Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau
Chapter 17
Den ganzen Tag schon ist es mir Bedürfnis, ein Viertelstündchen zu finden, das ich ruhig mit Dir verbringen könnte, nicht gerade weil ich Dir etwas Besonderes zu sagen hätte, sondern nur weil ich eben noch immer der Meinung bin, daß ich Dir jeden Gedanken mitteilen könne, der mich bewegt, und wie sehr mein Herz nach Dir verlangt, würde ich Dir gar nicht sagen, wenn ich nicht zugleich die sichere Hoffnung in mir trüge, daß das Glück, das Ihr Euch gründen werdet, mir noch reichen Ersatz bringen wird für das Herzweh, das ich jetzt empfinde. Wenn erst einmal der briefliche Verkehr im Gange ist, wird es mir auch leichter werden und wenn das Stürmen und Regnen nachläßt, bei dem man seine Lieben so ungern auf der Reise weiß, dennoch sage ich mir, daß ja Euer Glück nicht vom schönen Wetter abhängig ist, Gottlob!
Ich will Dir erzählen, wie es seit gestern gegangen ist, Du kannst es Dir zwar an den Fingern abzählen, aber so lange man noch so bekannt ist im Hause wie Du jetzt, muß man’s genau wissen: Nachdem Ihr fort wart, war große Stille im Hause, Mine ging mit halben und Vierteltorten bei Bekannten umher, so war ich herrlich allein und fing ganz still an aufzuräumen, das Geschäft ging aber langsam vonstatten, ich pausierte dazwischen ein wenig und weinte, auch trug ich in Gedanken manches Stück lang umher, bis ich es an den rechten Fleck legte, und schließlich waren der Objekte zum Aufräumen so viele, daß ich, wie gesagt, sehr lange keine Wirkung meiner Tätigkeit erblickte; gegen acht Uhr kamen die Hochzeitsgäste zurück, nachdem sogar Onkel Co noch getanzt und sich mit Tante Lina bei der Polonaise »das wildeste Tempo« erbeten hatte. Sie waren alle außerordentlich vergnügt gewesen; daheim schenkten sie dann dem »Ochsenfuß« noch einige Aufmerksamkeit und um neun Uhr gingen sie miteinander ins Wirtshaus; wir zu Hause gebliebenen überfielen mit rücksichtsloser Eile unsere Betten und endlich wurde auch bei mir der Schlaf Herr über das Kopfweh, das sich so allmählich zu schöner Höhe hinaufgearbeitet hatte. Somit kennst Du nun genau alle Stunden des Tages, der der wichtigste in Deinem Leben ist... Ich will Dir nun erzählen wie der heutige Tag verging; also heute morgen erwachte ich ohne Kopfweh, aber Dein Bett stand leer neben mir, ich wußte es schon genau ehe ich die Augen aufschlug, von da ab ging alles seinen gewohnten Gang, nur sah man nichts von Dir; um acht Uhr schon erschien Anna in gleicher Stimmung wie ich... Nachmittags ging man in den Prater, der Regen strömte ohne Aufhören, ich trank dort nur schnell Kaffee und verschwand dann in der Stille, um Deine Sachen zu ordnen; Johanne ging gar nicht mit, sie kämpft den ganzen Tag mit den Tränen, dazwischen geht sie ins Schlafzimmer und weint rückhaltslos. Im Prater war alles vergnügt, sie spielten... Jetzt ist es halb zehn Uhr und ich trachte nach dem Bett, um ein Restchen Kopfweh vollends zu verschlafen.
