Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen

Part 6

Chapter 63,639 wordsPublic domain

Die Ärmel winken links und rechts verrückte Zeichen Gleich Fledermäusen, die durch's Abenddunkel streichen, Doch keiner nimmt Notiz von dem erfrornen Witz.

Aus leeren Augenhöhlen zucken Phosphorstrahlen, Und gräßlich steht in dem Gesicht, dem blutlos fahlen, Die mehlbestaubte Totennase, starr und spitz.

Die Kunst des Dichters

Erst Musik, Musik vor allen Dingen! Dazu braucht es keine Symmetrie, Wie ein Lufthauch steigt die Melodie, Nichts darf wuchtig, nichts gekünstelt klingen.

Sorge nicht, wenn auch das Wort verfehlt, Dem Begriff sich ängstlich anzupassen; Kannst du's, dann versuch dich so zu fassen, Daß dem Sinn das Rätsel sich vermählt.

Sahst du Augen nie durch Schleier spähen, Nie den Mittag zittern heiß und schwer, Nie der Sterne unentwirrbar Heer Klar am lauen Herbsteshimmel stehen?

Nur Nuancen, leise abgestimmt! Decke stets mit Tönen, die sich brechen, Nur Nuancen glätten so die Flächen, Daß die Flöte und das Horn verschwimmt.

Übermaß an Geist geht in die Brüche, Lach nicht immer, sei nicht gar zu spitz, Weint der Himmel über deinen Witz, Ist es Knoblauch aus der Sudelküche.

Schönen Worten brich nur das Genick, Nötig ist es auch den Reim zu zähmen, Deiner Führung muß er sich bequemen, Er geht durch, drum halte ihn am Strick.

Wie wird dieser Reim gerühmt, verhimmelt! Welcher Nigger, welcher taube Fant Prägte diesen hohlen Jahrmarktstand, Der vergnügt wie falsches Kleingeld bimmelt?

Nur Musik und davon nie genug! Verse tönen wie befreite Seelen, Die den Weg zu andern Sternen wählen, Die zu anderer Liebe trägt ihr Flug.

Verse mußt du in den Frühwind säen, Auf gut Glück verstreuen, wenn er leicht Durch die Minze, durch den Thymian streicht, Sonst kann nur Literatur entstehen.

Schlaff

Ich bin das Römerreich, das seine Zeit vollendet, An blonder Nordlandvölker Heerfahrt längst gewöhnt, Das Verse drechselnd eitlen Nichtigkeiten fröhnt, Voll Pomp und Prunk, vom trüben Sonnenlicht geblendet.

Nur seine Seele ahnt, wie dieses Spiel sie schändet, Sie hört den Schlachtenlärm, der in der Ferne dröhnt; O Ohnmacht, die sich feig und wunschlos selbst verhöhnt, O Willenlosigkeit, dem Leben abgewendet!

Kein Wollen, keine Kraft, zum Sterben fehlt der Mut ... Bathyll, der Becher ist geleert, hör auf zu lachen, Vorüber ist der Schmaus, jetzt heißt's ein Ende machen!

Nur ab und zu ein Vers, fürs Feuer grade gut, Nur Lüste, die vor frechen Sklaven sich entschleiern, Nur Langeweile, unerklärlich, dumpf und bleiern.

Liebe

Jawohl, gequält bin ich, geplagt, Bin wie ein Wolf gehetzt, gejagt, Der nirgends eine Freistatt findet, Den schon die Meute fast umringt, Den seine Wunde niederzwingt, Daß er in Angst und Not sich windet.

Die drei, der Haß, das Gold, der Neid, Spürhunde sind's, sie wittern weit, Ich bin gestellt, kann mich nicht wehren; Des Morgens Schreck, des Abends Qual, Das ist seit Jahr und Tag mein Mahl, Davon kann sich kein Bettler nähren.

Längst grinst er mich von weitem an, Der widerliche Jägersmann, Die Krallen an den dürren Händen; Halb hat er mich, er höhnt und sperrt Die Wege mir und zieht und zerrt Am Herzen und will doch nicht enden.

