Französisch-slavische Kämpfe in der Bocca di Cattaro 1806-1814.
Chapter 4
Marmont liebte ein schnelles Vorgehen. Er wollte sich nicht in Zavtat (Ragusa Vecchia) von dem Feind einschliessen und aushungern lassen. Er dachte an eine neue Offensive. Noch in der Nacht zwischen dem 29. und 30. September zog er aus dem Lager mit ungefähr 6000[47] Mann aus. Eine Reserveabteilung liess er in Zavtat zurück. Mit 6000 Soldaten marschierte er nun gegen den Feind. Die Nacht war dunkel, es regnete stark. Das Vorwärtskommen der Franzosen wurde verlangsamt. Sie zogen jedoch tapfer die ganze Nacht weiter. Marmont hoffte, die Montenegriner, die am Ufer des Flusses _Liuta_ ein Nachtlager aufgeschlagen hatten, noch während der Finsternis zu überraschen. Er kam aber zu spät. Das Unwetter war schuld daran. Als es graute, war er noch eine Meile von Liuta entfernt. Seine Attacke führte Marmont sehr geschickt aus. Er sandte den Obersten _Planzone_ mit einem Bataillon voraus. Ihm sollte General Lauriston zur Unterstützung folgen. Marmont selbst rückte mit dem übrigen Heer als Reserve nach.[48]
Der Angriff war ein starker. Die montenegrinischen Vorposten wurden zurückgeworfen bis zum Lager am Flusse, wo sich der Vladika befand. Nach einem heftigen Kampf, bei welchem auch er in grosse Gefahr geriet, zogen sich die Montenegriner mit Verlust von 60 Mann auf die Höhen von _Moidesch_, _Mokrino_ und _Kameno_ zurück. General Popondopula kam den Montenegrinern zu Hilfe. Er stellte seine Truppen auf den Moidescher Bergen auf, während die Montenegriner sich von da zurückzogen, um die Schluchten zwischen Castelnuovo und Risano zu besetzen; so deckten sie den Rücken der Armee. Die Erhebungen von Mokrino und Kameno wurden jetzt noch stärker besetzt. Die Stellung des russischen Generals war nunmehr viel vorzüglicher, denn die der Franzosen. Marmont ordnete Lauriston mit zwei Bataillonen gegen diesen feindlichen Truppenteil ab. Aber beim ersten Ansturm wurde Lauriston von den Russen zurückgeschlagen. Marmont gab Lauriston sofort eine Verstärkung mit, bestehend in einem Bataillon Grenadiere unter dem Kommando von General _Launay_. Der Kampf dauerte noch sieben Stunden. Die Russen traten nach dem ausserordentlich mutigen und harten Angriffe der Franzosen den Rückzug an und gaben ihre Position auf der Höhe preis. Das taten sie aber erst nach verzweifelter Gegenwehr; mit dem Bajonett war man auf die Franzosen eingedrungen. Ungefähr 250 Mann, Russen und Bokelen, liessen ihr Leben auf dem Schlachtfeld. Die Russen nahmen ihre Richtung auf Castelnuovo und wurden von den Franzosen unermüdlich verfolgt. Diese Verfolgung ging bis zum Vorgebirge Ostro und dauerte angesichts der russischen Flotte noch fort, bis diese mit den Kartätschen die Franzosen zum Stehen brachte und den Ihrigen den Rückzug bis Castelnuovo auf diese Weise ermöglichte.
