Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.

Chapter 5

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Nach dem Tilsiter Vertrag sollte also die Bocca an die Franzosen übergeben werden. Anfangs August bekamen Marmont und Senjavin von ihren Regierungen Befehle, der eine, die Bocca zu übernehmen, und der andere, dieselbe auszuliefern. General Lauriston hatte die Okkupation der Bocca zur Aufgabe bekommen. Noch am 26. Juli schrieb er dem russischen Kapitän Baratinski, dass der Friede zwischen den beiden Gegnern geschlossen sei, und dass er nächstens kommen werde, um die Bocca zu besetzen. Am 10. August marschierte er in das Land ein und übernahm Castelnuovo und zwei Tage darauf auch Cattaro und die übrigen Städte der Bocca.[72] Die Franzosen fürchteten, dass die Russen Cattaro etwa den Engländern übergeben würden. Dann bekam Marmont den Befehl, in aller Stille die Städte und Festungen des Landes zu okkupieren.[73] Die Okkupation der Bocca vollzog sich in der Tat in aller Ruhe und Stille. Die Russen zogen sich freiwillig zurück. Der Vladika war schon vorher wegen Unruhen an den Grenzen seines Landes aus der Bocca abgezogen.

Die Bocea ergab sich, von allen verlassen, ihrem neuen Herrn.

IV.

Die Ereignisse in der Bocca von 1812—1814.

12. Die Beziehungen der zwei neuen Nachbarn.

Bald nach der Besetzung der Bocca di Cattaro schrieb Napoleon an Marmont: «Tenez un agent auprès de l'évêque et tâcher de vous concilier cet homme ...»[74] Und der Generalmajor aus Warschau gab an Marmont folgende Instruktion in bezug auf Montenegro: «Vous ne devez pas, général, attaquer les Monténégrins, mais, au contraire, tâcher d'avoir avec eux des intélligences et de les ramener à nous pour les ranger sous la protection de l'Empereur; mais vous sentez que cette démarche doit être faite avec toute la dexterité convenable.»[75] Fragt jemand: «Was lag Napoleon an guten Beziehungen zu Montenegro und seinem Bischofe, da er nun einmal die Bocca in seiner Macht hatte?», so müssen wir nochmals an den grossen Einfluss erinnern, den der Vladika auf die Bevölkerung der Bocca und auf das Militär Montenegros besass, das die einzige Macht an der Ostküste des Adriatischen Meeres war, die der französischen Armee Widerstand zu leisten vermochte. Marmont selbst, der keine besonderen Sympathien für den montenegrinischen Bischof hatte, sagt von seinem Einflusse: «Son autorité positive et légale était peu de chose dans son pays, _mais son influence était sans bornes_.»[76] Dann ging die Absicht Napoleons dahin, den Vladika zu bewegen, das russische Protektorat aufzugeben und das seinige anzuerkennen. Marmont versuchte auf alle mögliche Weise diesen Wunsch Napoleons zu verwirklichen. Die Sache aber ging nicht so leicht wie sich Marmont dachte. Auf alle Versuche Marmonts, den Vladika für Napoleons Pläne zu gewinnen, antwortete dieser: «Wenn Napoleon die Türken bekriegen sollte, so kann er immer auf das ganze Volk Montenegros rechnen.» Marmont unterliess nicht, den Vladika auch mit vielen und kostbaren Geschenken zu überhäufen.[77] Auch das war vergeblich. Denn was Napoleon wollte, war nicht bloss, dass der Vladika sein Protektorat ausrufen, sondern auch alle Beziehungen zu Russland abbrechen sollte. Und dieses letztere wäre, scheint es, für ihn noch wichtiger wie das erstere gewesen.

Diese Versuche Napoleons dem Vladika gegenüber blieben den Höfen in Wien und Petersburg nicht verborgen. Diese verhielten sich natürlich nicht passiv in der Sache, sondern suchten den Vladika wie die Volkshäupter Montenegros zu bewegen, alle Vorstellungen Marmonts abschlägig zu beantworten. Dieser klagte über die österreichischen Intrigen in Cetinje.[78] Mit grossem Unwillen sah er, wie die Beziehungen zwischen Oesterreich und Montenegro von Tag zu Tag immer freundlicher wurden.