Ihr Wölfe, seht, so schleppe ich Zum finstern Strome blutend mich, Laßt, Brüder, endlich das Geläster, Gebt mir zu sterben freie Bahn, Ihr seid ja alle untertan Dem Weibe, meiner grimmen Schwester.

Allegorie

Ein alter Tempel, dessen Bau schon weicht, Der vormals stolz von sonniger Höhe ragte, Schaut wie ein König, den der Feind verjagte, Sein Bild im Strom, der träg vorüber schleicht.

Mit einer Weidengerte züchtigt leicht Den Faun, der lüstern sie zu necken wagte, Die schläfrige Najade, die betagte, Er lacht des Zorns, der ihn mit Ruten streicht.

Der fade Vorwurf bringt mich um die Laune. Welch Dichter schuf dies Werk, das ich bestaune, Welch düsterer Stümper dachte dich nur aus,

Verblichenes, zerschlissenes Gewebe? Wie ein Theatervorhang blöd -- --, und kraus, Ach, wie das Leben, das ich ärmster lebe!

Hirngespinste

I.

Dame Mäuschen trottet Schwarz in grauer Abendstund, Dame Mäuschen trottet Grau auf schwarzem Grund.

Eine Glocke läutet Die Gefangnen in den Schlaf, Eine Glocke läutet, Schlaft und seid hübsch brav.

Keine bangen Träume, Denket an die Liebste jetzt, Keine bangen Träume, Träumt was euch ergetzt.

Strahlt der Mond vom Himmel, Schnarcht der müden Schläfer Schar, Strahlt der Mond vom Himmel, Ist es eben wahr.

Wolken ziehn vorüber, Finster wird es, wie im Loch, Wolken ziehn vorüber, Und der Tag kommt doch.

Dame Mäuschen trottet Rosig, ringsum ist es hell, Dame Mäuschen trottet, Auf, ihr Schläfer, schnell!

II.

Im Kreise trotten sie herum Und keiner spricht, Der Hof liegt stumm Im grellen Licht. Das Unkraut wuchert rings, es zaust Der Wind die Stirn, Und Unkraut haust In ihrem Hirn.

O Simson, drehe nur den Stein! Was für ein Korn Mag das wohl sein? Fragst Du im Zorn. Die Mühle, die das Schicksal treibt, Mahlt nicht zum Scherz, Du Narr, zerreibt Verstand und Herz.

Sie kommen! klipp, klapp, geht der Schuh, Er ist von Holz, Jetzt hast Du Ruh, Verdammter Stolz! Daß keiner seufzt und keiner zuckt, Ihr wißt es doch: Wer auch nur muckt, Der fliegt ins Loch.

Das ist mein Zirkel, Tag für Tag Bin ich sein Gast, Auf jeden Schlag Schon längst gefaßt. Gesellschaft, hab ich Dich verletzt, Dich keck bedroht, Gibst Du mir jetzt Kein Zuckerbrot.

Genossen, Brüder von der Zunft, Seid nicht erbost, Denn die Vernunft Gewährt uns Trost. Es ist so süß, im Sonnenbrand Sich auszuruhn Und mit Verstand Mal nichts zu tun.

Der Schamlose

Der böse Blick, des Lebens Not, Sie haben ihn gejagt, gehetzt, Und er, der herrisch einst gedroht, Hat eines Knechtes Seele jetzt.

Ein Jettatore, einer der Als Bettler rettungslos verdirbt, Die Feinde folgen hinterher, Die beiden Feinde, bis er stirbt.

Sein Blick schon macht die Kinder klug! Zertreten trotzt er noch genug, Ein Vieh, doch Narr auf eigne Faust.

Ihr schönen Damen, schenkt kein Geld Dem schlechten Kerle, der hier haust, Schenkt ihm euch selber, wenn's gefällt.

Hände

Das sind nicht Prinzenhände, keines Prälaten Hände, wohl gepflegt, Und doch ist etwas zartes, feines In diesen Händen ausgeprägt.

Auch keines Künstlers, oder ehrlich Auch keines Dichters. Dennoch steckt Etwas von Leid darin, das schwerlich Ein anderes Empfinden weckt.

