Frau Pauline Brater: Lebensbild einer deutschen Frau

Chapter 11

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Mein Zimmer hat sich in ein Bureau verwandelt und unter dem Geplauder der Leute muß ich schreiben. ... Du mußt Dir vorstellen, daß ich diesen Brief nach je drei Zeilen unterbreche, um über diesen oder jenen von den sechzig andern Briefen, die in der Stube expediert werden, Aufschluß zu geben. Bei der gestrigen Beratung ist die Wahlsache in Ordnung gekommen, Barth und Völk sind beigetreten. Das Programm hast Du bereits in der Zeitung gelesen. Den von Barth und mir zusammengewürfelten Aufruf, der erst noch weitere Unterschriften erhalten muß, lege ich Dir bei. Die Sache ist gut im Zug und ich _muß hier bleiben_.... Die hiesige Partei ist fest für mich, aber ebenso fest die Gegenpartei, die den sehr vernünftigen Satz aufstellt, sie müsse einen Nürnberger haben.... Auf baldiges Wiedersehen! Von Herzen

Dein K.

Gelegentlich kommt auch eine Mitteilung über sein Befinden. »Varrentrapp (ein politischer Freund und zugleich Arzt) war zufrieden, hat sich aber für die Wiederholung der Dünne-Luft-Kur entschieden erklärt. Es fragt sich nur, ob dieses System nicht am Ende doch grundverkehrt ist, denn nachdem ich gestern sechs Stunden in der _dicksten_ Luft, die zu haben ist, zugebracht hatte, blieb beim Niederlegen der Husten vollständig aus, so daß ich beinahe beunruhigt war. Doch hat er sich diesen Morgen, obwohl ohne alle Steigerung, wieder eingestellt. Lebe wohl, mein Schatz, und grüße die Kinder. Ein hiesiger Verehrer, Firma Forster, hat mir etliche Baseler Lebkuchen ins Zimmer gelegt, die ganz appetitlich aussehen und Euch schmecken werden.«

In einem anderen Brief äußerte Brater: Manches was notwendig geschehen sollte, geschähe nicht, wenn _er_ es nicht tue, aus dem einfachen Grunde, weil andere die Politik nur als Nebenbeschäftigung betrieben und deshalb zu wenig Zeit zur Verfügung hätten, er sei der einzige, der sie zum eigentlichen Lebensberuf habe. »Ich habe in den letzten vierzehn Tagen zehn Leitartikel für die Süddeutsche geschrieben« berichtet er.

Mitten in diesem Trubel erhielt er die telegraphische Nachricht von einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden seiner Mutter. Er war schwankend, ob er zu ihr eilen oder in der Arbeit bleiben solle und fragte wiederum telegraphisch bei den Schwestern an, ob die Mutter nach ihm verlange. Die Antwort muß wohl bejahend gelautet haben, denn er entschloß sich rasch zu einer Reise nach München und wenn er auch nur ganz kurz dort verweilen konnte, so war es ihm doch, wie er schreibt, eine Wohltat, ihr noch einmal ins Auge gesehen zu haben und den Eindruck ihrer gottergebenen Fassung und ihren mütterlichen Segen mit fort zu nehmen. Acht Tage später bekam er die Todesnachricht.

Die Wahlen gingen vorüber und der schöne Erfolg, daß mancher Gesinnungsgenosse in die Kammer kam, lohnte die großen Anstrengungen. Für sich persönlich hatte Brater in der Zukunft keinerlei Wahlagitation mehr nötig, denn als er einige Jahre später, schon schwer leidend, bei den Neuwahlen sich anschickte, wieder die gewohnten Wahlversammlungen in Nürnberg zu halten, erhielt er von dort den Bescheid: er möchte sich nicht bemühen, seine Wahl sei gesichert, ohne daß es auch nur eines Wortes bedürfe, ihren Brater ließen sich die Nürnberger nicht nehmen.

