Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 13

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Frau Brater, die bei diesem Unternehmen nur an ihren Mann und dessen Erholung gedacht und über allem, was vor der Reise zu besorgen war, sich selbst vergessen hatte, war von einem unerwarteten Glücksgefühl überrascht bei dem Anblick des Meeres und der herrlichen südlichen Landschaft, in der nun für einen ganzen Winter ihr Aufenthaltsort sein sollte. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß ihnen ungesucht aus dem Traurigen eine Freude erwachsen war, und weit entfernt, sich dieser zu verschließen, genoß sie mit Wonne das Schöne, öffnete auch ihren Kindern die Augen dafür und beglückte dadurch ihren Mann, dem es schon oft schwer geworden war, daß durch sein Leiden ein Schatten in die Familie fiel.

Auch die häuslichen Verhältnisse gestalteten sich angenehm. Dicht an dem evangelischen Kirchlein stand das Haus, dessen unteren Stock sie bewohnten und das in allen Stockwerken für Fremde eingerichtet war. Franzosen, Spanier und Engländer waren die Mitbewohner, die nun manchmal neugierig und staunend an der Parterrewohnung vorübergingen und in die offene Küche einen Blick warfen, wo die deutsche Hausfrau und ihre Töchter an der Arbeit waren. Zuerst glaubten sie wohl nicht, daß es Leute ihres Bildungsstandes sein könnten, aber allmählich wurde ihnen bekannt, daß der Herr ein Gelehrter mit dem Doktortitel sei. (Brater war kurz vorher zum Ehrendoktor der Universität Heidelberg ernannt worden.) So lernten sie deutsche Art kennen und auch hochschätzen. Und wie gerne wirtschafteten Mutter und Töchter zusammen, wie viel Neues war zu sehen, wenn sie ausgingen, um Küchenvorräte heimzuholen! Auf dem Markte standen die Metzger, um zahllose Hammelschlegel zu verkaufen, wunderliches Seegetier lag in Körben, die Gemüse waren auf dem Boden ausgebreitet. Stände mit Parfümeriewaren, Vanille und Porzellanknöpfen fehlten an keinem Markttage. Zwischen den Verkäufern trieben sich Kinder umher, bissen mit Lust in die ungeschälten Orangen, in die rohen Zwiebeln und begleiteten mit ausdrucksvollen Gebärden das Patois, das sie mit südlicher Lebhaftigkeit sprachen.

In den Kaufläden konnten die Fremden französische Höflichkeit kennen lernen. So einmal, als eines der jungen Mädchen, die sich noch gar nicht als Fräulein fühlten, in ein Geschäft trat und Sago zu kaufen verlangte. Man gab ihr Bescheid, daß Sago nicht in diesem Laden, jedoch in der Nähe zu haben sei, aber sie selbst durfte sich nicht bemühen, rasch wurde ein Junge danach geschickt, der #»Mamichella« (Mademoiselle)# einstweilen ein Stuhl – auf die Straße gestellt, da konnte sie Platz nehmen, bis das Gewünschte zu ihr kam!

Der Heimweg von solchem Ausgang führte eine Strecke weit am Meeresufer hin, das bei starkem Winde mächtig an den Steinwall brandete, der die Straße schützte. Am fernen Horizont war an solchen Tagen eine auffallende Erscheinung zu sehen: wie Berge, die aufstiegen und wieder abfielen – es waren die mächtigen Wogen der offenen See. »Bei uns ist’s so schön und herrlich« schreibt Pauline, »daß ich jeden Tag meine Freude habe, ja wären wir Menschenkinder imstande, nur der Gegenwart zu leben, so würde mir kaum etwas zu wünschen übrig bleiben, aber wir können uns eben nicht enthalten, vorwärts zu blicken!«

In den ersten Wochen überwog die Freude an dem Schönen, als sich aber gegen Weihnachten noch keine Spur einer Besserung zeigen wollte, klang Leid und Sorge in jedem Brief und dieser Klang wäre vielleicht noch stärker hervorgetreten, hätte Pauline nicht die drückende Mutlosigkeit vor ihrem Manne verbergen wollen. Wie sehr sie in dieser Stimmung empfänglich war für treue, teilnehmende Worte aus der Heimat, geht aus dem nachstehenden Brief an E. Rohmer hervor.