Nicht minder fühlen, nicht geringer Als Welten sie ihr Weh und Wohl, Der Daumen und der kleine Finger Bezeichnen dem Magnet den Pol.

Und bricht das Herz im Sturme nieder, Und wird das Hirn vom Blitz erhellt, Es spiegelt alles treu sich wieder In dieser klugen kleinen Welt.

Vom Steine sind sie nicht zerrieben, Nicht schwielig von des Beiles Hieb, Doch in den Linien steht geschrieben Von Arbeit, die nichts schuldig blieb.

Lang sind sie, mager und von schmalen Gelenken, grau, die Nägel breit, Wie man sie in den Kathedralen Auf Bildern sieht aus früher Zeit.

Wie man sie wohl bei Invaliden, Die nichts mehr aus dem Traume stört, Von Tagen, die längst abgeschieden, Von schweren Kämpfen flüstern hört.

Die trocknen Hände fielen heute In dieses Abends düsterm Bann Gedankenschwerem Leid zur Beute, Ich seh es ihnen deutlich an.

Die Sorge peinigt sie, die blasse, Auch ihnen bleibt sie nicht erspart, Der Alb drückt sie, und die Grimasse, Die es verrät, ist eigner Art.

Ich habe Angst, ich muß mich hüten! Auf meinem Tische seh ich sie In tiefem Schweigen finster brüten, So furchtbar schienen sie noch nie.

Rechts die, links die ..! bin ich bei Sinnen? Sind diese Hände wirklich mein? Dort auf dem Bett das weiße Linnen, Das muß ein Totenlaken sein!

Da draußen geht der Tag zu Ende, Der Sturmwind heult in wilder Wut ... Ach, wären Traum nur diese Hände! Das wäre gut -- -- nein, schlecht -- -- nein, gut.

Närrischer Rat

Zeig Dich niemals schüchtern, Wenn Du klug nur bist, Doch die Ehe ist Abgeschmackt und nüchtern.

Tapfer trinken lohnt! Guckst Du in die Flasche, Trägst Du in der Tasche Sonne bald und Mond.

Blöken dumme Kälber, Fühle Dich geehrt, Unsern wahren Wert Kennen wir nur selber.

Rotes Herzblut kreist Flammend durch die Adern, Brauchst nicht gleich zu hadern, Wenn ein Floh Dich beißt.

Wenn die Stürme tosen, Nimm es in den Kauf, Pfeife ruhig drauf, Pflücke keck die Rosen.

Nimm nur alles so, Wie es ist auf Erden, Besser wird's nicht werden, Also trag es froh.

Laß die Leute sprechen, Ihnen macht es Spaß, Oben der vergaß Längst schon Dein Verbrechen.

Deine Seele zagt, Doch zu neuer Blüte Führt sie seine Güte, Wenn der Morgen tagt.

Wenn des Schicksals Tücke Schwache auch zerbricht, Dich zerschlägt es nicht Gleich in tausend Stücke.

Spotte Deiner Qual, Zwinge Deinen Jammer, Wirst ja unterm Hammer Härter noch als Stahl,

Mag der Amboß wimmern, Wenn er nieder saust; In Sankt Jürgens Faust Wird die Klinge schimmern.

Und Sankt Michael Wird zum Licht Dich heben, Dort wirst neu Du leben Ohne Schuld und Fehl.

Sieh, die Blumen sprießen Aus des Grabes Ruh, Lächeln sollst auch Du, Wenn die Tränen fließen.

Sieh, aus dem Gestein Werden Funken sprühen, Bald wirst aller Mühen Du auch ledig sein.

Lieder für sie

I.

Ich will nicht immer auf Dich zählen, Doch bin von Eifersucht ich frei, Wozu mit dererlei sich quälen, Denn glücklich wird man nicht dabei. Die Liebe hoch und hoch wir zwei!

Du übst mit kluger Überlegung Praktiken von besonderer Art, Und Künste Deiner eignen Prägung Sind für den Kenner aufgespart, Mir bleibt noch immer was verwahrt.