In seinem Uebermut verlangte er schliesslich von Napoleon 7-8000 Mann und 8 Tage Zeit, um Montenegro zu erobern.(!)[79] Das wurde ihm natürlich nicht gewährt. Unterdessen bekam Marmont Anlass, sich über den Vladika noch mehr zu beklagen, im dem Augenblick nämlich, wo er von dem zwischen Montenegro und seinem ehemaligen Todfeinde, dem Vezier von _Scutari_, abgemachten Frieden hörte. Dieser verbot den französischen Truppen, durch sein Land nach Albanien und Korfu zu ziehen. Es verbreitete sich sogar das Gerücht, dass er einen Einfall in die Bocca di Cattaro im Verein mit den Montenegrinern plane. Statt dessen aber geschah etwas anderes, was zu noch gespannteren Beziehungen zwischen Franzosen und Montenegrinern führte.

Noch im Sommer 1808 hatten die Franzosen in Cattaro zwei Montenegriner als angebliche Spione gefangen genommen und ohne weiteres erschossen. Diese waren der Priester _Lazar Radonic_ aus dem Geschlecht _Njegusch_ und sein achzehnjähriger Sohn. Infolgedessen war ganz Montenegro empört, insbesondere das genannte Geschlecht. Es gab nun in dem Küstenlandstrich zwischen Cattaro und _Antivari_ einen alten Stamm, _Braici_ benannt, der die neueingeführte französische Ordnung und Verwaltung nie anerkennen wollte, sondern sich gegen die französische Obrigkeit stets auflehnte. Daher wurden dessen Angehörige von den Montenegrinern, insbesondere von dem benachbarten Geschlecht _Njegusch_, aufgereizt und sogar mit bewaffneter Hand unterstützt. Darüber wütend, sandte Marmont den General _Delzons_, um diese Aufrührer zu bestrafen. Delzons wurde aber geschlagen und zurückgedrängt, wobei er 50 Mann verlor. Marmont machte Vorstellungen beim Vladika,[80] der erklärte, von den aufrührerischen Umtrieben vorher nicht unterrichtet gewesen zu sein. Napoleon war infolge dieser Ereignisse ausser sich. Er drohte, die Schwarzen Berge mit dem Blute der Montenegriner zu Roten Bergen zu machen.[81] Bald darauf setzte er den montenegrinischen Bischof in der Bocca di Cattaro ab und unterstellte diese dem von ihm neu gegründeten dalmatischen Bistum.

Den weiteren Vorschlag der französischen Regierung, einen ihrer Konsule in Cetinje zu akkreditieren und dann eine Strasse zwischen Cattaro und _Nikschic_ über Cetinje auf eigene Kosten zu bauen, schlug der Vladika entschieden ab.

So wurden die Beziehungen zwischen den zwei Nachbarn immer trüber, bis sie sich schliesslich scheinbar wieder besserten. In ebenjenem Jahre kam ein französischer Geschäftsträger, der General _Bertrand de Sivray_, zum Vladika und schloss mit ihm den sogenanten _Vertrag von Lastva_. Dieses Abkommen erleichterte den Grenzverkehr zwischen den Franzosen und Montenegrinern. Letzteren wurde der Zugang zu den Märkten in Cattaro und Budua freigegeben, unter der Bedingung aber, dass sie an der Grenze ihre Waffen zurückliessen. Dieser Vertrag vermochte gleichwohl das feindschaftliche Verhältnis zwischen Frankreich und Montenegro nicht zu ändern. Von Anfang an waren die Franzosen den Bokelen und Montenegrinern widerwärtig. Der Hass gegen Napoleon und seine unersättliche Herrschsucht wurde auf die ganze französische Nation übertragen. Darum wurden, obwohl die französische Landesverwaltung keineswegs unterdrückender und gewaltsamer war als diejenige Österreichs, die Franzosen von der Bevölkerung der Bocca verachtet und verschmäht. So sehnte man sich nach einer günstigen Gelegenheit, um gegen die unerträgliche Fremdherrschaft aufzustehen.

