Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau
Chapter 19
Die »bösen Tage« machten bald guten Platz, und der Aufenthalt in Boll, der Einfluß Blumhardts, entsprach den Erwartungen. Frau Brater schreibt über Blumhardt: »Ich begreife die Begeisterung, die diese ursprüngliche, liebevolle Persönlichkeit hervorrufen kann, hingegen verstehe ich auch, daß Geistliche, die in ihrer Schablone befestigt sind, sich von Blumhardt geradezu antipathisch berührt fühlen können. Eine Predigt z. B., in der auch einmal der Humor durchschimmert, so daß man sich des Lächelns nicht erwehren kann, das ist uns sehr fremdartig; diese heitere, stets in unmittelbarem Verkehr mit Gott stehende Natur, dabei der derbe Schwabe, das ist eine Eigenart, die nicht jedem zusagt.«
Sie selbst ließ sich durch diese Art nicht beirren. Ihr Herz und Ohr war immer offen, um von irgend einer Seite religiöse Anregung zu empfangen. Einen tiefen Eindruck hatte ihr das zuerst anonym erschienene Buch ihres Freundes Nagel gemacht »Der christliche Glaube und die menschliche Freiheit«. Noch war es ihr ungewohnt, ja erschien ihr fast anmaßend, mit Männern über solche Fragen zu korrespondieren, aber endlich sagte sie sich: »In religiösen Dingen ist niemand ein Laie, der ein Herz und ein Gewissen hat, und jeder solche darf sich über solch ein Buch ein Urteil anmaßen« und so schreibt sie an Rohmer: »Dieses Buch hat mich vielfach in die unmittelbare Nähe Gottes geführt. Ich denke mir, daß es den Kindern des 19. Jahrhunderts eine Wohltat sein muß, ein erlösendes Wort für ihre Zweifel zu finden; mein oftmals geängstetes und mitunter von allen Zweifeln erfülltes Herz findet darin volles Genügen .... allein daß von der Erkenntnis der Wahrheit bis zu der Aneignung derselben eine weite Kluft ist, das weiß ich nur gar zu gut.... Läßt sich äußerlich etwas tun zu der Verbreitung des Buches? Versäume doch ja nichts. – Du siehst: ›wes das Herz voll ist etc.‹ Ich bin zu begierig jemandes Urteil zu hören, habe natürlich mit niemandem sprechen können, da ja die Anonymität so sehr gewahrt werden soll.« Und in einem späteren Briefe: »Deinen Brief habe ich Lina mitgeteilt, aber über das Buch habe ich geschwiegen, wenn ich _hier_ über dasselbe spreche, so ist der Autor sofort erkannt, ich bin aber vollständig zum Schweigen verpflichtet. Wollen wir nur fleißig in dem Buche lesen, es verfehlt seine beseligende Wirkung nicht und wird uns, wenn dieses Leben die Geburtsstätte für ein künftiges ist, auf die Dauer zusammenführen.«
Immer weitergehend auf dieser Spur fand sie noch manches Werk, das ihr vorwärts half, teilte in gegenseitiger Anregung mit ihrer Tochter Anna dieses warme Interesse und war besorgt, auch der fernen Tochter von ihren Bücherschätzen mitzuteilen. »Sehr erfreut war ich,« schreibt sie ihr, »daß Du Dixon (»Das heilige Land«) so gern gelesen hast und auch die Erfahrung machtest, daß man vieles im neuen Testament nach ihm erst richtig erfassen lernt. Mir war das Christentum, so wie ich es überkommen hatte, ein kaltes, totes Lehrgebäude und erst in meinen spätern Jahren habe ich es in dem Sinn, wie auch Dixon es andeutet warm ins Herz fassen lernen, und darum möchte ich andern, vor allem Dir, auch zu dieser Erkenntnis verhelfen. Für Deinen Braterischen Widerspruchsgeist scheint es mir vor allem nötig, Dich in das Bewußtsein Deiner vollkommenen Freiheit zu versetzen, man widerstrebt nur solange man denkt, daß einem etwas aufgenötigt wird, was von Menschen gemacht ist.«
In Beziehung auf geistigen Besitz gilt das Wort: »Wer da hat, dem wird gegeben.« Wo ein Mensch lebhaftes Interesse für irgend einen Gegenstand zeigt, da wird ihm von allen Seiten zugeführt was dieses noch mehr beleben kann. Hatte Nagel vor allen andern Frau Brater sein Buch zugesandt, so brachte Schwiegersohn Kerler ihr und seiner Frau zu gemeinsamem Lesen, was ihm hervorragend erschien, und so sandte ihr Rohmer eine Reihe von Briefen religiösen Inhaltes, die von Schultheß geschrieben waren, einem tiefen Denker, mit dem schon Brater in Beziehung gestanden war. Eine lange Zeit bildeten diese den Inhalt des Briefwechsels zwischen ihr und Rohmer.