Laß nur die lieben Leute bellen, Was geht mich Dein Geburtsschein an? Ich sehe Deinen Busen schwellen, Verstrickt in Deines Auges Bann, Und was Dein heißer Kuß erst kann ....

Sei mir so treu wie irgend möglich, Besonders wenn es Dir mal paßt; Begegne meinem Wunsch verträglich, Er ist ja ein bescheidener Gast, Auf jede Laune stets gefaßt.

»Entschwunden sind die schönen Zeiten« Höhnt mancher törichte Gesell. Dank Dir und Deinen Zärtlichkeiten Brennt immer noch die Lampe hell, Wir und die Liebe! Wein her, schnell!

II.

Du meines Lebens süße Labe, Genossin meines armen Seins, Der ich mich ganz ergeben habe, Du allerletzte, wir sind eins. Komm her zu mir, ich will Dich küssen, Ich halte sicher Dich und fest, Wir lieben uns, weil wir es müssen, Bis zu des Bechers letztem Rest. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt.

Du hast nur Deine beiden Hände, Arm bin ich wie die Kirchenmaus, Wir sehen auf die kahlen Wände Und führen kein zu großes Haus. Und doch sproßt immer uns das gleiche, Dasselbe Glück aus unserer Lust, Ein König bin ich, meine Reiche, Sie liegen tief in Deiner Brust. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt.

Nach unsern großen Liebesnächten Erstrahlt mir heller stets der Tag, Du liebst mich mit der reichen, echten, Der Liebe, die nicht feilschen mag; Neu gießest Du in meine Säfte, In meine Adern Feuerwein, Es hauchen Deine Zauberkräfte Mir eines Gottes Odem ein. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt.

Was Du einst warst, mich soll's nicht stören, Und was ich bin, geht keinen an, Dir will für immer ich gehören, Nur Gutes hast Du mir getan. Das Leid, das wir gemeinsam tragen, Macht uns von Schuld und Sünde frei, Die Welt verstößt uns! was die sagen, Wenn Du mich liebst, ist's einerlei. Liebe mich, Ohne Dich Ist die Welt Mir vergällt.

An König Ludwig II. von Bayern

Du einziger König dieser Zeit, den Purpur kleidet, Der Du im Sterben Deinen Genius hast gerächt Am Wahnsinn jener Wissenschaft, die uns beneidet, Die breit an unserm Herd zu sitzen sich erfrecht,

Die Gott gemordet hat und hämisch dem Geschlecht Des Menschen Freude, Kunst und Poesie verleidet, Im Tode gabst Du noch den Tod, Dein Stolz war echt, Ich grüße Deine Majestät, die glorreich scheidet!

In dem Jahrhundert, wo die Könige wie nie Zuvor verlernt die wirklich königliche Pose, Warst Du ein König, Märtyrer der Phantasie.

Heil Dir und Deiner einzigen Apotheose, Der stolzen Seele, die befreit des Weges zieht, In Gold und Erz, umrauscht von Richard Wagners Lied!

Meine Büste

Hm ... das ist also die Gestaltung, In der mein Bild zur Nachwelt spricht! Höchst imponierend ist die Haltung, An Würde fehlt es wirklich nicht.

Vor diesem Haupt, das jeden Morgen Um ein Erlebnis schwerer wiegt, Das dennoch seiner ewigen Sorgen Gewicht im bittern Kampf erliegt,

Was urteilt einmal wohl die Clicque, Die schwatzend vor dem Marmor steht? »Gewiß, der harte Zug verrät,

-- Man sieht es schon am finstern Blicke -- Der Kerl war, was man böse nennt, Doch in der Büste steckt Talent.«

José-Maria de Hérédia

1842-1905

Vergessen

Der Tempel auf der steilen Klippe ist zerfallen, Die ehernen Heroen liegen tief im Sand, Die Marmorgöttin, welche auf dem Altar stand, Ruht im Gestrüpp, verödet sind die weißen Hallen.

Ein Rinderhirt läßt seine Muschelflöte schallen, Die Weise ist seit altersgrauer Zeit bekannt, Zur Tränke zieht der Stier im heißen Sonnenbrand, Der Geier späht nach Raub für seine scharfen Krallen.