Und somit gute Nacht, mein liebes Kind, diesen Tageslauf kennst Du nun noch genau, nach und nach wird’s anders werden, auch habe ich mich diesmal ausschließlich an Dich gewendet in der Vermutung, daß diese Details höchst uninteressant für Eduard sind. Wann Du diesen Brief erhältst weiß ich ja nicht, aber immerhin werden ja Deine Gedanken noch zu diesen Tagen zurückkehren. Einstweilen behüt Euch Gott!«
5. Oktober.
_Liebes Kind!_
»Ich kann Dir nicht sagen, wie sehr ich mich Eures Glückes und Eurer Liebe freue, das Bild, das ich mir jetzt von Euch mache, drängt mehr und mehr die schmerzliche Empfindung des Abschiedes zurück und wenn ich Deine Briefe lese, so wird es mir getroster und freudiger zumute. Laß Dich nur nie abhalten etwas zu schreiben ... sei stets überzeugt, daß in Deinem Leben mir nichts fremd sein kann, ja daß im Gegenteil eine verheiratete Tochter noch in viel innigerem Verkehr mit ihrer Mutter steht als vordem, denn jetzt erst können sie sich gemeinsam freuen an den tiefsten und beseligendsten Empfindungen, die das Leben einem Menschen bringen kann, und daß das Glück, das uns der Liebesfrühling bringt, sich im Herzen nicht verwischt, auch in seinen kleinsten Regungen nicht, das wird Dir leicht glaublich sein und so halte fest an dem Bewußtsein, daß ich stets bei Dir bin.
Die Freude des Zusammen_lebens_ entbehre ich freilich trotz allem noch immer schwer, unsere Plauderstündchen lassen sich brieflich nicht abmachen, da gibt ein Wort das andere; wie oft des Tages habe ich irgend eine Bemerkung auf der Zunge, die ich zurückhalte weil mir erst einfällt, daß ja niemand mehr da ist, der sie _recht_ versteht, und welch ein unaussprechliches Glück es ist, _recht verstanden_ zu werden, in den kleinsten Bewegungen sogar, das wirst Du ja jetzt beständig empfinden. Ich habe mir oft meine Gedanken gemacht, warum auch in den kleinsten Beziehungen das Glück des Einverständnisses ein so beseligendes ist.«
November.
_Liebe Agnes!_
»Gestern, als wir eben die Treppe hinunter ins Konzert gingen, erhielt ich Deinen Brief und legte ihn mit einiger Seelenüberwindung ganz unbesehen auf den Schreibtisch, dann segelten wir die bekannten Gassen entlang dem bekannten Ziele zu; als ich mich zum erstenmal wieder unter den vielen bekannten Gesichtern sah und nur _Du_ nicht dabei warst, da wurde mir’s recht traurig ums Herz und Du mußtest wohl eine Ahnung gehabt haben, daß Du mir diesmal sobald schriebst, denn der Gedanke, daß daheim auf dem Schreibtisch ein Brief von Dir lag, diente mir zur steten Aufheiterung. Als wir um 10 Uhr nach Hause kamen und nachdem die andern im Bette waren, ging ich endlich mit aller Muße an deinen Brief, der mich mit seinen vergnügten Nachrichten auch wieder ganz vergnügt machte, aber auf einen Punkt Deines Schreibens muß ich noch eingehen, denn er erregt meine Mißbilligung. Du solltest nicht immer an meinen Besuch denken, man täuscht sich gar so leicht mit einer solchen Freude, die Trennung folgt ja so bald wieder darauf und wir müssen es nun eben lernen, uns als geschiedene Leute aufzufassen; es hat mich fast schon gereut, daß ich meinem Verlangen, Euch Lieben wiederzusehen, ein so nahes Ziel steckte (Februar); ich fühle es wenigstens meinerseits, daß ich mich eben nicht recht trennen _mag_ und doch trennen _muß_; ach die liebe Gewohnheit des Zusammenlebens, des Einverständnisses in den hundert kleinen Dingen des täglichen Lebens, _ich_ muß sie aufgeben, _Du_ überträgst sie nach und nach. Dem Heimweh läßt sich mit keinem Mittel beikommen, aber ein sicheres Heilmittel ist die _Zeit_, man löst sich eben nicht so leicht aus Verhältnissen, mit und in denen man geworden ist, die ein Teil von einem selbst sind, aber von Tag zu Tag verwächst man mit den neuen Verhältnissen und wenn einige Zeit herum ist, so sind einem _diese_ zur Lebensgewohnheit und lieb und teuer geworden.