Im Jahre 1811 dachte Napoleon an eine Unterwerfung Montenegros; er liess sich sogar einen Plan für einen Feldzug gegen dieses Land ausarbeiten.[82] Andere Ereignisse lenkten aber seine Aufmerksamkeit von Montenegro ab, und so gab er seine Absichten wieder auf.

13. Ausbruch neuer Feindseligkeiten. Kämpfe bei Budua, Troiza und Castelnuovo.

_Gauthier_, der Kommandant von Cattaro, bemühte sich gerade um diese Zeit, den Vladika von jeglichen kriegerischen Plänen abzubringen. Im Herbst 1811 sah man die englischen Kriegsschiffe oft an der bokelischen Küste vorbeifahren. Ein Teil der englischen mittelländischen Flotte stationierte bei der Insel _Lissa_, die die Engländer im Jahre 1810 den Franzosen weggenommen hatten. Als Gauthier erfuhr, dass der englische Marinekapitän _William Hoste_, welcher Befehlshaber über die Schiffe bei Lissa war, in geheimen Verhandlungen mit dem montenegrinischen Vladika stehe, fürchtete er, diese Verhandlungen mochten vielleicht Cattaro und ihn angehen. Er schrieb deswegen einen Warnungsbrief an den Vladika. Dieser Brief, der am 23. Februar 1812 geschrieben wurde, lautet folgendermassen: «Ich weiss wohl, dass die englischen Agenten zu Ihnen kommen werden, aber die Engländer sind listig. Nehmen Sie sich, Ihre Hochwürden, in acht, damit jene Sie nicht betrügen, wie sie alle Kontinentalstaaten betrogen haben, welche sie in unglückliche Kriege gestürzt und dann verlassen haben. Mögen sich die Montenegriner in die Angelegenheiten grosser Völker nicht einmischen, sondern Frieden halten und Freunde ihrer Nachbarn, der Franzosen, sein. Auf diese Weise werden sie ihren Wohlstand, ihre Unabhängigkeit und ihre Ruhe bewahren.»[83]

Diese Mahnung nützte nichts. Denn bald darauf erschien in Cetinje der englische Offizier _Danys_, den Hoste entsandt hatte. Er sprach mit dem Vladika über die Vertreibung der Franzosen und die Befreiung der Bocca. Er versprach englische Unterstützung vom Meere aus. Nur überliess er es dem Vladika, den günstigen Augenblick zum Angriff zu wählen und Hoste davon rechtzeitig in Kenntnis zu setzen. Diese Botschaft war für den Vladika höchst erfreulich und willkommen. Doch er wollte nicht allzu eilig sein. Er wartete geduldig auf den geeigneten Augenblick. Was er eilig tat, das war die Vorbereitung zu neuem Kampf.

Erst nach der französischen Niederlage in Russland, erliess er am 8. September 1813 eine Proklamation an das Volk, in welcher er dasselbe zum Kampf gegen die Franzosen aufforderte. Dieser langersehnte Ruf des Vladika wurde von den Montenegrinern freudigst aufgenommen. Sie brauchten nicht viel Zeit, um sich kriegsbereit zu machen. Zugleich sandte der Vladika einen Bürger aus Cattaro, _Zifra_, nach Lissa zu dem Kapitän Hoste.[84] Ohne eine Antwort von dem englischen Kommandanten der Eskader abzuwarten, zog der Vladika sofort mit seinem versammelten Heere nach _Budua_, das er am 21. September belagerte. Nach zwei Tagen ergab sich die Stadt, und bald folgten alle umliegenden Ortschaften ihrem Beispiel[85] und schlossen sich den Montenegrinern an.