Die milde Erde, die die Götter einst gesehn, Schmückt stets im Frühling, um für alte Huld zu danken, Geborstene Kapitäle mit Akanthusranken.

Der Mensch will seiner Väter Traum nicht mehr verstehn, In hellen Nächten hört er ohne frommen Schauer Des Meeres Klagelied und der Sirenen Trauer.

Pan

Quer durch des Waldes rätselhaftes Dickicht schweift Auf stillen Pfaden, die im tiefen Dunkel enden, Der Bocksfuß, der die Nymphen mit den frechen Händen, Wo sie sein heißer Blick erspäht, verlangend greift.

Rings Girren und Geraun. Ein heller Lichtstrahl streift Das Dach, frohlockend tanzt er auf den grünen Wänden; Es lebt und webt im Holz, verborgene Quellen spenden Ihm junge Kraft, zur Höhe ist der Tag gereift.

Verloren hat sich eine Nymphe. Unentschlossen Lauscht sie der Träne, die vom Morgentau vergossen Im Moose schluchzt. Das junge Herz bangt ahnungsvoll.

Ein Sprung! Da hält sie schon der Gott, von Wollust trunken, Im Arm, sein Lachen peitscht die weiche Luft wie toll ... Fort ist er. Und in Schweigen liegt der Wald versunken.

Der Ziegenhirt

Verfolge nicht den Bock auf diesem Kletterpfad, Ein Fehltritt, und Du kommst zu Schaden und zu Leide! Am Hang des Menalos, wo wir die Sommerweide Beziehn, gewahrst Du kaum, wie schnell das Dunkel naht.

Ich habe Wein und Obst. Wir harren, durch den Grat Geschützt, des Morgens hier, doch laut zu sein vermeide, Allgegenwärtig sind die Himmlischen, uns beide Hat Hekate schon längst erspäht. Deshalb mein Rat.

Der Satyr, der als Herr auf diesen Höhen schaltet, Haust dort im tiefen Loch, wo das Gestein sich spaltet, Er kommt hervor, wenn jemand ihn zu schrecken wagt. Horch, die Schalmei! laß flink uns in den Schatten schlüpfen ... Sieh, wie der Mondschein sich an seine Hörner hakt, Zum Tanze spielt er auf, und meine Ziegen hüpfen.

Weihe

Dem grimmen Ares weihe ich die treuen Waffen! Hilf mir, ich bin zu alt. Hier vor das Gottes Bild Häng an den Pfeiler meinen Helm, den schweren Schild Und dieses schartige Schwert ..., ich kann es nicht mehr schaffen.

Und auch den Bogen. Meinst Du, daß er mit der straffen Sehne hier hängen soll? Ich wär es gern gewillt, Doch meine Kraft versagt, wenn solcher Kunst es gilt, Das harte Holz gehorcht nicht mehr dem Arm, dem schlaffen.

Nimm jetzt den Köcher. Wunderst Du Dich etwa, weil Er leer ist? Ja, mir scheint, Dein Auge sucht den Pfeil, Damit er Dir von blutigem Männerstreit erzähle!

Es ist umsonst, Du findest keinen mehr davon, Sie schwirrten zischend durch das Feld von Marathon Und stecken alle in des toten Persers Kehle.

Des Toten Bitte

Halt, Wanderer, ein Wort! Wenn je Dein froher Mut Nach Kypsela Dich führt am Hebrosstrand, so frage Dem greisen Hyllos nach, er soll die Totenklage Dem Erben weihn, der nie mehr an des Herdes Glut

Sich wärmen wird. Zernagt vom Wolf und seiner Brut Vermodert der erschlagne Leib im finstern Hage, Vergebens harrt, daß ihn das Boot hinüber trage, Am Styx der Schatten. Rache heischt vergossenes Blut.

Jetzt geh. Des Abends, wenn der Sonne Strahlen bleichen, Siehst Du vielleicht ein Weib zu einem Denkmal schleichen, Der schwarze Schleier hüllt das weiße Haupt ihr ein.