Der Sommer 1863 brachte ein ruhigeres Zusammenleben in Erlangen, in der Gartenlaube sitzend genoß die erweiterte Familie die warmen Sommerabende und Pauline wäre herzlich froh gewesen, hätte sie nun auch für länger den geordneten Zustand genießen dürfen, den sie geschaffen hatte. Aber unvermutet schnell wurde der neue Landtag einberufen, und ihren Mann allein nach München ziehen zu lassen, wie es ja allerdings das Los der meisten Abgeordneten war, das brachte sie nicht übers Herz, und es wäre ja auch für sie selbst ein stetes Entbehren gewesen. So hieß es denn wieder: abbrechen, einpacken. »Unstet und flüchtig muß ich sein und habe doch keinen Abel erschlagen,« schreibt sie an Bekannte und mit schwerem Herzen verließ sie den Bruder, die Kinderchen, die sich an sie schon wie an eine Mutter gewöhnt hatten und die auch ihrer großen Kinder Freude geworden waren. Da gar nicht vorauszusehen war, ob der Landtag Wochen oder Monate beisammen bleiben würde, so wurde einstweilen nur eine kleine möblierte Wohnung gemietet und die Kinder bei den Tanten Brater untergebracht. In solchem »einstweilen« liegt viel Unbehagen und Frau Brater seufzte in jener Zeit so manchmal: »Ich möchte nur einmal wieder mit all unserm Hab und Gut vereinigt sein.« Sie schreibt an Lina Sartorius geb. Rohmer:

»Wir sind inzwischen nach München übersiedelt, nachdem ich endlich noch für meines Bruders Haushalt eine zuverlässige Person gefunden habe; der Abschied von meinem Bruder, der in jeder Beziehung noch sehr leidend ist, wurde mir sehr schwer, auch kann ich nicht leugnen, daß ich das ewige Wandern auch genug hätte; jetzt wohnen wir hier in der Schommergasse, die Kinder sind bei meinen Schwägerinnen in Kost, Logis und Unterricht und auch wir essen dort zu Mittag; leider ist die Entfernung sehr groß, was mir wegen des Verkehrs mit den Kindern besonders unlieb ist.« Es war aber ein großes Glück für die beiden heranwachsenden Mädchen, daß diese Tanten bereit waren, jetzt und auch später wieder die Lücken im Unterricht auszufüllen, die sich bei solchem Wanderleben notgedrungen ergeben mußten.

Im Hochsommer durften sie mit ihren Tanten aufs Land und als Brater für ein paar Tage zu einer Abgeordnetenversammlung nach Frankfurt mußte, benützte seine Frau diese Zeit zu einem Besuch in Egern, wo ihre Freundin Luise Hecker weilte, von dort schreibt sie: »Mir weckt dieser Aufenthalt hier Erinnerungen aus einer scheinbar _längst_ vergangenen Zeit, ich sah es nimmer dieses Egern, seit ich mit meiner sechswöchentlichen Agnes damals meinen Einzug als eine ganz junge, sorglose Frau gehalten hatte, und wohne zufällig auch jetzt wieder beim ›Gassenschuster‹ ... Wir führen hier ein rechtes Freundschaftsleben und sind vergnügt, obwohl ich mir immer einiges Heimweh nach Mann und Kindern vorbehalte, man wird in diesem Stück von Jahr zu Jahr ärger, und so oft ich mich noch von meinem Mann trennte, nahm ich mir fest vor, daß dieses gewiß das letzte Mal sei, wenigstens so weit es von mir abhängt.«

Oft genug hing es in den nächsten Jahren nicht von ihr ab und schon in diesem Herbst ergab sich eine längere Trennung. Sobald es der Schluß des Landtags ermöglichte, reiste Brater in Angelegenheiten der Süddeutschen Zeitung, sowie in Sachen des Nationalvereins nach Frankfurt, Eisenach, Göttingen und Leipzig und mündete dann nach Erlangen. Dort hatte Bruder Hans schon sehnlich die Wiederherstellung des gemeinsamen Haushalts erwartet und Pauline rüstete sich, den Münchner Hausstand aufzulösen, da wurde sie mitten im Packen von einer Krankheit ergriffen, die sich als eine Gehirnhautentzündung herausstellte. Von den Schwägerinnen Julie und Luise freundlich gepflegt, lag sie in großen Schmerzen und dabei in dem unbehaglichen Bewußtsein, daß sie in Erlangen schwer entbehrt wurde. Wochen vergingen, bis sie nur so weit war, den Kopf wieder frei heben zu können.

IX.

