Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 18

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Als sich späterhin Frau Brater entschloß ihren Neffen und Nichten den Vorschlag der Übersiedelung nach Würzburg zu machen, fand sie allgemeine Zustimmung, und da sie von Kindern und Enkeln in Würzburg herzlich willkommen geheißen wurde, so galt es nur noch, für Haus und Garten einen Mieter zu finden. Dies gelang über Erwarten bald und der Umzug wurde im Sommer 1880 bewerkstelligt. Das Loslösen aus dieser alten Heimat mit ihren vielen teueren Erinnerungen wurde ihr wohl schwer und die Trennung von den Verwandten ging ihr nahe, aber noch in letzter Stunde half ein freudiges Ereignis über den Abschied hinweg, es war die Verlobung ihrer Nichte Johanne, die nun zunächst noch als Braut mit übersiedelte nach Würzburg, das nach bewegtem Wanderleben Frau Braters letzte Heimstätte werden sollte. Ganz nahe bei der Familie Kerler wurde eine freundliche Wohnung gemietet und der tägliche Verkehr in diesem Hause war von nun an ihre Herzensfreude. Die Stadt selbst, am Main gelegen, von den umliegenden Höhen aus betrachtet ein schönes Bild bietend, war ihr indes lange Zeit nicht sympathisch. »Weinberge sind etwas Schreckliches,« schreibt sie, »hier ist’s schattenlos und staubig, man kommt heim, wie wenn man im Mehl herumgestiegen wäre; wenn die Höhen ringsum nicht alle abgeholzt wären, hätten wir auch mehr Regen, aber der Wald ist weit weg und die Trockenheit groß.« Jedoch – ob Weinberg oder Wald – diese äußeren Verhältnisse sollten ihr bald recht nebensächlich erscheinen, denn die nächsten Jahre brachten ihr ungewöhnliche Aufregungen durch die Schicksale, die sie mit ihren Pflegekindern teilte. Diese standen ja ihrem Herzen nahe wie eigene Kinder und eine Mutter kann nicht aufhören, für ihre Kinder zu sorgen, auch nicht wenn diese herangewachsen sind, ja es kann ihr auch kein Gericht durch die Mündigkeitserklärung das Gefühl der Verantwortlichkeit abnehmen, denn der Einfluß, den sie bisher gehabt hat, hört nicht plötzlich auf, sie ist sich bewußt, ihn noch immer zu besitzen, und es sind die Schicksale erwachsener Kinder oft dadurch besonders aufregend für die Mutter, daß es in jedem einzelnen Fall eine Frage des Gewissens und des Taktes ist, wie weit sie ihren Einfluß noch geltend machen soll.

Der älteste Neffe, ein hochbegabter und liebenswürdiger junger Mann, der mit großer Liebe an seiner Tante und an den Geschwistern hing, hatte doch nicht die nötige Charakterstärke, sein kleines Vermögen zusammenzuhalten, als er es ausgehändigt bekam und es wurde ihm zum Unsegen. Er entzog sich dem Einfluß der Familie, verließ Würzburg und verlor dadurch den letzten Halt. Schmerzlich klingt aus allen Briefen Frau Braters in jener Zeit die Klage; »Wir wissen nicht, wo Robert ist« und oft genug stellt sie sich die Gewissensfrage: »Hätte ich ihn nicht halten können?« Jahr und Tag verflossen, bis der Vermißte zurückkam zu den Seinigen. Das Wiedersehen war unendlich traurig, denn was sollte nun aus ihm werden? In seinem juristischen Berufe konnte er nicht wieder ankommen, die Türen, die früher für ihn offen gestanden, waren nun geschlossen, umsonst wurde überall angeklopft, er fand keine Anstellung. In mancher schlaflosen Nacht quälte sich Frau Brater, um einen Ausweg zu finden, und diese Wochen gehörten zu den peinlichsten ihres Lebens. In dieser schwierigen Lage tat sich endlich eine Möglichkeit der Existenz auf. In Südamerika wurden deutsche Lehrkräfte gewünscht und von Barmen aus dorthin empfohlen. Dankbar wurde die Hand ergriffen, die sich zur Hilfe bot, um so mehr als der Aufenthalt im warmen Klima günstig für die angegriffene Gesundheit des jungen Mannes erschien. Er schiffte sich ein, erreichte glücklich das Ziel und die verheißene Anstellung. Mancher Brief, voll Liebe und Dankbarkeit gelangte aus weiter Ferne in Frau Braters Hände und gab ihr die beruhigende Überzeugung, daß unter diesen traurigen Umständen das Beste geschehen war. Nur die erschütterte Gesundheit wollte sich nicht wieder befestigen, immer bedenklicher lauteten in dieser Hinsicht die Nachrichten. Traurig schreibt sie über ihn: »Roberts Befinden scheint rasch abwärts zu gehen, es ist mir so unsäglich schmerzlich, den schwer Leidenden so einsam in der Fremde zu wissen! Wir haben ihm in letzter Zeit öfter geschrieben und es ist mir ein Trost, daß er sich wenigstens an diesen Briefen und Liebeszeichen erfreut.« Ein Jahr etwa, nachdem Frau Brater den ersten Brief aus Amerika erhalten hatte, traf der letzte ein und bald darnach die Todesanzeige.

