Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen
Part 4
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Die Schlacken fielen ab, in hellem Glorienschein Erstrahlte jetzt sein Bild, von dunkeln Flecken rein. Des Ruhmes Glanz hat die Gerechtigkeit bestochen, Verstummt ist sie, sein Urteil hat sie nicht gesprochen, Arcole lebte nur und Ulm und Austerlitz. Wie in die Gräber alter Zeit stieß Menschenwitz In jener großen Jahre tiefen Schutt den Spaten. Die Völker jubelten, die Zeugen seiner Taten, So oft darin des Konsuls Marmorbild sich fand, So oft daraus des Cäsars Erzgestalt erstand.
V.
Es steigt der Ruhm, wenn Helden fallen! Er hörte in des Grabes Nacht Das Lied durch alle Lande schallen, Das ihm Unsterblichkeit gebracht.
Die Erde sprach: Im Sturmeswehen Ist ihm der Sieg gefolgt, das Glück, Noch niemals sah vorübergehen Die Weltgeschichte solch Geschick.
Auf dieses Mannes Sarg der Hügel Sei höher noch als je getürmt, Den Erdball leitete sein Zügel, Den Himmel hat er fast gestürmt.
Bezwungen hat er diese Erde, Zu eng war ihm der weite Raum, Daß er des Schicksals Meister werde Verlangte seiner Seele Traum.
Im Trotz hat er mit allen Sinnen Sich wider Gottes Schluß gebäumt, Wenn seinem herrischen Beginnen Das Ende je zu lang gesäumt.
Er, der mehr als ein Mensch gewesen, Sprach laut zu Rom: Die Welt war dein, Du fällst. So hab ich es gelesen Im Schicksalsbuch. Das Reich ist mein.
Ein Priesterkönig! zwei Idole In einem, Leuchtturm und Vulkan! Der Louvre ward zum Kapitole Und St. Cloud ward zum Vatikan.
Als Cäsar hätte vor dem Volke Stolz zu Pompejus dieser Mann Gesagt: Siehst in der Feuerwolke Mein Schwert Du? trag es mir voran!
In seinen wilden Phantasieen, In seiner Seele heißem Traum Sah er Nationen vor sich knieen, Sie küßten seines Mantels Saum.
Die Räume wollte er, die Zeiten Im Sturme durcheinander wehn, Paris durch alle Welten breiten Und in Paris die Welten sehn.
Er wollte in der Erde Mitten Errichten seinen hohen Thron, Zu einem Volk die Menschheit kitten Wie Cyrus einst in Babylon.
Er wollte in vermeßnem Prahlen Auf ewig gründen seinen Ruhm, Jehovah sollte überstrahlen Des neuen Gottes Heiligtum.
VI.
Er kehrte im Triumph zurück zu Frankreichs Strande, Der Ozean gab seinen Sarg dem Vaterlande.
Zwölf Jahre lag er dort, erreicht hat er das Ziel, Geheiligt durch den Tod, geheiligt durchs Exil; Und alle, die an seiner Gruft vorübergehen, Sie wähnen dort im Schatten wieder ihn zu sehen, Im Kaisermantel mit den goldenen Bienen, stumm, Im hohen Marmordom, und Schweigen rings herum, Ihn, jenen Mann, dem einst zu eng des Erdballs Weite, Das Szepter in der Hand, den Degen an der Seite, Zu Füßen sitzt mit halb geschlossnem Aug der Aar. So schläft den Todesschlaf der, welcher Cäsar war.
VII.
Des Nachts -- im Grabesschweigen herrscht ja immer Nacht -- Ist plötzlich um die Geisterstunde er erwacht. Seltsame Schatten sieht er durch das Dunkel irren, Ein schrilles Lachen hört er durch die Halle schwirren, Er richtet schreckensbleich sich auf in seiner Gruft, O Grausen ... eine wohlbekannte Stimme ruft:
Steh auf jetzt! Moskau, Waterloo und alle Leiden St. Helenas, und was Du fühltest, als im Scheiden Am Sterbebett Du Albions höhnendes Gesicht Erblicktest, das ist nichts. Jetzt erst naht das Gericht. Hart klang die Stimme, zischend, schneidend und zersetzend, Sarkastisch finster war der Ton, ironisch ätzend, Ein bitteres, scharfes Lachen, eines Halbgotts Hohn.
