Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 21

Chapter 213,584 wordsPublic domain

Sie hatte dessen Vorträge gehört, die sie mächtig ergriffen und hielt seitdem die von ihm herausgegebenen »Blätter zur Pflege persönlichen Lebens«. Diese sind nicht leicht zu verstehen und vielen erschien es rätselhaft, daß eine Siebzigerin eine solch neue Richtung wirklich erfassen könne. Das Rätsel war aber sehr einfach zu lösen; in diesen Gedanken trat nichts Fremdes an sie heran, sie fand hier nur klar ausgesprochen, was sie dunkel gefühlt hatte. Wer Müllers Schriften aufschlägt, trifft auf die Worte »Persönliches Leben«, »Ursprünglichkeit«. – »Persönliches Leben« war ihr eigenes Leben gewesen, »Ursprünglichkeit« ihre hervorragende Eigenart. Die tiefe Überzeugung, daß der Glaube an Gott entweder eines Menschen ganzes Sein und Leben durchdringen müsse, oder aber wertlos sei, war ihr eigen und stand auch in Müllers Heften zu lesen. Manches andere darin war ihr allerdings fremd, wohl auch unsympathisch, aber sie ließ solches ruhig beiseite oder ging auch leicht über einzelne Aussprüche, die ihr wunderlich erschienen, hinweg mit der Bemerkung: »Er meint das ganz anders, als es dasteht.« Aber jene Artikel, die ihr aus der Seele gesprochen waren, ließ sie sich von Kindern, Enkeln und Gästen, die sie besuchten, immer wieder vorlesen. Zwar solchen gegenüber, die befriedigt in der alten Auffassung des Glaubens waren, sprach sie nicht von diesen Gedanken, hielt ihnen solche Bücher ferne und pries sie glücklich, wenn sie nur einen _lebendigen_ Glauben zeigten. Hingegen drängte es sie, allen, die von Zweifeln umgetrieben oder der Kirche feindselig gegenüberstanden, das mitzuteilen, was ihrem eigenen religiösen Bedürfnisse so sehr entsprach. Solche mußten wohl oder übel Müllers Schriften lesen, sonst konnten sie nicht vor ihr bestehen. So schreibt sie an eine Freundin: »Sage mir doch, ob Du die Müllerschen Hefte fortgesetzt _nicht_ liesest? ob Ihr _alle_ so barbarisch seid, sie nicht zu lesen? Vieles ist ja geradezu für Eueresgleichen wie gemacht, denn Müller ist ja förmlich ein Apostel der Freiheit und Selbständigkeit und auch mit Deinem besten Willen kannst Du ihm nichts anhaben, mir ist er zum Evangelisten geworden mehr als irgend einer und ich lebe förmlich in seinen Gedanken, je mehr ich sie erfassen lerne, und wie ich Dir schon einmal sagte, er führt in die unmittelbare Gottesnähe; das dritte Heft bot mir weniger, aber das soeben erschienene vierte hat wieder Großartiges und Ergreifendes.«

Alle, die mit ihr im Briefwechsel standen, mußten mindestens erfahren, wie viel für sie die in den »Grünen Heften« niedergelegte Auffassung war. An Frau Geheimrat Wehrnpfennig schrieb Frau Brater: »Müller ist absolut liberal und dabei bis an die tiefste Wurzel des Seelenlebens gehend.« An ihre Nichten Kraz: »Ich gedachte Eurer Marie beim Lesen des vierten grünen Heftes mit dem Artikel: ›Warum ist das Leiden in der Welt‹; ich finde in diesem Hefte wieder so viel Ergreifendes, dieser Mann spricht mir so ganz und gar nach meinem Gewissen und meiner Empfindung und zeigt so klar, wo es fehlt in der Welt und bei jedem einzelnen. Dieser Artikel über das Leiden ist zum Eckstein meiner Lebensanschauung geworden.«