»Es tut einem das Herz weh,« schreibt sie an ihre Tochter, »wenn man dieses so traurig zu Ende gegangene Leben überblickt, und die Wehmut wird nur vermehrt dadurch, daß man zuletzt noch seine Erkenntnis teilen durfte. Ich zweifle nicht, daß er den Weg zur ewigen Heimat gesucht und gefunden hat.«

XIV.

1883-1886

In derselben Zeit, da Frau Brater voll Schmerzen an den Neffen in der Ferne dachte, nahmen auch die Lebenspläne ihrer Nichte Julie sie vollauf in Anspruch. Das junge Mädchen wurde zur Frau begehrt von einem Deutschen in Südamerika, der früher in Erlangen gelebt hatte und ihr lieb war. Tief im Innern Argentiniens war er als Professor an einer höheren Lehranstalt angestellt und dort wollte sie dem Vereinsamten heimisches Glück bereiten. Die Frage, ob sie in diese weite Ferne ziehen, in unbekannten Verhältnissen einen Hausstand gründen sollte, war wiederum ein schwerer Entschluß. Freilich hatte diesen nicht eigentlich Frau Brater zu fassen, aber sie wußte doch, daß ihr Einfluß, ihr Rat schwer in die Wagschale fiel, und war bedrückt von dem Gefühl der Verantwortlichkeit.

Im Oktober 83 war Frau Brater zu neuen Großmutterpflichten nach Württemberg gereist, denn trotz aller Schwierigkeiten daheim brachte sie es nicht über sich, der Tochter in solcher Zeit ihre Hilfe zu versagen. Von dort zurückgekehrt schrieb sie an ihre Tochter Agnes: ... »Was mich betrifft, so bin ich hier in einen Strudel gekommen, in dem ich mich fast nimmer aufrecht halten konnte. Juliens Angelegenheiten haben sich soweit vorgeschoben, daß man nimmer gut zögern konnte, und doch zeigen sich Schwierigkeiten und unmäßige Ausgaben. Ich habe mich zermartert, um einen Ausweg zu finden, oder die Sache zu verzögern, bis S. Aussicht hätte, in einen Ort zu kommen, der nicht fast unerreichbar ist; aber wir können ihm ja nimmer zuverlässig schreiben, bis er den Brief erhält, ist er ja vielleicht schon auf der Reise, ihr entgegen, und _wenn_ er schon auf der Reise ist, so müssen Juliens Sachen längstens bis Samstag unterwegs sein!