Sire, sie schleppen Dich aus Deinem Pantheon, Sire, sie holen von der Säule Dich herunter, Blick um Dich! Räuberpack, ein widerlicher bunter Schwarm von Zigeunern, die am Aase sich geletzt, Die haben Dich, und Du bist ihr Gefangener jetzt. Sie winden sich um Deines Fußes Erz, die Schlangen! Stolz wie die Sonne bist Du unter einst gegangen, Napoleon der Große, in der wilden See, Jetzt stehst Du auf als Clown im Cirkus Beauharnais. Sie putzen Dich, Du bist, wenn sie die Leute locken, Der Große, doch ein Narr, wenn sie zusammenhocken. Der Degen rasselt auf dem Pflaster laut und scharf, Die Bande kann ihn auch verschlucken nach Bedarf. Sie laden alle ein, die vor der Bude stehen: Hereinspaziert, hier ist ein Kaiserreich zu sehen, Der Papst ist engagiert ..! Ihr zweifelt? es ist wahr, Und etwas feines noch, es tritt auch auf der Zar! Doch der ist ein Sergeant, der Papst ist nur ein Bonze, Als Extranummer haben wir den Mann von Bronze! Fould und Magnan sieht man beliebig sich verwandeln, Und Automaten, die wie ein Senat verhandeln, Wir sind vom großen Kaiser die berühmten Neffen ...! Hörst Du das Diebsgesindel schrein, hörst Du sie kläffen? Der Kaiseradler, der sich in die Lüfte froh Geschwungen einst, der ist jetzt ausgestopft mit Stroh, Er, der das Schlachtfeld hat geschaut mit freien Blicken, Sieht auf dem Jahrmarkt Deinen Thron zusammenflicken. Sie haben Frankreich ausgeraubt, die feige Brut, Du siehst ja, ihre Lumpen sind noch voller Blut, Im Weihekessel wäscht den Trödelkram der Pfaffe, Du, Löwe, folgst als Knecht, ihr Meister ist der Affe. Dein Name ist ihr Bett, sie nutzen ihn mit List, Sie düngen Austerlitz sogar mit ihrem Mist. Dein Ruhm, Napoleon, ist Wein für ihre Schande, Den grauen Mantel probt der Häuptling dieser Bande, Sie sammeln Bettelgroschen in dem kleinen Hut, Dein stolzes Banner ist zum Tischtuch grade gut. Und an dem Spieltisch, wo die Gauner alle lauern, Da säuft das Bettelpack und plündert frech die Bauern; Du stehst Gevatter bei dem schnöden Beutezug, Die Hand, die einst bei Lodi die Standarte trug, Die Blitz und Donner hielt, die Hand, o Bonaparte, Betrügt beim Würfelspiel und mischt die falsche Karte. Mit ihnen mußt Du zechen, und sie stoßen dann Dich höchst gemütlich mit dem Ellenbogen an. Pietri duzt Deine Majestät, der Jammerlappen, Herr Maupas darf vertraulich auf den Bauch Dich tappen. Falschmünzer, Mörder, Schufte, Räuber ... jeder denkt, Es wird, wie Dir, was er verbrach, ihm nicht geschenkt, Doch vorher hoffen sie den Becher noch zu leeren, Poissy trinkt auf St. Helena, um Dich zu ehren! Ein ewiger Sonntag, Bälle, Feste früh und spät, Der Pöbel stößt und drängt, der vor dem Cirkus steht. Du steigst auf das Gerüst, um das die bunte Menge Sich dreht, sie schreit und johlt im lärmenden Gedränge, Laut klingelt neben Dir Rouher, der Hampelmann -- -- So endet bei Callot, was bei Homer begann, O welche Epopoe, o welches Schlußkapitel ...! Troplong, der Hanswurst im gestreiften Narrenkittel, Ist obenauf. Vor dieser Bude, wo ein Wicht Den Cäsar spielt mit schlecht gewaschenem Gesicht, Mit einem Schnurrbart, wie ihn die Banditen tragen, Mußt Du, Gespenst im Hermelin, die Pauke schlagen!