Jahrelang lag auf dem kleinen Tischchen vor ihrem Lehnstuhl eines jener grünen Hefte und sie griff darnach, wenn es still um sie war. Wollten ihr die Augen auch nur zehn Minuten des Lesens ermöglichen, so hatte sie doch wieder Gedanken geschöpft, die sie erhoben über das körperliche Elend, Gedanken, die sich in Seelenkräfte verwandelten, in Geduld und Liebe. Es kam vor, daß Frau Brater mutlos über sich selbst klagte und meinte: ach der Mensch bleibt doch immer der gleiche, all sein Arbeiten an sich selbst hilft nichts, wer lieblos und ungeduldig ist, der wird einmal nicht liebevoll und geduldig. Aber sie bewies ganz augenfällig das Gegenteil. Stets hatte sie etwas Friedliches, Geduldiges, wenn sie sich versenkt hatte in göttliche Gedanken, und dieses liebevolle Wesen war um so gewinnender, als es einen Sieg bedeutete über die Ungeduld, die das tatenlose Dasein in ihr erwecken wollte. Hätte sie nicht ihr ganzes Leben hindurch Selbstbeherrschung geübt, so wäre sie mit dieser schweren Prüfung nicht fertig geworden. Gewiß wird man jedem Menschen bis in sein Alter die Fehler anmerken, zu denen seine Natur neigt, aber bei dem, der dies Unkraut wuchern läßt, wird es immer störender hervortreten, hingegen bei dem, der dagegen ankämpft, wird es nie die edeln Blüten seines Wesens verdecken oder ersticken.

Deutlich erkennen wir das Ringen nach Geduld und Ergebung in ihren Briefen an Nahestehende, so an Luise Hecker: »... Bei mir geht es leider stets merklich abwärts ... es will mich das oft recht bedrücken, aber ich sage mir: dies ist nun deine letzte Aufgabe, die Beschwerden des Alters fröhlichen und dankbaren Herzens hinnehmen zu lernen, freilich bilde ich mir ein, es würde mir leicht werden, wenn ich nur _lesen_ könnte, mich erheben an dem Geist anderer, wenn der eigene flügellahm ist, aber gerade dies soll eben nicht sein; oft stehe ich an meinem Bücherschrank, da stehen die Bücher, besonders die naturwissenschaftlichen, die schauen mich an wie teure Verstorbene und das Herz tut mir weh...«

An Lina Sartorius schreibt sie, nachdem diese alte, treue Freundin sie wieder besucht hatte, eigenhändig mit zitternder Hand: »Dies Blatt soll nur ein Gruß sein, es gibt ja bei mir nichts anderes mehr, aber ein schöner Dank für Deine stete Freundlichkeit, die Du auch meinem ungeduldigen Wesen gegenüber stets bewährst, dieses ist mein großer Fehler, und wenngleich Du mir jetzt vielleicht eine Schmeichelei sagen würdest, so sage ich: _schweige_, denn es ist ja leider _zu_ wahr. Wollen wir eben beide fleißig in Müller studieren und Fortschritte machen und dabei aneinander denken und zwar in alter Liebe und Treue.«

... »Ich denke mit Freude daran, daß Dich das neue Jahr zu uns führen wird, Gott gebe uns ein fröhliches Wiedersehen! mein Befinden geht stets ein wenig abwärts, ist aber doch noch recht erträglich, um das, was etwa noch kommt, wollen wir uns nicht ohne Not grämen, Du sagst es ja auch. Mein Enkel Karl hat mir schon mehrfach zu Geburtstag oder dergleichen kleine Arbeiten gemacht, heuer eine Disposition zu dem Müllerschen Artikel ›Was ist Wahrheit‹, es hilft mir dies sehr zur Erfassung des Ganzen, interessiert es Dich, so schicke ich Dir’s einmal....« »Liebe Lina! treue Korrespondentin, Dank für Deinen Brief! vielleicht sehen wir uns doch noch in diesem Jahr, d. h. vielleicht kannst Du doch noch kommen; ich freue mich sehr auf Eugenie, unsere Vermittlerin. – Das Buch, das ich mit Dir lesen wollte, heißt: Der Deutsche und sein Vaterland von Gurlitt, _sehr_ interessant, würde Euch _alle_ befriedigen, besonders eine Rektorin a. D., wie Du bist.... Meine Hand versagt den Dienst, deshalb: behüt Dich Gott!

Lies doch das Müllersche Heft Bd. 6 Heft 2 ›Der Mensch Jesus Christus‹, mir ein Glück, eine Erlösung, d. h. wahre Befriedigung. _Langsam_ lesen, viel Zeit dazu nehmen!«

