Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau
Chapter 16
Wie die Mutter also dachte, war’s noch frühe Morgenstunde, Winter war’s und kalt und finster, keine Ahnung gab ihr Kunde, daß fürwahr ein solcher Bursche war im Deutschen Reich vorhanden und in dieser frühen Stunde schon in Ulm war aufgestanden. Dietrich hieß der stramme Junge, riß sich los aus Schlafes Armen, nicht dem eignen Antrieb folgend, nein, ein Wecker ohn’ Erbarmen geht durchs ganze Land der Schwaben wo man nur ein Bürschlein kennt, daß es zur Tortur sich rüste, die man Landexamen nennt. Denn in diesem biedern Lande ist ein Knäblein kaum geboren, wird’s schon in der Wochenstube für ein Kloster auserkoren. Und so gähnt und lernt der Junge schon in dieser düstern Stunde, denn auch ihm gab keine Ahnung von dem kleinen Sternlein Kunde, das soeben aufgegangen und bestimmt war seinem Leben, was es nur an Liebe wünschte seinerzeit vollauf zu geben. Doch zu blicken in die Ferne Hat er weder Zeit noch Ruh’, denn Examen und #»pro locos«# gehen scheinbar endlos zu, Griechen, Römer und Hebräer trägt ausschließlich er im Herzen und die deutschen Jungfrauen machen ihm noch lange keine Schmerzen. – Doch auch hier, wie allenthalben, fliehn die Jahre pfeilgeschwind, Klöster, Stift und alle Plagen glücklich überstanden sind. Auch das letzte der Examen bringt er glänzend hinter sich und ganz würdig auf der Kanzel sieht man nun den Dieterich! Doch wie kam’s, daß er so kurz nur auf dem schönen Posten stand und auf einmal ostwärts schielte nach dem fremden Bayernland? Scheinbar war es die Geschichte, die ihn fortgetrieben hat, er erfaßt sie und er wandert ihrethalb von Stadt zu Stadt. Schließlich kommt er in Erlangen, diesem kleinen Städtchen an, sonderbar dort bleibt er hangen und wird dort ein Büchermann. Aber wo ist denn das Mägdlein, das damals geboren war? Nun, es ist längst aus der Wiege, geht zur Schule Jahr für Jahr ist ein junger Backfisch worden, fleißig rührig ohne Rast, doch vor allem die Geschichte hat mit Eifer sie erfaßt; einstmals kam man in Erlangen, diesem kleinen Städtchen an, und sie wünscht sich ein Geschichtsbuch, geht deshalb zum Büchermann. Dieser, freundlich wie er immer, hat das Buch ihr anvertraut, doch viel tiefer als es nötig in die Augen ihr geschaut! Sie, halb Kind noch, denkt sich gar nichts, bald auch zog man wieder fort und lebt nun drei volle Jahre fern von diesem lieben Ort. Doch es kommt die Zeit der Rückkehr und man siedelt fest sich an und an jene Augen denkend schleicht ins Haus der Büchermann. Ja nun ist es etwas andres, sie die Jungfrau, er der Mann, haben sich’s nun gegenseitig mit den Blicken angetan! Und die Frage an das Schicksal, die die Mutter einst gestellt, überglücklich und bejahend ist gelöst vor aller Welt.
Von der ersten Stunde an, da dieser Bund geschlossen wurde, war Frau Brater der festen Überzeugung, daß die Verbindung eine tief beglückende werden würde. Sie schrieb an ihre Freundin Emilie, geb. Kopp: »Dein Brief kam in ein freudevolles Haus, denn mein Brautpaar ist so glücklich, als ich es nur wünschen kann, so glücklich, daß es mir ist, als sähe ich mein eigenes schönes Leben wieder aufblühen, ich freue mich dieses Glückes aus ganzem Herzen, aber dennoch, dennoch nur unter viel heißen Tränen. Wenn ein Herz so lange in Sorge und Schmerz gestanden ist wie das meine, dann ruft jede Erregung, auch die freudigste, die zurückgedrängten Empfindungen aufs neue wach. – – Anna hat sich einen kostbaren Schatz erworben und ich wüßte kaum einen Mann, dem ich mein Kind mit solcher Freudigkeit und Zuversicht geben würde ..... und ich weiß, daß auch mein lieber Mann sich dieser Verbindung erfreuen würde; sie kannten sich noch und Kerler spricht mit großer Liebe von unserem teuren Geschiedenen.