Sie schreibt: »Daß Du inmitten aller Sorgen, Arbeiten und Freuden dennoch mit Schultheß in der Weise korrespondierst, das zeigt eben, daß es Dir geht wie mir, was Augustin so ausdrückt: ›Du hast uns, Gott, gemacht zu Dir und unsere Seele ist unruhig, bis sie Ruhe findet in Dir.‹ Ich habe diesen Brief mit größtem Interesse und ebensoviel Freude gelesen, es wäre wahrlich ein Unrecht gewesen, hättet Ihr ihn nicht drucken lassen. Wenn ein Mann wie Schultheß, den man im kirchlichen Sinn nicht einen Christen nennen kann, ein solches Glaubensbekenntnis ablegt, so hat dies etwas wahrhaft Erhebendes und Stärkendes auch für diejenigen, die einen Schritt weiter trachten als er. Ja, es scheint mir, daß, wenn alle Menschen voll und ganz sein Bekenntnis teilen würden, man nicht mehr zu beten brauchte: »Dein Reich komme ...« Ich meine unsere Geistlichen müßten die Glaubensartikel im Lauf ihres Lebens und Wirkens mit ihrer Gemeinde zu ergreifen _trachten_, Geistliche und Gemeinde müßten als _werdende_, nicht immer schon als _seiende_ Christen angesehen werden ...
Wenn ich die so interessanten und sympathischen Briefe von Schultheß lese, so geniere ich mich fast, irgend zu widersprechen, darum will ich auch nicht versäumen demütig das Bekenntnis meiner großen Unwissenheit auszusprechen; nur in einem Punkt nehme ich auch für uns Frauen etwas in Anspruch: ein Gefühl für das, was wahr sein kann.«
Mitten aus seiner regen geistigen Tätigkeit heraus wurde Schultheß durch den Tod abgerufen, zum tiefen Schmerz all seiner Freunde.
»Ich muß oft an ihn denken,« schreibt Frau Brater an Rohmer, »an ihn, der nun vom Glauben zum Schauen hindurch gedrungen ist und von dem ich annehme, daß er nicht in ein »dunkles Land« sondern in eine heimische Umgebung eingetreten ist....
... Laß Dir noch besonders danken für Deine Mitteilungen über Schultheß’ Heimgang. Welch ein schöner Tod, wenn sich einfach der ermüdete Körper niederlegt und der Geist frei wird! Die Äußerung von Schultheß: »ich habe in siebzig Jahren niemals Schmerzen gehabt« war mir höchst merkwürdig und ist mir ein Schlüssel zu seinem Wesen. Es ist doch sicher, daß derjenige, der selbst nie _wesentliche_ Schmerzen überwunden hat, sich solche auch _unmöglich_ vorstellen kann, also eine der härtesten Lasten, ja vielleicht _die_ härteste Last, die das arme Menschengeschlecht drückt, war Schultheß unbekannt und damit auch zugleich der stärkste Antrieb zum Zweifel an einer persönlichen Wirksamkeit Gottes und daher wiederum sein leichtes Überzeugtsein von einer solchen. Es ist ja möglich, daß Schultheß dennoch schwere Tage durchmachte, aber Sorgen oder Seelenschmerzen haben immer schon eine Verwandtschaft mit dem Göttlichen, leiten uns dahin, nur die Körperschmerzen haben so etwas elend Herunterziehendes.«
XV.