»Inzwischen ist nun wieder ein Brief von Dir, Du treue Seele, eingetroffen, aber ... ich muß recht entschieden das Lob zurückweisen, das Du meiner ›Ergebung und Geduld‹ spendest, ich habe es ja in der Tat so gut wie nicht viele Menschen, bin umgeben von Liebe und Teilnahme, _muß_ nicht mehr leisten, als ich gut kann, und doch will mich das Entbehren durch meine Augen und jetzt schwachen Beine etc. oft ganz mißmutig und gedrückt machen, so daß ich oft denke, es geschähe mir recht, wenn es noch viel schlimmer käme.« »Mein Leben, zwischen Bett und Lehnstuhl sich abwickelnd, ist doch nicht öde und ich bin so dankbar, daß ich wenig Schmerzen habe und mein täglich Brot nicht _verdienen_ muß. In Gedanken bin ich oft bei Dir und allen denen, die auch wir beide gemeinsam lieben...«

»Wir sind eben jetzt zwei alte Kracherinnen und werden erst im Himmel wieder lustig miteinander herumspringen.«

Jedes Jahr kam die alte, treue Freundin zu Besuch und immer inniger fühlten sie sich zusammengehörig, je mehr das Häuflein der Jugendgenossen zusammenschmolz. Rührend war es, die den Achtzigern nahestehenden Frauen in ihrem stets heiteren und doch so tiefgründigen Verkehr zu beobachten. Wieder war für das Frühjahr 1905 ein Besuch geplant, da kam im Januar die Nachricht, daß die Freundin schwer an Lungenentzündung erkrankt war. Frau Brater schickte ihr ein letztes eigenhändiges Briefchen:

_Liebe Lina!_

»Ich sitze bei Dir am Bett, mache mit Dir in Liebe und Treue die schweren Stunden durch, in denen Du jetzt leidest und wo Du mir stets ein Vorbild gewesen bist. Gar manche nächtliche Stunde bin ich bei Dir und Deinen Kindern und ich weiß, _wie_ wir in Gedanken verbunden sind und zusammenhängen. Wie sehr wünsche ich Dir gute Besserung und eine getroste, friedvolle Zeit, wie dankbar wollen wir miteinander dafür sein, schreibe Du mir bald, ich will nur Deine liebe Schrift sehen, nur zwei Worte; liebe alte, Getreue, Du begreifst, wie dringend ich jetzt auf gute Nachricht hoffe, und freue mich unsäglich, bis die Prüfungsstunden überstanden sind! Bis dahin in innigem Gedanken und guten Wünschen aus voller Seele Deine alte Pauline.

An Ernst und vor allem an Eugenie von Herzen Gruß.«

Dies war der letzte Gruß einer fast siebzigjährigen Freundschaft, denn die ersehnten zwei Worte der lieben Handschrift kamen nimmer, am 1. Februar starb die Jugendfreundin.

»Vorausgegangen«, in diesem Worte lag der Trost für die Vereinsamte und ihre Trauer wurde gemildert durch die Dankbarkeit dafür, daß die letzte Krankheit und das Ende leicht gewesen waren. Beneidenswert schienen ihr alle, die überwunden hatten, denn sie fühlte sich körperlichen Schmerzen gegenüber nicht als Heldin. Es bewegte sie ein tiefes Erbarmen für alle hoffnungslos Leidenden und für diejenigen, die aus Verzweiflung darüber ihrem Leben selbst ein Ende machten. Oft kam dadurch die Rede auf die Möglichkeit einer Erlösung für solch gequälte Menschen. Sollte man diejenigen, die sich nach Befreiung sehnen, nicht lösen von ihrer Last, anstatt sie der Versuchung zum Selbstmord zu überlassen?

Ihre Überzeugung und ihr Herzenswunsch war, daß es einmal dahin kommen würde, und sie hörte gerne der andern Ansicht darüber, wie es geschehen könnte. In der Zukunft – wenn auch noch in ferner – würde man einen gesetzlichen Weg finden. Ein hoffnungslos Leidender müßte bei Gericht den Antrag stellen dürfen, daß ein Arzt ihm die Qual abkürze. Statt des heimlichen Selbstmordes, der wie ein Alp auf den Hinterbliebenen lastet, würde dann nach gerichtlicher Entscheidung in feierlich erhebender Weise dem Kranken, der den Antrag gestellt hatte, durch den Arzt der ersehnte letzte Schlaf gebracht. Sobald die Obrigkeit das erlauben, in die Hand nehmen und den Gerichtsarzt damit betrauen würde, wäre es kein Unrecht mehr. Sie hörte gerne diese Gedanken aussprechen, deren Verwirklichung auch ihr die Angst vor langem hoffnungslosen Schmerzenslager benommen hätte.