Wenn ich so zurückblicke auf mein Leben mit dem Vater, so erscheinen mir die ersten Jahre immer als ein oberflächliches Glück im Vergleich zu den späteren, übrigens kam das nicht ganz von selbst, man muß sein Glück pflegen und behüten und das werdet Ihr ja auch tun.
Noch kann ich mir nicht recht denken, welcher Art der _Unfrieden_ sein wird, der über kurz oder lang doch auch bei Euch einmal ausbrechen muß; wenn Ihr einmal recht Händel miteinander gehabt habt, so bitte ich mir aus, daß eins das andere bei mir verklagt, so lange ich nicht weiß, worüber Ihr streiten könnt, so lange habe ich noch kein erschöpfendes Bild, auch dürft Ihr nicht denken, daß ich Eure Zwietracht sehr hoch anschlage.
Das Staatswörterbuch ist hoffentlich angekommen. Es freut mich, diesen guten Freund und Lebensgenossen nun bei Euch zu wissen, Du weißt ja wie sehr die Erinnerung an des lieben Vaters Leben mit diesem Werk verknüpft ist, wie überall, wo wir auch waren, immer das erste Geschäft war, die Verbindung mit dem Verleger und den Autoren herzustellen, und wie uns die Korrekturbogen in alle Meeresflächen und auf Bergeshöhen verfolgten. Manches werdet ihr gerne gemeinsam lesen, lest auch einmal den Artikel »Gemeinde«, die Ideen oder die Auffassung, die darin niedergelegt sind, sind wohl heutzutage in aller Leute Bewußtsein, aber damals war es eben nicht so, vieles wird jetzt als selbstverständlich betrachtet und hingenommen, was noch vor zehn und zwanzig Jahren verfolgt und fast geächtet wurde...
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich es einrichten soll, um mein Haus zu verlassen, ich weiß wahrlich nicht wie ich an eine Reise denken soll. Der neue Zimmerherr ist mir ärgerlich weil er so viel braucht, er hat ein ewiges Geklingel bald um Feuer, bald um Wasser, auch der andere ist mir wieder ärgerlich wegen seiner Unpünktlichkeit, und ich sinne den ganzen Tag, wie ich die Zimmerherrnwirtschaft los kriegen könnte.«
Trotz allen Sinnens wurde kein Ausweg gefunden, denn das Haus mußte zu möglichst großer Rente ausgenützt werden. Es waren mühsame und arbeitsvolle Jahre für Frau Brater und dennoch, da sie so viel leisten _konnte_, war es gut, daß sie noch ein Feld der Tätigkeit hatte. Denn in den beiden jungen Familien war ihre Hilfe wohl zu Zeiten von unschätzbarem Wert, aber sie wußte doch, daß sie nicht immer nötig war, und vertrat jederzeit die Ansicht wenn es irgend tunlich sei, sollte eine Mutter nicht mit verheirateten Kindern gemeinsame Wirtschaft führen. Um so mehr freute sie sich, vorübergehend zu ihnen zu kommen, und genoß das Glück, mit Jubel und Wonne von Kindern und Enkeln empfangen zu werden. Treulich unternahm sie jedes Jahr die Reise nach Württemberg und brachte einige Wochen in Blaubeuren zu.