_Lieber Ernst!_

Dein langer Brief, in der vielbeschäftigten Weihnachtszeit geschrieben, ist mit voller Anerkennung und großer Freude empfangen worden, und da es bis zum letzten Augenblick den Anschein hatte, als sollte Euer Gruß der einzige Weihnachtsgruß aus der Heimat sein, entstand namentlich in der Phantasie meiner Kinder nach und nach eine förmliche Glorie um die Treue Deines Freundeshauptes, und als dann während der Bescherung noch zwei Briefe von den untreuen Erlangern einliefen, so wurde keine Absolution erteilt, denn es sei ein Leichtsinn, hieß es, so bis zum letzten Augenblick zu warten, und der Onkel Ernst sei eben immer der einzige Mensch, auf den man sich verlassen könne... Daß Dir unsere Briefe einen guten Eindruck betreffs der Gegend und des Klimas machen, ist ganz recht, wir schreiben natürlich ganz wahrheitsgetreu und hoffen nun auch, daß Du unserm Plan zustimmen und mit Deiner Gattin für den Monat April hierher kommen wirst. Dieser Plan ist nämlich bei uns bereits zum Beschluß erhoben, da wir überzeugt sind, daß Du gar nichts Gescheiteres tun kannst, der April ist bei Euch noch so recht der Monat für Zahnweh und Rheumatismen, während man hier Sommer haben wird; dazu ist die Reise an sich schon ein Vergnügen. Die Ausgabe ist nicht so groß, für 80 fl. à Person kommst Du bequem hierher, wir haben mit dritter Klasse u. dergl. à Person 54 fl. gebraucht. Hier finde ich Euch um diese Zeit gewiß ein erwünschtes Quartier und meine Mädchen haben bis dorthin sicher so viel Fortschritte in der Kochkunst gemacht, daß ich Euch mit gutem Gewissen an unsere Tafel laden kann. Also wenn Du in den nächsten Tagen Deinen Etat für das Jahr 67 machst, so hast Du ein paar hundert Gulden für eine Reise nach Cannes anzusetzen. Ein paar hübsche Ausflüge haben wir schon auf Euere Ankunft verschoben, nämlich eine Wasserfahrt nach der eine kleine Stunde entfernten Insel Marguerite, wo es wunderschön sein soll und wo seinerzeit der Mann mit der eisernen Maske residierte, und dann eine Fahrt zu Wagen auf das Kap Roux hinaus. Eine neue Zierde unserer Gegend haben wir inzwischen auf einer nahen Anhöhe entdeckt, nämlich eine ansehnliche Kette der schneebedeckten Seealpen, es sind mächtige Bergspitzen, die zum Teil 13000 Fuß erreichen. Also komm und siehe, denn Du kannst Dir eine solche Natur nicht vorstellen, die beständig im Sonntagsgewand einhergeht, und wenn ich zehn Jahre jünger und alles gesund wäre, ich glaube, ich würde den ganzen Tag nichts tun, als singen und Juhe schreien ...

Unsere Feiertage sind uns recht vergnüglich vergangen, etwas ruhiger als bei Euch, das ist gewiß, es wollte mir fast komisch erscheinen, als ich für meine zwei alten Kinder einen Baum bestellte, aber es rentierte sich doch, und sie freuten sich daran wie echte Kinder und waren sehr stolz über die Bewunderung, die er bei unsern Französinnen erregte... Was die Heilwirkung der hiesigen Luft betrifft, so können wir leider noch immer nicht viel Gutes sagen, es ist mir unfaßlich, daß meines Mannes Husten nicht nachläßt, ich hatte gedacht, daß bei dieser Lebensweise in einem Zeitraum von etwa acht Wochen doch schon eine kleine Besserung eintreten würde, es ist bis jetzt aber noch nichts zu bemerken, indes hoffe ich um so zuversichtlicher, daß sich die Besserung vorbereitet und dann dauerhaft zum Vorschein kommt. Karls gutes Aussehen deutet gewiß eine solche Vorbereitung an.