Das Leiden fürchtete sie, aber nicht den Tod. Ihr letzter eigenhändiger Brief an ihre Freundin Luise Hecker spricht das aus:

_Liebe Luise!_

»Es ist mir ein wahres Bedürfnis und wäre mir eine große Freude, wenn ich Dir so eine Art Abschiedsbrief _selbst_ schreiben könnte; nicht als ob ich das Gefühl hätte, unsere gemeinsame Wanderung auf dieser Welt nahe sich ihrem Ende, ach nein, das nicht, im Gegenteil, ich fürchte jetzt fast mehr als früher, daß mir noch ein langes Leben beschieden sein könnte, aber ich fühle recht klar, daß es höchste Zeit ist, als Schreiberin und als Diktantin vom Schauplatz abzutreten, denn das eine wie das andere übersteigt völlig meine Fähigkeiten. Nur eines ist unverändert bei mir, das treue Gedenken an alle meine Freunde und: ›Die Liebe hört nimmer auf‹. Die Wahrheit dieses Spruches durchdringt mich so vollständig, daß sie allein schon mir eine Gewähr ist für die Unsterblichkeit.

.... Meine zunehmende Gelähmtheit, die Du an der Schrift erkennen kannst, beschwert mich und meine Pflegenden fast am meisten, ich kann nimmer zum Haus hinaus, kaum mehr durch meine Zimmer gehen, ich lasse es auch ganz unversucht.... Du siehst nun, liebe und getreue Alte, was für ein Krüppel ich für diese Welt geworden bin, aber ich erkenne immer klarer, immer zweifelloser, daß wir hier nur in einer Vorschule sind und diesen Körper als Handwerkszeug zur Schule tragen müssen, wie gerne denke ich an die Zeit, wo wir diese Last ablegen dürfen und einkehren zur ewigen Heimat zu einem barmherzigen Vater. In dem Bestreben, mich in dieser Heimat schon ein wenig einzuleben, nicht so ganz als Fremdling zu erscheinen, wird mir die Zeit nicht so lang, wie es vielleicht außerdem der Fall wäre. Du würdest mich sehr verstehen, aber ich begreife gar wohl, wie Du in Deiner Jugendkraft noch ganz vom Leben erfüllt bist und ich fühle in voller Teilnahme mit Dir....«

Diesem Briefe liegt ein Blättchen bei mit dem bekannten Rückertschen Vers:

Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar, o wie liegt so weit, o wie liegt so weit, was mein einst war!

Auch die treue Freundin Luise Hecker, deren Jugendkraft in dem obigen Briefe noch gepriesen ist, schied aus dem Leben noch vor der älteren, immer mehr vereinsamten Freundin.

Aber Frau Brater hatte trotz der vielen Trauerfälle auch in ihren alten Tagen nicht nur Vereinsamung zu empfinden, das Leben brachte ihr von anderer Seite Bereicherung. Ihre Enkelin Berta sowie ihr Enkel Karl hatten sich in den letzten Jahren verheiratet, mit Liebe wandte sie sich den neuen Familiengliedern zu und als dem Enkel Karl ein Sohn geboren wurde, schrieb die achtundsiebzigjährige Urgroßmutter noch eigenhändig zur Taufe des Kleinen den selbsterdachten Vers:

Will Dir einen Glückwunsch bringen, trag auch viele Dir entgegen, doch der Reim will nicht gelingen. Nun, daran ist nichts gelegen. Denn mit Dir, Du kleiner Engel, ist das Glück ja selbst gekommen, hat sich eingelebt im Herzen, feste Wohnung hier genommen.

Sie sah den Urenkel, der als ein kleiner Steiermärker auf die Welt kam, nimmer im Leben, aber als sie sein Bild erhielt, nahm sie es gar oft unter die Lupe und betrachtete in ihm mit liebevollem Interesse die neue Generation. Als sie sich einmal ungehalten über ihre blöden Augen aussprach, die gar nichts mehr taugten, sagte eine der Enkelinnen tröstend zu ihr: »Aber Großmutter, Deinen Urenkel siehst Du doch noch ganz deutlich«, und sie antwortete in einer freundlichen und ihr sonst ganz fremden unlogischen Weise: »Nun ja, den schon, weil er eben gar so ein netter Kerl ist.« Kamen die Kinder und Enkelkinder zusammen und saßen zum Familienabend um den großen Tisch, so saß sie liebevoll und an jeder Fröhlichkeit von Herzen teilnehmend dabei, obgleich die Schwerhörigkeit des Alters sie behinderte, so daß sie manchmal erklärte: »Die Menschen teilen sich mir nimmer in gute oder böse, sondern in solche, die deutlich und undeutlich reden.«

