Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 12

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Einen scherzhaften Glückwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag schrieb, möchten wir anführen, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre 1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die Einigung ihres Vaterlandes nahe zu wähnen. Brater schreibt seinen Glückwunsch auf ein gedrucktes Formular, das für Mitteilungen der geschäftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache bestimmt war, und redet als deren Geschäftsführer seine Tochter an. Nach feierlicher Einleitung kommt folgender Glückwunsch: »Mögen Sie wohlbehalten _so viele Jahre_ erleben, als von heute an bis zu dem gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter _einen_ Hut gebracht und seinem großen Elend ein Ende gemacht ist. Möge Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und durch ein _heiteres Alter_ verschönert werden. Mögen Sie Ihren würdigen Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und einträchtigen Verkehr mit jüngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfüllen, welchen sich mit geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben.

Namens der geschäftsleitenden Kommission:

Der Vorsitzende Der Geschäftsführer verhindert Brater.

Der »Geschäftsführer« ahnte nicht, daß er damit der Geburtsträgerin nur noch sechs glückliche Jahre wünschte!

Für Brater ergaben sich mancherlei Geschäftsreisen in diesem Frühjahr und oft wurde es für die zurückbleibende Gattin fast unheimlich in dem verlassenen Haus. Sie erzählte später manchmal, daß sie mit einem gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Türen vorbei die stillen Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umständen war es für sie eine doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklärte, nach Frankfurt zu kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschäftigte ihn schon damals sein großer erster Roman und man sah es voraus, daß der Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund drängen würde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder der Arbeit, die überdies nichts weniger als trocken politisch war, da sie mit Begeisterung aufgefaßt wurde. Die gemeinsamen Münchner Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt Wilbrandt noch näher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde, mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus gegenüber der zehn Jahre älteren Frau, ließ sich in düsteren Stimmungen gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde geistige Anregung. – Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Süddeutschen Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater hochgeschätzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in späteren Jahren Bedeutung für Frau Brater.

Bis in den Sommer hinein verlängerte sich der Frankfurter Aufenthalt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb. Kopp: »Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dächten, die schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat, werde bis dorthin ihren gewünschten Abschluß gefunden haben, aber wir hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind einstweilen mit meiner Schwägerin Luise schon in Erlangen, denn daß wir dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur führen wir immer ein so unruhiges Wanderleben, daß ein anderer nie recht wissen kann, _wo_ wir eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, müßt Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit gedenken können, der Kindheit, dieser harmlos glücklichen Zeit, und unserer guten Mütter. Dieses Erlangen ist mir oft so öde und ausgestorben erschienen, von meinen früheren Freunden ist gar niemand mehr dort und auf den Straßen lauter fremde Gesichter, die mir wie Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, daß meine Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bänkchen sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hörte, wenn sie nicht gerade mit ihrer Nachbarin zu schwätzen hatte, übrigens sind meine Kinder viel aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleißig, daß ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin, denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, möglichst viel Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich auch die Mitschülerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten lassen.

Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach München ruft, so wird Anna im Frühjahr in unserer Kirche konfirmiert, auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch einmal den Präparandenunterricht nehmen will.« ....

Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester Julie:

»Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, – soweit davon die Rede sein kann bei einem täglichen Verkehr mit halb Deutschland und bei zwei dreistündigen Sitzungen wöchentlich – hat Dir P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehör unter Kreuzband mitgehen lasse«. (Zusammenstellung der Teilnehmer des Nationalvereins.) »Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat, diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann muß dies begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wäre, wenn wir – das Volk – diese fünf Monate hindurch die Hände in den Schoß gelegt hätten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen.

Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen soll, wie Du weißt, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich müßte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden, denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Süddeutsche Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewöhnt, mir von der Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, daß ich mit sträflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa neues bescheren wird.«

In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: »So viel ist mir jetzt vollends klar geworden, daß ich nur die Wahl habe, mich der Politik _ganz_ zu ergeben, oder mich _ganz_ von ihr zurückzuziehen. Wer den Mittelweg einhalten will, muß ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Königs (Max #II.#), habe ich wohl daran gedacht, daß man mir jetzt die Zulassung zur Advokatur nicht mehr verweigern würde, aber ich fürchte mich vor dem Handwerk und die Bewerbung wäre der sauerste Entschluß meines Lebens.« Die Notwendigkeit, diesen Entschluß zu fassen, trat nie ein, es ergab sich immer Arbeit mehr als genug und es wäre wohl in jeder politisch bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Kräfte »frei zum Dienste« bereit stünden.

Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu ihren Kindern zurückzukehren, erfüllt; mit Freude und Jubel wurden die Eltern nach fast dreivierteljähriger Trennung von den beiden Mädchen empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch weiter unterrichtet wurden.

In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen Ausschüsse ein häufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und München, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die Familie nach München, so war nie vorauszusehen ob für lange oder kurze Zeit. Deshalb wurden immer nur möblierte Zimmer genommen und um die Sache möglichst billig einzurichten, beschränkte man sich aufs äußerste, mietete z. B. oft nur drei Betten und für die vierte Person, die jüngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem und jenem Bettstück auf dem Boden ein Lager bereitet.

So ergaben sich in den möblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer adeligen Dame, einer Gräfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Möbel abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfändet waren. In theatralischer Weise fiel die Gräfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann und beschwor ihn, für sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, daß er als Landtagsabgeordneter unmöglich so kurzer Hand auf die Straße gesetzt werden könne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff sich die Gräfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es war nicht möglich, lange da zu verweilen.

In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestmaß von Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhältnissen waren. Es gehörte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit ruhiger Selbstverständlichkeit Leute aus vornehmen und luxuriösen Kreisen in ihren einfachen Räumen zu empfangen. Buhl, den man den Pfälzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schloß kommend, sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen konnte. Solchen Gästen gegenüber gab die Hausfrau wohl die Erklärung für die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte über die mangelhafte Einrichtung, sie verhüllte sie nicht. Wenn so die wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den Verkehr mit den nächsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte für die Saison einige ihrer Bilder zum Wandschmuck und wäre jederzeit zu allen Opfern bereit gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wäre.

Die pekuniären Verhältnisse waren in diesen Jahren oft ungünstig. Pauline äußerte einmal ihrer Schwägerin gegenüber, daß ihr Mann sich bei seinem zunehmenden Leiden darüber manchmal Sorge mache und sie fügte hinzu: »Ich aber gar nicht, denn wir _können_ nicht mehr sparen.« Dies bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Möglichste tun, dann aber nicht sorgen.

Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Münchener möblierten Wohnungen nach Erlangen zurück, so fand man dort zwar die eigenen Möbel, wurde auch vom Bruder Hans mit rührender Freude empfangen, aber immer größer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die eine mehr und mehr empfindliche Haushälterin ohne Einmischung weiterführen wollte, und je älter die Kinder wurden, um so weniger war es möglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal ihrer Erziehung war: nur nach außen keinen Anstoß erregen, und das dritte Wort: »Was sagen die Leut!« Verfing das nicht mehr bei den Kindern, so suchte sie ihre Autorität zu stützen durch die Drohung: »Wartet nur, wenn die Tante kommt!« Auf diese Weise zerstörte sie, zwar nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der Kinder und da sich tatsächlich jedesmal Mißbräuche eingeschlichen hatten, die abgestellt werden mußten, so brauchte es immer längere Zeit, bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mußte die immerhin unentbehrliche Haushälterin ihrer großen Empfindlichkeit wegen mit einer Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren Persönlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war.

Manchmal seufzte sie in jener Zeit: »Das schwerste Kunststück für den Menschen ist, mit den Menschen auszukommen!« Sie bemühte sich aber redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermöglichte es ihm doch, in dieser Weise den Hausstand fortzuführen, und ihm war alles recht, was ihm den Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein ganzes Herz gehörte noch seiner ersten Liebe. In großer Selbstlosigkeit schickten sich die beiden Männer in die kleinen unvermeidlichen Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder schlossen sich in geschwisterlichem Verhältnis zusammen, aber das Haus selbst, nördlich gelegen, war kein günstiger Aufenthalt für einen Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich.