In dem früher erwähnten Album finden wir eine Photographie dieses reizend gelegenen Städtchens und daneben einen Vers, der von Frau Brater sagt, daß sie dreimal dorthin berufen wird
»Und sie kriegt zum Lohn jedesmal, so bald sie kommt, Einen Enkelsohn.«
So wußte sie es doch, wenn es not tat, immer möglich zu machen, von zu Hause abzukommen, obwohl ihre empfindlichen Augen ihr das Reisen oft zur Qual machten. Einmal schreibt sie nach der Heimreise von Blaubeuren, wo sie unterwegs bei Verwandten Halt gemacht hatte: »Sechs rauchende junge Vettern, die zu meiner Begrüßung geladen waren, haben meinen Augen vollends den Treff gegeben« und ein andermal:
_Liebe Agnes!_
»Gottlob wieder in Erlangen; Hätte ich ein Tagebuch, mit der allerschwärzesten Tinte würde ich diesen letzten Teil meiner Vergnügungsreise darin verzeichnen! Meine Augen brachten mich an den Rand der Verzweiflung.... In Tübingen wurde es mit jeder Minute schlimmer. Mein Mittel hatte ich wohl dabei, konnte es aber nur noch abends anwenden, denn es schmerzte unsinnig. Ich überlegte immer, ob ich nicht mit dem ersten besten Zug nach Hause fahren sollte, aber ich mochte doch nicht so rasch abbrechen, wurde ja so herzlich empfangen!...«
Von den drei kleinen Enkelsöhnchen, die sie bei ihrem Erscheinen auf dieser Welt freundlich bewillkommt und in treue Pflege genommen hatte, blieb ihr nur das erstgeborene erhalten. Das zweite, von Anfang an ein zartes Pflänzchen, half sie liebevoll pflegen und als es trotz aller Fürsorge im zweiten Lebensjahre starb, stand sie unter dem Eindruck, daß hier ein Leben zu Ende ging, das vielleicht doch nur Leiden gewesen wäre, und ihr gesundes natürliches Gefühl ließ sie den Tod schwächlicher und leidender Menschen nie so schmerzlich beklagen. Als aber ein Jahr später das dritte Kind, ein prächtig gediehener fast zweijähriger Knabe ganz rasch von der Diphtheritis dahingerafft wurde, empfand sie dies als einen furchtbaren Schmerz. Sie erhielt die Todesnachricht während sie mit der Familie Kerler zum Landaufenthalt im Spessart war. Keine Naturschönheit vermag die Gedanken von solcher Trauer abzubringen, aber es kam das Mittel, das einzige was solchen Kummer in den Hintergrund drängen kann, die Sorge vor noch herberem Verlust; auch Karl, der älteste der drei kleinen Brüder erkrankte an der Diphtheritis und schwebte in Lebensgefahr. Der Gedanke, daß ihre Tochter auch das letzte Kind verlieren sollte, war ihr entsetzlich und lag ihr damals besonders nahe, denn es waren die Jahre, in denen diese Krankheit furchtbar um sich griff, viele Eltern in einer Woche kinderlos wurden, und alle für ihre Kinder bangten. Als die Nachricht von der Besserung und allmählichen Genesung des kleinen Karl eintraf, konnte sie doch wieder Glück und Dankbarkeit empfinden und sie schloß dieses Kind mit besonderer Liebe in ihr Herz und hatte später eine große Freude daran, daß zwei kleine Schwestern sich zu dem Vereinsamten gesellten.
