Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 3

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Der fröhliche, gesellige Kreis lichtete sich allmählich und verlor seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit häufiger als jetzt vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen hier folgen:

1.

Freundschaft, die bei Kinderspielen In der Kinderstub entstanden, Ist verwandt der pflichtgemäßen Liebe zwischen Blutsverwandten. Eh Du noch mit klaren Blicken Deinen Sinn erkannt und ihren, – Einem Zufall hat’s gefallen, Dich und sie zusamm’ zu führen. Freie Wahl in spätern Jahren Wird vielleicht den Zufall preisen, Wird vielleicht gleichgültig scheidend Euer altes Band zerreißen.

2.

Freundschaftsbünde, wie sie zwischen Alten Leuten sich begeben, Kenn ich freilich, Dank dem Himmel, Nicht aus eigenem Erleben. Aber können die mit voller Froher, junger Liebe lieben, Die sich in der Zeit der Fülle, Freude, Jugend, fern geblieben? Alte, schon vernarbte Herzen, Die in gut und schlechten Tagen Ihre Lust und ihre Leiden Einsam durch die Welt getragen?

3.

Freundschaft, die sich Jugend gründet, Ist ein Bau fürs Menschenleben, Ein Hospiz, das immer offen Freundlich Obdach Dir zu geben. Jugend ist die Zimmerstätte, Wo der Mensch sein Schicksal gründet, Jeden kann er drein verflechten, Der sich willig zu ihm findet. Jugend ist in vielem Schüler, Aber Meisterin im Lieben Alt wird, ohne Jugend, welcher Ohne Liebe jung geblieben.

Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, gründete auch Siegfried Pfaff den eigenen Hausstand in Nürnberg und Pauline wurde von da an gar oft zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie war flink, fleißig und gänzlich frei von den störenden Eigenschaften des Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brüder durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu kam die rührende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr verständlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin für einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort eine Kur gebrauchen mußte. Die kränkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke die Gäste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen Mädchen davon, denn sie erhoben nicht den Anspruch, daß man auch sie verköstigen solle. Sie gingen über die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch ganz selbstverständlich, daß es unter so erschwerenden Umständen einige Tage kein Mittagessen für sie gab.

Je öfter Pauline in ihren Mädchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurück, der sie als jetzt einzige Tochter immer näher trat und an deren Sorgen sie treuen Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brüdern Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch hatte sich des Vaters Interesse für die Astronomie auf die Jugend vererbt, so daß auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben dadurch viele Freuden genoß, die andern fremd sind. Wir Städter blicken ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne längst nicht mehr nötig, wie in früheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wußten alle, wann und wo Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf. Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber dann wieder vergessen, waren ihnen so geläufig wie uns etwa, daß ein Jahr 365 Tage hat.

Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbürger, die mit einem gewissen Stolz sich bewußt waren, fortwährend mit einer Geschwindigkeit von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenwärtig, daß dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurückgelegt und doch nur acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so begrüßten sie ihn als unsern nächsten Nachbarn unter den Gestirnen, als einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem Fuße, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren, geheimnisvollen, die sich nicht enthüllten vor dem besten Fernrohr. Mit Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf.

Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde beeinflußt, hat für den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es später ausgesprochen, daß die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie mehr als alle Religionslehre mit dem Gefühl des Daseins Gottes durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brüder zu gewinnen. Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in vielen Familien die dogmatischen Lehrsätze betont wurden, so daß z. B. eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: »Ich möchte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen«.

Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es waren, können sich besonders schwer in dogmatische Lehrsätze finden und haben von diesen oft nur den einen Nutzen, daß der innere Widerspruch sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen großer Astronomen lesen, so ist es merkwürdig zu beobachten, wie sie fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was in früheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind erfüllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und bestätigen das Psalmwort: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.

Von den Brüdern Pfaff wählte übrigens keiner die Astronomie als Beruf. Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und Fritz zunächst Medizin, später wandte sich dieser der Geologie zu und hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vorträgen seine Überzeugung vertreten, daß die naturwissenschaftlichen Forschungen in Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der Äther als Betäubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafür volles Verständnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort für seine Versuche zur Verfügung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz tatsächlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei ihrem Erwachen aus der Betäubung: es war der Gesang eines durch die stille Straße am Krankenhaus vorübergehenden Burschen; sein Lied drang durch das geöffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers bekannt:

Ei du schöne Sonnenblume, Du hast mir das Herz gewonnen, Du liegst mir in meinem Sinn Wie der Kern im Kümmerling.[1]

[Fußnote 1: Erlanger Ausdruck für Gurke (Kukumer).]