Wir sind also in stürmischer Eile, um eine Sache zu bewerkstelligen, die ich in meiner gegenwärtigen Stimmung für ein Unglück halte; ich war kaum zwei Stunden hier, so schrieb ich schon an Krazers nach Stuttgart um eiserne Bettstellen. Ich bestellte Kisten, Matratzen, Betten usw. und noch weiß ich nicht sicher, ob unsere Sachen noch angenommen werden. Ich war in den ersten Tagen hier nahezu verzweiflungsvoll, denn ich fühle mich verantwortlich und hätte zu rechter Zeit Julie gut bestimmen können, noch ein Jahr zu warten, aber indem man immer »für alle Fälle« Zurüstungen traf, übersah man den Punkt, von wo aus der Rückweg abgeschnitten war. Soeben habe ich einen Sattel gekauft für 140 Mark, Julie hat von der Endstation bis zu ihrem Ziel drei Tage zu reiten! Wenn diese Woche mit ihren aufregenden Zurüstungen vollends überstanden ist, dann beruhige ich mich auch wieder und unwillkürlich werden dann mehr die Lichtseiten in den Vordergrund kommen, die Julie als hell leuchtend erkennt.«

Die großen Kisten mit dem nötigen Hausrat gelangten glücklich auf das Segelschiff und während sie auf dem Ozean schwammen, beging die Familie noch mit wehmütiger Freude das Weihnachtsfest. Fehlte doch der älteste Bruder und mußte man nicht annehmen, daß auch die drei Geschwister das Fest zum letztenmal gemeinsam feiern würden? Gleich nach Weihnachten wurde der Platz auf dem Schiffe, das in Marseille abgehen sollte, bestellt und der Koffer gepackt, der das Nötigste für die sechs Wochen lange Seereise enthielt und das Hochzeitskleid der Braut. Am 8. Januar früh morgens, noch ehe es Tag war, geleiteten die Tante und die Schwester das tapfere Mädchen an die Bahn.

Noch am selben Tag und auch am folgenden sandte Frau Brater der Reisenden die ersten Grüße nach, die sie in Basel und in Marseille erhielt. Es drängte sie, noch einmal ihre ganze Liebe der entschwindenden Pflegetochter auszusprechen. In einem langen Briefe blickt sie zurück auf die Zeit, in der sie die kleinen Mutterlosen übernahm, und erzählt: »In der letzten Nacht, die Deine liebe Mutter erlebte, sagte sie mehrmals zu Eurem Vater: ›sorgt für eine treue Person für meine Kinder‹ und welches Mutterherz könnte diese Bitte nicht nachempfinden und würde sie nicht erfüllen, wenn es ihm möglich wäre? Als ich in jener traurigen Zeit zu Euch kam, da ward Ihr ja noch klein und kummerlos, aber jede Nacht, wenn ich vor dem Schlafengehen noch nach den vier kleinen Schläfern schaute, hatte ich das Gefühl, daß auch Euer Mütterlein sanft ruhen könne, wenn eine liebende Hand ihre Kinder zudeckt; als dann auch Euer Vater uns verließ, da stand ich oft, oft vor den Bildern Eurer lieben Eltern und fragte mich prüfend: ›Bist Du auch gewiß diese treue Person? und kannst Du einst bestehen vor ihnen mit all Deinem Tun?‹ – So glaubt mir nun eben, Ihr lieben Kinder, und vor allem _Du_, mein liebes Kind, das nun aus dem Nest geflogen ist, meine _Absicht_ war gut und wo ich gefehlt habe, da werdet Ihr mir’s nicht nachtragen, der Verzeihung und Nachsicht bedürfen wir alle, wir schwachen Menschen.«