Am 1. Oktober begann Marmont einen neuen Kampf. Den General Lauriston sandte er gegen Kameno und Mokrino, wo die Bokelen und Montenegriner standen, und den General _Delzons_ gegen die Russen vor Castelnuovo, um diese herauszulocken und von der Stadt abzuschneiden. Auch befahl er, alle Bauernhäuser in der Umgebung der Stadt anzuzünden und zu verbrennen. «C'était punir la rébellion dans son foyer même»,[49] erklärt Marmont. Dabei wurde auch ein türkisches Dorf, _Schwinje_, verbrannt, weil die Bewohner des Dorfes die gefordete Hilfe den Franzosen nicht leisten wollten. Die Montenegriner bei Kameno und Mokrino warteten nicht ab bis Lauriston sich ihnen genähert hatte, sondern rückten, sobald sie seiner ansichtig wurden, mit Wut vor, sodass er sich sofort zurückziehen musste. Auf die zweite Abteilung, unter General Delzons, der «avec vigeur»[50] die Truppen führte, wie Marmont selbst bezeugt, feuerten die Geschütze von den zwei Festungen _Castelnuovo_ und _Espagnola_ und von der Flotte aus. Diesen Moment beschreibt Marmont folgendermassen (dies stimmt mit den slavischen Berichten): «Le 2 octobre, au moment où je faisais incendier les beaux faubourgs de Castelnuovo, malgré le feu de la flotte ennemie, mille à douze cents paysans[51] et quelques Russes vinrent attaquer les postes de ma gauche, les surprirent et les obligèrent à se replier.»[52] Als der linke Flügel, unter dem General Lauriston, zurückgedrängt wurde, vereinigte er sich mit dem General _Delzons_. Dieser hatte auch viel zu leiden unter dem Feuer vom Lande und Meere her. Marmont gab ihm italienische Garde zur Unterstützung bei. Der Kampf wurde von Stunde zu Stunde immer heftiger. Die Masse des Volkes aus den umliegenden Dörfern und der ganzen Bocca strömte bei dem Schauplatz des Kampfes zusammen. Die unmündigen Kinder wie die Greise eilten ins Lager ihrer kämpfenden Brüder zu Castelnuovo, um ihnen irgendwie behilflich zu sein. Der Kampf dauerte den ganzen Nachmittag. Die Montenegriner sprangen haufenweise unter die Franzosen. Furchtbare Szenen entstanden, wie man sie sich nur dort vorstellen kann, wo die Gegner wutentbrannt mit Dolch und Revolver gegeneinander losstürmen. Zuletzt wurden die Franzosen bis in ihr Lager in _Sutorina_ zurückgedrängt. Es war schon tiefe Nacht, als die letzten Schüsse fielen.
Um die Morgendämmerung des 3. Oktober erschallten die Rufe der montenegrinischen Wachen aus der Nähe von Sutorina: «Wer ein Held ist, auf! Der Franzose flieht!»[53] Die Franzosen waren schon weg. In der Nacht befahl Marmont den Rückzug nach Zavtat. Er sah wohl ein, dass es ganz sinnlos wäre, sich auch weiter in einen Kampf gegen die befestigten Slaven in Castelnuovo einzulassen. Er konnte nicht gegen Castelnuovo vorgehen, ohne ins Kreuzfeuer der Festungen auf dem Lande und der Flotte auf dem Wasser zu geraten. Denn nur von einer Seite, und zwar von dieser gefährlichen aus, konnte man von Sutorina nach Novi marschieren. Ein Umgehen war ausgeschlossen wegen der steilen Berge, die über die Stadt herniederhängen.