Doch ich will ein Ende machen mit dieser Angelegenheit, Du siehst, daß sie unser Herz sehr bewegt, die Freude ist uns eben immer noch eine ungewohnte Empfindung; wir hatten hier in Erlangen schwere Tage, und das Eingewöhnen wollte nicht recht gehen; wenn einem das eigene Leben abgeschlossen, sein Zweck erfüllt scheint, dann dünkt es einem zuweilen fast unmöglich vorwärts zu steuern, _vorwärts_ wo das Herz mit aller Macht nach rückwärts strebt, und ich habe in diesem unruhigen Haushalt hier kaum einen Augenblick Zeit, um das zu _denken_, was meinem Herzen lieb und teuer ist. Dennoch habe ich in diesem schmerzvollen Jahr gelernt allein zu sein, ich bin’s gewöhnt mein Teuerstes für immer entbehren zu müssen ... aber eines ist mir auch klar geworden: ich weiß daß nichts, nichts mich von ihm trennen kann, je mehr die Zeit und die Verhältnisse mir ihn entfernen, je mehr erkenne ich, daß wir uns unlöslich verbunden sind, daß ich ihm einzig und allein angehöre, und oft, oft wenn ich nach der Unruhe des Tages in der Stille der Nacht mit meinen Gedanken allein bin, dann steht das geliebte Bild vor mir – es ist mir, als könnte ich seine Hand fassen ...«
Wenn nun auch die Trauer im Herzen oft die Oberhand gewann über die Freude, so war die Mutter doch weit entfernt, dadurch das bräutliche Glück der Tochter zu trüben. Ihr Brautpaar sollte nichts davon ahnen, daß sie beim Anblick ihres Liebesglücks mit Schmerzen daran dachte, wie auch sie einmal das bittere Leid der Trennung erfahren würden. Sie freute sich mit den Fröhlichen und drängte den Kummer ganz zurück bis sie allein mit ihm war in der Stille der Nacht. Und das ganze Haus stand unter dem Einfluß des glücklichen Brautpaars; der Schimmer des nahen Hochzeitsfestes verband auch die Kleinen mit den Großen in fröhlicher Vorfreude und Geschäftigkeit. Dazu kam im Januar die Freude, die allen Deutschen das Herz bewegte: der große Tag in Versailles, die Gründung des Deutschen Reiches als schönster Erfolg des Krieges. Der 10. Mai brachte den lang ersehnten Frieden, der 28. Mai das schöne Familienfest, die Hochzeitsfeier.
Das junge Paar ließ sich in Erlangen nieder, so trübte kein Trennungsschmerz das fröhliche Fest, Frau Brater sah ihre Tochter als glückstrahlende junge Gattin dem geliebten Manne folgen. Sie blickte bei diesem Lebensabschnitt in die Zukunft ihres Kindes, sich selbst prüfend und erwägend, ob sie getan hatte was in ihrer Macht stand, um sie für das Leben auszubilden. Schon mancher Mutter ist es in solcher Stunde plötzlich klar geworden: Du hast Deine Tochter verwöhnt und sie dadurch im Egoismus heranwachsen lassen. Eine Egoistin kann aber den Mann nicht glücklich machen und kann sie nicht glücklich _machen_, so wird sie auch nicht glücklich _sein_. Solche Überlegungen lagen Frau Brater um so näher als sie durchdrungen davon war, daß es viel mehr in der Hand der Frau als in der des Mannes liege, eine Ehe glücklich zu gestalten, ja in ihrer starken Ausdrucksweise sagte sie: Für jede unglückliche Ehe mache ich die Frau verantwortlich. Vielleicht entsprang diese Ansicht aus dem unbewußten Gefühl, daß es ihr mit ihren glücklichen Gaben und der seltenen Mischung von Energie und Hingebung jedem Manne gegenüber gelungen wäre, zu verhüten, daß ein _schlechtes_ Verhältnis entstünde. Sie äußerte manchmal: »Es ist eigentlich noch wichtiger, daß die Frau gescheidt ist, als der Mann«, und man versteht das, wenn sie der Frau zumutet und zutraut, die Ehe in ihrer ganzen Schönheit auszubauen.