Der Vladika hatte nicht das ganze Heer mitgenommen. Ein Teil desselben, unter Führung von _Vuko Radonic_, griff am 22. September die Festung von Cattaro, _Troiza_, an. Die Franzosen kamen aus der Stadt der Festung zu Hilfe. In heftigem Kampfe wurden die Montenegriner zweimal durch das Geschützfeuer zurückgeworfen. Diese Festung war die beste und stärkste neben derjenigen in Castelnuovo. Sie wurde geschützt nicht bloss durch ihre eigenen Geschütze, sondern auch durch solche, die auf dem steilen Abhang der Stadt zur Verteidigung aufgestellt waren. Bei den unermüdlichen Angriffen der Montenegriner vermochte sich die Festung dennoch nicht lange zu behaupten. Als die Franzosen einsahen, dass sie die Festung übergeben müssten, zündeten sie eine Unmasse Pulver an und steckten dieselbe in Brand.

Nach diesen zwei Kämpfen schrieb der Vladika wiederum an Hoste und ersuchte ihn, baldigst mit der Eskader vor Cattaro zu erscheinen. Der Eingang in die Bucht wurde der englischen Flotte insbesondere erleichtert durch zwei andere kleinere Siege über die Franzosen. Die französischen Batterien waren auf den zwei die Bucht überragenden, sich gegenüberliegenden Bergen _Verige_ und _Rosse_ aufgestellt. An dieser Stelle hätte darum keine feindliche Macht ohne grosse Gefahr nach Cattaro vorzudringen vermocht. Um von dort die Franzosen zu vertreiben, griffen die Montenegriner am 27. September die französische Batterie auf dem Verige an und bemächtigten sich derselben nach starkem Feuer und Gegenfeuer. 14 italienische Soldaten wurden gefangengenommen und drei zurückgelassene Geschütze gefunden. Am 18. September wurde auch die andere Batterie auf dem _Rosse_ angegriffen, die Soldaten von dort vertrieben und vier Geschütze genommen.

Jetzt vermochte also eine Flotte gefahrlos in die Bucht bis vor Cattaro zu fahren.

Am 12. Oktober lief Hoste in die Bucht ein. Bei seinem Durchgang bis nach Cattaro konnte er den heftigen Kämpfen zwischen Franzosen und Bokelo-Montenegrinern auf beiden Seiten der Bucht zusehen. Das waren Gefechte in den umliegenden Dörfern, welche von Natur so befestigt sind, dass ein jedes für sich als ein Bollwerk betrachtet werden kann. _Prtchanj_ und _Dobrota_ ergaben sich. Bei _Perast_ kam es zu einem besonders heftigen Zusammenstoss. Die Perastaner vertrieben mit Hilfe von einigen Montenegrinern die Franzosen und befreiten ihre Stadt. Die kleine Festung oberhalb von Perast war nicht leicht zu bezwingen; endlich aber mussten auch hier die Franzosen weichen. Die Perastaner fanden dort einige Geschütze und andere Waffen. Diese kleine Festung beherrschte die Insel _St. Georg_ vor Perast, wo sich eine französische Batterie befand. Deshalb war ihre Eroberung nun sehr erleichtert. Nach langer Beschiessung musste sich die Insel ergeben. Die Bokelen nahmen 80 Franzosen gefangen und fanden daselbst 10 Geschütze.

Noch am 10. Oktober entsandte der Vladika _Sava Plamcuaz_ mit einer Abteilung Montenegriner nach Castelnuovo, um die Stadt und beide Festungen zu belagern und die Verbindung zwischen der Bocca und Ragusa abzuschneiden. Sobald nun die Engländer vor Cattaro angelangt waren, kam nach einer kurzen Verabredung zwischen dem Kommandanten Hoste und dem Vladika auch das übrige Heer nach Castelnuovo. Eine Abteilung Engländer gesellte sich zu den Slaven und marschierte an der Küste längs der Bucht von Cattaro nach Castelnuovo ab. Hoste selbst kehrte mit seinen Schiffen um und machte gegenüber von Castelnuovo halt.