Am 11. Januar schreibt Frau Brater nach Nördlingen: »Wieder habe ich ein teures Kind in die Ferne ziehen lassen ohne das beglückende Wort: ›auf Wiedersehen!‹ Dennoch fühlen wir uns alle erleichtert, denn die letzte Zeit war unendlich aufregend und unruhig. Der Abschied war natürlich unsäglich schmerzvoll, aber trotz aller bitteren Tränen stand Julie doch bis zum letzten Augenblick getrost und freudig da, so daß ich mich selbst an ihrer Freudigkeit aufrichten konnte und mir dieselbe immer wieder vergegenwärtige, wenn ich mit Tränen nach der Himmelsrichtung blicke, in der sie uns in raschem Flug enteilt. Heute reist sie aus Basel und Montag aus Marseille ab. Wie und warum ich mich in den letzten Monaten so entsetzlich gesorgt und gequält habe, könnte man nur verstehen, wenn ich die ganze Entwicklungsgeschichte erzählte, ich glaube ich wäre noch melancholisch geworden, hätte ich nicht endlich all mein Sorgen als nutzlos erkannt und aus vollem Herzen mein gutes Kind unter Gottes Schutz allein gestellt mit dem innigen Gebet, daß er auch alle unsere Irrtümer und Fehler zum Guten wenden möge. – Ich freue mich sehr, nun bald, so Gott will, einige Muße und Zeit für mich zu haben, seit Monaten waren Kopf und Hände ausschließlich mit Julie beschäftigt, nun bin ich geradewegs _überall_ mit Briefen und Besuchen im Rückstand, die Kommode mit der Flickwäsche will platzen, Kleider haben wir auch keine zum Anziehen und das ganze Haus ist in unordentlichem Zustand.«

Es sollte noch nicht so schnell Ruhe eintreten, denn von der jungen Reisenden traf die Nachricht ein, daß ihr großer Koffer vermißt werde, der Koffer, der alles enthielt, was sie für die Seereise bedurfte und noch mehr: die Papiere, die für die Trauung erforderlich waren, das Hochzeitskleid und alles, was sie an Silber oder Schmuck besaß. Das waren aufregende Nachrichten für die Zurückgebliebenen. Frau Brater schreibt an Agnes: »Es wäre wahrlich ein Unglück zu nennen, wenn wirklich der Koffer nicht auf dem Schiff wäre, und die Sache ängstigt mich sehr. In ihrem Handkoffer hat Julie nur das Nachtzeug, auf dem Leib hat sie natürlich ein Winterkleid und Filzhut und sie wird schon jetzt in der Hitze sein! Aber auch wenn man den verzweiflungsvollen Zustand auf dem Schiff in Kauf nehmen wollte, was soll sie denn in Buenos Aires beginnen ohne ihren Koffer? Wir sind ganz wütend über diese Angelegenheit; ich habe sogleich an den Agenten geschrieben.«

2. Februar. »Der Koffer kam also wirklich erst nach Abgang des Schiffes in Marseille an! Ich kann dies Mißgeschick nicht eher verschmerzen, als bis ich weiß, daß auch Julie sich über diese Sache getröstet hat, d. h. bis ich annehmen kann, sie hat es nun hinter sich, ihren Willkomm und Eintritt in die fremde Welt arm, fast wie ein Bettelmädchen zu halten.«

Am 25. März konnte Frau Brater nach Nördlingen berichten: »Ich muß Euch doch mitteilen, daß wir von unserer Auswandererin gute Berichte haben. Die Seekrankheit hat sie zwar nie verloren, hingegen ist sie in der Familie Krauß wie in einem Elternhaus aufgenommen. Die Liebe und Treue, die sich in fernen Landen die deutschen Landsleute erweisen, hat für mich etwas ganz Ergreifendes. In welchem Maße durfte sie auch Robert erfahren! Aber ich muß dabei auch all der Sehnsucht, all des Heimwehs gedenken, die solche Treue wohl in sich schließt! Mein gutes Kind befindet sich nun im Stadium mächtigen Heimwehs, so daß ich immer mit Tränen an sie denken muß ...«

Das Heimweh war leicht begreiflich, denn es kam vieles zusammen, das bräutliche Glück zu trüben. Wohl war die Braut in Buenos Aires einstweilen aufs beste geborgen, wohl machte der Bräutigam die weite Reise aus dem Innern des Landes, um sie heimzuholen, aber Hindernisse der verschiedensten Art stellten sich der Verbindung entgegen, so daß diese zunächst auf spätere Zeit verschoben, dann aber, nach harten inneren Kämpfen ganz aufgegeben wurde.