Wenn sie von den Reisen zu ihrer Tochter nach Erlangen zurückkam, so hatte sie dort zwar kein Kleinkindergeschrei mehr um sich, aber doch auch Unruhe genug. Liest man ihre Briefe, in denen sie ihr Erlanger Leben schildert, so sieht man in eine belebte Stube, in der die vier Schulkinder sich umhertreiben mit viel Lärm und Zank, der aber mit Humor aufgefaßt wird. So schreibt Frau Brater einmal der Tochter: »... Den ganzen Tag kam ich nicht ans Schreiben und als ich abends meinen Brief begann, erbat sich Wilhelm als besonderes Vergnügen, den geriebenen Kartoffelsalat machen zu dürfen, wobei er so viel interessante Erfahrungen machte, daß er immer meiner Teilnahme und meines Rates bedurfte, und nebenbei ging beständig der Zank mit den Schwestern, die die Behauptung aufstellten, Kartoffelsalat machen schicke sich nicht für Buben, während Wilhelm entgegnete, wenn er wolle könne er seine Hände so sauber waschen wie andere Leute etc.«
»Gestern war ich mit auf dem Eis, denn alle Viere drängen schon seit lange, daß ich einmal ihre Kunst bewundere, die Mädchen fahren hübsch, es sieht sehr anmutig aus, die Buben natürlich ohnedies, die tun sich ja in allen körperlichen Künsten hervor. Wilhelm klettert auf die höchsten Bäume und zerreißt alle Tage ein paar Hosen.«
Allmählich geben die Berichte ein anderes Bild: »Meine Vier sind ungewöhnlich lebhaft und laut, doch sind sie alle heiter und glücklich angelegt und ein fröhlicher Spektakel ist wenigstens leichter zu haben als ein widerwärtiger, überdies geht mir Julie schon tüchtig zur Hand und ist mir überhaupt eine liebe Tochter, wenn nun Johanne auch noch aus dem Institut ist, dann sehe ich den Zeitpunkt nahen, wo ich unverrückt auf dem Sopha sitzen bleiben kann, denn beide Mädchen sind sehr fleißig, übrigens tritt diesen Winter die Verpflichtung an mich heran, mich halbe Nächte lang auf Bällen herumzutreiben und tagelang mit Bügeln, Garnieren usw. beschäftigt zu sein, da meine Mädchen jedoch ziemlich anspruchslos und bescheiden sind, so tue ich es gerne.« Bald waren die Jahre vorbei, in denen sie einer Stellvertreterin bedurfte wenn sie verreiste, Julie und Johanne waren nun fleißige Haustöchter. Sie rühmt von ihnen: »Im Haus habe ich alles in schönster Ordnung getroffen, die Rechnung stimmt auf den Pfennig.«
So war der Familienstand durchaus erfreulich, aber unvermutet drohte eine große Veränderung. Frau Brater schreibt an Agnes: »Was wirst Du sagen, wenn Du hörst, daß es sich gegenwärtig um eine Versetzung Dietrichs nach Würzburg handelt? Dort winkt eine höhere Rangstelle, es ist dort ein sogenanntes Oberbibliothekariat, auch eine größere Bibliothek usw., _hier_ ist andererseits weniger Arbeit und sind sehr angenehme Verhältnisse. Es geschieht jedenfalls das möglichste, um Dietrich hierzuhalten, aber über gewisse Grenzen können sie eben nicht hinaus. Die Sache steht auf der Schwebe, doch glaube ich eher an Erlangen als an Würzburg. Was für ein harter Schlag mir diese Trennung wäre, das kannst Du ermessen!«