1886-1896
Die traurige Beigabe des höheren Alters, einen Jugendgenossen nach dem andern scheiden zu sehen, mußte Frau Brater reichlich erfahren. Von den vier Brüdern Pfaff starb auch der letzte, Professor Fritz Pfaff, schon im Jahr 1886, ihr ältester Bruder Heinrich Kraz war der einzige, der ein hohes Alter erreichte. Sie schreibt an Agnes:
»Ich bringe mir erst jetzt zum Bewußtsein, wie unendlich oft ich meines Bruders Fritz gedachte, und in wie vielen Dingen ich mich an ihn wenden konnte. Als ich das letztemal bei ihm war, sagte ich ihm: ›Das ganze Jahr hindurch drängen sich mir immer Fragen an Dich auf und wenn ich bei Dir bin, fallen sie mir nimmer ein.‹ Da schlug seine Else vor, ich solle doch einen Fragebogen anlegen. Das tat ich und ein solches Blatt mit Fragen liegt nun in meiner Briefmappe und bleibt für immer unbeantwortet.«
Gingen die Brüder frühe dahin, so blieben ihr doch zwei von den Schwestern ihres Mannes erhalten und standen ihr nahe wie eigene. Ihre Altersgenossin Luise war fast jedes Jahr einige Wochen mit ihr vereinigt, so daß es zusammen einen beträchtlichen Teil des Lebens ausmachte. Treulich hielt sie auch an den alten Freundschaften fest und aus dem unbefangenen Ton ihrer Briefe geht hervor, wie vertrauensvoll sie zusammenstanden. Gelegentlich eines Familienfestes schreibt sie an Lina Sartorius:
».... Ja, es ist ein langes Stück Leben, das wir in inniger Teilnahme miteinander zurücklegten und vieles schließt es in sich bis zwei übermütige, leichtsinnige, lebensfrische junge Mädchen zu zwei so wackeligen Gestalten heranreifen wie wir es nun beide sind; ich bin in Gedanken bei Dir und an Deinem Feiertage im Geiste mitten unter Deinen Gästen und da sehe ich, wie Du in gleicher Frische wie vor einem halben Jahrhundert nun das Jugendglück Deiner Kinder mitempfindest; was Dich selbst etwa beschwert, drängst Du in den Hintergrund, ich sehe nur Dein fröhliches Gesicht, denn Heiterkeit und Genügsamkeit sind Dir als zwei Edelsteine in die Wiege gelegt.«
Wie in den Briefen Frau Braters, so war auch im mündlichen Verkehr die Mischung von gemütvollem Ernst und fröhlichem Humor ein eigenartiger Reiz ihrer Unterhaltung. Wer auch nur eine Stunde bei ihr war, hatte gewiß beides kennen gelernt, sowohl ihren heiteren Ton als auch ihre ernste Lebensauffassung, denn diese beiden Seiten ihres Wesens kamen immer zum Ausdruck. Sie hatte nicht, wie manche, ihre Stunden oder Tage, an denen sie zu Spaß und Scherz aufgelegt war und andere, an denen nur Ernstes sie beschäftigte. Nein, die Heiterkeit leuchtete stetig aus ihrem Wesen und umfloß wie ein freundliches Licht die Ewigkeitsfragen, die bei all ihren Gesprächen anklangen. Eine Gesellschaft, in der fortgesetzt ernster gemessener Ton waltete, sagte ihrem Wesen nicht zu und wurde bald durch einen Schimmer ihres freundlichen Humors belebt, aber ebensowenig war sie innerlich befriedigt, wenn Spaß an Spaß, Witz an Witz sich drängte, obwohl sie mittun konnte, ja dem lustigen Ton unwillkürlich Vorschub leistete durch die köstliche Eigenschaft, die sie besaß, nie etwas übel auszulegen und sich jede Neckerei gefallen zu lassen. Als einmal in größerem Familienkreis unter andern Fragen diese aufgegeben wurde: wer von uns steht himmelweit über der Empfindlichkeit? wurde sofort auf sie geraten.