Als der Ruf der Wachen in Castelnuovo gehört wurde, stürmten die Montenegriner mit ihrem Vladika den Franzosen nach. In zwei Stunden wurden diese eingeholt. Da sich Marmont nicht in den Kampf einlassen wollte, beschleunigte er bloss seinen Wegzug. Unterdessen kamen auch russische Jäger und verfolgten im Verein mit den Montenegrinern Marmont aufs härteste. Viele Tote und Verwundete blieben auf den Strassen liegen. Die Feuerschüsse richteten unter den Franzosen grossen Schaden an. Endlich erreichten sie Zavtat, wo sie sich verschanzten, und die Montenegriner kehrten mit Beute beladen zurück.[54] Der Bericht, den uns Marmont von diesem Rückzug hinterlassen hat, lautet ganz anders. Er schreibt: «J'avais atteint mon but et montré à ces peuples barbares ma superiorité sur les Russes (nämlich im Kampfe bei Castelnuovo). Je me retirai le 3, en plein jour, à la vue de l'ennemi. Rentré à Raguse-Vieux, mes troupes reprirent le camp qu'elles avaient quitté cinq jours auparavant. La terreur des ennemis était telle, que pas un paysan n'osa me suivre.» (!)[55] Wenn wir alle russischen und serbischen Berichte von dem Kampf bei Castelnuovo und vom Rückzug der Franzosen von Sutorina nach Zavtat auf ihre gemeinsamen Züge hin untersuchen und wir bloss diesen Bericht Marmonts in Betracht ziehen, so muss uns manches ganz auffallend vorkommen. Sollte Marmont bei Castelnuovo das slavische Heer besiegt haben, so bleibt sein eiliger Rückzug nach Zavtat ganz unerklärlich, da jener Ort 17 km von dem Kampfplatz entfernt war. Wenn er wirklich gesiegt hätte, und wenn «la terreur des ennemis» so furchtbar gross gewesen wäre, so ist es das grösste Geheimnis für uns, wenn er diese «entsetzten Bauern» nicht weiterverfolgen wollte. Sein Ziel war doch, Castelnuovo und Cattaro zu bezwingen oder wenigstens das Land zu besetzen. Nichts von dem hatte er erreicht. Wozu dann unverrichteter Sache ein Rückzug? An einem anderen Ort, wo er das Ergebnis des Kampfes bei Castelnuovo in Erwägung zieht, sagt Marmont: «Ainsi l'ennemi, qui comptait mettre à feu et à sang Raguse et la Dalmatie, n'avait pas pu défendre son territoire et ses propres foyers.»[56] War dem so, so stand dem General nichts im Wege, dieses Territorium in seiner Gewalt zu behalten. Castelnuovo ist der stärkste Punkt in der ganzen Bocca. Wer diesen Ort besetzt hat, der ist der Herr des Landes. Wenn dieser Punkt also von den Slaven nicht verteidigt werden konnte, wie der General es behauptet, so hätte er Castelnuovo besetzen können. Er unterliess dies aber gänzlich und zog weiter nach Zavtat zurück. Er verliess natürlich auch alle anderen befestigten Posten, die er selbst bauen lassen oder den Slaven weggenommen hatte, wie Molonta, Liuta, Ostro, Sutorina, Kameno und Mokrino. Jedermann, der seinen Bericht mit mehr Aufmerksamkeit und Erwägung liest, wenn er auch den Boden, um welchen es sich hier handelt, nicht kennt, muss vor einem unerklärlichen Rätsel stehen. Und jedermann der diese Landschaften kennt und die anderweitigen Berichte denen Marmonts kritisch gegenüberstellt, muss daraus schliessen, dass die Franzosen bei Castelnuovo geschlagen worden sind und deswegen sich schnell bis nach Zavtat zurückzogen, verfolgt von den Bokelen, Russen und Montenegrinern.
Nach dem Kampfe erliess Senjavin eine Proklamation an die Bokelen und Montenegriner, aus welcher wir nur den folgenden Auszug hier mitteilen: «Soldaten, ihr habt nicht bloss grossen Heldenmut und grosse Tapferkeit gezeigt, sondern auch allen Befehlen gebührend Folge geleistet und euch überhaupt in allem lobenswert betragen. Die Kühnheit des Feindes, der unser Land zu bekämpfen wagte, ist gestraft worden. Wegen eurer Ausdauer war der Feind erstaunt, der so viel Leute verloren hat, dass er sobald keine neuen Kräfte sammeln und einen neuen Kampf wird wagen können. Indem ich euch als Sieger begrüsse, danke ich euch, dass ihr die Gefangenen gut behandelt habt, und wünsche, dass die Menschlichkeit auch späterhin nicht verletzt wird ... etc.»[57]
Dieses Dokument ist das beste Zeugnis von dem Ausgange des Kampfes bei Castelnuovo.
