Französische Lyrik alter und neuer Zeit in deutschen Versen
Part 2
Das wäre alles so in großen Zügen, Ich habe weiter nichts hinzuzufügen. Wollt ich noch eine Zeile niederschreiben, Ich fürchte, Sire, ich könnte übertreiben. Dann schrieb' ich: Herr und König der neun Musen, Der alle ihre Weisheit trägt im Busen, Du König, mehr als Mars an Ehren reich, Du König, dem kein anderer jemals gleich, Gott gebe Dir und Deinem stolzen Thron Des Erdballs ganzen Umkreis noch zum Lohn, Sowohl zum Heil der rollenden Maschine, Wie auch, daß Dir zum Ruhme solches diene.
Pierre Corneille
1606-1684
Stanzen
Läßt mein Angesicht auch sehen, Gräfin, daß die Zeit verstrich, Euch wird es nicht besser gehen, Seid Ihr erst so alt wie ich.
All und jedem drückt ihr Zeichen Auf die Zeit, eh' sie entweicht, Eure Rosen wird sie bleichen, Wie sie mir das Haar gebleicht.
In denselben Bahnen gleiten Ewig die Planeten hin, Was Ihr seid, war ich vor Zeiten, Und Ihr werdet, was ich bin.
Immerhin darf kühn ich sagen, Etwas, Gräfin, nenn ich mein, Was vielleicht in späten Tagen Noch wird unvergessen sein.
Sind auch holde Reize Euer, Wißt, ein Reiz, den Ihr jetzt haßt, Strahlt einst noch in hellem Feuer, Wenn der Eure längst verblaßt.
Er nur wird den Ruhm bewahren Euren Augen, Eurem Haar, Er erzählt nach tausend Jahren, Was an Euch mir teuer war.
Bei den Bürgern jener Welten Hat mein Wort noch guten Klang, Werdet Ihr für schön dann gelten, Schuldet mir Ihr dafür Dank.
Wollet gnädigst drum bedenken: Ist ein Graukopf keine Zier, Muß man ihm doch Achtung schenken, Gleicht er, schöne Gräfin, mir.
Pierre-Jean de Béranger
1780-1857
Meine Berufung
Ich kam auf diese Erde Geängstigt und verzagt, Kaum hätte aus der Herde Ich je mich vorgewagt. Mein Weinen und mein Klagen Verhauchte fast im Wind, Da hörte Gott ich sagen: So singe doch, mein Kind!
Der Reichtum fährt mit vieren, Verlacht des Armen Not, Wenn sie vorbei kutschieren, Bespritzt uns nur der Kot. Euch habe ich im Magen! Doch macht der Zorn mich blind, Dann höre Gott ich sagen: So singe doch, mein Kind!
Weich bin ich nicht gebettet, Zum Einerlei verdammt, Gefesselt und gekettet An mein bescheiden Amt. Muß ich zu sehr mich plagen, Daß Brot mein Arm gewinnt, Dann höre Gott ich sagen: So singe doch, mein Kind!
Manch Glück hab ich gefunden In meines Lebens Mai, Die Jahre sind entschwunden, Es ist damit vorbei. Doch will mein Herz mal fragen, Warum das Glück zerrinnt, Dann höre Gott ich sagen: So singe doch, mein Kind!
So will ich ewig singen, Will singen bis zuletzt, Will jedem Freude bringen, Den mein Gesang ergötzt. Wo frohe Herzen schlagen, Die freundlich mir gesinnt, Da höre Gott ich sagen: So singe doch, mein Kind!
Die Dachkammer
Die Bude unterm Dach! Ich seh sie wieder, Wo frohe Armut Lehrerin mir war, Ich hatte meine Freunde, meine Lieder, Mein Mädchen hatte ich und zwanzig Jahr. Der Narren lachte keck ich und der Weisen, Da ich des Lenzes Blütentraum genoß, Sechs Treppen hoch durft ich mich glücklich preisen Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.