Die gräßliche Vision verstummte und versank. Der Kaiser taumelte, ein lauter Angstschrei drang Aus seiner Brust, der Blick war starr. Verstohlen tauschten Die Siegesgöttinnen, die an der Pforte lauschten, Und heimlich Winke aus, da sie ihn zittern sahn. In blasser Furcht erhob die Hände der Titan, Dumpf klang sein Stöhnen in den grauen Finsternissen. Verzweifelnd schrie er auf: Wer bist Du, laß mich's wissen, Der Du mir ewig folgst, den nie geschaut mein Blick! -- Ich ....? Dein Verbrechen bin ich, tönte es zurück. Ein geisterhaftes Licht war ringsum ausgebreitet, So klar, wie Gott, wenn er den Pfad der Rache schreitet, Und eine Flammenschrift hob hell sich von der Wand, Wie einst sie lohend vor Belsazars Auge stand, Er las sie. Kalt und starr fiel er zurück ins Leere, Geschrieben stand: Ich bin der achtzehnte Brumaire.
Théophile Gautier
1811-1872
Pastell
Ich liebe euch in den ovalen Rahmen, Vergilbte Bilder einer fernen Zeit, Euch, längst verblichne Rosen, und euch, Damen, Die ihr verwelkt seit hundert Jahren seid.
Die Lilie schwand, die Rose und die Aster Im Wintersturm, im Regen und im Schnee, Der Spritzfleck ist jetzt euer Schönheitspflaster, Verstaubt und rissig liegt ihr auf dem Kai.
Die Erde sah das Reich der Schönen schwinden, Die Pompadour, sie würde heute kaum Ergebene Sklaven, Untertanen finden, In ihrer Gruft schläft sie und dieser Traum.
Doch ihr, vergessene Bilder mit den Blüten, Aus denen Leben längst und Duft entschwand, Ihr lächelt! Die Erinnerung wollt ihr hüten An alles, was einst leuchtend vor euch stand.
Trost
Die Welt ist schlecht! Die Leute sagen, Du trügest an demselben Platz, Wo andere die Herzen tragen, Nur eine Uhr, mein lieber Schatz.
O nein! Dein junger Busen dehnt sich, Schwillt wie das Meer zur Zeit der Flut, Dein junges Herz, es bangt und sehnt sich, Und feurig kreist dein junges Blut!
Die Welt ist schlecht! Die Leute sagen, Der Blick, mit dem du mich entzückst, Du wüßtest ihn nur aufzuschlagen, Wenn du auf eine Feder drückst.
O nein! in mancher bangen Stunde Hab ich die Träne, süße Frau, Dir fortgeküßt mit heißem Munde, In dunkeln Wimpern hing der Tau.
Die Welt ist schlecht! Die Leute sagen, Mein Kind, dein Köpfchen wäre hohl, Die Verse, die ich vorgetragen, Die hieltest du für Sanskrit wohl.
O nein! mit siegessicherer Miene Blickst du mich an, dein Grübchen lacht ... Du liebe, süße, kluge Biene, Wer hat nur solches Zeug erdacht?
Weil du mich liebst, laß dir es sagen, Verfolgt dich böser Mäuler Neid, Brauchst mich zum Teufel nur zu jagen, Dann hast du Herz und bist gescheit!
Die Alten von der alten Garde[2]
Mich hat aus meinem warmen Zimmer Die Langeweile aufgescheucht, Es war, wie im Dezember immer, Im Freien neblig, kalt und feucht.
Ich sah, kaum konnt ich es begreifen, Wie so etwas passieren mag, Gespenster durch die Straßen streifen, Gespenster hier am hellen Tag.
Ist dies die Nacht ruchloser Helden, Wo unerlöste Seelen stumm, Wie dies die deutschen Märchen melden, In alten Türmen gehen um?
Ist dies die Nacht, wo Elfen schwärmen, Wo sie geheimnisvoll und bleich Im Totentanze seltsam lärmen Rings um den traumverlornen Teich?
Ist dies die Nacht, die schaurig helle, Die Er zur Heerschau ausgewählt, Wo Er inmitten der Marschälle Die Schatten der Getreuen zählt?