Nun noch meine besten Grüße an Dein ganzes Haus ... in treuer Liebe Euere

_Pauline._

Es findet sich von Braters Hand noch die Randbemerkung: »Gestern hat sich die Juchheschreierin über dem Schleppkleid einer kreolischen Hausgenossin, die bei ihr zum Besuch war, den Fuß vertreten und muß jetzt das Zimmer hüten!« Ein schönes Zeichen seines Optimismus bietet der Schluß seines eigenen Briefs, geschäftlichen und politischen Inhaltes: »Gott befohlen für das neue Jahr. Es geht in der Welt mit Ach und Krach, doch _immer und immer vorwärts!_«

Was Frau Brater von dem Aufenthalt in dem französischen, katholischen Luftkurort am wenigsten erwartet hätte, das wurde ihr und noch mehr ihren Kindern ganz ungesucht zuteil: eine religiöse Anregung. Die Hausbesitzerin, eine ältere Dame, und ihre nächsten Freunde gehörten der evangelischen Kirche, der #»église libre«# an. Sie kamen ihren protestantischen Mietsleuten als Glaubensgenossen freundlich entgegen und auf diesem Grund entstand bald eine wahre Freundschaft. Die kleine Gemeinde in Cannes hatte jenes warme Gefühl der Zusammengehörigkeit, das man immer dort trifft, wo es gilt, durch Einigkeit stark genug zu werden, um den von allen Seiten andrängenden Feindseligkeiten der übermächtigen Majoritätskirche zu widerstehen. Der sonntägliche Gottesdienst, dem jegliches Gepränge fehlte, hatte trotz oder wegen seiner Nüchternheit etwas ergreifend Ernstes und Wahres. Ohne Talar, im gewohnten schwarzen Rock, trat der Geistliche an den Tisch, der den Altar ersetzte und seiner klaren, schlichten Rede folgte jeder Zuhörer gespannt und aufmerksam. Nichts dröhnte salbungsvoll oder pathetisch über die Häupter hinweg, die Redeweise unterschied sich kaum von der des täglichen Verkehrs, es kam auch wohl vor, daß der Geistliche eine Zwischenbemerkung machte, wie etwa: »bitte die Türe zu schließen, es zieht,« daß er am Schluß der Predigt einige Bekannte aufforderte, mit ihm zu Mittag zu essen. So menschlich nahe war Frau Brater und ihren Kindern noch nie die Kirche getreten und so deutlich wie an den Gliedern der kleinen Gemeinde hatten sie nirgends sonst den vertiefenden Einfluß warmer, religiöser Überzeugung empfunden. Brater freute sich der Anregung, welche die Seinigen von diesen trefflichen Menschen empfingen, wenn ihm persönlich auch der Umgang mit ihnen durch seine geringere Kenntnis der französischen Sprache nicht möglich war. So weit ihn nicht die Kur in Anspruch nahm, führte er sein stilles Leben am Schreibtisch, versorgte aus der Ferne die politische Wochenschrift mit Beiträgen, die Redaktion des Staatswörterbuchs mit Korrekturen und lebte im Geist in seinem Vaterland.

So wäre alles recht, ja über Erwarten schön gewesen, wenn nur die Hauptsache, die Besserung des Leidens, der Erfolg der Kur nicht ausgeblieben wäre. Sechs Monate waren für den Aufenthalt in Aussicht genommen, nach Verlauf von vier Monaten schreibt Frau Brater an ihre Schwägerin:

_Liebe Julie!_

Wir haben einen raschen Entschluß gefaßt und die Umstände bringen ihn zu rascher Ausführung: ich zeige Dir an, daß wir im Begriffe sind, Cannes zu verlassen und darnach trachten, in Gries bei Botzen ein Unterkommen zu finden. Die Besserung in Karls Befinden war nur eine scheinbare und es hat sich gleich darauf (_ohne_ Veranlassung) eine dauernde Verschlimmerung eingestellt, die zwar nicht über die früheren Zustände hinausgeht, aber eben doch unerwünscht ist, so läßt mir die Befürchtung, daß für Karl ein Seeklima ungünstig ist, keine Ruhe mehr, ich habe Dir das ja schon früher einmal gesagt und Du bist am Ende über diese Neuigkeit des Übersiedelns weniger überrascht als wir selbst. Dazu kommt, daß der März hier wegen seiner Winde ein schlechter Monat ist und wenn es uns in Gries nach Wunsch gelingt, denken wir einen guten Tausch zu machen und hoffen, bei der jetzigen vorgerückten Jahreszeit keinesfalls zu verlieren. Ich habe unvermutet schnell die Wohnung angebracht und wir hoffen, die Sache mit unbedeutenden Opfern durchzubringen, doch sind wir Frauensleute alle in Tränen dagestanden, als wir den Kontrakt der Abmietung unterzeichneten. Mir tut das Herz weh den ganzen Tag und Anna hat immer die Augen voll Wasser. Das Leben hier hat uns viel Freude gebracht und wir verlassen treue Freunde, die wir wohl nie wieder sehen werden. Wir haben uns heimisch und wohl geborgen gefühlt und werden nun am Samstag schon aus unserem warmen Nest hinausgetrieben, ohne uns schon in Gedanken am zukünftigen erfreuen zu können... Wir haben eine schöne Reise vor uns, der Riviera entlang bis Genua, leider etwas teuer wegen der mangelnden Eisenbahn. _Wie_ wir die Reise machen werden, wissen wir selbst noch nicht, ich habe die hübsche Mission, morgen nach Nice zu fahren, um wegen der verschiedenen #Diligencen# u. dergl. Erkundigungen einzuholen, ein gutes Stück Arbeit bei meiner Sprachfertigkeit, es ist mir nicht recht wohl bei dieser Angelegenheit.«

Die Verwandten und Freunde in der Heimat mochten es leicht verstehen, wenn Pauline nicht ohne Wehmut von der herrlichen Gegend, von dem Meere schied, das je wieder zu sehen sie kaum hoffte, aber daß der Abschied von solch neuen Bekannten, überdies französischer Nation, ihr und den Töchtern wirklich schwer wurde und überhaupt in Betracht kam, gegenüber dem Wiedersehen der alten, treuen Bekannten, dies konnten sie sich wohl schwer erklären, wenn sie nicht wußten, daß ein starker Einfluß ausgegangen war von den religiösen Naturen dieser kleinen Menschengruppe in Cannes und nicht selbst schon erfahren hatten, wie sehr der Mensch an diejenigen anhänglich ist, die sein Wesen irgendwie gefördert und bereichert haben. Schmerzlich war es unter allen Umständen, den Ort zu verlassen ohne jegliche günstige Wirkung der Kur. Aber in diesen Jahren bewährte sich das Wort: »Geteiltes Leid ist halbes Leid« gar sehr bei diesem Paar. Wollte einem von beiden der Mut sinken, so half das andere mit dem seinigen aus, und indem der Leidende jede Klage aus Liebe für die Mitleidende unterdrückte, hielt er sich selbst seine Trösterin frisch und anregend.

Die Reise in der kaiserlichen #messagerie#, d. h. in vier-, streckenweise sechsspänniger Post auf der herrlichen, längs des Meerufers sich hinziehenden Straße über Mentone, Nizza, San Remo bis Genua war ein großer Genuß, wenn auch mit Anstrengung erkauft, denn die Fahrt ging auch bei Nacht ohne Unterbrechung weiter. Frau Brater schreibt von Bozen aus an Ernst Rohmer:

»... Unsere Reise war vom Wetter begünstigt, K. hat sie glücklich zurück gelegt und wir freuen uns alle von Herzen, wieder im deutschen Vaterland zu sein, obwohl es vorderhand nur Österreich ist..... Unser Weg war Nizza, Genua, Mailand, Verona und dann vollends das Etschtal herauf; durch und durch interessant und schön, namentlich der erste Teil Nice–San Remo findet seinesgleichen selten, wir werden diese Herrlichkeit unser Lebtag nicht vergessen, das müßt Ihr sehen. – Nun sind wir in Bozen installiert und führen unsern Haushalt in einer großen, billigen Wohnung, mit aller Bequemlichkeit; daß wir vorderhand von unserm neuen Aufenthalt nicht sehr entzückt sind, ist kein Wunder, hier ist noch alles kahl, kaum einige blühende Bäume, und das Meer – wann werde ich das einmal wiedersehen, mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke! Übrigens bin ich überzeugt, daß wir wohlgetan haben, und Karl fühlt sich hier behaglicher; Gott gebe, daß wir auch einmal von einer Besserung zu berichten haben!«