Ein Bodenloch! Ich kann es nicht bestreiten; Hier war's, wo meine harte Bettstatt stand, Dort seh ich noch die Verse, die vor Zeiten Mit Kohle ich gekritzelt an die Wand. Doch ach, die Freuden, die sind längst entschwunden, Die meine Uhr mir mitleidvoll erschloß, So oft den Weg ins Leihamt ich gefunden, Mit zwanzig Jahren aus dem Dachgeschoß.
Wie gern ist Liese mit vergnügter Miene Hier oben einst erschienen zum Besuch! Vorm Fenster hat die Gute als Gardine Flink aufgehängt ihr schönes neues Tuch. Am Boden lag der Hut. Nie mocht ich fragen, Wer ihn bezahlt hat, weil sie dies verdroß; Wer wird sich auch um solche Fragen plagen Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.
Hier haben wir begeistert und verwegen Die ganze Nacht gesungen und gezecht, Da bei Marengo Bonapartes Degen Die schlug, die ihm zu trotzen sich erfrecht. Viktoria schossen sie! Wir aber dachten, Nie kehrt zurück in unseres Helden Schloß Die Sippe Ludwigs, die wir stolz verlachten Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß.
Hinweg! hinweg! Ich könnte mich berauschen, Wo der Erinnerung Zauber mich umschwebt .... Ach, dürfte meiner Tage Rest ich tauschen Für einen Monat, den ich hier gelebt, Für Liebe, Leichtsinn, Torheit, für Sekunden, Daraus im Traum ein Leben mir entsproß, Für alle Hoffnung, die ich einst gefunden Mit zwanzig Jahren hier im Dachgeschoß!
Der alte Korporal
Jetzt also vorwärts, Kameraden, Die Stunde schlägt, noch einen Kuß, Mein Pfeifchen brennt, Ihr habt geladen, Kommt, Kinder, machen wir nun Schluß. Die Jahre sind im Dienst geschwunden, Den ich Euch allen beigebracht, Doch niemals hab ich Euch geschunden! Nun gebet Acht, Heult nicht, gebt Acht, Heult nicht, gebt Acht, Nehmt Tritt, gebt Acht, Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!
Ein Leutnant denkt, er darf mich kränken, Ich wisch ihm eine aus, dem Wicht; Es tat ihm nichts, doch sowas schenken .... Mein Urteil sprach das Kriegsgericht. Wer nicht so rasch ist, handelt weiser, Am längsten hab ich's nun gemacht, -- -- Ach was, ich diente meinem Kaiser! Nun gebet Acht, Heult nicht, gebt Acht, Heult nicht, gebt Acht, Nehmt Tritt, gebt Acht, Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!
An Arm und Bein darf Euch nichts liegen, Das Kreuz ist ein paar Knochen wert, Das meine holt ich in den Kriegen, Da wir die Könige ausgekehrt. Manch Gläschen gabt Ihr mir zum besten, Wenn ich erzählte auf der Wacht Von Schlachtenruhm und Siegesfesten, Nun gebet Acht, Heult nicht, gebt Acht, Heult nicht, gebt Acht, Nehmt Tritt, gebt Acht, Gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht, gebt Acht!
Wer fängt dahinten an zu flennen? Die Tambourswitwe, dacht mirs schon! Hab Anno zwölf beim tollen Rennen Die Frau gerettet sammt dem Sohn. Der Vater liegt im Schnee begraben, Den Jungen schleppt ich Tag und Nacht ... Kannst beten für mich alten Knaben! :|: Nun gebet Acht, :|:
Die Pfeife will nicht ziehen heute ... Jetzt hat sie Luft, was das nur war! Da sind wir. Wollt ihr etwa, Leute, Die Augen mir verbinden gar? Hier an der Böschung laßt mich stehen, Zielt nicht zu tief, hübsch mit Bedacht ... Mögt Ihr die Heimat wieder sehen! :|: Nun gebet Acht, :|:
Des Volkes Erinnerungen
Unterm Strohdach der Geringen, In den Hütten stirbt er nicht, Noch nach fünfzig Jahren spricht Kaum einer dort von andern Dingen. Abends sitzen am Kamin Um die Alte junge Leute, Mutter, ruft die Bäuerin, Kannst von ihm erzählen heute! Viele schelten jetzt den Mann, Könnte er nur wiederkehren, Ja, wiederkehren! Laß uns also von ihm hören, Großmutter, fang an!