Der Entscheid fiel für Würzburg und im Frühjahr 1878 übersiedelte die Familie Kerler dorthin, zum großen Schmerze für Frau Brater, die täglich im beglückenden Verkehr mit Tochter und Schwiegersohn und den beiden Enkelkindern gestanden hatte. »Ich empfinde die Trennung immerwährend sehr schmerzlich« schreibt sie an Anna »und es ist mir fast unbegreiflich, daß ich nun die lieben Kinderstimmen so lange nimmer hören und keinen Blick aus ihren hellen Augen empfangen soll. Dennoch sage ich mir beständig, daß ja doch niemand gestorben ist und daß wir uns in kurzer Zeit daran gewöhnen werden, über die kleine Wegstrecke hinweg uns des glücklichen Bewußtseins der Liebe und Zusammengehörigkeit zu erfreuen.« An Agnes: »Ich bin so froh, wenn ich die Handwerksleute, die in Haus und Hof zugleich sind, endlich los habe, es ist dies eine unleidliche Sache. Überdies haben alle Verbesserungen sowohl im Haus wie im Garten für mich den Reiz verloren, die Kinder sind nun erwachsen, die Buben gehen beide fort, die Mädchen werden auch nicht immer daheim bleiben, was soll mir nun das öde Haus? Wilhelm hatte recht, indem er bei Kerlers Berufung sagte: »unsere ganze Existenz ist untergraben!«
Die Zurückbleibenden existierten aber dennoch weiter und zwischen den herangewachsenen Kindern und ihrer Tante ergaben sich im Laufe der Jahre immer mehr gemeinsame Interessen, die das tägliche Leben besonders in den Ferienzeiten, wenn sich alle zusammenfanden, bereicherten. Auf den jüngsten Sohn hatte sich das naturwissenschaftliche Interesse der Pfaffs vererbt, zur großen Freude seiner Tante. Nach den Osterferien schreibt sie an Agnes: »Wilhelm ist diesen Abend auch wieder abgereist, es wird mir immer schwer, ihn wieder ziehen zu lassen, sein Wesen entwickelt sich so auffallend in der mir verwandten Pfaffschen Art und führt mir das Andenken an meine teuren Brüder in lebensfrischer Weise vor die Seele, ich unterhalte mich mit ihm gerade so, wie ich es in jungen Jahren mit diesen getan habe, oder wenigstens über dieselben Gegenstände. Seine Neigung zur Mathematik nimmt immer zu und erfüllt ihn ganz.« »Jetzt, nachdem ich wieder längere Zeit von den Kindern getrennt war, fällt mir wieder deren unendlich lebhaftes Wesen auf, es schwirrt mir den ganzen Tag der Kopf und ein Fremder, der unten am Haus vorbeiginge, würde nimmermehr glauben, daß all der Lärm von vier in Frieden lebenden Familiengliedern herrühre, und Du weißt wie sie sind, _ich_ muß in erster Linie alles anhören, stehle ich mich ein wenig in den Garten hinunter oder ins Besuchszimmer hinein, es dauert keine fünf Minuten, so ist die Gesellschaft auch da. Namentlich aber in den ersten Tagen der Ankunft bis das übervolle Herz ausgeschüttet ist, so nun Wilhelm, er begleitet mich auf Schritt und Tritt und während ich in der Küche Julie den Kochunterricht gebe, setzt er nicht aus, mir irgend ein physikalisches Gesetz oder ein geometrisches Problem zu erklären. Abgesehen von der Strapaze ist übrigens die Unterhaltung mit den Kindern jetzt anregend und macht mir oft Spaß, z. B. gestern abend kamen wir auf die Definition von Begriffen zu sprechen, da wechselte dann immer stilles tiefes Denken mit plötzlichem lauten Gebrüll ab, wenn jeder das beste sagen zu können glaubte, schließlich fragte ich: was ist ein Ofen? Das war uns nun unvermutet schwer und es war komisch zu sehen, wie die beiden Buben ihre Stühle drehten und den unschuldigen Ofen immer von oben bis unten so bedenklich betrachteten ... Wilhelm sieht gar zu schlecht aus, ich mag ihm die Ferien sehr gönnen, mit seinem Erscheinen ist auch sogleich Säge, Schaufel, Hammer usw. wieder in Bewegung gekommen, die abgefaulte Gartenbank ist gemacht, ein Baum umgehauen, Löcher für zwei andere sind gegraben und das geht alles mit einer Kraft und Geschicklichkeit, daß mich’s freut. Bezeichnend ist, daß er mir ein Päckchen Nägel mitgebracht hat, weil sie ihm »so schön erschienen sind«.