10. Die Bocca während des Waffenstillstandes. Okkupation der Inseln.
Castelnuovo war und blieb das Hauptlager des slavischen Heeres. Marmont hatte zwei Standorte: Zavtat und Ragusa. Nach dem Kampfe bei Castelnuovo trat in beiden Lagern, im slavischen wie im französischen, eine Zeit der Orientierung nach innen und aussen ein. Die Ereignisse im fernen Norden blieben auch jetzt, wie übrigens während dieser ganzen Zeitepoche, nicht ohne Widerhall. Zwei Fragen waren für Bocca und für beide gegeneinanderstehenden Armeen von wesentlicher Bedeutung. Die eine lautete: Wird wohl Russland nun nach dem Scheitern von Oubrils Vertrag mit Frankreich, oder eher umgekehrt, einen neuen Krieg beginnen? Die andere war: Wird es Frankreich gelingen, das Bündnis der Türkei mit Russland zu sprengen oder nicht? Sollte die Türkei der Verbündete Frankreichs werden, und sollten Feindschaften zwischen derselben und Russland ausbrechen, so wäre die Lage der Russen in der Adria sehr erschwert worden. Senjavin liess noch 6 Kompagnien Jäger von Korfu nach der Bocca kommen. Anfangs Dezember lief Senjavin aus der Bucht aus und fuhr nach den dalmatischen Inseln, um dieselben zu besetzen. Für die militärischen Zwecke waren diese Inseln von grosser Wichtigkeit. Die Insel _Corzola_ war für die kleinen französischen Schiffe ein geeigneter Zufluchtsort.[58] Am 9. Dezember gelangte Senjavin mit seiner Flotte vor die Stadt und Festung Corzola. Er hatte zwei Bataillone Jäger und 150 Mann ausgewählt, Montenegriner und Bokelen. Die Franzosen unter dem General _Orfengo_ waren in sehr günstiger Lage gegen jeden Angriff. Sie hatten eine sehr starke Schanze bei dem Kloster _Hl. Vlachho_, 14 Geschütze, viel Munition und waren ihrer 500 Mann. «C'était un poste dans lequel un homme de coeur pouvait tenir au moins pendent quinze jours devant toutes les forees ennemies.»[59] So charakterisiert Marmont die Lage, in welcher sich diese französische Besatzung befand. Und doch gelang es Senjavin, bereits am 10. Dezember, nach kurzem und heftigem Gefecht, auszuschiffen; am 11. nahm er die Schanze ein und nahm alle am Leben gebliebenen Soldaten mit dem General _Orfengo_ selbst gefangen. Sechs französische Offiziere und 150 Soldaten fielen im Kampfe. Die Russen mit den Montenegrinern verloren etwa 30 Mann und hatten zirka 80 Verwundete. Von den Montenegrinern zeichneten sich durch bewundernswerte Furchtlosigkeit und Tapferkeit die Brüder des Vladika, _Savo Petrovic_ und _Stanko Petrovic_ aus.[60]
Sofort nach der Einnahme Corzolas griff Senjavin _Brazza_, eine andere benachbarte Insel, an. Die Franzosen leisteten dort nicht viel Widerstand. Es gab dort keine Festung und keine Redoute; hier war General Marmont selbst. Weil die Garnison zu klein und zu schwach war, wollte er sich in keinen Kampf einlassen, sondern zog nach Spalato zurück. Die Russen aber nahmen 83 Mann gefangen, darunter 3 Offiziere.