So wurde Castelnuovo stark belagert vom Lande und vom Meere aus. Die Bombardierung fing sofort an. Die Franzosen leisteten zwei Tage und zwei Nächte lang zähen Widerstand. Aber länger vermochten sie sich nicht zu halten. Sie ergaben sich, und somit fielen auch beide Festungen Castelnuovo und _Espagnola_ den Belagerern in die Hände. Hoste und Vladika liessen eine Besatzung in den Festungen und kehrten dann nach Cattaro zurück.

Von allen Städten und Festungen der Bocca blieb nur noch Cattaro in dem Besitz der Franzosen. Und seine Eroberung war doch die Hauptsache. Nun sollte auch sein Schicksal baldigst entschieden sein.

14. Belagerung und Uebergabe Cattaros.

Die Bokelen und Montenegriner begaben sich unverzüglich nach Cattaro und belagerten es von allen Seiten her. Da Troiza in den vorhergegangenen Kämpfen zerstört worden war, hatte Cattaro keine eigentliche Festung mehr. Aber kaum eine Stadt in der Welt ist so gut von Natur befestigt wie Cattaro. Man braucht bloss auf dem Berge _Vrmaz_ über der Stadt eine gute Geschützkette aufzupflanzen, dann ist Cattaro uneinnehmbar. Die Franzosen hatten oben eine gute Batterie, die aber von den Montenegrinern schon vorher erstürmt worden war, und zwar nicht von der Seite aus, die sie beherrschte, sondern von hinten, d.h. von dem montenegrinischen Boden aus.

Um Cattaro zu erobern, musste man also unbedingt eine Anzahl Geschütze auf dem Berge Vrmaz haben. Einige Kanonen hatten die Montenegriner von den Franzosen erbeutet und einige besassen sie selbst. Die Geschütze, die man auf St. Georg und in Castelnuovo erobert hatte, nahm Hoste auf seinen Schiffen mit hinüber. Da er aber zögerte, diese Geschütze bei Cattaro auszuladen und dieselben auf den Vrmaz hinaufziehen zu lassen, fürchteten die Bokelen, dass er diese Geschütze überhaupt nicht gegen Cattaro brauchen wolle und erhoben deswegen Klage beim Vladika. Dieser teilte die Sache dem Kommandanten mit und bat ihn, die Sache möglichst zu beschleunigen. Auf diese Vorstellung des Vladika antwortete Hoste mit einem überraschenden Brief, der lautet:

«Ihre Hochwürden! Ich hatte die Ehre, Ihren gestrigen Brief zu erhalten. Ich bedaure, dass die Bevölkerung die Zerstörung der Festung St. Georg böse aufgefasst hat, aber das geschah nur zu dem Zweck, dass der englischen Eskader der Durchgang durch _Verige_ im Falle irgend eines ungünstigen Umstandes gesichert werde.

Ihre Hochwürden, die Geschütze werden den Bewohnern zurückgegeben werden, aber Sie sollen wissen, dass ich die Absicht hatte, dieselben auf den Berg hinaufzuschaffen und damit Cattaro zu beschiessen. Nun habe ich meinen Plan geändert und werde nur die Küste zwischen Cattaro und Ragusa blockieren. In dieser Absicht werde ich bald aus der Bucht hinausfahren, um den Feind zu bewachen.

24. Oktober 1813. Ihr gehorsamer Diener _Hoste_.»

«PS. Der Abbat _Brunazzi_ hat viel Schaden angerichtet. Seine unermüdlichen Intrigen können seinem Kaiser und dessen Bundesgenossen nur schaden, denn er hindert das gemeinsame Werk, das wir unternommen haben.»[86] Dieser Schritt Hostes war begreiflich. Denn er war nie sicher vor den feindlichen Angriffen vom Rücken her. Sehr leicht wäre er in ein Kreuzfeuer geraten, wenn eine feindliche Flotte in die enge Bucht gekommen wäre. Dann wäre er gezwungen gewesen, häufig hinauszugehen und sich von der Situation auf dem Wasser zwischen der Bucht und Ragusa oder noch weiter hinaus selbst zu überzeugen.

