wie leid tut es mir, daß ich sonst niemand habe, dem ich mein volles Herz ausschütten kann, denn wenn ich es auch hier meinen Bekannten erzähle, so wissen sie doch nicht, was es für ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie freuen sich nicht mehr darüber, als wenn Du den ersten besten Philister heiraten würdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein Wort über diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, daß wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine Vorwürfe, daß Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst vermied es, diesen Gegenstand zu berühren. Nun brenne ich aber vor Begierde, etwas Näheres von Dir selbst zu hören, und ich hoffe, daß ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben wirst. – Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, daß wir hier so hinausgestoßen sind. Was wird jetzt für eine Freude in der ganzen Familie sein und wir können sie nicht mitgenießen! Doch will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar nichts mehr wünschen, da mir _dieser_ Wunsch in Erfüllung gegangen ist, und nun drängen sich gleich wieder Wünsche auf. – Nun lebe wohl und ich wünsche nur noch, daß Dir nichts Dein Glück trüben möchte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil sie sahen, daß ich so vergnügt war, mein Mann natürlich auch und er läßt Dir durch mich die herzlichsten Glückwünsche sagen.
Deine treue Schwester _Luise_.«
Nur _eine_ Stimme in den Briefen, die uns erhalten sind, klingt anders. Eine treue Tante des Bräutigams, Frau Schunck, führt, wohl nur zum Spaß, eine Äußerung ihres Sohnes an. Sie schreibt an Pauline: Mein Karl aber schüttelt den Kopf und sagt: »Der Braters Karl und die Pfaffs Pauline? Wenn das gut geht, so will ich’s loben!«
Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute zusammenpaßten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, daß sie sich ähnlich gewesen wären, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf schütteln. Gewiß gibt es auch glückliche Ehen trotz großer Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu rechnen. Oft sehen wir, daß zwei an sich gute Menschen doch keine harmonische Ehe führen, weil ihre Naturen und Anschauungen zu verschieden sind. So fühlt sich der eine Teil, der etwa poetisch angelegt ist, verletzt durch den nüchternen, der gesellige gehemmt durch den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrückt durch den einsilbigen; der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der orthodoxe entsetzt sich über die Ansichten des liberalen, der modern gerichtete hält den altmodischen für rückständig.
Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft beglückende wird, kommt es meist daher, daß der eine Teil sein Wesen, seine Anschauungen von der Familie überkommen, aber sich innerlich nicht zu eigen gemacht und bald hineinwächst in die Art des andern oder auch, daß die beiden neben aller Verschiedenheit durch _eine_ Seite ihres Wesens mächtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete begegnen, beglücken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in seiner Eigenart ungestört zu lassen, nicht zu verlangen, daß er sich ändere.
Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen den Müttern, den Söhnen und den Töchtern bewiesen, daß trotz der Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mißbilligen und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollständig überein in der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung für alles Edle, Große; in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprüchen.
So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen Vetters Äußerung entnehmen.
Pauline blieb zunächst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigebäude, wo der Bürgermeister seine Amtswohnung hatte.
Ein solches Blättchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl ihr erster schriftlicher Gruß an den Bräutigam; er hat weder Anrede noch Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen Mädchen noch nicht recht aus der Feder; der Bräutigam hat es vermutlich am Morgen nach der Verlobung erhalten. Es lautet:
»Ob ich’s noch erlebe, daß Du einmal wieder herauskommst? Wie machen’s denn die Leute, daß ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen. Du mußt aber doch nicht früher kommen als Du ohnedem gekommen wärst, ich schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes Elend gestürzt; übrigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der von Rechts wegen keine Unüberlegtheiten zutage fördern soll, so scheint mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, daß Du Dich erstens bei -10° R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der Bleiche wohnt, doch – ›s’ ist schon so‹, mach eben jetzt gute Miene zum bösen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich hätte Dir gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu verführerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gruß.«
Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl ein Höhepunkt des Glückes für beide Familien. Pauline hat dies erste Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wußte, daß sie kommen würde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein Geschäft auswärts, vielleicht mußte sie nach der Wäsche sehen auf dem Trockenboden oder dergl. Dieses zurückzustellen, weil Pauline kam, oder gar für die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wußte ja, wo in solchen Fällen der Schlüssel versteckt lag, sie fand Einlaß in die Wohnung und wartete da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten. Manchmal hat sie in späteren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerühmt, wenn sie sah, wie etwa für eine von der Reise heimkehrende Tochter übertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch war Pauline ihr Liebling und sie freute sich unsäglich über deren Glück, und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen für ihre Verheiratung zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mütter ganz sorglos entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte und die ihre älteste Tochter mit derselben Not kämpfen sah, empfand es als eine ganz neue und ungewohnte Freude, daß dieses Gespenst hier nicht drohte; eine schöne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen Jahren schon Frau Bürgermeisterin werden und eine große Amtswohnung mit Garten beziehen, welcher Reichtum!