1863-1866

Der Winter des Jahres 1863 nahte und brachte ein politisches Ereignis, das wieder auf das Leben der Familie einwirken sollte: den Tod des Königs von Dänemark, das Erlöschen seiner Linie und infolgedessen den schleswig-holsteinschen Krieg. Die deutsche Begeisterung flammte hoch auf für Befreiung der Herzogtümer vom dänischen Joch und für Anerkennung des Herzogs Friedrich von Augustenburg. Es wurden viele Versammlungen gehalten und für den Politiker von Fach war ein unruhiger Winter zu erwarten, vielleicht auch wieder ein mehrfacher Wechsel des Aufenthalts. Im Hinblick darauf machten die beiden Schwägerinnen, noch während Pauline bei ihnen krank lag, den Vorschlag, die Kinder über den Winter in München zu behalten, damit sie nicht wieder aus dem Studium der französischen Sprache, das ernstlich betrieben wurde, herausgerissen würden. Dankbar nahmen die Eltern das Anerbieten an.

Endlich war Frau Brater so weit hergestellt, um die Reise nach Erlangen wagen zu können, und kaum wieder bei Kräften, machte sie sich daran einzupacken – worin sie bereits eine große Fertigkeit hatte –, um endlich ihrem Manne nach Erlangen nachzukommen. Zum ersten Male ließ sie für längere Zeit die Kinder zurück und es fiel ihr, die sich noch geschwächt fühlte, der Abschied schwer. Aber in Erlangen war sie gar sehnlich erwartet worden von den beiden Männern, denen sie häusliches Behagen bringen sollte, auch die Haushälterin, der es nicht leicht fiel, mit dem Haushaltungsgeld auszukommen und mit der Erziehung der größeren Kinder fertig zu werden, hoffte auf ihre Unterstützung und die Kinder folgten ihr auf Schritt und Tritt, wenn sie ordnend und einrichtend durchs Haus ging. Während ihr Mann in politischen Geschäften vorübergehend nach Frankfurt reiste, richtete sie für ihn ein behagliches Arbeitszimmer ein und freute sich, ihm bei seiner Rückkehr, die für den heiligen Abend zu erwarten war, das veränderte und nun gemütlich aussehende Winterquartier zu zeigen. Er kam auch eben noch zur rechten Zeit, um mit ihr und der Familie Pfaff den heiligen Abend zu feiern, nur zeigte er nicht die eingehende Teilnahme für die Einrichtung, wie sie erwartet hatte, und war schweigsamer als sonst. Am nächsten Morgen sollte sie erfahren warum, er hatte nicht die Freude des Wiedersehens, die Feier des heiligen Abends verderben wollen, aber nun konnte er ihr nimmer verhehlen, daß ihre Hoffnung, den Winter in Erlangen zuzubringen, nicht in Erfüllung gehen sollte: zu Neujahr mußten sie übersiedeln nach Frankfurt.

Brater war zum geschäftsführenden Mitglied des Zentralausschusses für die schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ernannt, der in Frankfurt seinen Sitz hatte. Es war ja begreiflich, daß man sich wieder an ihn, den Politiker von Fach, wandte, und es galt allen für selbstverständlich, daß er sich einer solch nationalen Sache nicht entziehen würde, allen, auch Frau Brater. Aber im ersten Augenblick erschien es ihr doch unmöglich, schon wieder abzubrechen! Und wie wenig Zeit blieb zur Beratung! Schon auf 31. Dezember war eine Versammlung von 500 Abgeordneten deutscher Ständeversammlungen nach Frankfurt einberufen und alle Gedanken ihres Mannes waren durch diese Angelegenheit in Anspruch genommen. Er reiste voraus, sie richtete in möglichster Eile alles, um ihm zu folgen, der schon ungeduldig schrieb: »Hätte ich Dich nur schon morgen hier zur gemeinschaftlichen Silvesterabend- und Silvesternacht-Feier. Am 2. könntest Du wohl reisen?« Und am 1. Januar schrieb er:

_Liebster Schatz!_

Die Silvesternacht habe ich in unserem neuen Hauptquartier zugebracht – freilich in tiefer Einsamkeit. Ich erwarte nun stündlich die Nachricht von Deinem baldigen Eintreffen und rechne darauf, daß Du nicht lange mehr zögern wirst. Du bekommst ein behagliches kleines Wohnzimmer, weniger bequem ist die Schlafgelegenheit bestellt. Das Bettzeug wirst Du mitbringen müssen. Eine vollständige, aber rattenkahle Küche steht zu Deiner Verfügung. Da es möglich ist – obwohl die preußische Regierung den Senat schon bedrängt hat, unserem Dasein ein Ende zu machen – daß wir manchen Monat hier zubringen, so solltest Du es Dich nicht gereuen lassen, nachträglich einige Kleinigkeiten einzupacken, die ein Zimmer beleben und verzieren, wenn sie auch nicht zu den Notwendigkeiten gehören. Nur von Schreibmaterialien bitte ich ja nichts hierher zu schleppen, da wir durch eine Kollekte bei den Schreibmaterialisten in diesem Fach reich ausgestattet sind.