Doch Geister auf Pariser Gassen, Zwei Schritt nur von den Varietés, Wie können die sich sehen lassen Im Straßenkot, im feuchten Schnee?
Ein Anblick, wahrlich, ein aparter! Kein Zahn, nur Runzeln im Gesicht, So zeigt der Boulevard Montmartre Das tolle Volk im Mittagslicht.
So etwas sang noch nie ein Barde! Den Tschako schwenkt die kleine Schar ... Die Uniform der alten Garde, Dazwischen schleicht auch ein Husar.
Sie kommen langsam angezogen, Mit müden Schritten, ohne Laut, Ein jeder kennt die Bilderbogen, Worauf man diese Alten schaut.
Der Tod gab sie nicht wieder heute, Kein Trommler hat sie aufgeschreckt, Es hat nur ein paar alte Leute Des Kaisers Heimkehr aufgeweckt.
Seit sie die letzten Schlachten schlugen Nahm dieser zu und jener ab, Die Kleider, die sie damals trugen, Sind dem zu weit und dem zu knapp.
Armseliger Trödel, heilige Fetzen, Ihr Lumpen mit dem roten Band, In keines Königs reichsten Schätzen Trifft man ein schöneres Gewand!
Ein Haarbusch, der sich mühsam fristet, Ein Pallasch mit zerbeultem Griff, Die Motte hat sich eingenistet Im Loch, durch das die Kugel pfiff.
Die Hosen schlagen tausend Falten, Die Sporen fraß beinah der Rost, Es schlottert mancher dieser Alten Erbärmlich bei dem harten Frost.
Und wieder andere sieht man keuchen, In ihren Dolman eingezwängt, Mit wohlgepflegten dicken Bäuchen, Die Nähte werden fast gesprengt.
Kein Spott! es wäre jammerschade, Nehmt eure Hüte in die Hand, Seht Helden einer Iliade, Wie kein Homer sie je erfand.
Habt Ehrfurcht! diese Bronzefarbe Hat aller Zonen Hauch gebeizt, Die Stirn zeigt manch verharschte Narbe, Die vieler Jahre Furchen kreuzt.
Ägyptens Wüste, heiß und trocken, Sie dörrte jenen schwachen Greis, Dem Rußlands kalte Winterflocken Die braunen Haare färbten weiß.
Es zittern ihre müden Hände ... Die Beresina weiß, wovon! Die Füße hinken ... welch ein Ende Von Moskau bis nach Lissabon!
Der geht gebückt ... in hundert Nächten Hielt ihn das Fahnentuch nur warm! Dem fliegt der Ärmel an der rechten ... Gewiß, ihm fehlt der rechte Arm!
Drum keinen Spott! laßt sie nur gehen, Die jeder Bube heut verlacht, Den Morgen haben sie gesehen, Wir aber sehen nur die Nacht.
Was ihr verlort, hier blieb's erhalten! Die Grenadiere, der Husar, Seht vor der Säule diese Alten, Da steht ihr Gott, ragt sein Altar.
Stolz auf das Leid, das sie getragen, So hören Frankreichs Herz sie jetzt Laut unter ihren Lumpen schlagen, Die längst die Zeit zernagt, zerfetzt.
In Tränen wandelt sich das Lachen, Rings wird es still mit einem Mal, Entschlafene Zeiten, sie erwachen, Das ist ein heiliger Carneval.
Und über diesem Maskenzuge Und über dieser bunten Schar, Da breitet noch einmal im Fluge Den Fittich aus der Kaiseraar.
[Fußnote 2: Am 15. Dezember 1840 wurde Napoleons Leiche in Paris beigesetzt. Seitdem zogen alljährlich an diesem Tage die Veteranen der großen Armee nach dem Invalidendom.]
Charles Baudelaire
1821-1867
Mißgeschick
Zu schwer wiegt dieser Last Gewicht, Kaum kann ein Sisyphus sie heben, Die Kunst währt lang und kurz das Leben, Selbst wenn es nicht an Mut gebricht.
Nie hab an ruhmbekränzten Särgen Ich aufgeschluchzt, mich packt das Weh, Der Gram, wenn ich an Gräbern steh, Die namenlose Tote bergen.