Kinder, hier sah ich ihn reiten, Hier durch unser Dorf, ganz nah, In dem Jahr, da dies geschah, Machte ich Hochzeit ... alte Zeiten! Könige bildeten den Zug, Heut noch glaube ich, den grauen Mantel, den er damals trug, Und den kleinen Hut zu schauen. Ich erschrak und wurde bleich. »Guten Morgen,« rief er heiter, Vergnügt und heiter. »Wie, gegrüßt hat Euch der Reiter, Ei, er sprach mit Euch?«
Ein Jahr später ist's geschehen, Daß ich nach Paris mal kam, Vor der Tür von Notre Dame Hab ich ihn wiederum gesehen. Menschen drängten ohne Zahl Sich in festlichem Gewimmel, Alle meinten: »Seht einmal, Schönes Wetter schickt der Himmel.« Mild und gütig war sein Blick, Grad war ihm ein Sohn geboren, Ein Sohn geboren. »Ei, der Tag war nicht verloren, Mutter, das war Glück!«
Als dann seiner Feinde Scharen Sich ergossen übers Land, Trotzte er mit starker Hand Beinah alleine den Gefahren. Einmal klopft's an meine Tür, Eines Abends, just wie heute, Plötzlich steht er da vor mir, Im Gefolg nur wenig Leute. Setzt sich auf den Sessel hier, Niemals werd ich es vergessen, Niemals vergessen! »Mutter, wo hat er gesessen, Auf dem Stuhl, sagt Ihr?«
»Ich hab Hunger,« sprach er. Leider Hatte ich nur Brot und Wein. Hier am Feuer schlief er ein, Schnell trockneten die nassen Kleider. Beim Erwachen sagte er, Als er schaute meine Zähren: »Mut, noch habe ich ein Heer, Vor Paris will ich mich wehren.« Ich verwahre heute noch Jenes Glas im Schrank da droben, Im Schrank da droben. »Wie, Ihr habt es aufgehoben? Bitte, zeigt es doch!«
Hier ...! dann zog er ins Verderben! Er, den einst ein Papst gekrönt, Mußt verlassen und verhöhnt Auf jener öden Insel sterben! Dran zu glauben ward uns schwer, Alle meinten: »Er kehrt wieder, Heimwärts eilt er übers Meer, Schlägt den frechen Fremdling nieder.« Als ich hörte, es sei wahr, Bin ich fast dem Schmerz erlegen, Dem Schmerz erlegen. »Schütz Euch Gott auf allen Wegen, Mutter, vor Gefahr.«
Gérard de Nerval
1808-1855
Herren und Knechte
Wenn jene Herrn, die aus den Mären wohl bekannt, Mit Stieresnacken und mit erzgeprägten Mienen, Mit Leibern, die im Boden fest gewurzelt schienen, Mit grimmig hochgemutem Sinn und harter Hand,
Wenn heute wieder sie auf diese Erde kämen, Den Erben ihrer stolzen Namen nachzuspähn, Die winselnd vor den Türen der Minister stehn, Der Sippe, die schon längst verlernt hat, sich zu schämen,
Dem falschen Volk, an dem die Waden kaum noch echt, Dann merkten jene Ritter ohne Furcht und Tadel Sehr bald, daß, dank den Töchtern, ihrem guten Adel Verdorben ward das Blut von manch gemeinem Knecht.
Phantasie
Es tönt mir eine Weise stets, für die Ich Mozart, Weber und Rossini schenke, Wenn ich in ihren Klang das Ohr versenke, Bezaubert mich die alte Melodie.
Sie singt so müd von Trauer und von Wehe, Ich fühle mich zweihundert Jahr verjüngt, Ludwig der Dreizehnte regiert, ich sehe Den Hügel, hinter dem die Sonne sinkt,
Ein Schloß von Ziegeln, Türme in den Ecken, Gemalte Fenster und ein Giebeldach, Darum ein Park mit immergrünen Hecken, Durch bunte Blumen fließt ein stiller Bach.