Der Abbat Brunazzi war ein vertrauter Bote des _Erzherzogs Franz von Este_, der auf der Insel Lissa weilte. Dieser Abbat kam auf dem englischen Schiffe zusammen mit Hoste noch am 12. Oktober nach Cattaro. Er brachte einen Brief des Erzherzogs an den Vladika mit.[87] In diesem Schreiben beglückwünschte von Este den Vladika wegen seiner Siege über die Franzosen. Er gab dem Vladika zu verstehen, dass er den englischen Kommandanten bewogen hätte, mit den Schiffen nach Cattaro ihm zu Hilfe zu gehen. Und dann fuhr er fort: «Wenn das unternommene Werk glückt, so werden noch mehr Truppen geschickt werden, um im Verein mit Ihrem Heer die Bocca zu befreien helfen. Mit dieser kleinen Unterstützung schicke ich den wohlbekannten Abbat Herrn Brunazzi zu ihnen, welcher hier bei mir ist und welchem ich diesen Brief übergeben werde. Seine Geschicklichkeit und seine Arbeitsamkeit schätze ich hoch. Er war immer um das allgemeine Wohl der dortigen Gegenden bemüht und hat durch seinen Eifer und Charakter mein Vertrauen erworben. Diesen Mann empfehle ich Ihnen also; er hat von mir den Auftrag, Ihnen auch mündlich meine Hochachtung auszusprechen.»

Dieser «wohlbekannte» und «eifrige» Abbat wollte sich aber der Sache mit mehr Eifer, als nötig war, annehmen. Seine Wühlereien, die für Oesterreich unter der Bevölkerung Stimmung machen sollten, und seine arrogante Haltung den Engländern gegenüber mussten natürlicherweise den Kapitän Hoste verletzen. Wir werden bald sehen, wie dieser Abbat in der Tat der gemeinsamen Sache mehr geschadet als genützt hat.

Von der Absicht Hostes unterrichtet, schrieb der Vladika ihm sofort und bat ihn dringend, nicht aus der Bucht wegzugehen, bevor Cattaro eingenommen wäre. «Mit Ihrem Weggehen,» schrieb der Vladika, «werden Sie die Hoffnung der verbündeten Höfe zerstören. Denn Cattaro einzunehmen, ist der eigentliche Zweck unser aller Bemühungen. Und gerade jetzt, wo sich die beste Gelegenheit dazu bietet, wollen Sie weggehen.»[88] Hoste antwortete darauf: «Da Cattaro von allen Seiten belagert ist, finde ich mein weiteres Verweilen hier unnötig. Aber dennoch will ich mich nicht weit von hier entfernen; ich gehe bis nach Ragusa, um den Feind zu bewachen, und werde öfters herkommen, um mich mit Ihnen zu treffen.»[89]

Hoste übergab den Montenegrinern das Pulver und andere Munition, die sich auf St. Georg befand, und verliess nach einigen Tagen die Bucht.

Cattaro blieb unter der Belagerung und Bewachung der Montenegriner. Sie wussten nicht, wie man die Geschütze auf die herniederhängenden Bergspitzen heben und dort aufstellen sollte. Und ohne Geschütze konnten sie kaum hoffen, die Stadt einzunehmen. Der Vladika war entschlossen, Cattaro so lange besetzt zu halten, bis die englische Eskader zurückgekehrt oder bis der Feind durch Hunger gezwungen sich ergäbe.