Die Überlegungen und den Entschluß, ob Cannes zu verlassen und Bozen zu wählen sei, hatte Brater in der Hauptsache seiner Frau überlassen. Er selbst war wenig medizinisch veranlagt und traute ihr in diesen Dingen mehr zu als sich, auch beobachtete und verglich sie sein Befinden genauer, als er selbst es tat. Seine Gewohnheit, nicht viel an die eigene Person zu denken, aber doch gewissenhaft zu befolgen, was ihm die Ärzte verordneten, machten ihn zu einem Patienten, wie man sie selten trifft. Er behandelte seine eigene Krankheit so objektiv wie die eines anderen Menschen. War alles befolgt, was die Kur ihm vorschrieb, so hatte er auch weiter keine Gedanken mehr für sein Leiden übrig, es mochte dann gehen wie es wollte, sein ganzes Interesse wandte sich der Arbeit zu.

Von Bozen aus unternahm Brater mit den Seinigen einmal einen Ausflug nach Meran. Auf dem dortigen Kirchhof war Braters Vater begraben. Als ein neunundvierzigjähriger Mann hatte er, lungenleidend, zu seiner Erholung ein bis zwei Jahre in Meran zugebracht und war dort seinem Leiden erlegen. In ernsten Gedanken stand nun der Sohn am Grabe des Vaters, fast im gleichen Alter, als dieser gewesen, an der gleichen Krankheit leidend, mit derselben Erfahrung, daß keine Kur das Übel aufhalten konnte. Es war ein ergreifender Gang! Aber mit großer Selbstbeherrschung wurde jede schmerzliche Erregung, jeder düstere Ausblick in die Zukunft unterdrückt; ergeben in sein Schicksal wandte er seine Schritte bald wieder weg von dem Orte der Trauer, der Stadt zu, deren großartige Naturschönheit er Frau und Kindern zeigen wollte.

Auf Mitte Mai war die Heimkehr angesetzt. Er schreibt an Ernst Rohmer, der ihn bald zu sehen verlangte: »Morgen soll nun nach München aufgebrochen werden, wo wir am Donnerstag einzutreffen gedenken, die drei Frostheiligen sind vorüber und es kann, wenn der gute Wille vorhanden ist, jetzt auch bei uns eine anständige Witterung eintreten. Der Kontrast gegen Bozen, wo wir seit einiger Zeit abends 10 Uhr 17° #R# zu haben pflegen, wird immerhin ziemlich stark sein; kämen wir direkt von Cannes, so wäre es noch stärker und schon deshalb war die hiesige Zwischenstation gewiß zweckmäßig. Im ganzen komme ich, wie schon bemerkt, ziemlich unverändert zurück und es wird sich nun fragen, wie mir die Münchner Lebensart zusagt...... In München dürfen wir also erwarten, Dich bald zu sehen. Ich kann Dir unsere Wohnung nicht angeben, weil sich noch keine gefunden hat und wir uns vermutlich vorerst mit einem Interim behelfen werden. Es ist die schwere Not: ich soll nicht zu kalt und nicht zu warm, nicht hoch und nicht abgelegen, nicht im vorstädtischen Staub und nicht im städtischen Spektakel leben – wie läßt sich das machen?..... Pauline muß von München nach Erlangen gehen, um dort Geschäfte abzutun, es wird also darauf zu sehen sein, daß Ihr Euch in M. nicht verfehlt.«