Manch Kleinod ward in Nacht versenkt Und Finsternis, kein Spaten denkt Nach dem vergessenen Schatz zu schürfen;
Still haucht manch Blüte in die Luft Wie ein Geheimnis ihren Duft, Den tiefe Einsamkeiten schlürfen.
Das Ideal
O nein, sie sind es nicht, die leicht umrissnen Fratzen, Die tauben Früchte dieser Zeit, vermorscht, verrucht, Die hohlen Puppen, die geschmeidig falschen Katzen, Sie sind es nicht, o nein, die meine Seele sucht.
Ich gönne Gavarni,[3] dem Dichter der Chlorosen, Dies Volk und sein Gekreisch, ihm und dem Hospital, Nie blüht in wilder Pracht bei diesen bleichen Rosen, Nie blüht auf diesem Beet mein rotes Ideal.
Es lebt ein andres Bild auf meines Herzens Grunde, Der Lady Macbeth gleicht's in ihrer Schicksalsstunde, Dem Traum, der Aeschylus groß vor der Seele stand.
Dir gleicht es, ewige Nacht, wie einst in stolzen Tagen Dich Michelangelo hat aus dem Stein geschlagen, Dir, deren düsterer Reiz Giganten zwingt und bannt.
[Fußnote 3: Zeichner von Karrikaturen und modernen Typen, 1804-1866.]
Der Vampyr
Die du gleich einem scharfen Stahl Mir in das zage Herz gedrungen, Die du, ein Dämon, mir zur Qual Hast gleißend meinen Sinn bezwungen, Du, die der Seele Schwung mir brach, Die sie entweiht zum Lotterbette, Die mich gefesselt an die Schmach, Wie den Verbrecher an die Kette,
Wie Spieler an des Teufels Buch, Wie Säufer an die vollen Gläser, Wie ekle Maden an die Äser ... Verfluchte, dafür meinen Fluch!
Ich bat das Schwert: Hilf schnell und ehrlich Mit einem Hieb, der offen trifft! Verzweifelnd heischte und begehrlich Erlösung ich vom feigen Gift.
Umsonst! sie höhnen und versagen, Das schlechte Gift, das gute Schwert: Du sollst die Ketten ewig tragen, Du bist der Freiheit nicht mehr wert.
Füg Feigling dich! du wirst es müssen, Denn brächten wir Erlösung dir, Erwecktest du mit deinen Küssen Zu neuem Leben den Vampyr.
Die Katze
Mein Kätzchen, zieh die scharfen Krallen ein, Du liebes Ding darfst mich nicht kränken, Ich will in deiner schönen Augen Schein, In Stahl mich und Achat versenken.
Wenn meiner Finger Spiel dich niederzwingt, Wenn aus dem Rücken, der sich windet, Ein Funken in die Hand mir überspringt, Den sie gleich einem Blitz empfindet,
Seh ich mein Weib. Ihr Blick trifft wie ein Pfeil, Dem deinen ähnlich, scharf und frostig, Er schneidet und er spaltet wie ein Beil;
Des leisen Duftes Zauber kost ich, Der so gefährlich ist, so sicher siegt, Der ihren braunen Leib umschmiegt.
Ganz und gar
Heut morgen, als die Hähne krähten, Hat der Versucher mich beehrt, Mit List ist er herangetreten, Zu wissen hat er schlau begehrt:
»Von allen Reizen, die sie schmücken, Von Farben, die an ihrem Leib Dich so bezaubern und berücken, Sag mir, was ist an diesem Weib
Das süßeste? Laß mich's erkennen.« Da sprachst du, liebe Seele mein: »Ich kann nicht scheiden, kann nicht trennen, Denn Balsam ist ihr ganzes Sein.
Da alles siegt, mag ich nicht sorgen, Welch Zauber mich zum Sklaven macht, Sie leuchtet, wie der helle Morgen, Sie tröstet, wie die dunkle Nacht.
Wie könnte ich von tausend Liedern, Die meines Ohres Muschel fing, Die Harmonieen je zergliedern? Mein Witz ist dafür zu gering.