Es traf aber inzwischen ein Umstand ein, der die Eroberung der Stadt hätte ermöglichen können, der aber durch den Hochmut und die Hintertreibungen des Abbat Brunazzi nicht ausgenützt werden konnte. In der französischen Armee, die sich in Cattaro befand, waren auch einige Hundert Kroaten. Diese Kroaten wollten nicht in der belagerten Stadt verschmachten _im Dienste ihres nationalen Feindes_, sondern beschlossen zu entfliehen. In der Nacht zwischen dem 28. und 29. Oktober gelang es ihnen, aus der Stadt herauszukommen. Sie flüchteten sich nach _Prtchanj_, wo der Abbat verweilte, und brachten ihm die Schlüssel der Stadttore und drei französische Fahnen. Der Vladika war diese Nacht eine halbe Stunde von Cattaro entfernt-—also näher wie der Abbat-—im Dorfe _Dobrota_. Hätte er diese Schlüssel bekommen, so hätte er die Stadt in der Nacht noch erstürmen können. Der Abbat vermochte ihm natürlich auch von Prtschanj aus diese Schlüssel zu schicken. Das tat er aber nicht aus Neid gegen einen orthodoxen Bischof. Die Kroaten waren ja römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses und hatten sich nun zu ihm, dem römisch-katholischen Geistlichen, geflüchtet. Sein Stolz war in diesem Augenblick der eines engherzigen Parteimannes.

Erst am 29. Oktober schickte er gegen Mittag dem Vladika die jetzt nicht mehr brauchbaren Schlüssel. Der Vladika war wegen eines solchen Benehmens von Seiten des Abbats höchst erzürnt. Er versuchte dennoch am selben Tage den Stadtkommandanten Gauthier zur Uebergabe zu bewegen. Dieser war durch das Weggehen der Kroaten jetzt ziemlich geschwächt. Gauthier weigerte sich. Er dankte dem Vladika, wies aber seinen Vorschlag ab.

Hoste kam seinem Versprechen gemäss öfters nach der Bucht, besah die belagerte Stadt und ging wiederum weg. Erst Ende Dezember kam er endlich mit der festen Absicht, Cattaro einzunehmen. Er führte die Arbeit aus, die die unkundigen Montenegriner nicht auszuführen vermochten, nämlich die Aufstellung der Geschütze auf dem Berge _Vrmaz_. Dann begann die Bombardierung, vom Lande und Wasser her, die einige Tage dauerte. Ganz in die Enge getrieben, musste Gauthier sich ergeben. Am 8. Januar 1814 wurde die Kapitulation vollzogen. Die Franzosen kamen in die Gefangenschaft des englischen Komandanten. Die Stadtschlüssel übernahmen zwei Mitglieder der bokelischen nationalen _Zentralkommission_ und ein montenegrinischer Deputierter. Den Franzosen wurde die Ueberfahrt nach Italien gestattet. In der ganzen Bocca blieb kein Franzose mehr zurück. Die Bocca war somit vollständig befreit. Nach 2 Tagen verabschiedete sich der englische Kommandant Hoste vom Vladika und den Montenegrinern und fuhr aus der Bucht di Cattaro nach Lissa.

So blieb die Bocca in den Händen der Bokelen und Montenegriner und wurde von der Zentralkommission verwaltet.

Jene Zentralkommission wurde am 10. November gewählt. An diesem Tage nämlich hielten die Bokelen eine Volksversammlung ab, in der sie beschlossen, sich mit Montenegro zu vereinigen, die Oberhoheit des montenegrinischen Bischofs anzuerkennen und in ihrem eigenen Lande eine Verwaltung auf republikanischer Grundlage einzurichten. Als Vorbild diente ihnen die frühere republikanische Konstitution von Ragusa. Ragusa hatte einen Senat, welcher alle drei Jahre eines seiner Mitglieder zum Präsidenten («Prinz») wählte. Die Bokelen schufen eine Zentralkommission, die aus 18 Mitgliedern bestand, und deren Pflicht und Aufgabe es war, das Land zu verwalten.

Nachdem diese neue Ordnung der Dinge ins Leben gerufen und gefestigt worden war, wählte die Zentralkommission einen Sendboten, der eine Zirkularnote den europäischen Grossmächten übermitteln sollte. In dieser Note wurden jene Neuordnungen in der Bocca beschrieben und die Mächte gebeten, dieselbe anzuerkennen. Seitens des Vladika wurde ein besonderer Deputierter nach Petersburg und Wien zu dem gleichen Zwecke entsandt.