So wurde im Jahre 1866 für das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig gemacht, der klimatisch günstiger war und doch keine vollständige Trennung nötig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt, auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshäuschen, ein kleiner grauer Sandsteinbau mitten in großem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Häuschen hatte sich der Nürnberger Buchhändler Palm verborgen gehalten, der im Jahre 1806 wegen der Verbreitung der Schrift: »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung« auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum hatte die Familie Brater dieses stille Landhäuschen bezogen, als – wegen des drohenden Krieges – im Frühjahr 1866 der Landtag einberufen wurde. So mußte Brater auf unbestimmte Zeit nach München und Frau und Kinder im Palmshäuschen zurücklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den Württemberger Verwandten:

... »Wir haben in unserm Gartenhäuschen anfangs vor allem andern den Ofen schätzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prächtig grünen Bäume im dicken, dicken Schneegestöber sehen mußten. Übrigens ist der Schnee wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie beteiligt sich mit großer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes Pflänzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon sehr glücklich in unserer ländlichen Wirtschaft und Behausung, allein seit mein Mann fort ist, ist natürlich auch mir die Freude halb genommen, ja wenn ich nur gewiß wüßte, daß er in kurzer Zeit wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Mißgeschick fügen als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der Landtag könnte sich in die Länge ziehen und der Sommer meinem Mann erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird’s mir ganz verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu fürchten, mein Mann hielt es für möglich, daß der Landtag mit vier Wochen zu Ende gehen werde. – Während nun die Herren in München und in ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rüstungen abgeben, sitzen wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, daß man denken könnte, es gäbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als Gemüse und Salat pflanzen. Für meinen Mann könnte ich mir kein passenderes Plätzchen wünschen, es ist so ruhig, alles grün um uns, der Wald ganz nahe, so daß sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bäumen hören und sehen ließ, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen sind uns ganz gewöhnliche Gäste. Auch mir tut diese Stille nach dem unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst wieder genießen, wenn er von außen her wieder befestigt ist! Ich halte noch immer an der Hoffnung, daß der Krieg vermieden wird...

Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die Brüder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem Augenblick aber fast übermäßig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried sind politisch verschiedener Richtung und da könnte jemand, der sich nicht auskennt, leicht meinen, sie möchten sich einander umbringen, aber es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen sich immer schon im voraus auf den Spektakel...«

Vierzehn Tage später (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwägerin Emilie Schunck: »Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg ausgebrochen sein! Das Empörendste an der Sache ist doch immer das, daß hier ein Krieg geführt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht will, – was sind denn das für Einrichtungen und was für Menschen, die sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken von diesen kläglichen Zuständen abwenden können, während die Männer, die das Ganze ausmachen, und _jeder_ ein Teil desselben ist, Arbeit und Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, daß der Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurückkehren. Mit welcher Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du weißt ja, daß wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen Nest, das für Karl gewiß ein recht wohltätiger Aufenthalt wird, ach, und er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so daß ich eigentlich in einer beständigen Aufregung war um jeden Tag, den er in München zubrachte, und ich bin nicht völlig ruhig, bis er wirklich und leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, daß sich sein Befinden in München wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen Sommer sind nun schon viele Wochen ungenützt verstrichen...«

Als der Ersehnte endlich zurückkam, fand Pauline sein Befinden merklich verschlimmert und es erwies sich als eine große Wohltat, daß auch er nun in der stillen, ländlichen Wohnung Ruhe fand. Unten in der Stadt erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt, als ein Gefecht in nächster Nähe erwartet wurde. Auch waren die österreichisch gesinnten Elemente der Bevölkerung aufgehetzt und Brater, der Bismarcks Bedeutung längst erkannt und offen hervorgehoben hatte, erfuhr, daß der Pöbel gewillt war, ihm »seine preußischen Fenster« einzuwerfen. Aber mit Eintritt des Waffenstillstandes verlief sich rasch die Erregung und das Jahr 1866 wurde in Beziehung auf die Feindseligkeiten gegen Brater ein Wendepunkt. Nachdem die Ereignisse ihm Recht gegeben, verlor die Feindschaft mehr und mehr ihren Stachel und immer weitere Kreise gingen vom engherzigen Partikularismus zu nationaler Gesinnung über.

X.