Am hohen Fenster sehe ich vom weiten In alter Tracht die blonde Dame stehn .... Ich kenne sie. Ich habe sie vor Zeiten In einem andern Leben schon gesehn.
Laß mich!
Laß ab von mir, es ist vergebens, Du prangst im Lenze deines Lebens, Mir kehrt er nimmermehr zurück! Kannst du in meinem Gram nicht lesen, Daß dieser Stirn, die jung gewesen, Zu lächeln längst vergaß das Glück?
Wenn durch den Winterfrost, den harten, Die bunte Blumenpracht im Garten Gebleicht ist und der Baum entlaubt, Wer gibt dem toten Blatt die Farben Zurück, die mit dem Sommer starben, Den Duft, den ihm der Nord geraubt?
Ach, hätte meines Schicksals Gnade Mich kreuzen lassen deine Pfade, Da mir noch solche Gunst getaugt, Ich hätte trunken vor Entzücken Dein Lächeln kühn gewagt zu pflücken Und neue Kraft daraus gesaugt.
Heut leuchtest du mir nur von Ferne, Du junges Blut, dem hellen Sterne Vergleichbar, der dem Schiffer winkt, Dess' schwanken Kahn die List der Wogen, Wenn schon der Sturm vorbei gezogen, Zerbricht und mitleidlos verschlingt.
Laß ab von mir, es ist vergebens, Du prangst im Lenze deines Lebens, Mir kehrt er nimmermehr zurück! Läßt diese Stirn, die jung gewesen, Läßt dich ihr stiller Gram nicht lesen, Daß nichts mehr sie erhofft vom Glück?
Goldene Verse
Mensch, freier Denker, wähnst du, daß nur du allein Gedankenmächtig bist in dieser Welt voll Leben? Du bist nur Herr der Kraft, die dir zum Lehn gegeben, Jedoch das All ist frei, dein Witz ist ihm zu klein.
Hab Ehrfurcht! Jedes Tier nennt eigene Kräfte sein, Der Kelch, der sich erschließt, ahnt einer Seele Beben, Kein Stein, in dem nicht unbekannte Mächte weben, Dies alles fühlt und dringt ins Innerste dir ein.
Vermeide Blicke, die aus blinden Fenstern spähen, An jegliches Atom gebunden ist das Wort, In deinem Munde darf es Sünde nie begehen.
Oft wohnt ein Gott versteckt an einem niedern Ort, Das Auge wächst vom Lid bedeckt in heiliger Stille, Es sproßt aus hartem Fels hervor ein reiner Wille.
Alfred de Musset
1810-1857
An Juana
Du bist's, für die ich einst entbrannte, Die erste, welche mein ich nannte, Der ich geweiht mein ganzes Sein! Erinnerst du dich auch noch dessen? Ich habe es noch nicht vergessen, Im letzten Sommer warst du mein.
Wie rasch entschwinden doch die Zeiten, Die wir mit tausend Nichtigkeiten Vergeuden, schnell sind sie entflohn. Fast zwanzig Jahre sah ich schwinden, Und du, Gefährtin meiner Sünden, Hast ihrer beinah achtzehn schon.
Scheint auch die rote Rose bleicher, Ist ihre Pracht nur um so reicher, Ich schmeichle nicht, schön bist du doch! Kein liebend Weib war liebevoller, Kein spanisch Köpfchen jemals toller, Denkst du des letzten Sommers noch?
Des Abends noch, da du mich kränktest Und dann dein Halsgeschmeid mir schenktest, Da ich ob deines Zorns geschmollt; Drei Nächte fand ich keinen Schlummer, In bittersüßem Liebeskummer Hab ich geküßt das rote Gold.
Und die verräterische Schöne! Denkst du noch an die tolle Szene, O Andalusiens holder Stern? Dein Liebster wollt vor Lachen sterben, Und Eifersucht schien zu verderben Den Gatten fast, den alten Herrn.