Als nach langer Pause im Briefwechsel diese Nachricht eintraf, war Frau Brater tief bewegt in dem Gedanken an all die Trübsal, die dieses geliebte Kind in der Fremde durchzumachen hatte, und Briefe, in denen die wärmste Mutterliebe und die dankbarste Kindesliebe sich aussprachen, wurden mit jedem Schiff ausgetauscht und halfen dem jungen Mädchen über das Gefühl der völligen Vereinsamung hinweg. Sie beschloß, nicht sofort wieder in die alten Verhältnisse zurückzukehren, vielmehr sich dort einen Beruf zu suchen, was ihr auch durch die Hilfe des Rektors an der deutschen Schule in Buenos Aires bald gelang, so daß Frau Brater wieder ruhiger an sie denken und von ihr berichten konnte: »Meine Julie ist in einer guten Stelle und wenn das Eingewöhnen auch nicht ohne erneutes Heimweh ging, so ist sie doch glücklich und stolz, daß sie etwas leisten kann, und diese Erfahrungen haben sie und mich um ein gutes Stück vorwärts gebracht, aber sie wurden auch teuer erkauft. Wann und wie werde ich sie wohl wiedersehen? Ich bin mir des Zusammenhangs mit ihr lebhaft bewußt.«

Nach mehrjährigem Aufenthalt in Amerika kehrte die geliebte Pflegetochter in die Heimat zurück und verwertete ihre Lebenserfahrungen als treue Gehilfin in deutschen Familien.

In diesen innerlich und äußerlich durch die Schicksale ihrer Pflegekinder bewegten Jahren ergab es sich einmal, daß Frau Brater zehn Tage ganz allein war. Aus dieser völlig ungewohnten Stille heraus schreibt sie an Lina Sartorius: »Bei mir ist’s wie ausgestorben.... Ich möchte ja nicht _immer_ so allein sein und gewiß ist es auch dem Menschen besser, wenn er mit andern lebt und sich mit dem Wesen und den Eigenheiten anderer zurechtfinden muß, aber so zehn Tage einmal ganz seinem Egoismus, ganz den eigenen Neigungen leben können ist wahrlich schön und ich will schon trachten, daß mir dadurch nicht gleich der ganze Charakter verdorben wird.«

Allmählich wurde zur Regel, was vorher nur Ausnahmszustand gewesen war: die Stille und Einsamkeit. Noch ein Jahr oder zwei lebte die Nichte Johanne mit Frau Brater traulich zusammen, auch ihr Bräutigam, Assistent am Gymnasium, wurde ihr ein liebes Familienglied, aber als er im Jahre 1885 eine Anstellung in der Pfalz erhielt, verließ auch Johanne als letztes ihrer Pflegekinder das Haus, um dem jungen Gatten zu folgen, und nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, die eine Hochzeit im eigenen Hause mit sich bringt, fand sich Frau Brater zum erstenmal ohne Familie.