Jeden Sonntag vormittag kam treulich als ihr »Hausgeistlicher«, wie sie scherzend sagte, ihr Schwiegersohn zu ihr und las ihr mit seiner kräftigen Stimme eine Predigt vor; die letzten, an denen sie sich erfreute, waren die von Rittelmeyer und Geyer. Manchmal nahm an dieser Vorlesung auch die Tochter oder eine der Enkelinnen teil, nach beendigter Predigt ließen sie aber Schwiegermutter und -Sohn allein beisammen, denn diese beiden, die nun auch schon ein gutes Stück Lebensweg und immer in bestem Einverständnisse gegangen waren, hatten sich viel zu sagen, und wenn etwas von ihrem Gespräch in das Nebenzimmer drang, so waren es immer Worte, aus denen man erkannte, daß sie sich an der schönen gemeinsamen Erinnerung freuten, »als die Kinder noch klein waren«. So war auch noch am Sonntag den 24. Februar der treue Schwiegersohn bei ihr gewesen, sie sprachen diesmal über den nahen Geburtstag von Anna, und die eigenen Geburtstage dieses Jahres mochten ihnen dabei in den Sinn kommen, es sollte für Kerler der siebzigste, für Frau Brater der achtzigste sein. Freundlich, wie immer, rief er ihr beim Fortgehen noch mit seiner frischen Stimme zu: »Adieu Mutter, laß Dir’s gut gehen«, und keines von beiden ahnte, daß es ein letztes Abschiedswort war, keines hätte gedacht, daß der nächste Sonntag der Todestag dieses noch so frischen, kräftigen Mannes wäre. Eine Lungenentzündung überfiel ihn und bereitete ihm ein so leichtes, sanftes Ende, daß er fast ohne Leiden scheiden durfte.

Frau Brater hatte kein klares Bild von seiner Krankheit gehabt, denn ihr, die nicht helfen, nicht nach ihm sehen konnte, die nachts so manche schlaflose Stunde hatte, ihr wollte man gerne die Sorge und Angst ersparen, solange man noch hoffen konnte, daß sie gnädig vorübergehen würde. Und nun kam so rasch das Ende und die Botschaft traf sie innerlich unvorbereitet. Das war ein erschütternder Schmerz, denn in dieser Todesnachricht lag für sie das Bewußtsein, daß das Lebensglück ihrer Tochter dahin sei, ein Ehebund getrennt, dem ihrigen gleich an beglückender Innigkeit. Niemand wußte so wie sie, was das heißt, und sie trauerte tief und still. Manchen Morgen, wenn die Enkelin, die bei ihr im Zimmer schlief, an ihr Bett trat, fand sie die Großmutter in Tränen, manchen Abend lag sie wach in wehmutsvollem Gedenken, wenn sie gleich in rührender Rücksichtnahme sich still verhielt, um die anderen nicht zu bekümmern.

So waren fünf Wochen vergangen. Montag den 8. April abends kam Frau Brater langsam und vorsichtig wie immer aus ihrem Zimmer in das Wohnzimmer zum Abendessen und setzte sich mühsam in ihren Lehnstuhl an den Tisch. »Sieh, Großmutter,« sagte die Enkelin, »da ist das neue weiche Rückenkissen, wollen wir’s einmal probieren?« »Ja«, sagte sie, »aber jetzt nicht gerade, ich habe auf einmal so einen furchtbaren Kopfschmerz«, und sie lehnte sich zurück in den Stuhl, griff nach der Stirne und schloß die Augen, die armen, schwachen Augen, die ihr im Leben so unendlich viel Qual bereitet haben. Sie schloß sie und hat sie nicht wieder geöffnet.

Es war ein Schlaganfall. Das Bewußtsein verlor sich langsam. Sie versuchte noch hie und da ein Wort zu sprechen. Das letzte, was wir hören konnten, war ein leises, freundlich bittendes Wort an die Enkelin: »Anni, hilf mir ein bißle!« Von da an währte das Leben noch einige Tage, aber es war nur noch ein Atemholen und am Nachmittag des 12. April kam der letzte Atemzug.

Wir sagten uns alle: Wie gnädig ist es ihr ergangen, wie hat sie so schmerzlos hinüberschlummern dürfen, wir gönnten ihr auch, daß sie von aller Pein befreit war, verstanden es, wenn man uns sagte: Fast achtzig Jahre, da darf man nicht klagen, und _dennoch_ – o Du herzliebe Mutter, wie sollten wir Dich nicht vermissen??