Neben diesen heiteren Gesprächen kam in diesen und noch mehr in den folgenden Jahren ein ernstes Thema immer öfter zur Sprache: es war die Religion. Die jungen Leute brachten von draußen die materialistische Weltanschauung mit herein, die von der Tante mit Feuereifer bekämpft wurde. Da sie aber durchaus nie den Wunsch hatte, die Leute zum Schweigen zu bringen, sondern zu offener, rückhaltsloser Aussprache, so wurde von beiden Seiten mit derselben Lebhaftigkeit disputiert, in der auch schon die vorige Generation von Pfaffschen Brüdern ihre Streitigkeiten ausgefochten hatten, und wie damals geschah es auch jetzt zuweilen, daß Vorübergehende unter den offenen Fenstern stehen blieben, horchten ob es Mord und Totschlag gäbe, aber dann beruhigt von dannen gingen, weil sie statt harter Reden nur Stichwörter vernahmen wie Strauß und Darwin, Seele und Gott.
Die religiösen Einflüsse, die das Leben ihr gebracht hatte, der des Freundes Nagel vor allem, hatten bei Frau Brater den Glauben an den lebendigen Gott zu tiefer Überzeugung gereift und wenn sie auch über einzelne dogmatische Schwierigkeiten nicht hinweg kam, so ließ sie diese als unwesentlich beiseite. Verhängnisvoll für jeden einzelnen und für ihr geliebtes deutsches Volk erschien ihr die materialistische Weltanschauung, die nach ihrer Überzeugung das Edelste und Beste im Menschen leugnet und dadurch verkommen läßt, die auch nie ideale Charaktere wie den ihres Mannes hervorbringen würde, und der Drang, sich und anderen die Unhaltbarkeit derselben immer klarer zu machen, trieb sie, manches ernste Werk zu lesen, und ließ sie jede Gelegenheit aufsuchen, durch schriftlichen oder mündlichen Verkehr einzudringen in diese Fragen, die ihr immer mehr Herzenssache wurden. Sie gewann dadurch nicht nur auf ihre Pflegekinder, sondern auch auf andere, die im Hause verkehrten, starken Einfluß und wurde im Laufe der Jahre für manchen jungen Menschen der Anlaß, über religiöse Dinge nachzudenken, bot vielen die seltene Gelegenheit, Zweifel vorbringen, auch atheistische Anschauungen aussprechen zu dürfen, ohne deshalb verurteilt zu werden, und fand die warmen, klaren Worte, die Herz und Verstand zugleich für eine neue Anschauung erschließen können.
Neben all diesen Interessen wurden Frau Brater die sich mehrenden geselligen Beziehungen in Erlangen und die Arbeit, die das Haus mit sich brachte, oft zu viel; sie stand unter dem Eindruck einer Zersplitterung und eines Gehetzes, das ihr unsympathisch war. »Ich mache täglich an mir die Erfahrung«, schreibt sie an Frau Hecker, »daß es gar nichts übleres gibt, als in einem Gehetze zu leben, mit dem Bewußtsein, seine Sache unmöglich ganz gut machen zu können, auch kann man ohne eine gewisse Behaglichkeit keinen guten Humor haben und mit einem schlechten Humor verpfuscht man alles.« ... »In diesem unruhigen Frühjahr bewegte ich recht oft den Gedanken in meinem Herzen, von Erlangen wegzuziehen und das Haus zu vermieten, denn gerade das relativ weitläufige Haus mit Zimmerherrn und Garten macht doch recht viel Plage, ich sehe es immer wenn ich ein paar Wochen verreist war, es gibt dann endlose Rückstände. Übrigens spreche ich noch nicht von diesem stillen Plan, denn erstens merke ich, daß ich mich selbst sehr schwer vom Garten trennen würde, der nun so hübsch ist und mir viele Freude macht, und dann käme ich ja _heuer_ keinesfalls mehr zur Ausführung des Planes, darum schweige ich noch. Aber in diesem Augenblick habe ich die hiesige Wirtschaft ein wenig satt und sehne mich unter den vielen Menschen nach meinen Kindern.«