Als sie auf diese Briefe hin in möglichster Eile alles zur Abreise gerichtet hatte, kam wieder ein Brief, der ihr Halt gebot.

»Heute traf die Einladung der holsteinischen Regierung zu einer Besprechung in Kiel ein.... Es ist ärgerlich genug, doch tröste ich mich einigermaßen damit, daß bis dahin für Deine Reise vielleicht besseres Wetter eingetreten ist. Schone Dich nur auf alle Art....

Für meine Verpackung ist gut gesorgt: ich bin mit einer vollständigen Pelzhose und Rock versehen. Gestern sind auch unsere finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht worden: vierteljährlich 500 Taler mit freier Wohnung, Heizung und Beleuchtung. Der Zeitungsausschuß weigert sich, mir meinen Gehaltsbezug einzustellen und überläßt es mir, dagegen nach Belieben Aktien zu nehmen. Jedenfalls ist auf diese Art anständig gesorgt.

Nimm dich zusammen, mein Schatz, und lasse Dich nicht von Deinen melancholischen Anwandlungen überwältigen; bringe auch, wenn Du Platz hast, ein Kopfkissen mit zur Ergänzung einer etwas unzulänglichen Bettdecke.... Auf endliches Wiedersehen

Dein Karl.«

(Nachschrift). »Die Beischaffung eines zweiten Bettes, das man ebenfalls gratis liefern wollte,[7] macht, wie mir heute berichtet wird, unerwartete Schwierigkeiten. Da Du nun Muße hast zu packen, so wäre wohl das Zweckmäßigste, eines von unsern eigenen mitzubringen.... Von dem übrigen Gepäck habe ich noch nichts und bin hinsichtlich der Wäsche nicht übel in Verlegenheit. Heute lasse ich noch am Bahnhof fragen.«

[Fußnote 7: Dies geschah alles aus Begeisterung für die schleswig-holsteinische Sache.]

Diese hauswirtschaftlichen Bemerkungen werfen ein Licht auf die vielen kleinen Opfer, die ein solches Wanderleben mit sich brachte, und jede Hausfrau kann sich vorstellen, daß Pauline eine geringe Freude hatte, als sie nach möglichst beschleunigten Reisevorbereitungen den Termin wieder verändert sah und das verlangte Bett nachschicken mußte. Sie schrieb in jenen Tagen an Lina Sartorius:

_Liebe Lina!_

Eigentlich wollte ich Dir erst aus Frankfurt schreiben, da aber meine Abreise dorthin unvermutet im letzten Augenblick noch um einige Tage verschoben wurde, so will ich den heutigen freien Sonntag doch noch schnell in dieser Weise verwenden und freue mich, endlich einmal wieder mit Dir ein wenig plaudern zu können, auch für Deinen letzten Brief schönen Dank zu sagen; ein teilnehmendes Wort war bei mir, seit ich hier bin, wirklich recht angewendet, es war mir eine schwere Zeit ohne meine Kinder, auch fast immer von meinem Mann getrennt, mit dem mühevollen Geschäft des Einrichtens und nach allen Seiten hin im Haus in Anspruch genommen, wo es eben wieder an allem und allem fehlte. Ich war wirklich bis Weihnachten stets in einer wahren Hetze, den Haushalt meines Bruders wieder aufs Laufende und unsere Einrichtung in Ordnung zu bringen, und wie hatte ich mich gefreut, dann endlich einmal in Ruhe und zu dem Gefühl einer Heimat und geordneten Häuslichkeit zu kommen, da brachte mir mein Mann am heiligen Weihnachtsabend aus Frankfurt die Nachricht mit, daß wir nun fürs erste dorthin übersiedeln müssen. Ich versichere Dir, es schien mir im ersten Augenblick fast unmöglich, mich wieder hier loszureißen und meinen Bruder abermals zu verlassen.«

Während sie so schrieb, war Brater auf der Reise nach Kiel und schrieb ihr von Altona: »In Erwartung einiger Personen, denen ich hier Rendezvous gegeben habe, finde ich Zeit, diesen Brief anzufangen, der morgen von Kiel an Dich abgehen soll.