Unser Buch schließt traurig, aber vielleicht doch nur traurig, weil wir zu kurzsichtig sind, um über den Tod hinaus zu sehen, in die Herrlichkeit, nach der dieser Geist schon auf Erden sich gesehnt hat. Seine besten Kräfte stammten aus dem Göttlichen und wenn sie nun nimmer in die irdische Hülle gebannt sind, werden sie dann nicht vereinigt sein mit ihrem göttlichen Ursprung? Ja wenn wir uns da hinein versenken, dann verwandelt sich unsere Trauer in ein Sehnen und Streben nach denselben Kräften und dann ist das Beste, dann ist der _Geist_ unserer Mutter bei uns geblieben.

Von _derselben Verfasserin_ sind im Verlag von _Gundert_ in _Stuttgart_ erschienen:

=Das erste Schuljahr.= Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren. 3. Aufl. geb. M 1.20

=Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.= Für Mädchen von 12-16 Jahren. 2. Aufl. geb. M 3.– (Die beiden Erzählungen in einem Band M 4.–)

=Lieschens Streiche= und andere Erzählungen, mit Bildern von Gertrud Caspari. geb. M. 3.60

=Das kleine Dummerle= und andere Erzählungen, zum Vorlesen im Familienkreise. geb. M 3.–

=Die Familie Pfäffling.= Eine deutsche Wintergeschichte. 2. Aufl. geb. M 3.–

[Anmerkungen zur Transkription: Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen S. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und S. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied S. 065: [Anführungszeichen ergänzt] »Mein 31. Geburtstag S. 074: 1851-1856 -> 1855 S. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen S. 085: [Anführungszeichen ergänzt] wöchentliche Zusammenkunft.« S. 089: [vereinheitlicht] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck S. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem S. 100: [Komma ergänzt] allmählich ergriffen, so S. 117: [Komma ergänzt] schneeweiß geworden, sie lag S. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über S. 147: [Komma ergänzt] hatte sie die Befriedigung, einen S. 149: [Anführungszeichen gestrichen] äußerte Brater: »Manches S. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch S. 167: [Anführungszeichen ergänzt] »Man sieht ihr nicht an, S. 197: ich erschrack sehr -> erschrak S. 200: [komma korrigiert] erspart war’ mochte auch ich -> war, mochte S. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen p. 233: [gesperrt] _Liebe Agnes!_ S. 239: [Anführungszeichen ergänzt] durchgekämpften Abschiedsschmerz.« S. 250: [Komma gelöscht] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das S. 270: [Anführungszeichen ergänzt] Urteil anmaßen« und so schreibt sie

Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde durch etc. ersetzt. (S. 160, 162, 248, 271, 305)

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Fett: =fett gedruckter Text= Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber’s Notes: The table below lists all corrections applied to the original text.

p. 043: Dich glück- zu wissen -> Dich glücklich zu wissen p. 045: uud erfreue mich schon jetzt -> und p. 053: der merkwürdige Uuterschied -> Unterschied p. 065: [added quotes] »Mein 31. Geburtstag p. 074: 1851-1856 -> 1855 p. 076: behend in all ihren Bewegung -> Bewegungen p. 085: [added quotes] wöchentliche Zusammenkunft.« p. 089: [unified] Heute ging ich mit Emma Schunk -> Schunck p. 090: »Denkwürdigkeiten aus meinen Leben« -> meinem p. 100: [added comma] allmählich ergriffen, so p. 117: [added comma] schneeweiß geworden, sie lag p. 145: Uber Täler, über Höhn! -> Über p. 147: [added comma] hatte sie die Befriedigung, einen p. 149: [removed quotes] äußerte Brater: »Manches p. 151: und es wäre ja ja auch für sie selbst -> wäre ja auch p. 167: [added quotes] »Man sieht ihr nicht an, p. 197: ich erschrack sehr -> erschrak p. 200: [corrected comma] erspart war’ mochte auch ich -> war, mochte p. 219: hat mich ganz durchdrungeu -> durchdrungen p. 233: [spaced out] _Liebe Agnes!_ p. 239: [added quotes] durchgekämpften Abschiedsschmerz.« p. 250: [removed comma] diese Trennung, wäre, das -> Trennung wäre, das p. 270: [added quotes] Urteil anmaßen« und so schreibt sie

The ligature for "etc." has been replaced by etc. (p. 160, 162, 248, 271, 305)

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_ Bold: =bold text= Antiqua: #text in Antiqua font# ]