Sie hatte anfangs bei diesem dauernden Ferienzustande kein gutes Gewissen und doch war ihr, der bald Sechzigjährigen, nach solch bewegtem Leben der Ruhestand wohl zu gönnen. Sie schreibt an Agnes: »Ich habe manche herrliche Stunde des Morgens mit einem interessanten Buch in den Glacis-Anlagen; ich gebe mich dem Genuß mit vollem Herzen hin und bin sehr dankbar, daß es meine Augen gerade recht liberal gestatten; außerdem ist bis auf einen kleinen Rest von Flickerei alles aufgearbeitet und das Haus in musterhafter Ordnung; nun kommen mir aber die Bedenken, ob es auch recht und erlaubt ist, ein so behagliches Leben der Selbstpflege zu führen? Ich habe noch Kräfte, um mehr zu leisten, und doch – was soll ich tun? Wieder ein paar Wickelkinder übernehmen – dazu fehlt mir doch der Mut und ich habe ein Haar darin gefunden – also warte ich nun einmal, ob sich etwas ergibt....« Oft genug ergab sich etwas; bald half sie der Tochter in Württemberg bei der Pflege eines am Scharlach schwer erkrankten Enkels, bald saß sie am Bette der zeitenweise leidenden Tochter Anna, verkürzte ihr die langen Stunden durch Vorlesen und freute sich an diesen Lesestunden, da die Tochter vollständig ihr Interesse für naturwissenschaftliche und religiös-theologische Bücher sowie für Reisebeschreibungen teilte. Der treue Freund, Ernst Rohmer, sandte aus seiner Buchhandlung alles, was die Freundin interessieren konnte, und sie hatte nur immer zu danken und abzuwehren. »Aber Ernst, aber Ernst!« beginnt einer ihrer Briefe, zankend verbittet sie sich die häufigen Sendungen und ist doch gerührt und beglückt durch dieselben. So schreibt sie einmal: »Die beiden Afrika-Bücher sind nicht nur von mir, sondern von der ganzen Familie freudig empfangen worden und Alt und Jung wird sich darein vertiefen, Afrika ist gegenwärtig unser gemeinsamer Sparren und sowie Ihr Euch zur Auswanderung entschlossen habt, kannst Du ungefragt auch für uns die Billete mitlösen; neulich wo unserem kleinen Otto ein Gemüse nicht recht schmecken wollte, sagte Anna zu ihm: ›ja wie kannst Du denn nach Afrika, wenn Du so genäschig bist?‹ Darauf die bescheidene Antwort: ›ja, ich will ja gar nicht nach Afrika‹; darauf seine Mutter: ›was fällt Dir ein, jeder Mensch muß nach Afrika wollen.‹ Im Geheimen stelle ich oft _andere_ Betrachtungen über das Auswandern an, die Anhänglichkeit an Heimat und Vaterland macht uns Deutschen in der Fremde gar bitteres Herzweh. – Auch für meinen Kalender noch extra Dank, er freut mich immer wegen seiner astronomischen Mitteilungen und die kleine Tabelle der mittleren Zeit hat mich einmal eine volle Tagereise lang von hier bis Neckarth. ausschließlich und eifrig beschäftigt, allerdings hatte mich die Sache vordem schon oft geniert und die schließliche Klarheit mich außerordentlich gefreut, wer weiß ob Du, der _Verleger_ des Kalenders, nicht leichtsinnig genug bist, die Sonne täglich ohne alle Kontrolle auf- und untergehen zu lassen, und wer weiß, ob Du Dich nicht schließlich dabei ganz wohl fühlst?«

Frau Brater übte allerdings pünktlich Kontrolle über die Sonne. Sie wählte schon ihre Wohnungen darnach, wo der Lauf der Gestirne gut zu beobachten war, je höher droben, je besser. Erreichte im Sommer die Sonne ihren höchsten Stand, so wurde auf dem Fenstersims ein Zeichen eingegraben an dem Punkte, den ihr letzter Strahl beschien, ebenso am kürzesten Tag und jedes Jahr wurde mit Befriedigung die Pünktlichkeit des Gestirnes festgestellt, wenn der letzte Strahl haarscharf den Punkt des Vorjahres traf. Auch Barometer und Thermometer beobachtete sie regelmäßig und als ihr zum erstenmal ein Maximum- und Minimum-Thermometer verbesserter Konstruktion zu Gesicht kam, erklärte sie in ihrer Bewunderung für diese Erfindung, sie schenke von nun an keinem jungen Paar mehr etwas anderes zur Hochzeit als solch einen genialen Thermometer.

Nachdem sie eine neue Wohnung bezogen hatte, die einen weiten, freien Blick gestattete, schrieb sie an Agnes: »Ich steige manchmal nachts vor Schlafengehen noch hinauf ›auf meines Daches Zinne‹, wo ich durch die Oberlichtfenster eine herrliche Aussicht habe. Wenn Ihr einmal auf einem höhern Standort wohnt, werde ich Dir an der Hand meiner kleinen Sternkarte einige Anweisung geben, die Du seinerzeit wieder auf Deine Kinder übertragen kannst; im allgemeinen hat zwar jeder Mensch reichlich Beschäftigung auf seinem eigenen Planeten und braucht nicht immer darüber hinauszuschauen, da aber unsere Bestimmung doch die ist, uns schließlich aus der Gefangenschaft von diesem Planeten aufzuschwingen, so ist es mir immer vorgekommen, als sei die Betrachtung dieser fernen Welten, diese gewissermaßen sinnliche Anschauung des Unendlichen ganz besonders geeignet, auch den Geist dem Unendlichen und Ewigen nahe zu führen. Ich freue mich, wenn es mir noch zuteil wird, Berta einmal in diese Dinge einführen zu können, es ist ein Genuß, mit diesem Kinde zu verkehren, wo es im Begreifen kaum eine Schwierigkeit gibt.«