Die benachbarte Insel _Lesina_ war sehr gut befestigt. Man dachte hier, dass nach Brazza nun Lesina an der Reihe sein werde, und darum bereitete man sich möglichst schnell und gut zum Kampfe vor. Es kam aber anders. Der russische General erhielt aus Korfu ganz beunruhigende Nachrichten. Man meldete, _Ali-Pascha_ von Janina sei bereit, die Ionischen Inseln anzugreifen. Diese Nachricht bewog den Admiral, sofort seine Eroberungen auf den Inseln preiszugeben und nach Süden in See zu gehen. Er kam mit dem Heer zuerst nach Cattaro.[61] Und von da aus fuhr er weiter nach Korfu. In der Bucht blieb der Kapitän _Baratinski_ mit drei Kreuzern zurück. Sankovski war Zivilverwalter der Bocca, und der Vladika versprach, Cattaro vom Lande aus zu verteidigen.
Nach seinem Rückzug nach Zavtat, blieb Marmont nicht lange in diesem Ort, sondern ging nach Ragusa. Vorläufig gab er den Gedanken, die Bocca zu erobern, auf, oder richtiger ausgedrückt: Jetzt traf er alle möglichen Massregeln und Vorbereitungen, um die Stadt Ragusa als den Ausgangspunkt für jene Eroberung zu befestigen. Napoleon selbst machte grosse Pläne in bezug auf diese Stadt, Marmont sagt darüber folgendes: «L'Empereur avait sur Raguse les projets les plus étendus: cette ville devait devenir notre grande place maritime dans les mers de l'Orient, et être disposée pour satisfaire aux besoins d'une nombreuse escadre, qui y aurait habituellement stationnné.»[62] Prinz Eugen schrieb an Marmont am 8. September 1806: «Sa Majesté espère que vous aurez pu profiter du temps pour vous organiser, armer et fortifier Raguse. C'est un point très important dans les circonstances actuelles, puisque l'on croit que la Russie va déclarer la guerre à la Porte et marcher sur Constantinople.» (Marmonts Mem. X, p. 80.) Darum gab sich Marmont alle Mühe, Ragusa in gehörigen Verteidigungszustand zu setzen. Die zwei Bergfestungen über der Stadt wurden verbessert und neu ausgerüstet. Das gleiche tat der General mit den kleinen Inseln in der Nähe der Stadt. Und schliesslich gab er dem General Lauriston viele Instruktionen, überliess ihm 4500 Mann und reiste am 1. November nach Spalato ab.[63] Diese Zahl war zu gering. Daher ist es kein Wunder, dass die Franzosen keinen Angriff in Abwesenheit Senjavins auf die Bocca zu unternehmen wagten.
Am 11. Oktober schrieb _Sebastiani_ aus Konstantinopel an Marmont: «Une rupture paraît inévitable entre la Russie et la Sublime Porté.»[64] Am 30. Dezember war dieser Bruch vollzogen. Die Türkei erklärte Russland den Krieg. Und am 29. Januar 1807 bekam Marmont eine Instruktion aus Napoleons Lager bei _Warschau_ von dem General-Major, in der es hiess: «L'Empereur est aujourd'hui ami sincère de la Turquie, et ne désire que lui faire du bien; conduisez-vous donc en conséquence.» Und am Tage vorher schrieb Sebastiani noch deutlicher, wie Marmont die Türken unterstützen sollte: Ali-Pascha ... manque de boulets du calibre de douze et de seize, ainsi que de poudre. Je vous prie en grâce de faire tous vos efforts pour lui en envoyer le plus que vous pourrez, soit par terre, soit par mer, et même, s'il est possible, de lui expédier quelques officiers d'artillerie.»[65] Und am 30. März schrieb derselbe: «Les paclias de Bosnie et de Scutari ont reçu ordre de vous seconder de tous leurs moyens, et même de se réunir à vous pour combattre les Monténégrins et Cattaro.»[66]—-Wir haben diese Briefauszüge angeführt, um zu zeigen, wie die Verbindung zwischen den Franzosen und den Türken sich so schnell festigte, dass sie ein gemeinsames Vorgehen auf allen Punkten bewirken konnten und wie die den Türken von General Marmont zuteilgewordene Unterstützung gegen die Montenegriner und Russen zu erklären sei.