Nimm dich in acht, hör was ich sage, Von neuem kehren jene Tage Der Liebe bald vielleicht zurück. Ein Herz, das dich einmal besessen, Kann deiner nimmermehr vergessen, Das Herz begehrt kein besser Glück.
Ach was! ich mag den Strom nicht dämmen, Ich kann das Rad der Zeit nicht hemmen, Ich halte seinen Gang nicht auf; Was kümmern uns entschwundene Freuden, Das Lied ist aus, wir wollen scheiden, Das ist einmal der Welten Lauf.
Die Zeit entführt auf ihren Schwingen Den Lenz, die Lerche und ihr Singen, Ach, unser Dasein gleicht dem Rauch; Karg ist die Frist uns zugemessen, Was frommt mir, daß ich dich besessen, Und dir, daß meiner du vergessen .... Mein Leben schwindet, deines auch!
An Julie
Daß mich die Leute auf den Gassen Nicht mal in Frieden rauchen lassen! Mich fragt ein jeder dumme Wicht, Woran ich seit drei Jahren schreibe, Was ich in meinen Nächten treibe, Denn daß ich schlafe, glaubt man nicht.
Willst du mir deine Lippen reichen? Die tollen Nächte, die dich bleichen, Sie trocknen die Korallen auch. Daß diese Wunder nicht verderben, Mein schwarzes Lieb, mußt du sie färben Mit deines Atems heißem Hauch.
Mein Drucker glaubt sich längst vergessen, Er meint, es warten seine Pressen Auf meine! Und ein ganzer Trupp Honetter Herren hält die Wette, Daß mich mein Glück verlassen hätte, Man schwatzt davon in jedem Klub.
Hast du noch deinen Muskateller? Wir waren gestern erst im Keller, Vielleicht blieb noch ein Rest zurück. Wie glüht dein Mund! Ich will geschwinde Mal sehen, ob ich was erfinde, Natürlich ein verrücktes Stück.
Sie sagen, daß ich keine Lieder Mehr pfeifen kann und daß ich wieder Mich werfe in den vollen Strom. Es lohnt nur nicht, sonst schickten heute Nach Sankt Helena mich die Leute Mit einem Magen-Karzinom.
Wenn ich am Feuer weiter nasche, Verbrenn ich sicher noch zu Asche, Auch Herkules ist ja verbrannt; Soll in den Gluten ich verderben, Will ich bei Dejanira sterben, Drum öffne schleunigst dein Gewand!
An Pepa
Pepita, wenn die Sonne scheidet, Wenn deine Mutter schlafen geht, Wenn bei der Lampe halb entkleidet Du knieend sprichst dein Nachtgebet,
Zur Stunde, wo du Frieden findest, Wo dich erwartet süße Rast, Wo du die Abendhaube bindest Und unters Bett geleuchtet hast,
Wenn all die Deinen, die Familie, Der Schlummer hält in seinem Bann, Pepita, meine schlanke Lilie, Gestehe, woran denkst du dann?
An eine Heldin aus Romanen, Die ihr zerbrochnes Glück beweint, An alles, was der Traum läßt ahnen Und was die Wirklichkeit verneint,
An Berge, die nach schwerem Kreisen Das Leben geben einer Maus, An Andalusiens wilde Weisen, An einen Mann, ein Zuckerhaus,
An Rosen, die du einmal pflanztest, An Blicke jenes faden Wichts, Mit dem du den Fandango tanztest, Vielleicht an mich, vielleicht an nichts!
Lilla
O ließe Lilla sich bewegen, Daß sie mir öffnete bei Nacht, Dann braucht ich keines Pfaffen Segen! Durchs Fenster spräng ich, nie verlegen, Wenn ihre Frau Mama erwacht.
Die Angst mag alte Schachteln quälen Um das Genick! Solch dürres Kraut Wird keiner wohl dem Teufel stehlen, Der wartet, bis die lieben Seelen Sich langsam ekeln aus der Haut.