Im Herbst 1886 begleitete Frau Brater diese ihre liebe Enkelin Berta nach Boll in Württemberg zu dem bekannten Pfarrer Blumhardt, bei dem sie einen Winter zubringen und den Konfirmandenunterricht besuchen sollte. Kaum hatte sich das Mädchen dort eingewöhnt, als es erkrankte. Die ganze großmütterliche Liebe spricht aus den Briefen, die sie der Enkelin schreibt in dem weichen, zärtlichen Ton, der seinen tröstenden Einfluß auf die Kinder um so weniger verfehlte, als sie ihn in gesunden Tagen nie zu hören bekamen. Einer der Briefe ist auf einen bemalten Bogen geschrieben und die Anrede zeigt gleich die Liebkosung:

_Mein lieber Schneck!_

Das schönste Briefbögelein, das ich besitze und dessen Ursprung Dir bekannt ist, das nehme ich nun, damit Du siehst, daß ich Dir gerne eine Freude machen und Dir eine fröhliche Zeit gönnen möchte.

Du tust mir herzlich leid, mein liebes Kind, daß Du so getäuscht wurdest und die Besserung noch keinen Bestand hatte! nicht wahr, wenn man einmal so 14 Tage im Bett gelegen ist, dann kommt es einem schon wie eine recht lange Geduldsprüfung vor und es ist auch eine solche, nun erwartet aber, wie es scheint, der liebe Gott von Dir, daß Du ihm noch ein wenig mehr Geduld darbringst, und ich glaube von Dir, mein liebes Kind, daß Du auch dieses noch zustande bringst. Denke nur daran, wie wir auch hier _alles_ in Gedanken mit Dir teilen, es ist mir doch fast gerade so zu Mute, als ob ich bei meinem Strobelkopf am Bett säße und zu ihm sagte: sei nur ganz vergnügt, der liebe Gott schickt Dir ja den Tag der Genesung gerade zur rechten Zeit. Und wenn Dir jetzt das Heimweh ein wenig wiederkommen will, so geniere Dich nur ja nicht, sondern sprich es aus und weine auch nach Herzenslust, denn da wird es einem dann bald wieder leichter zu Mute und man denkt: warum bin ich denn eigentlich traurig, meine Lieben haben mich ja aus der Ferne gerade so lieb und die Zeit der Heimkehr kommt sicher auch wieder. – Ich denke mir, Du wirst jetzt noch ein paar weniger gute Tage haben (was ist denn schlimmer: Zahnweh oder Herzstechen?) und dann wird alles miteinander vergehen, und dann aber wollen wir uns zusammen freuen und dankbar sein!! – Kannst Du Dir gar nicht denken, daß Du Dich erkältet oder mit irgend etwas Dir geschadet hast? es wäre gut, wenn man es wüßte. – Dein Heimweh vergeht sicher, wenn es Dir wieder besser ist und außerdem sage es uns nur. Wenn Du mir heute schreibst: liebe Großmutter komm und hole mich, dann kann ich ja nach zwei Tagen schon bei Dir sein und ich kann zu Deiner Pflege kommen, wenn es nötig ist.... Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß Du Dich durch ein paar böse Tage vollends gut durchschlägst. – Es grüßt Dich in stetem treuen Andenken

Deine Großmutter.

Nachschrift: Heute gehe ich mit einer Weihnachtsliste in die Stadt, _Du_ dürftest diese Liste nicht lesen, auch Otto nicht.