Der für Pauline so anregende Verkehr mit den Brüdern verminderte sich naturgemäß, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zunächst eine Hauslehrerstelle auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise Brater, verließ die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus zurück; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brüdern Pfaff zu allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die sich sonst durch fröhliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm gegenüber schüchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr viel zu unbedeutend für diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: »Dem Brater gegenüber fühle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen.« Und die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Züge, die edle Stirne, die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, daß hier ungewöhnliche Eigenschaften des Geistes und Gemüts vereinigt waren. Aber dabei hatte sein Wesen etwas Zurückhaltendes, Strenges, seine Rede war oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das Justizministerium nach München berufen worden. Wie sehr er sich schon im Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht aus der folgenden Äußerung eines Zeitgenossen hervor: »Brater warf sich mit jugendlichem Feuer und dem heißen Drang des deutschen Patrioten in die politische Strömung und trat mit Erfolg als Redner bei den Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brüdern Friedrich und Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische Tätigkeit in bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch maßvolle Haltung bei aller kritischen Schärfe, sowie durch ihren glänzenden Stil allgemeines Aufsehen.«

Daß Pauline die längst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden Manne für einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie war nun 21 Jahre alt, eine kleine, äußerst bewegliche, anmutige Gestalt. Konnte man sie auch nicht geradezu schön nennen – dazu war schon die Pfaffsche Nase zu energisch – so war doch das rosige, frische, von dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit fröhlichen Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres Reizes durchaus nicht bewußt und verschloß tief im Herzen ihre geheime Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre alt, einem ehrenvollen Ruf als Bürgermeister in die Stadt Nördlingen folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden.

Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame, deren Kinder er unterrichtete, wurde sein längeres Verweilen in dieser Stellung unmöglich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jüngsten Tochter des Hauses gefaßt hatte, eine Neigung, die zwar von ihr erwidert, aber von dem Vater nicht begünstigt wurde. Die Kluft zwischen Adeligen und Bürgerlichen, die schon so viele Liebende unglücklich gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verließ das Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

Nun bot sich auch ihm eine Stelle in Nördlingen, als Subrektor an der dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, daß die Schwester zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene Häuslichkeit bereiten solle.

Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen Vorschlag einzugehen; es ist, als hätte ihr eine Ahnung gesagt, daß sie sich damit für immer aus dem Elternhause lösen sollte.

Sie schreibt darüber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849:

_Liebe Luise!_

Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so könnte es mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten, indem unser Briefwechsel so unregelmäßig geführt wird, daß die Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und man voraussetzen muß, daß ein Brief bei uns viel mehr Störungen erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu spät ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch höheren Einfluß dieser Brief beschleunigt wird.....

Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schluß gemacht haben, daß ich nach Nördlingen gehe. Die Sache wurde während Hans’ Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen durch seine Ankunft freudig überraschte. Übrigens gibt es viel mehr Schwierigkeiten dabei zu überwinden, als ich bisher gedacht hatte, und ich nehme überhaupt jetzt alles recht schwer. Der Hans ließ gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wünsche nur, daß es ihn nicht reut, denn wir werden gehörig viel Geld für den Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit Möbeln selbst versehen müssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so müssen wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint mir das zu sein, daß ich natürlich nach so viel Ausgaben viel mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter zurückkehren kann, welcher Gedanke mich mit großem Heimweh erfüllt. Was ich Dir sonst noch drüber schreiben könnte, will ich aufschieben bis auf Nördlingen selbst, wohin ich also Anfang Mai reisen werde.

Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, während des Hans Anwesenheit waren wir sehr vergnügt. Wir experimentierten wieder mit der Luftpumpe und mit der Elektrizität, wo mir bei letzterem besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden Grundstoffe zersetzt und aufgelöst ward. Ich dachte immer dabei an Dich, es hätte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus wurde aus seinem Schlaf aufgerüttelt und mußte uns alles Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus betrachtest, so bedenke, daß sie gegenwärtig aussieht wie ¼ Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu hören.

Deine Pauline.

III.

1849-1850

Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach Nördlingen, der ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von Gärten und Obstbäumen umgeben, einen malerischen Anblick.

Vor dem einen der alten Tore, dem Löpsinger, liegt ein Anwesen: die Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule stürmte – sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt –, so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte sie guten Rat in dem fremden Städtchen, so fehlte es ihr daran nicht, denn bald öffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der angesehensten Häuser der Stadt: die Beck’sche Buchhandlung. Neben dem geistig hervorragenden Leiter des Geschäfts waltete hier eine seelengute Frau in schön geordneten Verhältnissen, glücklich als Gattin und Mutter. Frau Beck war nur wenige Jahre älter als Pauline und kam der jungen Fremden freundlich entgegen.

Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie zusammen, denn mit dem Frühjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im Alter am nächsten stand, zu ihm, dem Bürgermeister, gezogen, um ihm Haus zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und als Familienverhältnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich regelmäßig zu Kaffee und nachfolgendem gemütlichen Kartenspiel bei den Geschwistern ein.