Daß nächtigen Spuk die Ärmste treibt, darfst Du nicht wähnen, Es ist mein Mütterchen. Sie beugt sich auf den Stein Und füllt die leere Urne nur mit ihren Tränen.

Der Sklave

Ein Sklave bin ich jetzt, zerlumpt, gehetzt, gejagt, Mein Rücken kennt den Schmerz, mein Auge kennt die Tränen, Geboren bin ich frei, am Strande der Sirenen, Dort wo die blaue Hybla froh gen Himmel ragt.

Hätt ich Sicilien nie Lebewohl gesagt, Ach würde noch einmal erfüllt der Seele Sehnen! Wenn Du zur Winterszeit nach Süden folgst den Schwänen, O Gastfreund, geh zu ihr, nach der mein Kummer fragt.

Noch einmal möchte ich die Augen schaun, die feuchten, Daraus der Sonne Glanz und alle Sterne leuchten, Und ihrer dunkeln Brauen sieggewohntes Joch.

Such Cleariste auf! ich fleh Dich an, erbarme Dich gnädig, sage ihr, ich lebe, liebe noch, An ihrer tiefen Trauer kennst Du sie, die arme.

An der Trebia

Auf kahlen Höhen flammt des bleichen Morgens Pracht, Numidische Geschwader führen, um zu tränken, Die Rosse schnell hinab, wo sich die Ufer senken, Die Hörner schmettern grell, das Lager ist erwacht.

Sempronius nämlich, der die Augurn keck verlacht, Trotzt dem geschwollnen Strom und Scipios Bedenken, Die seines Consulates junge Würde kränken ... Lictoren, hebt das Beil, Cohorten, auf zur Schlacht!

Der dunkle Horizont steht rings umher in Flammen, Des Insubrers armselige Hütte bricht zusammen, Laut in Trompetentönen klagt ein Elefant.

Dort unterm Brückenbogen lehnt ein Mann. Ein dumpfes Geräusch vom Taktschritt der Legionen naht. Gespannt Lauscht Hannibal mit einem Lächeln des Triumphes.

Nach der Schlacht bei Cannae

Der eine Consul tot, der andere verschollen, Der Aufidus schwillt an, es wälzt die trübe Flut Zum Meer die Waffen und die Leichen. Rot wie Blut Wölbt sich der Himmel über Rom, die Donner grollen.

Vergebens fällt der Opferstier, die Götter wollen Nicht sprechen, keine Vogelschau schafft neuen Mut, Die Bücher der Sibylle schweigen. Schrecken ruht Und Trauer auf der Stadt, des Schicksals Würfel rollen.

Am Abend steht die Menge auf dem Aquäduct, Die Väter und das Volk. Nur ein Gedanke zuckt Durch Tausende. Sie spähn hinaus in bangem Schweigen.

Sie sehen schon im letzten Abendsonnenstrahl Auf seinem Elephanten jenen Hannibal Von den Sabinerbergen klirrend niedersteigen.

Villula

Du bist am Ort, Du brauchst nicht weiter erst zu gehen! Dem alten Gallus eignet dieses kleine Gut, Das so bescheiden an dem niedern Hange ruht, Und dieses Schindeldach, kaum kann man drunter stehen.

Im Häuschen mag er einen Freund schon bei sich sehen; Ein Weinberg ist dabei, des alten Herdes Glut Backt reichlich Brot, und wie die Bohnensuppe tut, Frag ihn ...! Soll von den Göttern er noch mehr erflehen?

Des Wäldchens Reisig kommt im Winter ihm zu Nutz, Im heißen Sommer bietet ihm das Laubdach Schutz, Der Herbst bescheert wohl eine Drossel, ein paar Meisen.

Hier lebt er an der Stätte, die des Knaben Spiel Geschaut, zufrieden mit dem Lose, das ihm fiel. Jetzt kennst Du Gallus, Freund. Du findest einen Weisen.

Tranquillus

C. Plinii Secundi Epist. I. 24.

Hier hat Sueton gelebt! stets führte das Verlangen Nach seines Tibur tiefer Ruh ihn wieder her; Noch steht ein Bogen von der Villa aufrecht, der Die Ranken stützt, die an den alten Ulmen hangen.