So fand jeder, der zu ihr kam, was er brauchte, mit Ernst ging sie ein auf das, was einen jeden beschäftigte, und mit Heiterkeit erfrischte sie alle Müden oder pessimistisch Gestimmten.
Und noch etwas zog die Menschen zu ihr hin: ihre Entschiedenheit. Wer unsicher und schwankend vor irgend einem Entscheide stand oder sich in verwirrten Lebensverhältnissen nicht zurecht fand, der konnte sich bei ihr Rat holen. Mit seltener Klarheit fühlte sie heraus, was das Richtige sei, und gab ihre Meinung ab, ohne sie durch ein vorsichtiges »einerseits, andererseits« wieder einzuschränken. Sie fürchtete nicht die Verantwortung eines entscheidenden Einflusses, sondern nahm diese auf sich und hätte ihr je einmal jemand gesagt: »Ihr Ratschlag war kein guter« so hätte sie das bedauert, aber nicht bereut. Sie schätzte die Menschen nicht hoch, von denen sie scherzend das Wort zitierte: »Ich sage nicht so und nicht so, dann kann man nicht sagen, ich hätte so oder so gesagt.«
Es ist uns aber nichts davon bekannt, daß sich ihre Ratschläge nicht bewährt hätten, denn praktisch und vorurteilslos, immer das Sittliche als Norm empfindend, war sie wohl geeignet, das Richtige zu treffen. Für alle schwankenden Naturen ist der Umgang mit einer solchen Persönlichkeit von größtem Werte. Manches Schicksal hat sie gelenkt, manchen Entschluß herbeigeführt, aber wie sie über solche Vertrauenssachen immer Schweigen bewahrt hat, so soll dies auch ferner verschwiegen bleiben. Nur die Worte einer Freundin sollen angeführt werden, die selbst den Wunsch geäußert hat, hier niederzulegen, was Frau Brater ihr war:
»Sie ahnte meine Schwierigkeiten, meine inneren Kämpfe, sie wurde meine Beraterin, meine treue Helferin in stets sich steigernder Not. Wer weiß, wie ich diese ertragen hätte ohne die sichere Hilfe der Menschenfreundin. Ihr und ihrem energischen Eingreifen hab ich’s zu verdanken, aus meiner lähmenden Unentschiedenheit herausgerissen worden zu sein. Ich kann mich in dem mehr als zwanzigjährigen Verkehr mit der geklärten innerlich erhabenen Freundin keiner Zeit erinnern, in der ich mich in großen wie in kleinen Dingen nicht durch ihre starke Stütze gehoben und getragen gefühlt hätte. Wie viele Menschen mag sie, die Starke, in ihrer Hilfssicherheit so über Wasser gehalten haben! Daß sie mich wegen meiner Schwäche nicht aufgab, hat mir oft zu neuem Mut und Selbstvertrauen verholfen. Dies danke ich ihr über ihr Grab bis zu meinem Grab.«
Von allen, die zu Frau Brater kamen, gingen wohl nur die unbefriedigt von dannen, die in trivialer Klatschsucht ihre Unterhaltung suchten. Solchen konnte sie nichts bieten, denn von Stadtneuigkeiten wußte sie nicht viel, sie hatte kein Auge und Ohr dafür. Stand sie am Fenster, so sah sie nicht nach den Vorübergehenden, sie sah nach Wolken und Wind. Nahm sie die Zeitung zur Hand, so geschah es wohl in der Absicht sie ganz zu lesen, aber zunächst interessierte sie sich für das Politische und war das gelesen, so reichte meist die Kraft ihrer Augen nimmer zu den Lokalnachrichten. Wurden in ihrer Gegenwart nichtige Dinge des Langen und Breiten verhandelt, so verlor sie die Geduld, die ohnedies nicht ihre starke Seite war. Fing da jemand umständlich an: »Wie wir im August vorigen Jahres in N. waren – oder war’s schon im Juli?« dann konnte sie gleich die Bemerkung einwerfen: »Ganz einerlei, nur weiter!« Gab irgend ein Familienereignis Anlaß zu allerlei Gerede, so witterte sie schon Klatschsucht, die ihr in der Seele zuwider war, und sie lenkte ab, zwar nie in schroffer Weise, mehr mit Humor, aber immerhin deutlich. Übrigens wandte Frau Brater auch kleinen häuslichen Angelegenheiten ihr volles Interesse zu, sowie diese nicht nur als Unterhaltungsstoff dienten, sondern es sich darum handelte, die richtige Stellung dazu einzunehmen. So hielt sie es wohl der Mühe wert, trotz der schmerzenden Augen, ihrer Tochter Agnes gelegentlich eines Magdwechsels eingehend zu schreiben:
»... In Beziehung auf Dein junges, neues Mägdlein habe ich die Sorge, daß Du sie verwöhnst, d. h. nicht gehörig abrichtest; bei Euch in Württemberg ist das Verhältnis zwischen Frau und Dienstmädchen im Durchschnitt ein wenig anders als bei uns, bei Euch betrachtet es das Mädchen als selbstverständlich, daß die Frau die Hausarbeit eben so gut kann wie sie und daß sie natürlich mit angreift, wenn das Mädchen nicht fertig wird, sie findet nichts Auffallendes daran, daß auch die Frau Magdarbeit tut. Du hast Dich nun dieser Auffassung ein wenig angeschlossen, Beispiel: als einmal Deine Pauline fort war, sagtest Du mir, daß Du in solchen Fällen immer besonders schön abspülest und die Küche aufräumest; bei uns würde man in solchem Falle nur das _Notwendigste_ tun und das Übrige für die Magd zurückstellen; Dein Verfahren ist nun ganz schön, vorausgesetzt, daß es das Mädchen _richtig_ annimmt. Pauline war ja eine pflichttreue fleißige Person, da war nichts Wesentliches zu fürchten, aber wenn Du nun ein so junges Mädchen bekommst, das sich bei Dir ihre Auffassung des Verhältnisses teilweise erst bildet, so mußt Du vorsichtig sein. Sie muß von der Überzeugung durchdrungen sein, daß diese Geschäfte für _Dich_ nicht passen, daß eine tüchtige Magd diese Arbeiten der Frau abnehmen muß, weil diese für andere Leistungen und Verhältnisse da ist. Die Gefahr, daß sie Dich für hochmütig oder geringschätzend hält, wirst Du nicht fürchten, denn diese Eigenschaften sind etwas _ganz_ anderes und wenn sie ihr Dienstbotenverhältnis richtig erfaßt, so wie es eben sein muß, Deine _Dienerin_, so wird sie auch Deine Freundlichkeiten, Rücksichten und Anerkennung in rechter Weise aufnehmen und sich dabei wohl fühlen. Das Anleiten einer Magd habe ich immer als etwas Schwieriges empfunden, denn wir sind dazu nicht aristokratisch genug, und wenn wir sie dann glücklich verwöhnt haben, ärgern wir uns doch darüber und es tut kein gut; rücksichtslose und bequeme Frauen machen es in _dem_ Stück wirklich besser...«
Freundlich gestaltete sich Frau Braters Leben während der nächsten Jahre in ihrer stillen Würzburger Behausung. So oft sie das Bedürfnis fühlte, konnte sie im Hause Kerler Anregung finden und die beiden heranwachsenden Enkelkinder brachten ganz neue Interessen in ihr Leben. In ihrem Album ist dieser Periode mit den Worten gedacht: »Sie lauschet der Enkelin lieblichem Sang, sieht stolz auf des Enkels heroischen Gang.« So stand sie mitten im Leben und fand doch in ihrer kleinen Wohnung die Feierabendruhe, die sie täglich mit Wonne empfand. Eine »Zugehfrau« nahm ihr einen Teil der Hausarbeit ab. Solche Frauen stehen meist im harten Kampf ums Dasein, Frau Brater nahm daran warmen Anteil und half mancher aus schwieriger Lebenslage, denn bei ihrer rührenden Anspruchslosigkeit und zweckmäßigen Einteilung behielt sie immer Geld übrig und spendete nach allen Seiten. Es war komisch, zu beobachten, wie verschieden ihre pekuniären Verhältnisse beurteilt wurden: wer auf ihre Einfachheit und Sparsamkeit sah, der urteilte: »Eine ganz arme Frau!