General Marmont half den Türken in der Tat aus allen Kräften im Kampfe gegen die Slaven. Das geschah im Monat Mai. Die Serben aus der Herzegovina wendeten sich an den Vladika mit der Bitte um Unterstützung gegen die Gewalttaten der Türken, von denen sie seit Beginn des russisch-türkischen Krieges ganz unmenschlich und grausam behandelt wurden. Der Vladika erklärte sich sofort bereit, ihnen seine Hilfe gegen die Tyrannei angedeihen zu lassen. Er besprach die Sache mit Sankovski. Dieser sagte, dass er direkten Befehl von seiner Regierung habe, den Slaven nach Möglichkeit beizustehen. Er gestattete also, dass die russischen Truppen mit den Montenegrinern gegen die Türken in der Herzegovina ziehen sollten und gab demgemäss sofort den Heerführern in Risano und Castelnuovo Instruktionen. Der grösste Teil der russischen Armee in der Bocca zog nach der Herzegovina, in zwei Richtungen, auf _Trebinje_ und _Onogoschte_ zu. Die Montenegriner vereinigten sich unterwegs mit den Russen. Alles war im besten Gang. Die genannten Ortschaften wurden belagert, die türkischen Häuser in der Umgebung stark beschädigt. Nun aber brach ein Zwist unter den russischen Befehlshabern aus, der diese ganze Expedition zum Scheitern brachte. Die Armee kehrte unverrichteter Sache heim.
Der Valdika aber wollte die Sache nicht ruhen lassen. Die Klagen gegen die türkische Gewalttätigkeit häuften sich von Tag zu Tag immer mehr. Er suchte Kriegsmittel und versammelte das Heer. Am 30. Mai überschritt er die herzegovinische Grenze mit 3000 Montenegrinern und 400 Russen und griff die Stadt _Klobuk_ an.[67] Hier gab es eine starke Festung, welche nicht leicht zu erobern war. Die Türken verteidigten sich in jenem Bollwerk. Sie, hätten sich endlich doch den Angreifern ergeben müssen, wären im entscheidenden Augenblicke die Franzosen ihnen nicht zu Hilfe gekommen. Marmont stand mit dem Pascha von Trebinje, _Suliman_, auf sehr freundschaftlichem Fusse. Den frühern Pascha von Trebinje hatte der französische General abgesetzt, weil er eine den Franzosen feindliche Gesinnung hegte. Der neue Pascha wurde von Marmont eingesetzt. Dieser sandte den General Launay dem Suliman-Pascha gegen die Slaven zu Hilfe. Launay nahm 1000 Soldaten mit und sammelte unterwegs bis nach Klobuk hin noch 2000 Türken. Diese Schar fiel den Slaven in den Rücken. Diese fanden sich nun zwischen zwei Feuern. Die russische Abteilung geriet in eine solche Enge, dass sie sich ganz ergeben musste. Die Montenegriner zogen nach heftigem Kampfe und bedeutenden Verlusten zurück.