Frau Brater konnte bei dem Rückblick auf ihr Erziehungswerk über den Hauptpunkt beruhigt sein: verwöhnt hatte sie die Kinder nicht, auch in der eigenen Ehe niemals das Beispiel des Egoismus gegeben, so konnte sie getrost auf das eheliche Glück des jungen Paares hoffen.
Bei der Hochzeitsfeier ließ sie sich nicht anmerken, wie unsäglich wehmütig und schmerzlich ihr zumute war, daß sie diesen Tag ohne den geliebten Mann begehen mußte. Sie verschloß tief im Herzen die Trauer, wenn sie unter den Gästen saß und widmete sich diesen vollständig. So verlief das Fest freudig für alle, die daran teilnahmen. Bei solchen Anlässen kam Frau Brater das gesellige Talent zuhilfe, das sie in hohem Grade besaß. Sie glaubte nicht den Geladenen genug zu tun, wenn sie für deren leibliche Verpflegung gesorgt hatte, sie hielt es für ebenso wichtig, daß Geist und Gemüt ihrer Gäste nicht leer ausgingen, und wie sie dieser geselligen Pflicht unzählige Male in ihrem Leben nachgekommen war trotz schmerzenden Kopfes und brennender Augen, so tat sie es nun mit wehem Herzen und verborgener Trauer, und gab den fröhlichen Ton an, der allen wohl tat.
Sie war immer anregend in Geselligkeit und doch führte sie nicht das große Wort wie manche hervorragend gesellige Talente tun, die zwar unsere Bewunderung erregen, uns prächtig unterhalten, aber doch das Gefühl hinterlassen, daß neben ihnen niemand zur Geltung kommen konnte. Sie ließ gerne die anderen zu Wort kommen und verstand es prächtig, die Rede auf das zu bringen was diese beschäftigte. »Sie versteht so ausgezeichnet die Kunst zuzuhören«, rühmte gelegentlich ein Freund ihres Mannes von ihr und mit dieser Kunst tat sie vielen wohl, denn sie antwortete auf das Gehörte liebenswürdig und treffend, nie in konventionellen Redensarten, sondern in Ausdrücken die ihr direkt aus dem Herzen kamen und denen ihr freundlicher Humor eine originelle Wendung gab.
Leistete sie so ihr Möglichstes in Geselligkeit, so war sie auch höchst entrüstet über Menschen, die sich nur unterhalten ließen, sich selbst aber ihrer geselligen Pflichten gar nicht bewußt waren. Ganz empört konnte sie sein über Frauen und Mädchen, die während des Gesprächs immer auf ihre Handarbeit sahen, ihre Stiche abzählten und nur mit halbem Ohr bei der Geselligkeit waren, und über Männer, die dasaßen, schwiegen und sich ganz bequem von andern unterhalten ließen. »Langweilig sein ist die größte Sünde« erklärte sie und war der Ansicht, es müsse jeder gebildete Mensch sein Teil zur Unterhaltung beitragen oder er sollte sich lieber gar nicht in Gesellschaft blicken lassen.