1866-1869

Im Herbste des Jahres 1866 tauchte der Plan auf, daß für Braters Gesundheit eine richtige Kur unternommen werden sollte, ein Winteraufenthalt im Süden wurde ihm geraten. Ein solcher machte aber eine Beurlaubung von der Ständekammer, ein Aussetzen seiner meisten Arbeiten nötig und davor bangte Pauline; von da an, meinte sie, wird er erst empfinden, daß er krank ist, bis jetzt ließ die Arbeit ihn nicht zu diesem Bewußtsein kommen und wie groß mußte nach solchen Opfern seine Enttäuschung sein, wenn etwa der Erfolg doch ausblieb! So wurde hin und her beraten, bis Brater in seiner ruhigen, sachlichen Weise seinem Arzte, Prof. Herz in Erlangen, klare Fragen vorlegte, deren Beantwortung den Entscheid gaben. Er schreibt darüber an Ernst Rohmer:

»Herz hatte mir nun die Fragen zu beantworten:

1. Kann eine klimatische Kur insofern nachhaltig wirken, daß sie die weitere Entwicklung des Übels wesentlich aufhält?

Antwort: Ja.

2. Ist ohne eingreifende Gegenmittel eine fortwährende Steigerung des Übels zu erwarten?

Antwort: Ja.

3. Kann die Kur nicht ohne Bedenken auf ein späteres Jahr verschoben werden?

Antwort: Die Reaktionsfähigkeit des Organismus und folglich die Wahrscheinlichkeit, daß die Kur wirkt, nimmt mit jedem Jahr ab, und wenn man am Ende der Vierziger steht, ist es eben noch Zeit.« ...

Damit war für Brater die Frage entschieden, denn für die Möglichkeit der Ausführung hatten andere gesorgt. In ergreifender Weise waren dem Kranken, noch ehe der Plan zum Entschluß gereift war, die Mittel zur Kur angetragen worden. Nicht nur von seinem treuen Onkel Meynier, sondern auch von Freunden, deren Beweggrund war, ihre nationale Gesinnung auch dadurch zu betätigen, daß sie dem Manne beistanden, der für die nationale Sache seine Kraft und Gesundheit eingesetzt hatte. Dies war ein erhebendes Gefühl für Brater und seine Frau und ein Beweis, daß nicht nur das Böse immer wieder Böses, sondern auch das Edle wieder Edles erzeugt. Das »Zuviel« wurde abgelehnt, das Nötige dankbaren Herzens angenommen. Nun handelte es sich um die Wahl des Ortes, es wurden damals Cannes, Hyères, Palermo und Montreux genannt und Erkundigungen eingezogen. Der Entscheid fiel für Cannes, die südfranzösische Stadt an der Rivièra. Eltern und Kinder bereiteten sich auf eine neue, lange Trennung vor, freundlich erklärten sich die Tanten Brater bereit, die Nichten für den Winter aufzunehmen, schon lag dieser Abschiedsschmerz schwer auf der Seele, da tat sich eine Möglichkeit auf, der Sparsamkeit und doch zugleich dem Herzenszug gerecht zu werden. Es wurde in Cannes eine möblierte Wohnung mit Küche ermittelt, in der die Familie eigene Wirtschaft führen und dadurch zu viert nicht wesentlich teurer leben würde, als zu zweit in einer Pension. Anna und Agnes, nun beide konfirmiert und der Schule entwachsen, sollten das Kochen besorgen und sich dadurch einigermaßen den interessanten Aufenthalt verdienen, der ohne eine solche Leistung nach den Grundsätzen der Eltern zu verwöhnend gewesen wäre. Die Freude der Kinder bei der Mitteilung, daß man sie auf solche Weise mit gutem Gewissen mitnehmen könne, war so überwältigend, daß dadurch diese ganze, aus trauriger Ursache unternommene Reise einen fröhlichen Charakter bekam.

Zunächst wurde noch ein vierwöchentlicher Kuraufenthalt in Stuttgart genommen, wo damals für Brustkranke eine Anstalt zum Gebrauche komprimierter Luft bestand. Ein Erfolg war wohl nicht zu verzeichnen, aber angenehm wurde der Aufenthalt durch den Verkehr mit dem Bruder, Professor Heinrich Kraz und seiner Familie, auch Kolomann Pfaff lebte in Stuttgart als Professor der Mathematik und das Zusammensein mit diesen Brüdern war eine besondere Freude vor dem Antritt einer Reise, die so weit ab von allen Lieben führen sollte. Im November ging die Fahrt über Genf, Lyon, Marseille, Toulon nach Cannes.