Auf der Heimreise über den Brenner, Mitte Mai, bekamen unsere Reisenden in diesem Jahre den ersten Schnee zu sehen. In München wurden sie von der Schwester Julie empfangen, die einstweilen für ein provisorisches Unterkommen gesorgt hatte. Die Ärzte, die nach langer Abwesenheit ihren Patienten wieder sahen und untersuchten, sprachen von einer wesentlichen Besserung, die sich eingestellt habe. Dem Kranken selber und den Seinigen kam davon allerdings nichts zum Bewußstein, aber dieser ärztliche Ausspruch belebte dennoch die Hoffnung und erweckte neuen Lebensmut, so daß sich auch Brater sofort wieder in den Mittelpunkt der politischen Tätigkeit begab. In der Kammer sprach er nur noch selten, seine Stimme war schwach aber noch immer klar und wir lesen in einem Berichte jener Zeit: »Wenn er sprach, so lauschte die ganze Kammer.« Es war auch kein unnötiges Wort in seiner Rede, mußte er doch mit jedem Atemzug haushalten. Wenn er mühsam Stufe für Stufe die Treppe des Ständehauses hinaufstieg, ging jeder still und achtungsvoll grüßend an dem Manne vorbei, von dem alle erkannten, daß er seine letzte Kraft einsetzte. Seine Haupttätigkeit war die im Gesetzgebungsausschuß und diese Arbeit hielt ihn in den folgenden zwei Jahren meist in München fest, wenn auch nötige Erholungspausen ihn zeitenweise aus der Stadt hinaus ins bayerische Gebirg, einmal auch auf die Retraite, einem stillen Landsitz bei Bayreuth, führten. Während dieses Aufenthalts erhielt Frau Brater die Nachricht von dem Tode ihres Bruders Siegfried. Sie schreibt darüber: »Wie oft hatte ich meinem schwer leidenden Bruder ein sanftes Ende gewünscht. Nun ist mein Wunsch erfüllt, sanft und schmerzlos durfte er aus dieser Welt scheiden, aber so sind wir Menschen – die Freude, daß nun dieser schwer Geprüfte von allen Leiden erlöst ist, empfinde ich kaum, ich fühle nur immer und immer wieder den Schmerz des Nimmerwiedersehens....... Mein Siegfried war mir immer ein liebevoller und freundlicher Bruder, so weit ich zurück denke, und wie liebenswürdig und gemütlich war er im Verkehr, es war ein wohltuendes und behagliches Gefühl, sowie er nur ins Zimmer trat; auch meinem Mann war er immer eine liebe Erscheinung. Dies ist nun alles vorbei ..... Wie lieb man seine Geschwister hat, das weißt Du ja aus Deinem eigenen Herzen, sie sind eben das eigene Fleisch und Blut, eins ist durch das andere und mit dem anderen das geworden, was es ist, sie sind ein Stück des eigenen Wesens, gemeinsam trägt man die Erinnerung an Jugend und Elternhaus, die auch dem späteren Leben noch Licht und Wärme verleiht und bei niemand baut man so sicher und rückhaltlos auf Treue und Verständnis als eben bei Geschwistern ....«

Nach der Rückkehr der Familie Brater vom Land ergab sich ein längerer Aufenthalt in München, den die Eltern der Ausbildung ihrer Töchter zugute kommen ließen. Diese sollten sich auf das Examen in der französischen Sprache vorbereiten, um später Unterricht erteilen zu können. Frau Brater selbst war zwar durchaus keine Freundin von der damals noch ganz neuen Einrichtung, daß Mädchen Examen machen und sich auf einen speziellen Beruf vorbereiten sollten. Aber sie fügte sich dem Rate der beiden Schwägerinnen, denen die Kinder ihre Ausbildung verdankten, und erkannte auch, daß es ihrem Mann eine Beruhigung war, seinen Töchtern eine weitere Existenzmöglichkeit mit ins Leben zu geben. Als Gegengewicht für diese Arbeit und den ohnedies bei dem zunehmenden Leiden des Vaters ernsten Lebenszuschnitt ließ sie die jungen Mädchen auch Tanzstunden nehmen und freute sich, wenn sie dadurch unter fröhliche Jugend kamen. Das französische Examen, das heutzutage fast eine Woche in Anspruch nimmt und zu dem sich in mehreren Städten Bayerns alljährlich weit über hundert Mädchen einfinden, wurde damals nur in München, und zwar am Palmsonntag nachmittag abgehalten und außer unseren zwei Privatschülerinnen nahmen nur einige Mädchen aus dem bekannten Ascherschen Institut teil. Als die kleine Zahl um den Prüfungstisch saß, sahen die prüfenden Herren lächelnd auf die emsig schreibenden Mädchen und der eine sprach zum andern in dem Gefühl eines noch nicht dagewesenen Erlebnisses: »Welch ein Bild des neunzehnten Jahrhunderts!«

Nach einigen Wochen erhielten die Geprüften ihre Zeugnisse, und zwar hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note #I# bekommen. Damals galt es noch, die Mädchen zu ermutigen, daß sie von der neuen Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um sich vor der Überzahl zu schützen.