In jedem Herbst ist er von Rom hierher gegangen, Aus jenem großen, glutdurchwogten Häusermeer, Hier leuchtete die rote Traube, reif und schwer, Dies Fleckchen Erde nahm ihn immer neu gefangen.

Und in dem Frieden waren sie ihm alle nah, Des Claudius Spukgestalt, Nero, Caligula, Der Messalina frevelhaft verbuhltes Lieben,

Das grause Spiel, das einst auf Capri ward getrieben ... Dies alles hat in Wachs geritzt, ganz wie's geschah, Sein Griffel hier, der unerbittlich wahr geblieben.

Lupercus

M. Val. Martialis Lib. I. Epigr. 118.

Lupercus hält mich eifrig an, der Bücherjäger: Dein neues Epigramm ist köstlich, Meister, fein! Du borgst mir -- tadellos ist wirklich das Latein -- Die ganze Rolle, morgen schick ich meinen Neger.

Den der so humpelt und so keucht? Das ist ein träger Gesell, der schläft auf meiner steilen Treppe ein. Du wohnst am Palatin? bequemer kann's nicht sein, Im Argiletum haust Atrectus, mein Verleger.

Sein Lager ist auf's reichste assortiert, ich kenn's: Vergil und Silius, Plinius, Phädrus und Terenz, Du magst nach Lebenden, Du magst nach Toten fragen.

Dort steht, und nicht im letzten Fach, im Futteral Von Cedern, fein gefalzt, in Purpur eingeschlagen, -- Für fünf Denare hast Du ihn -- auch der Martial.

Die Dogaressa

Die Herren plaudern in den lichten Säulengängen, So malte sie des göttlichen Vecellio Hand; Noch röter leuchtet heut das rote Prachtgewand Im Glanz der schweren Ketten, die darüber hängen.

Sie blicken in die trübe Flut, die in der engen Lagune, aus der weiten Adria verbannt, Vorüberrauscht, sie sehn den Himmel, lachend spannt Er sich ob buntem Volk, ob fröhlichen Gesängen.

Die stolzen Nobili im purpurfarbenen Kleid, Mit kaltem Herrenblick und blitzendem Geschmeid Bewegen ernst sich auf der weißen Marmortreppe.

Die Dame dehnt im Sessel lässig sich und stumm, Sie dreht sich langsam zu dem kleinen Neger um Und lächelt. Dieser Wicht trägt die brokatne Schleppe.

Der alte Goldschmied

Trotz manchem Namen, der ins Meisterbuch geschrieben, Trotz Ruiz, Becerril, Ximenez und Arphee Hab ich den Stein gefaßt, die Perle, die Kamee, Der Vase Griff gedreht, ihr Fries herausgetrieben.

Den Märtyrer, der auf dem Roste treu geblieben, Ihn bildete ich nie, ich malte, Schmach und Weh, Dionysos im Rausch, den Fall der Danae Auf Silber und Email, statt meinen Herrn zu lieben.

Ich habe mehr als eine Klinge damasziert, Bei diesem Teufelswerk, das frecher Stolz gebiert, Vergaß ich um der Seele Seeligkeit zu werben.

Dem dunkeln Abend neigt sich meines Tages Glanz, Ich will wie Fra Juan von Segovia sterben, Mein letztes Werk sei eine goldene Monstranz.

Die Conquistadoren

Ein wilder Geierflug aus Horsten kahl und leer, Des stolzen Elends satt sind sie der Not entflohen, Von wüstem Traum berauscht, Banditen und Heroen, So stießen sie hinaus von Palos de Moguer.

Zipango war ihr Ziel, des roten Goldes schwer, Gold sah die heiße Gier im tiefen Schachte lohen; Die Passatwinde, welche schreckenvoll sonst drohen, Geleiteten sie durch das unbekannte Meer.

Die Tropennacht verheißt schon morgen Abenteuer, Ein blauer Phosphorglanz ringsum, ein Meer in Feuer, Durchfurcht von leichtem Kiel auf rätselhafter Bahn;