Ein Traum erscheint mir ihre Nähe, Doch welchem Sinn, ich weiß es nicht, Musik ist alles, was ich sehe, Ein Blütenhauch ist, was sie spricht.«
Nachmittagslied
Sonderbar ist dein Gesicht, Hexe mit den bösen Brauen, Mit den Augen, mit den schlauen, Einem Engel gleichst du nicht.
Doch du reizest mich, Frivole, Schreckliche, weckst meine Gier, Schauernd nahe ich mich dir, Wie der Priester dem Idole.
Balsam strömt aus deinem Haar, Strömt aus des Gewandes Falten, Deine Art, den Kopf zu halten, Zeigt mir, wie die Sphinx einst war.
Schwülen Weihrauchduftes Wellen Hüllen deinen Körper ein, Schmeichelnd, wie im Dämmerschein Warme Abendlüfte schwellen.
Ha! kein Liebestränklein schmeckt Wie der Trank aus deinen Händen, Künste weißt du anzuwenden, Deren jede Tote weckt.
Liebe ist es, die dein Rücken, Die dein Busen wild ersehnt, Wenn dein Leib sich lässig dehnt, Lacht das Kissen vor Entzücken.
Wenn dich Lüsternheit zerreißt, Ihre Flammen dich verzehren, Suchst du wütend dich zu wehren, Und dein Mund, er küßt und beißt.
Lächelst du, dann gräbt ein Stichel, Senkt ein Dolch sich in mein Herz, Doch dein Auge heilt den Schmerz, Milde wie des Mondes Sichel.
Meine Zukunft zwängest du, Meinen Genius, du süße, Siegreich unter deine Füße, Unter deinen Atlasschuh.
Bin durch dich gesund geworden! Aus dem kalten Erdreich sproßt Leben, du bezwingst den Frost Wie die Geiser fern im Norden.
Das Gespenst
Ein Engel, dessen Blick erblichen, Komm ich in dein Gemach geschlichen, Geräuschlos nahe ich und sacht Als Schatten dir in tiefer Nacht.
Mein Lieb, du wirst gewiß erschrecken, Wenn Küsse, kalt wie Eis, dich wecken, Wenn einer Schlange feuchter Glast Den braunen Leib umspielt, umfaßt.
Naht dann des Morgens blasser Schimmer, Du findest deinen Liebsten nimmer, Der Platz bleibt bis zum Abend kalt.
Was liebend andere erringen, Soll Furcht und Schrecken mir erzwingen, In meinem Reiche herrscht Gewalt.
Die Eulen
Die Eulen sitzen stumm, versenken Den Blick in Nacht, ihr Auge flieht Des Lichtes Strahl. In Reih und Glied Wie Hexen hocken sie und ... denken.
Bewegungslos ist ihre Rast, Die Augen blinzeln müd, die matten, Bis in der Dämmerung die Schatten Sich recken, bis das Licht verblaßt.
Der Weisheit Vogel will uns lehren, Die wir uns ruhelos verzehren, Was unserm wilden Leben fehlt.
Ein Tropfen schon kann uns berauschen, Wir stoßen uns, gehetzt, gequält, Begierig stets, den Platz zu tauschen.
Trauriges Madrigal
Bist du nur klug? Taugt das den Frauen? Sei traurig und sei schön, mein Kind! Die Zähren, die den Blick betauen, Sie schmücken, wie der Bach die Auen, Wie Regen, der auf Blüten rinnt.
Ich hab es gern, wenn düsteres Schweigen Die Stirne dir umkränzt und Leid, Wenn plötzlich in gespenstigem Reigen Empor die finstern Schatten steigen, Die Schatten der Vergangenheit.
Ich hab es gern, wenn deine Wangen Die Träne, warm wie Blut, verschönt, Wenn deine Brust, von mir umfangen, In Ängsten keucht, wenn voller Bangen Sie wie im Todeskampfe stöhnt.
Ich trinke sie in vollen Zügen, Die Seufzer ...., Götter, welch ein Fest .... Mehr, mehr, ich kenne kein Genügen, Wie sie zum Diadem sich fügen, Die Perlen, die sie fallen läßt!