Wer Frau Brater in solcher Entrüstung reden hörte, der glaubte schließlich selbst an die Sünde der Langeweile. Man konnte nicht so leicht dem widerstehen oder das vergessen, was sie mit ihrer ganzen Wärme und Energie als ihre Überzeugung vorgebracht hatte.
Im ersten Winter nach der Verheiratung ihrer Tochter schrieb sie an ihre Freundin, Frau Professor Hecker: »... Du kannst Dir kaum vorstellen wie viele Freude ich an meinem glücklichen Paar habe und wie sich das Freundschaftsverhältnis, das zwischen mir und meinen Kindern besteht, mit der verheirateten Tochter nun noch weiter und umfassender entwickelt hat; und ich möchte sagen, ebenso geht es mir mit Agnes; seit wir nun noch allein beisammen sind, ist unsere Anhänglichkeit aneinander so groß geworden, daß mir’s oft ganz bange dabei wird; sie hängt ihr Herz gar zu sehr an mich, ich muß so oft der unvermeidlichen Trennung denken ...«
Während Frau Brater in solchen Worten andeutete, daß sie, die oft vor Müdigkeit fast der Arbeit erlag, sich selbst keine lange Lebensdauer zutraute, war es ihr bestimmt, alle ihre Geschwister zu überleben. Vor zwei Jahren war ihr Bruder Siegfried gestorben und nun trat deutlich und drohend bei ihrem Bruder Hans ein inneres Leiden zutage, das nach einem schweren Winter rasch eine tödliche Wendung nahm. An Pfingsten 1872, während in Erlangen die »Bergkirchweihe« gefeiert wurde und alles hinausgeströmt war, um sich zu ergötzen, kämpfte dieses Leben den letzten Kampf, und Frau Brater mußte den geliebten Bruder scheiden sehen. Wehmütig schreibt sie: »Ein treues Herz, wie es kein treueres, liebenderes geben kann, habe ich auch jetzt wieder scheiden sehen müssen und habe ihm einen Teil meines eigenen Wesens mit ins Grab gegeben. Ich muß immer aufs neue daran denken, wie gern mein Bruder noch bei uns geblieben wäre.... Die Kinder behalte ich so lange ich nur immer kann.«
Die vier so früh verwaisten Geschwister konnten auf diese Weise im elterlichen Hause beisammenbleiben und wenn auch in der Folge das eine oder andere seiner Ausbildung wegen fortkam, so stand ihnen doch für die Ferien ein Heim offen, in dem sie mütterliche Liebe fanden, das bittere Gefühl des Verwaistseins blieb ihnen erspart.
Der Bruder des Verstorbenen, Professor Fritz Pfaff, wurde Vormund. Da er aber außerhalb der Stadt, in einem Landhaus auf dem Berg wohnte und überdies in jener Zeit viel leidend war, so blieb die Sorge für die vier Unmündigen auf Frau Brater liegen, auch das Geschäftliche wurde ihr übergeben. Gelegentlich einer Vorladung wurde ihr auf dem Gericht mitgeteilt, wie sie für die Waisen Buch zu führen und Rechnung abzulegen habe. Als sie von diesem umständlichen Verfahren hörte, sie, der jede pedantisch-bürokratische Maßregel in der Seele zuwider war, entgegnete sie sofort in ihrer überzeugenden Art, solch umständliche Rechnung könne sie unmöglich führen, die würde auch bei ihr gar nicht stimmen, sie wolle mit den Kindern so weiter wirtschaften wie zu ihres Vaters Lebzeiten, hoffe auch mit den vorhandenen Mitteln auszukommen, aber alles weitere sei ganz unnötig. Die beiden anwesenden Beamten sollen sich daraufhin etwas ratlos angesehen, aber die Sache »vorläufig« beigelegt haben. In der kleinen Stadt kannte man ja seine Leute, wußte daß hier alles in Ordnung und die Mündel aufs beste versorgt wären, und daß man froh sein mußte, sie so gut untergebracht zu wissen. Bei der bewährten Sparsamkeit der Hausfrau gelang es auch, die Söhne studieren zu lassen, und in den Jahren, da die Kosten am bedeutendsten waren, wurde Frau Brater am wenigsten vom Gerichte behelligt, man war wohl auf dem Amte zufrieden, wenn _sie_ zufrieden war.