« Wer es erfuhr, daß sie einer bedrängten Familie aufhalf und es ihr dabei auf einen Hundertmarkschein nicht ankam, der sagte: »So gibt nur eine sehr reiche Frau.« Beides war nicht richtig. Reich war sie, wenn man reich jeden heißt, der mehr hat als er braucht, aber sie brauchte für sich weniger als wohl die meisten ihres Standes. Sie blieb bei der alten Gewohnheit höchster Einfachheit, auch noch nachdem sie durch den Tod des treuen Familienonkels Meynier in bessere Verhältnisse gekommen war, denn es freute sie beides gleich sehr, das Sparen und das Geben und das letztere wurde durch das erstere möglich. Es mögen wohl die meisten deutschen Hausfrauen sparen, aber vielleicht wenige so durchgehend, wie sie es tat. Wer Frau Braters System in ihrem kleinen Miniaturhaushalt beobachtete, der konnte im Punkte praktischer Einteilung gewiß immer noch etwas dazu lernen. So z. B. die Ausnützung der Wärme. Wärmeverlust konnte sie nicht mit ansehen. Hatte sie einen Topf voll Milch abgekocht, so war ihr der Gedanke ärgerlich, daß nun die Wärme dieser achtziggradigen Milch nutzlos verloren gehen sollte. Also wurde dieser Topf mit Milch schnell in eine Schüssel mit kaltem Wasser gestellt und der Moment abgepaßt, da die Temperatur der Milch sich mit der des Wassers ausgeglichen hatte und in diesem, ohne jeglichen Verbrauch von Brennmaterial erwärmten Wasser wurde das Frühstücksgeschirr aufgewaschen. Die Befriedigung lag dann nicht sowohl in dem ersparten Pfennig als in dem schön durchgeführten Prinzip der rationellen Wärmeverwertung.
Es hat wohl keine Wohnung gegeben, in der, wenn Frau Brater darin gelebt hatte, die Öfen nachher noch ebenso aussahen wie vorher. Irgend etwas Unzweckmäßiges konnte sie da nicht dulden. Rauch und Ruß durften nicht vorkommen, ihre Öfen mußten, ohne geputzt zu werden, den Winter durch aushalten, ebensowenig durfte aber die Wärme zu rasch abgehen, sie wollte nicht »den Weltenraum heizen«. Auch eine gute Backröhre ließ sie sich in jeder Wohnung einrichten. So war denn auch ein begabter Häfner das Ideal, nach dem sie immer strebte und oft genug sagte sie, es sollte niemand Häfner werden dürfen, der nicht Physik studiert hat! Hatte sie nun so einen Handwerksmann, der eben nicht Physiker war, berufen, so wich sie ihm nicht von der Seite und wollte er zuerst mit einem kühlen »ich weiß schon« oder »so macht man’s immer« nach gewohnter Schablone arbeiten, so wußte sie ihn in so eifriger und netter Weise für ihr Ideal zu interessieren und entschuldigte dabei ihre verständigen Wünsche auf so bescheidene Weise als eine bloße Liebhaberei von ihr, die er eben berücksichtigen möchte, daß jeder schließlich darauf einging und ihren Angaben folgte. Alle Handwerksleute hatten gerne mit ihr zu tun und es zeigte sich oft, wie anziehend eine originelle Persönlichkeit auf Leute jeder Gesellschaftsklasse wirkt.
Wie die Wärme, so sparte Frau Brater auch andere Kräfte. Besah man sich genau ihre nette, in musterhafter Ordnung gehaltene Wohnung, so bemerkte man, daß ihre Schränke an den vorderen Füßchen kleine Holzklötzchen unterlegt hatten. Warum? Weil dadurch die Schranktüren von selbst die Neigung hatten zuzufallen und es somit nicht nötig war, sie immer mit dem Schlüssel zuzuschließen, was ihr als eine unzweckmäßige Zeit- und Kraftverschwendung erschien.