Noch für kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurück und diese Zeit benützte der Bräutigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der berühmte Porträtmaler Alexander Bruckmann übernahm den Auftrag und führte ihn zu großer Befriedigung aus. Von diesem Ölbild ist die Photographie abgenommen, die unserem Buch als _Titelbild_ beigegeben ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu besorgen, als das Bild in schönem Rahmen in die Bürgermeisterswohnung geliefert wurde. Der Bräutigam schreibt ihr darüber:
»Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft betrachtet hat es etwas #à la Le Bret# an sich, aber wenn ich unter vier Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und entwickelt so liebenswürdige Eigenschaften, daß Du eifersüchtig werden könntest. Nur etwas zu spröd finde ich seine Haltung, denn aus seinem sanften gemäßigten Lächeln ist es nicht heraus zu schrecken, während das Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft gerät.«
Da die Hochzeit schon auf Ostern festgesetzt wurde, mußte in Erlangen fleißig an der Aussteuer gearbeitet werden. Aus dieser Geschäftigkeit heraus gab Pauline ihrem Bräutigam eine wenig verlockende Schilderung:
»In unserem Haus sind nun die Näherinnen und der enge Raum ist voll Unordnung, Dunkelheit, Staub, Bettfedern, und um die Mannigfaltigkeit des Anblicks zu vervollkommnen, eine überall hin verteilte mineralogische Sammlung (von Fritz). Wenn man sich umher bewegt, wird man voll Bettfedern, an meinen Haaren und Kleidern trage ich immer eine halbe Gans herum. Trotz all der Wüstenei, die mich umgibt, bin ich doch eine ganz vereinsamte Kreatur, ich komme mir vor wie einer, der aus der Welt hinausgefallen ist, überall wohin ich schaue ist nichts und gar nichts, du darfst wohl Mitleid mit einem so armseligen verlassenen Menschen haben und ihm einen Brief schreiben.«
Er läßt auch sein »Herzkind« nicht lange warten und erzählt ihr, wie auch er in Vorbereitungen für den künftigen Hausstand steckt:
»Unsere häusliche Einrichtung entwickelt sich. Es ist hübsch anzusehen, wie aus der öden Zelle eines Junggesellen sich so ganz allmählich der Wohnsitz einer Familie gestaltet. Die größten Fortschritte hat das Schlafzimmer gemacht und das ist, obwohl nur durch Zufall herbeigeführt, nicht mehr als billig. Denn alle andern Gemächer kann sich ein armseliger Junggeselle in beliebiger Zeit splendid und behaglich herstellen, nur an der Einrichtung des Schlafzimmers ist auf den ersten Blick der merkwürdige Unterschied erkenntlich. Es war mir seltsam vergnüglich zu Mut, wie ich vorhin in der Dämmerung hineintrat und alles fast schon bereit war, uns zu empfangen.«
Der Hochzeitstermin naht und der Braut wird bange trotz allen Sehnens. »Ich bin gestern abend furchtbar erschrocken«, schreibt sie, »wie ich den Mond wahrhaftig schon beinahe voll gesehen habe, das ist der letzte Termin, das letzte Viertel scheint schon in Nördlingen. Ich hab’s schon lang kommen sehen, daß es jetzt ernst wird!«
Was sie furchtsam machte, wußte er wohl: es war der Gedanke, den sie ihm gleich bei der Verlobung ausgesprochen hatte, daß sie ihm nicht genügen könne. Er hatte ihr versichert, sie würde bald anders empfinden und erkundigt sich nun darnach:
»Sage mir jetzt, wie steht es um deine Furchtsamkeit und zweifelsüchtige Selbstpeinigungen. Wie hat unsere grausame Trennung gewirkt, bindend oder lösend? Hast Du die wunderbare Erscheinung noch nicht bemerkt, daß der _Raum_ ohnmächtig gegen uns ist, daß wir uns auf eine Distanz von dreißig Poststunden ununterbrochen in den Armen halten und hast Du nicht daraus gefolgert, daß wir gewiß mit Leib und Seele zusammen gehören? Jeden Morgen und Abend frage ich Dich: Du Kleingläubige und Zaghafte: ›Fürchtest Du Dich noch?‹ Immer hat sie bis jetzt ›ja‹ genickt, aber seit etlichen Tagen leichter und schwächer und es will mir erscheinen, als wollte sich’s allmählich in eine andere Bewegung verwandeln. Komm und gesteh – oder leugne auch, wenn es sein muß, aber _komm_ nur, denn diese Distanzen von dreißig Stunden, wenn sie auch nur Illusion sind, ich kann sie doch nicht vertragen. Gute Nacht! Wenn Du im Schlaf durch ein Rauschen aufgestört wirst, so heiße Deine Nerven sich beruhigen, es ist nur ein Traum von mir, der Dich belauscht.«
Mehr und mehr drängen sich nun praktische Besprechungen in den Vordergrund des Briefwechsels und unsere Brautleute sind glücklich in der Kirche proklamiert. Der Bräutigam schreibt darüber:
»Heute abend komme ich von einer Waldpartie nach Hause und will gerade wieder gehen, um Hans und Bruckmann aufzusuchen, da stürzt mir atemlos der Kirchner Brunner nach. Zweimal habe er mich schon umsonst gesucht und es sei jetzt höchste Zeit. Der Herr Stadtpfarrer lassen sich empfehlen und anfragen, mit welchem Titel der Herr Bürgermeister wünschen, daß Ihre Fräulein Braut morgen proklamiert werde – Jungfrau oder Fräulein? Der Herr Stadtpfarrer meine, da die Eltern der Braut dasjenige gewesen sind, was sie gewesen sind, so lasse sich wohl das Prädikat ›Fräulein‹ anwenden. ›So,‹ sag’ ich, ›was ist denn der übliche Ausdruck bei angesehenen Bürgern oder Beamten?‹ ›Ja,‹ sagt der Kirchner achselzuckend, ›Jungfrau‹. ›Also,‹ sag’ ich, ›sagen Sie dem Herrn Stadtpfarrer meine Empfehlung und weil ich glaube, daß meine Braut auf den Titel ›Jungfrau,‹ der mir recht gut gefällt, gleichfalls Anspruch habe, laß ich ihn ersuchen, sich desselben zu bedienen.‹ Hierauf zog sich der Diener der Kirche zurück, bestürzt, daß ein Gnadengeschenk von solchem Wert abgelehnt werden könne und die Jungfrau #P. P.# ist heute (10.) proklamiert worden.«
Es folgen hierauf einige praktische Mitteilungen über Schreiner und andere Handwerksleute, aber der Gedanke, daß sie künftig in diesen Räumen leben wird, führt ihn bald wieder zum Ausdruck seiner Liebe: »Der Gedanke, daß auf der Welt ein Wesen ist, das nur für mich lebt und in mir, macht mich, so oft ich ihn fasse (wiewohl ich ihn kaum fassen kann), beinahe schwindeln vor Freude. Wenn ich in Deinen Augen meine Seele sich spiegeln sehe, so ist es wie eine Bürgschaft der Unsterblichkeit, denn ich fühle, daß meine Seele auch außer mir fortleben kann und fortlebt. Das ist die Kraft und Zuversicht, die ich – trotz Deiner Protestationen – durch Dich gewinne.«