Eine sparsame Einrichtung setzt voraus, daß die Hausfrau selbst tüchtig mit angreift und so lag nun auch ein gut Teil Arbeit auf Frau Brater. Die Zimmer, die ihr Mann und ihr Bruder bewohnt hatten, vermietete sie, obgleich diese »Zimmerherrn« nicht unwesentlich die Arbeit vermehrten. Ein Brief an ihre Tochter Agnes, die vorübergehend verreist war, gibt einen Einblick in den unruhigen Haushalt:
_Liebe Agnes!_
»Am Ende eines sehr, sehr stürmischen Tages setze ich mich und versuche einen Brief an Dich, denn es ist doch unter allen Umständen sehr angenehm, daß man beim Schreiben _sitzen_ kann.
Heute war geradewegs der Teufel los, aber bekanntlich wird ein Gewürge gerade dann komisch, wenn man es unmöglich mehr beherrschen kann, sondern alles drunter und drüber gehen läßt.
Ich begann meinen Tageslauf mit der großen Bügelei, die mit allen Zimmerherrnvorhängen ziemlich umfangreich war, zu gleicher Zeit stellte sich der neue Gärtner ein und extra meinen Vorhängen zum Trotz der schon vor Wochen bestellte Zimmermann für den Gartenzaun, dann kam der Schlosser für das Tor, dann Herr Ebrard, dann Sophie Schnizlein, dann Anna mit der Kleinen, dann eine Ladung für den Nachmittag aufs Rentamt, dann Emma Schunck zu einer Schirtingsteilerei; Ricke stöberte und fegte unten und bekanntlich klingelt es dann alle Minute, schließlich klingelte dann auch noch Herr K. (ein Studierender, der bei Frau Brater einen Freitisch hatte) zu Klößen und Sauerbraten und sprach heute noch weniger als gar nichts... Schließlich hängen nun doch alle Vorhänge, die Betten sind gesonnt und überzogen, kein Stäubchen mehr ist im Zimmer und morgen kann der Zimmerherr seinen Einzug halten.... Schreibe Du nur bald wieder, denn wenn ich auch nicht viel Zeit habe, Dich zu vermissen, so vermisse ich Dich in kurzen Augenblicken um so ergiebiger und es ist mir, als sei’st Du schon 14 Tage weg!«
Wenn sich in diesen bewegten Jahren Frau Brater die Freude gönnte, ab und zu ein paar Stunden in dem glücklichen, friedlichen Heim der Familie Kerler zuzubringen, so wurde sie bei der Rückkehr meist schon an der Haustüre von Groß und Klein mit allerlei Anliegen überfallen und im Chor fragender, bittender oder auch streitender Stimmen die Treppe hinaufgeleitet. Das war im einzelnen Falle wohl ungemütlich, aber liegt nicht für jede Frau doch auch etwas Beglückendes in dieser Unentbehrlichkeit? Im Ganzen betrachtet war es doch ein Segen, daß sie noch ein so reiches Feld der Tätigkeit hatte, eines das sich noch erweiterte, als sie im Sommer 1872 Großmutter wurde.