Wir sind also hier auf schleswig-holsteinischem Boden, das kleine Hotel mit der Inschrift: »Deutsche Bundeskommission« und dem sogenannten Reichsadler befindet sich in nächster Nähe, die sächsischen und hannoverischen Exekutionssoldaten marschieren durch die Gassen und lösen ihre Wachtposten ab.

Die gestrige Reise von Frankfurt nach Hamburg verlief dank dem mildern Wetter und den trefflichen Pelzen Varrentrapps ganz gut. Von Harburg am linken Elbufer hat man noch anderhalb Stunden bis Hamburg in einem vollgestopften Omnibus zu fahren, der zweimal mit Dampffähre über zwei Elbarme gesetzt wird. Wenn aber das Treibeis zu stark geht, hört diese Verbindung ganz auf und man genießt das Vergnügen, tagelang auf günstigeres Wetter in Harburg zu warten.

Kiel, Freitag früh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und mir, Häusser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier angekommen und haben von neun bis zwölf unsere erste Besprechung mit den Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und Lange ist, daß der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag die Anerkennungsfrage erledigt wird, worüber voraussichtlich manche Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren würde, könnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wäre. Allein die fehlt gänzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser größern Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.«

Gleich nach der Rückkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte Januar schreibt sie an Ernst Rohmer:

»In meiner Übersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines verspäteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, daß er zu wenig Außergeschäftlichem kommen wird, Du weißt ja, was er für ein Wühler ist, und hier ist er ja noch dazu Wühler von Profession. Wie müßte Dir seßhaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben vorkommen wie wir es führen! Mein Geschmack ist es indes auch nicht, besonders nicht wegen derer, die ich zurückließ; ich war in Verzweiflung, aber was half es! Hier führen wir nun wieder eine originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein großmächtiges leerstehendes Haus (gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfügung, Küchen, Keller, Böden etc. und können uns mit diesem Überfluß zu trösten suchen, für das was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir können jedem Tisch und Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schüsserl seine eigene Küche anweisen, aber schließlich bleibt es doch nur so eine Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; übrigens wohnen wir hübsch und ganz Frankfurt gefällt mir, auch das Leben ist unter den jetzigen Umständen natürlich sehr interessant, möchte es nur zu einem guten Ziele führen.«

In dem großen stillen Gebäude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb schon von den Mietsleuten verlassen war, vermißte Frau Brater oft schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: »Da dies alles dem Herzog zuliebe geschieht, so muß man eben zufrieden damit sein; der Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater hatte nur einen alten Reiserock an, das muß recht schön ausgesehen haben.« – Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch schon ein kleiner Ersatz für den persönlichen, da die beiden Mädchen nun über das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches hervorzulocken, was sie vielleicht bei mündlichem Verkehr in Befangenheit unterdrückt hätten. An Anna schreibt sie zu deren dreizehnten Geburtstag:

_Liebe Anna!_

Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergnügt sein und weißt auch, daß unsere guten Wünsche und unser treues Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir’s fast, als müßtet Ihr spüren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir für dieses neue Lebensjahr gewiß wieder manchen guten Vorsatz gefaßt haben oder es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man muß immer und unermüdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewöhnen, besonders wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie man achtgeben muß, um seinen guten Vorsätzen nicht untreu zu werden? –

Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen sein werden, ob ich mich über Eure Fortschritte freuen kann.

Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhältst, zeichnen sich mehr durch ihre Nützlichkeit als durch Schönheit aus, ein paar alte Röcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weiße Unterrock doch noch sehr schön und wenn er nicht aus meinem Besitz stammte, so hättest Du wohl kaum einen so schönen bekommen. Am Reifrock hast Du oben am Bund die Fältchen nach Bedarf noch fest zu nähe..... Deine Geburtstagswünsche hast Du wohl bedacht _außen_ auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, daß, wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfüllen, irgend ein Thurn- und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten Rähmchen und vielen schönen Glückwünschen, ich habe ihm aber gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwöhne. Die kleine Broschüre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natürlich, denn es geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafür geben. Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare auf Bestellung verschickt und ungefähr weitere zwanzigtausend bestellt. Wie viel das aber Mühe und Kopfzerbrechen gekostet hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an, und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es bei uns von früh bis abends geschäftig her, so daß kein Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wäret, müßtet Ihr wohl auch oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben, aber z. B. es müssen so schnell als möglich eintausendfünfhundert Stück gedruckte Briefe je einzeln mit Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint Ihr, daß daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her, bald mit diesem, bald mit jenem.....«