Zur Ehre des Generals Launay soll hier eine Tat seiner Menschlichkeit und seines Edelmutes erwähnt werden. Als nämlich die Türken alle russischen Gefangenen enthaupten wollten, trat er für diese ein und suchte dieses barbarische Vorgehen seiner Verbündeten zu vereiteln. Vergeblich aber waren alle seine freundschaftlichen Mahnungen, vergeblich auch seine Drohungen. Er griff daher zu einem absonderlichen, doch höchst vorteilhaften Mittel. Er kaufte die Gefangenen los und zahlte einen Louisdor für den Kopf. Bald darauf bereuten es die Verkäufer, und sie wollten dem General das genommene Geld zurückgeben, damit ihnen der grosse Genuss des Blutbades nicht verloren gehe.[68]
Ausser den Kämpfen in der Herzegovina gegen die Slaven im Vereine mit den Türken hatte Marmont einige kleinere Gefechte mit Senjavin an der Küste Mittel-Dalmatiens, bei Spalato und _Poliza_, die aber zu seinem Nachteile entschieden wurden. In die Beschreibung dieser Kämpfe wollen wir uns hier nicht näher einlassen, da dieselben in einen andern Zusammenhang gehören. Denn unser unmittelbare Zweck ist, das Schicksal der Bocca zu verfolgen und nur die Ereignisse zu berühren, die dieses Schicksal bestimmt haben, und ferner zu zeigen, wie dieses kleine, arme und doch höchst romantische Land auf die politische Situation Europas einen nicht geringen Einfluss ausübte.
11. Uebergabe der Bocca nach dem Tilsiter Frieden.
In der Bocca herrschte bereits einige Monate Ruhe. Die Festungen bei Castelnuovo und Cattaro wurden natürlich stets bewacht. Der grösste Teil der russischen Truppen mit einer kleinen Zahl von Bokelen und Bergleuten verliess das militärische Lager, zog heim und ging seiner gewohnten täglichen Beschäftigung nach. Dann und wann wurden sie bald hier- bald dorthin zum Kampfe gerufen, wie wir bereits gesehen haben. In der Bocca selbst gab es seit dem Kampfe bei Castelnuovo keine Schlacht mehr. Kleinere Gefechte und Scharmützel mit den Franzosen wie mit den benachbarten Türken, die seit ihrer Verbrüderung mit den ersteren noch lästiger und aufdringlicher geworden waren, hörten nie auf.
Die Ereignisse in Nordeuropa lenkten wiederum die Aufmerksamkeit der Bokelen auf sich. Preussens Macht war vernichtet, der Krieg zwischen Frankreich und Russland in vollem Gange. Das Glück neigte bald auf diese, bald auf jene Seite. Die Heere Russlands waren zersplittert; es kämpfte im Süden gegen die Türkei und im Nordwesten gegen Napoleon. England unterstützte seine Bundesgenossen nur durch eine Flottendemonstration vor Konstantinopel. Es wagte aber keine militärische Hilfe Russland gegen den Welteroberer zu gewähren. Oesterreichs Haltung war schwankend. Dieser Staat war durch die bestandenen Kriege vollständig erschöpft. Darum konnte man es mit einem erschreckten Kinde vergleichen, das auch den kleinsten Schlag fürchtet, von welcher Seite immer derselbe kommen mag. Oesterreich wagte weder mit Russland noch mit Frankreich zu halten. Es bekundete aber seine Sympathie sowohl dem einen wie dem andern Staate. Im Herbst des Jahres 1806 schrieb Prinz Eugen an General Marmont: «Du reste, la France est dans la meilleure union avec l'Autriche; on ne prévoit aucune expédition contre la Dalmatie.»[69] Und im Januar 1807 schrieb an denselben der General-Major aus dem Hauptlager zu Warschau: «Jusqu'à cette heure nous paraissons toujours assez bien avec l'Autriche, qui paraît comprendre qu'elle a beaucoup à gagner avec la France et à perdre avec les Russes. Les Autrichiens craignent les Français, mais ils craignent aussi les Russes. Il paraît qu'ils out vu de mauvais oeil l'envahissement de la Valachie et de la Moldavie.»[70]
Die Schlacht bei _Friedland_ (14. Juni) entschied endlich alles. Die Russen unterlagen und nach einigen Tagen kam der Friede zustande. Schon am 8. Juli schrieb der General-Major an Marmont: «Je vous expédie un courrier-général, pour vous faire connaître que la paix est faite entre la France et la Russie, et que cette dernière puissance va remettre en notre pouvoir Cattaro.»[71]