Die Brautzeit geht ihrem Ende zu, am Donnerstag nach Ostern soll die Hochzeit sein; ein komischer letzter Auftrag der Braut fliegt auf einem Blättchen dem Bräutigam zu:
»Könntest Du mir nicht aus einem Zigarrenkästchen von mir, das in der Schublade einer Kommode steht und worin sich ein Wust von Blumen befindet und worunter sich eine mörderisch große weiße Rose befindet, diese große Rose mitbringen, es kann sie Eine anziehen. Jetzt leb geschwind wohl!«
Am 4. April 1850 fand in Erlangen die Hochzeit statt. Mit köstlichem Humor feierten die Brüder den Polterabend und Hochzeitstag ihrer kleinen Lieblingsschwester. Noch einmal hatte Frau Pfaff, die nun schon im 63. Lebensjahre stand, das Haus voll Gäste und Fröhlichkeit. Eine Mutter wie sie, die selbst ihr größtes Glück in der Ehe gefunden und dann als Witwe ihren ganzen Schatz von Liebe den Kindern zugewendet hat, kommt in einen merkwürdigen Widerstreit der Gefühle, wenn sie die letzte Tochter aus dem Hause scheiden sieht. Sie empfindet ja mit ihrem Kinde die ganze Seligkeit der jungen Liebe, darum strahlt ihr Gesicht von inniger Mitfreude, aber für sie selbst verschwindet die Sonne, die ihre Tage beleuchtet hatte, darum füllen sich die Augen dieses strahlenden Gesichtes immer wieder, und ganz gegen ihren Willen, mit Tränen. Und die Tochter, – wenn sie der Mutter treue Hand zum letztenmal drückt, wird auch übermannt von dem Schmerz und weiß, daß sie in diesem Augenblick zugleich von der harmlosen Jugendzeit Abschied nimmt. Aber dann wendet sie sich dem jungen Gatten und damit dem neuen Leben zu und am nächsten Tag ist’s nur noch die Mutter, die mit den Tränen kämpft, während sie beiseite räumt, was in dem verlassenen Mädchenzimmer zurückgeblieben ist von ihrem herzlieben Kind.
_Zweiter Teil_
=Gattin und Mutter=
IV.
1850-1851
Im Nördlinger Wochenblatt vom 9. April 1850 finden wir die folgende Beschreibung von der Ankunft des Bürgermeisters mit seiner jungen Gemahlin:
»Am Bahnhof von einigen Freunden begrüßt und von denselben zu Wagen nach Hause begleitet, wurde das junge Paar in der Amtswohnung von Mitgliedern des Magistrats feierlich bewillkommt und in die festlich beleuchteten Zimmer geführt, deren Eingang mit grünen Verzierungen und sinnigen Transparenten angemessen dekoriert war. Wenige Minuten nach erfolgter Ankunft fand sich unter glänzendem Fackelschein der Gesangverein und das Orchester des Musikvereins vor der Wohnung ein und brachten in gelungenen Vorträgen eine halbstündige Serenade, während die Vorstände beider Vereine die Neuvermählten beglückwünschten. Wir finden in dieser Auszeichnung eine verdiente Anerkennung der Umsicht und unermüdeten Tätigkeit, mit welcher sich Herr Bürgermeister Brater während einer eineinhalbjährigen Funktion seinem schweren Beruf gewidmet hat, und wünschen dem jungen Paar einen recht glücklichen Hausstand.«
Die äußeren Bedingungen zu einem glücklichen Hausstande waren gegeben und Pauline fand sich nun versetzt in eine sorgenlose Stellung, in angenehme Verhältnisse. Die schöne, geräumige Amtswohnung im Polizeigebäude war mit vereinten Kräften behaglich eingerichtet worden. In der Küche waltete ein feines Mädchen als Köchin und wartete auf die Befehle der jungen Hausfrau.