Auf einer Planke möcht ich zechen Mit Lilla, niemals wär ich satt! Kein Papst kann so mich selig sprechen, Der Mann darf dreist sein Glas zerbrechen, Der diesen Wein getrunken hat.
Ballade an den Mond
Hoch auf dem Turme glitzt er, Der Mond, so gelb wie nie, Da sitzt er, Wie's Tüpferl auf dem I.
Welch Elf hat auf den Faden Dich mit geschickter Hand Geladen, Du naseweiser Fant?
Du Maske der Gespenster, Was guckt für ein Gesicht Durchs Fenster Herein, du blasser Wicht?
Bist du, der Nacht Begleiter, Nur rund geformtes Gold, Das weiter Sich ohne Beine trollt?
Bist du es gar, Geselle, Bist du es, dessen Lauf Der Hölle Die träge Uhr zieht auf?
Ein Zeiger, der die Stunden Verdammten Seelen weist, Sekunden Der Ewigkeit umkreist?
Ist es ein Wurm, der witternd Sich anzuschleichen wagt Und zitternd Die Sichel dir benagt?
Wer hat dich halb geblendet? Hat gestern dich im Traum Geschändet, Vielleicht ein spitzer Baum?
Auf meines Zimmers Wände Trägt mir dein fahler Schein Behende Des Gitters Netzwerk ein.
Es hat der Sonne Gnade, Da sie ins Meer getaucht, Dich gerade Ein wenig angehaucht.
Einst wirst du ganz erkalten, Dein Angesicht verrät Durch Falten, Wie schlimm es um dich steht.
Die Göttin gib uns wieder, Die keusch und nie besiegt Die Glieder An ihre Hirschkuh schmiegt,
Die einst in der Platane Gehege sich gefiel, Diane Und ihrer Meute Spiel.
Hoch flüchtig sind gesprungen Die Rehe, wenn voll Macht Gedrungen Das Hifthorn durch die Nacht,
Wenn auf der Spur der Beute Ringsum durch Wald und Feld Die Meute Zur Hetze hat gebellt.
Als eines Abends linde Durch ihren Hain gerauscht Die Winde, Hat Phoebus sie belauscht,
Der Gott, der nächtlich schwärmend Die Hirtin und den Hirt Keck lärmend Im Vogelflug umschwirrt.
Durch jedes Abenteuer, Dem still du beigewohnt, Bleibst teuer Du alle Zeit uns, Mond.
Wem immer du begegnet, Dem bist für ewig du Gesegnet, Ob ab du nimmst, ob zu.
Du bist es jedem Schäfer, Wenn auch zu nächtiger Stund Dich Schläfer Hat angebellt sein Hund.
Du bist es jedem Schiffe, Das hart vom Sturm bedrängt Durch Riffe Der Lotse sicher lenkt.
Und jedem schönen Kinde, Das mal in dunkler Nacht Geschwinde Sich aus dem Staub gemacht.
Tief unter dir gebettet Und wie ein wilder Bär Gekettet Träumt das gezähmte Meer.
Wenn ich bei Wind und Wetter Nicht aus der Stube kann, Herr Vetter, Dann schaue ich dich an,
Seh auf dem Turm dich glitzen, Seh dich vergnügt wie nie Dort sitzen, Wie's Tüpferl auf dem I.
Wenn manches wider Hoffen Ein Ehemann zu Haus Getroffen, Dann lachst du ihn noch aus.
Und wenn der junge Gatte, Nachdem die Mutter zach Ihm hatte Entriegelt das Gemach,
In Schlafrock und Pantoffel Die Kerze löscht im Nu, Du Stoffel, Dann siehst du spöttisch zu.
Bang harrt sie mit dem Ringe Am Finger, der sie mahnt An Dinge, Die sie nur zitternd ahnt.
Der Herr Gemahl fängt Feuer, Sie wird in ihrer Qual Nur scheuer Und wehret dem Gemahl.
Er blickt mit heißen Augen Und ruft: Mein Kind, was soll Das taugen? Bei Gott, du machst mich toll!
Kaum kann er es noch tragen, Da läßt ihn ein Gesicht Nichts wagen, Und er, er wagt es nicht.