Ich kenne es, das alte Feuer, Das dir noch tief im Busen flammt, An Manen zahlst du Zoll und Steuer, Den Stolz, ihn kenn ich auch, der teuer Nur solchen ist, die Gott verdammt!
So lang dein Herz im Traum nicht fühlte Der ganzen Hölle heiße Last, So lang das Schwert darin nicht wühlte, Nicht Gift die Pulse dir durchspülte, So lang du dies erlebt nicht hast,
So lang vom Albdruck, der dich quälte, Dich nicht erlöst ein wilder Schrei, So lang die Qual dein Herz nicht stählte, Sich nicht der Ekel ihr vermählte, So lange bist du noch nicht frei.
So lange ist dir's nicht gegeben, Die du mich liebst, vor Schrecken bleich, Dich, Sklavin, Herrin, zu erheben, Zu jauchzen in verjüngtem Leben: Mein König du, ich bin dir gleich!
Der Mahner
Wer wirklich wert ist, Mensch zu sein, Fühlt ewig eine Schlange nagen, Sie hemmt sein Hoffen und sein Wagen, So oft er ja sagt, sagt sie nein.
Wenn Nixenaugen dich berücken, Wenn sie dich locken und umstricken, Mahnt stechend sie: Denk an die Pflicht.
Sei Dichter, träume Liebesträume, Belebe Marmor, pflanze Bäume, Sie höhnt: Du siehst den Abend nicht.
Beginne du nur und verlange! In der Minute mahnt sie dich, Und schaudernd fühlst du ihren Stich, Den Stich der widerlichen Schlange.
Lösegeld
Zwei Felder sind es, die nach Fug Und Recht, um Lösegeld zu zahlen, Wir düngen unter Müh und Qualen, Und die Vernunft ist unser Pflug.
Damit nur ein paar Rosen sprießen, Vielleicht gar nur ein kärglich Reis, Muß unsere Träne, unser Schweiß Den Acker immerfort begießen.
Es ist die Liebe und die Kunst! Wenn einst des jüngsten Tages Licht Erstrahlt, wenn einst das Weltgericht Beginnt, dann wird des Richters Gunst
Nur dem zu Teil, der dann inmitten Der Scheuern reiche Ernten weist, Denn wenn die Frucht den Sämann preist, Dann werden Engel für ihn bitten.
Der Mensch und das Meer
O Mensch, du liebst das Meer, wie trotzig, frei und groß Liegt es zu Füßen dir! in seinen Wellenhügeln, In seinen Tälern siehst du sich die Seele spiegeln, Die in dir wohnt, gleich ihm unendlich, ruhelos.
Du suchst in Not und Qual, o Mensch, dein eigen Bildnis, Du hältst es in der Hand, dein scharfes Ohr, es lauscht Der Flut, die in dir selber wogt und schäumt und rauscht, Dem ungestillten Schmerz in dieser grausen Wildnis.
Was ihr nicht zeigen wollt, das ruht in guter Hut, Ihr seid ja alle beide finster und verschwiegen! Du hüllst die Schätze ein, die in der Tiefe liegen, Und du verbirgst, was tief dir in der Seele ruht.
Trotzdem bekämpft ihr euch seit Anbeginn der Zeiten, Ihr, die ihr doch so ganz einander ähnlich seid, Gemetzel liebt ihr, Mord und grimmen Haß und Neid, Geschwister eines Bluts, müßt ihr denn ewig streiten?
Klage eines Icarus
Wer klug ist, muß die Liebe kaufen, Dann weiß er sicher, was er hat; Was mich betrifft, bin ich es satt, Den leeren Schatten nachzulaufen.
Dank wenigen Sternen hell und klar, Die mir das Auge einst geblendet, Wird heut der Blick, zurück gewendet, Nur Sonnen überall gewahr.
Vergebens wollt empor ich dringen, Im Flug durchmessen Zeit und Raum, Ein heißes Auge streift mich kaum, Und schon sind mir gelähmt die Schwingen.
Versengt hat mich der Schönheit Glut, Ihr Flammenstrahl hat mich erschlagen, Ach, nie wird meinen Namen tragen Der Abgrund, wo mein Leichnam ruht!
Heauton timoroumenos