Als sie ihr erstes Enkeltöchterchen in Empfang nahm, war sie erst Mitte der Vierzig, man sah ihr die Würde nicht an, wohl aber die Freude. »Ich mag es kaum eingestehen, welches Entzücken das liebe Geschöpf bereitet,« schreibt sie in Erinnerung daran, daß sie sich als junge Frau gehütet hatte, das Lob ihrer eignen Kinder zu singen. Bei dem Enkelkinde konnte sie diese Zurückhaltung nicht mehr über sich bringen, der Großmutterfreude ließ sie freien Lauf. Die Wonne über dies prächtig gedeihende Kind spricht aus allen Briefen der folgenden Jahre. Freilich, wenn die Eltern des Kindes dieses verwöhnt oder zu sehr in den Vordergrund gestellt hätten, so wäre ihre Freude an der Enkelin gleich getrübt worden, denn ihre Erziehungsgrundsätze waren ein Teil ihres Wesens; sie verleugnete dieselben auch nicht bei den Enkelkindern. Kam die Kleine zu Besuch in das großmütterliche Haus, so sorgte die Großmutter, daß ihr nicht von allen Seiten Beachtung, überschwängliche Begrüßung zuteil wurde oder die originellen Äußerungen des Kindes belacht und in seiner Gegenwart weitererzählt wurden. Sie hatte am liebsten, wenn das Kind für sich allein spielte, begünstigte das soviel sie konnte und sorgte, daß der Tätigkeitstrieb der Kleinen nicht zu sehr durch Rücksicht auf die Kleider beschränkt werden mußte. Sie sah sie deshalb am liebsten in den von ihr selbst gestrickten Kittelchen mit bunten Röckchen, an denen nicht viel zu verderben war. Mit Vergnügen ließ sie dann das Kind »Salat waschen« d. h. mit Gras und Kraut im Wasser patschen, Seifenblasen machen und dergl. Wurde dann auch alles tropfnaß, so war doch die Kleine seelenvergnügt dabei.
Vier Jahre später gesellte sich noch ein Brüderchen zu der kleinen Berta, und wenn allmählich wieder Glück und Lebenslust aus Frau Braters Worten und Briefen sprach, so waren es die Enkelkinder, die junge Familie Kerler, die solchen Ton anklingen ließen.
Übrigens fehlte es ihr auch sonst nicht an verwandtschaftlichen Beziehungen in dem alten Erlangen, wo außer den drei Familien Pfaff nun auch die Familie Sartorius lebte und manchen Sonntag zog eine große Schar von Abkömmlingen der guten Frau Pfaff hinaus nach den beliebten Örtchen der Umgegend, nach Bubenreuth, Rathsberg und Sieglitzhof, und die heranwachsende Jugend dieser kinderreichen Familien verkehrte fröhlich zusammen. Schwager Sartorius, Rektor am Gymnasium, und seine Frau Lina, geb. Rohmer waren wohl diejenigen, die zu jener Zeit am fleißigsten Frau Brater aufsuchten. Die Freundschaft mit ihr war ja die Brücke gewesen, die diese Beiden zusammengeführt hatte und immer standen sie im besten Einvernehmen mit ihr. In einem scherzhaften Gelegenheitsgedichte sagt Frau Brater von ihrem Schwager Sartorius: »Doch der Mann von Stahl und Eisen, läßt sich absolut nichts weisen.« Mit solch eisenfesten Ehemännern ist nicht immer leicht auszukommen, mögen ihre Grundsätze noch so vortrefflich sein. So kam denn nicht selten Frau Lina Sartorius zu der Schwägerin hinaus, um häusliche Nöte mit ihr zu besprechen, so z. B. wenn sie Fenstervorhänge anschaffen wollte und der gestrenge Eheherr erklärte, solange der Staat seine Beamten so schlecht besolde, daß es kaum zum Nötigen reiche, dürfe man sich keinen Luxus gestatten und es sei ganz recht, wenn jedermann auf den ersten Blick sehe, daß zu solchen Ausgaben der Gehalt nicht reiche. Die Ehefrau hingegen fand, daß bei solch schönen Grundsätzen ihre Zimmer nicht schön aussähen und wollte die Vorhänge durchsetzen.