Es zittert und es zuckt ja, Wir sind hier nicht allein, Man guckt ja Ins Zimmer uns herein!
Hoch auf dem Turme blitzt er, Der Mond, so frech wie nie, Dort sitzt er, Wie's Tüpferl auf dem I.
Dezembernacht
Als Schüler hab ich eine Nacht In meinem Zimmer mal durchwacht, Die Stunden wollten kaum entweichen; Da plötzlich mir zur Seite stand Ein Knabe, schwarz war sein Gewand, Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.
Bleich war sein schönes Angesicht, Bei meiner Lampe trautem Licht Hat er gelesen und geschrieben; Mild lächelnd und gedankenschwer Und träumend blickte er umher, Die ganze Nacht ist er geblieben.
Grad war ich fünfzehn Jahre alt, Und wollte einmal durch den Wald, Quer durch die braune Haide streichen. Da plötzlich an dem Raine stand Ein Jüngling, schwarz war sein Gewand, Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.
Ich suchte aus dem Wald nach Haus, Der fremde Gast hielt einen Strauß Und eine Laute in den Händen; Er grüßte freundlich mich, doch stumm, Dann drehte er sich halb nur um, Des rechten Weges mich zu senden.
Als dann mein Herz zum erstenmal Verraten ward und sich in Qual Gewunden unter schweren Streichen, Da plötzlich an dem Herde stand Ein Fremdling, schwarz war sein Gewand, Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.
Stumm stand er dort, in sich gekehrt, Die Rechte trug ein blankes Schwert, Die Linke zeigte starr nach oben; Als hätt er um mein Leid gewußt, Rang sich ein Seufzer aus der Brust, Dann ist er wie ein Traum zerstoben.
Als ich in der Gesellen Kreis Von edlem Weine einmal heiß Zu kecker Rede gab das Zeichen, Da plötzlich mir vor Augen stand Ein Zecher, schwarz war sein Gewand, Er glich mir, wie sich Brüder gleichen.
Ein Purpurlappen, ganz geflickt, Hat unterm Mantel vorgeblickt, Die magere Hand hat ihm gezittert; Stumm hob das Glas der fremde Mann Und schweigend stieß er mit mir an, Da ist mein Glas im Nu zersplittert.
Ein Jahr darauf, die Zeit entflieht, Hab ich an einem Bett gekniet, Des Vaters Mund sah ich erbleichen. Da plötzlich ihm zu Häupten stand Ein Waisenkind, schwarz sein Gewand, Es glich mir, wie sich Brüder gleichen.
Ein Engel, der dem Schmerz erliegt, Erschien er dort, vom Leid besiegt, Gleich mir, des teuren Toten Sohne; Die frohe Laute war umflort, Das Herz von einem Schwert durchbohrt, Das Haupt trug eine Dornenkrone.
Noch oftmals hab ich ihn gesehn An meiner Seite schweigend stehn In meines Lebens schwersten Stunden, Die rätselhafteste Vision! Ist er ein Engel, ein Dämon? Ich hab ihn überall gefunden.
Da später, müde und verzagt, Ich Frankreich Lebewohl gesagt, Der bittern Qual mich zu entwinden, Da all mein Hoffen war verdorrt, Da ich an einem fremden Ort Wollt sterben oder Leben finden,
Zu Pisa und im goldnen Mainz, Zu Cöln, im Angesicht des Rheins, Zu Nizza unter grünen Myrten, In den Palästen von Florenz, Im Wintersturm, im jungen Lenz, Hoch in den Alpen, bei den Hirten,
Zu Genua, wo wild die See Das Ufer peitscht, und zu Vevey, Zu Havre an der Klippe Wänden, Dort wo Venedig schläft und träumt, Die Adria am Lido schäumt, Um in Lagunen feig zu enden,
Wo ich auch immer ohne Mut Gewandert bin, wo mir das Blut Geströmt aus meines Herzens Wunden, Wohin mich meine Unrast trieb, Wo mich durch ihr verdammtes Sieb Gepreßt die ewig gleichen Stunden,