Nun könnte man meinen, daß der in Amt und Würden stehende Herr Bürgermeister Pauline noch mehr eingeschüchtert hätte, als es der frühere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die Hausfrau vorzustellen hatte, vergaß sie über der Fürsorge die Befangenheit. Sie mußte es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen saßen. Wo hätte der junge Bürgermeister sich so offen und vertrauensvoll aussprechen können wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die Erlanger, den Nördlingern gegenüber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt unter neu geknüpften stehen. Dazu kam der gemütliche Tarock; die Pfaffs waren alle gute Spieler. Der Spieleifer läßt aber keinen Raum mehr für Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit geschadet, wo es nur möglich ist, dem Partner wird alles Gute zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar Minuten später sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft und Feindschaft ist aufgehoben und vollständige Neutralität waltet, bis aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, daß das Kartenspiel eine vorzügliche Übung in der Selbstbeherrschung sei und sie schätzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswürdig _verlieren_ konnten.

In dieser Häuslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes genauer kennen. Nun verhüllte sich ihm nicht mehr, was für ein Schatz von geistigen und gemütlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken dürfte. Auch sah er das junge Mädchen jetzt losgelöst von der mütterlichen Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett im Stande hielt, was seiner an Ordnung gewöhnten Natur Bedingung des Behagens schien. So kam der Entschluß, den er in den Erlanger Jahren wohl schon überlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife.

In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe an und schreibt dann weiter: »Im allgemeinen vermute ich, daß Ihr zwar nichts dawider hättet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz bleiben ließe, – _meine_ unparteiische Meinung ist das wenigstens – daß Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgezählt acht vortreffliche Eigenschaften: Große Gutmütigkeit, viel Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick, Häuslichkeit, körperliche Gesundheit, angenehme und hübsche Züge; mit etwas graziöserem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe wäre sie sogar eine Schönheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund organisierte Natur, wie ich unter allen Mädchen meiner Bekanntschaft keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht.

Von Dir möchte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand weißt. Sie scheint mir so unbefangen, daß ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schüchternheit, die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen könnte, wenn sie nicht plausibler durch _mein_ ziemlich schroffes Benehmen erklärt wäre. Du wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschluß zu geben, soweit ich ihn brauche und wenn es mir deine Antwort, die du _umgehend_ schreiben mußt, nicht unmöglich macht, wate ich nächsten Samstag durch fußtiefen Schnee zur Brautwerbung.

Die Sache bleibt natürlich noch vollständiges Geheimnis. Schreibe mir auch, daß Ihr mir die Freude gönnt und Euren Segen dazu gebt, wenn’s zustande kommt.«

Aus diesem »Ihr« ist wohl zu schließen, daß auch die Mutter in das Vertrauen gezogen war.

Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft erheiternd zu sehen, wie dringend und plötzlich auch bei sonst ruhigen und überlegten Naturen die Brautwerbung ausgeführt und durchaus nicht mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die Antwort noch in nächtlicher Stunde zurückbringen sollte!

So hat auch Karl Brater, als er die günstige Antwort der Schwester in Händen hatte, es für nötig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als glücklicher Bräutigam abends wieder durch das Löpsinger Tor zurückgekehrt in seine weitläufige, einsame Amtswohnung, während die glückselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame Kunde mitzuteilen.

Frau Pfaff saß diesen Winter viel einsam in ihrem früher so belebten Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu stricken, zu nähen und zu spinnen für die großen Kinder und die kleinen Enkel, aber in der _einsamen_ Arbeit bedrückten die Sorgen sie mehr als früher, wo fröhliche Jugend sich um sie tummelte. All die auswärtigen Kinder schrieben ja heim über ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und für Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, für sie sorgte sich das Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer »Line« werden, wenn die Brüder sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein würde? Sie mochte sich diese ihre geliebte Jüngste nicht vereinsamt vorstellen und bekümmerte sich darüber, wenn sie so allein in der langen Dämmerung der Winterabende saß und strickte.

In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr an einem Dezemberabend den Brief aus Nördlingen brachte. Eifrig hat sie dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuzünden, hat ihre große Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: daß ihre Pauline die glückselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in all ihrer Lebhaftigkeit hinüber zu Frau Brater. Wie muß ihr gutes Gesicht geleuchtet haben unter dem Häubchen und wie schief mag dies in der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mütter sich besprochen haben über ihrer Kinder Glück! Vor uns liegen die ersten Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Blätter und lesen was darin steht von Glück und Dankbarkeit. Groß und deutlich sind die Schriftzüge, in denen Frau Pfaff auf das nächste derbe Schreibpapier, das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb:

_Geliebtes, teures Kind!_