Hatte sie dann bei einer Tasse Kaffee mit der Freundin diese und ähnliche Schwierigkeiten besprochen, so kam gegen Abend der Schwager, um seine Gattin abzuholen. Mit schlauem Lächeln trat er vor die Frauen, denn er dachte sich wohl, was sie verhandelt hatten. »Habt Ihr recht über mich losgezogen?« fragte er und sie antworteten lachend: »Jawohl, die ganze Zeit.«
Wie es mit den Vorhängen ausfiel, weiß niemand, wohl aber, daß das Ehepaar immer in schönster Harmonie von der Schwägerin nachhause kehrte.
XIII.
1875-1883
Im Sommer 1875 hatte Frau Brater zum zweitenmal eine Braut im Hause. Ein Jugendfreund Kerlers, wie dieser in Ulm aufgewachsen, suchte den ehemaligen Schulkameraden auf, traf ihn ganz unvermutet schon in einer netten Häuslichkeit mit einer lieben Frau und dachte bei sich: So gefiele mir’s auch. Als nun der Zufall die Schwester der jungen Frau an den Kaffeetisch führte, gestaltete sich dieser allgemeine Wunsch zu einem bestimmten Plan. Der junge Mann wiederholte seinen Besuch und eines Tages erhielt Frau Brater aus dem württembergischen Städtchen Blaubeuren einen Brief in dem der damalige »Stadtschultheiß« (Bürgermeister) Sapper um die Hand ihrer zweiten Tochter anhielt. Im Juni wurde die Verlobung gefeiert.
Frau Brater beantwortete die Glückwünsche der treuen Nördlinger Freunde:
... »Ich weiß ja, daß Ihr mir und meinen Kindern gerne etwas Gutes gönnt, daß nun diese Verlobung etwas Gutes ist, kann ich nicht bezweifeln, wenn ich in Agnesens glückliche Augen sehe; ich selbst kenne den Bräutigam sehr wenig und wenn ich auch bei der kurzen Bekanntschaft rasch ein volles Zutrauen gefaßt habe, so fühle ich doch jetzt bei der Trennung von ihm, daß wir uns noch ziemlich fremd sind, und der Gedanke, daß, wenn er nun wiederkommt, er mir mein einziges so sehr geliebtes Kind entführen wird, dieser Gedanke bewegt mich tief und rührt an manchen durchgekämpften Abschiedsschmerz.«
Schon nach drei Monaten kam der Bräutigam um die Braut heimzuholen. Wohl gab es wieder ein fröhliches Hochzeitsfest, diesmal aber mußte eine Trennung folgen. Frau Brater fiel es schwer, das letzte Glied der eigensten Familie herzugeben. Auch die Braut trennte sich unter bitteren Tränen von der Mutter, mit der sie in den letzten Jahren besonders innig zusammen gewachsen war.
Man möchte sich oft wundern, wenn man sieht, wie ein junges Mädchen, das zuhause in warmer Liebe und schönster Harmonie mit den Ihrigen gelebt hat, überdies noch neben dem Berufe der Haustochter einen Lehrberuf hatte, dem sie mit Eifer nachging und der sie pekuniär selbständig machte, wenn ein Mädchen ein solch befriedigendes, sorgenloses Dasein unbedenklich hingibt gegen ein ungewisses Los, in ganz fremden Verhältnissen, an der Seite eines Mannes, der ihr, wenn auch noch so lieb, doch vor Jahresfrist noch unbekannt war. Dabei hat sie nicht einmal das Gefühl einer mutigen Tat, eines großen Wagnisses, sie folgt unbedenklich einem inneren Triebe. Sie bringt es über sich, alles zu verlassen, um denselben Weg zu gehen, den einst die Mutter gegangen war. Und je glücklicher die Ehe war, aus der ein Kind entsprossen ist, um so zuversichtlicher wird es wieder von der Ehe alles Glück erwarten.
Der dritte Oktober war der Hochzeitstag und schon vom vierten ist der erste Brief datiert, den die Mutter der jungen Frau nach Koblenz sandte, wohin die Hochzeitsreise sie führen sollte.
»_Liebes teures Kind!_