Zeit, Kraft und Geld zu sparen, um solche dann reichlich zur Verfügung zu haben, war ihr Ideal; und wie sie im Kleinen darnach lebte, so wünschte sie sehnlich es auch im Großen, im Staat, durchgeführt zu sehen. Schlechte Finanzverhältnisse waren ihr ein Greuel, sie empfand solche als etwas Unmoralisches und sprach sich oft in ihrer lebhaften Art dagegen aus. Sie erlebte in späteren Jahren, daß der älteste Sohn ihres Bruders Siegfried Finanzminister in Bayern wurde. Da nun Siegfried schon im Elternhause derjenige gewesen war, der ihren Ordnungssinn geteilt, und da er später an seiner Gattin eine musterhafte Hausfrau gehabt hatte, so frohlockte sie, als sie hörte, daß dessen Sohn künftig im Staat den Haushalt führen sollte.
In ihrem kleinen, rationell eingerichteten Heim fühlte sich Frau Brater sehr wohl, aber sie spann sich doch nicht zu sehr darin ein. Jedes Jahr reiste sie nach Calw, in den Schwarzwald, wo jetzt ihr Schwiegersohn Sapper als Gerichtsnotar angestellt war und im Sommer begleitete sie die Familie Kerler auf das Land. Von solch einem Aufenthalt, im Fichtelgebirg, schreibt sie an ihren Neffen Hermann Braun: »So etwas von Waldespracht sieht man nicht leicht und nach unsern Laubwäldern tritt einem der Charakter des Nadelwaldes wahrhaft imposant entgegen, die dunkle Farbe, die gemessene Bewegung; während so ein belaubter Baum im Winde mit seinen tausend Blättern zappelt und plaudert, wiegt so eine Tanne still sinnend ihr Haupt. Wir haben eine Fahrt an den Fuß des Schneeberges gemacht, den die Jungen und Gesunden erstiegen. Ich blieb mit Anna in dem unermeßlich scheinenden Walde zurück umgeben von einem Felsenchaos, das an einen Weltuntergang mahnte. Diese Felsen erhöhen allenthalben das Anziehende des Fichtelgebirges und das Herz schlägt ganz anders, wenn man auf einem so kantigen, glitzernden Granitbrocken steht als auf einem jämmerlichen Sand- oder Kalkstein, der für gewöhnlich die Unterlage unseres Daseins bildet.«
Mit der Familie Rohmer machte Frau Brater zweimal Reisen in die Schweizer und Tiroler Alpen, die zu ihren schönsten Freuden gehörten. Nach der Heimreise von der Schweiz schrieb sie an die Familie Rohmer, die sich noch dort aufhielt: ».... Morgens um ½7 schon war ich in Luzern auf dem Wege zu den drei Linden, wo es so schön war, daß ich selbst fast angewurzelt wäre, denn ich konnte mich gar nicht zum Fortgehen entschließen. Dann sah ich den Gletschergarten! Wenn Ihr bedenkt, daß ich schon in meiner Jugend immer dachte, wenn ich König wäre, würde ich einen Sommer lang alle meine Soldaten verwenden, um einen Gletscher abzuräumen, damit ich sehen könnte, wie es _unter_ dem Eis aussieht – dann könnt Ihr Euch auch denken, wie ich nun im allerhöchsten Grade befriedigt bin, diese meine Neugierde gestillt zu sehen! Es ist in der Tat eine rechte Erweiterung der Kenntnis über die Gletschertätigkeit, die einem dieser Anblick verschafft, und staunend steht man hier vor einem Resultat, welches das Werk von wenigstens Jahr_tausenden_ zu sein scheint! Wahrlich, dieser Gletschergarten ist ein wahrer Glücksfund!... Mit dem Abendzug fuhr ich nach Schaffhausen, in Dachsen nahm ich schmerzerfüllt Abschied von den sonnenglänzenden, ewigen Schneebergen, die schon in weiter, weiter Ferne lagen, aber noch goldig herübergrüßten. Ich dachte Eurer und sende Euch jetzt noch meinen Dank für den unvergeßlichen Genuß, den Ihr mir bereitet habt, und für alle Eure Liebe und Freundschaft!«